15

»Ach, natürlich, als wir es damals gekauft haben, war es fast so was wie ein Ferienhaus auf dem Land. Mittlerweile meint man, in einem Vorort von Dublin zu wohnen.«

»Ich finde es deutlich netter hier«, sagte Mulcahy.

Pat Brennan, Sergeant im Ruhestand, hatte keine schlechte Wahl getroffen, dachte Mulcahy, als er vor dem Haus des Mannes in Kilpedder stand, gut dreißig Kilometer südlich von Dublin. Es war einer der üblichen weißen Bungalows, die die niedrigeren Hänge der Wicklow Mountains wie Pocken verunstalteten. Aber die Lage – am Ende einer sich den Berg hinaufschlängelnden Straße mit bester Aussicht auf Bray Head, Greystones und die lange Bucht darunter – war spektakulär.

»Ich hab das Haus Anfang der Achtziger für einen guten Preis erstanden. Die Besitzer wollten unbedingt nach England, um sich da Arbeit zu suchen. Weiß der Himmel, was es jetzt wert ist«, sagte Brennan und zog kurz eine Augenbraue hoch.

Das glaubst du doch selbst nicht, dachte Mulcahy. Der durchtriebene Alte wusste wahrscheinlich bis auf zehn Euro genau, was das Grundstück wert war. Selbst nach dem Zusammenbruch der Immobilienpreise mussten es immer noch ein paar Millionen sein. Einen Moment lang beschäftigte Mulcahy der Gedanke, dass er von seinen Maklern nichts mehr gehört hatte, seit sie behauptet hatten, ein paar Besichtigungstermine arrangiert zu haben … Wie lange war das jetzt her? Er wusste es nicht. Dann vergaß er das wieder und folgte dem Mann ins Haus.

Als er Sergeant Brennan persönlich gegenüberstand, hatte Mulcahy den Eindruck korrigiert, den er am Telefon gehabt hatte. Erstens strahlte der Pensionär jugendliches Temperament aus, von dem in seiner Stimme nichts zu hören war. Brennan war fit, braun gebrannt, schick gekleidet und hatte einen aufrechten Gang. Er trug immer noch den Bürstenschnitt, der ihm vermutlich fast vier Dienstjahrzehnte lang geholfen hatte, dass seine Garda-Mütze nicht verrutschte, und sah mindestens zehn Jahre jünger aus als die mindestens siebzig Jahre, die er alt sein musste, wenn er, wie er behauptete, bis sechzig durchgehalten hatte. Er war keinesfalls der verbitterte, alte Zausel, den Mulcahy sich vorgestellt hatte. Und es schien ihn nicht zu stören, dass es schon eine Weile her war, seit er mit Mulcahy telefoniert hatte. Ganz im Gegenteil – es gab ihm sogar Auftrieb, als wäre die Nachfrage durch die Pause irgendwie noch bedeutsamer geworden.

»Ich war sicher, dass Sie irgendwann auf meine Aussage zurückkommen. Deshalb wollte ich mit jemandem wie Ihnen sprechen, der mit einem guten Hinweis auch etwas anzufangen weiß. Der junge Bauerntrampel, mit dem ich zuerst gesprochen habe, hat mich sofort in eine Schublade gesteckt, als ich den Mund aufgemacht habe. Heutzutage muss man sich immer an jemanden ganz oben wenden, wenn man sicher sein will, dass etwas erledigt wird.«

»Tja, also in den letzten Tagen ist eine Menge passiert«, entgegnete Mulcahy. »Und es wäre gut, wenn Sie mir noch etwas mehr über diesen Rinn erzählen könnten. Sagten Sie nicht, er hätte eine Ausbildung zum Priester gemacht?«

Das beschäftigte Mulcahy mehr als alles andere. In der Akte stand, dass Rinn Taxifahrer war. Wie zum Teufel passte das zusammen? Er konnte Brennan unmöglich von der Akte oder irgendetwas anderem erzählen, was in Zusammenhang mit Caroline Coyle stand. Schließlich wollte er der Voreingenommenheit des Mannes nicht noch mehr Vorschub leisten.

»Ja, das wollte ich gerade erzählen, als Sie an Ihr Handy mussten. Seine Großeltern haben ihn nach All Hallows geschickt, er hat es aber nicht geschafft. Er war zwar ein paar Jahre lang im Seminar, wurde aber nie zum Priester geweiht.«

Okay, das wäre damit geklärt. Mulcahy sah sich in der Küche um und überlegte, was er als Nächstes zur Sprache bringen sollte. »Sie sagten, sein Großvater wäre gut vernetzt gewesen, aber was war mit seinen Eltern?«

Brennan holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. »Tja, genau das ist das Problem. Es war eigentlich eine ziemlich tragische Geschichte. Die Eltern sind bei einem Autounfall gestorben, als Sean erst sechs oder sieben Jahre alt war. Bei einem Urlaub in Killarney. Eine schreckliche Sache. Der Junge saß auch mit im Auto und wurde schwer verletzt, als es in Brand geriet. Aber er hat den Unfall überlebt.«

»Und daher ist er bei den Großeltern aufgewachsen?«

»Genau. Er war Einzelkind, genau wie auch sein Vater schon, also haben die Großeltern ihn zu sich genommen. Na ja, und normalerweise würde man mit so einem Kind ja Mitleid haben. Aber ob’s vom Unfall kam oder einfach Veranlagung war, auf jeden Fall ist irgendetwas schiefgelaufen bei dem jungen Burschen – irgendetwas ganz tief in ihm drin.«

Mulcahy sagte nichts, war sich nicht sicher, ob er Brennan noch weiter ermutigen sollte, weil er fand, dass der junge Rinn in diesem Fall wohl kaum ein Kandidat fürs Priesterseminar gewesen wäre. Als hätte er seine Gedanken gelesen, griff der alte Sergeant das Thema wieder auf.

»Die Großeltern müssen wohl gedacht haben, dass eine göttliche Intervention erforderlich wäre, als sie ihn so jung zu den Priestern geschickt haben. Er war erst vierzehn oder so. Mir war das natürlich nur recht. Drei oder vier Jahre war es ruhig, dann ist er wieder nach Rathgar zurückgekommen – ohne Robe. Ich habe ein paar Erkundigungen eingeholt und gerüchteweise gehört, dass er aus All Hallows rausgeflogen ist. Ein furchtbarer Skandal, hieß es, doch das wurde alles von den Priestern und sämtlichen anderen Beteiligten unter den Teppich gekehrt. Zweifelsohne hat Richter Rinn dabei auch ein paar Leute um einen Gefallen gebeten, damit der Name der Familie nicht in den Dreck gezogen wird. Ich habe dann einen Kumpel in Drumcondra gebeten, seine Kontakte im Seminar spielen zu lassen. Er hat gehört – das sind, wie gesagt, alles nur Gerüchte –, dass der junge Rinn im Sommer an einem Vorfall im Ferienhaus der Rinns in Gweedore beteiligt gewesen wäre, die Priester davon Wind bekommen und ihn daraufhin gebeten hätten, das Seminar zu verlassen. Mehr hat er nicht erfahren. Also habe ich mich selbst noch einmal darum gekümmert. Da muss fraglos irgendetwas vorgefallen sein, aber es ist mir beim besten Willen nicht gelungen, jemanden zum Reden zu bringen. Ich kann nur sagen, dass ich ihn hinterher noch genauer im Auge behalten habe.«

»Und?«

»Und nichts weiter. Ein paar Monate später haben die Großeltern ihn wieder weggeschickt, dieses Mal zur Lehrerausbildung nach Maynooth. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich wohne seit meiner Pensionierung 1995 hier in Kilpedder – also bevor er sein Lehrerexamen abgelegt hatte. Ich nehme mal an, dass er das geschafft hat und Lehrer geworden ist. Ist schon ein tolles Vorbild für die Kinder, finden Sie nicht?«

