17. KAPITEL
Jonathan schloss die Tür auf und betätigte den Lichtschalter, ehe er in das kleine Haus eilte. „Folgt mir.“
Er verschwand durch einen engen Durchgang in ein anderes Zimmer.
„Noch acht Minuten bis zur Selbstzerstörung der Implantate.“
Bei der Ankündigung fühlte ich ein beunruhigendes brennendes Gefühl in meinem Hinterkopf. Ich hatte noch sehr gut vor Augen, was noch von Macs Körper übrig geblieben war, nachdem sein Chip explodiert war und alles oberhalb seiner Schultern in Brei verwandelt hatte. Bei der Erinnerung musste ich mich schütteln. Ich folgte Jonathan in den nächsten Raum. Es war eine winzige Küche mit einem Herd, einem Kühlschrank und einem kleinen Holztisch.
„Setz dich hierher.“ Mit einem Kopfnicken wies er auf einen Stuhl an der Seite des Tisches.
Ohne Widerspruch nahm ich auf dem harten Holzstuhl Platz.
Jonathan zog ein durchsichtiges Stück Stoff aus seiner Tasche, das er vor mir ausrollte. Zum Vorschein kamen einige silberne medizinische Instrumente. Alle waren sehr scharf und wirkten sehr gefährlich. An einem Gerät legte er einen winzigen Schalter um, und ein helles orangefarbenes Licht flammte auf.
„Falls Sie ihr wehtun …“, warnte Rogan ihn.
„Wenn du mich weiterhin mit der Pistole ablenkst und nervös machst, passiert mir das vielleicht aus Versehen.“ Jonathan hatte eine Spritze in der Hand und füllte sie mit einer klaren Flüssigkeit aus einer kleinen Glasampulle. „Die Zeit reicht nicht für eine Vollnarkose aus, Kira, also wird eine örtliche Betäubung ausreichen müssen.“
Unsicher schaute ich ihn an.
„Warten Sie …“ Ich hob die Hand, während er näher kam. „Rogan, hast du nicht gesagt, dass das Implantat detoniert, sollte es nicht fachgerecht entfernt werden?“
Ehe Rogan etwas erwidern konnte, antwortete Jonathan mir. „Das stimmt. Allerdings bin ich einer der wenigen, die wissen, wie ein solcher Chip richtig herausoperiert wird. Aber du musst still halten und darfst dich auf keinen Fall bewegen.“
Und so war ich gezwungen, mein Leben in Jonathans Hände zu legen. Auch, wenn er mich wiederholt belogen hatte. Es kam mir nicht besonders klug vor.
Unglücklicherweise blieb uns nun tatsächlich keine andere Wahl mehr.
„Leg die Waffe weg!“, zischte Jonathan Rogan zu. „Oder ich helfe euch nicht.“
Ich sah zu Rogan, der meinen Blick erwiderte. Schließlich ließ er die Pistole sinken und platzierte sie auf die Anrichte neben dem Herd. Sein bedrohlicher Gesichtsausdruck blieb. Ich spürte, dass Rogan sofort zupacken und Jonathan das Genick brechen würde, falls er eine falsche Bewegung machen sollte.
Seltsamerweise beruhigte mich dieses doch sehr gewaltsame Bild.
Alle Gedanken – ob nun beruhigend oder nicht – waren vergessen, kaum dass ich den Stich der Spritze in meinem Hinterkopf fühlte. Ein paar Sekunden später verschwamm mir alles vor den Augen und ein betäubtes Gefühl breitete sich über meine hintere Kopfhaut aus, das von meinen Ohren, meinen Wangen bis zum Kiefer reichte.
Rogan setzte sich neben mich. Ich griff nach seiner Hand, und er entzog sie mir nicht.
„Es wird alles gut“, versicherte er mir angespannt.
„Wenn du das sagst.“
Es wird alles gut, wiederholte ich stumm und versuchte, mich auf irgendetwas anderes als das Ticken in meinem Kopf zu konzentrieren.
