10. KAPITEL

Ich hatte mich offenbar verhört.

„Dein Vater?“ Rogans Vater war der Produzent von Countdown? „Wie ist das möglich? Warum sollte dein Vater dich zwingen, an diesem Spiel teilzunehmen? Hat er überhaupt eine Ahnung davon, dass du hier bist?“

Rogan stieß langsam den Atem aus und trat vor dem Plasmabildschirm, auf dem der wunderschöne, aber unechte immerwährende Sonnenuntergang zu sehen war. „Er weiß es. Es … Es ist kompliziert.“

In Rekordzeit war ich ernüchtert. „Weshalb sollte dein Vater ein so schreckliches Spiel wie dieses produzieren? Eines, bei dem das Leben seines eigenen Sohnes in Gefahr gerät?“

Er lachte. Es war ein hohles, freudloses Lachen. „Jetzt kennst du mein eigentliches Geheimnis, Kira. Das Geheimnis, das du für meinen Geschmack besser nicht herausgefunden hättest. Soll ich dir wirklich erzählen, wie verkorkst mein Leben ist? Vielleicht kannst du mich danach wieder hassen.“

„Wovon redest du?“

Er vermied es noch immer, mich direkt anzublicken. „Dieses Spiel, an dem wir gezwungen werden, teilzunehmen? Es war meine Idee.“

Ich riss die Augen auf. „Was?“

Jetzt drehte er sich um und musterte mich. „Ich bin noch immer überrascht, dass du meinen Namen nicht erkannt hast, als der Moderator ihn genannt hat. Nicht nur wegen der Sache, für die ich nach St. Augustine’s geschickt worden bin – zwar lief die Meldung in den Nachrichten rauf und runter, nachdem es passiert war, aber du hast ja schon erzählt, dass du die Nachrichten nicht verfolgst. Doch abgesehen davon ist mein Vater auch einer der reichsten Menschen der Welt. Hast du noch nie von Ellis Enterprises gehört?“

Ich blinzelte und versuchte, zu verarbeiten, was er mir sagen wollte. „Ich glaube schon. Klar. Es ist dieses riesige Unternehmen, das Computer herstellt, oder?“

Er nickte. „Unter anderem. Mein Vater stammt aus einer wohlhabenden Familie, allerdings es ist ihm gelungen, das Vermögen zu verdoppeln. Und das nach der „Großen Plage“. Er ist ein Geschäftsgenie.“ Er machte einen gequälten Eindruck. „Er hatte zwei Söhne – einer wurde dazu erzogen, um in der Familie aufzusteigen, um irgendwann die Firma zu übernehmen. Und der andere war ich. Der Loser. Der Junkie. Die große Enttäuschung.“

Der Milliardär Gareth Ellis. Ich hatte von ihm gehört. Ich guckte zwar keine Nachrichten an, verfolgte nicht die Neuigkeiten, die über soziale Medien verbreitet wurden, und beachtete auch den Klatsch und Tratsch in der Stadt nicht. Doch einigen Dingen konnte man nicht ausweichen – ob man nun am Leben der Reichen und Mächtigen interessiert war oder nicht. Gareth Ellis war ein Milliardär, der die Hälfte dieser Stadt besaß.

Und Rogan war sein Sohn.