»Möglich. Ich weiß nicht«, sagte Mulcahy. »Aber um ehrlich zu sein – und ich hoffe, Sie nehmen mir meine Worte nicht übel, Sergeant –, Sie hatten nie irgendwelche Beweise dafür, dass er überhaupt irgendwelche Straftaten begangen hat, oder?«

»Nur das, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Und wenn Sie gesehen hätten, in welchem Zustand einige der jungen Frauen zu mir aufs Revier gebracht wurden, würden Sie es auch glauben. Die waren vollkommen zerschnitten. Dazu die Kälte in seinen Augen, wenn ich ihn vernommen habe. Sie würden das Gleiche denken. Der kleine Schweinehund, Gott sei meiner Seele gnädig, hat es mir gegenüber nicht einmal abgestritten. Er hat einfach nur gewartet, bis sein Großvater gekommen ist und ihn rausgeholt hat. Und die Kripo hat keinen Finger krumm gemacht. Ich muss zugeben, dass es Tage gab, an denen ich ihn am liebsten eigenhändig aufgehängt hätte.«

Mulcahy dachte über das nach, was der Sergeant ihm am Telefon über die Auseinandersetzungen mit Rinn Ende der Achtziger erzählt hatte. Das klang nicht sehr ernst und betraf in erster Linie Vorfälle in Palmerston Park, diesem etwas abgeschiedenen Ortsteil mit gepflegten Vorgärten und Rosenbeeten rund um Großvater Rinns Grundstück. Jetzt erzählte Brennan noch einmal, wie damals im Park nach Einbruch der Dunkelheit mehrmals »Liebespaare« angegriffen worden seien. Ein junger Mann musste sogar ins Krankenhaus eingeliefert werden, weil der Täter ihm mehrfach mit einem Backstein auf den Kopf geschlagen hatte.

»Dieses Mädchen, das ihn Ihren Worten zufolge ziemlich gut gesehen haben soll«, sagte Mulcahy, »wieso ist sie ihm so nahe gekommen?«

»Das war die Freundin des Verletzten. Susan Roche.« Der Zorn war aus Brennans Stimme vollkommen verschwunden. »Ich erinnere mich noch an sie, als wäre es gestern gewesen. Sie hat heulend neben ihrem jungen Freund gesessen, während wir gemeinsam auf den Krankenwagen gewartet haben. Sie war blutüberströmt, hatte selbst auch einen Schlag abbekommen, dabei aber Glück gehabt. Die meisten Verletzungen hatte ihr Freund abgekriegt, der sie halbwegs abschirmen konnte. Ich hab sie ins Krankenhaus gefahren, und unterwegs hat sie mir erzählt, dass sie dem Angreifer ins Gesicht gesehen hat, als der über ihnen stand. Nach ihrer Beschreibung war es eindeutig Rinn, da hatte ich nicht die geringsten Zweifel. Der Fall ist dann aber sofort an die Kripo überstellt worden, und die Jungs … na ja, vernommen haben sie ihn schon, aber man merkte gleich, dass sie einen Anpfiff gekriegt hatten. Wieder einmal dieser verdammte Richter Padraig Rinn. Nie hat ein Richter der Gerechtigkeit einen solchen Bärendienst erwiesen.«

»Das muss ziemlich schwierig für Sie gewesen sein.« Er tat Mulcahy wirklich leid. Bei zwei Gelegenheiten war es ihm ähnlich ergangen, als die Justiz allem Anschein nach unter Druck gesetzt wurde.

»Da haben Sie recht«, sagte Brennan. »Ich hätte beinahe gekündigt. Das war ganz schön hart damals. Aber am Ende hab ich nicht aufgegeben. Weil das Mädchen, die junge Susan, ein paar Monate später zu mir gekommen ist und sich bei mir bedankt hat für das, was ich getan habe. Sie sagte, obwohl sie von den Ermittlungen ziemlich enttäuscht wäre, wüsste sie, dass ich mein Bestes getan hätte. Sie war wirklich nett und hatte das nicht verdient. Sie meinte sogar, sie wäre vielleicht eines Tages in der Lage, ihm zu verzeihen. ›Vielleicht gelingt es mir sogar, ein Vaterunser für ihn zu beten, Sergeant‹, hat sie gesagt. Das hat mich sehr beeindruckt.«

»Wieso?«, fragte Mulcahy, der sich wunderte, warum der alte Mann dabei plötzlich fast zu Tränen gerührt war.

»Weil Rinn ihr das die ganze Zeit entgegengebrüllt hat, während er mit dem Backstein auf ihren Freund einschlug.«

Obwohl sie nur ein paar Stunden zu Hause geschlafen hatte, sah Siobhan tadellos aus, als sie um kurz nach drei Uhr mittags im Sunday Herald aus dem Fahrstuhl trat. Sie hatte sich für ein Betty-Jackson-Top mit rundem Ausschnitt entschieden, dazu eine enge, schwarze Hose und ein Paar spitzer Christian Louboutins, für die sie vor ein paar Monaten ihr Konto überzogen hatte. Sie schlenderte durch die Nachrichtenredaktion und dankte dem Himmel für die Wunder, die Make-up und Lockenwickler bewirken konnten. Kaum hatte sie ihre Tasche auf den Schreibtisch gestellt, stand Paddy Griffin auch schon neben ihr, legte ihr seinen langen Arm um die Schulter und drückte sie an sich.

»Gute Arbeit heute Morgen, Mädchen – besonders der Quatsch mit dem Papstkreuz. Netter Einfall. Nur ein bisschen schade, dass wir das alles auf RTE verschwenden mussten.«

Siobhan befreite sich so höflich, wie es ging, beugte sich über den Schreibtisch und schaltete ihren Monitor an. »Du weißt ganz genau, dass das nicht verschwendet ist. Außerdem haben wir für Sonntag noch genug in petto, da mach dir mal keine Sorgen.«

Griffins Augen leuchteten sofort auf. »Was hast du sonst noch auf Lager?«

Siobhan sah ihn an und lachte. »Du stellst echt keine Ansprüche, was? Nur noch so einen Knüller, oder? Vergiss es. Ich meinte bloß, dass ich das, was ich habe, zu einem tollen Artikel ausarbeiten kann. ›Exklusiver Augenzeugenbericht: Angst und Schrecken im Furry Glen‹.« Sie lachte. »Du weißt schon, etwas in der Art. Mit sämtlichen blutrünstigen Einzelheiten. Die Leute werden uns die Zeitung am Sonntag aus den Händen reißen. Und was hast du?«

Griffin seufzte und wischte die Frage mit der Hand beiseite.

»Eigentlich nichts. Das Außenministerium stand im Abgeordnetenhaus unter Beschuss, ob es eine offizielle Untersuchung über die ›Spanische Invasion‹ geben soll oder nicht. Es heißt jetzt, man könnte einen Ausschuss einsetzen, um die Berichterstattung fürs Erste zu ersticken. Ich hab ein paar Leute darauf angesetzt. Eigentlich wollte ich auch fragen, ob du später Zeit hast, sie dabei zu unterstützen?«

»Ach komm, Paddy. Sieht es aus, als hätte ich nichts zu tun oder was? Oder reicht es dir nicht, wenn man um zwei Uhr morgens aufsteht? Ich hab dir nur den dicksten Fisch der Woche angeschleppt.«

»Bisher ja«, sagte Griffin verdrießlich.

