9. KAPITEL
Als wir in der Luft waren, band einer der in Weiß gekleideten Männer mir eine Augenbinde um, wobei die anderen mich festhielten. Ungefähr zehn Minuten später landete der Hubschrauber, und ich wurde hinausgezerrt. Rogan, der ganz in der Nähe meinen Namen rief, wurde abrupt unterbrochen, sobald eine schwere Tür ins Schloss fiel.
Jemand riss mir die Augenbinde ab, sodass ich die beiden Pistolen wahrnehmen konnte, die die Männer in Weiß auf mich richteten.
„Zieh dich aus“, befahl einer der drei. Sein Blick glitt über meinen Körper.
Außer dass das Zimmer vollkommen weiß war, gab es darin nichts Auffälliges, keine Möbel. „Vergiss es. Du wirst mich schon erschießen müssen, Arschloch.“
Höhnisch grinste er. „Willst du deine Belohnung nicht haben?“
„Ich will keine Belohnung, die damit anfängt, dass ich mich vor einer Horde Perverser mit Waffen in der Hand entkleiden muss.“
Ich klang viel mutiger, als ich mich gerade fühlte.
Er entsicherte die Waffe. „Zieh dich aus. Sofort.“
Wieder öffnete sich die Tür, und Jonathan betrat den Raum. Trotz der Tatsache, dass ich ihn nun für einen verlogenen Mistkerl hielt, war ich angesichts der misslichen Lage, in der ich mich momentan befand, tatsächlich froh, ihn zu sehen.
„Ist hier alles in Ordnung?“, fragte er höflich und schaute die Männer streng an. Mich würdigte er dagegen kaum eines Blickes.
„Ob hier alles in Ordnung ist?“, wiederholte ich ungläubig. „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“
Daraufhin starrte er mich mit ausdrucksloser Miene an. „Es tut mir leid, dass es für dich so schwierig war, Kira. Herzlichen Glückwunsch dazu, dass ihr das Belohnungslevel geschafft habt. Ich bin mir sicher, dass es dich freuen wird, nach vier heftigen Aufgaben ein bisschen Privatsphäre zu genießen.“
Ich verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Sie haben mich angelogen, was Rogan betrifft. Hab ich recht?“
Er antwortete nicht. Stattdessen nickte er einem der Männer in Weiß zu, der mir etwas zuwarf. Mir blieb nichts anderes übrig, als es aufzufangen. Es war ein Mantel. Ein Bademantel. In Weiß.
Riesenüberraschung, was die Farbwahl anging.
Jonathan nickte den Männern noch einmal zu. „Wir lassen dich jetzt allein und geben dir ein bisschen Zeit für dich, Kira. Lass deine Kleidung hier liegen.“
„Wo ist Rogan?“
Statt mir zu antworten, drehte er sich um und folgte den Männern aus dem Zimmer. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss.
Ich stand allein da, zitterte und betrachtete den Frotteebademantel, den ich mir über den Arm gehängt hatte. Abrupt ließ ich ihn fallen, rannte zur Tür und hämmerte mit den Fäusten dagegen.
„Wo ist Rogan?“, schrie ich. „Was habt ihr mit ihm gemacht?“
Ich drehte mich um und schaute mich atemlos in dem kleinen weißen Zimmer um. Meine Brust hob und senkte sich schnell. Ich wartete.
Eine ganze Weile.
Nichts passierte.
Es war kein Geräusch zu hören. Keine Bewegung wahrzunehmen. Niemand kam herein, um mich dazu zu zwingen, meine Kleider auszuziehen. Ich war allein, und nichts lenkte mich ab – außer den Gedanken, die mir unentwegt durch den Kopf jagten.
Ich tastete meinen Hinterkopf ab. Meine Haare waren inzwischen stumpf und strähnig, nachdem ich in den Regen gekommen war. Ich berührte die Narbe, unter der sich das Implantat verbarg. Der Chip gab kein Alarmsignal von sich.
Rogan muss in der Nähe sein.
Ich musste mit ihm sprechen. Warum hatte ich nur Jonathan vertraut? Es war mir inzwischen vollkommen klar, dass er der Lügner war.
