13

Siobhans vage Befürchtungen, dass eine wichtigere Story auftauchen und den Priester von den Titelseiten verdrängen würde, bewahrheiteten sich nicht. Sie hatte mehr Arbeit denn je. Selbst ihre beschämende Auseinandersetzung mit Vincent Bishop im Marco Pierre White’s hatte ein paar positive Nachwirkungen gehabt. Vor allem natürlich, dass Bishops Leidenschaft schneller abgekühlt war als ein Flitzer in einem Schneesturm. Eine Szene zu machen war für ihn absolut unverzeihlich. Das hatte er ihr ganz deutlich zu verstehen gegeben – trotz der sofortigen, chaotischen Entschuldigung, in der sie ihr Verhalten auf einen Kurzschluss, Stress, Überarbeitung und praktisch alles andere geschoben hatte, was ihr sonst noch eingefallen war. Sie hatte den größten Teil der Flasche St. Emilion Grand Cru in sich hineingeschüttet, die er zu dem medium gebratenen Rib-Eye-Steak bestellt hatte, das unangerührt auf seinem Teller liegen blieb. Und seitdem hatte sie nichts mehr von ihm gehört, was ihr allerdings sehr gelegen kam.

Aber es gab noch weitere Vorteile. Wie bei den Kollegen, die Zeuge ihres Auftritts geworden waren, nicht anders zu erwarten, waren in der Irish Independent, der Mail und der Sun ein paar höhnische Kommentare erschienen: PRIESTER-ENTDECKERIN BESCHIMPFT BISHOP und Ähnliches. Keiner der Schreiber hatte allerdings eine Ahnung, worum es bei dem Streit gegangen war, und da Bishop, genau wie sie selbst, es abgelehnt hatte, den Vorfall zu kommentieren, verschwand der Tratsch ebenso schnell, wie er aufgekommen war. Es war jedoch das erste Mal, dass sie in den Klatschkolumnen auftauchte, und das konnte man als weiteren Hinweis darauf interpretieren, dass sie den Sprung in die höheren Regionen der Medienwelt geschafft hatte. Heffernans Entschlossenheit, ihr die Lohnerhöhung zu gewähren, hatte die Geschichte jedenfalls keinen Abbruch getan. Ganz im Gegenteil. Am nächsten Morgen war er zu ihr an den Schreibtisch geschlendert, hatte ihr zugeblinzelt und gemeint: »Wie ich sehe, tun Sie etwas für Ihre Medienpräsenz. Gute Show.«

Er hatte sogar mit Griffin gesprochen und ihn aufgefordert, ein paar Redaktionsassistenten für die Recherchen der Folgeartikel abzustellen. Es waren noch halbe Kinder, die absolut keine Ahnung hatten, aber wenigstens konnten sie ihr bei ein paar Recherchen helfen – besonders für einen Artikel über die schmählichen Aufklärungsquoten der Behörden bei häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch. Ihr war klar, dass das Thema viel Platz für Schlagzeilen bot, andererseits konnten die anderen Zeitungen sich das auch selbst erarbeiten. Sie brauchte dringend etwas Neues, Exklusives über den Priester.

Das bereitete ihr die größten Kopfschmerzen. Sie hatte Griffin und Heffernan nicht erzählt, dass ihre Garda-Quelle von der Sitte ausgetrocknet war. Der Informationsfluss war ins Stocken geraten. Der ganze Fall stand so sehr im Rampenlicht, dass sich keiner mehr traute, irgendetwas weiterzugeben. Und sie konnte es nicht ändern. Normalerweise hatte sie nach einiger Zeit eine gewisse Macht über einen Informanten, selbst wenn es nur die Tatsache war, dass er Geld von ihr angenommen hatte. Doch dieser Anrufer, den sie wie auf einem Silberteller serviert bekommen hatte, war verschwunden. Er war noch nicht einmal gekommen, um sich sein Geld abzuholen. Verdammt.

