16. KAPITEL
„Ich glaube, ich weiß, wohin wir können!“, rief ich, während wir durch eine weitere Seitenstraße hetzten. Ich achtete nicht auf den Schmerz, der meinen verstauchten Knöchel durchzuckte, und umklammerte meine Pistole.
„Wohin?“
Vor meinem geistigen Auge war der Ort kurz aufgetaucht – die Adresse, die mir durch den Kopf geschossen war, während ich die Gedanken seines Vaters gelesen hatte. Es war nicht viel, was wir damit als Anhaltspunkt hatten, aber immerhin war es etwas.
„Wir sind fast da“, erklärte ich. „Ich hoffe, du hattest recht damit, dass die Digicams die Verbindung zwischen uns und dem Fernsehsender sind.“
„Da wir noch immer bei Bewusstsein sind, schätze ich, dass wir uns nicht geirrt haben. Niemand hat uns bisher einen Schmerzimpuls durch das Implantat geschickt, um uns auszuschalten. Ich nehme an, dass das Zerstören der Kameras ihr System gestört und es ihnen nun nicht mehr möglich ist, uns zu orten – zumindest für eine kleine Weile. Die Tatsache, dass wir noch nicht bestraft wurden, spricht dafür. Aber es wird nicht lange dauern, bis sie uns aufgespürt haben.“
„Da vorne. An der Ecke links ab.“
Die Siedlung war gute eineinhalb Kilometer von dem Platz entfernt, an dem wir Level sechs gespielt hatten. Wir verlangsamten unser Tempo und rannten im Laufschritt weiter, nachdem wir um die Ecke gebogen waren. Mein Knöchel schmerzte fürchterlich.
Es war der totale Gegensatz zu der Gegend, in der wir gerade gewesen waren – eine verlassene Ecke der Stadt, die in mir den Eindruck erweckt hatte, dass niemand außer Rogan, mir und der körperlosen Stimme des Moderators mehr existierte. Hier in diesem recht dicht besiedelten und bewohnten Viertel wurde ich daran erinnert, dass die Stadt, die definitiv am Aussterben war, noch nicht ganz tot war.
In diesem weitläufigen Sektor gab es viele Menschen, die die Bürgersteige entlanggingen. Auf der Straße fuhren kleine energieeffiziente Autos und Motorräder. So wie hier hatte es irgendwann einmal in der gesamten Stadt ausgesehen. Lebendig. Belebt. Mit Menschen, die Jobs und Familien hatten.
Wir versteckten unsere Waffen und schlängelten uns durch die Menge, während wir für unsere Outfits einige schiefe Blicke ernteten. Schwarz, glänzend und eng passte nicht zu den gedeckten Farben der Businessanzüge und -kostüme von den Leuten, die uns entgegenkamen. Eine ältere Frau beäugte die bis knapp übers Knie reichende, schwarze Strumpfhose und das kurze Röckchen, den ich trug, lächelte mich missbilligend an und murmelte eine Beleidigung.
Ich spielte mit dem Gedanken, zu ihr zu rennen, ihre Hände zu ergreifen und sie anzuflehen, uns zu helfen und uns Unterschlupf zu gewähren, doch ich hielt mich zurück. Ich holte tief Luft und atmete bedächtig wieder aus, während ich Rogans Arm festhielt und weiterhumpelte. Ich versuchte, meinen rechten Knöchel zu schonen, der nach unserer Flucht immer heftiger pochte. Mir war klar, dass wir niemanden in diese Sache hineinziehen durften. Niemand würde uns ein Versteck anbieten. Niemand würde uns überhaupt glauben. Alle waren zu beschäftigt damit, sich um ihr eigenes Leben, ihre eigenen Probleme, ihre eigene Sicherheit zu kümmern.
„Da vorn“, meinte ich zu Rogan. „Nummer dreihundertachtundfünfzig.“
Er ging voran, ohne weitere Fragen zu stellen. Wir hatten die Waffen jeweils in unserem Bund verstaut. Das Schwarz der Pistolen vermischte sich mit dem Schwarz der Outfits, die uns von Countdown zur Verfügung gestellt worden waren. Das kalte Metall auf meiner Haut vermittelte mir ein kleines Gefühl von Ruhe, auch wenn es nichts daran ändert, dass mein Herz, in rasender Geschwindigkeit weiterhämmerte. Es schlug so laut, das ich mir sicher war, dass die Menschen, die an uns vorbeiliefen, es hören konnten.