„Was ist zwischen dir und deinem Vater vorgefallen?“

Er warf mir einen grimmigen Blick zu. „Wie gesagt: Ich war das reiche Kind, das nie in seinem Leben hatte leiden müssen, das immer alles gekriegt hatte, was es wollte und wann es wollte. Aber wusste ich das zu schätzen? Überhaupt nicht. Ich fand es langweilig, hier zu leben. Ich habe es gehasst. Ich hätte alles haben können, was ich wollte, hätte überall hingehen können, wohin ich mochte. Ich hätte Menschen helfen können. Allerdings habe ich mein Taschengeld für mich verwendet – für meine egoistischen Wünsche. Ich habe alles verschwendet. Ständig war ich zugedröhnt.“ Er schnaubte freudlos. „Schon mit dreizehn nahm ich regelmäßig Koks und Ecstasy. Drogen waren aufregend, durch die wurde alles interessanter, aber sie taugten nur für den Zeitvertreib, für ein kurzes Hochgefühl. Ich hätte es jederzeit sein lassen können. Doch dann geriet ich an Kerometh …“ Ein Schatten huschte über sein Gesicht. „Es brachte mich tagelang fort – lenkte meinen Geist ab. Ich war so im Rausch, dass das echte Leben mir absolut egal war. Und ich wollte, dass es für immer so blieb. Jämmerlich.“

Ich presste die Lippen aufeinander und ließ ihn weiterreden, ohne ihn zu unterbrechen. Seine Miene wirkte gepeinigt, doch ich wollte ihn nicht stoppen. Er musste es aussprechen, musste es loswerden. Und ich musste es hören.

„Mein Vater versuchte, zu mir durchzudringen und gab mir eine Teilzeitstelle in seinem Büro. Er wollte, dass mein Leben wieder Sinn bekam, nachdem ich die Schule abgebrochen hatte und mich weigerte, wieder hinzugehen. Er zwang mich nicht. Er war ruhig. Eigentlich war es unheimlich, wie ruhig er war. Mir war bewusst, dass er mich zu diesem Zeitpunkt schon abgrundtief hasste. Ich reichte an den makellosen Ruf meines Bruders einfach nicht heran. Dad meinte, ich könne bei Ellis Enterprises arbeiten und sehen, ob es mir gefiel. Er stellte mich vor die Wahl: Entweder das oder die Suchtklinik. Ich wählte den Job. Zu dem Zeitpunkt mischte er schon bei dem Sender mit und beabsichtigte ein Spiel zu entwickeln, damit der Kanal konkurrenzfähig blieb. Computerspiele waren genau mein Ding – ich liebte sie. Ich verbrachte Stunden, Tage, Monate damit, online zu spielen – sogar, wenn ich high war. Er erteilte mir den Auftrag, ihm eine Idee für ein Spiel zu unterbreiten. Das weckte schließlich doch mein Interesse für den Job, und mein Vater war glücklich. Ich entwarf ein Spiel für ihn. Sechs Level mit riskanten, lebensgefährlichen Aufgaben, die von echten Menschen und nicht von Avataren erfüllt werden mussten. Die Leute vom Sender waren nicht daran interessiert, bis mein Vater eine Unmenge an Geld dafür einsetzte, ein KI-Programm für sie zu entwerfen.“

„Augenblick mal … KI? Künstliche Intelligenz? Wie zum Beispiel der Roboter von Level drei?“

Er nickte knapp. „Ja. Ich wäre beinahe von dem Ding beseitigt worden, das mein Vater miterschaffen hat – bei dessen Entwicklung indirekt sogar ich selbst mitgeholfen habe. Wie ironisch, oder?“

Ich holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. „Gut. Sprich weiter.“

Er betrachtete mein Gesicht. „Bist du dir sicher, dass du den Rest hören möchtest?“

Ich beachtete mein rasendes Herz nicht. „Nein. Aber mach trotzdem weiter.“

Er rieb sich mit der Hand über die Stirn und schritt langsam in dem luxuriösen Zimmer herum. „Das Spiel kam am Anfang nicht so gut an. Andere Shows, die auf dem Sender liefen, waren eine zu große Konkurrenz. Vor drei Jahren empfing man den Sender außerdem noch regulär wie alle anderen auch. Dann schlug ich vor, mit dem Ganzen in den Untergrund zu gehen. Ich wollte damit besonders schlau sein. Ich riet dazu, alle Shows der Fernsehanstalt – inklusive Countdown – geheim und exklusiv zu übertragen, sodass nur bestimmte Leute das Programm verfolgen konnten. Das weckte das Interesse der Leute vom Sender. Und das meines Vaters. Ich schwöre, dass es das erste Mal war, dass er stolz auf mich zu sein schien. Schade, dass ich zu zugedröhnt war, um es richtig genießen zu können.“