»Bisher ja«, imitierte Siobhan ihn, beugte sich vor und klopfte als Glücksbringer auf ihren Schreibtisch – obwohl das einzig Holzähnliche die Spanplatte unter der Resopalschicht war. »Und wie soll ich mich übertreffen, wenn ich damit beschäftigt bin, die Chancen der Bildung eines stinklangweiligen Untersuchungsausschusses abzuschätzen?«

»Ist ja schon okay!« Griffin hob geschlagen die Hände. »Herrgott, ich hab einen Moment lang vergessen, dass du ja jetzt berühmt bist und für dich plötzlich andere Regeln gelten als für uns Sterbliche. Vergiss es.«

Siobhans triumphierendes Lächeln wurde vom Zirpen ihres Handys unterbrochen. Sie hob die Hand, um Griffins Jammern zu unterbrechen.

»Ja, am Apparat«, antwortete sie kurz darauf, dann weiteten sich ihre Augen. »Ist das Ihr Ernst? Wann? … Ja, natürlich … Um welche Zeit? … Prima. Ja, danke.«

Siobhan klappte das Handy zu, sah auf ihre Uhr und wandte sich wieder an Griffin. »Vielleicht brauchen wir den Artikel über den Untersuchungsausschuss gar nicht.« Sie nahm ihre Tasche vom Schreibtisch. »Du wirst es nicht glauben.«

Als er wieder auf der N11 Richtung Norden fuhr, trat Mulcahy aufs Gas und schlängelte sich so schnell wie möglich durch den dichten Verkehr nach Dublin hinein. Es hatte wirklich nicht geholfen, dass Mrs Brennan, eine rüstige, kleine Frau, die ebenso fit wirkte wie ihr Mann, mit einem Riesenteller voller Räucherlachssandwiches und einer Kanne Tee erschienen war und darauf bestanden hatte, dass er mit ihnen zu Mittag aß. So nett es auch gemeint war, es hatte das Gespräch auf der Stelle beendet. Brennan gehörte nicht zu denen, die in Gegenwart ihrer Frauen über »die Arbeit« sprachen, also hatte Mulcahy sich höflich an den Tisch gesetzt, über das wundervolle Wetter in den letzten Tagen geplaudert und sich gefragt, wo er da hineingeraten war. Natürlich hatte alles, was Brennan ihm über Rinn erzählt hatte, sämtliche Alarmglocken zum Läuten gebracht. Er verstand aber noch immer nicht, warum Rinn nicht irgendwann festgenommen worden war, wenn er so leicht die Kontrolle über sich verlor, wie Brennan behauptete – dann hätte ihm auch sein bedeutender Großvater nicht helfen können. Schließlich hatte sich das in den Achtzigern abgespielt, nicht im verdammten Mittelalter. Und warum hatte Rinn in der Zwischenzeit nicht wieder zugeschlagen? Das wäre doch bestimmt jemandem aufgefallen.

Dabei störte ihn eigentlich nur die Sache mit Caroline Coyle – irgendetwas stimmte da nicht. In diesem Punkt waren sich alle – von seinem Vater bis zu den stiernackigen Zuchtmeistern auf der Polizeischule – einig gewesen: Misstraue dem Zufall. Und sein Bauchgefühl sagte ihm, dass an der Coyle-Geschichte etwas nicht richtig zusammenpasste.

Er wollte gerade einen Lkw überholen, als das Piepen im Radio eine wichtige Nachricht ankündigte.

»Wie aus mehrfachen Quellen gemeldet wird, soll es im sogenannten Priester-Fall zu einer Festnahme gekommen sein.«

Mulcahy drückte auf die Lautstärketaste an seinem Lenkrad. Er wünschte, der Nachrichtensprecher würde schneller reden.

»Vor wenigen Minuten erklärte ein Garda-Sprecher, dass ein Tatverdächtiger festgenommen worden sei. Im Zuge der Entdeckung einer Frauenleiche im Phoenix Park in den frühen Morgenstunden seien die Ermittlungen schnell vorangekommen und hätten innerhalb weniger Stunden zu einer Verhaftung geführt. Der Mann wohnt in Chapelizod und wurde bei sich zu Hause von der Polizei verhaftet.«

Mulcahy stieß einen langen Pfiff aus und stellte das Radio leiser. Gott im Himmel, das war aber schnell gegangen. Was um alles in der Welt war passiert, dass sie so schnell einen Verdächtigen ausfindig gemacht hatten? Als er eine Parkbucht sah, hielt er an. Er musste herausbekommen, was da los war. Er suchte Brogans Namen im Adressbuch und drückte auf die Anruftaste, wurde aber sofort zur Mailbox durchgestellt. Was auch sonst? Wahrscheinlich versuchten Gott und die Welt sie zu erreichen. Er hinterließ eine Nachricht und bat sie, ihn zurückzurufen. Er hatte kaum aufgelegt, als sein Handy klingelte.

»Spreche ich mit Inspector Mulcahy?«

Eine Männerstimme, leise und gebildet, mit den runden Vokalen von Dublin 4. Mulcahy warf einen kurzen Blick auf die Nummer, bevor er antwortete. Er kannte sie nicht.

»Ja, am Apparat.«

»Ich heiße Sean Rinn. Sie haben gestern eine Visitenkarte in meinen Briefkasten eingeworfen und mich gebeten, Sie anzurufen.«

Es war weniger eine Aussage als vielmehr die Frage: Warum? Mulcahy lehnte sich zurück und überlegte, was er darauf antworten sollte. Die Nachricht von der Verhaftung hatte sämtliche Gedanken an Rinn aus seinem Kopf verbannt und stattdessen allem Anschein nach ein Vakuum hinterlassen.

»Äh, ja, Mr Rinn. Vielen Dank für Ihren Anruf. Es geht um einen Fall, in dem Sie letztes Jahr eine Zeugenaussage gemacht haben. Ich würde gerne mit Ihnen darüber sprechen, wenn das möglich wäre.«

»Muss das wirklich sein?«, klagte Rinn. »Ich habe den Gardaí damals alles gesagt, was ich wusste. Das steht alles in meiner Aussage. Es hat sich doch seitdem nichts verändert, oder?«

Mulcahy ärgerte sich darüber, wie er das sagte. Er musste an Caroline Coyle denken, die fast in ihrem eigenen Haus zusammengebrochen wäre. Dann hatte er das Bild vor Augen, das Brennan beschrieben hatte: Ein junger Mann prügelt mit einem Backstein auf einen anderen ein.

»Ja, es handelt sich zwar um eine Routineangelegenheit, ist aber trotzdem erforderlich, Mr Rinn.« Er sah auf die Uhr. Vielleicht war das seine letzte Gelegenheit, in die Sache einzugreifen. Scheiß drauf, warum nicht?

»Hören Sie, ich bin in etwa einer halben Stunde bei Ihnen in der Gegend, Mr Rinn. Sind Sie dann zu Hause?«

Als er dieses Mal auf die Türklingel drückte, wurde er durch das Geräusch von Schritten belohnt, die ihm durch den gefliesten Flur entgegenkamen. Die Tür wurde geöffnet, und der Mann dahinter sah ganz anders aus, als Mulcahy erwartet hatte – Mitte bis Ende dreißig, knapp eins achtzig, schlank, rotblonde Haare und ein schmales Gesicht, das sich in erster Linie durch die Abwesenheit markanter Züge auszeichnete und auf Fotos zweifelsohne unscheinbar wirkte. Nach Brennans Beschreibung hatte er sich Rinn ganz anders vorgestellt – auf jeden Fall jünger. Das einzig Bemerkenswerte an diesem Mann war, dass er sich älter kleidete, als er war: Ein roter Rollkragenpullover hing über seiner dünnen Gestalt, dazu trug er eine recht abgetragene, hellbraune Kordhose und verschlissene braune Lederschuhe.