Obwohl in meiner Pistole keine Munition mehr war, seit ich alle Kugeln auf die Digicams gefeuert hatte, hatte ich sie nicht weggeworfen. Sie bei mir zu haben, beruhigte mich irgendwie. Die meisten Leute würden beim Anblick einer Waffe ängstlich zurückweichen, ohne dass ich überhaupt gezwungen werden würde, den Abzug zu betätigen.
Kurz bevor wir die Adresse erreichten, stellte sich uns ein Mann in den Weg. Ich fühlte, wie Rogan sich verspannte, sowie der Mann vor uns trat und uns breit anlächelte.
„Ihr zwei seht abgefahren aus.“
„Machen Sie Platz“, befahl Rogan.
„Ich habe etwas, das für euch interessant sein könnte.“
„Was ist es?“, fragte ich nervös.
Er zog einen dreifach gefalteten Flyer hervor, der auf hellblaues Papier gedruckt war. „Wolltet ihr schon mal hier weg? Möchtet ihr herausfinden, wie ihr euch einen Platz im Shuttle in die Kolonie organisieren könnt, auch wenn ihr nicht viel Geld besitzt? Tja, ich habe hier das Richtige für euch.“
„Nicht interessiert“, erwiderte Rogan. „Lassen Sie uns mit Ihren Betrügereien zufrieden.“
„Betrügereien? Nicht im Entferntesten. In meinem Kurs erkläre ich euch die zehn besten Wege, um in die Kolonie zu kommen und fort von alldem hier. Es existieren immer andere Möglichkeiten, andere Lösungen. Stellt euch das einmal vor: das ganze Jahr über perfekte Temperaturen, keine Verschmutzung, silberne Wolkenkratzer, mehr als genügend Jobs, Straßen, die in Gold gefasst sind! Der perfekte Ort für ein perfektes Leben – das ist die Kolonie. Und mit meiner Hilfe könnt ihr dorthin gelangen.“
„Es ist ein Kurs?“, fragte ich enttäuscht.
„Ja. Er heißt: In zehn Wochen ins Paradies. Nur fünfhundert Dollar und auch ihr könnt eure Träume verwirklichen.“ Er streckte mir den Flyer entgegen.
„Nicht interessiert.“ In Rogans Stimme klang eisig. „Und jetzt aus dem Weg. Ich will es nicht noch einmal sagen müssen.“
Der Mann räusperte sich und holte einen weiteren Flyer aus der Innentasche seiner Jacke. „Kein Interesse. Das kann ich verstehen. Vielleicht ein kleiner Urlaub in der Nähe? Ich kann euch jederzeit mit Kerometh versorgen, damit jeder Tag wie Urlaub ist …“
Rogan stieß ihn weg, und wir marschierten weiter.
„Traumhändler“, brachte er gedämpft hervor und hörte sich wütend an. „Ich hatte schon fast vergessen, dass sie überall sind.“
Wehmütig blickte ich dem Mann hinterher. Wie viele Leute hatte er dazu gebracht, seinen Kurs zu buchen, der mit falschen Versprechungen lockte? Er hatte die Träume der Menschen ausgenutzt, die hier gefangen waren. Menschen wie mich.
Nicht, dass ich jemals fünfhundert Dollar hätte, um sie für irgendeinen Kurs auszugeben. Bildung war etwas für die Reichen, nicht für Mädchen wie mich, Mädchen, die auf der Straße lebten.
Ich schob die Gedanken beiseite, sobald wir uns unserem Ziel näherten. Die Hausnummer war in Ziffern aus Messing über der großen Tür befestigt.
Ich packte den Griff und war erstaunt, dass die Tür gleich aufschwang. Wir schlüpften hinein, und die Haustür schloss sich hinter uns. Die Geräusche der Straße verklangen. Wir befanden uns jetzt in einem schmucklosen Korridor, der nur durch das spärliche Licht erhellt wurde, das durch ein winziges Fenster fiel. Zitternd atmete ich tief durch, als wir den Flur durchquerten.
„Was ist das hier für ein Ort?“, fragte Rogan.
„Ich werde es dir sofort erklären. Komm mit.“
Jedes Mal, wenn ich kurz davor gewesen war, seinen Vater zu erwähnen, war ich unterbrochen worden. Ich hielt das nicht für einen Zufall. Die Digicams waren schon lange fort, denn sonst wären wir gar nicht so weit gekommen. Doch ich war auch jetzt nicht bereit, es zu riskieren und das Gespräch wieder auf seinen Vater zu bringen. Noch nicht.
