ANMERKUNGEN

Inhalt: Die Blattern Kaiser Josephs I. – Das Fliegende Schiff und sein Erfinder – Ciezeber-Palatino – Der Ort Ohne Namen und seine Feinde – Eugen von Savoyen -Joseph der Sieghafte – Die zensierte Biographie und Karls Geheimnisse – Atto Metani – Camilla de’ Rossi – Türkische Gesandtschaften und Legenden – Ilsung, Hag Ungnad, Marsili – Bettelstudenten und Rauchfangkehrer – Freizeit, Beisln, Fressgelage und andere Besonderheiten – Die Wiener und ihre Geschichte

DIE BLATTERN KAISER JOSEPHS I.

Kaiser Joseph I. starb am Freitag, dem 17. April 1711 um 10 Uhr 15, noch vor der Vollendung seines dreiunddreißigsten Lebensjahrs. Die offizielle Diagnose: Blattern.

Eine Vorbemerkung: Die Blattern, oder Pocken, eine entsetzliche, heute (fast) ausgestorbene Krankheit, konnten noch nie erfolgreich behandelt werden. Ein Heilmittel gegen Blattern gibt es nicht.

In Harrisons berühmtem Handbuch der Inneren Medizin (M. Dietel, Harrisons Innere Medizin, Berlin 2005,16. Aufl., S. 1377), einer Standardlektüre für jeden Medizinstudenten, liest man, dass das Pockenvirus neben dem Anthraxbakterium zu den zehn gefährlichsten Krankheitserregern der Klasse A gehört, die im Kampf gegen den Bioterrorismus besonders überwacht wird.

Vor zehn Jahren, 1996, haben sich Vertreter von 190 Nationen auf eine Resolution geeinigt: Am 30. Juni 1999 sollten alle auf der Welt noch gelagerten Pockenerreger vernichtet werden. Dies ist nicht geschehen. Im CDC (Center for Disease Control and Prevention) in Atlanta gibt es noch virulente Stämme von Pockenviren.

Als Joseph am 7. April erkrankte, hatte niemand am Hof die Pocken. Spätere historische Forschungen (vgl. z.B. C. Ingrao, Joseph I., der «vergessene Kaiser», Graz/Wien/Köln 1982) berichten, dass in jenen Tagen in ganz Wien eine Pockenepidemie wütete. Das trifft nicht zu.

In seinem Überblick über sämtliche Epidemien, die Wien seit dem Jahr 1224 heimsuchten (Historiam Pestilentiarum Vindobonensis, Wien 1817), erwähnt der Historiker Hermann Joseph Fenger mit keinem Wort eine Pockenepidemie im Jahr 1711. Ebenso wenig Erich Zöllner (Geschichte Österreichs, S. 275-278).

Doch wir wollten die Sache persönlich überprüfen. Im Wiener Stadtund Landesarchiv haben wir die «Totenbeschauprotokolle» eingesehen, wo die städtischen Gesundheitsbehörden jeden einzelnen Todesfall verzeichneten. Dort sind wir die Monate März, April und Mai 1711 Tag für Tag durchgegangen und haben keine Spur einer Pockenepidemie gefunden. Nicht nur das: Die Anzahl der Todesfälle blieb immer im Durchschnittswert dieses Zeitraums.

Bis zu dem Tag, an dem er erkrankte, um innerhalb von zehn Tagen zu sterben, war Joseph I. ein junger Mann im Vollbesitz seiner Kräfte und von ausgezeichneter Gesundheit, sehr sportlich und ein begeisterter Jäger.

Im medizinischen Bericht heißt es, das Gesicht des Toten sei von einer Unmenge Pusteln bedeckt gewesen. Darüber findet sich jedoch kein Wort in der unmittelbar nach dem Ereignis gedruckten und verteilten Gazette, die den Tod und den zur Schau gestellten Leichnam des Kaisers schildert (Umständliche Beschreibung von Weyland Ihrer Mayestät /JOSEPH / Dieses Namens des Ersten / Römischen Kayser / Auch zu Hungarn und Böheim König / u. Ertz-Hertzogen zu Oesterreich / u. u. ehrwürdigsten Angedenckens Ausgestandener Kranckheit / Höchst-seeligstem Ableiben / Und dann erfolgter Prächtigsten Leich-Begängnuß / zusammengetragen / und verlegt durch Johann Baptist Schönwetter, Wien 1711). Zudem wäre ein von Blasen entstelltes Gesicht den Untertanen gewiss nicht gezeigt worden. Handelte es sich um das Werk geschickter Einbalsamierer?