Jonathan streckte den Arm aus und wählte ein Skalpell. Ich drückte Rogans Hand, kniff die Augen zusammen und bemühte mich, tapfer zu sein. Trotz der Betäubung nahm ich wahr, wie die Klinge genau an der Stelle meine Haut einschnitt, wo der ursprüngliche Eingriff gewesen war. Warmes Blut quoll aus der Wunde und rann meinen Nacken hinab, bevor Jonathan es mit einem Tuch wegwischte.
Die Instrumente klapperten, als Jonathan etwas anderes aus der Sammlung holte. Dann presste er irgendetwas auf den Schnitt.
„Ich neutralisiere zunächst die Verbindung“, erklärte er. „Das sollte verhindern, dass das Implantat explodiert, sobald ich es entferne.“
„Es sollte verhindern, dass es explodiert?“, wiederholte Rogan. „Sie sollten sich da lieber sicher sein.“
Ich drückte Rogans Hand noch ein bisschen fester, sobald ich ein seltsames Ziehen spürte.
Dann kam ein Schmerz, der so heftig und intensiv war, dass ich unwillkürlich meine Augen öffnete. Ich konnte nichts dagegen tun – ich schrie.
„Verdammt.“ Jonathan hörte sich nervös an. „Rogan, halt sie fest!“
Rogan packte mich an den Schultern, und ich klammerte mich an der Tischkante fest. Ich fühlte, wie es ein paarmal schmerzhaft knackte – wieder und wieder, bis ich dachte, die Qualen würden niemals mehr enden.
Einen fürchterlichen Moment lang konnte ich nichts mehr sehen. Ich war vollkommen blind. Und es kam mir vor, als würde die Dunkelheit mich ersticken. Doch gerade, als die lähmende Angst vor der Dunkelheit mich ganz umhüllen wollte, konnte ich wieder etwas erkennen. Jonathan warf das blutverschmierte Implantat in einen Metallbehälter. Mit einem dumpfen Geräusch landete es dort.
Er nahm ein weiteres Instrument zur Hand. Es war das Gerät, das er kurz zuvor eingeschaltet hatte. Es leuchtete an der Spitze rot-orange, und ich wusste, dass es diese Farbe hatte, weil es extrem heiß war. Er presste es auf den Schnitt. Der Übelkeit erregende, unverkennbare Geruch von verbranntem Fleisch stieg mir in die Nase, während Jonathan meine Wunde ausbrannte.
Der tickende Countdown in meinem Kopf war verstummt. Ich empfand ein wenig Erleichterung, allerdings waren wir noch nicht am Ziel. Und es war nicht mehr viel Zeit übrig.
Ich sah auf Rogans Hand. Ich hatte sie so heftig umklammert, dass meine Fingernägel kleine halbmondförmige Kerben hinterlassen hatten, aus denen Blut quoll.
„Tut mir leid.“ Meine Worte klangen dank der Betäubung noch immer ein bisschen verwaschen.
„Schon gut.“ Er grinste mich an. „Du bist sehr tapfer.“
Ich erwiderte sein Lächeln. „Danke.“
„Wie lange haben wir noch?“, fragte Jonathan.
Rogan wandte den Blick von mir ab. „Zwei Minuten. Mir ist klar, dass es möglicherweise nicht reichen wird.“
Angst breitete sich in mir aus. „Beeilt euch.“
Rogan und ich tauschten die Plätze, und ich hielt seine Hand. Ich achtete darauf, dass ich ihm nicht wieder wehtat, als Jonathan anfing, die Prozedur an ihm zu wiederholen. Rogan schloss während des Eingriffs nicht die Augen und atmete gleichmäßig durch den Mund. Seine Miene wirkte ernst und konzentriert.
„Wie viel Zeit bleibt uns noch?“, erkundigte ich mich.
„Eine Minute“, erwiderte Rogan.
„Jonathan, Beeilung!“
„Glaubt mir“, entgegnete Jonathan. „Ich mache so schnell, wie ich kann.“
Obwohl ich nicht hinschauen wollte, konnte ich nicht anders. Jonathan hatte den Bereich betäubt und schnitt nun über eine Länge von ungefähr fünf Zentimetern die Kopfhaut ein. Er öffnete die Wunde, um das Implantat freizulegen. Kleine blaue und rote Drähte, dünn wie Haare, verschwanden im Schädelinneren.
„Fünfundzwanzig Sekunden.“ Rogans Griff um meine Hand verstärkte sich.