„Also läuft es, dank der Implantate der Abonnenten, im Untergrund“, entgegnete ich. „Solche Chips gab es vorher noch nicht.“

„Das stimmt. Schädelimplantate. Jonathan war der beste Freund meines Vaters und der Kopf der medizinischen Forschungsabteilung von Ellis. Wahrscheinlich fühlte mein Vater sich besser und hatte wegen seiner Gier kein ganz so schlechtes Gewissen, wenn er einen ganzen Batzen Geld in die Forschung stecken konnte. Somit etwas Gutes für Menschheit oder so tat. Wie auch immer, er beauftragte Jonathan, mit unseren Technikern zusammen einen Chip zu entwickeln. Innerhalb weniger Monate hatten sie den Auftrag erledigt und waren bereit.“

Ich berührte meinen Hinterkopf und spürte die Narbe auf meiner Kopfhaut. Der Knoten in meinem Magen zog sich mit jedem von Rogans Worten weiter zusammen.

Er schnitt eine Grimasse. „Ich war zusammen mit meinem Vater der erste Freiwillige, um das Implantat zu testen. Es war wieder eine Möglichkeit, Zeit mit meinem Dad zu verbringen, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn zu stärken. Damals brauchte ich das fast so sehr wie Kerometh.“

„Wo war dein Bruder?“, hakte ich nach. „Hat er bei alldem auch eine Rolle gespielt?“

„Nein. Liam war zu der Zeit in der Kolonie und ist dort zur Universität gegangen. Außerdem haben wir uns nie besonders gut verstanden.“

In seiner Stimme schwang ein verletzlicher Unterton mit. Ich scheute davor zurück, weitere Fragen über seinen Bruder zu stellen. Zumindest im Augenblick.

„Jonathan pflanzte uns beiden einen Prototyp ein – das ist die zweite Narbe, die du an meinem Hinterkopf ertastet hast. Allerdings haben sie nie richtig funktioniert. Die nächsten Chips, die ein paar Monate später fertig waren, liefen dagegen einwandfrei. Wegen des Andrangs mussten die Abonnenten lange warten, wenn sie sich eines der Implantate einsetzen lassen wollten. Die Leute meines Vaters bestachen das Gefängnis, um die Insassen für das Spiel zu benutzen – die Level wurden bei jedem Zyklus, der gespielt wurde, gefährlicher. Ich durfte mir die Aufgaben ausdenken, die es zu bestehen galt. Ich hatte unglaublich viel Spaß dran. Gewannen die Teilnehmer, wurde ihre Haftstrafe reduziert. Doch eines Tages wurde einer der Kandidaten während der Show getötet. Es war ein Unfall. Ich war geschockt. Ich glaubte, ich würde zur Verantwortung gezogen werden, weil das Spiel meine Idee gewesen war.“

„Lass mich raten“, sagte ich mit rauer Stimme. „Die Abonnenten fanden es ganz toll.“

Grimmig nickte er. „Ja. Eine normale Gameshow reichte ihnen plötzlich nicht mehr. Sie wollten mehr Blut, mehr Tod, mehr von allem. Und wenn es nur Häftlinge waren – Mistkerle, die sowieso lebenslänglich saßen –, wen störte es dann schon? Allerdings war es mir nicht egal. Es machte mir sehr zu schaffen. Aber ich war eben nur ein sechzehnjähriger Junge. Niemand scherte sich darum, was ich dachte.“

Rogan starrte mich an, als würde er damit rechnen, dass ich ihn voller Abscheu anschauen würde. Ich konnte nicht gerade behaupten, dass es leicht war, das alles zu hören, doch ich wusste, dass er aufrichtig war. Er schämte sich für das alles. Und er hatte gefürchtet, dass ich ihn dafür hassen würde. Aber ich hasste ihn nicht. Ich war abgestoßen. Jedoch nicht von ihm. Wie er schon gemeint hatte: Er war damals noch ein Kind gewesen. Es mochte ursprünglich seine Idee gewesen sein, dennoch trug er nicht die Schuld daran, dass es zu dieser kranken, perversen Show geworden war, bei der Menschen zur Belustigung anderer ihr Leben verloren.

