3. KAPITEL

Das Piepen setzte ein, nachdem ich beinahe einen Block weit gerannt war. Zuerst war es leise, aber es wurde mit jedem weiteren Schritt lauter und drängender.

Ich beschloss, es fürs Erste nicht weiter zu beachten.

Ich war entkommen. Und je mehr Abstand ich zwischen mich und das bringen konnte – was auch immer das gewesen war –, desto besser war es.

Ich schaute mich um und betrachtete die graue Straße und die grauen Gebäude, die sich in den Himmel reckten. Außer mir war keine Menschenseele zu sehen.

Ja. Willkommen in meiner City.

Vor fünfundzwanzig Jahren war es eine aufstrebende und erfolgreiche Handelsmetropole gewesen – eine der wohlhabendsten Städte im ganzen Land. Genau genommen hatte die gesamte Welt sich in einem Aufschwung befunden. Die Technologisierung hatte zugenommen. Die Wirtschaft war gewachsen. Alles war gut gewesen. Und als gerade jeder zuversichtlich in die Zukunft geblickt hatte, war die „Große Plage“ über die Welt hereingebrochen. Innerhalb weniger Wochen waren sechzig Prozent der Weltbevölkerung ausgelöscht worden. Tot und beerdigt, einfach so.

Diejenigen, die überlebten, machten weiter. Welche Wahl hatten wir denn? Die Welt drehte sich weiter. Die Überlebenden bauten die Städte, so gut wie möglich, wieder auf und gründeten Familien. Aber seit der Plage war alles anders. Die Metropole war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Viele Menschen beschlossen, aus der gefährlichen Umgebung fortzugehen, in der Banden, Plünderer und Krankheiten herrschten. Sie zogen aufs Land und lebten dort wie die Menschen vor Hunderten von Jahren. Die Plage war vorüber, doch andere Krankheiten griffen um sich und töteten jedes Jahr unzählige Menschen. Ob man sich für die Stadt oder das Land entschied – es gab keine Garantie, dass das Leben leichter wurde. In der City zu leben war alles, was ich kannte. Mein Vater war ein Wissenschaftler gewesen, der an der Universität unterrichtet hatte. Wir hatten nie woanders gewohnt.

Dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, hier zu leben, wenn die Gegend mit Menschen überfüllt war. In der Siedlung war es noch immer sehr belebt. Die Siedlung war eine zehn mal zehn Häuserblocks große Gegend, in der ein Großteil der Überlebenden sich wie in einer Art Mini-Stadt zusammengeschart hatte. Aber der Rest der Straßen und die restliche Umgebung waren beinahe menschenleer. Genau wie offenbar dieses Viertel.

Es war jedoch eine andere Stadt erbaut worden – eine mit Geld, Arbeit, Möglichkeiten … und geschlossenen Grenzen. Diese Metropole wurde die Kolonie genannt. Es war ein leuchtendes, wunderschönes, ökologisch kontrolliertes kuppelförmiges Paradies, zu dem jeder Zutritt haben wollte.

In der Kolonie gab es die Chance, ein gesundes und glückliches Leben zu führen. Ein Leben mit Zukunft. Ein Leben mit der Option auf Zufriedenheit.

Es existiert ein geheimes Shuttle, das einen auf die erste Etappe der Reise bringt. Allerdings um an Bord dieses Shuttles zu gelangen, muss man zuerst einmal die richtigen Leute kennen. Außerdem ist es nötig, Geld und die richtigen Zugangsdaten zu besitzen, wozu auch ein spezieller Identifizierungschip gehört, der von einem besonderen Scanner gelesen wird. Und zu guter Letzt braucht man jede Menge Glück. Auch wenn sechzig Prozent der Menschheit mit einem Schlag ausgelöscht worden waren, waren da immer noch mindestens zweieinhalb Milliarden Menschen, die ein Ticket in ein besseres Leben ergattern wollten. Das würde einen verdammt großen Shuttle bedeuten. Und eine echt große Stadt.

Die Kolonie war der einzige Ort dieser Art – zumindest auf diesem Kontinent.

Und es war mein größter Traum, diesen Platz zu erreichen. Irgendwie. Irgendwann.

„Kira! Halt an!“ Es klang, als würde Rogan mich einholen, doch ich warf keinen Blick über meine Schulter. Ich konnte auf weitere Probleme in meinem Leben gut verzichten, und dieser Junge war ein einziges riesiges Problem.

