12. KAPITEL
Noch eine Augenbinde. Noch mehr Dunkelheit.
Man hätte meinen können, dass ich mich allmählich daran gewöhnte, doch leider funktionieren Phobien nicht so. Man gewöhnt sich nicht plötzlich an das, wovor man sich eigentlich fürchtet. Im Gegenteil – es wird jedes Mal schlimmer und schlimmer und immer schwieriger, damit fertigzuwerden. Selbst wenn ich mich einredete, dass es unlogisch war, Angst zu haben.
Im Dunkeln hörte ich wieder das Weinen meiner Schwester und die Schreie meiner Mutter. Diese albtraumhafte Melodie spielte sich wieder und wieder in meinem Kopf ab.
Doch mit einem Mal war da etwas, das es noch zusätzlich erschwerte, die Finsternis zu ertragen.
Mein Chip fing an, warnend zu piepen, und Schmerz breitete sich in meinem Kopf aus.
„Rogan? Wo bist du?“, fragte ich laut.
Hinter mir war ein Mann, der meine Arme festhielt, während er mich zwang, weiterzugehen. Er war groß und kräftig, und ich hatte schon vor einigen Minuten, als sie mich aus dem Gebäude in ein Auto gebracht hatten, meinen Widerstand gegen ihn aufgegeben. Ich konnte nichts sehen, allerdings fuhren wir ungefähr zehn Minuten lang, bevor der Wagen stoppte. Ich wusste nicht, wo ich war, doch ich bemerkte, dass es nicht mehr regnete. Kalter Wind blies mir ins Gesicht.
Dann spürte ich etwas, das mit einem metallischen Surren an mir vorüberflog. Eine Kamera.
Und so fängt es wieder an.
Eine tiefe Müdigkeit erfasste mich. Hatte Gareth recht? War ich verdammt, in diesem Spiel zu sterben? Bestand meine einzige Chance aufs Überleben darin, Rogan zu töten?
Er hatte mir angeboten, entweder alles oder nichts zu bekommen: ein privilegiertes Leben oder den sicheren Tod. Das war die Entscheidung, die ich treffen sollte.
Ich hatte keinen Schimmer, was mit dem Mann passiert war. Aber ich wusste, dass ich meine Seele an den Teufel verkaufte, sollte ich machen, was er von mir verlangte.
Ich hoffte noch immer, dass ein Wunder geschah und sich eine weitere Möglichkeit auftat.
Und es wäre gut, wenn es schnell eintreten würde.
Ich hörte, wie ganz in der Nähe etwas Schweres, Metallisches auf den Boden klirrte. Dann wurde ich von hinten gestoßen. Ich wankte vorwärts und knickte mit dem rechten Knöchel um, da ich über etwas stolperte. Schmerz fuhr durch mein Bein, als ich fiel und unsanft auf die Erde schlug.
Das Piepen von meinem Implantat war verwirrend, und ich nahm mir einen Moment, um mich zu sammeln und die Balance wiederzufinden. Mit ausgestreckten Armen rappelte ich mich vorsichtig wieder auf.
Ich verlagerte das Gewicht auf die linke Seite und wappnete mich für das, was als Nächstes geschehen würde. Bestimmt etwas Grauenvolles. Doch es passierte nichts.
Es war still. Zu still.
„Rogan? Wo bist du?“
Ich tastete nach der Augenbinde, löste eilig den Knoten und ließ sie fallen. Draußen war es dunkel. Nacht. Der Mond schimmerte zwischen den Wolken und dem Schmutz und Staub hindurch, die sich in der Luft hielten. Nur ein Stern war zu erkennen – und der nicht einmal besonders gut. Der Polarstern.
Ich wünschte mir etwas.
Bitte, hilf mir. Gib mir Kraft.
Vielleicht war es doch eher ein Gebet als ein Wunsch. Meine Mutter hatte mir beigebracht, wie man betete. Seit der Plage hatten die meisten Menschen den Glauben verloren, jedoch hatte meine Mom weiter auf eine Art Göttlichkeit vertraut.
Sie hatte an eine Macht geglaubt, die größer und stärker war als wir. Ich wollte auch daran glauben.
Ich senkte den Blick und betrachtete das Ding, über das ich gestolpert war. Es war ein langes, dünnes Stück Metall mit einem Haken am Ende. Ein Brecheisen.