Ohne etwas zu erwidern, tupfte Jonathan die farblose Neutralisierungslösung auf das Implantat und führte dann ein flaches Instrument unter den Chip. Als er daran zog, drückte Rogan beinahe schmerzhaft fest meine Hand.
Das war offenbar der Moment des Eingriffs, als ich geschrien hatte.
Nun war das Implantat nur noch durch die metallischen feinen Drähte mit dem Gewebe verbunden. Der Chip und die angeschlossenen Drähte erinnerten mich plötzlich an eine Spinne. Bei dem Gedanken erschauderte ich. Ich hasste Spinnen.
„Zehn Sekunden …“
Jonathan benutzte ein pinzettenähnliches Instrument, um die Drähte aus dem Gewebe an Rogans Schädel zu ziehen. Nachdem sie gelöst waren, gab der Chip endlich nach und konnte entfernt werden.
Rogan hatte die Zähne zusammengebissen. „Das war verdammt knapp.“
Sein gequälter Blick fiel auf mich. Ich nickte ermutigend. „Du bist auch sehr tapfer.“
Er schnaubte schwach. „Danke.“
„Was ist mit Rogans zweitem Implantat?“, fragte ich Jonathan. „Den Prototyp von vor einigen Jahren?“
Jonathan verschloss die Wunde und brannte sie ebenfalls aus. „Dazu ist eine Operation am geöffneten Schädel vonnöten. Ich habe weder die Zeit noch die Möglichkeiten, um eine so große Operation durchzuführen. Im Moment ist dieser Eingriff auch nicht unbedingt nötig.“
Er warf Rogans Implantat zu meinem in den Behälter und trug ihn zur Anrichte. Dann kippte er den Inhalt des Behälters in den Mixer und schaltete ihn ein.
Mit einem knirschenden, metallischen Geräusch wurden die Chips zerstört.
Endlich stieß ich die Luft aus, die ich unwillkürlich angehalten hatte.
„Geht es dir gut?“, wollte ich von Rogan wissen. Mir war nicht entgangen, dass sein Gesicht während der Operation merklich bleicher geworden war. Meines sah bestimmt ähnlich blass aus.
Er hob eine Augenbraue. „Ich atme noch immer. Und wie geht es dir?“
„Hab mich nie besser gefühlt.“
„Gut, das zu hören.“ Er sah zu Jonathan, und sein Blick wurde misstrauisch. „Danke, dass Sie uns geholfen haben.“
„Sehr gern geschehen.“ Jonathan kam zum Tisch und ließ sich auf den Stuhl gegenüber von uns fallen. „Jetzt müssen wir überlegen, was wir tun können, um euch beide in Sicherheit zu bringen.“
Rogan verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Das ist alles, was Sie mir zu sagen haben? Nach der Bombe, die Sie wegen meines Vaters haben platzen lassen? Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie unsere Implantate entfernt haben, aber das bedeutet nicht, dass alles, was Sie gemacht haben, damit vergessen ist. Bevor Sie irgendwohin gehen, brauche ich mehr Informationen.“
Jonathan presste die Lippen aufeinander. „Ein unerwartetes und sehr wirkungsvolles Computervirus hat den Hauptrechner von Ellis angegriffen und sich an das KI-Programm gehängt, das wir gerade entwickelten. Das Implantat deines Vaters gehörte zu den Systemen, die während des Stromstoßes beschädigt wurden. Innerhalb von Millisekunden hatte das KI-Programm sich … adaptiert. Es hat sich weiterentwickelt. Es ist faszinierend.“
„Faszinierend?“, stieß Rogan hervor. „Wie können Sie so etwas sagen?“
„Ich bin Wissenschaftler. Wenn man es rein von diesem Standpunkt aus betrachtet, war es ein Durchbruch in der kybernetischen Technologie – ein Körper aus Fleisch und Blut ist mit künstlicher Intelligenz verschmolzen. Dieses Virus hat Gareths Macht und seinen Einfluss benutzt, um mit jedem Tag stärker zu werden.“
„Wie ist das überhaupt möglich?“, fragte ich. Selbst als ich noch die Schule besuchte, hatten die Naturwissenschaft und alles mit Computern nicht gerade zu meinen Lieblingsfächern gezählt. Ich musste mich anstrengen, um der Diskussion folgen zu können.