Wenn ich nur die Möglichkeit gehabt hätte, meine Fähigkeiten an Rogan auszuprobieren und seine Emotionen zu lesen, hätte ich überhaupt keine Zweifel an ihm gehabt. Aber es fiel mir so schwer, mich in seiner Nähe zu konzentrieren … Und das lag nicht nur an der verrückten Situation, in der wir uns befanden. Kein Junge hatte mich je so durcheinandergebracht, wie er es getan hatte. Wie er es immer noch tat.
Jonathan hatte mich offenbar getäuscht, damit das Level für die Abonnenten durch den Konflikt noch spannender wurde.
Ich hasste es, angelogen zu werden.
Und wenn ich so darüber nachdachte, hatte Rogan, als ich ihn beschuldigt hatte, meine Familie umgebracht zu haben, alles andere als schuldbewusst ausgesehen.
Er hatte enttäuscht gewirkt. Vollkommen und zutiefst enttäuscht, dass ich das von ihm denken konnte, nachdem ich kurz zuvor erklärt hatte, an seine Unschuld zu glauben.
Ich schlang die Arme fest um mich, während ich versuchte, normal zu atmen.
„Hallo?“, sagte ich laut. „Moderator? Was passiert jetzt?“
Ich erhielt keine Antwort.
Es war eigentlich ziemlich offensichtlich: Sie warteten darauf, dass ich meine Kleidung wechselte. Bis ich das nicht gemacht hätte, würde nichts geschehen.
Lass sie doch warten, dachte ich bitter.
Und so verharrte ich – weitere zehn Minuten.
Dann konnte ich die unheimliche Stille keine Sekunde länger ertragen.
Ich schlang den Bademantel um mich, da ich mich bedecken wollte. Dann schlüpfte ich, so schnell ich konnte, aus meinen feuchten, dreckigen Klamotten und ließ sie auf den glänzenden weißen Fußboden fallen. Ich zog meine gestohlenen roten Sneakers aus. Anschließend band ich den Gürtel des weißen Frotteebademantels fest um meine Taille und stand barfuß da.
„Und jetzt?“, presste ich schroff zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Es erklang ein surrendes Geräusch. Die Tür zu meiner Rechten ging auf. Sie reichte vom Boden bis zur Decke. Dahinter war es dunkel. Vorsichtig näherte ich mich der offenen Tür.
Es schien ein Zimmer in einem luxuriösen Hotel zu sein. Es war groß und prächtig und mit wunderschöner Kunst dekoriert. Auf der rechten Seite entdeckte ich ein riesiges Himmelbett. Auf der linken Seite führte ein Bogengang in das geräumige Badezimmer. Durch das Panoramafenster konnte ich den Sonnenuntergang in Rot, Orange, Pink und Gelb über einem sich friedlich kräuselnden See beobachten. Bäume wiegten sich sacht in einer sanften Brise. Wo war ich? In der Stadt gab es keinen Ort wie diesen.
Ich trat näher und berührte das Fenster. Das Bild fing an, zu flackern. Es war augenblicklich klar, dass es sich gar nicht um ein Fenster handelte, sondern um einen Monitor – zehnmal größer als der, den meine Familie einst besessen hatte. Jetzt erblickte ich den Schlitz, wo die Disc mit den Bilddateien eingelegt wurde.
So echt. So perfekt. Ich war komplett darauf reingefallen.
Auf dem Tisch neben dem Plasmabildschirm war ein Festmahl aufgebaut wurden, wie ich es noch nie gesehen hatte. Obst, Brot, Roastbeef, Hummer, Shrimps, Käse. Eine große Flasche Wein stand in einem silbernen Kühler und war von Eiswürfeln umgeben. Ich streckte die Hand aus, die, wie ich feststellte, zitterte, und nahm mir eine grüne Traube. Zaghaft steckte ich sie in den Mund und biss die knackige Hülle durch. Die Süße der Frucht schien in meinem Mund regelrecht zu explodieren. Ich fühlte mich, als hätte ich seit Tagen nichts mehr zu futtern bekommen. Und das stimmte ja auch. Ich hatte wirklich nicht viel gegessen. Und erst recht nicht so etwas wie das hier.