Rogan lief langsam durch das Zimmer. „Das alles hat mich ziemlich mitgenommen, schätze ich. Es hat mich tiefer in die Kerometh-Abhängigkeit getrieben. So weit, dass ich allmählich anfing, den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren. Mein Vater steckte mich in Jonathans Entzugsprogramm. Doch der Entzug …“ Er schüttelte den Kopf. „Es war die Hölle. Und es verschlimmerte alles nur noch. Ich war besessen von meinen Fehlern, meinen Entscheidungen. Ich wusste, dass ich etwas unternehmen musste, um das Chaos zu beseitigen, das ich angerichtet hatte. Ich musste verhindern, dass noch jemand starb. Eines Nachts verschwand ich aus der Klinik, ging dorthin, wo das Programm in den Sender eingespeist wurde und fing an, Verbindungskabel zu ziehen und die Computer zu zerstören. Mein Vater versuchte, mich aufzuhalten, aber ich stieß ihn gegen eine Reihe von Computern. Es gab einen Stromstoß – also eine gewaltige Überspannung, die anschließend für einen Stromausfall sorgte. Als ich in die Therapieeinrichtung zurückkehrte, wartete bereits die Polizei auf mich. Mein Vater hatte sie gerufen. Er ließ mich verhaften. Allerdings nicht, weil ich eingebrochen war und fremdes Eigentum zerstört hatte. Am nächsten Tag gab es Bilder von mir, Videoaufnahmen – alle gefälscht –, und es wurde verbreitet, dass ich diese Mädchen ermordet hätte.“

Er fuhr sich mit der Hand über den Mund. Sein Blick wirkte gehetzt. „Meine Familie wandte sich von mir ab. Mein Dad enteignete mich und wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Und das Gericht schickte mich nach St. Augustine’s, wo ich bis zu meinem achtzehnten Geburtstag bleiben sollte. Wenn ich nicht zugestimmt hätte, an Countdown teilzunehmen, würde ich jetzt meine Koffer für Saradone packen.“ Er stieß ein knappes, freudloses Lachen aus. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Vater mich wiedersehen wollen würde. Aber hier bin ich nun. Vielleicht möchte er zuschauen, wie ich sterbe. Vielleicht ist das für ihn eine Art Abschluss – dass sein nichtsnutziger Sohn endlich für immer weg ist.“

Er verstummte. Ich starrte ihn nur an und versuchte, alles zu begreifen, was er erzählt hatte, und einen Sinn darin zu erkennen.

„Also willst du damit sagen, dass dein Vater dich so sehr hasst?“ Meine Stimme zitterte, während ich die Worte aussprach. „Genug, um dir diese Morde anzuhängen? Seinem eigenen Sohn? Warum? Nur, um dich aus dem Weg zu schaffen? Um dich dafür zu bestrafen, dass du geplant hattest, das Spiel zu stoppen?“

„Ich habe nie behauptet, dass es Sinn ergibt. Nichts von alledem ist logisch. Allerdings habe ich seitdem nicht mehr mit ihm gesprochen.“ Er schüttelte den Kopf. „Er ist nicht zum Prozess erschienen. Er hat mich auch nicht besucht. Nie.“

