24. KAPITEL

Vierundzwanzig Stunden, nachdem das Computersystem von Ellis Enterprises von einem einfallsreichen und rachsüchtigen Typ gehackt worden war, befand ich mich mit Rogan und seinem Vater auf einem Bahnsteig. Außer uns war niemand dort. Es war ein geheimer Ort, den nur wenige Menschen kannten.

Und ich war nun einer dieser Menschen – oder zumindest kannte ich einen der wenigen Menschen.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und wartete. Rogan stand schweigend neben mir. Gareth war an seiner Seite.

Der Shuttle, mit dem ich meine Reise in die Kolonie und zum Iris-Institut beginnen würde, sollte in ein paar Minuten hier sein.

Sowie die ersten Lichter wieder angegangen waren, hatte es nur noch ein paar Minuten gedauert, ehe der Sicherheitsdienst in dem Raum im zweiten Untergeschoss eingetroffen war. Umgehend war Gareth in ein Krankenhaus gebracht worden. Rogan ebenso. Bei beiden waren schwere Verletzungen behandelt worden. Im Moment hielten die Ärzte es für zu gefährlich, die Implantate in ihren Köpfen herauszuoperieren. Jonathan war der Experte auf diesem Gebiet gewesen, und niemand sonst wollte das Risiko einer sofortigen Entfernung wagen.

Bei mir waren kleinere Wunden versorgt worden, wie zum Beispiel mein verstauchter Knöchel. Was auch immer sie verwendet hatten, um meine Schussverletzung so schnell zu heilen, kam erneut zur Anwendung. Auch alle Schnitte, Kratzer und blauen Flecken gehörten der Vergangenheit an. Ich war so gut wie neu. Genau genommen besser als neu.

Rogan und ich hatten noch keinen einzigen ungestörten Moment gehabt.

Bei Ellis Enterprises herrschte ein Riesenaufruhr. Eine Untersuchung war bereits in vollem Gange, um herauszufinden, wem noch zu trauen war.

Es würde viel Zeit und eine Menge Geld kosten, um Ellis Enterprises wiederaufzubauen – vor allem, nachdem die Firma nun das technologiebasierte Forschungsprogramm aufgeben würde. Gareth hatte beschlossen, sein enormes Vermögen ausschließlich zur Förderung medizinischer Forschung zu verwenden. Nicht ganz so attraktiv wie glänzende neue Computer oder so glamourös wie … Nun ja, seine TV-Show war eigentlich nicht glamourös gewesen, oder? Unterm Strich war medizinische Forschung jedenfalls viel nützlicher für die Gesellschaft.

Gareth und Rogan waren beide unbeirrbar in ihrem Streben danach, ihre Fehler wiedergutzumachen. Rogan wollte für die Zeiten vor seinem Abschied ins Jugendgefängnis sühnen, als er nichts weiter als ein verwöhnter drogenabhängiger Nichtsnutz gewesen war. Und Gareth wollte für die zwei Jahre büßen, in denen er ein Gefangener im eigenen Körper gewesen war.

Gareth hatte dem Iris-Institut bestätigt, dass ich kommen würde, und er hatte dafür gesorgt, dass jemand von der Schule auf mich warten und mich abholen würde. Schulgeld, Verpflegung und sogar ein großzügiges Taschengeld – alles wurde von meinem freigebigen neuen Wohltäter Gareth Ellis bereitgestellt. Ich musste mir um nichts Gedanken machen, musste mich um nichts kümmern. Ich war bereit, ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen, auch wenn ich zugegebenermaßen Angst hatte. Ich durfte einfach nicht vergessen, alldem mit möglichst großer Unbefangenheit gegenüberzutreten.

Rogan würde mich nicht begleiten. Er würde zu beschäftigt damit sein, seinem Vater dabei zu helfen, alles wiederaufzubauen, was sie verloren hatten – persönlich und auch beruflich.

Ich konnte das vollkommen verstehen.

Trotzdem brannten Tränen in meinen Augen, während ich am Bahnsteig stand und auf den Shuttle wartete. Ich hatte ein breites, falsches Lächeln aufgesetzt.

Nun würde mein neues Leben anfangen.

Es würde nicht mehr lange dauern.

Ich sollte glücklich sein. Das hatte ich mir schließlich immer gewünscht.