Doch das, was ich verstand, reichte aus. Rogans Vater war besessen – genau, wie ich es vermutet hatte. Aber statt eines Dämons war er von einem KI-Computervirus besessen, das ein eigenes Bewusstsein entwickelt hatte. Nach allem, was ich als Teil dieses Spiels erlebt hatte und was ich über Rogans Vater herausgefunden hatte, hatte ich nach einer Erklärung dafür gesucht, wie das alles hatte passieren können. Es war weit hergeholt … Allerdings ergab es irgendwie auch Sinn.
„Das ist sehr wichtig“, erwiderte Jonathan. „Dieses KI-Virus – es ernährt sich durch die Chips von den Gehirnwellen der Abonnenten. In jeder Woche, die verstreicht, wird es stärker und stärker. Und mit dem Vermögen von Ellis, das ihm in einer Stadt mit einer achtzigprozentigen Armutsrate zur Verfügung steht, muss es nur mit dem Geld um sich werfen und hat inzwischen eine Legion von Angestellten, die bereit sind, alles für es zu tun. Die meisten dieser Menschen glauben, dass sie für einen machthungrigen Milliardär arbeiten, der eben einen schwachen Charakter hat.“
Er ernährt sich von Gehirnwellen. Bei dem Gedanken rieselte mir ein kalter Schauer den Rücken hinab. „Wie konnte Countdown so lange ein Geheimnis bleiben?“
„Angst“, erwiderte Jonathan. „Diejenigen, die eng mit Gareth zu tun haben, unterschreiben eine Geheimhaltungsvereinbarung, die – sollte sie gebrochen werden – extreme Strafen verspricht.“
„Wer würde eine solche Vereinbarung unterschreiben?“, bohrte ich nach.
„Du wärst überrascht, was man mit Geld alles kaufen kann.“
„Das ist doch verrückt“, stieß Rogan keuchend hervor. „Das alles.“
„Ja, das ist es. Doch das macht es nicht weniger wahr. Aktuell gibt es über fünfzehntausend Abonnenten, die ein Implantat haben und die mehr als eine Million Dollar pro Jahr zahlen, um an die Einspeisung durch den Sender zu kommen.“ Er schnaubte leise. „Wie ironisch. Die Einspeisung, die Gareth ernährt. Und sein Appetit kennt keine Grenzen.“
Ich rechnete ein bisschen im Kopf. Dieser undurchsichtige Fernsehsender warf im Jahr mindestens fünfzehn Milliarden Dollar ab – und Countdown war nur eines seiner fürchterlichen Spiele.
„Haben die Leute vom Sender eine Ahnung von dieser Versorgung? Davon, was dieses Virus bewirkt?“, fragte ich.
„Nicht, dass ich wüsste. Nicht, dass es ihnen etwas ausmachen würde, wenn sie darüber informiert wären. Denn solange der Gewinn stimmt, spielt es keine Rolle.“
„Warum haben Sie nicht versucht, es aufzuhalten?“ Rogan umklammerte die Tischkante. Seine Fingerknöchel wurden weiß.
Jonathan presste die Lippen zusammen. „Wie kommt ihr darauf, dass ich es nicht probiert hätte? Ich habe im Verborgenen hinter Gareths Rücken daran gearbeitet, diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten, ehe es noch schlimmer wird. Ehe Gareth die Dinge weitertreibt – dem Tag entgegen, an dem jeder Mensch auf der Erde mit einem Chip ausgestattet ist. Mir ist klar, dass es darauf hinauslaufen soll. Der Sender …“
„Das interessiert mich nicht. Mir geht es nur um meinen Vater“, entgegnete Rogan unverblümt. „Ich kann Ihnen helfen.“
Jonathan schüttelte den Kopf. „Das Beste für euch beide wäre, zu fliehen und so weit wegzulaufen wie nur möglich.“
„Falsch. Er ist mein Vater …“
„Genau. Du bist zu voreingenommen. Du wirst meine Pläne nur durchkreuzen. Im Übrigen ist es meine Pflicht, zu tun, was ich kann. Nach all dieser Zeit habe ich zu lange gezögert …“ Jonathans Miene wirkte gequält, und er schloss die Augen.
