8

»Okay, okay, Ruhe bitte.«

Obwohl nur acht Personen im Besprechungszimmer waren, herrschte vor Aufregung eine Lautstärke, als wären es doppelt so viele. Die Gespräche verklangen langsam, als Brogan zum abendlichen Meeting ansetzte. Mulcahy saß auf einem Tisch hinter den erregten Polizisten und fühlte sich mehr denn je wie ein Außenseiter. Das Team hatte sich den ganzen Tag auf der Straße den Arsch aufgerissen und sprühte jetzt nur so vor Begeisterung, weil ihre gute Arbeit am Ende zu einem Ergebnis führen würde. Das war das beste Gefühl, das ein anständiger Polizist haben konnte, und er hoffte und betete, dass sie es zu Recht hatten. Denn er hatte Murtagh vor dem Meeting wegen der Stelle im Süden angerufen. Er war gleich zur Sache gekommen, hatte zwar nichts zu Dowlings Abschied gesagt, sein Interesse aber deutlich zu erkennen gegeben. Und, Halleluja, Murtagh hatte sich ähnlich geäußert und im Prinzip gesagt, er hoffe, dass Mulcahy sich auf die Stelle bewerbe, sobald sie frei würde, weil sie dann schnell wieder besetzt werden müsste. Im Klartext: Mulcahy bekam sie, allerdings nur, wenn er sie sofort antreten konnte. Der Gedanke beschäftigte Mulcahy während des ganzen Meetings. Zwischendurch überlegte er noch, wie er dem Makler Dampf machen konnte. Ohne das Haus wäre alles viel einfacher.

»Wie ich schon sagte«, fuhr Brogan fort, »sieht es so aus, als hätten wir das große Los gezogen, aber solange wir die Ergebnisse der Untersuchungen aus Scullys Lieferwagen und seiner Kleidung vom Labor nicht haben, sind uns die Hände gebunden. Fürs Erste schadet es nichts, wenn wir Scully über Nacht in Blackrock in der Zelle schmoren lassen – und dank Inspector Mulcahys Kontakten zur Drogenfahndung ist das auch kein Problem.«

Mulcahy nickte Brogan kurz zu.

»Sie wollten noch etwas vorbringen, richtig, Mike? Irgendetwas über Geraghtys Entdeckungen, über die wir Ihrer Ansicht nach reden sollten.«

»Ja, da ist noch etwas.« Er blickte in die Gesichter, die sich ihm erwartungsvoll zugewandt hatten. »Es hat mit Jesicas Kreuz und der Kette zu tun.«

Irgendjemand im Zimmer grummelte leise. »Oje, jetzt geht das wieder los.« Wahrscheinlich Cassidy, doch Mulcahy kümmerte sich nicht darum.

»Wenn das Kreuz im Lieferwagen gewesen wäre, hätten Sie es doch sicher erwähnt«, sagte Mulcahy lächelnd.

»Da Scully in diesem Fall als Täter praktisch überführt gewesen wäre, hätten Sie es sicher erfahren«, erwiderte Brogan.

»Also, als Geraghty sagte, er hätte in den Abstrichen Goldreste gefunden, war mein erster Gedanke, dass sie von Jesicas Kreuz oder der Kette stammen müssten, die ihr, wie wir wissen, beim Überfall abgerissen wurden. Er sagte aber auch, dass die Metallspuren von billigem Blattgold stammten.«

»Und?«

»Na ja, Jesicas Schmuck ist auf keinen Fall billig«, sagte Mulcahy achselzuckend.

»Wieso sind Sie sich da so sicher?«, unterbrach Cassidy ihn. »Wo wir das Kreuz doch gar nicht haben, was Sie uns ja immer wieder unter die Nase reiben.«

»Es kann nicht billig sein. Nicht in dieser Familie. Die sind sehr reich.«

»Vielleicht hat sie es sich selbst gekauft«, sagte Maura McHugh. »Sie wissen doch, wie Mädchen in diesem Alter sind. Vielleicht hing sie auch daran, weil sie es von einem Freund bekommen hat oder so was.«

»Ich hatte den Eindruck, dass es ihr extrem wichtig war.«

»Hören Sie, welche Rolle spielt es, woher das Gold stammt?«, protestierte Brogan und sah auf die Uhr. »Worauf wollen Sie hinaus, Mike?«

Wie ein Ausschlag breitete sich Ungeduld auf Brogans Gesicht aus, während Mulcahy von seiner mittäglichen Begegnung mit den Priestern im Pub und der Eingebung erzählte, die ihm beim Anblick der alten Kreuze und Jesicas Verbrennungen gekommen war. Als er erzählte, wie er die Fotos noch einmal durchgesehen hatte, um seinen Verdacht zu erhärten, fingen auch ein paar andere an, auf ihren Stühlen herumzurutschen. Einen Moment lang kam ihm der Verdacht, dass die Drinks, die er mit Ford getrunken hatte, ihm zu Kopf gestiegen waren und er sich das alles nur eingebildet hatte. Diesen Gedanken schob er jedoch sofort wieder beiseite.

»Ich habe mich daher gefragt, ob das Ganze nicht eine religiöse Komponente hat, die wir bisher nicht richtig in Betracht gezogen haben. Oder sogar, ob das Hauptmotiv des Angreifers womöglich gar nicht sexueller Natur war.«

»Ach, verdammte Scheiße!« Ganz hinten aus der Gruppe. Cassidy hatte eindeutig genug gehört, und er würde mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten. Er musterte Mulcahy mit vorgeschobenem Kinn. Alle glotzten ihn an, warteten gespannt auf seine nächsten Worte.

Doch Brogan ging dazwischen. »Wie schon gesagt, Inspector, mir ist klar, dass Sie neu in diesem Bereich sind.« Sie starrte Mulcahy unverwandt an, als wollte sie sagen, dass ihre unermessliche Geduld auch einmal zu Ende ginge. »Und dass Sie in den letzten Tagen viel Zeit hatten. Das Entscheidende heute Abend ist jedoch, dass wir einen Verdächtigen in Gewahrsam genommen haben und versuchen, die Anklage gegen ihn vorzubereiten – wir wollen unsere bisherigen Ergebnisse nicht demontieren und noch einmal von vorne anfangen. Und in diesem Fall geht es um schwere Vergewaltigung, denn genau das hat die kleine Jesica erlebt.«

»Ich will hier nichts demontieren«, erwiderte Mulcahy. »Ich habe nicht einmal angedeutet, dass Scully nicht der Täter wäre. Ich wollte nur sagen, dass es besser wäre, alle Fakten zu kennen, wenn Sie morgen in den Vernehmungsraum gehen, und nicht nur die Hälfte.«

»Und was genau habe ich übersehen?«, fragte Brogan.