Am Ende von Level vier warte eine Belohnung, hatte Jonathan mir erklärt.
Das hier war meine Belohnung. Etwas zu essen und ein bisschen Privatsphäre. Mir war nicht klar gewesen, wie hungrig ich war, bis ich dieses Mahl erblickt hatte.
Mein Magen zog sich vor Sorge zusammen, während meine Gedanken wieder zu Rogan wanderten. War er auch in einem Zimmer wie diesem?
Nach einer weiteren Minute, in der ich mich sorgte, gewann mein Hunger.
Ich fing an, das Essen in meinen Mund zu schaufeln. Käse, Cracker, mehr Trauben. Das Weinglas beachtete ich gar nicht, sondern schnappte mir gleich die Flasche, setzte sie an und trank gierig von dem gekühlten Wein. Vor ein paar Monaten hatte ich mal ein paar Schnapsgläser mit schlechtem Wodka getrunken. Einige Bekannte hatten in einem verlassenen Haus eine halbe Flasche von dem Zeug gefunden. Wein hatte ich allerdings noch nie probiert. Er war süßer als der Wodka und rann so leicht wie Wasser meine Kehle hinab.
Nachdem ich mir den Bauch vollgeschlagen hatte und mich auf etwas anderes konzentrieren konnte, ging ich ins Bad. In der Tür blieb ich stehen und rang nach Luft. Ein Schaumbad war für mich eingelassen wurden. Die Wanne war voll und sah einladend aus. Ein süßer, blumiger Duft erfüllte die dampfende Luft – wie Rosen, die in Honig getaucht worden waren.
Ich schaute mich um, warf einen Blick über die Schulter und suchte den Raum, nach Kameras ab, allerdings konnte ich keine ausmachen.
Hatte Jonathan die Wahrheit gesagt, als er mir erzählt hatte, dass ein Teil meiner Belohnung aus etwas ungestörter Zeit für mich allein bestand? Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Mein Misstrauen bewirkte nur, dass mein voller Magen in Aufruhr geriet.
Einige Minuten lang tigerte ich noch in der Suite auf und ab und erwartete das Unvermeidliche. Ich wartete darauf, dass aus dem Nichts die Digicams auftauchten.
Doch es passierte nichts.
Ich fragte mich zum x-ten Mal, wo Rogan stecken mochte. Mein Implantat gab kein Warnsignal von sich. Sofern sie unsere Chips nicht deaktiviert hatten, konnte er nicht weiter als dreißig Meter von mir entfernt sein.
Allmählich nahm ich einen unschönen Geruch wahr. Bestürzt wurde mir klar, dass ich es wahr, die so unangenehm müffelte. Zwei Tage lang war ich gerannt und hatte geschwitzt. Selbst nach einer Regendusche roch ich noch fürchterlich.
Schließlich ließ ich den Bademantel auf den Boden gleiten und stieg in die Badewanne. Ich seufzte wohlig auf. Es war so lange her, dass ich ein richtiges Bad genossen hatte. Ich hatte nur schnell geduscht, wann immer sich mir die Möglichkeit geboten hatte. Das hier war die reinste Wonne. Noch immer paranoid, dachte ich immer noch, dass gleich eine der silbernen Digicams angeflogen kam und mich nackt filmte, aber es herrschte nur herrliche Stille.
Am Wannenrand entdeckte ich eine Shampooflasche. Ich verteilte etwas Shampoo in meiner Handfläche und sank dann ins Wasser, um mein Haar auszuspülen.
Nachdem ich fertig war, kletterte ich aus der Badewanne, trocknete mich ab und schlüpfte wieder in den Mantel. Ich ging zurück ins Hauptzimmer und versuchte, meine Gedanken zu ordnen.
Ich fühlte mich … gut.
Was überhaupt keinen Sinn ergab.
Ich hatte keine Zeit, um mich zu entspannen oder gut zu fühlen. Ich musste die Zeit, die ich hatte, nutzen, um mir zu überlegen, wie ich dieses Spiel verlassen konnte, bevor es mich umbrachte.