Der Korridor führte etwa sechs Meter geradeaus und machte dann eine scharfe Rechtskurve. Die Front des Hauses, die zur Straße gezeigt hatte, war nichts als eine Fassade gewesen.
Vor uns entdeckte ich ein Licht über einer roten Tür. Daneben war ein Summer. An der Tür stand wieder die Hausnummer.
Hier waren wir richtig.
Argwöhnisch betrachtete Rogan den Eingang. „Kira, sagst du mir jetzt endlich, was hier los ist?“
„Wenn ich mir sicher bin, werde ich dir alles erzählen.“
„Du kennst das doch, wenn Leute, die nicht schon unzählige Male beschissen worden sind, versuchen, positiv zu denken?“
„Ja?“
„Lass uns mal so tun, als gehörten wir auch zu diesen Menschen.“
Ich drückte den Knopf. Der Klang des Summers war ohrenbetäubend.
Ich rechnete fast damit, dass die Tür aufschwingen und dahinter ein dunkles Loch zu sehen sein würde. Und dann würde ein Monster daraus hervorspringen, das uns schnappen und in die Dunkelheit zerren würde. Doch nichts dergleichen geschah. Genau genommen passierte überhaupt nichts.
Schweigend warteten wir ungefähr fünf Minuten lang.
Mit gespreizten Fingern fuhr Rogan sich durch sein dunkles Haar. „Also, wie lange sollen wir noch hierrumstehen? Ich versuche ja, geduldig zu sein, Kira. Wirklich. Aber du musst jetzt mit mir reden. Sofort.“
Er hatte recht. Es war Zeit.
Ich sagte ihm alles, was ich wusste – was zugegebenermaßen nicht besonders viel war. Ich erzählte alles, was ich durch meine Psi-Fähigkeiten über seinen Vater herausgefunden hatte. Dass er scheinbar ein Monster war, das die Gameshow vorantrieb, das wahrscheinlich seinem eigenen Sohn furchtbare Verbrechen angehängt hatte, um ihn aus dem Weg zu räumen, und das ein Spiel weiterspielen ließ, das Schmerz verursachte und Leben zerstörte …
Und ich sagte ihm, dass irgendetwas nicht stimmte. Dass sein Vater nicht er selbst war. Ich hatte den echten Gareth Ellis gehört – ihn wirklich gehört. Er war noch tief in seinem Inneren verborgen. Allerdings hatte er nicht mehr die Kontrolle über seinen Körper.
Er war derjenige, der mir diese Adresse genannt hatte. Um mir zu helfen, um Rogan zu helfen.
Er wollte, dass wir entkamen.
Rogan lauschte mir still. Seine Miene war undurchdringlich. Nachdem ich fertig, war, wartete ich auf seine Reaktion. Es dauerte einen Moment.
„Warum hast du mir das nicht längst alles erzählt?“, fragte er leise.
„Ich habe es probiert. Auf dem Dach, nachdem Mac und Kurtis … Und dann habe ich einmal, bevor das Motelzimmer sich plötzlich geteilt hat. Sie haben uns belauscht. Sie wollten nicht, dass ich dir etwas verrate, also haben sie mich daran gehindert.“
Er runzelte die Stirn. „Aus deinem Mund klingt das alles so, als wäre mein Vater besessen.“
„Ich weiß, dass es sich verrückt anhört, dennoch hat es sich so angefühlt. Er ist nicht mehr Herr seines Körpers und seines Handelns.“
Ich beobachtete, wie unterschiedlichste Emotionen über Rogans Gesicht glitten. Aus Ungläubigkeit wurde Wut und schließlich die widerwillige Akzeptanz, dass es im Bereich des Möglichen lag. Unvermittelt sah er mich an.