»Na ja, zum ersten haben wir noch kein Motiv.«

Jetzt reichte es Cassidy. Er schob den Stuhl so ruppig zurück, dass die Metallbeine laut kratzten, stand auf und prustete Mulcahy entgegen: »Was wollen Sie denn noch für ein Motiv? Er hat seinen Spaß nicht gekriegt, also ist er zurückgekommen und hat sich geholt, was er wollte, und wo er gerade dabei war, hat er dem Mädel gleich noch eine Lektion erteilt.«

»Und Sie glauben wirklich, das wäre ein ausreichendes Motiv für einen der brutalsten Überfälle, von dem wir alle hier bisher gehört haben?«, fragte Mulcahy. »Ein Überfall, den Sie selbst, bevor Sie sich auf Scully eingeschossen haben, alle für vorsätzlich und sorgfältig geplant hielten?«

Cassidy hatte darauf keine Antwort, die brauchte er allerdings auch nicht, weil Brogan sofort dazwischenging.

»Schluss jetzt, Andy. Und setz dich hin.«

Sie musterte ihre Handrücken, bis Cassidy sich, leise vor sich hin fluchend, wieder gesetzt hatte.

»Okay, Inspector«, fuhr Brogan fort, »da mag durchaus etwas dran sein. Aber denken Sie daran, bloß weil Scully Jesica in einem Club aufgerissen hat, bedeutet das nicht, dass er den Überfall nicht bis ins Detail geplant haben kann – mit Ausnahme der Wahl seines Opfers. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass wir uns erst einmal damit auseinandersetzen müssen, was Scully getan hat. Ich hoffe nur, dass ich bald die Ergebnisse von der Spurensicherung bekomme und ihn damit festnageln kann. Über das Warum und Weshalb können wir uns dann später unterhalten. Also … an die Arbeit.«

Doch Mulcahy konnte die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen. »Ich meine nur, dass Sie bei der Suche nach einem passenden Motiv vielleicht ein bizarres religiöses Element mit in Betracht ziehen sollten. Schließlich hat sie den Angreifer als Priester beschrieben.«

Darauf ertönte ein weiteres Schnauben auf der anderen Zimmerseite. Cassidy war wieder aufgesprungen, dieses Mal stand er mit weit ausgebreiteten Armen vor dem Publikum, das sich ihm schon erwartungsvoll zuwandte. »Ah, Leute«, höhnte er. »Wie sollte es auch anders sein. Erst hatten wir den General, dann den Mönch, die Viper, den Psycho und was weiß ich was noch alles. Jetzt kommt der Priester. Der Priester, verdammt noch eins – als ob wir von solchen Typen in den letzten Jahren nicht schon genug gehabt hätten. Über den drehen sie dann ja vielleicht auch einen Film, so dass er berühmt wird wie Martin Cahill. Der Inspector hat uns ja auch schon darauf aufmerksam gemacht, dass Scully ein bisschen wie Brad Pitt aussieht.«

Alle außer Mulcahy und Brogan lachten. Brogan forderte Cassidy auf, den Mund zu halten. Eine letzte Spitze konnte er sich jedoch nicht verkneifen:

»Und was ist mit Ihnen, Inspector Mulcahy? Sie sehen Ihren Namen doch bestimmt auch schon in großer Neonschrift? Wer soll Sie spielen? George Clooney?«

Mulcahys ganzer Körper kribbelte vor Wut über Cassidy, Brogan und die ganze Bagage, als er mit gesenktem Kopf über den Parkplatz ging, so dass der Ruf durch den Panzer seiner Selbstbefangenheit nicht zu ihm durchdrang.

»Hey, Mulcahy.«

Lauter. Jetzt hörte er sie.

Er drehte sich überrascht um. Sie lehnte in einer Parkbucht vor dem Tor an einem kleinen, roten Cabrio und sah mit ihrer großen Sonnenbrille, dem weißen Baumwolloberteil, schwarzer Jeans und hohen Absätzen aus wie aus einer Werbung.

»Siobhan? Was, um Himmels willen, machen Sie hier?«

Sie verschränkte die Arme und sah ihn finster an. »Das ist ja mal ein netter Empfang. Da quält man sich durch die halbe Stadt hierher, um Sie zu sehen, und so wird man dann begrüßt.«

Mit der Sonnenbrille, die die blauen Augen verdeckte, war sie undurchschaubarer denn je.

»Tut mir leid, ich hatte, äh … Ich hatte nicht damit gerechnet …«

»Warum hätten Sie das auch tun sollen?«

Sie lächelte ihm breit zu. Sie war nicht verärgert. Eigentlich nicht. Menschen irgendwo zu überraschen war Teil ihres Lebens, dachte er, und da war sie vermutlich weitaus schlimmere Reaktionen gewöhnt. Sie stieß sich mit der Hüfte vom Wagen ab und schlenderte mit leicht katzenhaften Schritten auf ihn zu.

»Dann wurden Sie wohl in eine andere Abteilung versetzt, was?«

Seine Augen verengten sich. »Nein, wurde ich nicht. Aber jetzt, wo Sie es erwähnen, woher wussten Sie, dass ich hier bin?«

Sie strahlte ihn noch freundlicher an. »Gott, dass ihr Cops aber auch immer so verdammt misstrauisch sein müsst. Das ist schließlich mein Job, oder? Irgendwas in Erfahrung zu bringen, meine ich.«

»Schon möglich«, sagte er und nickte. »Das ist aber keine Antwort auf meine Frage. Wie haben Sie es herausbekommen?«

»Ach, nun kommen Sie. Sie sollten wissen, dass Journalisten ihre Quellen nicht verraten.«

Eine Quelle? Er dachte an das, was Ford über eine Frau erzählt hatte, die wissen wollte, wo er war. Das konspirative Kichern. Liam musste wohl doch etwas auskunftsfreudiger gewesen sein, als er behauptet hatte.

»Man sollte glauben, Sie freuen sich gar nicht, mich zu sehen.« Sie zog keine Schnute, allerdings schwang ein gewisses Schmollen in ihren Worten mit. Dann schob sie die Sonnenbrille hoch, und er spürte, wie das Blau ihrer Augen ihn traf.

»Nein, es ist bloß …«

Sie stand jetzt so nah vor ihm, dass er den Arm hätte ausstrecken, sie heranziehen und auf den Mund hätte küssen können. Sie lachte und trat einen halben Schritt zurück, als hätte sie seine Gedanken gelesen oder gespürt. Er warf einen kurzen Blick zurück aufs Gebäude hinter sich und holte tief Luft, um sich aus ihrem Bann zu befreien. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, war das geschehen.