In der Ferne sah ich den Zug, der sich uns auf den Schienen näherte. Ich hatte gehört, dass die Reise in die Kolonie mehrere Tage dauerte.

Diese Zeit konnte ich gebrauchen, damit ich wenigstens versuchen konnte, Rogan zu vergessen.

Ich hätte es ahnen können. Immerhin war ich nur eine Taschendiebin. Nun ja, eine geläuterte Taschendiebin. Rogan allerdings war der Sohn eines mächtigen Milliardärs, der eine unglückliche Krise in seinem Leben hatte überstehen müssen.

Ich war Teil dieser Krise gewesen.

Die Krise war inzwischen bewältigt.

Ich erwartete nichts von ihm. Ich würde ihn nicht bitten, mit mir zu kommen oder in Kontakt zu bleiben. Das passte nicht zu mir, das war ich einfach nicht.

Doch ich würde ihn wie wahnsinnig vermissen. Es fühlte sich an, als würde mein Herz in der Brust zerspringen, wenn ich nur daran dachte.

Sieh ihn nicht an, ermahnte ich mich. Aber ich konnte nicht anders.

Der Shuttle hielt direkt neben mir.

„Danke für alles. Ehrlich“, murmelte ich, bevor ich an die Zugtür trat.

Ich spürte eine Hand auf meinem Arm. Es war Rogan.

„Hey.“ Unsere Blicke verschmolzen miteinander. „Ich hoffe, du hast eine gute, sichere Reise.“

„Danke.“ Mein Lächeln wirkte so natürlich, wie ich es hinkriegte. „Ich schätze, dass ist jetzt der endgültige Abschied, oder?“

„Ich schätze, ja.“

Gareth reichte mir die Hand. Ich ergriff sie, und er zog mich in seine Arme. Für einen Moment verkrampfte ich mich, ehe ich mich der Umarmung hingab und mich entspannte. „Danke, Kira. Danke für alles, was du getan hast. Für mich und für meinen Sohn.“

„Gern geschehen.“ Ich löste mich von ihm und schaute ihm in die Augen. Dieser Gareth sah genauso aus wie der andere, und doch war es ein Unterschied wie Tag und Nacht. Dieser Gareth konnte noch immer ein skrupelloser Milliardär sein, wenn es darauf ankam, allerdings war er nicht böse. Und er hatte genug gelitten, um seine bisherigen Gewohnheiten, sein bisheriges Verhalten zu ändern.

Ich wandte mich Rogan zu. Er hatte die Kiefer aufeinandergepresst. Er trug eine schwarze Hose und einen blaugrünen Rollkragenpulli, der ihm perfekt stand und seine meergrünen Augen nur noch unterstrich. Die Sachen waren vermutlich für ihn maßgeschneidert und kosteten wahrscheinlich ein Vermögen. Auf den ersten Blick sah er genau so aus wie der reiche Junge, der er war. Bis auf die Narbe. Die Narbe gehörte zu dem Rogan, den ich kennengelernt hatte, ohne dass ich eine Ahnung von seiner wahren Geschichte gehabt hatte.

„Ich werde dich vermissen“, meinte ich und kämpfte mit aller Macht gegen meine Tränen an. Verdammt. So viel dazu, cool und gefasst zu bleiben.

„Ich werde dich auch vermissen.“ Er sagte nichts darüber, in Kontakt zu bleiben, mich ab und an zu besuchen oder sonst wie in Verbindung zu bleiben. Ich hatte nicht einmal seine E-Mail-Adresse.

Es war vorbei. Ich hatte den Wink mit dem Zaunpfahl schon begriffen.

„Bye.“ In der Hoffnung, dass die beiden das Schluchzen hinter dem Wort nicht hörten, drehte ich mich um und stieg in den Zug. Der Schaffner nahm meine Fahrkarte entgegen, und ich ging blind vor Tränen den Gang zu meinem Sitz entlang. Gepäck hatte ich keines. Die Ehefrau eines Angestellten von Ellis hatte meine Größe und mir etwas zum Anziehen geliehen. Wenn ich mein Ziel erreicht hätte, würde ich mir neue Klamotten kaufen.

Neue Kleidung für mein neues Leben.