»Mr Rinn?«

»Steht vor Ihnen.«

»Ich bin Inspector Mulcahy. Wir haben vor einer halben Stunde telefoniert …«

»Ja«, sagte er und betrachtete den Dienstausweis, den Mulcahy hochhielt.

»Darf ich reinkommen?«

»Oh«, sagte Rinn, als hätte er überhaupt nicht damit gerechnet. »Ja, selbstverständlich. Kommen Sie herein.« Er ging zur Seite, und Mulcahy trat in den langen Flur. Der Fußboden war ein ausgetretenes Mosaik aus braunen und weißen Fliesen und endete vor einer breiten Mahagonitreppe, auf der ein abgenutzter, blassgrüner Läufer lag. Die Möbel im Flur waren altmodisch – dunkle, wuchtige Antiquitäten –, und die Gemälde und Bilder an den Wänden wirkten unnahbar und düster.

»Entschuldigen Sie, Inspector«, sagte Rinn. »Ich bekomme nicht viel Besuch. Sollen wir ins Wohnzimmer gehen? Von dort hat man einen schönen Blick in den Garten.«

Mulcahy folgte ihm in einen unwesentlich helleren Raum. Die Möbel wirkten nicht ganz so massig, der verzierte Marmorkamin und die ausgebleichten Seidenrollos mit Quasten und Fransen vermittelten eine gewisse Leichtigkeit. Eine Frauenhand schien an der Gestaltung dieses Raums beteiligt gewesen zu sein.

»Das ist ein schönes, großes Haus mit einem ebensolchen Garten, Mr Rinn«, sagte Mulcahy, trat an die offenen Flügeltüren und blickte auf die grün angelaufenen, breiten Stufen, die in den Garten hinunterführten. Von dieser erhöhten Position war er noch hübscher als bei seinem ersten Besuch. Nur der halbfertige Weg vor den Rabatten auf der linken Seite nahm etwas von der Eleganz.

»Ja, meine Großeltern haben es mir vererbt. Da habe ich großes Glück gehabt. Ich habe ein paar Jahre im Ausland unterrichtet und dabei nie auf großem Fuß gelebt. Und seit meiner Rückkehr wohne ich plötzlich in so einem Palast. Ich bin hier ziemlich viel unterwegs, weil sowohl das Haus als auch der Garten viel Arbeit machen. Aber das ist es wert. Nehmen Sie doch Platz.«

Mulcahy entschied sich für den Sessel, der am nächsten zum Fenster stand.

»Sie sagten, Sie hätten im Ausland gelebt?«

»Ja, bis vor ein paar Jahren.«

»Und jetzt wohnen Sie ganz allein hier?«, hakte Mulcahy nach.

»Ja, das ist richtig«, sagte Rinn. »Warum?«

Mulcahy zuckte die Achseln. »Es ist halt ziemlich groß für eine Person.«

Rinn sagte nichts dazu, also fuhr Mulcahy fort: »Wie ich am Telefon schon sagte, bin ich wegen des Überfalls an der Temple Road im letzten Jahr hier.«

»Ja«, sagte Rinn. »Hässliche Geschichte. Als ich Ihre Karte im Briefkasten gefunden habe, hatte ich gehofft, dass Sie endlich jemand geschnappt haben.«

»Nein, leider nicht. Aber wir sehen uns den Fall noch einmal an. Ich habe mich gefragt, ob wir uns kurz über ein paar Einzelheiten Ihrer Aussage unterhalten könnten?«

»Warum nicht? Wobei ich nicht sicher bin, ob ich mich noch an alles genau erinnern kann, was ich damals gesagt habe.«

»Das ist kein Problem. Ich habe eine Kopie dabei.« Mulcahy klappte den Hefter auf. »Aber vielleicht sollten Sie es mir erst einmal so erzählen, wie Sie sich jetzt daran erinnern – vielleicht ist ja doch noch etwas Neues dabei.«

»Gut, wenn Sie meinen.« Rinn kratzte sich am Kopf und holte tief Luft. »Soweit ich mich erinnere, bin ich um die Zeit die Temple Road entlanggefahren. Es muss ziemlich warm gewesen sein, weil ich das Fenster offen hatte. Ich habe Schreie aus einem Garten gehört und, na ja, es klang, als wäre eine Frau in Schwierigkeiten. Also habe ich angehalten und bin zurückgerannt, bis ich im Vorgarten einen Mann und eine Frau gesehen habe. Die Frau saß zitternd und weinend auf dem Rasen, während der Mann vor ihr stand und versuchte, sie zu beruhigen.« Er schwieg einen Moment, als ließe er sich die Szene noch einmal durch den Kopf gehen, dann fuhr er fort: »Es war so dunkel, dass ich nicht genau erkennen konnte, was da los war. Also habe ich sie angesprochen, worauf der Mann sagte, dass die Frau überfallen worden war und die Polizei schon auf dem Weg ist. Ich kannte den Mann nicht, aber die Haustür stand offen und das Licht brannte, also nahm ich an, dass er dort wohnte. Ich habe ihn gefragt, ob er den Angreifer gesehen hat, und er sagte nein, der wäre wohl in Panik geraten und geflüchtet. Also habe ich mit den beiden gewartet, bis die Polizei und ein Krankenwagen da waren, und am nächsten Tag habe ich, wie man es von mir verlangte, im Garda-Revier in Rathmines eine Zeugenaussage gemacht. Und das ist auch schon alles, Inspector. Ansonsten habe ich leider nichts gehört oder gesehen.«

»Danke, Mr Rinn. Und als Sie der Frau zu Hilfe geeilt sind, ist Ihnen niemand entgegengekommen?«

»Nicht dass ich wüsste. Vielleicht ist er in die andere Richtung …«

»Das wäre dann die Richtung, aus der Sie mit Ihrem Wagen gekommen sind. Da haben Sie aber auch niemanden gesehen, oder?«

»Nein«, sagte Rinn.

»Es war sehr anständig von Ihnen, da anzuhalten.«

»Na ja, wie ich schon sagte, klang es so, als ob die junge Dame in Schwierigkeiten wäre.«

»Und seit Sie diese Aussage gemacht haben, ist Ihnen nichts weiter eingefallen? Manchmal erinnert man sich später noch wieder an etwas, vielleicht nur Kleinigkeiten, die aber …«

»Eindrücke, die man sich in Ruhe vergegenwärtigt?«, unterbrach ihn Rinn, trat vom Kamin an die offene Tür und sah in den Garten.

»Wenn Sie es so sehen wollen.«

»Nein. Ich habe damals lange und intensiv darüber nachgedacht. Der Vorfall hat mich sehr stark beschäftigt. Sie können sich vorstellen, dass solche Dinge hier nicht sehr oft passieren.«

Mulcahy starrte ihn an und fragte sich, wie intensiv und wie oft Rinn hinterher wohl darüber nachgedacht haben mochte.

»Ich hatte gehofft, Sie könnten mir etwas genauer beschreiben, wie Sie auf diesen Vorfall aufmerksam geworden sind, Mr Rinn. Anhand Ihrer Aussage ist mir das nicht ganz klar geworden.«

Rinn drehte sich um und sah ihn mit überraschter Miene an. »Nicht? Ich dachte, ich hätte das sehr deutlich gemacht.«

Mulcahy sagte nichts.

»Also, wie ich schon sagte, bin ich die Straße entlanggefahren.«

»Wohin? Und von wo sind Sie gekommen?«, hakte Mulcahy nach.

»Oh, daran kann ich mich leider nicht mehr erinnern, Inspector. Ich nehme an, dass ich von irgendwoher nach Hause gekommen bin.«

»Dann haben Sie nicht gearbeitet?«

»Gearbeitet?« Rinn klang überrascht. »Das war um zehn Uhr abends.«

»Viertel vor zehn«, warf Mulcahy hilfsbereit ein.