Aus dem in lateinischer Sprache verfassten medizinischen Tagebuch des Doktors Franz Holler von Doblhof (Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien, Familienakten, Karton 67) geht hervor, dass der Kaiser schon beim Auftreten erster Symptome Schleim und Blut spuckte. Unmittelbar nach seinem Tod, heißt es in diesem Tagebuch, «tropfte aus beiden Nasenlöchern und aus dem Mund lang anhaltend Blut». Der Hals sei geschwollen und «atro livore soffuso» gewesen, also dunkelblau durch innere Blutungen. Bei der Autopsie, die Holler selbst durchführte, werden auch Leber und Lungen als «blau und brandig, ihrer natürlichen Farbe beraubt» beschrieben («amisso colore naturali, lividum et gangrenosum»): Also gab es auch hier Blutungen. Wegen des unerträglichen Gestanks wurde die Autopsie abgeschlossen, ohne den Schädel zu öffnen.

Eine solche medizinische Beschreibung wird heute als «hämorrhagische Variola» klassifiziert, eine besonders ansteckende Variante mit hoher Sterblichkeitsrate. Merkwürdig ist jedoch, dass es diese Pockenart nicht immer gegeben hat.

Vor dem Tod Josephs I. ist in keiner einzigen medizinischen Abhandlung je vom hämorrhagischen Verlauf der Pocken die Rede.

Die ersten Mediziner, die von Pocken sprachen, waren vor allem Galen und dann Ärzte des 10. Jahrhunderts: der Perser Rhazes, Ali Ben el Abbas und Avicenna, außerdem im 11. Jahrhundert Constantino l’Africano, der Schreiber von Robert Guiscard. Sie alle (vgl. die vollständigen Titel ihrer Werke in der Bibliographie) ergehen sich in langen, ausführlichen Beschreibungen der Pocken, ihrer möglichen Komplikationen und Krankheitsverläufe, doch keiner erwähnt die Möglichkeit von Blutungen. Im Gegenteil: Der Verlauf der Pocken wird als normalerweise gutartig beschrieben; nur in einigen Fällen führt er bei bereits geschwächten Patienten zum Tode. Das gleiche Bild bietet sich bis zum 16. und 17. Jahrhundert: Ambroise Paré, Niccolò Massa, Girolamo Fracastoro, Alpinus, Ochi Rizetti, Scipione Mercuri und Sydenham, um nur einige der bekanntesten Namen zu nennen, widmen den Pocken lange Kapitel ihrer Werke, doch von der hämorrhagischen Variola findet sich keine Spur. Auch diese Ärzte beschreiben die Krankheit als weit verbreitet und ungefährlich: Mit dem Tode endete sie nur bei plötzlich auftretenden Pandemien, die durch Krieg und Hungersnot ausgelöst wurden. Medizinische Traktate beschreiben die Pocken gewöhnlich in den Kapiteln, die Kinderkrankheiten behandeln, und ordnen sie oft den Windpocken und Masern zu. In seiner Abhandlung über Pocken und Masern trifft Rhazes eine sehr detailgenaue Unterscheidung zwischen den beiden Krankheiten: «Unruhe, Übelkeit und Angstzustände sind bei den Masern häufiger als bei den Pocken; Rückenschmerzen sind kennzeichnender für die Pocken.» Auch Ambroise Paré (Oeuvres, Lyon 1664, 10. Buch, Kap. 1-2) lässt die Pocken nur in einem gemeinsamen Kapitel mit den Masern auftreten, wo er sich ausführlich den Merkmalen widmet, an denen man beide Krankheiten unterscheiden kann. Für uns klingen solche Präzisierungen ganz und gar unverständlich: Heute unterscheiden sich die Pocken leider stark von den fast immer harmlosen Masern. Die entsetzlichen Pockenpusteln und das gesamte schwerwiegende Krankheitsbild haben nichts mit den roten Pünktchen der Masern und den begleitenden Symptomen zu tun. Auch Sydenham stellte einen Vergleich zwischen Pocken und Masern an, ein Zeichen dafür, dass die Pocken vom 10. bis zum 17. Jahrhundert wesentlich unverändert blieben, das heißt, sie waren eine ansteckende Krankheit, die den Masern ähnelte. Sogar Josephs Tochter Maria Josepha hatte sich im Januar 1711, drei Monate vor dem Vater, mit Pocken infiziert und war davon genesen. Und auch diesmal ohne jedes Anzeichen von Blutungen.

Das erste Zeugnis für hämorrhagische Pocken, das uns überliefert wurde, ist kein anderes als der medizinische Befund Josephs I.