„Kira!“, brüllte Rogan noch einmal. Ich schaute nach hinten. Er rannte hinter mir her. Also eigentlich war es mehr ein schnelles Schlurfen. Er war verletzt, starb wahrscheinlich, und trotzdem versuchte er noch immer, zu mir aufzuschließen.

Ich ignorierte die Welle des Mitgefühls, die mich bei dem Gedanken durchströmte.

Warum lief er mir hinterher?

Es war der Schmerz, der mir die Antwort gab. Der stechende Schmerz, der meinen Kopf durchzuckte und mich wie angewurzelt stehen bleiben ließ. Das Piepen war mittlerweile so laut, dass ich keinen klaren Gedanken fassen und mich nicht mehr konzentrieren konnte. Ich fiel auf die Knie und presste die Hände mit aller Kraft an meine Ohren, damit ich das irrsinnig laute Geräusch nicht mehr hören müsste – wie das Pfeifen eines endlosen Zuges, der über die Gleise rollte –, aber es half nicht.

Das Piepen schien in meinem Kopf zu sein. Nichts, was ich machte, konnte es dämpfen. Und die Töne kamen in immer kürzer werdenden Abständen. Schneller und schneller. Ich blickte nach links. Rogan lief ebenfalls nicht mehr, sondern hielt sich den Kopf.

Und dann erinnerte ich mich daran, was die Stimme uns gesagt hatte.

Eure Implantate sind aktiviert und auf die Frequenz des jeweils anderen eingestellt worden.

Und was noch? Ich zermarterte mir das Gehirn und strengte mich an, nachzudenken.

Falls ihr euch mehr als dreißig Meter voneinander entfernt, führt das zur sofortigen Disqualifikation.

Ich kroch über den Gehweg zu Rogan. Das Piepen wurde leiser, je näher ich ihm kam. Auch der Schmerz ließ nach. Rogan lag auf der Seite. Nur seine Brust, die sich hob und senkte, zeigte, dass er noch immer lebte und atmete.

„Rogan …“ Ich packte ihn an der Schulter.

Blinzelnd öffnete er die Augen und schaute mich an. „Das hat wehgetan.“

„Als ob ich das nicht wüsste.“

Er runzelte die Stirn. „Du bist echt schnell für ein Mädchen.“

„Schneller als du.“

„Ich habe eine Entschuldigung. Ich bin tödlich verwundet.“

„Das versprichst du schon die ganze Zeit.“ Ich stieß ein gedehntes Seufzen aus. Allerdings war es kein erleichtertes, sondern ein frustriertes Seufzen. „Diese Disqualifikation und das Ausscheiden, von denen die Stimme redet – damit ist der Tod gemeint, oder?“

Sein Adamsapfel zuckte, sowie er schluckte. Er stützte sich auf den Ellbogen. „Kluges Mädchen.“

„Wenn ich so klug wäre, dann wäre ich wohl kaum hier, oder?“

„Stimmt auch wieder.“

Nachdem wir nun draußen im Tageslicht waren, musterte ich ihn genauer. Es war nicht besonders hell. Der Himmel war bedeckt. Heutzutage schien es immer irgendwie bewölkt zu sein. Das hatte etwas mit der Erderwärmung und dem Verschmutzungsgrad zu tun. Ich verfolgte nicht gerade aufmerksam die Nachrichten. Ich wusste nur, dass ich seit einer Ewigkeit keine schöne Sonnenbräune mehr bekommen hatte.

Im Moment wirkte Rogan kaum stark genug, um einer Fliege etwas zuleide zu tun, dennoch umgab ihn immer noch eine nicht zu leugnende Aura von Gefahr. Irgendetwas in seinen meergrünen Augen sagte mir, dass ich mich möglichst von ihm abwenden sollte, sobald ich dazu die Möglichkeit hätte. Ich konnte ihm nicht trauen. Jetzt nicht. Und auch in Zukunft nicht.

Einem Mörder würde ich niemals vertrauen.

Doch anscheinend waren wir Partner. Ein Team. Zumindest wenn ich nicht wollte, dass mir der Kopf explodierte.

„Ich werde nicht betteln“, erklärte ich ruhig. „Aber du wirst mir jetzt alle Informationen mitteilen, die du über … Countdown hast.“

Er nickte und versuchte, aufzustehen. Er schaffte es nicht. Ich ging zu ihm und reichte ihm die Hand. Er ergriff sie, und ich half ihm hoch. Er ließ sie nicht sofort wieder los. Seine Hand war so schmutzig wie der Rest von ihm, allerdings hatte er auch einen festen Händedruck und lange, schlanke Finger, die sich warm um meine schlossen.