„Und jetzt hält dich jedermann für einen Mörder.“

„Das stimmt.“

Ich nagte an meiner Unterlippe. „Als ich in deinem Kopf eingetaucht bin, habe ich Schuldgefühle wahrgenommen. Du fühlst dich schuldig, weil du die Gameshow entwickelt hast.“

„Wenn ich es mir nicht ausgedacht hätte, dann gäbe es Countdown nicht.“

„Aber der Sender würde dennoch existieren“, wandte ich ein. „Und du hast mir erzählt, dass es andere, ähnliche Spiele gibt. Countdown ist nur ein Teil davon.“

Meine Worte halfen nicht dabei, den Schmerz aus seinem Blick zu vertreiben. „Bemüh dich nicht, mich zu trösten, damit ich es mir besser geht, Kira. Das ist vergeudete Zeit. Was ich nicht verstehe, ist, weshalb mein Dad mit alldem einverstanden ist. Obwohl er schon immer ein gefühlskalter Mensch war, hätte ich nicht gedacht, dass er tatsächlich böse ist.“ Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht beschert es ihm genau wie den Zuschauern einen Kick, wenn er sich so etwas Gewalttätiges ansieht. Vielleicht gefällt es ihm, zu beobachten, wie die Menschen, die keine Wahl haben, den letzten Fehler ihres Lebens begehen. Aber eigentlich war er früher nicht so. Möglicherweise ist er auch einfach nur gierig. Wie ich es war. Wie ich es immer noch wäre, falls nichts von alldem hier geschehen wäre.“

„Ich glaube nicht, dass du so bist.“

„Wie kannst du das behaupten – nach allem, was ich dir gerade erzählt habe?“

Ich atmete aus. „Nach allem, was du mir erzählt hast? Dass du ein egozentrischer, kiffender, reicher Junge warst, der gelangweilt war und dabei geholfen hat, ein blödes Spiel zu entwickeln, das andere egozentrische Menschen für cool hielten? Das macht dich vielleicht zu einem Arschloch, doch ganz sicher nicht zu einem Monster.“

„Darüber lässt sich sicherlich streiten.“

„Was auch immer aus dieser Show geworden ist, seit du weg bist, dafür trägt ganz allein dein Vater die Verantwortung und nicht du.“ Ich versuchte, nachzudenken. „Du musst mit deinem Dad reden.“

Er lachte hart. „Er wird nicht mit mir sprechen. Ich habe schon früher probiert, Kontakt zu ihm aufzunehmen.“

Ich wollte mir etwas anderes einfallen lassen. Es musste etwas geben, wie wir das hier beenden konnten. „Hast du irgendwelche Informationen über das Spiel, das uns helfen könnte, da rauszukommen?“

„Falls ich etwas wüsste, hätte ich dir das schon längst mitgeteilt, oder? Meinst du nicht?“ Herausfordernd sah er mich an, wollte den Schmerz in seinem Blick verstecken, der noch kurz davor darin gestanden hatte. „Weshalb redest du überhaupt noch mit mir? Ich hätte gedacht, du würdest mich für das, was ich dir gerade gestanden habe, umbringen. Hätte ich nicht dabei mitgewirkt, dieses Spiel zu erfinden, wäre dein Leben jetzt nicht in Gefahr. Du wärst in Sicherheit.“

Ich funkelte ihn an. „Wenn du der Meinung bist, dass das Leben auf den Straßen der Stadt sicher ist, hast du echt keine Ahnung. Von dort haben sie mich nämlich geholt. Nicht aus einem Penthouse in der Kolonie.“

Seine Miene verfinsterte sich, und er runzelte die Stirn „Du hast recht. Ich hätte das nicht sagen sollen. Aber … Verdammt, ich weiß auch nicht. Nur, dass das alles meine Schuld ist. Und dich in den letzten Tagen besser kennengelernt zu haben … Das hat alles nur noch verschlimmert.“

Ein plötzlicher, scharfer Schmerz in meiner Brust ließ mich zusammenzucken. „Tut mir leid, dass ich so ein Problem für dich bin.“