Ich holte tief Luft und konzentrierte mich auf meine Zukunft – meine helle, strahlende Zukunft. Eine neue Schule, neue Freunde, ein neues Leben, all das erwartete mich.

Es lief alles super. Wie sollte ich mich da beklagen? Ich hatte das bekommen, was ich mir auf der Welt am meisten gewünscht hatte.

Ende der Geschichte.

Der Shuttle setzte sich in Bewegung und nahm langsam Fahrt auf.

Ich drehte mich um, um einen letzten Blick zum Bahnsteig zu werfen, doch dort war niemand mehr.

Ich lehnte den Kopf an die kühle Scheibe.

Kurz darauf setzte sich jemand auf den Platz neben mir. Ich sah sein Spiegelbild in der Glasscheibe, bevor ich mich umwandte und ihn geschockt anstarrte.

„Rogan …“

Abwehrend hob er die Hand. „Weißt du, es ist echt seltsam.“

„Was machst du hier?“

„Alles ist zerstört. Es gibt unglaublich viel zu tun, und ich habe meinem Vater gesagt, dass ich ihn unterstützen und ihn bei jedem Schritt des Weges begleiten würde … Und ich hatte wirklich vor, das zu machen, aber …“

„Aber was?“

Er kratzte sich am Hinterkopf. Ein nachdenklicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Es sind die Implantate.“

„Die … Die Implantate?“

„Die Implantate, die Jonathan herausoperiert hat.“

Ich schaute ihn mit leerem Blick an. „Du musst mir noch ein bisschen mehr auf die Sprünge helfen.“

Stirnrunzelnd schüttelte Rogan den Kopf und berührte mit einem Finger seine Schläfe. „Als sie noch in unseren Schädeln steckten, durften wir uns nicht weiter als dreißig Meter voneinander entfernen, sonst wären wir gestorben.“

„Das stimmt.“

„Tja, obwohl die Chips nun weg sind, habe ich immer noch das Gefühl, dass ich nicht weiter als dreißig Meter von dir entfernt sein sollte, da ich sonst vielleicht sterben könnte. Ist das nicht seltsam?“

Bei jedem seiner Worte durchströmte mich eine wohlige Wärme. „Das ist allerdings seltsam.“

Er zuckte die Achseln. „Das ist der Grund, warum ich hier bin. Eigentlich will ich mich nicht so fühlen. Es ist unangenehm.“

„Da muss ich dir zustimmen“, erwiderte ich feierlich. Ein Lächeln wollte sich unbedingt und mit aller Macht auf meinem Gesicht ausbreiten.

„Wie auch immer …“ Er lehnte sich in seinen Sitz zurück. „Ich kann meinem Vater noch immer helfen, allerdings werde ich es von der Kolonie aus tun. Ich möchte ein paar Kurse an der Universität belegen.“

„Ich finde, dass ist eine sehr gute Idee.“

„Und natürlich könnten wir, wenn du mal frei und keine Schule hast, zusammen sein. Ziemlich regelmäßig. Ich denke da an jeden Tag. Mindestens.“

„Ich schätze, das könnten wir einrichten.“ Ich konnte meinen Blick nicht von ihm wenden, konnte das glückliche Gefühl, das mich erfüllte, nicht zurückdrängen – und ich wollte es auch gar nicht. Das war alles zu wundervoll, um es in Worte zu fassen.

Er hielt meinen Blick gefangen. „Einen Moment lang habe ich geglaubt, ich hätte dich für immer verloren.“

„Es ist schwierig, jemanden zu verlieren, der nie weiter als dreißig Meter entfernt ist.“

„Das ist genau das, was ich auch gerade gedacht habe.“

„Ich habe paranormale Fähigkeiten, schon vergessen?“, erwiderte ich.

„Nein, das habe ich nicht vergessen. Das habe ich bestimmt nicht vergessen.“ Er ergriff meine Hand. „Übrigens gibt es noch einen Grund, warum mein Vater es mir erlaubt hat, mit dir in den Zug zu steigen.“

„Und der wäre?“

Er zuckte die Achseln, und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Es ist mein Geburtstagsgeschenk.“

Ich verschlang unsere Finger miteinander, während der Shuttle uns in ein neues Leben brachte.

„Happy Birthday, Rogan.“

– ENDE –