Andererseits konnte sie ihm kaum verübeln, dass er sich von ihr ferngehalten hatte. Nach der Veröffentlichung ihres Priester-Knüllers schien sich die gesamte Polizei in eine ausgewachsene Paranoia hineinzusteigern. Selbst der Widerling Des Consodine weigerte sich, mit ihr zu sprechen. Und wie alle anderen gab auch Mike Mulcahy ihr die Schuld. Sie hatte keine Ahnung, warum er das alles so persönlich nahm. Was hatte sie denn so Schreckliches getan? Sie war sehr vorsichtig gewesen. Sie hatte immer darauf geachtet, seinen Namen aus der Sache rauszuhalten. Wenn er ihr das nicht glaubte, konnte sie es nicht ändern. Aber es schmerzte immer noch. Besonders weil er sie auch noch über eine blöde Mailboxnachricht abgesägt hatte. Ihr nicht einmal eine Chance gegeben hatte, das zu erklären. Wenn sie jedoch eine Weile auf Distanz blieb – bis die nächste große Sache die Schlagzeilen dominierte und etwas Gras über die Sache gewachsen war –, würde er das vielleicht auch nicht mehr so eng sehen.

Das zweite Haar in der Suppe war, dass Roy Orbison nicht aufgehört hatte, ihr die Ohren vollzujaulen. Er hatte seitdem noch zweimal angerufen. Sie hatte beide Nachrichten auf dem Anrufbeantworter vorgefunden, nachdem sie spät von der Arbeit nach Hause gekommen war. Die erste ironischerweise nur ein paar Stunden, nachdem sie Bishop die falschen Vorwürfe gemacht hatte – als ob es noch weiterer Beweise bedurft hätte. Sie achtete ganz genau auf Hintergrundgeräusche, weil sie nach Hinweisen suchte, wer sonst dahinterstecken könnte, daher merkte sie erst nach zwei Minuten, was der Song ihr sagte. Jede Strophe endete mit demselben Vers: »You Don’t Know Me.«

»Wenn ich dich nicht kenne, hättest du mir das auch gleich sagen können. Hätte mir ’ne Menge Ärger erspart«, flüsterte sie grimmig, als sie den Anruf löschte. Aber irgendetwas daran sprach ihren Sinn für schwarzen Humor an, so dass sie kurz darüber lachen musste. Und obwohl die Anrufe immer noch unheimlich waren und durch das Wissen, dass Bishop nicht dahintersteckte, keineswegs erträglicher wurden, nahm sie das Ganze doch nicht mehr so ernst. Den nächsten registrierte sie daher kaum: Sie drückte schon nach fünf Sekunden auf Löschen und vergaß ihn sofort wieder.

Wenn ihre Gedanken nicht mit anderen Dingen beschäftigt gewesen wären, hätte sie vielleicht etwas länger darüber nachgedacht. Aber im Moment hatte sie kaum genug Zeit zum Pinkeln. Sie ließ den Blick durch die immer noch belebte Nachrichtenredaktion des Herald streifen und sah dann auf die Uhr. Sie wollte sichergehen, dass sie es vor der Live-Schaltung zu Gerry Finucanes Radiosendung Crime Week schnell noch mal auf die Toilette schaffte. Gerade hatte sie ihre Tasche ergriffen, als das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte. Mist. Die sprachen lieber übers Festnetz. Wahrscheinlich würden sie sie jetzt ewig in der Leitung warten lassen, bis alles so weit eingerichtet war. Sie ging aber trotzdem ran.

»Siobhan Fallon?« Eine kultivierte Stimme – zumindest für Dubliner Verhältnisse. Es musste irgendjemand von dem Sender sein.

»Ja, am Apparat«, sagte sie. »Aber hören Sie, könnten Sie vielleicht in ein paar Minuten noch einmal anrufen? Ich muss unbedingt noch …«

»Deus non irridetur.«

Siobhan schüttelte den Kopf, als ob sich irgendetwas darin gelockert hätte. »Wie bitte?«

»Deus non irridetur«, intonierte die Stimme. »In den Worten des heiligen Paulus: ›Gott lässt sich nicht verspotten.‹«

Ach, um Himmels willen, dachte Siobhan. Nicht noch so einer. Seit sie in Questions and Answers aufgetreten war, kamen die Irren und Spinner aus ihren Löchern gekrochen. Der Preis, den sie für ihren ach so geringen Ruhm zahlen musste, bestand darin, dass sich die Verrückten von ihr angezogen fühlten wie Motten vom Licht. Und obwohl sie die Telefonisten gebeten hatte, keine anonymen Anrufe mehr direkt zu ihrem Anschluss durchzustellen, kamen immer noch ein paar durch – dies war der vierte oder fünfte Durchgeknallte heute. Es waren ausschließlich Männer, die sagten, die dreckigen, kleinen Schlampen hätten genau das verdient, was der Priester ihnen angetan hatte – oder ähnlich widerwärtigen Unsinn.