Abrupt sah er mich an. „So habe ich das nicht gemeint. Ich meinte …“ Er fluchte unterdrückt. „Es ist nur so, dass ich mir jetzt plötzlich Gedanken über jemand anders mache und nicht nur über mich selbst. Und das verkompliziert alles.“

Mein Herz klopfte schnell. „Rogan …“

Er wandte sich ab. „Vergiss es. Vergiss es einfach. Ich hätte das alles für mich behalten sollen. Es bringt ja doch nichts. Und falls du behauptest, mich für das alles nicht zu hassen, bist du hier der Lügner.“

Als er auf die geschlossene Tür zulief, die Schultern angespannt, versperrte ich ihm den Weg.

Sein Gesichtsausdruck wirkte ernst. „Was ist?“

„Ich hasse dich nicht, Rogan“, erklärte ich ruhig. „Und ich bin kein Lügner.“

„Kira, du musst ernsthaft …“

Ich schlang die Arme um ihn, stellte mich auf die Zehenspitzen und presste meine Lippen auf seinen Mund. Rogan wich nicht zurück. Nach einem kurzen Moment legte er die Hände an meine Taille und zog mich an sich.

„Was tust du da?“, flüsterte er dicht an meinem Mund.

„Ich küsse dich.“

„Warum?“

Ich konnte seinen Herzschlag an meiner Brust fühlen. „Weil ich es wirklich, wirklich möchte.“

„Das liegt an dem Essen, an dem Wein … an den Drogen, die sie untergemischt haben …“

„Na ja, so viel hatte ich auch nicht von dem Essen und dem Wein. Und das komische Gefühl, das ich vorhin hatte, ist mittlerweile auch verschwunden.“

Was ich im Moment empfand, war echt. Dazu brauchte ich keine Drogen.

„Aber, Kira …“

Ich ließ ihn nicht aussprechen, denn ich küsste ihn wieder. Voller Leidenschaft.

Seine Lippen … Sie waren perfekt. Absolut perfekt.

Um ehrlich zu sein: Ich hatte noch nicht viele Jungs geküsst. Ich hatte vielleicht einmal kurz davorgestanden, meinen Körper zu verkaufen, allerdings war das aus der Verzweiflung geboren und hatte nichts damit zu tun, wie viel Erfahrung ich hatte. Aber küssen? Sicherlich war es ein paarmal passiert – bevor ich die Straße mein Zuhause wurde und auch danach. Jedoch war es nichts Besonderes gewesen. Und ganz sicher hatte ich auch noch nie jemand Besonderen geküsst.

Noch nie hatte ich so etwas wie das hier erlebt.

Schließlich beendete ich atemlos den Kuss. Unsere Blicke trafen sich. Sein Blick war intensiv, gleichzeitig auch unsicher. Allerdings nur für einen Moment. Dann nahm er mich wieder in die Arme, hob mich hoch und küsste mich noch einmal.

Da es hier ja um Level ging – wir hatten soeben in knapp dreißig Sekunden eine ganz neue Stufe unserer Beziehung erklommen.

Ehe ich wusste, wie mir geschah, lag ich auf dem Bett. Rogan unterbrach den Kuss nicht.

Er löste den Gürtel meines Bademantels gerade weit genug, um den Stoff auseinanderzuschieben. Seine Hände glitten über meine nackte Haut. Ich zerrte an seinem Mantel und wünschte mir nichts sehnlicher, als seine nackte Haut auf meiner zu spüren.

„Du bist so wunderschön“, flüsterte er.

Ich schaute ihn an und fuhr mit der Fingerspitze sacht über die Narbe in seinem Gesicht. „Genau wie du.“

Ich zog seinen Kopf so weit zu mir herunter, dass er mich wieder küssen konnte. Es fühlte sich richtig an. Es spielte keine Rolle, wo wir waren. Mit Rogan kam es mir echt und gut vor. Mit den Lippen fuhr er die Konturen meiner Wange nach, strich über mein Ohr, meinen Hals …

Ich wollte nicht, dass er aufhörte. Meine Belohnung. Das hier war meine Belohnung.