Die Tür schwang auf, und Rogan erschien. Er betrat das Zimmer, ehe die Tür hinter ihm wieder zuschlug.
Er trug ebenfalls einen Bademantel, wie ich ihn anhatte. Sein dunkles Haar hatte er sich aus dem nun sauberen Gesicht gekämmt. Seine Augen wirkten im schummrigen Licht wie blaugrüne Juwelen.
Wow, ich hatte recht gehabt. Er hatte sich gewaschen und sah scharf aus. Und zwar super scharf.
„Geht es dir gut?“, erkundigte er sich.
„Mir … Mir geht es gut. Danke. Und dir?“
Er ließ den Blick durchs Zimmer schweifen und blieb an dem Essen hängen. „Hast du von dem Essen oder den Getränken probiert?“
„Ja. Ein bisschen.“
Frustriert atmete er durch. „Ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass die Speisen vielleicht mit Drogen versetzt sein könnten?“
„Oh.“ Ich starrte ihn an. „Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.“
„Offensichtlich.“ Er trat näher und betrachtete mich besorgt. „Mir dir scheint alles in Ordnung zu sein.“
Ich hatte ein ungutes Gefühl in der Magengegend, allerdings störte es mich nicht wirklich. Das zeigte mir, dass sie tatsächlich etwas ins Essen gemischt hatten, damit ich mich entspannte. „Da du es gerade erwähnst: Ich fühle mich im Augenblick seltsamerweise besser als nur in Ordnung.“
„Verdammt, Kira.“ Er funkelte mich an. „Es hätte auch vergiftet und nicht nur mit Drogen versetzt sein können.“
„Ich hatte fürchterlichen Hunger. Und es ist alles gut. Ich bin nur etwas angeheitert. Siehst du?“ Ich streckte die Arme aus und drehte mich langsam um die eigene Achse. „Ich bin noch nicht tot. Und warum sollten sie mich töten wollen, wenn die Kameras nicht in der Nähe sind, um diesen besonderen Moment festzuhalten? Sie wollen nur, dass wir ein bisschen chillen können.“
„Nimm nicht noch mehr davon.“
„Ja, Sir.“ Ich salutierte.
Ja, ich stand dank meiner Mahlzeit definitiv unter Drogen. Ich hatte mich nicht mehr so locker und losgelöst gefühlt, seit … Also eigentlich hatte ich mich noch nie so locker und losgelöst gefühlt. So entspannt.
War das schlecht?
Er warf mir einen argwöhnischen Blick zu und hockte sich dann auf die Bettkante. „Ich bin froh, dass es dir gut geht.“
„Dito. Vielleicht ist ein Belohnungslevel einfach nur das: eine Belohnung. Kein Gift. Und anscheinend auch keine Digicams.“
„Verzeih mir, dass ich allem, was uns so passiert, misstrauisch gegenüber bin.“
Und ich hatte geglaubt, ich wäre angespannt. Rogan war die fleischgewordene Anspannung.
Ich beäugte seinen weißen Bademantel. „Haben sie dir auch ein Schaumbad spendiert?“
Er zuckte die Achseln. „Es war eher ein Abspritzen mit dem Schlauch.“
„Du riechst gut.“ Ich konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen. Es war die Wahrheit. Er roch gut. Er sah gut aus. Wirklich richtig gut.
O Mann. Ich war so benebelt. Selbst nach dem Wodka, bei dem mir übel geworden war, hatte ich mich nicht so berauscht gefühlt.
„Ach, danke.“ Er schaute mich an und ließ den Blick langsam über meinen Körper bis hoch zu meinem Gesicht wandern. „Du auch.“ Dann musterte er mich stirnrunzelnd an. „Haben sie dir wehgetan?“
„Nein. Mir geht es gut“, wiederholte ich.
„Freut mich, das zu hören.“ Sein Gesichtsausdruck wurde weicher. Doch unvermittelt erhob er sich vom Bett, als wäre ihm gerade klar geworden, wo er saß und wie intensiv er mich angeschaut hatte. Er sah zur Seite, auf den Plasmabildschirm.