Ich nahm zuerst meine Hand weg, ehe es zu spät war.

Bevor es geschah.

Ich hatte schon genug Schmerzen für einen Tag erlitten.

Seit ich dreizehn war, spürte ich es. Es war etwas Seltsames, Sonderbares in mir. Wenn ich jemand anders Haut an Haut berührte und mich zu lange auf ihn konzentrierte, dann … tat es manchmal weh. Um genau zu sein, schmerzte mein Gehirn. Und als Nächstes schien so etwas wie elektrische Ladung durch mein Kopf zu zucken. Keine Blitze, sondern eher … Gefühle.

Allerdings nicht meine Empfindungen. Die Empfindungen des anderen.

Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, was es bedeutet, und ich hatte nie mit jemanden darüber gesprochen. Ich wusste nur, dass es wehtat. Und wer hätte das gedacht: Ich bemühte mich, Schmerzen zu vermeiden, wann immer es ging.

Wenn es passierte, kriegte ich eine grauenvolle Migräne, die über Stunden hinweg anhielt. Je gemeiner der Mensch war, den ich anfasste, desto länger dauerten die Schmerzen.

Der letzte Mensch, den ich berühren wollte, war jemand wie Rogan.

Seine Miene verfinsterte sich, als hätte meine Reaktion irgendwie seine Gefühle verletzt, und er schob die Hände in die Taschen seiner zerrissenen, dreckigen Jeans.

„Ich werde dir verraten, was ich weiß“, versprach er. „Doch wir müssen weiter.“

Für dieses Level von Countdown verbleiben noch zwanzig Minuten“, verkündete die Stimme aus dem Nichts.

Da ich mich nicht sofort in Bewegung setzte, schaute Rogan mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Lass uns weitergehen“, sagte er. „Ich bin nicht in der Verfassung, um zu rennen. Man kann es bestenfalls als schnelles Taumeln bezeichnen. Also sollten wir jetzt los.“

„Okay, gut. Dann lass uns aufbrechen.“ Ich kniff die Brauen zusammen und versuchte, mich an die Karte der Stadt zu erinnern. Verdammt. Ich hätte besser aufpassen sollen. Panik schien ihre eiskalten Finger um meinen Hals zu legen und langsam zuzudrücken.

Rogan brachte ein Lächeln zustande, als hätte er meine Gedanken erraten. „Keine Sorge, Kleine. Ich kenne den Weg.“

Finster funkelte ich ihn an. „Ich bin keine ‚Kleine‘. Ich bin sechzehn Jahre alt. Und mein Name ist Kira.

Sein Grinsen wurde noch ein bisschen breiter. „Keine Spitznamen. Verstanden.“

Einen Moment lang musterte ich ihn. Diese Narbe über seinem linken Auge. Ich fragte mich, woher er sie hatte. Wahrscheinlich hatte er sie aus St. Augustine’s, wo er sich mit einem anderen Loser geprügelt hatte. Oder vielleicht hatte sein Opfer sich zur Wehr gesetzt, bevor er ihm oder ihr erbarmungslos das Leben genommen hatte.

Mistkerl.

Er ertappte mich dabei, wie ich sein Gesicht betrachtete, und drehte den Kopf, sodass ich nur die unversehrte Seite sehen konnte. „Lass uns gehen, Kira.

Eitel, nicht wahr?

Wir brachen auf. Langsamer als mir lieb war, doch schnell genug, um meine Angst zumindest zum Teil im Zaum zu halten. Mit jedem Schritt spürte ich die Sekunden, die uns noch blieben, verstreichen. Was passierte, wenn wir es nicht innerhalb der vorgegebenen Zeit schafften? Würden sie uns tatsächlich töten? Einfach so?

Es kam mir längst nicht mehr so unwahrscheinlich vor.

