Prolog
War es wirklich Glück? Manche würden es wohl Schicksal nennen. Andere darin die lenkende Hand Gottes erkennen. Fast hätte er sie verpasst. Zwischen den Schatten, den Bäumen und den am Straßenrand geparkten Autos blitzte im Lichtkegel seiner Scheinwerfer ein weißes Oberteil und etwas Goldglänzendes auf. Nur dank der erhöhten Sitzposition im Lieferwagen war sie ihm überhaupt aufgefallen. Bis ihm das Ganze richtig bewusst wurde, war er auch schon vorbei. Aber er kannte sich hier aus. Die ruhigen Wohnstraßen verliefen in rechten Winkeln. Er bog an der nächsten Ecke links, dann dreimal rechts ab und befand sich wieder auf der Hauptstraße – näherte sich ihr jetzt langsam von hinten.
Sie war kaum dreißig Meter weitergekommen, schlenderte langsam dahin, als gäbe es kein Morgen – wie sie das alle machten. Er sah in den Rückspiegel. Nichts. Spähte nach vorn. Außer ihr war keine Seele zu entdecken. Er brauchte nicht einmal anzuhalten, um sie zu fragen. Im Vorbeifahren versuchte er, sie sich genauer anzusehen, sie wurde aber teilweise von einem Laternenpfahl verdeckt, so dass er nur einen flüchtigen Eindruck bekam. Der reichte jedoch. Er fuhr noch etwa fünfzig Meter weiter, parkte dann vorsichtig auf dem Seitenstreifen, stellte den Motor und das Licht aus. Dann brauchte er nur noch zwischen den Sitzen hindurch nach hinten in den Laderaum zu schlüpfen, um den Druckanzeiger zu prüfen und alles zurechtzulegen.
Er beobachtete sie durch die eckigen, getönten Fenster in den Hecktüren. Offenbar hatte sie nicht gemerkt, dass er gehalten hatte. Anscheinend merkte sie im Moment sowieso nicht viel. Ihm stockte vor Aufregung der Atem, als sie Schritt für Schritt näher kam und er sie zum ersten Mal richtig ansehen konnte. Dunkle Haare, schulterlang und glänzend, ein enges, weißes Oberteil, das ihre Brust betonte und einen Streifen Bauch freiließ, darunter ein winziger Fetzen, der ihr Hinterteil gerade bedeckte. Am Hals schimmerte Edelmetall. Typisch.
Er versuchte, ruhig zu atmen, nutzte die Entspannungstechnik, die der Arzt ihm beigebracht hatte. Er konzentrierte sich, achtete darauf, dieses Mal alles richtig zu machen. Im Kopf war er es immer wieder durchgegangen, die Erfahrung hatte ihn jedoch gelehrt, dass er in solchen Situationen mit unvorhersehbaren Ereignissen rechnen und entsprechend reagieren musste. Ein paar Meter noch. Er schloss die Augen, bekreuzigte sich und zählte von zehn an rückwärts. So war es einfacher. In der linken Hand hielt er den Sack, die rechte lag auf dem Griff der seitlichen Schiebetür. Stundenlang hatte er daran gearbeitet, den Gleitmechanismus zu verbessern. Dann riss er die Tür auf, sprang aus dem Wagen, landete perfekt nur gut einen Meter vor ihr, die rechte Hand jetzt zur Faust geballt, die wie eine Rakete direkt auf ihr Gesicht zuschoss. Sie war so überrascht, dass sie nicht einmal dazu kam, einen Schritt zurückzutreten – oder auch nur Angst zu empfinden.