»Schön, Sie zu sehen«, sagte er. »Der Abend letztens hat mir gefallen.«

»Mir auch«, sagte sie. »Ich hab Ihre Nachricht auf meiner Mailbox gehört und dachte mir, vielleicht haben Sie ja Lust, einen Happen essen zu gehen. Es ist ein so schöner Abend. Wir könnten einfach in die Berge fahren und ins Johnny Fox oder ins Blue Light gehen. Die Straßen sind nicht zu voll, also sind wir in einer halben Stunde da und können uns den Sonnenuntergang ansehen. Was halten Sie davon?«

»Ich finde das sehr spontan von Ihnen.« Er lächelte.

»Seien Sie sich da nicht so sicher. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich Sie aufgespürt habe.«

»Ich hoffe, das war ich wert«, sagte er lachend und entspannte sich, als er den Entschluss fasste, einfach mitzuspielen.

»Ich muss zugeben, dass es ein bisschen gewagt war.« Sie stand da und blendete ihn fast mit ihrem Lächeln. »Andererseits kann man nie wissen. Was ist, kommen Sie mit oder nicht?«

Sie wartete nicht auf die Antwort, sondern drehte sich einfach auf dem Absatz um, öffnete ihre Autotür und setzte sich auf den Fahrersitz.

Brogan saß allein oben in der Abgeschiedenheit ihres Büros im vierten Stock über ihren Schreibtisch gebeugt, bekreuzigte sich auf eine nur halb ironische Art, nahm dann den Telefonhörer ab und verfluchte Mulcahy und Cassidy. Ohne deren Machostreit hätte sie es vielleicht noch rechtzeitig nach Hause geschafft. Doch diese zusätzlichen zehn Minuten hatten alles vermasselt, weil sie dann noch einen Anruf von Dermot Rafferty von der Spurensicherung bekommen hatte, der meinte, er hoffe, schon innerhalb der nächsten Stunde ein paar vorläufige Ergebnisse aus Scullys Lieferwagen zu haben, und wenn sie so lange warten wollte … Tja, was hätte sie dazu sagen sollen? Nein, ich muss jetzt sofort nach Hause, weil mein Mann sonst seinen Penny-Poker-Abend verpasst? Yep, alles klar. Außerdem hätte sie in diesem Moment sowieso schon ein Wunder oder eine Motorradeskorte gebraucht, um rechtzeitig nach Tallaght zu kommen.

Sie wählte ihre Festnetznummer, sprach mit Aidan, und als sie den Hörer wieder auf die Gabel legte, kam sie sich vor, als wäre ihre Seele wieder einmal um einen kleinen, aber merklichen Prozentsatz zusammengeschrumpft. Er hatte weder gejammert noch geflucht oder geschrien. Wahrscheinlich hätte sie sich dann besser gefühlt. Stattdessen hatte er es wie üblich etwas mürrisch zur Kenntnis genommen und mit ein paar unwilligen, knappen Worten akzeptiert. Sie wusste genau, dass sie dafür in den nächsten Tagen mit Schweigen bestraft werden würde. Zum tausendsten Mal verfluchte sie sich, dass sie auch nur den Vorschlag gemacht hatte, er solle seinen Job an den Nagel hängen, zu Hause bleiben und den Hausmann geben. Dabei schien es damals eine so gute Idee zu sein.

Sie beäugte die Papiere auf ihrem Schreibtisch, überlegte, wie sie die Stunde Wartezeit sinnvoll nutzen könnte, als sie aus der Ferne hörte, wie ein Automotor laut aufheulte. Sie lehnte sich auf dem Stuhl nach hinten, blickte aus dem Fenster auf die Straße, wo ein rotes Cabrio rücksichtslos aus einer Parkbucht auf die Straße raste. Irgend so ein Kerl mit winzigem Pimmel von der Drogenfahndung, war ihr erster Gedanke. Der scheinbar sofort bestätigt wurde, als sie zu ihrer Überraschung Mulcahy auf dem Beifahrersitz erkannte. Doch dann sah sie ein paar dunkle, lockige Haare und eine kleine Gestalt auf dem Fahrersitz, und ihr wurde bewusst, dass eine Frau am Steuer saß. Nur den Bruchteil einer Sekunde später war Brogan aufgesprungen und drückte die Hände gegen die Scheibe, als der Wagen eine reifenzerfetzende Wende fuhr, quer über die Straße schoss und gegenüber in der Hatch Street verschwand. Sie blieb am Fenster stehen, bis sie ein Klopfen hinter sich hörte und die Tür geöffnet wurde.

»Alles klar, Chef?«

Es war Cassidy, der seine Neugier unter einer besorgten Miene versteckte.

Sie überlegte, ob sie ihm erzählen sollte, was sie gerade gesehen hatte. Verspürte durchaus Lust, den saftigen Knochen mit ihm zu teilen, den man ihr gerade zugeworfen hatte. Aber in Cassidys Händen wäre es doch nur eine stumpfe Waffe gewesen. So etwas musste man sich aufsparen, um es dann im richtigen Augenblick einzusetzen.

Sie schüttelte den Kopf. »Ja, gut. Danke, Andy. Da draußen fährt nur wieder mal irgendjemand wie ein Irrer.«

»Ja, das hab ich gehört.«

Auf wundersame Weise löste sich der dichte Feierabendverkehr vor ihnen auf. Als sie den Marlay Park hinter sich gelassen hatten und auf die Ticknock Road kamen, war er ganz verschwunden, so dass sie auf den schmalen, kurvigen Straßen, die in die Dublin Mountains hinaufführten, oft das einzige Auto waren. Es war Jahre her, seit Mulcahy hier herausgefahren war, und er war fasziniert, als er sich erinnerte, wie schnell man der Stadt entfliehen konnte. Vor nicht einmal einer halben Stunde waren sie in den Wagen gestiegen, und schon waren sie ein paar hundert Meter hoch. Zwischen den Hecken, den alten Trockenmauern und den Häusern bot sich gelegentlich eine Aussicht, die einem das Herz aufgehen ließ: auf den flachen, bebauten Stadtkessel, in rosiges Licht getaucht, das sanft aus Westen darauf fiel. Und östlich davon auf das dunkelgrüne Meer, nur durchbrochen durch die weißen Tupfen der Segelboote oder die Kielwasser der großen Schiffe, die in den Dubliner Hafen oder nach Dun Laoghaire einfuhren.

»Als ich klein war, ist mein Dad oft mit mir hier rausgefahren«, schrie er, um den Motor und den Fahrtwind zu übertönen. »Tief im Herzen war er immer ein Landei und hat jede Gelegenheit genutzt, die Stadt zu verlassen.«

Sie sah ihn an und nickte eifrig.