So viel zum Thema Beten. Ein Brecheisen nützte mir im Moment auch nicht viel.
„Willkommen zu Level fünf! Rogan und Kira sind ausgeruht und können es kaum erwarten, das nächste Level zu spielen. Die Frage lautet: Wird Kira Rogan schnell genug erreichen, ehe die Zeit abläuft? Oder wird sie in die falsche Richtung laufen und den Tod finden, weil sie sich weiter als dreißig Meter von ihm entfernt? Die Bindung, die der junge Rogan und Kira in ihrer seltsamen Beziehung – der Mörder und die Diebin – geknüpft haben, ist nun greifbarer denn je; je größer die Distanz zwischen ihnen wird, desto näher sind sie ihrem Ende. Kira bleiben nur zehn Minuten, um ihren Partner aufzuspüren. Teil eins von Level fünf startet jetzt. Viel Vergnügen!“
Teil eins? Das war nicht fair. Jetzt arbeiteten sie schon mit Unterleveln?
Betrug. Der totale Betrug.
Ja, als würde Gareth oder irgendjemand anders, der mit diesem Spiel zu tun hatte, etwas auf Fairness geben. Alles, was sie interessierte, war es, den Abonnenten zu bieten, was sie wollten, und so viele wie möglich von ihnen zum Einschalten zu bewegen, damit sie uns beim Sterben zuschauen konnten.
Die bloße Vorstellung machte mich krank.
Der stechende Schmerz in meinem Knöchel riss mich aus meinen Grübeleien und brachte mich zurück in die Wirklichkeit. Ich blickte die leere Straße entlang. Die Dunkelheit war beklemmend, doch immerhin konnte ich etwas erkennen. Die Laternen waren nicht gewartet worden, und jede dritte oder vierte Lampe war entweder zerstört oder einfach durchgebrannt und funktionierte nicht mehr.
„Für dieses Level von Countdown sind noch sechs Minuten übrig“, verkündete der Moderator fröhlich.
„Hast du Spaß daran“, schrie ich und sprach direkt zu der körperlosen Stimme, die mich mit ihrer blöden Heiterkeit quälte. „Gefällt dir dein Job, du widerliches Stück Dreck?“
Es kam keine Erwiderung.
Was für eine Überraschung.
„Rogan!“, brüllte ich so laut, wie ich konnte, und begann, die Straße runterzuhumpeln. Nach ein paar Schritten nahm das Piepen in meinem Kopf zu. Der Schmerz war so intensiv, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Also blieb ich stehen und änderte die Richtung.
Es erinnerte mich an das alte Kinderspiel, das meine Schwester und ich vor langer Zeit gespielt hatten. Das Spiel, bei dem man etwas versteckt und der andere muss den Gegenstand finden. Wärmer, wärmer … kälter … ganz kalt. Je wärmer es wurde, desto näher war man dran.
Gut. Also, in dieser Version des Spiels bedeutete „warm“, dass das Piepen aufhörte und dass ich Rogans ganz nah war. „Kälter“ hieß, dass das Implantat Alarmsignale ausstieß und mein Kopf schmerzte. „Ganz kalt“ bedeutete, dass mein Hirn kurz vorm Explodieren stand.
Das war nicht so spaßig wie in Kindertagen.
Ich versuchte, die Gedanken daran, ob sie Rogan wehgetan oder ihn verletzt hatten oder aus wie vielen Gründen er mir nicht antworten konnte, zu verdrängen. Falls es stimmte, was mir über die Chips erzählt worden war – die Regel mit dem Maximalabstand von dreißig Metern –, dann konnte er nicht weit entfernt sein.
Aber wo steckte er?
Was nach dem Belohnungslevel zwischen uns in der Suite vorgefallen war, hätte niemals geschehen dürfen. Auch wenn es sich so richtig, so perfekt angefühlt hatte, in seinen Armen zu liegen, hatte es die ganze Angelegenheit nur noch verkompliziert. Und die Situation war so schon kompliziert genug.
Und alles war geplant gewesen. Alles in diesem Spiel war eine abgekartete Sache – vor allem beim Belohnungslevel. Keine Ahnung, warum ich es nicht bemerkt hatte. Mit Drogen versetztes Essen, Getränke, dargereicht in einem wundervollen Hotelzimmer mit einem riesigen Bett. Und das entspannende Schaumbad, das nur darauf gewartet hatte, dass ich hineinglitt. Um mich in Stimmung zu bringen. Über der ganzen Szenerie hatte praktisch in blinkenden Lettern gestanden: Wir wollen, dass du mit Rogan schläfst, damit die perversen Abonnenten dabei zuschauen können!