Doch dann entdeckte ich es.

Aus dem Augenwinkel. An der Decke.

Ein winziges Licht. Blinkend.

Ich erstarrte.

„Was ist?“, fragte Rogan und hielt inne.

Ich konnte nicht fassen, was ich sah.

„Digicam“, brachte ich hervor. Das Wort klang wie ein Krächzen. „Sie filmen uns.“

Er folgte meinem Blick. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und er fluchte – zuerst leise, schließlich lauter.

Er breitete die Decke über uns aus. „Dieser Mistkerl. Das ist krank. Das kann er nicht machen.“

„Er kann alles tun, was er will“, erwiderte ich. Meine Stimme klang hohl. Ich war nicht einmal peinlich berührt. Ich war wütend, allerdings kochte die Wut nur langsam in mir hoch. Nach außen hin schien ich nicht einmal besonders verärgert zu sein. Aber unter der Oberfläche verspürte ich den Wunsch, jemanden zu töten.

Belohnungslevel. Privatsphäre.

Ja, genau. Ich war so dumm gewesen. Es war alles eine Lüge. Sie wollten uns mit dem Essen und den Getränken unter Drogen setzen, damit wir uns so weit entspannten, um vor der Kamera miteinander zu schlafen und die Abonnenten zu unterhalten. Sie planten das, was ein perfekter Moment hätte sein sollen, in etwas Schmutziges, Hässliches zu verwandeln.

Und wenn ich die Digicam nicht bemerkt hätte, wäre genau das geschehen.

Wie widerlich.

Rogan flüsterte mir ins Ohr: „Wir werden sie besiegen, Kira. Wir lassen sie für das hier bezahlen. Für alles.“

Ich umklammerte die Bettdecke. „Ganz sicher werden wir das tun.“

Die Tür ging auf, und fünf Männer in weißen Jacken betraten das Zimmer. Jonathan kam als Letzter herein.

„Scheint so, als wäre das Belohnungslevel jetzt offiziell vorbei“, meinte er zu uns.

„Sie haben gesagt, dass ich ein bisschen Privatsphäre haben würde“, fauchte ich. „Es war Teil der Belohnung, schon vergessen? Aber die haben das hier gefilmt?“

Seine Miene war undurchdringlich. „Du musst doch inzwischen wissen, dass ich ein Lügner bin, Kira. In diesem Spiel existiert keine Privatsphäre. Zieht euch an.“

Rogan warf dem Mann einen vernichtenden Blick zu. „Sie werden dafür bezahlen, Sie Arschloch.“

„Vielleicht. Allerdings nicht heute.“

Er nickte einem der Männer zu, der uns einen Stapel mit Kleidung zuwarf. Doch es waren nicht die Klamotten, die ich vorher angehabt hatte: eine Cargohose, ein Tanktop und meine gestohlenen roten Sneakers. Diese Sachen waren neu und schwarz. Die schwarzen Stiefel landeten krachend auf dem Boden neben dem Bett.

„Ihr habt drei Minuten“, informierte Jonathan uns, ehe er auf dem Absatz kehrtmachte und die Suite verließ.

Wieder fluchte Rogan unterdrückt. „Ich habe keine Kameras gesehen. Ich dachte ehrlich, wie wären allein. Wie dumm von mir.“

„Ist schon gut. Es ist vorbei. Lass uns nach vorn schauen und uns mit dem auseinandersetzen, was uns jetzt erwartet. Die Zeit läuft.“

„Ist das nicht immer so?“

Ich kaute auf meiner Unterlippe und wandte den Blick ab, während er aus dem Bett stieg und sich seine neuen Klamotten nahm. Er zog eine schwarze Hose an und schlüpfte in ein schwarzes Shirt. Die Sachen waren eng, fast wie ein Kostüm. Er ließ sich auf die Bettkante sinken und schnürte die Stiefel zu.