»Meiner auch«, sagte sie und sah dann rechtzeitig wieder nach vorne, um ein paar Gänge runterzuschalten. »Und wir mussten immer mit. Die ganze Familie. Er hat uns jeden Sonntag in den Wagen gesetzt, dann sind wir nach Pine Forest, Enniskerry, Powerscourt oder über den Sally Gap gefahren. Und im Sommer waren wir oft auf Tagesausflügen in Brittas.«

»Da waren wir auch.« Mulcahy grinste, als ihm seine halbe Kindheit im Nu durch den Kopf ging und er einen Stich im Herzen spürte und dachte, dass er viel zu lange viel zu weit weg gewesen war. »Ansonsten noch hin und wieder in Rush oder Skerries. Ich glaube aber, mein Vater hat alles nördlich der Liffey als eine Art Ausland angesehen. Eigentlich ist er da nur hingefahren, um zu arbeiten, vielleicht noch aus Neugier, allerdings nie wirklich zur Erholung. Selbst wenn es nur für ein paar Stunden war, ist er lieber nach Dalkey, Killiney oder Bray gefahren. Aber nie nach Howth oder Malahide. Ich meine sogar, ich wäre als Teenager zum ersten Mal in Howth gewesen, als ich da auf eigene Faust hingefahren bin.«

»Nort’siders – dey’re nuttin’ bu’ a buncha bleedin’ knackers«, rief sie ihm lachend in breitestem Dubliner Akzent zu, die glänzenden, roten Lippen stramm über die kleinen, strahlend weißen Zähne gespannt. Er wollte entsprechend antworten, als der Wagen einen Kamm erreichte und sie einen Ausblick vor sich hatten, der ihm den Atem verschlug. Das Gelände vor ihnen hatte sich schlagartig verwandelt: Aus grauen Felsen und Nutzwald war ein weites, braunes Plateau aus Farn und Moor geworden, das sich meilenweit in Richtung Wicklow und die eigentlichen Berge erstreckte.

»Ich finde es einfach wunderbar hier oben«, rief sie in den Wind, schaltete in den fünften Gang und trat das Gaspedal durch. Sie waren vollkommen allein auf dem grauen Band, das sich fünf bis sechs Kilometer vor ihnen zum Sally Gap erstreckte. Kein anderes Auto war zu sehen. Keine Menschenseele befand sich in der stillen, leeren Landschaft, durch die sie rasten, als die Sonne hinter ihnen immer weiter an den Rand der Welt herabsank.

Schließlich hielten sie am Blue Light oben am Hang in Sandyford am Fuß des Barnacullia. Ein uralter Pub, der bei seinem letzten Besuch vor vielleicht zwanzig Jahren noch an den Saustall erinnert hatte, der er früher tatsächlich einmal gewesen war. Inzwischen war er allerdings von Dubliner Nachtschwärmern wiederentdeckt und aufgehübscht worden, was in diesem Fall eine Verbesserung war. Besonders was das Essen betraf. In der Bar war es voll, eng und laut, aber draußen, in der warmen Abendluft, fanden sie einen Tisch, der ihnen relative Ruhe und einen wunderbaren Blick über Dublin bot, der sogar noch beeindruckender wurde, als sich die Nacht über die Stadt senkte und Millionen Lichter unten glitzerten wie eine Schale voller Diamanten.

Sie wartete, bis sie das Essen bestellt hatten, der Kellner den Wein gebracht hatte und Mulcahy ein paarmal daran genippt hatte, bevor sie das Thema ansprach.

»Und was haben Sie am Harcourt Square gemacht – falls da nicht gerade ein Außenposten der Drogenfahndung eingerichtet worden ist.«

»Ich wurde nur vorübergehend dahin abgestellt. Ich hoffe, dass ich mich in ein paar Tagen wieder meinem eigentlichen Aufgabenbereich widmen kann.«

»Und der wäre?«

»Wie meinen Sie das?«

Seit sie das Auto verlassen hatten, schien sich ihre Stimmung völlig verändert zu haben. Die sorglose Miene war einem inquisitorischen Stirnrunzeln gewichen, und er fühlte sich immer unwohler. Er wandte sich ab und blickte über die funkelnde Stadt.

»Hören Sie, Siobhan, ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, nicht mehr über die Arbeit zu reden.«

»Das hatten wir.« Sie wartete genau so lange, bis er sich wieder zu ihr umgedreht hatte. »Das war allerdings, bevor ich heute im St. Vincent’s war und Ihr Name in Verbindung mit einer Story gefallen ist, für die ich mich interessiere.«

Dass sie ihn kalt erwischt hatte, ließ sich nicht bestreiten. Er versuchte, keinerlei Reaktion zu zeigen, was ihm nicht gelang. Er sah, wie sie sich an seiner Überraschung ergötzte. Er wusste nicht, ob ihre Bemerkung einfach nur ein Schuss ins Blaue war, es klang jedoch nicht so. Am besten wäre es, das Thema ganz ruhig zu einem Abschluss zu bringen – oder vielleicht auch noch herauszubekommen, was sie wirklich wusste.

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Siobhan.«

»Ach, hören Sie auf damit, Mulcahy. Nach allem, was ich mir mühsam zusammengesammelt habe, wurde am Wochenende ein junges Mädchen vergewaltigt und misshandelt. Die Beschreibung klang absolut furchtbar. Aber aus irgendeinem seltsamen Grund krieg ich aus meinen Kontaktleuten bei der Garda so gut wie keinen Ton heraus. Und wenn, dann haben sie große Angst. Plötzlich flüstert mir dann ein Vögelchen zu, dass Mike Mulcahy an dem Fall mitarbeitet, und ich denke, Moment mal, Vergewaltigung und Drogen? Und wenn das stimmt, dann geht’s nicht um irgendwelche Kleinkriminelle, sondern um internationalen Drogenhandel, das ganz große Geschäft. Herrgott noch mal, man kann mir doch keinen Vorwurf daraus machen, dass ich da neugierig werde.«

Jetzt reichte es ihm. »Wechseln Sie das Thema, Siobhan.«

»Warum sollte ich?« Ein Hauch von Empörung schwang in ihrer Stimme mit, als wäre nicht sie diejenige, die gerade aus der Rolle fiel.

»Weil nicht die leiseste Chance besteht, dass ich auch nur ein Wort darüber sage. Hören Sie, ich habe das, was ich auf der Mailbox hinterlassen habe, genau so gemeint. Ich wollte Sie wiedersehen und habe gehofft, dass es Ihnen genauso geht. Wenn ich mich geirrt habe, tut es mir leid. Ich bin ein Idiot, okay? Dann brauchen wir die Sache aber nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Wir beenden das Ganze, und ich rufe mir ein Taxi.«

Sie schien einen Moment lang darüber nachzudenken, dann sah er, wie die Anspannung aus ihrem Körper wich und sie sich zu ihm herüberbeugte.