„Du hast gemeint, du hättest seine Gedanken gelesen? Du hast sie wirklich gelesen?“
Ich nickte und war selbst noch immer erstaunt darüber, dass ich über diese Gabe verfügte. „Dasselbe ist passiert, als ich mit Kurtis auf dem Dach war. Es waren nicht nur Empfindungen, die ich gespürt habe. Es war mehr als das.“ Rogan schaute mich weiterhin mit einem merkwürdigen Ausdruck an. „Warum? Ist das schlecht?“
„Nicht schlecht, allerdings …“ Einen Moment lang schwieg er. „Es ist nur … alles andere als eine schwache paranormale Fähigkeit.“
„Was?“
„Jonathan hat dir doch gesagt, dass du nur schwach ausgebildete paranormale Fähigkeiten besäßest, stimmt’s?“
„Ja.“
„Vielleicht hat Jonathan gelogen. Vielleicht hast du keine schwache, sondern eine stark ausgeprägte Psi-Gabe.“
Mein Herz setzte einen Schlag lang aus. „Weshalb sollte er mich in diesem Punkt anlügen?“
„Warum lügt er überhaupt? Ich weiß es nicht.“ Rogan blickte wieder zur Tür. „Wir müssen hier raus. Es gibt noch andere Orte, an denen wir uns verstecken können.“
Er hatte recht. Ich hatte gehofft, dass diese Adresse uns weiterbringen würde – dass wir auf unerwartete Weise Hilfe erhalten würden. Doch es war genauso gut denkbar, dass das hier eine Falle war. Und es würde auf jeden Fall zu einer Falle werden, falls wir noch länger hierblieben, während der Fernsehsender unsere Implantate lokalisierte.
Wir kehrten in den Korridor zurück, als gerade die Eingangstür Richtung Straße ins Schloss fiel und sich schwere Schritte näherten.
Rogan zog die Pistole aus seinem Hosenbund und warf mir einen nervösen Blick zu. Ohne zu zögern, tat ich es ihm gleich.
In dem Moment hörte ich ein kurzes Knacken. Irgendetwas in meinem Hinterkopf begann, zu ticken.
„Das Signal des Implantats konnte nicht lokalisiert werden.“ Es war nicht die Stimme des Moderators. Es war eine computergenerierte Stimme. Nicht menschlich und ohne jede Gefühlsregung. „Bitte kehren Sie in die Reichweite des Signals zurück. Eine Zuwiderhandlung führt in fünfzehn Minuten zur Selbstzerstörung des Implantats. Der Countdown beginnt jetzt.“
Oh, Scheiße. Mit aufgerissenen Augen schaute ich Rogan an.
Er hob eine Braue. „Es wird immer besser und besser, oder?“
„Und jetzt?“
„Ich schätze, das werden wir bald herausfinden.“
Ich umschloss meine Waffe mit beiden Händen und richtete sie ins Halbdunkel des Flurs. Ich hoffte, dass Rogan noch Munition hatte. Einen Moment später tauchte vor uns jemand auf. Er hielte ebenfalls eine Pistole in der Hand und zielte auf uns.
Es war Jonathan. Er trug eine dunkle Hose und ein langärmeliges Shirt. Seinen weißen Laborkittel hatte er nicht an. Auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen.
„Lasst die Waffen fallen!“, befahl er.
„Sie zuerst“, erwiderte Rogan.
„Rogan, tu, was ich sage, und lass die Pistole fallen.“
„Im Moment nehme ich von Ihnen keine Befehle an, Arschloch. Ich werde abdrücken und Sie kaltmachen, ohne zu zögern.“
Jonathan richtete die Waffe auf mich. „Wenn du auf mich schießt, werde ich sie abknallen. Ich weiß, dass ihr Magazin leer ist. Ich habe mitgezählt. Und du hast nur noch eine Kugel übrig.“
Rogan warf mir einen angespannten Blick zu, ehe er wieder zu Jonathan sah. „Eine Kugel reicht, um Sie zu töten.“
Ich hätte nicht erwartet, dass er hierherkommen würde. Es war ein weiterer Beweis dafür, dass meine Entscheidung, zu dieser Adresse zu gehen, falsch gewesen war. Verdammt. Mein Hass auf diesen Lügner drängte an die Oberfläche, allerdings war mir klar, dass es uns nicht weiterhelfen würde, wenn ich mich jetzt aufregte.
Ich versuchte also, so ruhig zu bleiben, wie die gegebene Situation es zuließ.
„Woher wussten Sie, dass wir hier sind?“, fragte ich.
„Wirst du vernünftig sein, Kira? Oder wirst du genauso stur wie Rogan sein?“
„Da Sie gedroht haben, mich zu abzuknallen, klingt ‚stur‘ in meinen Ohren wie die bessere Lösung.“
Einen Moment lang betrachtete ich ihn. Ich umklammerte meine nutzlose Pistole so fest, dass sie mir in die Haut schnitt. Ich erinnerte mich daran, wie ich meine paranormalen Fähigkeiten an ihm getestet hatte – mit seiner Unterstützung und unter seiner Anleitung.