Und dummerweise hätte ich beinahe genau das getan.
Ich konnte mir nicht einreden, dass es nur an den Drogen im Essen und den Getränken gelegen hatte. Ich hatte keinen Schimmer, was genau ich für Rogan empfand, doch da war etwas zwischen uns. Etwas Echtes. Zumindest hatte ich das geglaubt.
Jetzt wusste ich es nicht mehr. Ich wusste überhaupt nichts mehr.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. „Rogan! Wo bist du?“
„Für dieses Level von Countdown verbleiben noch fünf Minuten.“
Ich wurde langsamer und stand mitten auf der Straße.
Denk nach, Kira, ermahnte ich mich streng. Du hast vier Level dieses bescheuerten Spiels überlebt. Denk nach.
Ich rannte, so schnell ich konnte. Mein Fuß tat bei jedem Schritt weh. Ich hämmerte mit der Faust an jede Tür. Alle waren verschlossen. Wieder und wieder rief ich Rogans Namen.
Nichts.
Ich drehte mich um mich selbst und betrachtete meine Umgebung, allerdings gab es nirgends einen Hinweis. Keine Autos. Keine Bäume. Keine Stromleitungen. Keine Bahnsteige. Alle Türen waren verriegelt. Ich konnte keine Spur von ihm entdecken.
Und dennoch hatte mein Chip aufgehört, Warnsignale auszusenden.
Das bedeutete, dass er nicht weit entfernt sein konnte.
Mein Knöchel pochte schmerzhaft. Hatte der Typ mich stoßen sollen, damit ich mir den Knöchel verstauchte? Der Mistkerl. Ich schaute auf meinen Fuß hinunter und fürchtete, die Schwellung durch meine neuen schwarzen Kampfstiefel hindurch sehen zu können. Stattdessen stieß ich auf etwas anderes, das sich wenige Meter vor mir auf dem Boden befand.
Ein Gitter, das einen Kanalschacht abdeckte. Aber es sah anders aus als die anderen Gitter, die alt, verschmutzt und rostig waren.
Dieses Gitter funkelte im Mondlicht.
„Für dieses Level von Countdown sind noch zwei Minuten übrig.“
Ich humpelte hin und ging in die Knie. Behutsam tastete ich die Ränder ab und steckte meine Finger dann in das Gitter. Es war sperrig und schwer. Auf keinen Fall würde ich es schaffen, es allein hochzuheben.
„Rogan!“ Ich versuchte, durch die kleinen Öffnungen des Gitters zu blicken. „Bist du da unten?“
Dieses Kanalgitter war noch nicht seit Jahren hier. Es war das Einzige, was hier in der näheren Umgebung nicht den Eindruck erweckte, als läge es schon seit einem Vierteljahrhundert da. Na ja, bis auf mich.
Aber es war hoffnungslos. Wie sollte ich das Gitter lösen, damit ich in den Schacht schauen könnte?
Unvermittelt keuchte ich auf.
Das Spiel hatte offenbar doch Regeln. Eine Struktur. Es war kein planloses Chaos. Die Antwort fand sich meistens im Level selbst. Am Anfang waren uns die Schlüssel für die Handschellen gegeben worden; wir hatten nur dahinterkommen müssen, wie wir sie richtig benutzten. In dem Müllcontainer war dann die Klingel versteckt gewesen, mit der sich die Tür zu Jonathans Büro öffnen ließ. Der Mann, den wir in Level drei hatten töten sollen, hatte sich nicht als unschuldiger Zivilist entpuppt, sondern war ein Roboter gewesen; Hätten wir aufgepasst, wäre uns das früher aufgefallen.
Das Spiel gab uns die Werkzeuge und Hinweise, damit wir das Level erfolgreich beenden konnten. Wir mussten nur herausfinden, wann und wo wir sie einsetzen mussten.
Ich humpelte zurück zu der Stelle, an der ich gestartet war, und schnappte mir die Brechstange. Dann hastete ich zurück zum Kanalgitter.