„Und deshalb fühlen Sie sich schuldig“, meinte ich. „Ich habe Sie gelesen, während ich in dem Krankenzimmer war. Ich habe die Schuldgefühle gespürt.“
„Es ist so viel Zeit verstrichen, und ich habe nicht gewusst, was ich machen soll. Ich habe untätig zugesehen, wie mein lieber Freund mir entglitten ist und ein Ungeheuer seinen Platz eingenommen hat. Die Angst um meine eigene Sicherheit hat mich daran gehindert, das Notwendige zu unternehmen, um es aufzuhalten. Einschließlich dessen, was dir passiert ist, Rogan. Worte können nicht ausdrücken, wie sehr ich das bedaure, was du durchstehen musstest.“
Rogans Miene wirkte hart. Er erwiderte nichts.
Jonathan schaute mich an. „Wenn dein Vater dieselben Testergebnisse gelesen hat, die ich gesehen habe – und ich bin mir sicher, dass es so war –, dann war er im Bilde über deine paranormalen Fähigkeiten. Aber er hat es geheim gehalten. Sogar vor dir. Ich begreife, warum er Angst hatte. Es gibt in dieser Gesellschaft Menschen, die alles beseitigen wollen, was anders ist als sie.“
Ich schluckte schwer. „Leute wie Kurtis. Er hat mich für das umbringen wollen, was ich war. Was ich bin. Er meinte, ich wäre das Ergebnis einer Mutation nach der Plage.“
„Auf eine Art stimmt das. Ich glaube allerdings nicht, dass es etwas Schlechtes ist. Vielmehr denke ich, dass es ein unglaubliches Geschenk ist.“
„Ich kann nicht einschätzen, ob meine Fähigkeiten wirklich stark ausgeprägt sind. Immerhin habe ich gelesen, dass Sie aufrichtig sind – dabei haben Sie mich wieder und wieder belogen.“
Seine Miene verdüsterte sich, und er wandte den Blick ab. „Das tut mir alles sehr leid.“
„Aber … Aber das heißt nicht, dass sie nicht aufrichtig sind. Sie haben uns geholfen. Und Sie waren auch derjenige, der mir überhaupt erst von meiner Gabe erzählt hat. Und Sie wollten das Virus stoppen. Ein paar Lügen und falsche Entscheidungen ändern nichts an dem, was Sie tief in Ihrem Inneren sind.“
„Ich weiß es nicht mehr. Ich hoffe, du hast recht. Das hoffe ich wirklich.“ Jonathan erhob sich. „Ich habe euch beiden zwei Fahrkarten für den nächsten Shuttle in die Kolonie besorgt.“
Mir stockte der Atem. Damit hätte ich nicht gerechnet. „Ist das Ihr Ernst?“
Er nickte. „In dieser Stadt seid ihr nicht mehr sicher – im Augenblick nicht und auch in Zukunft nicht mehr. Ihr müsst in die Sicherheit der Kolonie flüchten. Dort gibt es weniger Korruption – zumindest auf absehbare Zeit – und dort leben eine Menge Menschen, sodass ihr dort untertauchen könnt.“
Am Tisch herrschte Schweigen.
„Wann fährt der Shuttle?“, fragte Rogan. „Wie erreichen wir ihn?“
„Hinter diesem Haus verlaufen Gleise. Ich habe es so vereinbart, dass der Shuttle um genau drei Uhr hier hält, um euch mitzunehmen. Er wird wie ein normaler Zug aussehen. Ihr werdet ihn allerdings an diesem Symbol erkennen – ein Maiglöckchen –, damit ihr sicher sein könnt, dass es die richtige Bahn ist.“ Er griff in seine Jackentasche und zog zwei Tickets mit unseren Namen hervor. In der oberen Ecke erkannte ich eine weiße Blume mit Blütenblättern. „Der Zug wird euch zu einer anderen Bahn bringen, mit dem ihr die Reise in die Kolonie fortsetzen könnt.“
Wir nahmen jeweils ein Ticket an uns. Ich starrte es an und war mir fast sicher, dass meine Augen mir einen Streich spielten. Ich hatte es mir schon so lange gewünscht, dass es mir unwirklich erschien, nun tatsächlich eine Fahrkarte in der Hand zu halten. Das war alles, was nötig war? Dieses kleine Stück glänzendes Papier reichte aus, um mein Leben für immer zu verändern?