Zwei Jahre später, 1713, berichtet der griechische Arzt (andere meinen, er kam aus Bologna) Emanuele Timoni in seinem Traktat mit dem Titel Historia Variolarum quae per insitionem excitantur zum ersten Mal von einer neuen, in Konstantinopel gebräuchlichen Praxis: der Inokulation unter die Haut.

Vorweg sei erklärt: Der Begriff Inokulation bezeichnet nichts anderes als die herkömmliche, alte Form der Immunisierung, wie sie praktiziert wurde, bevor der englische Arzt Edward Jenner Ende des 18. Jahrhunderts die heute bekannte Methode der Impfung erfand. Bei der Inokulation wurde aus den Pusteln von Pockenkranken mit schwachen, gutartigen Symptomen ein Serum entnommen und gesunden Menschen durch einen Schnitt in die Haut injiziert, um eine ebenfalls geringfügige Pockenerkrankung auszulösen. Der so behandelte Patient sollte leicht und für kurze Zeit erkranken und auf diese Weise für immer vor der Ansteckung mit einer schwereren Form der Pocken geschützt sein. Es war nämlich allgemein bekannt, dass Pocken denselben Menschen nie zweimal befielen.

Natürlich kann die subkutane Inokulation statt vorbeugenden Zwecken ebenso verbrecherischen Absichten dienen, wenn sie mit einer tödlichen Form des Virus vorgenommen wird.

Timoni berichtet von zwei alten griechischen Wahrsagerinnen, genannt die Thessalierin und die Philipperin, die sich um die Wende zum 18. Jahrhundert in Konstantinopel aufhielten und in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches Inokulationen bei der «freien», also nichtmoslemischen Bevölkerung vornahmen. Denn die Muselmanen lehnten es ab, sich inokulieren zu lassen. In den Jahren 1701 und 1709, also nachdem diese Praxis sich schon seit einigen Jahren in der Stadt verbreitet hatte, erlebte Konstantinopel die ersten Pockenepidemien mit vielen Toten. Die beiden Wahrsagerinnen wurden jedoch nicht gelyncht, sondern lauthals gepriesen. Denn einige angesehene Ärzte behaupteten, ohne die Eingriffe der beiden Griechinnen wäre die Epidemie noch verheerender verlaufen. Und bald bürgte auch der örtliche Klerus für die Frauen, was der Inokulation endgültig Tür und Tor öffnete.

Ein Jahr nach den von Timoni beschriebenen Ereignissen, im Jahr 1714, berichtet der venezianische Botschafter in Konstantinopel in seiner Schrift Nova et tuta variolas excitandi per transplantationem metbodus nuper inventa et in usum tracta ebenfalls von der Praxis der Inokulation.

Zwei Jahre später, zwischen 1716 und 1718, erlebte die subkutane Inokulation eine explosionsartige Verbreitung in ganz Europa. Auslöser war die Gattin des englischen Botschafters in Konstantinopel, Lady Mary Wortley Montagu, die das Verfahren offiziell aus der Türkei nach England einführte. Auf ihren Reisen propagierte die englische Lady die Inokulation an allen europäischen Höfen in glühenden Tönen, ja, sie ließ sogar ihre eigenen Kinder inokulieren. 1716 hielt sie sich in Wien auf, wo sie, wie man in ihrem Tagebuch liest, auch die Witwe und die Töchter Josephs kennenlernte. Im Jahr 1720 überredete sie den englischen König, einige Galeerensträflinge inokulieren zu lassen. Von 1723 an wurde die Inokulation zu einer massenhaft angewandten Methode.

Doch genau in diesem Zeitraum verwandeln die Pocken sich, anstatt schwächer zu werden, von einer «gutartigen Krankheit» in eine Infektion, die fast immer tödlich verläuft. Die Pocken gelten jetzt nicht mehr als eine Kinderkrankheit: Ihre Symptome sind sehr viel schwerwiegender als die in den vergangenen Jahrhunderten beschriebenen, und vor allem lassen sich die grässlichen Pusteln der Pocken keinesfalls mehr mit den Bläschen bei Windpocken und noch weniger mit dem Ausschlag aus roten Pünktchen bei Masern vergleichen.