Meine Wangen waren heiß. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Was auf der Brücke passiert ist …“
Rogan wandte den Blick von der falschen Aussicht ab und schaute mich an. „Ich schätze, du hast einige Fragen an mich, oder?“
Ich nickte.
Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Miene verfinsterte sich, und er fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs feuchte Haar. „Ich habe deine Familie nicht ermordet, Kira.“
„Ich glaube dir.“ Ich versuchte, ihm in die Augen zu sehen, aber er drehte den Kopf weg.
„Ich will nicht, dass du daran irgendwie zweifelst.“
Ich biss mir auf die Unterlippe. „Es gibt einen Weg, damit ich es mit Sicherheit weiß.“
„Und wie sieht der Weg aus?“
„Es ist … Ich habe diese Fähigkeit. Ich kann es seit einiger Zeit, hatte bisher allerdings keine Ahnung, was es genau ist.“ Ich erzählte ihm, was Jonathan mir gesagt hatte. Dass meine paranormale Gabe nicht gut genug war, damit ich mir eine Fahrkarte in die Kolonie und einen Platz in der Schule für Psi-Mädchen sichern konnte. Dass sie jedoch ausreichten, um in meiner Akte aufzutauchen. Das Mädchen, das die Gefühle anderer erspüren konnte – wenn auch nur ein bisschen. Das war ich.
Jonathan schätzte, dass es mir helfen könnte. Bisher hatte es die ganze Angelegenheit nur noch verkompliziert.
In das alles weihte ich Rogan ein.
„Wenn es wehtut, solltest du es nicht machen“, entgegnete er.
„Manchmal ist es die Schmerzen wert. Wie jetzt zum Beispiel. Ich meine, falls du bereit bist.“
„Ich bin bereit. Aber was ist mit dem manipulierten Essen? Wird es dadurch nicht schwerer für dich?“
„Verrückterweise denke ich, dass es mir die Sache erleichtert. Ich werde versuchen, mich nicht dagegen zu wehren. Ich kann es ganz entspannt und ruhig geschehen lassen.“
„Damit bist du vermutlich allein“, murmelte er. Eine ganze Weile musterte er mich, ehe er nickte. „Also gut … Lass es uns probieren.“
„Bist du dir sicher?“ Er war so vorsichtig bei allem – würde es tatsächlich so einfach werden?
„Ja“. Er nahm wieder auf der Bettkante Platz. „Was musst du nun tun?“
„Äh … Ich muss dich … Ich muss dich berühren. So funktioniert es. Beweg dich nicht.“
Ich setzte mich neben ihn. Er beobachtete mich argwöhnisch, sowie ich die Hand ausstreckte und auf seine linke Schulter legte. Behutsam schob ich sie unter seinen Bademantel. Seine Haut war warm und noch immer feucht von der Dusche. Ich glitt mit der Hand über seine Brust und fühlte, wie sein Herzschlag unter meiner Berührung schneller wurde.
Er sagte nichts, um mich davon abzuhalten. Er saß ganz ruhig da.
„Gut“, flüsterte ich. „Jetzt muss ich mich konzentrieren.“
Und das machte ich. Ich schloss die Augen und richtete all meine Sinne auf Rogan. Ich tat das Gleiche wie bei Jonathan, das Gleiche, das ich auch schon früher ganz instinktiv gemacht hatte. Es dauerte einen Moment, bis ich den Kopf freibekommen hatte und mich in den Zustand versetzen konnte, der mir das Lesen anderer ermöglichte. Doch irgendwann klappte es.
Die Empfindungen, die Emotionen überfluteten mich.
Er war allein, so allein. Müde. Wütend, getrieben von dem Wunsch nach Rache. Er verströmte Verzweiflung, Enttäuschung und so viel Verrat. Wieder spürte ich wie bei Jonathan Schuldgefühle – sehr starke Schuldgefühle. Und eine solche Traurigkeit, dass ich in Tränen ausbrechen wollte.