Countdown“, begann Rogan, während wir weiterstapften, „ist genau das, wonach es sich anhört. Eine Reihe von Herausforderungen und Aufgaben, die in einer bestimmten Zeit erfüllt werden müssen und bei denen man entweder gewinnen oder verlieren kann. Es ist ein Spiel.“

Ich schaute ihn an, ohne dabei stehen zu bleiben. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. „Ich habe nicht zugestimmt, an irgendeiner Spielshow teilzunehmen.“

„Das musst du auch nicht. Countdown spielt sich im Verborgenen ab und wird über einen streng geheimen Fernsehsender übertragen. Das macht es für die Abonnenten so reizvoll.“

„Die Abonnenten?“

„Gelangweilte reiche Menschen, die noch nicht in die Kolonie übergesiedelt sind und sich wie in einem modernen römischen Kolosseum unterhalten lassen wollen. Spiele auf Leben und Tod. Es laufen noch ein paar andere kranke Gameshows auf dem Kanal, um sie bei Laune zu halten. Das hier ist nur eines auf der Liste.“

Mein Magen brannte vor Ekel und Empörung. „Wieso ist das überhaupt erlaubt? Das ist doch illegal.“

„Mir ist das bewusst. Und du weißt das. Aber wie gesagt: Es ist ein Geheimnis. Selbst wenn es das nicht wäre – meinst du, die Cops würden sich darum scheren, was mit Kriminellen geschieht? Auch wenn diese noch so jung sind? Es erleichtert ihnen langfristig betrachtet doch nur die Arbeit, oder? Die Kunden haben Schädelimplantate, damit sie die Sendung in ihren Köpfen verfolgen können. Es ist wie eine virtuelle Realität, nur dass sie lediglich zuschauen und nicht aktiv daran teilnehmen. So ist es sicherer.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Eine Horde reicher Feiglinge, für die Gewalt ein Kick ist.“

„Woher weißt du das alles?“

Er schaute mich nicht direkt an. „Ich weiß es einfach. Die Spieler waren früher ältere Gefangene, die in Saradone angeworben wurden. Allerdings scheinen die Abonnenten seit Kurzem junges Blut zu bevorzugen. Ich kannte ein paar Leute, die vor einem Monat mitten in der Nacht verschwunden sind. Gerüchte besagen, dass man ihnen die Chance angeboten hat, bei der Show mitzumachen.“

„Warum sollte jemand freiwillig daran teilnehmen?“ Mir hatte man nicht die Wahl gelassen.

Er zuckte die Achseln. „Zumindest hat man bei dem Spiel die Möglichkeit, zu gewinnen. Wenn ein jugendlich frischer Achtzehnjähriger in ein solches Gefängnis wie Saradone überführt wird – ganz egal, was er angestellt hat …“ Sein Gesicht wirkte angespannt, und endlich warf er mir einen Seitenblick zu. „Dann sind seine Tage gezählt.“

„So haben sie dich überzeugt. Du wolltest nicht nach Saradone, falls es sich irgendwie vermeiden ließ.“

„So ungefähr.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das ergibt keinen Sinn.“

„Das muss es auch nicht. Unterm Strich zählt nur, dass die Gameshow existiert. Und wir stecken gerade mittendrin.“ Er schaute mich an. „Das mit dir verstehe ich allerdings nicht.“

„Gleichfalls.“

„Nein, ich begreife nicht, wieso du dabei bist. Du warst nicht im Jugendgefängnis und bist auch nicht verhaftet worden. Zwar bist du eine Kleinkriminelle und hast keine Familie, aber trotzdem. Erst sechzehn …“ Er zog die Augenbrauen zusammen. „Du bist zu jung. Zu empfindlich, zu weich.“

„An mir ist überhaupt nichts Empfindliches oder Weiches.“

Seine Lippen zuckten. „Dazu kann ich nichts sagen.“

„Geh einfach weiter.“ Ich setzte einen Fuß vor den anderen. „Weißt du sicher, in welche Richtung wir müssen?“

Er nickte. „Ja. Es ist nicht weit von hier.“

Das war verrückt. Das alles war vollkommen verrückt. „Also, falls wir es schaffen – wie viele Level gibt es noch?“

„Sechs.“

„Wenn wir, wie die Stimme erklärt hat, alle sechs Level beenden, haben wir gewonnen. Was bedeutet das?“

„Freiheit. Geld. Keine Ahnung, was sonst noch. Es hängt vom Kandidaten ab, schätze ich.“

„Und wenn wir es vermasseln …“

„Keine Freiheit, kein Geld und stattdessen eine Kugel in den Kopf. Falls wir Glück haben.“