„Ich habe bereits Kontakt zum Iris-Institut aufgenommen, Kira. Das ist eine Privatschule für Mädchen, die genauso paranormale Fähigkeiten haben wie du. Ich weiß, dass es schwer war für dich – vor allem ohne Übung. Ich verspreche dir, dass es, je öfter du deine Gabe anwendest, immer weniger schmerzhaft wird. Es ist, als würde man seine Muskeln trainieren, begreifst du? Du wirst stärker, und die Lehrer im Institut werden dir dabei helfen. Ich habe dir die Adresse der Schule auf die Rückseite der Fahrkarte notiert.“
Ich drehte sie um und betrachtete die präzise Handschrift. „Das ist … Es ist … zu gut, um wahr zu sein.“ Abrupt blickte ich auf. „Wo ist der Haken?“
Ein Lächeln erschien auf dem ansonsten todernsten Gesicht. „Ich verstehe deine Zweifel. Doch es ist alles wahr und es gibt keinen Haken.“
Eine Schule, die jemandem wie mir helfen konnte. Wo ich andere Mädchen treffen konnte, die ebenfalls Psi-Fähigkeiten besaßen. Wo ich Freunde finden, Kurse belegen und ein Zuhause haben würde – nachdem ich so lange keinen Ort gehabt hatte, an den ich gehörte.
Zittrig atmete ich ein. Meine Kehle war wie zugeschnürt. „Danke.“
Er nickte. Als er seine Aufmerksamkeit wieder auf Rogan richtete, bemerkte ich, dass Jonathans Augen bedächtig schimmerten. „Was dich angeht, Rogan, so kann ich nicht in Worte fassen, wie leid es mir tut, dass du so viel Schmerz ertragen musstest.“
Rogans Adamsapfel zuckte, da er schwer schluckte. „Das ist jetzt vorbei.“
Jonathan nickte wieder. „Wie gesagt, dein Vater hatte ein paar bewusste Momente. Er konnte noch dafür sorgen, dass ein Bankkonto für dich eingerichtet wird. Sobald du in der Kolonie bist, werden sämtliche Einträge aus deiner Strafakte gelöscht, sodass dir dein Name keine Probleme bereiten wird, wenn du dort auftauchst. Die Kontonummer steht auf deinem Ticket. Dein Vater wollte, dass du bis an dein Lebensende genug Geld zur Verfügung hast. Er hat sich gewünscht, dass du dich an der Schule einschreibst, die auch Liam besucht hat. Er glaubt, dass du ein unglaubliches Potenzial hast – mehr, als du dir selbst je zugetraut hättest. Es werden einige Aufnahmetests nötig sein, allerdings habe ich dort bereits angerufen und die Situation erklärt, ohne alle unschönen Details zu erwähnen.“
„Dann mussten Sie ja jede Menge auslassen.“
Jonathan zog eine Braue hoch. „Seien wir ehrlich: Geld spricht Bände, wenn man genug davon zur Verfügung stellt. Die Schule ist informiert, dass du möglicherweise vorbeischauen wirst, und sie sagten mir, sie würden sich darauf freuen.“
Ungläubig starrte Rogan auf die Fahrkarte in seiner Hand. „Mein Vater hat sich das hier für mich gewünscht?“
„Ja. Er liebt dich, Rogan. Er hat dich immer geliebt, auch wenn du das manchmal nicht gesehen hast.“ Jonathan presste die Lippen aufeinander. „Du solltest wissen, dass er mich gebeten hat, ihn umzubringen, als er noch die Kontrolle über seinen Körper hatte. Aber ich konnte es nicht. Jetzt vertraut er mir nicht mehr – dieses technologische Monster, das ihn steuert, glaubt, dass ich gegen ihn arbeite. Bisher hat er allerdings noch keine Beweise. Er hat Mitarbeiter, die mich auf Schritt und Tritt beschatten.“
Angst erfasste mich. „Wie konnten Sie dann heute unbemerkt entkommen?“
Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Nach eurer Flucht war Gareth außer sich vor Wut. Im Hauptquartier herrschte Chaos. Ich hatte das Gefühl, dass ihr hierhergekommen sein könntet. Und nachdem ihr den Summer gedrückt habt, schaffte ich es, ungesehen zu entwischen. Ich fürchte allerdings, dass ich nicht viel länger bleiben kann. Eigentlich sollte ich sogar augenblicklich verschwinden. Sie werden nach mir suchen.“
„Ich begleite Sie“, erklärte Rogan entschieden.