Bis jetzt hatte ich noch keine Schmerzen. Vielleicht hatte ich recht und die ins Essen gemischte Drogen halfen mir. Da war noch etwas anderes, tiefer in diesem dunklen See, das mich zu sich lockte.
Ich konzentrierte mich und strengte mich an weiter in seinen Verstand vorzudringen, um Rogans Geheimnisse zu erforschen und um herauszufinden, warum er glaubte, so viel Schuld auf sich geladen zu haben, dass er meinte, ich würde ihn hassen.
Wenn er meine Familie nicht getötet hatte, wusste ich nicht, was das sein konnte.
Bevor ich noch etwas erspüren konnte, schoss ein brennendes Stechen durch mein Gehirn. Ich zog die Hand weg und glitt von der Bettkante auf den Boden. Stöhnend presste ich mir die Finger an die Schläfen.
O Gott. Der Schmerz! Er breitete sich in meinem Kopf aus, bis ich mir sicher war, dass mein Schädel explodieren würde.
Doch dann ließ er allmählich nach. Süße Erleichterung.
Vielleicht war das eine Nebenwirkung, weil meine Fähigkeiten nicht so ausgeprägt waren. Vielleicht würde es niemals besser werden oder erträglicher sein, sobald ich versuchte, die Fähigkeit anzuwenden. Oder war ich dieses Mal bloß zu weit gegangen?
Ich war weit gegangen. Es fühlte sich an, als wäre ich nur eine Sekunde davon entfernt gewesen, alles zu sehen. Davon, tatsächlich Rogans Gedanken zu lesen.
Aber das war verrückt. So etwas beherrschte ich nicht. Niemand konnte das. Oder?
Rogan war neben mir auf den Boden gesunken und hielt mich in den Armen. Er strich mir das noch immer feuchte Haar aus dem Gesicht. „Alles in Ordnung?“
„Gleich fühle ich mich wieder besser.“
„Du hast mir eine Höllenangst eingejagt. Aber es hat geklappt. Ich habe dich in meinem Verstand gespürt.“
Ohne noch etwas zu sagen – ich war mir nicht sicher, ob ich es geschafft hätte, wenn ich es probiert hätte –, schlang ich die Arme um ihn und zog ihn an mich. Ich hatte vorhin nicht übertrieben. Er roch gut. So gut. Nach Seife und noch etwas anderem, das zugleich süß und würzig war. Ich ließ mich von dem Duft umhüllen, ließ ihn in mein Innerstes, meinen Geist dringen, und er vertrieb den Schmerz, bis ich endlich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte.
Schließlich löste ich mich von Rogan, doch er umfasste mein Gesicht mit beiden Händen und schaute mich eindringlich an.
„Du bist paranormal begabt. Ein Psi“, sagte er.
„Ich schätze, das stimmt.“
„Das ist verblüffend.“
„Meine Fähigkeiten sind allerdings nicht sehr stark.“
Das brachte mir ein Lächeln ein. „Trotzdem ist es verblüffend. Ernsthaft. Weißt du eigentlich, wie selten diese Fähigkeiten sind? Das ist unglaublich.“
Ich sah ihm in die Augen. „Ich habe deine Gefühle, deine Emotionen gespürt. Und es waren viele.“
„Ja. Das muss ein ziemlich unangenehmer Trip für dich gewesen sein.“ Sein Lächeln erlosch. „Und jetzt?“
Auch wenn Rogan Ellis ein verkorkster Junge sein mochte, der eine Menge Ängste hatte, mit denen er fertig werden musste, war er nicht böse. In meinem ganzen Leben war ich mir noch nie so sicher gewesen. Dennoch brauchte ich mehr. Wäre ich nur besser, meine Gabe nur stärker, dann hätte ich seine Gedanken lesen können. Ich hatte so kurz davorgestanden.
Wenn ich das allerdings schaffte, gab es nur einen Weg, um die Wahrheit herauszufinden.