»Ach, kommen Sie. Sie wissen doch ganz genau, dass ich nicht deshalb mit Ihnen hier rausgefahren bin. Ich hab mich wirklich über Ihre Nachricht gefreut. Und auch auf das Wiedersehen. Aber dann ist Ihr Name heute aufgetaucht, und, na ja, da musste ich diese Fragen einfach stellen.«

»Schon möglich. Trotzdem mussten Sie mich nicht so in einen Hinterhalt locken, oder?«

Jetzt schien sie sich wirklich zu ärgern.

»Das hatte ich nicht vor. Also, wenn es mir nur darum gegangen wäre, hätte ich Sie damit überfallen können, als Sie aus dem Präsidium gekommen sind. Wahrscheinlich hätte ich das auch tun sollen, da sahen Sie nämlich aus, als schwebten Sie in ganz anderen Sphären. Da hätte ich vermutlich eine größere Chance gehabt, Ihnen eine Antwort zu entlocken. Aber das hab ich nicht getan.«

Er musste lachen. »Okay, da könnte was dran sein. Nur eins noch: Wenn es möglich wäre, würde ich Ihnen helfen. Ich bin jedoch absolut die falsche Person.«

»Und mit wem sollte ich sonst sprechen?«

»Haben Sie es mal bei der Pressestelle der Garda probiert?«

»Sehr witzig. Sie wissen ganz genau, dass die nur Pressemeldungen vorlesen und Statistiken herunterrasseln.«

»Tut mir leid, das ist das Einzige, was ich tun kann. Es wird auch das Einzige bleiben, was ich in der Beziehung je tun kann.«

Sie lächelte ihm zu, als mache ihr die Unterstellung nichts aus.

»Gut, dann werde ich versuchen, das Thema nicht wieder aufs Tapet zu bringen. Heißt das, Sie bleiben zum Essen hier?«

»Das wäre mir recht«, sagte er und entspannte sich langsam wieder.

»Mir auch.« Sie lächelte. »Aber erzählen Sie mir wenigstens, was zum Teufel Sie jetzt tun? Oder ist das auch so ein Staatsgeheimnis?«

»Ich wollte nichts verheimlichen. Es ist bloß so, dass es ziemlich kompliziert ist – absolute Scheiße, wenn Sie es genau wissen wollen. Und da sind auch ein paar Dinge, na ja, um ehrlich zu sein, sind das die Dinge, darüber spricht man nicht bei einem ersten … äh …«

»Date?«, warf Siobhan hilfsbereit ein.

»Yep«, sagte Mulcahy. »Ich weiß nicht, ob Mark Ihnen das erzählt hat, jedenfalls hatte ich in Madrid geheiratet.«

Siobhan schien keineswegs überrascht zu sein. Sie reagierte fast gar nicht, nickte nur kurz aufmunternd. Wahrscheinlich schützte sie instinktiv ihre Quelle, selbst wenn es bloß Mark war. Trotzdem fühlte er sich freier, seine Version der Ereignisse zu erzählen.

»Gracia arbeitete auch bei Europol. Als politische Beraterin. Sie ist Ökonomin.«

»Aber sie war auch hübsch, ja?«

»Ja, sehr«, sagte Mulcahy und lächelte über ihre Direktheit. »Unglaublich schön und elegant auf diese dunkle, spanische Art. Ich spielte absolut nicht in ihrer Liga, dachte ich zumindest. Na, um es kurz zu machen, eine Zeitlang lief es fantastisch. Tolle Hochzeit. Wunderbare Flitterwochen. Wir hatten uns eine wunderschöne Wohnung im Herzen Madrids gekauft, gleich hinter dem Prado. Sie war erfolgreich in ihrem Job, ich in meinem. Das Leben war perfekt.«

»Und was ist dann passiert?«, fragte Siobhan. »Ich darf ja wohl davon ausgehen, dass irgendwas passiert ist.«

Sie versuchte, es ihm leicht zu machen.

»Klar. Vor einem Jahr – und das war einzig und allein meine Schuld – hat sie mich aufgefordert auszuziehen.«

»Weil Sie ungezogen gewesen sind?«

Mulcahy nickte, was aber gar nicht nötig gewesen wäre. Die Schuld war ihm praktisch ins Gesicht gemeißelt.

»Und Sie sind immer noch nicht ganz über die Trennung hinweg, oder?«

Mulcahy war überrascht, eine Spur von Resignation in ihrer Stimme zu hören.

»Nein, das stimmt so nicht. Wir waren … Unsere Beziehung hatte sich damals schon ziemlich totgelaufen. Wir waren sowieso drauf und dran, uns zu trennen. Das hat das Ganze nur noch beschleunigt. Also, es war natürlich ziemlich hart – und ehrlich gesagt ist es das immer noch –, aber es wäre sowieso passiert.«

»Dann sind Sie also nach Dublin zurückgekommen, um sich von ihr zu lösen? Doch was war mit Ihrem Job? Wollten Sie den denn nicht behalten? Ich dachte, die Arbeit wäre Ihnen wirklich wichtig gewesen?«

Er hob nur die Hände. »Da steckt noch einiges mehr dahinter. Ich hab doch gesagt, dass es kompliziert ist.«

»Das stimmt«, sagte sie und rutschte auf dem Sitz herum. »Ich frage mich, ob ich mir nicht ein Kissen hätte mitbringen sollen. Nach ein paar Stunden werden diese Bänke wahnsinnig unbequem.«

Mulcahy trank den Rest aus seinem Weinglas und verspürte eine Welle der Erleichterung. Er sah zum Berg hinauf, der sich dunkel neben ihnen erhob, hörte das fröhliche Geplapper aus dem Pub. Er war glücklicher und unbelasteter als sonst irgendwann in den letzten Monaten. Ganz egal, was man über den Katholizismus dachte, eine ordentliche Beichte war einfach unübertrefflich.

»Also«, sagte er, »was halten Sie davon, dass ich reingehe und uns noch eine Flasche von diesem Stoff besorge und dabei gleich mal nachgucke, was mit unserem Essen ist. Wenn ich zurück bin, kann ich Ihnen dann den Rest der Geschichte erzählen.«

»In Ordnung, aber denken Sie daran, dass ich noch fahren muss. Sie werden das meiste davon allein trinken müssen.«

»Dafür haben Sie mich genau am richtigen Abend erwischt«, gab Mulcahy zu und ging in den Pub.