Warum hätte er mich wegen meiner angeblich schwach ausgeprägten Gabe anlügen sollen?
Eines war mir noch sehr deutlich im Gedächtnis geblieben – der Moment, von dem ich mich vorher hatte täuschen lassen: Jonathan hatte den Eindruck vermittelt, sehr aufrichtig zu sein. Aber ich hatte zugleich auch unglaublich viel Schuld gespürt; genug Schuld, um darin zu ertrinken.
„Was bereitet Ihnen dieses schlechte Gewissen, Jonathan? Beantworten Sie mir die Frage. Sofort.“
Überraschung blitzte in seinen Augen auf, dennoch ließ er die Pistole nicht sinken. „Ich fühle mich wegen vieler Dinge schuldig, Kira. Ich habe keine Ahnung, wo ich da anfangen soll.“
„Sie haben Schuldgefühle wegen der Dinge, die Sie getan haben.“
Seine Miene verfinsterte sich. „Natürlich fühle ich mich schuldig. Deshalb bin ich hier. Deshalb müsst ihr mir zuhören.“
„Habe ich starke paranormale Fähigkeiten?“
Erstaunt blinzelte er. „Ja.“
Ich rang nach Luft. „Warum haben Sie mir dann erzählt, dass meine Gabe nur schwach ausgeprägt wäre?“
„Ich wollte nicht, dass er es weiß. Und ich hatte gehofft, dass deine Fähigkeit euch während des Wettbewerbs nützlich sein würde. Und das war sie ja auch. Ihr seid hier. Doch wir haben nicht mehr viel Zeit. Du musst mir vertrauen. Nimm die Waffe runter. Bitte, Kira.“
Ich sollte ihm vertrauen? Nachdem er mich wieder und wieder hintergangen hatte?
Er hatte mir erzählt, meine paranormalen Fähigkeiten wären schwach ausgeprägt, damit Rogans Vater die Wahrheit nicht erfuhr. Damit er mich nicht als Bedrohung betrachtete. Damit ich ihn lesen konnte, sobald ich die Gelegenheit dazu erhielt. Damit ich die Wahrheit herausfand.
War es möglich, dass Jonathan uns tatsächlich helfen wollte?
Es gab nur einen Weg, das herauszubekommen.
Einen Moment lang blickte ich ihn noch an und ließ dann die Pistole fallen. Ich streckte meine leeren Hände nach vorne.
„Kira, was zur Hölle tust du da?“, schrie Rogan.
„Ich vertraue meinen Instinkten.“
„Deine Instinkte werden dafür sorgen, dass du getötet wirst.“
„Mein Magazin war sowieso leer.“
Jonathans Waffe war noch immer auf mich gerichtet.
„Ich habe getan, was Sie von mir verlangt haben“, sagte ich ruhig, auch wenn ich innerlich wie Espenlaub zitterte. „Jetzt reden Sie.“
„Eure Implantate haben die Selbstzerstörungssequenz gestartet, nicht wahr?“ Als keiner von uns beiden diese Vermutung bestätigte, obwohl es in meinem Kopf unaufhörlich tickte, fuhr er fort. „Man hat mich in dem Moment benachrichtigt, als ihr dem Spiel entkommen seid und euch aus der Reichweite des Senders begeben habt.“ Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Gut gespielt, übrigens. Gut gespielt.“
„Das haben wir nicht Ihnen zu verdanken“, erwiderte Rogan, und jedes seiner Worte klang giftig.