„Fünfundvierzig … vierundvierzig … dreiundvierzig … zweiundvierzig …“
Es dauerte ein paar Sekunden, um das Gitter aufzuhebeln. Nachdem ich es ein Stück weit zur Seite gedrückt hatte, konnte ich die Finger darunterschieben und es zur Seite wuchten. Auf dem kalten, harten Asphalt der Straße machte es ein lautes, kratzendes Geräusch.
Ich spähte in die Dunkelheit. Ein Schaudern erfasste mich.
„Rogan?“, fragte ich. Doch noch immer herrschte Stille.
Eine Welle der Angst und des Zweifels durchströmte mich. Ich konnte nicht in die Finsternis hinabsteigen. Ich konnte es nicht – ich konnte mich nicht einmal bewegen. Was passierte, falls ich mich irrte? Was, wenn ich Zeit vergeudete, die ich nicht hatte?
Nein, das stimmte nicht. Ich konnte es schaffen. Ich musste es tun. Mir blieb gar nichts anderes übrig.
Ein Schrei kroch meine Kehle hinauf, als ich die Hand ausstreckte und in der Schachtöffnung nach etwas tastete, an dem ich mich festhalten konnte. Es war warm und feucht in dem Schacht.
Meine Hand berührte die Unterseite der Öffnung, und es fühlte sich schleimig an. Ich zitterte.
„Fünfundzwanzig … vierundzwanzig … dreiundzwanzig …“
Ich hatte keine Zeit. Ich war gescheitert. Wir würden sterben.
Ich glitt mit der Hand tiefer in die verhasste Dunkelheit und spürte die Metallsprossen einer Leiter.
„Rogan … Es tut mir leid … Es tut mir leid, ich bin zu langsam …“
Ich schrie, als etwas mein Handgelenk packte. Es umklammerte mich so fest, dass ich dachte, es würde mich in die bodenlose Tiefe reißen. Ich versuchte, mich aus dem Griff zu lösen, aber es klappte nicht.
„Zehn … neun … acht … sieben …“
Rogans Gesicht tauchte aus der Dunkelheit auf. Er umfasste meine Hand, während er die Leiter hinaufkletterte, sich hochzog und auf den Bürgersteig zusammensackte.
Sein Brustkorb hob und senkte sich schnell.
„Herzlichen Glückwunsch, Rogan und Kira, zur erfolgreichen Beendigung der ersten Hälfte von Level fünf.“
Ich fiel neben ihm auf den Boden und fing an, mit den Fäusten auf seinen Oberkörper einzuschlagen.
„Du Arschloch!“, brüllte ich. „Warum hast du nichts gesagt? Warum hast du mir nicht gesagt, dass du da unten bist? Verdammt, Rogan!“
Er hielt meine Hände fest, bis ich mich schließlich beruhigte.
„Tut mir leid.“ Er schaute mir ins Gesicht. „Als du dich mit meinem Vater getroffen hast, haben sie mich in einen anderen Raum gebracht. Sie haben mir gedroht, dich auf der Stelle zu töten, sollte ich auch nur einen Laut von mir geben, um dir zu helfen, mich zu finden. Ich konnte nicht verraten, wo ich war, bis ich herauskommen konnte.“
Mein Herz klopfte allmählich wieder in normaler Geschwindigkeit. „Oh.“
Sein Griff um meine Hände verstärkte sich, und er kniff die Brauen zusammen. „Geht es dir gut? Hat mein Vater dich verletzt?“
Ich schüttelte den Kopf und strich über seine Wange. „Haben die dir das angetan?“
In seinem Gesicht entdeckte ich eine Rötung um sein linkes Auge. Es würde nicht lange dauern, bis sich dort ein Veilchen bilden würde. Seine Unterlippe war aufgeplatzt und leicht geschwollen.
„Drücken wir es mal so aus, sie wollen dafür sorgen, dass man ihre Argumente auch ja nicht wieder vergisst.“
Ich hob die Hand, um ihn zu berühren. Aber ich bremste mich. „Gut, lass uns das Positive sehen, ja? Du warst nicht lange genug in dem Schacht, um nach Kanalisation zu stinken.“
Er grinste mich an und belohnte meinen unsicheren Versuch, lustig zu sein. „Gut zu hören. Ich würde lieber nicht noch einmal unfreiwillig abgespritzt werden, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.“
Er stand auf und half mir dann dabei, ebenfalls auf die Beine zu kommen.