»Hören Sie, Kumpel, ich weiß nicht, was Sie wollen, aber ich habe kein Interesse.«

Ein tiefes aufgebrachtes Lachen dröhnte durch die Leitung. »Das sollten Sie aber haben. Sie leben doch davon, dass Sie mit Schmutz hausieren gehen, stimmt’s?«

»Stehen Sie darauf? Auf Schmutz?«

Wieder das schreckliche Lachen, doch dieses Mal klang die Stimme danach härter.

»In meinem Leben gibt es keinen Schmutz außer dem, den Sie und Ihresgleichen dort hineintragen. Ich habe Sie vor ein paar Tagen im Fernsehen gesehen, wo Sie diesen ganzen Schmutz über den sogenannten Priester erzählt haben. Und dann saßen Sie da in Ihrem tief ausgeschnittenen Top, dem Nutten-Lippenstift und haben das Symbol von Jesus’ Opfer entweiht, indem Sie es um den Hals tragen. Bedeutet es Ihnen denn gar nichts?«

Siobhan legte verlegen eine Hand an den Hals, berührte das Ende des kleinen, silbernen Kreuzes. Es war eine instinktive Geste, mit der sie nach Sicherheit suchte, obwohl sie in Gedanken ganz woanders war und immer wütender wurde.

»Ich kann dir ganz genau sagen, was mir nichts bedeutet, Kumpel«, fauchte sie ihn an. »Quatschköpfe wie du, die mich anrufen und das Maul aufreißen, weil sie zu jämmerlich und feige sind, sich ihren Nervenkitzel woanders zu holen.«

Normalerweise hätte das gereicht. Dieser ließ sich damit nicht abspeisen.

»Die Verderbtheit strömt nur so aus Ihrem Mund. Jedes Ihrer Worte trieft davon. Und Sie sind immer noch blind für die Botschaft. Sie besitzen die Unverschämtheit, einen gerechten Mann zu verurteilen.«

Die Stimme wurde stockender, der Atem schwerer. Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, was am anderen Ende der Leitung vorging.

»Gerecht haben Sie gesagt? Das ist doch lächerlich. Glauben Sie, ich wüsste nicht, was hier abläuft? Glauben Sie, ich hör das nicht, Sie jämmerlicher Wichser? Ich geb Ihnen einen Rat: Verpissen Sie sich und verschwenden Sie die Zeit von jemand anderem, wenn Sie an sich rumspielen. Sonst lasse ich diesen Anruf zurückverfolgen, und dann werden Sie nicht sich selbst eine Freude bereiten, sondern einem zwei Meter zehn großen Junkie in einer Gefängniszelle am Arsch der Welt.«

Sie knallte den Hörer aufs Telefon. Sie spürte, wie Paddy Griffin hinter sie trat und ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter legte. Sein Näschen für Ärger war so untrüglich wie immer.

»Alles okay mit dir, meine Liebe? Was war das denn gerade?«

»Einmal darfst du raten.« Sie sah zu ihm auf, und automatisch kehrte ein Lächeln in ihr Gesicht zurück. Lass dir nie anmerken, dass dich etwas beunruhigt – ihr fiel gerade wieder ein, dass er ihr diesen Rat gegeben hatte.

»Ein Verrückter, was?«, erwiderte Griffin. »Den hast du aber sauber abblitzen lassen.«

»Ich war vor allem besorgt wegen dem, was er in der Hand hatte.« Sie ballte eine Faust und bewegte sie obszön auf und ab.

»Ach, du meine Güte.« Griffin zog eine Grimasse, und sein Lachen wurde durch sein Mitleid verwässert. »So ist das heilige christliche Irland nun mal – voller Wichser.«

»Ja«, sagte sie abwesend. In Gedanken war sie schon wieder bei dem Radio-Interview und dachte an die knappe Zeit. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie noch einen Moment hatte. Erst da merkte sie, dass ihre Hand immer noch zitterte.

