11. KAPITEL

Rogans Vater Gareth Ellis, mit dem er zerstritten war, saß in einem großen weißen Raum, in dessen Mitte ein kleiner Tisch stand. Das Zimmer erinnerte mich an einen dieser sterilen Räume, in denen Häftlinge befragt wurden – so etwas hatte ich schon mal in einem der alten Filme gesehen, die meine Eltern gesammelt hatten. Die Männer in den weißen Jacken stießen mich in das Zimmer und schlugen die Tür hinter mir zu.

Gareth war ganz in Schwarz gekleidet und bildete einen scharfen Kontrast zu dem Raum. Man musste kein Experte sein, um zu erkennen, dass es ein teurer Designeranzug war, den Gareth da trug. Ich zwang mich dazu, wegen der Angemessenheit der Farbe nicht mit den Augen zu rollen. Immerhin war er in unserem kleinen Stück der Böse, oder? Wahrscheinlich hatte er persönlich die Farbe für Rogans und meine neue Countdown-Uniform ausgesucht. Ich widerstand dem Drang, den Rock ein Stück hinunterzuziehen, damit er meine nackten Oberschenkel ein bisschen mehr bedeckte. Die Schusswunde war inzwischen nicht mehr als ein kleines, flaches rosafarbenes Mal. Kaum noch zu erkennen.

Wenn ich nicht so verdammt wütend gewesen wäre, hätte ich mich vermutlich unwohl gefühlt: Ich sah aus wie der feuchte Traum eines tattrigen alten Lustmolchs.

Gareth Ellis war ein gut aussehender Mann – aber bei einem Sohn wie Rogan war das nicht anders zu erwarten gewesen. Seine Haare waren einen Ton heller als die von Rogan und viel kürzer. Er machte einen extrem professionellen Eindruck auf mich, wirkte sehr weltmännisch und kultiviert.

Seine Augen hatten dieselbe Farbe wie Rogans – ein leuchtendes Blaugrün.

Niemand würde bezweifeln, dass die beiden Vater und Sohn waren.

Zu wissen, was Rogan widerfahren war, schürte meinen Hass auf diesen Menschen vor mir nur noch.

„Kira.“ Er winkte mich zu sich heran. „Komm und nimm Platz.“

„Ich stehe lieber, danke.“

„Das war keine freundliche Bitte, sondern eine Aufforderung.“ Sein Blick wurde härter, allerdings umspielte ein kleines Lächeln seine Lippen. „Wärst du so freundlich.“

Also würde es keine nette kleine Unterhaltung werden. Sagte mir zumindest mein Gefühl.

Ohne den Blick von ihm abzuwenden, näherte ich mich langsam dem Tisch und setzte mich auf den Stuhl. Rogans Dad musterte mich, als wäre ich ein wissenschaftliches Projekt in einem Labor. Sein Blick glitt über jeden Zentimeter meines Körpers, der oberhalb der Tischplatte zu sehen war.

„Magst du dein neues Outfit?“

„Nein.“

„Tut mir leid, das zu hören. Du kannst es tragen.“

Ich funkelte ihn nur wortlos an.

„Du bist unsere erste weibliche Teilnehmerin“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort.

„Ich weiß.“

„Wie gefällt dir das Spiel bisher?“

„Wie mir das Spiel gefällt?“, wiederholte ich. „Wie es mir gefällt? Sie müssen vollkommen verrückt sein, falls Sie der Meinung sind, dass mir Ihre kranke, perverse Show Spaß machen könnte.“

Er legte den Kopf leicht schräg. „Vor einer halben Stunde hat es jedenfalls so gewirkt, als würdest du es genießen. Und du hättest noch mehr gemocht, wenn ihr ein bisschen mehr Zeit gehabt hättet. Erzähl mal, Kira, gehst du immer so locker mit Jungs um, die du erst seit zwei Tagen kennst?“

Ich ballte unter dem Tisch die Hände zu Fäusten. „Lecken Sie mich am Arsch.“

Er lächelte dünn. „Ein Mädchen mit Temperament. Das ist irgendwie erfrischend. Die meisten der Mädchen, die ich heutzutage treffe, sind so besessen von dem Wunsch, in die Kolonie zu gelangen, dass sie alles sagen würden, sobald sie der Meinung sind, dass man ihnen helfen könnte, dieses Ziel zu erreichen.“

„Ich schätze, ich bin nicht wie die meisten Mädchen.“

Darauf erwiderte er nichts, betrachtete mich jedoch weiterhin genau.