Einem Aufsatz von Marco Cesare Nannini, La storia del vaiolo (Die Geschichte der Pocken), Modena 1963, entnehmen wir erschreckende Zahlen: In den ersten 25 Jahren nach Einführung der Inokulation stirbt 10 % der Weltbevölkerung. Überaus zahlreich sind die Fälle von hämorrhagischer Variola. Schon bald entpuppt sich die Inokulation als ein ausgezeichnetes Mittel kolonialer Eroberungsfeldzüge: Die Ureinwohner Amerikas, von den Indianern bis zu den Indios, werden mit ihrer Hilfe dezimiert. E. Bertarelli (Jenner e la scoperta della vaccinazione, Mailand 1932, Jenner und die Entdeckung der Impfung) berichtet, dass allein in Santo Domingo innerhalb weniger Monate 60 % der Einwohner sterben, dass die Pocken in Haiti, wo sie 1767 eingeführt werden, rasch zwei Drittel der Einwohner töten und dass 1733 drei Viertel der Bevölkerung Grönlands durch die Pocken ausgerottet werden.

In Europa sterben seit der Einführung der subkutanen Inokulation bis zum Ende des 18. Jahrhunderts 60 Millionen Menschen an den Pocken (H.-J. Parish, A History of Immunization, London 1965, S. 21). In zeitgenössischen Quellen aus dem Ende des 18. Jahrhunderts findet man ähnliche Schätzungen (D. Faust, Communication au congrès de Rastadt sur l’extirpation de la petite vérole, 1798, Archives Nationaux de France, F8 124). 1716 verursachten die Pocken in Paris 14000 Todesfalle und weitere 20000 im Jahr 1723; 1756 erlebte Russland eine große Pockenepidemie, 1730 gab es eine in England, wo man in vier Jahrzehnten auf 80505 Pockentote kam. In Neapel gab es im Jahr 1768 innerhalb weniger Wochen 6000 Tote; 1762 in Rom ebenfalls 6000; in Modena brach nach einer einzigen subkutanen Inokulation eine Epidemie aus, die acht Monate andauerte und die Stadt entvölkerte; 2000 Tote gab es 1784 in Amsterdam und 42379 im Jahr 1798 in Deutschland, während 1766 allein in Berlin 1077 und 1763 in London 3528 Menschen an Pocken starben. Unterdessen machte England große Geschäfte mit der Inokulation: Daniel Sutton gründete ein blühendes Unternehmen für Inokulation, dessen Zweigstellen sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis in weit entfernte Gegenden wie New England und Jamaika ausdehnten.

Wie oft starb man dagegen an Pocken, bevor es die Inokulation gab? Nehmen wir das Beispiel London: 38 Tote im Jahr 1660, 60 im Jahr 1684, 82 im Jahr 1636. Kurzum, es gab fast keine Pockentoten.

Am Wiener Hof war vor Joseph nur Ferdinand IV an Pocken erkrankt. Nach Joseph aber verbreitete sich die Krankheit explosionsartig, und bis zum Ende des 18. Jahrhunderts tötete sie neun weitere Habsburger. Die Fälle hämorrhagischer Pocken sind schon in jenen Jahren zahllos, und sie enden ausnahmslos mit dem Tod des Erkrankten.

Hier zum Vergleich zwei Beschreibungen des Morbus. Die erste stammt von Scipione Mercuri, dem berühmten römischen Arzt, der von 1540 bis 1615 lebte (La commare, Venezia 1676, drittes Buch, Kap. XXIV, S. 276, Delle Varóle e cura loro – Von den Variole und ihrer Behandlung), also bevor die Inokulation eingeführt wurde. Man beachte, dass auch Mercuri Ähnlichkeiten zwischen Pocken und Masern feststellt (ausführlich behandelt er beide außerdem in De morbispuerorum, üb. I, De variolis et de morbillis, Venetiis 1588).

Die zweite Beschreibung der Pocken stammt von dem Arzt Faust und ist der bereits zitierten Abhandlung von 1798 entnommen, als die Impfeuphorie ihren ersten Höhepunkt erreicht hatte.

Mercuri schreibt:

«Nun werde ich allgemeine äußerliche Krankheiten behandeln; und zwar zunächst die gemeine, welches die Blattern sind, so in diesem Land Varióle genannt werden. Zwischen den Variole und den Masern gibt es einige Unterschiede, dessen ungeachtet ich beide zugleich behandeln werde, da sie die nämliche Behandlung erhalten. Es sind die Blattern oder Variole kleine Pusteln oder Vesícula, welche auf allen Teilen des Körpers auftreten, und zwar unvermittelt, begleitet von Schmerz, Juckreiz und Fieber, und wenn sie aufplatzen, werden sie Schwären. ( … ) Die Zeichen, welche die Erkrankung ankündigen, sind Schmerzen des Leibes, Heiserkeit, Gesichtsröte, Hauptweh und häufiges Niesen. Jene Zeichen sodann, welche den Durchbruch der Krankheit bezeugen, sind das Delirium, Pusteln und Vesícula auf dem ganzen Körper, malweiße, malrote, mal größere, mal kleinere, je nach der unterschiedlichen körperlichen Beschaffenheit der Patienten. Die Variole töten zumeist nicht, ausgenommen einige Male, wenn entweder wegen verderblicher Luft oder wegen anderer Fehler der Medizi daran eine Menge stirbt wie bei der Pest