»Bester Paddy«, sagte sie und griff nach ihrer Tasche. »Kannst du eben für mich auf das Telefon achten? RTE wird wegen des Crime-Week-Interviews anrufen, aber ich muss dringend noch mal eben aufs Klo.«

Die Tür zu Brogans Büro stand offen, also klopfte Mulcahy nur einmal kurz und ging sofort hinein. Brogan starrte aufmerksam auf ihren Computermonitor, und als sie aufblickte, tat sie das mit dem müden, argwöhnischen Lächeln, mit dem sie ihn auch schon die letzten Tage bedacht hatte, als er sie über die vielversprechendsten Hinweise informierte, die sie per Telefon von den Anrufern bekommen hatten.

»Haben Sie was für mich?«, fragte sie.

»Ja, schon möglich«, sagte er. »Wie läuft’s denn? Gibt’s heute schon irgendwas Neues?«

Es waren noch ein paar Stunden bis zum abendlichen Briefing, und sie hätte ihn bitten können, bis dahin zu warten, stattdessen lächelte sie jedoch und forderte ihn auf, sich zu setzen, während sie ihre E-Mails zurückscrollte und dann eine anklickte. »Bei Scully haben Sie wohl recht gehabt«, sagte sie. »Wir haben am Vormittag einen Anruf von der englischen Polizei bekommen – mit Scullys Bankkarte wurden am Fährterminal in Harwich 250 Pfund abgehoben. Bis die mitgekriegt hatten, wonach sie eigentlich suchen, war er allerdings längst wieder weg. Ich nehme an, rüber auf den Kontinent, wenn auch nicht unter seinem richtigen Namen. Er stand jedenfalls nicht auf den Passagierlisten.«

»Von Harwich geht eine Fähre nach Hoek van Holland, also würde ich auf Amsterdam tippen. Das könnte eine Stadt nach seinem Geschmack sein. Wir können die Holländer bitten, die Hotels für uns zu überprüfen.«

»Das wird nicht viel bringen«, erwiderte sie. »Healy meinte, wir sollen das der Drogenfahndung überlassen. Ist jetzt in erster Linie deren Angelegenheit.«

Als Antwort auf Mulcahys fragende Miene deutete sie auf ein anderes Dokument auf dem Bildschirm. »Wir haben die letzten Ergebnisse von der Spurensicherung gekriegt. Im Laderaum des Transporters haben wir nichts gefunden. Das Haar ist definitiv nicht von Jesica – und damit ist diese Spur auch so gut wie tot. Es gab zwar tatsächlich Blutspritzer, die passen aber zu Scullys Vater, der endlich eine Blutprobe abgegeben hat. Hatte sich offenbar an einem Rohr geschnitten.«

Mulcahy lächelte mitleidig, sagte jedoch nichts. Er hatte eigentlich kein anderes Ergebnis erwartet.

»Und diese Fasern waren auch eine Niete«, fuhr Brogan fort. »Es gab im Lieferwagen nichts, was auch nur im Entferntesten ähnlich wäre.«

»Wissen die inzwischen, was das für ein Zeug ist?«

Brogan schüttelte den Kopf. »Die von der Spurensicherung sagen, sie sind sich nicht sicher. Das heißt, sie haben keinen Schimmer. Eindeutig ist nur, dass die Fasern, die sie an Jesicas Kleidung gefunden haben, ganz genau die gleichen sind wie die an Catriona Plunketts Top.«

»Ich finde, das ist doch schon mal ein Anfang: Wenn wir jetzt die Fasern finden, haben wir wahrscheinlich auch den Täter. Ach, wie geht’s ihr eigentlich? Catriona, meine ich? Besser?«

Wieder schüttelte Brogan den Kopf. »Sie ist ruhiggestellt, und die Ärzte sagen, dass das noch mindestens ein paar Tage so bleiben wird. Zumindest so lange, bis die Verbrennungen anfangen zu verheilen. Ihr Zustand ist extrem schlecht.« Brogan seufzte und deutete mit einem Nicken auf ihren Bildschirm. »Ich habe mir gerade noch mal die Bilder von der Überwachungskamera vor dem Kay Club angesehen.«

Sie klickte auf ihren Monitor, und Mulcahy sah ein körniges Bild von einer jungen Frau, die auf hohen Absätzen etwas unsicher vor einem offenen Eingang stand. Der Gang, in dem die Clubbesucher sich normalerweise anstellen, war mit einer dicken Kordel zwischen zwei hüfthohen Edelstahlpfählen abgesperrt. Sie stand mit dem Rücken zur Kamera und blickte die Straße auf und ab. Sie allein, bis auf den schwarz gekleideten Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf, der hinter ihr an der Tür stand.