Brogan schaltete ihren Computer aus, beugte sich vor, legte die Hände über die Ohren und massierte sich mit den Daumen den Nacken. Es war halb zehn, und sie hatte nicht eine, sondern zwei Stunden darauf gewartet, dass Rafferty ihr ein paar erste Ergebnisse aus dem Lieferwagen meldete. Und dann war die Nachricht sehr enttäuschend ausgefallen: Bisher hatten sie keine eindeutige Verbindung zu Scully gefunden. Trotzdem war nicht alles schlecht. Auf dem Boden hatten sie Haare, Fasern und Hautschuppen ausmachen können, die sie jetzt analysierten, und dazu einen alten Bodenbelag, der durch irgendetwas kürzlich stark verschmutzt worden war – um was es sich dabei handelte, würden sie allerdings erst morgen früh erfahren. Mit ihren UV-Lampen hatten sie dann noch ein paar Blutspritzer an einer Seitenwand entdeckt. Brogan wollte sich keinen falschen Hoffnungen hingeben, hatte in diesem Fall aber das Gefühl, dass alles gut ausgehen würde. Trotzdem würden sie frühestens gegen Mittag des folgenden Tages einen Blutgruppenvergleich mit Jesicas Blut machen – und es würde wahrscheinlich noch Tage dauern, bis das Ergebnis des DNA-Tests fertig war. Aber vielleicht konnte man Scully damit in der nächsten Vernehmung ins Schwitzen bringen?

Sie setzte sich aufrecht hin, wischte ein paar Gegenstände, die noch auf dem Schreibtisch lagen – Stifte, ein paar Berichte und Antragsformulare – in die Schublade und schloss sie ab. Sie war fast zu müde zum Fahren, besonders wenn sie daran dachte, in welcher Laune Aidan sie zu Hause empfangen würde. Als sie aufstand und sich nach vorne streckte, um ihre Jacke vom Kleiderständer zu nehmen, schoss ihr ein stechender Schmerz in die Schulter. Sie schnappte nach Luft. Zum Teufel mit diesem Job und den ewigen Überstunden.

Sie hatte gerade auf den Fahrstuhlknopf gedrückt, als Cassidy aus der Herrentoilette kam, sich heftig die Hände rieb und ungewohnt lebhaft wirkte.

»Herrje, Andy, jetzt wäre mir bald das Herz stehen geblieben. Ich dachte, ich wäre die Einzige, die noch da ist.«

»Ich musste noch ein paar Dinge erledigen, Chefin.«

Der Fahrstuhl meldete mit einem Ping! seine Ankunft an, und die Türen öffneten sich. Brogan trat ein, aus irgendeinem Grund folgte Cassidy ihr jedoch nicht.

»Kommst du nicht mit?«

»Äh, nein«, sagte er zögernd. »Noch nicht. Ich muss noch mit jemandem reden.«

Die Fahrstuhltür schloss sich mit einem dumpfen Schlag, und auf Cassidys Gesicht breitete sich wieder ein Grinsen aus. Er öffnete die Tür zum Treppenhaus neben dem Fahrstuhl, ging vor sich hin summend eine Etage hinunter und dann weiter zu einem kleinen Büro am Ende des Flurs, während er die süße Rache schon fast im Mund schmecken konnte. Manchmal fiel einem der Ball direkt vor die Füße, und man musste nichts weiter tun, als ihn aufzuheben und damit loszurennen.

»Wie sieht’s aus, Mattie – alles im Lack?«

Der Garda Mattie Creasy, der ohne Jacke und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln vor der Reihe Monitore saß, blinzelte kurz, als das grelle Licht aus dem Flur in den düsteren Überwachungsraum fiel. Der Endfünfziger hielt sich tapfer. Es gab nur noch wenige Kollegen in Uniform seines Alters bei der Polizei – außer in höheren Positionen. Mit seinen nach hinten gegelten Haaren kannten ihn alle im Haus als Creasy 2000.

»Ich kann nicht klagen, Sergeant. Und bei Ihnen? Wie ich gehört habe, sollen Sie sich am Sonntag im Hurling ’ne Packung abgeholt haben?«

»Das wollen wir lieber nicht vertiefen, Mattie. Man sollte den Schiedsrichter wegen Bestechung und Korruption in den Knast stecken. Aber eigentlich hab ich mich gefragt, ob Sie mir ein bisschen helfen können. Wie komme ich an eins von den Bändern der Überwachungskameras hier ran? Die von draußen, meine ich, nicht die aus dem Verhörraum.«

Cassidys verschwörerisches Flüstern war offenbar genau das, was der zu Tode gelangweilte Mattie brauchte, der die letzten sechs Stunden unablässig auf die Monitore gestarrt hatte.

»Draußen, meinen Sie?«, sinnierte Mattie, als ob es um die Sicherheit der Nation ginge. »Tja, das sollte eigentlich kein großes Problem sein. Wir zeichnen alles auf und bewahren das mindestens einen Monat lang auf. Aber es ist nicht auf Band. Das wird alles auf Festplatten gespeichert, damit keiner mehr mit irgendwelchen Bändern rumjonglieren muss oder so. Speicherprobleme gibt es auch nicht mehr. Dolles Ding. Ganz anders als früher.«

Cassidy bezweifelte, dass es damals, als Mattie bei der Garda angefangen hatte, schon Elektrizität gegeben hatte, von Videobändern ganz zu schweigen.

»Es wäre also kein Problem, an ein paar Bilder von der Ausfahrt zur Harcourt Street vom frühen Abend ranzukommen – so gegen sieben, halb acht meine ich?«

»Gab’s da irgendwelche Probleme?« Mattie runzelte die Stirn, als ihm bewusst wurde, dass er den einzigen interessanten Vorfall verpasst haben könnte, der sich hier seit Ewigkeiten ereignet hatte.

»Nein, nein, das war keine große Sache. Ich will nur was prüfen, ohne es gleich an die große Glocke zu hängen.« Cassidy blinzelte ihm zu und grinste hinterher noch einmal schelmisch. Das reichte schon.

»Ach, alles klar.« Mattie blinzelte zurück. »Es ist nur für Ihre Augen bestimmt, was? Na ja, nichts leichter als das. Dauert nur ein paar Minuten, aber ich muss noch warten, bis Fahy aus der Pause zurückkommt. Ist es dringend? Soll ich ihn anrufen?«

»Nein, nein, lassen Sie den Mann in Ruhe seinen Tee trinken. Dann bleibt das unter uns.«

»Wissen Sie was?« Mattie war voller Begeisterung bei der kleinen Verschwörung dabei. »Wenn Sie wollen, lad ich das nachher runter und kopier es auf eine Disk. Die leg ich dann auf Ihren Schreibtisch.« Er klopfte sich auf die Nase, als er fortfuhr. »Dann können Sie es sich auf Ihrem Computer ansehen, wenn Sie Zeit dafür haben. Zwischen sieben und halb acht, sagten Sie?«

»Ja, genau.«

»Kein Problem, da sind zwei Kameras am Tor, und jeweils eine halbe Stunde von jeder davon passt auf eine DVD. Reicht Ihnen das?«

»Perfekt«, sagte Cassidy grinsend. »Besten Dank, Mattie. Klasse Idee. Sie haben was bei mir gut.«

»Ach, nur nicht übertreiben, Sergeant. Der Freund und Helfer, Sie wissen schon.«

Siobhan wusste, dass man bei manchen Storys warten musste, bis es Klick machte und die Geschichte sich vor einem auftat. Und obwohl sie von Mulcahy nicht bekam, was sie sich erhofft hatte, machte er das in diversen anderen Punkten mehr als wett. Sie konnte sich nicht erinnern, in letzter Zeit einen vergnüglicheren Abend erlebt zu haben.