»Gut möglich«, sagte Rinn jetzt leicht gereizt. »Das Entscheidende daran ist allerdings, Herr Inspector, dass die Zeit keine Rolle spielt, weil ich sowieso nicht gearbeitet hätte. Ich arbeite nämlich nicht. Ich habe, wie gesagt, großes Glück gehabt. Meine Großeltern haben mich gut versorgt hinterlassen. Ich brauche nicht zu arbeiten, also tue ich es nicht.«

Jetzt war Mulcahy überrascht. »In Ihrer Aussage steht doch, dass Sie von Beruf Taxifahrer sind.«

Mulcahy hatte noch nie einen Unterkiefer so schnell herabfallen sehen. Dann fing Rinn an laut zu lachen. »Taxifahrer? Ich? Sie müssen mich mit jemandem verwechseln, Inspector. Oder einer Ihrer Kollegen hat Ihnen einen Streich gespielt. Wo steht das? Zeigen Sie mal.«

Mulcahy schlug die Akte auf und prüfte die Aussagen. Aber dort, in dem Feld für die Berufsangabe, stand tatsächlich Taxifahrer. Er zeigte es Rinn und deutete auf seine Unterschrift am unteren Seitenrand.

»Tut mir leid, Inspector, aber da muss jemandem beim Abtippen ein Fehler unterlaufen sein. Wenn es mir damals aufgefallen wäre, hätte ich es natürlich nicht unterschrieben. Aber Sie werden sicher bemerken, dass es in meiner Aussage nirgends einen Hinweis auf eine solche Tätigkeit gibt. Das ist ausgeschlossen. Ich habe sie damals gründlich durchgelesen.«

Mulcahy überflog die eigentliche Aussage und musste Rinn recht geben – darin wurde kein Taxi erwähnt, nur ein Auto. Wie konnte er das übersehen? Irgendwie musste der Garda, der die Aussage aufgenommen hatte, falsche Personalangaben eingetragen haben. Und dadurch war Mulcahy einer vollkommen falschen Spur gefolgt. Und mehr noch, er kam sich vor Rinn wie ein absoluter Trottel vor.

Mulcahy stand auf, entschuldigte sich bei Rinn für die Störung und machte sich auf den Weg zur Tür, als sein Blick an einem kleinen, leuchtenden Gemälde an der Wand hängen blieb: Vor einer üppigen Küstenlandschaft pflügte ein Segelboot durch blaugrünes Wasser. Es erinnerte ihn so sehr an die Segeltörns mit seinem Vater in den Sommerferien in Cork, dass er stehen bleiben und es ansehen musste. Irgendwie war es dem Maler gelungen, die ganze Freude am Segeln in einer einzigen Szene einzufangen.

»Was für ein schönes Gemälde.« Mulcahy beugte sich näher heran und las das kleine, im Rahmen eingelassene Messingschild: »Gweedore im Sommer« von Padraig Rinn.

»Ja, mein Großvater war ein talentierter Hobbymaler«, sagte Rinn.

»Sieht so aus.« Mulcahys Augen waren immer noch vom Wirbel aus blauen und grünen Farben auf der Leinwand gefangen, trotzdem spürte er, wie Rinns Stimmung von einem Moment auf den anderen umschlug.

»Das ist so sommerlich«, sagte Mulcahy. »Man spürt förmlich, wie die Sonnenstrahlen vom Wasser reflektiert werden.«

»So ist es.« Rinn schien sich extrem unwohl zu fühlen und fummelte am Kragen seines Pullovers herum, der für einen Tag wie diesen viel zu warm war. Ganz kurz nur erhaschte Mulcahy dabei einen Blick auf eine ungewöhnliche Narbe aus dunkler, gekräuselter Haut an seinem Hals, und er dachte daran, wie Brennan ihm erzählt hatte, dass Rinn bei dem Unfall seiner Eltern schwere Verletzungen davongetragen hatte. Das erklärte zumindest den Rollkragenpullover. Dann fiel es ihm wieder ein – Brennan hatte auch etwas von Gweedore gesagt – da sollte irgendetwas vorgefallen sein.

»Gweedore?«, sagte Mulcahy und sah Rinn in die Augen. »Das ist doch oben in Donegal, oder?«

»Das stimmt«, erwiderte Rinn leicht gepresst.

»Haben Sie da Verwandte?«

»Mein Großvater ist da aufgewachsen. Er ist mit uns jedes Jahr in den Gerichtsferien einen Monat da raufgefahren. Es gibt dort schöne Strände, an denen man schwimmen gehen kann, und Ruderboote zum Angeln. Außerdem war er ein leidenschaftlicher Segler.«

»Das sieht man«, sagte Mulcahy, in dessen Ohren Rinns Tonfall nicht unbedingt leidenschaftlich klang. »Wenn ich das richtig verstehe, fahren Sie da aber nicht sehr oft hin?«

»Nein«, sagte Rinn. »Ich bin seit Jahren nicht mehr da gewesen. Warum fragen Sie?«

Wieder spürte er die Anspannung, die von Rinn ausging.

»Nur so«, sagte Mulcahy. Eine seltsame Reaktion. Was um alles in der Welt versuchte Rinn zu verheimlichen? Ging es vielleicht um den Großvater?

»Ist er das?«, fragte Mulcahy und deutete auf ein altes Foto in einem Glasrahmen auf dem Kamin. Es war das Porträtfoto eines mürrisch dreinblickenden Mannes mit nach hinten gekämmten Haaren, einer fleischigen Nase und einer dicken Schildpattbrille. Seine Miene wirkte so steif und unnachgiebig wie der gestärkte Hemdkragen, der sich in seinen Hals drückte. Daneben stand ein weiteres Foto, das von Hand in gedeckten Farben retuschiert worden war, auf dem eine Gruppe junger Männer in grünen Uniformen in Habtachtstellung standen. Mulcahy sah, dass der Mann in der Mitte derselbe war wie der auf dem Porträt – er war jünger, trug aber dieselbe, dicke Brille und eine goldene Amtskette um den Hals. Im Hintergrund hing ein langes, weißes Spruchband mit der Aufschrift: Internationaler Eucharistischer Kongress 1932.

Rinn hatte seine Frage nicht beantwortet, daher drehte Mulcahy sich um und wiederholte sie: »Ist das Ihr Großvater, Sir?«

»Ach, Herrgott noch mal …«, platzte Rinn heraus, der seine Anspannung nicht mehr in den Griff bekam. »Ja, das ist er. Aber bitte, Inspector, wenn Sie zur Sache keine Fragen mehr haben … Ich muss wirklich weitermachen.«

Mulcahy starrte Rinn ein paar Sekunden lang an, warf dann einen letzten Blick auf das Bild mit dem Segelboot und machte sich auf den Weg durch den düsteren Flur zur Haustür.

»Gut, Mr Rinn. Falls Ihnen doch noch irgendetwas einfällt, haben Sie ja meine Nummer.«

Als er im Saab saß und darüber nachdachte, wie er Brogan erklären sollte, dass sein toller Hinweis mit dem Taxifahrer sich als Tippfehler eines uniformierten Trottels herausgestellt hatte, klingelte sein Handy. Wieder eine Stimme, die er nicht kannte. Dieses Mal eine Frau.

»Hier spricht Noreen aus Superintendent Healys Büro, Inspector. Er will Sie sehen.«

Mulcahy sah auf die Uhr. Fünf nach halb drei. Gott allein wusste, wie voll die Straßen waren.