»Der Türsteher?«, fragte Mulcahy.

»Ja.« Brogan nickte. »Aber sehen Sie mal.«

Sie sahen gemeinsam schweigend zu, wie das Mädchen sich umdrehte und den Türsteher allem Anschein nach freundlich ein paar Fragen stellte, woraufhin der mit einer Hand gestikulierend antwortete. Brogan hielt das Bild an. »Okay, laut Auskunft des Türstehers hat sie ihn hier gefragt, warum vor der Tür nicht wie üblich ein paar Taxis warten, und er hat geantwortet, dass keine Taxis kommen, weil die Taxiunternehmen hier die Pubs und Clubs in Killester mit einem Boykott belegt haben.«

»Einem Boykott?«

Brogan nickte. »Offensichtlich wurden zwei oder drei Taxifahrer innerhalb einer Woche mit einem Messer bedroht und ausgeraubt, was dann zu einem großen Aufruhr unter ihnen geführt hat. Das stimmt, ich hab es überprüft, wobei der Boykott nur zwei oder drei Nächte gehalten hat, weil die Taxifahrer doch zu hohe Einbußen erlitten haben. Aber an diesem Freitagabend war es die erste und im Endeffekt auch die einzige Nacht, in der sich alle strikt an den Boykott gehalten haben.«

»Also gab es in der Nacht draußen in Killester keine Taxen?«

»Zumindest nicht von den Unternehmen, die sonst die Clubs da anfahren. Um ehrlich zu sein, hatte ich diesen Faktor praktisch gar nicht berücksichtigt, weil Catriona nur ein paar hundert Meter die Straße hinauf wohnt. Und, sehen Sie, wie nicht anders zu erwarten, dreht sie sich gleich um und geht zu Fuß los.«

Genau das war dann auch zu sehen, als sie das Video der Überwachungskamera weiterlaufen ließ. Catriona drehte sich um, verabschiedete sich mit einem koketten Winken vom Türsteher und ging los. »Gott sei ihr gnädig«, sagte Brogan. »Wir haben erst gedacht, das wäre das Letzte, was wir von ihr auf Video haben. Aber sehen Sie sich das an. Einer von Mauras Jungs hat heute Morgen noch etwas entdeckt. Es stammt aus einer Verkehrsüberwachungskamera hundert Meter weiter. Es sind nur ein paar Sekunden, deshalb haben sie es beim ersten Durchgang auch übersehen. Gucken Sie es sich einfach an.«

Sie klickte etwas anderes an, und ein gröberes, graueres Weitwinkelbild von einem Mädchen erschien – bei genauem Hinsehen erkannte man, dass es dasselbe Mädchen war –, das zu Fuß auf die Kamera zukam und dabei die Handtasche an den langen Griffen schwenkte. Ansonsten schien die Straße leer zu sein. Dann, direkt bevor sie an der Kamera vorbeiging, drehte sie sich um und hob den rechten Arm. Daraufhin verschwand sie aus dem Bild.

»Lassen Sie es mich noch mal sehen«, sagte Mulcahy fasziniert.

Brogan spielte das Video noch einmal ab, dieses Mal verlangsamt, in halber Geschwindigkeit. »Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ja«, sagte er und sah es ein weiteres Mal nachdenklich an, als sie es noch langsamer abspielte.

»Was tut sie da, Ihrer Ansicht nach?«, fragte Brogan.

»Also, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie winkt sich ein Taxi heran. Oder sie hat jemanden erkannt, der gerade vorbeikommt.«

»Das habe ich mir auch gedacht«, sagte Brogan.

»Ich würde eher auf ein Taxi tippen«, sagte Mulcahy. »Vielleicht jemand, der nicht wusste, dass in der Nacht ein Boykott geplant war.«

»Wie meinen Sie das?«, sagte sie leicht spitz. »Wir haben alles gründlich überprüft. Von den angestellten Fahrern ist an dem Abend keiner dort unterwegs gewesen.«

»Nein, genau das meine ich ja. Es hat etwas mit dem zu tun, was ich heute aufgedeckt habe. Bisher ist es nur so ein Gefühl, doch wenn Sie mir ein paar Minuten Zeit geben …«