Mein Magen verkrampfte sich. „Wer guckt sich so etwas an?“

„Du wärst überrascht. Ein Abo für den Fernsehkanal ist nicht billig. Es richtet sich zudem nach der Einschaltdauer. Der Chip, der ihnen den Zugang ermöglicht, muss chirurgisch eingepflanzt werden. Es ist keine leichte Operation. Die Kunden erwarten etwas für ihr Geld. Vielleicht ist das der Grund, warum du mitmachen musst. Ich glaube nicht, dass es bei Countdown schon einmal eine weibliche Teilnehmerin gab.“

Das war nicht gerade sehr aufbauend. „Ich Glückliche. Eventuell meinen sie, wir wären ein gutes Team.“

Er starrte mich an. „Möglicherweise sind wir das auch.“

„Darauf würde ich nicht wetten.“ Ich wandte den Blick ab. „Sind wir gleich da?“

„Ich glaube, ja.“

„Du glaubst es? Ich dachte, du wüsstest, wohin wir müssen?“

„Ich war eine Weile sozusagen außer Gefecht gesetzt. Dinge ändern sich. Kennst du dich in der Gegend hier aus?“

„Nein.“

Ich schaute mich ganz genau um. Alles wirkte grau in grau. Keine Bäume, keine parkenden Autos. Selbst die Straßenschilder an der Ecke vor uns waren abgebrochen. Mir kam hier nichts bekannt vor.

Hinter einer Häuserecke, die sich direkt vor uns befand, flog plötzlich etwas hervor. Eine silberne Kugel. Sie schwebte mitten in der Luft und raste dann mit unglaublicher Geschwindigkeit auf uns zu. Ich duckte mich, damit sie mich nicht traf, aber sie hielt einen knappen Meter vor meinem Gesicht an und schwirrte in Augenhöhe auf der Stelle.

Eine fliegende Digicam. Noch etwas, das ich im echten Leben noch nie zuvor gesehen hatte. Ich spiegelte mich in der schwarzen Iris der Linse.

Wieder erklang die Stimme in meinem Kopf.

Es läuft Level zwei für Rogan und Kira. Nehmen wir uns einen Moment, um diese beiden Kandidaten besser kennenzulernen …

Es war ein Implantat. Das hatte die Stimme doch erzählt, oder? Sie hatten ein Implantat in meinen Kopf eingesetzt. Ich fasste in meine zerzausten dunkelbraunen Haare und tastete meine Kopfhaut ab, bis ich die Stiche einer fünf Zentimeter langen Narbe fand. Die Stellen um die Wunde herum waren taub. Sie hatten mir ein Implantat eingepflanzt! Darum war ich in dem Metallraum zuerst nicht bei Bewusstsein gewesen. Ich hatte mich erst von dem Eingriff erholen müssen.

Wut kochte in mir hoch.

Wir hatten allerdings keine Zeit für so etwas. Ich versuchte, an der Kamera vorbeizukommen, aber sie versperrte mir den Weg.

Kira Jordan, sechzehn Jahre alt, wurde vor zwei Jahren, nachdem ihre gesamte Familie brutal ermordet worden war, zur Vollwaise. Doch lassen Sie sich durch ihre rührselige Geschichte oder ihr gutes Aussehen nicht täuschen – sie hat ihren Weg gemacht und hält sich als Taschendiebin über Wasser, die sogar ihre eigene Großmutter beklauen würde, wenn sie noch eine hätte. Und sie scheut nicht davor zurück, ihren Körper zu benutzen, damit sie bekommt, was sie will. Dieses Mädchen ist kalt wie Eis.

Ich spürte, wie die Farbe aus meinem Gesicht wich, und warf Rogan einen Blick zu.

„Das ist nicht wahr“, meinte ich.

Seine Miene wirkte verhalten, aber in seinem Blick waren Neugierde und unverhohlenes Interesse zu erkennen. „Alles oder nur das meiste?“

„Das meiste.“

Die Kamera schwebte surrend zu Rogan hinüber.

Rogan Ellis, siebzehn Jahre alt, ist für Mord in neun Fällen verurteilt worden – heute bekannt als die ‚Wohnheimmorde‘. Nach seinem Amoklauf, bei dem neun Studentinnen getötet und zerstückelt worden waren, wurde er in Jugendstrafanstalt St. Augustine’s geschickt. Dort sollte er bis zu seinem achtzehnten Geburtstag bleiben und anschließend in das Hochsicherheitsgefängnis Saradone verlegt werden, um eine lebenslängliche Haftstrafe ohne Aussicht auf Strafaussetzung zu verbüßen.