»Ich bin gerade auf dem Rückweg, Noreen. Ich brauche wohl noch etwa eine halbe Stunde.«

»Dann sagen wir gegen drei?«

»Ja, in Ordnung.«

Das Gespräch wurde unterbrochen. Er ließ den Wagen an und fuhr los. Zu diesem Meeting wollte er wirklich nicht zu spät kommen.

Gerade als er am Harcourt Square in den Fahrstuhl stieg, klingelte sein Handy wieder. Brogan rief endlich zurück. Er ließ den Lift fahren, ging in eine ruhige Ecke, gratulierte ihr zu dem Erfolg und erkundigte sich nach Einzelheiten. An ihrer erregten Stimme merkte er, dass sie noch in Hochstimmung war.

»Wenn ich ehrlich bin«, sagte sie, »hat es mehr mit Lonergan zu tun als mit uns. Der Mann ist ein echter Glückspilz: Plötzlich ging alles einfach unglaublich schnell. Als die Leute im Labor die Leiche für die Untersuchung vorbereitet haben, ist einem offenbar ein Stück Papier aufgefallen, das irgendwie an der Plastikfolie klebte. Es war zerrissen, trotzdem konnte man noch ein paar fast unleserliche Buchstaben erkennen und eine Art Code. Ich sag Ihnen, Mike, wenn sie wollen, können die Leute ein Wahnsinnstempo vorlegen. Die haben nicht einmal eine Stunde gebraucht, um es zu einem Garten-Großhandel zurückzuverfolgen – Hartigans in Chapelizod. Sie wissen ja, wie nah das am Phoenix Park ist. Also sind wir alle mit quietschenden Reifen hin, und der schlaksige Typ im Laden sagt: ›Oh ja, das sind die letzten Ziffern von einer Bestellnummer‹, als wäre es nicht weiter wichtig.«

Er hörte, wie sie am anderen Ende abbrach und gedämpft etwas zu jemand anders sagte. Dann war sie wieder da. »Sind Sie noch dran?«

»Ja, erzählen Sie weiter.«

»Okay, hören Sie, ich muss gleich los, also kann ich nicht ins Detail gehen. Jedenfalls, der Typ bei Hartigans guckt in die Unterlagen und sagt: ›Ja, da ist es. Wir haben eine halbe Tonne Mulch an einen Gärtner namens Emmet Byrne geliefert.‹ Und einer vom Revier vor Ort, der ihn kennt, sagt, Byrne war schon einmal wegen eines unsittlichen Angriffs vorgeladen. Also rasen wir zu ihm, und als wir da ankommen, steht ein weißer Ford Transit vor dem Haus, die Schiebetür ist offen, und auf dem Boden liegen jede Menge Säcke mit diesem Mulch-Zeug. Und woraus sind diese Säcke? Aus genau den roten Plastikfasern, die wir an den anderen Opfern gefunden haben. Also, das war so eindeutig, das konnte gar nichts anderes sein. Also hatten wir ihn da gleich mit heruntergelassenen Hosen erwischt. Es war fantastisch.«

Mulcahy lachte, als sie das Gespräch wieder unterbrach. Ihre Begeisterung war selbst übers Telefon ansteckend. Dann musste sie weg. »Lonergan hat mich gerufen. Wir gehen jetzt zur Pressekonferenz. Ich muss los.«

»Ja, viel Glück dabei und …«

Doch sie hatte schon aufgelegt, bevor er den Satz beenden konnte.

Healy ließ ihn fünf Minuten warten, dann summte Noreens Sprechanlage, und Mulcahy wurde in sein Büro geschickt. Dieses Mal lag es im Halbdunkel – nur das Leuchten eines riesigen Flachbildfernsehers an der Wand ergänzte das wenige Licht, das zwischen den geschlossenen Vorhängen hindurch in den Raum fiel. Healy stand mit der Fernbedienung in der Hand vor seinem Schreibtisch und erhöhte die Lautstärke der eingeschalteten Pressekonferenz. Die Kameras zeigten ein Podium mit einem langen Tisch, an dem vier Personen – eine in einer geschmückten Uniform, zwei in Anzügen, eine in einem Kostüm – vor diversen Mikrofonen saßen und Fragen beantworteten. Brogan war die einzige Frau auf dem Podium.

»Brendan, ich habe gerade gehört …«

Healy legte einen Finger über die Lippen und winkte in Richtung des Stuhls vor seinem Schreibtisch. »Nehmen Sie einen Moment Platz, Mike. Das dauert nicht mehr lange. RTE überträgt die Pressekonferenz live.«

Ein verpixeltes Foto des Mannes, an dessen Festnahme sie alle so hart gearbeitet hatten, wurde eingeblendet. Der kräftig gebaute Garda Commissioner Thurloch Garvey mit den dichten Augenbrauen und der grauen Uniform, an der so viel Gold baumelte, dass man damit die Wirtschaft eines Drittweltstaats ein Jahr hätte stützen können, sah aus, als wollte er die Konferenz so schnell wie möglich beenden, obwohl er fragte, ob noch jemand etwas zu sagen hätte oder wissen wollte. Die Kamera schwenkte auf den Raum, wo diverse Arme in die Höhe gereckt wurden, und zoomte auf eine bestimmte Person in einer Gruppe drängelnder Reporter. Mulcahy erkannte Siobhan Fallons lockige, schwarze Haare und den wohlgeformten Körper sofort. Das hatte ihm jetzt noch gefehlt, besonders mit Healy neben sich.

»Finden Sie nicht, dass das alles ein bisschen zu glatt lief, Commissioner Garvey?«, fragte Siobhan mit ihrem typischen Lächeln. »Ich meine, gestern Nacht wird eine Leiche gefunden, und heute Mittag präsentieren Sie einen Verdächtigen. Und das trotz der Tatsache, dass ein anderes Team von Detectives schon eine ganze Weile nach dem Priester gesucht hat.«

Garvey fuhr hoch. »Das ist eine lächerliche Unterstellung. Natürlich haben wir uns das nicht einfach gemacht. Die nächste Frage bitte.«

Die Kamera schwenkte wieder auf die Reportergruppe, in der ein entrüsteter Schrei erklang. Siobhan versuchte, eine Folgefrage zu stellen, Commissioner Garvey ignorierte sie jedoch. »Okay«, sagte er ins Mikrofon. »Wenn es nichts weiter gibt, ist die Pressekonferenz hiermit beendet. Alle weiteren Fragen richten Sie bitte über die Pressestelle der Garda an Superintendent Lonergan. Herzlichen Dank Ihnen allen.«

Als sie ihre Papiere zusammensammelten und den Raum verließen, schaltete RTE zurück ins Studio, worauf Healy die Fernbedienung auf das Gerät richtete und den Ton leise stellte.

»Die kann einem ganz schön den Nerv rauben«, sagte er, als er um den Schreibtisch zurückging und sich auf den Drehstuhl setzte.

Mulcahy hielt es für das Klügste, nicht darauf zu antworten.

»Für uns ist es jedenfalls ein toller Erfolg«, fuhr Healy fort.

»Klingt so – und es scheint ja auch schon in trockenen Tüchern zu sein.«

»Haben Sie mit Claire gesprochen?«

Mulcahy nickte.

»Sobald die Ergebnisse aus dem Labor da sind«, sagte Healy, »haben wir das im Sack. Das hat Lonergan mir persönlich gesagt.«

»Ein bisschen schade, dass seine Leute die ganze Anerkennung dafür bekommen.«

Das Leder des Stuhls quietschte, als Healy sich nach vorne beugte, die Ellbogen auf den Tisch stemmte, die Finger an die Nase drückte und Mulcahy ansah.