Ich betrachtete ihn. „Du siehst aus wie ein Superheld.“

„Wenn du das sagst.“ Er erwiderte meinen Blick. Lust stand in seinen Augen, als er mich anschaute, wie ich so eingewickelt in meine Bettdecke dalag. Dann beugte er sich vor und griff nach den restlichen Sachen. Er reichte sie mir.

Ich starrte die Kleider an. „Das muss ein Scherz sein.“

„Du wirst auch wie ein Superheld aussehen.“

Als könnte es nicht noch schlimmer werden. „Ja. Wie eine nuttige sechzehnjährige Superheldin. Genau das, was die Abonnenten sich gern anschauen. Wissen die eigentlich, wie pervers sie sind?“

„Ich fürchte, das ist ihnen vollkommen egal.“

Mein Kostüm bestand aus einem knappen Höschen, einem noch knapperen BH, einem kurzen Plisseerock, der mir nur gerade so über den Po reichte, einem engen langärmeligen Shirt, das vorne weit ausgeschnitten war, halterlosen Strümpfen und schließlich kniehohen Kampfstiefeln.

Alles in Schwarz.

Da mir ansonsten nur eine Bettdecke als Alternative geblieben wäre, in die ich mich hätte hüllen können, schlüpfte ich in die Anziehsachen. Rogan drehte sich so lange um, damit ich ungestört war.

Das rote Licht hörte dennoch nicht auf, zu blinken.

Rogan blickte mich an, nachdem ich fertig war. „Du siehst … Wow. Du siehst echt heiß aus.“

Ich funkelte ihn an. „Kein guter Zeitpunkt für Scherze.“

Trotzdem musste er sich ein Grinsen verkneifen. „Du bist wunderschön – egal, was diese Mistkerle dir für Klamotten geben.“

Er schlang den Arm um meine Taille und presste mich an sich.

„Ich werde dich nicht verlassen“, flüsterte er mir ins Ohr. „Wenn du es nicht willst, dann werde ich dich nicht verlassen. Okay?“

Meine Kehle war wie zugeschnürt. „Okay.“

Die Tür schwang erneut auf, und Jonathan erschien. „Rogan, wir müssen dich bitten, ein bisschen zu warten. Kira, du müsstest mich kurz begleiten. Jemand möchte dich kennenlernen.“

Ich wich nicht von Rogans Seite. „Ich bin gerade nicht in der Stimmung, um jemanden kennenzulernen.“

„Das ist schade. Mr Ellis empfängt nicht jeden. Betrachte es als ein großes Privileg, das nur wenigen zuteilwird.“

Rogan ergriff meine Hand. „Ich komme mit ihr.“

„Nein“, entgegnete Jonathan und hielt plötzlich wieder das kleine Gerät in der Hand, „das wirst du nicht tun.“

Er berührte den Touchscreen, und Rogan stöhnte gequält auf, bevor er zu Boden fiel.

Ich kniete mich neben ihn und prüfte, ob er noch immer atmete, dann funkelte ich Jonathan aufgebracht an. „Ich kann nicht glauben, dass ich Ihnen jemals vertraut habe.“

Er wirkte ungerührt. „Wenn ich dir sagen würde, dass mir das alles sehr leidtut, würdest du mir glauben?“

„Nein.“

„Dann ist es zwecklos, irgendetwas zu sagen. Komm mit. Setz dich nicht zur Wehr.“

Ich beschloss, mich aus reinem Vergnügen zur Wehr zu setzen. Doch nach kurzer Zeit gelang es den Männern in den weißen Jacken, mich zu überwältigen. Während ich noch um mich trat und schrie, trugen sie mich aus der Suite.