Rogan sah mich mit einem ganz fremden Ausdruck auf dem Gesicht an, doch ich war mit einem Mal kühl und schwieg.

„Das stimmt auch nicht“, erklärte er. Seine Stimme klang plötzlich emotionslos.

„Alles oder nur das meiste?“

„Das meiste.“

Neun Mädchen. Tot und zerstückelt.

Mir war schlecht. Ich hätte auf dem harten Bürgersteig auf die Knie fallen und mich übergeben können, allerdings hatte ich nichts im Magen. Es war eine Sache, mir vorzustellen, was er getan haben könnte, aber etwas ganz anderes, es direkt ins Gehirn geschickt zu kriegen.

Er war grauenvoll. Er war ein Monster – genau wie der Mann, der meine Familie getötet hatte.

Und wenn ich nicht bei ihm blieb, würde ich sterben.

Bei dem Gedanken wurde mir nur noch schlechter.

Vielleicht lügen sie ja, beharrte eine kleine Stimme in meinem Kopf. Warum solltest du glauben, was sie dir erzählen? Sie haben schließlich auch bei dir und deiner Geschichte vollkommen übertrieben. Möglicherweise war er es nicht.

Warum sollte ich das annehmen? Weil er schöne Augen hatte? Weil er irgendwie charmant war und verletzt? Und weil ich dieses Spiel lebend überstehen wollte – und ihn brauchte, um das zu schaffen?

Ja, so etwas in der Art.

Sag uns, Rogan Ellis, empfindest du Reue für das, was du getan hast? Und wie, denkst du, sollen dir deine soziopathischen Tendenzen bei Countdown dienen? Vor allem, nachdem du nun ein Team mit Kira bildest – einem Mädchen, das seine eigene Familie durch brutalen Mord verloren hat?

Ich probierte ihm in die Augen zu schauen, aber er sah mit nicht an. Stattdessen starrte er in die Kamera und weigerte sich, auch nur eine der „Kennenlernfragen“, die die Stimme anstelle der Zuschauer an ihn richtete, zu beantworten.

Für dieses Level von Countdown verbleiben noch zehn Minuten.

Die Zeitansage wirkte wie ein Schlag in den Magen.

Wieder packte ich Rogan am Shirt. „Wir müssen weiter. Sofort.“

Die Kamera schwebte genau vor unseren Gesichtern, und ich schlug mit dem Handrücken nach ihr.

„Es ist nicht mehr weit“, versicherte Rogan.

„Das wäre gut.“

„Du hast mir nicht erzählt, dass deine Familie umgebracht worden ist.“

„Vergiss es.“

Seine Miene verfinsterte sich, während wir weiterhasteten. „Kira, was sie über mich gesagt haben …“

„Lass uns eines klarstellen: Es ist mir egal, wer du bist oder was du gemacht hast. Ich will einfach nur überleben. Und wenn das bedeutet, dass ich ein Stück Dreck wie dich erdulden muss, dann werde ich das eben tun.“

„Ich verstehe.“

„Und noch eines …“ Unter dem Kragen seines T-Shirts, knapp über seiner Wunde, drückte ich seine Schulter, und er keuchte vor Schmerz auf. „Falls du etwas versuchen solltest oder mich auch nur komisch anschaust, dann schwöre ich dir, dass ich dich eigenhändig umbringen werde.“

Mit einem entschlossenen Blick sah er mich an und stieß meine Hand weg. „Dagegen ist nichts einzuwenden.“

Ich wischte mir einen Tropfen von seinem Blut von den Fingern und ignorierte das dumpfe Pochen hinter meiner Stirn. Ich hatte ihn berührt. Ich hatte seine Haut angefasst. Ich hatte mich angesichts der Situation, in der ich mich befand, bestmöglich konzentriert …

Und ich hatte probiert, etwas zu spüren. Irgendeine Emotion. Irgendeinen hilfreichen Hinweis.

Doch die Zeit hatte nicht gereicht. Ich hatte mir nur Kopfschmerzen eingehandelt und ein verworrenes Durcheinander wahrgenommen.

Was ich sicher wusste, war, dass mehr hinter Rogans Geschichte steckte. Viel mehr. Aber im Moment hatte ich keine Zeit, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Wenn wir uns nicht beeilten, würden wir in weniger als zehn Minuten tot sein.