»Ach, damit habe ich ehrlich gesagt kein Problem. Die Vorbereitung für den Generalstaatsanwalt wird noch eine Heidenarbeit sein, außerdem lief das Ganze von Anfang an schlecht für uns. Es ist nie gut, wenn Politiker sich zu sehr einmischen.« Während er das sagte, machte Healy eine wegwerfende Handbewegung in Richtung des Papierkorbs. Mulcahy überlegte, ob Healy wirklich froh war, die Verantwortung für den Fall los zu sein.

»Na ja, sei es, wie es sei«, fuhr Healy fort. »Jedenfalls werden jetzt alle Ermittlungen unter der Leitung von Lonergan und seinem Team weitergeführt. Aber ein Punkt ist noch offen, und den will der Minister schnell geklärt haben. Es geht um die Verwicklung der Spanier in die Sache – die der Regierung, wie Sie sicher wissen, in nicht unerheblichem Maße zu schaffen macht. Vor allem dank Ihrer Freundin Fallon und ihren Kollegen.«

Es musste einen Riss in dem Pokerface gegeben haben, das Mulcahy aufgesetzt zu haben glaubte, denn Healy lehnte sich lächelnd zurück.

»Keine Sorge, Mike. Sie sollen nur nach Madrid fliegen und uns eine Aussage von der jungen Jesica Salazar besorgen. Ich habe heute Morgen einen Anruf bekommen, dass es ihr wieder ganz gut geht und sie bereit für eine Vernehmung ist.«

»Ich dachte, um die Angelegenheit kümmern Sie sich jetzt persönlich?«

Healy rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl vor. »Ja, also, laut diesem Martinez, der mich angerufen hat, besteht Señor Salazar darauf, dass die Vernehmung von jemandem durchgeführt wird, den das Mädchen schon kennt, und dabei hat er dann Ihren Namen genannt. Außerdem hat es den Vorteil, dass die Kontinuität der Beweiserhebung gewahrt bleibt, und der Minister legt auch großen Wert darauf, dass sich durch … äh … Miss Salazars unorthodoxe Entfernung aus unserem Zuständigkeitsbereich keine Lücken in der Beweisführung ergeben. Besonders weil auch die Bildung eines öffentlichen Untersuchungsausschusses droht. Da Sie das Mädchen also schon einmal vernommen haben und die Empfindlichkeiten aller Beteiligten kennen, halten wir Sie für den richtigen Mann.«

Mulcahy musste sich ein Lächeln verkneifen. Er wusste verdammt gut, dass das nur auf Martinez’ Betreiben zustande gekommen sein konnte. Der musste jede Menge Fäden gezogen haben, um das so hinzubiegen.

»Und? Wollen Sie gar nichts dazu sagen?«

»Ja. Ich meine nein, Sir«, stammelte Mulcahy. »Begleitet mich denn noch jemand?«

»Nein. Sie fliegen nur kurz rüber, um das Mädchen zu vernehmen. Als Zeugen können Sie sich dort jemanden suchen. Ich werde Lonergan noch fragen, ob Sie ein paar Fotos von dem Festgenommenen mitnehmen sollen. Vielleicht hat das Mädchen ihn ja gesehen und kann ihn eindeutig identifizieren. Allerdings brauchen wir das in diesem Stadium womöglich auch gar nicht unbedingt. Angeblich kann sich das Mädchen an so gut wie nichts erinnern. In erster Linie handelt es sich also um eine Formalität, trotzdem müssen wir schnell auf das Angebot reagieren. Lonergan kann dann später immer noch einen von seinen Leuten hinschicken, falls dem Mädchen im Nachhinein doch noch irgendetwas einfällt. Aber von unserer Seite will ich es erst einmal beendet haben, okay?«

»Natürlich.«

»Gut. Noreen hat Ihre Flugdaten. Sie fliegen schon morgen. Ich weiß, dass das recht kurzfristig ist, aber wir wollen das so schnell wie möglich hinter uns bringen.«

»Kein Problem.« Mulcahy sah Healy an, der scheinbar wieder vollkommen vom Bild des stumm geschalteten Fernsehers eingenommen war. »Ist das dann alles, Brendan?«

»Nein, Mike, eins noch.« Healy beugte sich vor. »Heute Morgen hat mich Chief Superintendent Murtagh von der Southern Region angerufen. Er sagte, in Cork wäre eine Stelle frei geworden, an der Sie Interesse hätten.«

Mulcahys Laune verbesserte sich. Dowling musste sich endlich entschlossen haben, die Abfindung zu akzeptieren – und das Timing hätte kaum besser sein können. »Ja, es geht um die Leitung der Drogenfahndung. Er hält mich für geeignet.«

»Das wären Sie auf jeden Fall, Mike«, sagte Healy lächelnd. »Da hege ich nicht den geringsten Zweifel. Ich musste Superintendent Murtagh allerdings mitteilen, dass Sie sein Angebot leider nicht annehmen können.«

Mulcahys Körper schien plötzlich vollkommen hohl zu sein, in seinem Kopf herrschte ein Vakuum.

»Wie bitte?«

»Ich habe Murtagh gesagt, dass Sie die Stelle nicht annehmen können.«

»Warum denn das nicht?«

»Also, ich hielt das für offensichtlich. Da Brogan bis auf Weiteres für Lonergans Mordkommission abgestellt ist, fehlt uns hier ein Inspector. Daher kann ich es mir nicht leisten, Sie auch gehen zu lassen. Besonders in der jetzt so aufgeheizten Atmosphäre. Also müssen Sie bei der Sitte bleiben, bis Brogan wieder zurückkommt.«

Es traf ihn wie ein Schlag in den Unterleib, und Mulcahy spürte, wie die Luft aus seinem Körper entwich.

»Aber um Himmels willen, Brendan, das kann ewig dauern. Was ist mit dem Job? Ich habe monatelang auf so eine Gelegenheit gewartet.«

»Das ist ein ziemlicher Rückschlag, ich weiß, Mike, aber ich kann es mir wirklich nicht leisten, Sie jetzt gehen zu lassen. Selbst wenn ich Ihnen einen Gefallen tun wollte …«, er schwieg einen Moment und füllte die Pause mit einem rachsüchtigen Lächeln, »… wäre ich dazu nicht in der Lage. Da würde ich mich selbst in Teufels Küche bringen. Und Murtagh war sehr verständnisvoll, wie er Ihnen sicher selbst mitteilen wird. Wenn Sie also aus Madrid zurückkommen, können Sie in Brogans Büro ziehen, dann sag ich Ihnen auch, welche Fälle da anstehen. Wir müssen natürlich auch ein paar Leute für Sie suchen, weil Brogan ihre ja mitgenommen hat.«

Den Rest hörte Mulcahy nicht mehr. Das laute Wummern in seinem Kopf übertönte alles.

Er musste irgendwohin, sich setzen und beruhigen, damit der quälende Schmerz wieder abflaute, der sich in seinem Kopf eingenistet hatte. Herrje, was für ein Idiot er war. Wieso hatte er das nicht kommen sehen? Als er gehört hatte, dass Brogan versetzt wird, hätte er Murtagh selbst anrufen und nachfragen müssen, wann er gebraucht wurde. Dann hätte er Healy wenigstens vorbereitet gegenübertreten und sich eine Antwort zurechtlegen können. Aber jetzt? Jetzt war er einfach in den Arsch gekniffen. Er sah den Reiseplan in der Hand an. Kaum war er aus dem Büro gekommen, hatte Noreen sich auf ihn gestürzt. »Es ist der Aer-Lingus-Flug um neun Uhr fünfzehn nach Madrid. Check-in ist um 8.15 Uhr, Ankunft …« Wieder hatte er kaum etwas mitbekommen. Ohne weiter nachzudenken, ging er zurück in den vierten Stock. Er sah, dass die Tür zum Einsatzzentrum offenstand und war sicher, dass der Raum jetzt leer war. Aber das war ein Irrtum. Ein böser Irrtum.