Stirnrunzelnd bemerkte er, dass ich hinkte. „Was ist passiert?“
Ich zuckte die Achseln. „Ich habe mir den Knöchel verstaucht. Ist nicht so schlimm.“
„Das haben sie dir angetan, oder?“
„Vielleicht bin ich auch einfach nur ein bisschen ungeschickt.“ Ich schaute mich auf der Straße um. Sie war noch immer verlassen, lag noch immer in Dunkelheit. Die Schatten und das Licht der Laternen glitten über den Asphalt wie Geister. „Rogan, ich muss mit dir über deinen Vater reden …“
In dem Moment hörte ich ein hartes, metallisch klirrendes Geräusch – ähnlich dem, als die Brechstange kurz vorher auf den Boden gefallen war. Ich blickte die Straße hinab. In der Ferne konnte ich zwei Gestalten sehen. Sie waren etwa einen Block entfernt. Ich konnte nicht viel erkennen; nur, dass sie groß und männlich waren. Das metallische Klirren stammte tatsächlich von einem Brecheisen, mit dem einer von den Kerlen rhythmisch auf den Boden hämmerte. Sie starrten uns an, sagten jedoch kein Wort.
Ich hatte das komische Gefühl, dass ich nicht winken und freundlich sein sollte.
„Wer sind die beiden?“, flüsterte ich.
„Bin mir nicht sicher.“ Rogan wandte die Aufmerksamkeit keine Sekunde von den beiden stummen Männern ab.
„Willkommen zurück zu Countdown!“
Bei dem Klang der Stimme fuhr ich zusammen.
„Rogan und Kira sind weiterhin ein tolles Team, das mit Leichtigkeit jedes Level bewältigt. Kira haben Sie schon kennengelernt. Nun wollen wir Ihnen einen Einblick in die Psyche des verurteilten Mörders Rogan Ellis gewähren. In ein Leben voller Privilegien und Muße hineingeboren, wuchs Rogan auf und besuchte die besten Privatschulen des Landes. Sein Vater Gareth Ellis, Geschäftsführer von Ellis Enterprises, hat sein Unternehmen zu dem Zweck gegründet, Vorreiter im Bereich neuer Technologien zu sein. Zu den Errungenschaften seiner Firma gehört die Erfindung des Ellipsis Tablets, das kurz vor der ‚Großen Plage‘ sowohl die Verkaufszahlen von Microsoft als auch von Apple in den Schatten gestellt hat. Seine beiden Söhne Liam und Rogan waren der Stolz und die Freude einer lieblosen Ehe mit der Gesellschaftslöwin Lissa Bartholomew Ellis.“
Ich fragte mich, ob die Abonnenten eine Videoeinspielung zu der Geschichte bekamen – Bilder und kleine Einspieler von der Familie. So ähnlich wie bei einem Dokumentarfilm, der in ihren Köpfen ablief.
„Aber schnell wurde klar, dass Liam der Lieblingssohn war und darauf vorbereitet wurde, später einmal das Familienunternehmen zu leiten. Rogan zeigte schon in frühester Jugend Anzeichen eines Soziopathen, der Gefallen daran fand, andere zu quälen. Seine wachsenden gewalttätigen Tendenzen zwangen Gareth Ellis dazu, ihn nach San Carolina, einer exklusiven psychiatrischen Klinik für Reiche zu bringen. Dort wurde Rogan wegen Schizophrenie und seiner Drogensucht behandelt. Rogans liebende Familie fürchtete, dass er niemals so genesen würde, dass er sich in die Gesellschaft integrieren könnte.“
Rogan biss die Zähne zusammen und zischte, während er den Lügen über sich lauschte.
Ich drückte seinen Arm.
„Am Tag seiner Entlassung holten seine Mutter und Liam ihn vom Krankenhaus ab, um ihn zurück aufs Anwesen der Ellis’ zu bringen. Obwohl er ruhiggestellt worden war, war Rogan Berichten zufolge in seinem Handeln unberechenbar. Er versuchte, die Kontrolle über den Wagen zu erlangen. Das Auto kam von der Fahrbahn ab und stürzte über eine Klippe. Seine Mutter und sein Bruder waren sofort tot. Rogan brach sich beide Beine, sechs Rippen und erlitt eine Lungenverletzung.“
Mein Hals war mit einem Mal wie zugeschnürt. Ich sah Rogan an.