„Nein, das wirst du nicht. Mein Plan schließt dich nicht ein. Ich muss es allein tun.“
„Wie lautet ihr Plan?“
Seine Miene wirkte angespannt, während er in die vordere Tasche seiner Hose griff und eine kleine Karte hervorholte. „Nimm das hier. Ich werde einen Weg finden, um in einer Woche Kontakt zu euch aufzunehmen, um euch zu berichten, ob ich erfolgreich war. Falls ihr jedoch nichts von mir hört, bin ich gescheitert. Wartet dann einen Monat lang, bis alles sich beruhigt hat, und benutzt danach diese Karte, um euch mit einem Mann namens Joe in Verbindung zu setzen. Ich bin mir sicher, er kann euch helfen, diese Sache in Ordnung zu bringen, wenn ich es nicht schaffe.“
Rogan schien nicht überzeugt, dennoch griff er nach der Karte. „Aber warum kann ich Sie jetzt nicht unterstützen?“
„Weil sie dich, sobald sie dich sehen, töten werden. Sie werden euch beide umbringen, weil ihr das Spiel abgebrochen habt und entkommen seid. Das Risiko besteht auch nach eurer Ankunft in der Kolonie noch, doch es ist längst nicht so groß wie die Gefahr, wenn ihr hierbleibt – das kann ich euch versichern.“
Bei dieser unverblümten Einschätzung der Lage erschauderte ich. Dann warf ich einen Blick auf die Karte. Ich erkannte ein Logo, das wie ein H aussah, und eine Adresse in der Stadt. Das Logo kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich konnte es nicht genau einordnen.
„Was ist das für ein Ort?“, fragte ich.
Jonathan presste die Lippen aufeinander. „Ein kleiner Hoffnungsschimmer nach Jahren der Dunkelheit. Nach all der Zeit bin ich noch immer voller Zuversicht, dass die Dinge sich ändern können – auch, wenn alles besonders trostlos erscheint.“
Ich sah ihn an. „Also, das ist ziemlich vage. Können Sie uns nicht mehr verraten?“
„Tut mir leid. Ich habe sowieso schon viel zu viel gesagt.“
Rogan machte einen Schritt auf Jonathan zu. Ich war mir nicht sicher, was er vorhatte, bis er unvermittelt die Hand ausstreckte. Jonathan schüttelte sie ausgiebig.
„Danke für das, was Sie uns gesagt haben – und was Sie riskiert haben, weil sie uns geholfen haben“, meinte Rogan knapp. „Und viel Glück für Ihren geheimen Plan, wie auch immer der aussehen mag. Bitte, tun Sie, was Sie können, um meinen Vater zu retten.“
„Pass auf dich auf, Rogan.“
Als Jonathan mich ansah, schenkte ich ihm ein aufrichtig gemeintes Lächeln. „Sehen Sie? Ich wusste, dass Sie doch ein guter Mensch sind.“
„Nein, das hast du nicht gewusst.“ Er lächelte ebenfalls, doch seine Augen wirkten traurig.
„Stimmt, Sie haben recht. Ich wusste es nicht. Jetzt weiß ich es allerdings. Danke für das Ticket und für die … die Sache mit der Schule.“ Mir fehlten die Worte. Wie sollte ich mich bei jemandem bedanken, der mein Leben zum Besseren verändert hatte?
„Der Shuttle kommt um Punkt drei Uhr. Bleibt im Haus, bis es zwei Minuten vor drei ist. Habt ihr verstanden? Oben liegen frische Kleider, falls ihr euch umziehen möchtet. Ich bin mir sicher, dass ihr diese lächerlichen Outfits gern loswerden würdet.“
„Es scheint fast so, als wären Sie auch übersinnlich begabt“, erwiderte ich. Daraufhin lachte er kurz auf.