„Und? Was jetzt?“, fragte ich. Er jagte mir Angst ein. „Wollen Sie mich die ganze Zeit nur anstarren?“

„Ich möchte nur herausfinden, was mein Sohn in dir sieht. Hältst du dich für etwas Besonderes? Denkst du, es hätte in seinem Leben noch keine junge Frauen gegeben? In der Vergangenheit hätten viele Frauen alles getan, um mit einem meiner Söhne zusammen zu sein. Immerhin lassen sich Mädchen durch Geld unweigerlich anspornen.“

Ich sah ihn nur an und kochte innerlich.

„Hast du dich in Rogan verliebt?“, erkundigte er sich. „Oder ist es nur Lust?“

„Ich bin nicht über alles im Bilde und weiß nicht genau, was Sie gemacht haben, um Rogan zu bescheißen. Doch alles was ich bisher gehört habe, weckt in mir nicht gerade das Bedürfnis, mit Ihnen eine lange, ausführliche Unterhaltung über mein Leben zu führen. Tut mir leid.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Mir ist bekannt, dass er dir erzählt hat, was geschehen ist.“

„Wollen Sie es abstreiten?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Rogan stand dem Erfolg von Countdown irgendwann im Weg. Ich musste verhindern, dass er meine Pläne durchkreuzt. So einfach ist das.“

Einfach. Sicher. Dieser Kerl war ganz offensichtlich übergeschnappt. „Er war sechzehn.

„Das ist alt genug, um mir in die Quere zu kommen. Glaub mir.“ Er ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Sein Blick war unbeirrt, unnachgiebig.

Obwohl er unglaublich, einschüchternd war, gelang es mir seinen Blick zu erwidern. „Sind wir dann fertig?“

„Nein, das sind wir nicht.“ Er erhob sich und kam um den Tisch herum. Dann lehnte er sich an die Tischkante. „Ich glaube nicht an übernatürliche Phänomene, Kira. Ich glaube an die Wissenschaft.“

„Es ist mir eigentlich ziemlich egal, was Sie glauben.“

Er gab mir eine schallende Ohrfeige auf die linke Wange. Ich hatte es nicht kommen sehen; es war vollkommen überraschend. Ich presste meine Hand an meine schmerzende Wange und starrte ihn an. Mein Schreck wandelte sich schnell in Zorn.

„Ich erzähl dir mal, was ich glaube, Kira. Du bist eine Diebin. Vor vier Wochen hast du mir auf der Straße das Portemonnaie gestohlen. Du hast mir die Brieftasche entwendet, das Geld behalten und den Rest weggeworfen. Ich bin dir gefolgt und habe dich in dem Elend, in dem du lebst, vorgefunden. Allerdings hat mir die Art gefallen, wie du dich bewegt hast.“ Er ließ seinen Blick genüsslich über mich gleiten. „Ich habe die pure Verzweiflung in deinem Handeln gemocht. Sofort habe ich erkannt, dass du das Zeug dazu hast, um an meiner Show teilzunehmen. Ich habe meine Angestellten gebeten, Recherchen über dich anzustellen. Wir haben deine Fingerabdrücke genommen, deine DNA. Ich weiß vermutlich mehr über dich als du selbst.“

Irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht. Er war böse. Ich spürte es bis ins Mark meiner Knochen hinein. Ob es nun meine paranormalen Fähigkeiten waren, die mir diese Gewissheit gaben, oder mein Bauchgefühl, konnte ich nicht genau sagen.

Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Ich analysiere, Kira. Ich analysiere, ich studiere und ich lerne. Und ich nutze all das, um Countdown stärker und stärker und besser und besser zu machen, bis es sich eines Tages von selbst in der Stadt ausbreitet, in dieser Welt und in der Kolonie.“ Er beugte sich vor und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Hörst du mir zu?“

Meine Wange pochte, während ich mich zurücklehnte und mich bemühte, möglichst gelassen zu wirken. „Sorry, ich schätze, ich bin kurz eingenickt. Die Geschichte war so verdammt lang. Haben Sie irgendetwas von Ihrem Portemonnaie erzählt?“

Sein Mund zuckte verdächtig, und es erinnerte mich irritierenderweise an Rogan, wenn er lächelte. Nur war es bei seinem Vater nicht nett und es war auch kein Lächeln. Dahinter steckte etwas sehr Dunkles. Mir lief ein Schauer über den Rücken.