„So sind die beiden gestorben“, erklärte er leise. „Aber ich habe nur versucht, die Kontrolle über den Wagen zu kriegen, weil er auf nasser Fahrbahn ins Schleudern geraten war. Ich wollte helfen. Ich wollte niemandem wehtun. Die beiden haben mich an dem Tag von der Schule abgeholt – es war das letzte Mal, dass ich dort war.“ Er blinzelte. „Mein Vater sagte später, dass er eigentlich einen Fahrer hätte schicken wollen, meine Mutter jedoch darauf bestanden hätte, dass sie und Liam mich persönlich abholten.“ Sein Adamsapfel zuckte, als er schluckte. „Ich habe ein paar Monate im Krankenhaus gelegen. Damals nahm ich zum ersten Mal Kerometh. Es half mir dabei, die schrecklichen Bilder zu vergessen.“
„Nachdem Tod seiner Mutter und seines Bruders war Rogan noch niedergeschlagener. Und obwohl sein Vater ihm ständig Hilfe anbot, fing er an, tiefer in den Sumpf aus Drogen und Gewalt zu rutschen. Gareth Ellis sagte: ‚Hätte ich gewusst, zu was mein Sohn fähig ist, hätte ich ihn in San Carolina eingesperrt und den Schlüssel weggeworfen, ehe er irgendjemandem etwas hätte zuleide tun können.‘ Er bezog sich natürlich auf die Nacht des Schreckens, als Rogan in ein Wohnheim der Universität eingebrochen und in seinem Wahn mordend von Tür zu Tür gegangen war. Eine neunzehnjährige Frau, die in jener Nacht fliehen konnte, berichtete später, sie wäre am nächsten Tag zurückgekehrt und habe gesehen, dass ‚die Wände mit Blut bespritzt‘ gewesen wären. Im Zimmer jedes umgebrachten Mädchens habe an einer Wand das Wort ‚Schlampe‘ gestanden, das er in seinem drogenumnebelten frauenfeindlichen Amoklauf dort hingeschmiert hatte. Es war dieselbe Nacht vor zwei Jahren, in der es, wenn Sie sich daran erinnern, einen Stromausfall in der ganzen Stadt gegeben hatte. Rogan nutzte die Dunkelheit zu seinem Vorteil und tötete außerdem die Familie von Kira Jordan. Noch in der Nacht kehrte er nach Hause zurück. Er war durchtränkt vom Blut seiner Opfer. Sein Vater weiß noch, dass Rogan über seine grauenvolle Wahnsinnstat lachte. Gareth machte es krank, doch ihm war klar, dass niemand seinem Sohn mehr helfen konnte. Er rief die Polizei und übergab ihr Rogan. Seitdem hat Gareth über fünfzig Millionen Dollar einer Stiftung gespendet, die sich für Frauen, die Opfer von Gewaltverbrechen geworden sind, hier und in der Kolonie einsetzt. Rogan wurde in das Jugendgefängnis St. Augustine’s gebracht, dort sollte er bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr bleiben. Vor drei Monaten griff Rogan zwei seiner Zellengenossen an. Der eine kam ums Leben, der andere wurde schwer verletzt. Rogan wurde in Isolationshaft gesteckt, wo er blieb, bis er entlassen wurde, um an Countdown teilzunehmen.“
Unter meiner Hand fühlte sich Rogans Arm hart wie Stahl an. Seine Miene war starr und wütend. Ich wünschte, ich hätte die Stimme des Moderators ausblenden und Rogan irgendwie davor bewahren können, die fürchterlichen Dinge zu hören, die über ihn verbreitet wurden. Aber die Einspeisung erfolgte genau wie bei ihm auch direkt in mein Implantat und in meinen Kopf, also konnte ich nichts tun, außer wie er den Lügen zu lauschen.
Die beiden Gestalten standen noch immer in der Ferne am selben Platz und schlugen mit der Brechstange auf den Boden.
„Rogan und Kira wussten nicht, dass ein weiteres Paar die Chance erhalten hat, an Countdown teilzunehmen. Die anderen haben parallel zu Rogan und Kira das Spiel gespielt und in diesem Wettbewerb erfolgreich vier Level absolviert.“
Mir stockte der Atem. Ich dachte, wir wären die Einzigen gewesen.