Auf dem Rückweg vom Pub hatte er beschlossen, dass er ihr nicht einfach so von seiner Vergangenheit erzählen, sondern daraus ein Tauschgeschäft machen würde.

»Was meinen Sie damit?«, fragte sie.

»Ich meine eine Art gegenseitigen Informationsaustausch. Wenn ich Ihnen etwas verrate, müssen Sie sich auf die gleiche Art revanchieren. So wird das Ganze spannender. Was halten Sie davon?«

»Okay. Dann fangen Sie mal an«, sagte sie.

Worauf er so laut zu lachen begann, dass die Leute sich nach ihnen umdrehten.

»So nicht«, sagte er. »Ich habe Ihnen gerade von meinem Ehebruch und der Scheidung erzählt. Jetzt sind Sie dran.«

Sie fing an, ihm etwas schlüpfrigen Tratsch über Johnny Logan, den früheren Sieger beim Eurovision Song Contest, zu erzählen, er unterbrach sie jedoch schon im Ansatz. So leicht kam sie nicht davon. Es musste etwas über sie selbst sein. Etwas Peinliches. Ein Geheimnis. Er hoffte eindeutig auf etwas Persönliches. Vincent Bishop und die verflixte, unbezahlbare Brosche gingen ihr durch den Kopf, dabei fühlte sie sich aber unbehaglich. Oder sogar schäbig. Jedenfalls kam es nicht in Frage. Absolut nicht. Nicht bei Mulcahy. Noch nicht. Wahrscheinlich nie.

Also zermarterte sie sich den Kopf und erzählte ihm schließlich, wie sie mit sieben Jahren ihren fünfjährigen Bruder Paul die Treppe hinuntergeschubst hatte. Er war bewusstlos und hatte so stark geblutet, dass er im Krankenwagen in die Klinik gebracht werden musste. Und bis zu diesem Tage hat niemand eine Ahnung davon, dass sie ihn gestoßen hatte. Und dass sie immer noch über die Narbe an Pauls Stirn rieb, wenn sie ihn traf. Als Glücksbringer.

Mulcahy zeigte sich beeindruckt. Vielleicht sogar leicht schockiert. Aber vor allem bezaubert, dachte sie. Als ihr Essen kam und sie sich darüber hermachten, gab sie ihm gewissermaßen ein Stichwort, indem sie ihn daran erinnerte, dass er im Long Hall gesagt hatte, er wäre seiner Eltern wegen zurück nach Dublin gekommen.

»Ja«, sagte er. »Beim letzten Mal wollte ich darauf nicht näher eingehen. Ich hatte einen ziemlich harten Tag hinter mir. Das war nicht der beste Abend, um auszugehen.«

Ihr gingen sofort diverse Fragen durch den Kopf. Sie konnte nichts dagegen tun. Sie hatte sich schon ausgerechnet, dass Mulcahy, falls er wirklich etwas mit dieser spanischen Geschichte zu tun hatte, genau an dem Tag zur Sitte versetzt worden sein musste, als sie auf einen Drink verabredet gewesen waren. Sie zwang sich jedoch, den Gedanken beiseitezuschieben, wusste nicht einmal mehr genau, ob sie das wirklich interessierte. Es war allemal spannender, etwas Neues über Mulcahy selbst in Erfahrung zu bringen. Der hatte wirklich etwas. Etwas, das sie, wie ihr langsam bewusst wurde, lieber aus der Arbeit heraushalten würde.

»Schon okay«, sagte sie. »Ist bestimmt nicht einfach, über so etwas zu reden.«

»Stimmt«, sagte Mulcahy und nickte. »Aber damit hat das Ganze eigentlich angefangen. Dads Tod hat mich dann ganz aus der Bahn geworfen. Das ging alles so schnell nach dem Tod meiner Mutter.«

»Oh mein Gott«, sagte Siobhan. »Tut mir leid. Das hab ich nicht gewusst.«

»Woher auch?« Er zuckte die Achseln. »Ich bin überzeugt, dass die Liebe ihn umgebracht hat. Ein Jahr vorher hatte Mom einen Schlaganfall, und Dad hat sie mit viel Einsatz zu Hause gepflegt. Ganz allein. Er war ein stolzer alter Mann und liebte sie über alles. Wollte nichts davon wissen, dass sich jemand anders um sie kümmert. Ich habe aus der Ferne getan, was ich konnte, und bin auch so oft wie möglich hergekommen. Aber Mom hat sich nicht wieder erholt. Dann, ein halbes Jahr nachdem ich bei ihrer Beerdigung neben ihm gestanden und seine Hand gehalten habe, ist er den gleichen Weg gegangen. Friedlich, haben sie gesagt. Mir hat es trotzdem zugesetzt, dass ich bei keinem von beiden in der Nähe war, als sie gestorben sind.«

Er schluckte, überspielte seine Gefühlsaufwallung dann, indem er nach der Weinflasche griff und sich nachschenkte. Sie streckte die Hand über den Tisch aus und legte sie auf seine. »Tut mir wirklich leid«, sagte sie. »Offenbar haben Ihre Eltern Ihnen viel bedeutet.«

Wieder nickte er. »Sie waren toll«, sagte er. »Eine bessere Mutter hätte ich mir nicht wünschen können. Sie hat mich immer nach Strich und Faden verwöhnt. So richtig nahegegangen ist mir allerdings der Tod meines Vaters. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr ich zu ihm aufgeblickt habe: Der große Held in seiner Uniform – damals, als solche Dinge den Menschen noch etwas bedeuteten. Seinetwegen bin ich zur Polizei gegangen. Ich wollte einfach wie er sein.«

»Er war auch bei der Polizei?«

»Ja. Inspector.«

»Genau wie Sie.«

»Ja, wie ich.« Wieder lachte er. Dieses Mal aber ihr direkt zugewandt. »Sie müssen aufpassen, sonst kommen mir noch die Tränen.«

»Könnte mir auch passieren«, sagte sie mit einem melodramatischen Schniefen. Sie dachte an ihren Vater, der an Krebs gestorben, langsam immer weiter dahingesiecht war, und an ihre alkoholkranke Mutter, die das alles nicht wahrhaben wollte. Nach fünfundzwanzig Jahren war der Schmerz noch immer nicht vergangen.