„Du glaubst also genau wie Jonathan auch, dass du eine paranormale Gabe hast – allerdings schwach ausgebildet?“

Mein Mund wurde trocken. „Ich habe keinen Schimmer, was ich glaube.“

Nur, dass du ein sadistisches Monster in einem teuren Businessanzug bist.

„Würdest du irgendwelche bedeutenden Fähigkeiten besitzen, wärst du im Studienprogramm in der Kolonie. Wissenschaftler würden dich täglich auf Herz und Nieren untersuchen, damit sie herausfinden, woher deine Gabe kommt.“

„Tja.“ Ich versuchte, so gelangweilt zu klingen, wie ich konnte. Mein Herz schlug so heftig, dass ich fürchtete, er könnte es hören. Er war davon überzeugt, dass ich empathisch begabt war. Ich würde ihm nichts sagen, um es zu bestätigen oder abzustreiten. Ich würde in diesem Spiel alle Geheimnisse, so gut es ging, für mich behalten.

„Also ist alles, was du im Leben hast, deine Fähigkeit, bei Countdown mitzuspielen. Du solltest mir dankbar sein.“

Beinahe hätte ich gelacht. „Ihnen dankbar sein? Das ist ein Scherz, oder?“

„Du träumst davon, in die Kolonie zu kommen. Bei deinen Möglichkeiten und deiner Geschichte ist der Sieg bei Countdown die einzige Chance, dieses Ziel zu erreichen. Und das ist auch die letze Möglichkeit für meinen Sohn, nicht ins Gefängnis zu müssen.“

Ich umklammerte die Tischkante so fest, dass meine Finger taub wurden. „Warum haben Sie Rogan etwas angehängt, das er nicht getan hat? Etwas so Fürchterliches? Es muss doch einen anderen Weg gegeben haben, Sie herzloser Mistkerl.“

„Wir sprechen hier nicht über Rogan, okay? Wir reden über dich.“

Mir war selbst nicht klar, weshalb ich mir überhaupt die Mühe gemacht hatte, zu fragen. Es war offensichtlich, dass er mir nichts Nützliches verraten würde. „Wie auch immer.“

„Aber da du das Thema schon angeschnitten hast, habe ich einen Vorschlag für dich. Einen, der eine weitere große Herausforderung darstellen könnte, nachdem ihr beide miteinander angebändelt habt.“

Wütend funkelte ich ihn an.

Er beugte sich näher zu mir, und ich konnte sein teures Aftershave riechen. „Die Prognose, dass du bis zum Ende von Countdown überlebst, sieht ziemlich schlecht aus. In den drei Jahren, die es Countdown gibt, haben mehr als achtzig Paare an dem Spiel teilgenommen. Nur ein einziges dieser Teams hat es bis zum Ende geschafft und die ultimative Belohnung ergattert. Du wirst sterben, Kira. Und ich verspreche dir, dass es kein schöner Tod sein wird.“

Ich musste mich sehr zusammenreißen, damit ich nicht von dem Stuhl aufsprang und über den Tisch griff, um ihn zu erwürgen. „Zur Hölle mit Ihnen.“

Er grinste. „Die Abonnenten scheinen Gefallen an dir gefunden zu haben. Es mag zum Teil an deiner Einstellung und Haltung liegen. Vielleicht ist es aber auch nur der straffe, junge Körper, den du nun allen präsentierst und den sie genießen können.“ Sein Blick fiel auf mein tiefes Dekolleté. Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Nur mühsam widerstand ich dem Drang, meine Blöße zu bedecken. „Vielleicht ist es die wachsende Bindung zwischen dir und Rogan, die über die Implantate in euren Hirnen hinausgeht. Ich weiß es nicht mit Sicherheit. Aber sie mögen dich. Sie möchten, dass du gewinnst.“

„Dann werde ich gewinnen.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das wirst du nicht. Du wirst sterben. In Level fünf oder sechs. Es spielt keine Rolle. Die Chancen stehen schlecht für dich.“ Er machte eine Pause. „Allerdings ist da noch eine andere Möglichkeit.“

Er wartete, bis ich ihm in die Augen schaute. „Und die wäre?“

Er kam noch näher. „Du wirst Rogan vor laufender Kamera töten. Er ist stark, also könnte er den Spieß umdrehen – es sei denn, du bist raffiniert. Aber ich bin davon überzeugt, dass du raffiniert sein kannst, falls es nötig ist. Die Zuschauer können ihn nicht leiden. Sie glauben, dass er nicht nur die Morde verübt hat, für die er ins Gefängnis gekommen ist, sondern dass er zudem noch deine Familie umgebracht hat. Sie wollen, dass du Rache nimmst.“