„Auf Wiedersehen, ihr beiden. Und viel Glück.“
Er drehte sich um und verließ die Küche. Im nächsten Moment hörte ich, wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.
Rogan schaute mich an.
Ich starrte zurück. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, und mein Herz raste. Ich zweifelte daran, dass mein Herz seit dem Moment, als ich angekettet an die Wand in dem silbernen Raum aufgewacht war, überhaupt einmal wieder in normaler Geschwindigkeit geschlagen hatte.
„Mein Schädel bringt mich noch immer um“, erklärte Rogan „Ich habe keine Ahnung, wieso.“
„Könnte daran liegen, dass dir gerade ein großes Stück Metall aus der Birne entfernt wurde.“
Er schnaubte, und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Ja, das könnte einer der Gründe sein.“ Er blickte in die Richtung, in die Jonathan gerade verschwunden war. „Ich hätte ihn nicht gehen lassen dürfen. Ich sollte ihm helfen.“
„Du hast ihn gehört. Er hat einen Plan.“
„Ich wünschte, er hätte mir verraten, wie der Plan aussieht.“ Seine Miene wirkte grimmig. „Aber nach allem, was wir durchgemacht haben, möchte ich so schnell wie möglich fort von hier.“
„Das mit deinem Vater tut mir leid.“ Es schien so, als wären wir beide Waisen. Obwohl sein Vater theoretisch noch am Leben war, hatte Rogan ihn doch vor zwei Jahren verloren.
Er nickte. „Ja, mir auch.“
Ich griff mir an den Hinterkopf und spürte die harte, ausgebrannte Narbe. „Ich kann nicht fassen, dass das Implantat weg ist.“
„Ich weiß.“
„Und ich dachte schon, ich müsste mich daran gewöhnen, dass du für den Rest meines Lebens nie weiter als dreißig Meter von mir entfernt bist.“
Er lächelte mich an. „Gut, dass sie weg sind, oder? Jetzt bist du mich endlich los. Du wirst in der Privatschule glücklich werden, Kira. Davon bin ich überzeugt.“
„Ich hoffe, dass sie mich dort mögen.“
„Was gibt es an dir nicht zu mögen?“
Ich verdrehte die Augen und versuchte, nicht zu grinsen. „Ich gehe nach oben und schaue mir mal die Klamotten an, die Jonathan erwähnt hat.“
„Mach das.“
Ich drehte mich um und verließ die Küche. Hinter der nächsten Ecke verbarg sich ein Treppenaufgang in den ersten Stock.
Sobald wir unser Ziel erreicht hätten, würden sich unsere Wege trennen. Hatte ich gedacht, dass wir für immer zusammenbleiben würden? Es gab wirklich keinen Grund, warum wir das tun sollten. Ich würde das Iris-Institut besuchen – was zugleich beängstigend und toll klang. Und Rogan würde genau wie sein Bruder zur Universität gehen. Die Kolonie war riesig – eine aufstrebende Stadt mit einer Million Einwohnern. Wir würden uns in der Menge der Menschen dort verlieren.
Wenn mein Vater meine Testergebnisse gesehen und gewusst hatte, dass ich eine sehr ausgeprägte paranormale Gabe besaß, dann hatte er vielleicht vorgehabt, mich zu dem Institut zu schicken, damit ich meine Fähigkeiten entwickeln und lernen könnte, sie zu kontrollieren. Wie hätte mein Leben wohl ausgesehen, wenn es so gekommen wäre? Wenn ich in den letzten zwei Jahren statt auf der Straße in dieser gefährlichen, trostlosen Stadt in der Kolonie gelebt hätte?
Dann hätte ich Rogan niemals kennengelernt.
Wir waren einfach zusammengesteckt worden. Keiner von uns hatte die Wahl gehabt. Wir hatten die Situation so gut gemeistert, wie es möglich gewesen war, und das Beste daraus gemacht. Nun war es vorbei. Sobald wir in der Kolonie angekommen waren, würde ich ihn vermutlich nie mehr wiedersehen.
So sollte es sein.
Und obwohl mir das klar war, tat es höllisch weh.