Ein Muskel in Jonathans Wange zuckte. „Ich habe getan, was ich konnte. Ich habe dich behandelt und geheilt, Rogan. Ich habe Kiras Bein versorgt, nachdem sie angeschossen wurde. Doch jetzt seid ihr geflohen. Sie wissen, dass ihr noch immer in der Stadt sein müsst.“
Zornig funkelte Rogan ihn an. „Und lassen Sie mich raten: Sie haben sie darüber informiert, dass wir hier sind. Ist das nicht überaus praktisch?“
Jonathan schüttelte den Kopf. „Nein. Sie haben keine Ahnung. Ich bin der Einzige, der im Augenblick weiß, wo ihr steckt. Sie nehmen an, dass sie, nachdem die Implantate sich selbst zerstört haben, nur noch zwei Leichen finden werden.“
„Dann schätze ich, dass sie drei Leichen finden werden. Sie haben sich geirrt, was die Anzahl der restlichen Patronen betrifft – in meinem Magazin ist mehr als nur eine Patrone. Jetzt nehmen Sie die Waffe herunter oder ich schwöre bei Gott, dass ich Sie so durchlöchern werde, dass Sie aus Ihrem eigenen Arsch gucken können.“
„Rogan …“ Meine Kehle war so zugeschnürt, dass ich kaum ein Wort herausbringen konnte. „Ich glaube wirklich nicht, dass Jonathan uns wehtun will.“
Rogan warf mir einen Seitenblick zu. „Warum? Wegen deiner empathischen Instinkte?“
„Nenn es Bauchgefühl.“
„Sorry, das reicht mir nicht.“
Verzweifelt stieß Jonathan die Luft aus. „Wir haben nicht mehr genug Zeit, um diese Diskussion fortzusetzen.“ Er beugte sich vor und legte seine Waffe auf den Boden. Rogan stürmte auf ihn zu. Blitzschnell packte er ihn am Arm, drehte ihn um und stieß Jonathan unsanft gegen die Wand neben der Tür. Im nächsten Moment drückte er Jonathan die Pistole an die Schläfe.
„Jetzt erzählen Sie mir, warum Sie hier sind.“
„Ich bin hier …“ Jonathans Worte klangen etwas gedämpft, weil er von Rogan mit dem Gesicht voran an die Wand gepresst wurde. „… weil ihr den Summer betätigt habt. Er ist mit einem Gerät verbunden, das ich immer bei mir trage. Es zeigt an, wenn jemand den geheimen Unterschlupf entdeckt hat, den ich für deinen Vater einrichten musste.“ Er nickte, so weit das möglich war. „Ich konnte euch dank der versteckten Kameras sehen, also bin ich gleich gekommen.“
Ich schaute hoch und sah den fast unmerklichen Schimmer einer kleinen schwarzen Linse in einer Ecke unter der Decke.
Noch mehr Kameras. Gott, ich hasste Kameras.
Rogan griff Jonathan am Shirt und wirbelte ihn ziemlich grob wieder zu sich um. „Reden Sie weiter.“
„Dein Vater ist nicht mehr er selbst.“
„Das ist mir bekannt“, entgegnete Rogan.
„Das weißt du?“ Jonathan riss die Augen auf. „Du weißt über das KI-Virus Bescheid, das die Kontrolle über das Implantat deines Vaters übernommen hat?“
Rogan warf mir einen Blick zu. Meine Augen waren groß, mir stockte der Atem.
Er war besessen – ich hatte es gespürt. Zwar hatte ich keine Ahnung, ob es ein Dämon, ein böser Geist oder eine Persönlichkeitsstörung war, allerdings hätte ich das hier niemals erwartet.
„Was meinen Sie damit?“, brachte ich hervor. „Ein Virus? So etwas wie ein Computervirus?“
Jonathan nickte. „Es passierte in der Nacht des großen Stromausfalls – als es vorher diesen gewaltigen Stromstoß gab. Er konnte sich nicht dagegen wehren. Mit so etwas hätten wir niemals gerechnet. Im Zuge der Computerforschung und -weiterentwicklung von Ellis Enterprises hatten wir ein Monster erschaffen. Und dieses Monster, das einen eigenen Willen hat, beherrscht nun deinen Vater.“
Rogan fluchte. „Erwarten Sie, dass ich Ihnen diesen Unsinn abkaufe?“
„Noch neun Minuten bis zur Selbstzerstörung der Implantate“, verkündete die metallische Stimme.
Jonathans Brust hob und senkte sich heftig. „Zu Beginn konnte Gareth noch ab und zu etwas unternehmen, ohne dass das Virus etwas bemerkte. Dein Vater versuchte, dass alles aufzuhalten. Am Ende verlor er jedoch den Kampf. Einige kleinere Dinge gelangen ihm allerdings noch – wie zum Beispiel die Einrichtung dieses geheimen Unterschlupfs. Ihr seid die Ersten, die es hierher geschafft haben.“
Rogan sah mich an, und ich konnte die Anspannung in seiner Miene erkennen, als er all das hörte.
„Wir müssen die Chips loswerden“, sagte er.
Jonathan seufzte. „Ja, sie müssen entfernt werden, denn sonst werdet ihr beide sterben. Und jetzt lass mich endlich los, Junge, damit ich mich an die Arbeit machen kann.“