»Wie geht’s, Inspector?«

Herrgott noch mal, was zum Teufel hatte Cassidy hier zu suchen?

»Sergeant? Ich dachte, wir würden Sie hier nicht mehr so schnell wiedersehen.«

»So viel Glück haben Sie nicht«, grunzte Cassidy, nahm das mit Reißzwecken befestigte, auf DIN-A3 vergrößerte Foto von Catriona Plunkett von der Tafel und rollte es auf.

Einen Moment schoss Mulcahy der schreckliche Gedanke durch den Kopf, dass auch Cassidy nicht zur Mordkommission versetzt worden sein könnte und er mit dem Mann zusammenarbeiten sollte, aber anscheinend blieb ihm zumindest diese Schmach erspart.

»Ich bin gerade von der Obduktion des Mädchens gekommen«, sagte Cassidy. »Ich dachte, ich geh eben rein und hol den Rest hier ab. Sie war erst vierzehn, wussten Sie das?«

In Cassidys Stimme lag echte Wut, und Mulcahy hatte den Eindruck, dass auch er etwas Ruhe und Zuflucht im leeren Einsatzzentrum gesucht hatte. Mulcahy dachte an das tote Mädchen und merkte, dass diese Tragödie ihn viel mehr belastete als die Probleme mit seiner Karriere.

»Herrje, so jung«, sagte er. »Dann konnte sie aber ziemlich schnell identifiziert werden.«

Cassidy nickte, nahm die Fotokopien der Laborberichte von der Wand und stapelte sie vor sich. »Paula Halpin aus Dartry. Sie wurde am Dienstagabend von ihren Eltern vermisst gemeldet. Ist zum Laden gegangen, um für ihre Mutter Kippen zu kaufen, und nicht mehr zurückgekommen.«

»Gott, wie soll man mit so etwas leben?«, sagte Mulcahy, der an die Schuldgefühle der Mutter dachte. »Aus Dartry, haben Sie gesagt?«

Irgendwie kam ihm das komisch vor. Es gab jedoch kein typisches Muster der Orte, an denen der Priester seine Opfer suchte. Cassidy sah ihn an, als wollte er sagen: Was ist damit?

Mulcahy kümmerte sich nicht darum. »Und wie ist die Obduktion gelaufen? Ist die Todesursache schon bekannt?«

Cassidy starrte ihn weiter an, als überlege er, ob er es ihm mitteilen sollte. Schließlich wandte er sich wieder ab und nickte. »Das vorläufige Ergebnis lautet, dass sie an einem schweren Koronarinfarkt gestorben ist.«

»Ein Herzanfall?«

»Ja, ausgelöst durch einen Schock aufgrund der schweren Verletzungen, meinte der Doc. Offenbar litt sie schon seit der Geburt an Herzrhythmusstörungen. Deshalb wollen sie sich die Leiche auch noch mal genauer angucken.«

»Das arme Kind«, sagte Mulcahy kopfschüttelnd.

»Das können Sie laut sagen«, murmelte Cassidy und stapfte davon.

Der Long Hall war menschenleer. Die Mittagspause war längst vorbei, und für ein Feierabendbier im Pub war es noch zu früh. Mulcahy, der dankbar war, endlich allein zu sein, setzte sich an der langen Mahagonitheke auf einen Hocker, bestellte sich ein Bier und dachte an das letzte Mal, als er hier gewesen war – mit Siobhan Fallon. Und an die andere Nacht, die Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, bevor die ganze Geschichte mit dem Priester losgegangen war. Herrgott, in letzter Zeit war wirklich alles in die Hose gegangen.

Der Barkeeper musterte ihn mit einem eigenartigen Blick, als er das Glas vor ihn hinstellte, und Mulcahy merkte, dass er sich auf den Tresen gelehnt, sich die Schläfen massiert und wie ein Irrer in den riesigen viktorianischen Spiegel hinter der Bar gestarrt hatte. Er richtete sich auf, atmete tief durch und sammelte sich. Dann griff er nach dem Bier und nahm einen kräftigen Schluck. Sofort verströmte das kühle Stout in seinem Körper eine gewisse Ruhe. Doch der Gedanke, dass er die Stelle im Süden nicht bekommen hatte, machte ihn sofort wieder wütend. Er nahm noch einen Schluck Bier und versuchte, vernünftig über seine Situation nachzudenken. Brogan und ihre Leute könnten Monate brauchen, den Fall für den Generalstaatsanwalt vorzubereiten – sofern sie überhaupt den richtigen Mann gefasst hatten. Und jetzt, wo sie diesen Byrne in Gewahrsam hatten, konnte man sicher sein, dass sie sich Zeit ließen, um alles richtig hinzubekommen. Und Healy würde stur bleiben und ihm jeden Job versperren, der sich währenddessen in der Drogenfahndung auftat. Mit anderen Worten, er war total am Arsch – und musste sich jetzt um prügelnde Ehemänner, Vergewaltiger und Kinderschänder kümmern.

Mulcahy fing an, im Geiste in seinem Adressbuch nach einflussreichen Freunden und Bekannten zu suchen. Wen könnte er anrufen, damit er ihm aus dieser Patsche half? Er wusste jedoch, dass es keinen Sinn hatte. Er hatte schon nach seiner Rückkehr aus Madrid sämtliche Gefallen eingefordert, und die hatten ihm gerade einmal auf Betreiben von Brendan Healy einen Platz beim NBCI eingebracht. Er nahm noch einen großen Schluck. Der Gedanke, dass Healy hämisch grinsend an der Kette zog und seine Karriere so das Klo hinunterspülte, war nahezu unerträglich. Vielleicht war es an der Zeit, dem Unvermeidlichen ins Auge zu sehen, dachte er und ließ den Rest vom Bier im Glas kreisen. Vielleicht war es an der Zeit, das Handtuch zu werfen.

Er wollte gerade das nächste Bier bestellen, als er sich selbst im Spiegel sah und etwas in seinem Kopf klick machte. Was hatte ihn gestört, als Cassidy vorhin von diesem ermordeten Mädchen erzählt hatte? Paula Halpin. Aus Dartry. Das war’s. Dartry war nicht weit vom Haus seiner Eltern. Oder, um es genauer zu sagen, es war meilenweit von Chapelizod entfernt, wo Byrne wohnte und arbeitete, aber gleich um die Ecke von Palmerston Park und Rinns Haus.

Er versuchte, den Gedanken beiseitezuschieben. Es brachte nichts, sich darauf zu konzentrieren. Sie hatten schon jemanden verhaftet. Und Rinn schien ein ganz normaler, vielleicht sogar recht respektabler Mann zu sein – abgesehen davon, dass er sich über seine Vergangenheit etwas verschlossen gab. Trotzdem ließ ihn der Gedanke nicht los: Dartry. Er sah ein junges Mädchen vor sich, vierzehn Jahre alt, mit schneeweißer Haut und lockigen, kastanienbraunen Haaren, das von der Milltown Bridge aus die Dartry Road entlangschlenderte, an den alten Laundry Mills und Trinity Hall vorbei. In der Hand hielt sie ein kleines, rotes Plastik-Portemonnaie, und um ihren Hals hing ein glitzerndes Kreuz. Aber statt den Hügel hinaufzugehen in Richtung Licht und Leben, nahm sie die Abkürzung durch …

»Wollen Sie noch eins?«

Der Barkeeper schreckte Mulcahy auf und riss ihn aus seinen Gedanken. Er hielt ein leeres Glas hoch. Mulcahy schüttelte den Kopf und zog sein Handy aus der Tasche.