»Jedenfalls«, sagte Mulcahy, setzte sich gerade hin und versuchte, die trübe Stimmung abzuschütteln, indem er seine Schultern nach hinten zog, »hat Dads Tod auch meine Ehe belastet. Nachdem Mom gestorben war, hat es schon angefangen. Ich glaube, mir war gar nicht bewusst, wie sehr ihr Tod mich mitgenommen hat, weil ich mir vor allem Sorgen um Dad gemacht habe. Und Gracia war einfach nicht in der Lage, ein paar Schritte auf mich zuzugehen. All das, in was ich mich verliebt hatte – ihre Ruhe, ihre Selbstsicherheit –, schien sie noch weiter von mir abrücken zu lassen. Am Ende hatte ich fast den Eindruck, als ob sie sich vor meinem Schmerz versteckte. Das war bestimmt nicht ihre Schuld. Ich muss wohl unmöglich gewesen sein, aber als Dad dann auch noch gestorben ist, habe ich mich plötzlich völlig allein gefühlt, und die einzige Person, die mir geblieben war und von der ich mir Trost erhofft hatte, zog sich immer weiter von mir zurück …«

Er brach ab und hob die Hände. »Entschuldigung«, sagte er. »Ich muss langsam aufhören zu jammern.«

»Nein«, sagte sie, entsetzt von dem Gedanken, dass er aufhören könnte zu erzählen. »Ich meine, bitte reden Sie weiter.«

Er lachte schüchtern. »Viel mehr gibt’s da nicht zu erzählen. Abgesehen davon, dass ich dann eines Abends mal weg bin und mir woanders Trost gesucht habe und dass Gracia das herausbekommen hat. Damals lief dann auch die ganze Sache mit dem Aufbau des MOAC in Lissabon, und die Politmaschinerie lief auf Hochtouren, weil die Länder um die Besetzung der Schlüsselpositionen wetteiferten. Tja, ich dachte mir, damit war das Ende der Europol-Drogenfahndung in Madrid besiegelt. Und als ich dann wieder in Dublin war, um mich um die Testamentsvollstreckung und das ganze Drumherum zu kümmern, habe ich mich mit einem alten Chef getroffen und ihn gefragt, welche Möglichkeiten es gibt, nach Dublin zurückzukommen.«

»Wieso gab es da Probleme? Ich dachte, Sie wären bloß eine Leihgabe an Europol gewesen?«

»Schon, aber ich bin dann gewissermaßen in die Spezialisierungsfalle geraten – bei der Garda Síochána gibt es nicht viele Spitzenpositionen im geheimdienstlichen Bereich.«

»Beim Geheimdienst, was? Das erklärt dann wenigstens, warum nichts aus Ihnen herauszubekommen ist«, erwiderte sie lachend.

»Passen Sie bloß auf«, sagte er und winkte ironisch drohend mit dem Zeigefinger, »mit Ihrem hinterhältigen Sarkasmus.«

Dann weigerte er sich zu gehen, bis sie ihm ein weiteres Geheimnis verraten hatte. Also erzählte sie ihm von dem Vorfall, als sie den Verteidigungsminister, den Vorgänger des aktuellen, in einem Leitartikel über einen Begleitservice versehentlich verunglimpft hatte. Die Story handelte nicht von dem Minister – er wurde nur in einem Nebensatz erwähnt –, trotzdem hatte sie wochenlang Angst gehabt, er würde sie und die Zeitung verklagen und bis aufs letzte Hemd ausnehmen. Zum Glück war es nie jemandem aufgefallen, oder zumindest war niemand deshalb vor Gericht gezogen.

»Also funktioniert das mit der Narbe Ihres Bruders wohl tatsächlich«, sagte Mulcahy.

Dann erzählte er ihr, dass sein ehemaliger Chef ihn ein paar Tage nach dem ersten Telefonat aus Madrid angerufen und ihm eine Stelle als Leiter einer neuen Garda-Einheit angeboten hätte. Dort sollten Informationen über die Drogeneinfuhr nach Europa via Irland gesammelt und koordiniert werden. Es war perfekt. Wie für ihn gemacht. Damit wäre sogar noch eine Beförderung verbunden gewesen. Superintendent Mulcahy. Dienstsitz war in Dublin. Obwohl er damals schon aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war, hatte er Gracia angefleht mitzukommen, um einen Neuanfang zu machen. Aber sie wollte nicht. Er kündigte die Stelle in Madrid, arbeitete seinen Nachfolger ein und machte ein paar Wochen Urlaub bei Freunden in Valencia. Nur um vier Tage vor Antritt des Jobs in Dublin zu erfahren, dass die ganze Sache in einem Rundumschlag der Regierung zur Kostendämpfung gestrichen worden war. Er war der Kreditklemme zum Opfer gefallen. Wirklich und wahrhaftig. Er hatte zwischen Baum und Borke gehangen. Konnte weder vor noch zurück. Und wegen des Einstellungsstopps war ihm auch der Rückweg zur Drogenfahndung versperrt.

»Herrje, da sind Sie aber ziemlich unter die Räder gekommen«, sagte Siobhan. Sie wusste allerdings selbst nur zu gut, wie plötzlich und heftig die Einschnitte der Regierung gewesen waren. Sie kannte einige Leute, die es dabei hart erwischt hatte.

»Und Ihr ehemaliger Chef konnte nichts für Sie tun?«

»Er hat’s versucht. Die Einheit sollte das Tüpfelchen auf dem i vor seiner Pensionierung sein. Ein paar Monate später war er weg.«

»Und was haben Sie dann gemacht? Was machen Sie jetzt?«

Er verzog das Gesicht, nahm die Weinflasche und schenkte sich nach.

»Im Moment hänge ich, wie vor ein paar Jahren schon einmal, im Pool des National Bureau of Criminal Investigation. Ich bin also gewissermaßen Detective auf Abruf. Ich werde mal hierhin, mal dorthin geschickt – wie ein Aushilfslehrer.«

»Gott, das ist aber ein ganz schöner Abstieg, oder?«

»Eigentlich müssten die jetzt irgendetwas für mich suchen«, sagte er resigniert. »Man hat mir versprochen, dass ich die erste ›geeignete‹ Stelle bekomme, die frei wird. Aber die Spezialisierungsfalle, in die ich geraten bin, erschwert das Ganze. Und die Monate fliegen nur so dahin.«

»Was für eine Verschwendung«, sagte sie.

»Ach, irgendwie krieg ich das schon hin.«

Und die Art, wie er das sagte, so pragmatisch und unbeugsam, löste etwas in ihr aus, worauf sie sich über den Tisch beugte, ihn sanft auf den Mund küsste und dachte, vielleicht wäre sie in der Lage, ihm den Trost zu spenden, nach dem er schon so lange suchte.