„Also“, meinte ich ruhig. „Ich möchte, dass du mir sagst, weswegen du dich schuldig fühlst.“
Er verspannte sich sichtlich. „Was?“
„Du hast erzählt, dass du dich wegen irgendetwas schuldig fühlst, für das ich dich wahrscheinlich hassen würde. Diese Schuld habe ich gerade gespürt. Sie frisst dich auf. Und wenn es nicht das Töten der unschuldigen Studentinnen ist und auch nicht der Mord an meiner Familie – was ist es dann?“
„Vergiss es einfach.“ Er wollte sich von mir abwenden, doch ich griff nach dem Kragen seines Bademantels.
„Nein, ich kann es nicht vergessen. Verrat es mir“, forderte ich entschlossen. Die Wirkung der Drogen im Essen ließ nun schnell nach, trotzdem sorgte sie immer noch dafür, dass ich mir mutiger vorkam als sonst. „Wir werden nirgends hingehen, bis du es mir nicht gesagt hast. Und ich werde meine Fähigkeiten nicht mehr an dir ausprobieren, denn beim nächsten Mal könnte mein Schädel tatsächlich explodieren.“
Er warf mir einen vorsichtigen Blick zu. „Ganz ehrlich? Du klingst für mich nicht, als wäre deine paranormale Gabe nur schwach ausgeprägt.“
„In meiner Akte steht jedenfalls, dass die Kraft nur schwach ist. Wäre sie es nicht, würde ich vermutlich schon in der Kolonie leben“. Was für ein schmerzvoller Gedanke.
„Vielleicht.“
„Versuche nicht, das Thema zu wechseln.“ Ich stand auf, stoppte vor dem Tisch mit dem Festmahl und bemühte mich, meine leicht verworrenen Gedanken zu ordnen. „Du weißt über viele Dinge Bescheid – Dinge, von denen ein jugendlicher Drogenabhängiger, der nach St. Augustine’s gebracht worden ist, eigentlich keine Ahnung haben kann. Ich hatte keinen Schimmer über Psis. Ich war mir nicht einmal sicher, ob die Kolonie existiert. Ich wusste nichts von diesem furchtbaren Sender oder über Countdown. Aber du kanntest das alles. Du weißt so viel. Warum ist das so?“
Er presste die Zähne aufeinander. „Kira … Ach, vergiss es“, bat er erneut.
„Nein, das werde ich nicht.“ Ich zögerte. „Wer bist du, Rogan?“
Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Glaub mir, die Antwort auf diese Frage willst du gar nicht hören.“
Ich wusste nur so viel: Er hatte an Jonathans Entzugsprogramm für abhängige Teenager teilgenommen. Jonathan war eng mit Countdown verbunden – in der Vergangenheit und auch jetzt noch. Und zwar mit dem Produzenten der Show. Doch wie passten diese beiden Dinge zusammen?
„Kennst du jemanden namens Gareth?“, fragte ich.
Als hätte ich einen Schalter umgelegt, versteinerte sich seine Miene. „Woher hast du diesen Namen?“
Ein kalter Schauer rann mir über den Rücken. „Jonathan hat mir gesagt, dass er der Produzent von Countdown ist.“ Ich atmete zitternd ein. „Jonathan hat mir vieles erzählt, und obwohl mir klar ist, dass er ein Lügner ist, bedeutet das nicht, dass alles gelogen war. Stehst du in irgendeiner Beziehung zu diesem Spiel? Zu diesem Gareth? Warum hat man dich auserwählt? Wieso haben sie versucht, dich zu Beginn des Spiels so zu verwunden, dass du nicht weit gekommen wärst? Und … Weshalb hat man dich eines Verbrechens beschuldigt, das du nicht begangen hast?“
Er zuckte zusammen, meine Worte schienen ihn verletzt zu haben. Unvermittelt wurde sein Blick eisig. „Willst du das wirklich wissen? Bist du dir sicher, dass du es wissen willst, Kira?“
Eindringlich schaute ich ihn an und ballte die Hände an meinen Seiten zu Fäusten. „Ja, ich bin mir sicher. Lass uns eine Frage nach der anderen beantworten. Verrat mir, wer dieser Gareth ist.“
Rogan sah mich eine gefühlte Ewigkeit an, ehe er endlich etwas sagte.
„Gareth ist mein Vater.“