Jetzt schüttelte ich den Kopf. „Rogan und ich haben uns unterhalten. Er hat all diese Verbrechen nicht begangen. Wenn die Abonnenten zugesehen haben, dann müssen sie das mitgekriegt haben.“

Selbstgefällig blickte er mich an. „Die Abonnenten haben den Teil unglücklicherweise verpasst. Ich bin sicher, dass es technische Probleme waren. Die Zuschauer fragen sich nun, warum du beinahe vor laufender Kamera mit dem Jungen geschlafen hättest, der deine Familie auf dem Gewissen hat.“ Er lächelte. „Aber jedem das seine.“

Ich konnte die Wut, die mich wie ein Feuer durchströmt hatte und hell in mir loderte, nur noch schwer unter Kontrolle halten. Der Zorn brannte genauso wie die Wange, wo seine Ohrfeige mich getroffen hatte. Mir war klar gewesen, dass er nicht fair spielte, dennoch erleichterte es nicht, es zu verdauen.

„Ich werde ihn nicht umbringen“, entgegnete ich ruhig und bemühte mich, geduldig zu bleiben, bevor ich etwas machte, für das ich wahrscheinlich auf der Stelle mit dem Tod bestraft werden würde.

„Wenn du ihn tötest, wirst du die Show für dich entscheiden und ein neues Leben in der Kolonie beginnen. An dem Ort, an dem eine Million Menschen in einer Stadt zusammenwohnen, in der deine Träume wahr werden können. Und diesen Platz, an dem es für dich nur Gewalt, Unsicherheit und die Gespenster deiner Vergangenheit gibt, lässt du hinter dir. Du könntest einer der glücklichen Menschen sein, die dort leben dürfen, Kira.“

Ich schluckte und versuchte, normal zu atmen – ein und aus, ein und aus.

Dieser Mann konnte doch gar nicht so schrecklich sein, oder? Immerhin war er Rogans Vater. Das musste doch etwas bedeuten. Allerdings war ich noch nie einen Menschen begegnet, den ich auf Anhieb dermaßen gehasst hatte. Und ich hasste viele Menschen. Es schien, als wollte mein Bauchgefühl mir etwas mitteilen. Etwas, das meine Augen nicht sahen und meine Ohren nicht hörten.

Er saß so nahe bei mir. Ob ich auch in ihn hineinschauen könnte? Ob ich meine Wut und meine Enttäuschung weit genug beiseiteschieben könnte, damit ich mich konzentrieren und spüren konnte, was er im Moment empfand?

Bei Jonathan und Rogan hatte ich es geschafft. Das Einzige, was mich davon abhielt, es zu probieren, waren meine Selbstzweifel.

Ich musste es machen. Ich musste herausfinden, ob er tatsächlich so grausam war oder ob er etwas versteckte.

Atme. Entspanne dich. Konzentriere dich.

Stirnrunzelnd betrachtete er mich. „Du lehnst mein Angebot ab?“

Ich stieß bedächtig die Luft aus und versuchte, den Kopf freizubekommen. „Das tue ich.“

Er nickte. Sein Blick war eisig. „Dann sind wir hier fertig. Und wenn es zu deiner unvermeidlichen Eliminierung kommt, sag nicht, dass ich dir keine Chance gegeben hätte.“

Er wollte aufstehen, und ich streckte blitzschnell meine Hand aus. Ich packte ihn am Handgelenk und drückte zu. „Warten Sie.“

Bitte, lass es funktionieren, betete ich insgeheim.

Ich schloss die Augen und strengte mich mehr als je zuvor an.

Nichts.

Ich zog die Augenbrauen zusammen. Da war nichts als Dunkelheit und Schweigen.

Vielleicht machte ich etwas falsch.

„Was treibst du da, kleines Mädchen?“, brachte er knurrend hervor.

Ich konzentrierte mich noch mehr und schälte wie bei einer schwarzen, fauligen Zwiebel die einzelnen Schichten ab, die ich in ihm fand. Schicht um Schicht aus Dunkelheit, bis ich tief in seinem Inneren endlich etwas sehen konnte. Spüren konnte. Fühlen konnte.

Reue.

Das war alles. Nur der winzige Schatten einer Emotion, die unter einer Lage von eisiger Dunkelheit verborgen war.

Es war etwas, mit dem ich nicht gerechnet hätte.

Es war etwas, das mir verriet, dass es mehr in ihm zu entdecken gab. Doch es würde nicht leicht werden, die Wahrheit zu enthüllen. Ich musste den Schmerz ignorieren – einen Druck, der sich allmählich in meinem Kopf ausbreitete.