„Kurtis Grimm war Insasse in Saradone. Er wurde wegen vorsätzlichen Mordes verurteilt und wegen seines Backgrounds für diese Show ausgesucht. Sein Partner Mac Zebowitz ist jemand, den Rogan wiedererkennen könnte. Mac war einer von Rogans Zellengenossen in St. Augustine’s. Er ist derjenige, der bei Rogans Amoklauf, bei dem der andere Häftling gestorben ist, schwer verletzt wurde. Mac hat geschworen, sich an Rogan zu rächen. Heute wird er mithilfe von Kurtis die Gelegenheit dazu bekommen. Level fünf ist ein offizielles Spiel auf Leben und Tod. Nur ein Team zieht in Runde sechs ein – das finale Level. Teilnehmer, euer Countdown beginnt bei dreißig Minuten. Töten oder getötet werden. Und an unsere Abonnenten: Viel Spaß!“
Endlich verstummte die Stimme in meinem Kopf. Zurück blieben das Pochen meines Herzens und das dumpfe Aufschlagen des Brecheisens auf der Straße, die die Stille durchbrachen.
„Mac“, brachte ich hervor. „Ist das der Junge, der für die Narbe in deinem Gesicht verantwortlich ist?“
Rogan nickte. „Zusammen mit seinem Kumpel hat er mich mitten in der Nacht mit einem Messer angegriffen, das sie mit in die Zelle geschmuggelt hatten. Sie dachten, sie könnten mir oder meinem Vater ein bisschen Geld abnötigen. Als ihnen klar wurde, dass ich ihm vollkommen egal war, haben sie einfach versucht, mich umzubringen. Ich kämpfte um mein Leben und hätte beinahe verloren. Ich hatte verdammtes Glück. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich ihnen noch mal begegnen würde.“
„Und sie haben ihn mit jemandem aus Saradone in ein Team gesteckt. Mit einem echten Mörder.“ Ich starrte die dunklen Silhouetten in der Ferne an. „Warum stehen sie da, ohne sich zu rühren?“
„Sie warten.“
„Offensichtlich. Aber worauf? Was machen wir jetzt?“
„Ich denke nach.“
„Dann denk schneller.“
„Hey, Rogan!“, rief einer der beiden. „Lange nicht gesehen. Jetzt gehörst du mir. Dreißig Minuten sind eine lange Zeit. Wir können ausgiebig mit dir und deiner Freundin spielen, bevor das Level vorüber ist.“
Ich wollte gar nicht so genau wissen, was sie vorhatten, um die Zeit herumzubringen. Ich wollte allerdings darauf wetten, dass sie nicht bei einem Bier und einer Portion Nachos über die guten alten Zeiten plaudern wollten.
„Wie geht es mit dem Plan voran?“, fragte ich.
„Langsamer, als ich es mir wünschen würde.“
„Alles wird gut, Rogan. Wir werden es schaffen.“ Ich trat näher an ihn heran, um die Wärme seines Körpers spüren zu können. „Worauf warten sie?“, widerholte ich.
Mit dem Brecheisen hämmerten die beiden rhythmisch auf den Boden. Ungefähr alle fünf Sekunden erklang ein dumpfes Klirren.
Rogan wandte seinen aufmerksamen Blick nicht von ihnen. „Ich werde nicht zulassen, dass sie dich verletzen. Ich werde tun, was auch immer nötig ist. Allerdings haben wir keine Waffen.“
„Da ist noch das praktische Brecheisen von vorhin.“
Er schnaubte. „Als Waffe gegen einen verurteilten Mörder, der ungefähr doppelt so groß ist wie wir, und einen psychopathischen Schwachkopf?“
„Hey, du klingst verdammt zuversichtlich.“
Ich hörte das Geräusch der Brechstange auf dem Asphalt nicht mehr. Argwöhnisch schaute ich zu den beiden dunklen Gestalten hinüber.
Plötzlich kamen sie, mit lautem Gebrüll und so schnell sie konnten, auf uns zugerannt.
Wir hatten keine Waffe, um uns besonders lange gegen die beiden wehren zu können. Und keine Idee, wie wir die nächsten dreißig Minuten lebendig überstehen sollten.
Kämpfen oder fliehen.
Ich entschied mich für Tor Nummer zwei.
„Los.“ Ich packte Rogan am Arm. „Wir müssen rennen. Wir müssen jetzt auf der Stelle weglaufen!“