Irgendetwas befahl mir, die Verbindung noch nicht zu unterbrechen, weiterzusuchen, mit diesen seltsamen Fähigkeiten tiefer in ihn zu dringen. Ich musste die Wahrheit erfahren, damit ich etwas von alledem begreifen konnte.

Wer war dieser Mann? Warum empfand er Reue, wenn er nach außen hin ein böser, manipulativer Sadist war, der mit einem Lächeln auf den Lippen die Zukunft seines eigenen Sohnes opfern würde? Dieses winzige Gefühl schien von einer ganz anderen Person zu stammen – von jemandem, der noch immer eine Seele hatte.

Ich tauchte tiefer in seinen Verstand ein … suchte … Ich musste die Wahrheit wissen.

Dann fühlte ich es, nahm es wahr, etwas Kleines und kaum Erkennbares …

Schmerz, Verzweiflung, entsetzliche Traurigkeit. Etwas Eingesperrtes, Gedämpftes, kaum noch lebendig. Kaum noch bei Bewusstsein.

„Lass mich los, ehe ich nach meinen Leuten rufe.“ Gareth sprach leise, doch seine Wort klangen giftig.

Ich beachtete ihn nicht weiter. Worte waren keine Empfindungen. Sie waren nicht echt. Sein Tonfall passte nicht zu dem, was ich empathisch fühlte.

Mit letzter Kraft zwang ich mich zur Ruhe und konzentrierte mich wieder. Seine vergrabenen Emotionen waren sehr leise, sehr weit entfernt … Dennoch waren sie eindeutig. Jede von ihnen drang wie ein Messer in meinen Kopf ein. Ich stählte mich gegen den wachsenden Schmerz und versuchte, so lange durchzuhalten, wie möglich.

Hilf mir, Kira. Hilf meinem Sohn … Es hat Besitz von mir ergriffen. Ich kann nicht entkommen. Doch ihr habt noch die Chance. Findet einen Weg. Irgendeinen Weg …

Ein Bild blitzte in meinem Kopf auf – eine Adresse. Sie erschien nur flüchtig, flackernd, und ich musste sie ergreifen und festhalten, bevor sie wieder verschwand. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was es bedeuten sollte, wusste ich, dass ich mich unbedingte daran erinnern musste.

Was war das? Es waren keine Gefühle. Es waren … Gedanken. Wirkliche Gedanken. Ich las Gareth Ellis’ Gedanken.

Und dann rissen die Männer in den weißen Jacken mich von Gareth fort. Mit meinen Fingernägeln kratzte ich seinen Arm stark genug, dass Blut floss. Ich schrie vor Schmerzen und zitterte so heftig, dass sie mich nicht auf den Beinen halten konnten. Ich sank zu Boden und hielt mir schluchzend den Kopf.

Meine Nase blutete ebenfalls. Das warme Blut klebte an meiner Hand, als ich mir über das Gesicht wischte. Mein Schädel fühlte sich an, als wäre er in der Mitte gespalten.

Gareth Ellis hielt sich den verletzten Arm und sah eisig auf mich herunter. „Vielleicht hatte Jonathan doch recht, was dich angeht.“

Ich starrte ihn an. Dieser Mann … Er war nicht derjenige, den ich in seinem Kopf gespürt hatte. Was war mit ihm los? War er vielleicht besessen? Hatte er eine Persönlichkeitsstörung? Ich konnte es nicht mit Sicherheit sagen, allerdings war da irgendetwas. Irgendetwas hatte Rogans Vater in einen bösen Menschen verwandelt.

Ob ihm klar war, dass ich es wusste?

Ja. Ich konnte es in seinem eiskalten Blick erkennen. Er wirkte nicht länger belustigt über mich, sondern nur verärgert, weil ich etwas herausgefunden hatte, das er lieber niemandem je verraten hätte.

Er beugte sich zu mir herunter, packte mit der Hand in mein Gesicht und drückte brutal zu.

„Sei vorsichtig, kleines Mädchen“, warnte er mich. „Sehr vorsichtig. Einige Geheimnisse töten schneller als irgendein Level dieses Spiels.“

Er ließ von mir ab und wischte sich die Finger an seiner schwarzen Hose ab, als wollte er jede Spur von mir beseitigen.

Ich war überrascht, dass er nicht sofort meine Exekution anordnete.

Er tat es nicht. Schließlich musste die Show weitergehen.