Und hier die Beschreibung Fausts aus dem Jahr 1798:

«Zahllose Pusteln drängen sich bei den Blattern auf dem ganzen Körper, vom Haupt his zu den Füßen. Der Körper ist wie in kochendes Ol getaucht, die Schmerzen sind grausam. Mit fortschreitender Vereiterungwird das Gesicht aufgedunsen und entstellt; die Augen sind geschlossen, der Rachen entzündet, verschlossen und außerstande, das Wasser zu schlucken, welches unablässig unter Röcheln gefordert wird. Der Kranke ist daher gleichzeitig des Lichts, der Luft und des Wassers beraubt; seine Augen sondern Eiter und Tränen ab; aus den Lungen entweicht ein übler Gestank, der Speichel wird sauer und fließt unfreiwillig; die Exkremente sind verderbt und eitrig häufig ebenso der Urin. Der Körper ist nur mehr Eiter und Pusteln und kann sich weder bewegen, noch berührt werden; der Kranke ächzt und liegt reglos, während der Teil, auf welchem er ruhet, zumeist brandig ist

Entsetzlich ist auch die Beschreibung in Versen, die der Abt Jean-Joseph Roman 1773 in seinem Gedicht L’inoculation von einem Blatternkranken gibt:

Ein Schmerz zerreißt ihn, den er nie gefühlt,

Die Augen brennen schier vom ätzenden Exkret.

Den Speichel, der im Munde schäumend wühlt,

Umsonst den glühend Durst zu lindern er erfleht.

Gefesselt sind die Sinne, keiner, der ihm noch gehört,

In dichten Wolken sieht er nichts als düstre Schemen, Klanglos die Stimme, sein Körper ward verheert,

Ist Kerker nur noch eines Geistes, der zerstört.

Die Beschreibung der Blutungen bei Joseph I. hat auffällige Ähnlichkeit mit der «Purpura variolosa», wie sie der mittlerweile fast neunzigjährige deutsche Arzt Dr. Gerhard Buchwald in seinem Buch Impfen: Das Geschäft mit der Angst, München 2000, beschrieben hat. Doktor Buchwald ist einer der wenigen lebenden Ärzte, die Fälle von Pocken noch persönlich beobachten und studieren konnten. 2004 haben wir ihm die Dokumentation über die Erkrankung Josephs I. geschickt. Einige Zeit später führten wir ein langes Telefongespräch mit ihm. Aufgrund seiner Erfahrungen ist Buchwald zu der Überzeugung gekommen, dass Beschädigungen der Blutgefäße ausschließlich bei Pockeninfektionen auftreten, in denen das Virus direkt in ebendiese Gefäße injiziert wurde. Die gleiche Schlussfolgerung kann man auf Seite 50 in seinem Buch nachlesen:

«Derartige Verläufe gehen zu Lasten der kurz vorher durchgeführten Impfung und sie enden immer tödlich

Kurz: Laut Buchwald hat es nie eine natürliche Form der hämorrhagischen Variola gegeben. Diese Pockenvariante ist eine Konsequenz der Einfuhrung der Inokulations- und Impfpraktiken.

Die zeitgenössische Literatur über Pocken enthält eine große Menge an Studien, die behaupten, die subkutane Inokulation sei in China und Indien seit Jahrtausenden bekannt gewesen. Dieselbe Propaganda wurde schon im 18. Jahrhundert verbreitet, um Vertrauen in die Praxis der Inokulation zu schaffen.

Was China anbetrifft, so wird als Quelle meist der Jesuitenpater D’Entrecolles zitiert, der Missionar in Peking war. Doch seine Schrift datiert erst vom Mai 1726, nicht früher, und er gibt lediglich den Passus eines chinesischen Buches wieder, worin ein Verfahren der Immunisierung gegen Pocken durch Inhalation, nicht aber durch Inokulation beschrieben wird. Diese Art von Pockenprävention hat also mit Inokulation nichts zu tun, im Gegenteil: Der Jesuit erläutert sogar, nach Meinung der chinesischen Ärzte sei es auf jeden Fall tödlich, wenn die Pocken nicht auf natürlichem Wege in den Körper eindrängen (wie durch die Nase), sondern durch einen Schnitt in die Haut. Die berühmte Abhandlung über die Geschichte der chinesischen Medizin von Chimin Wong und Wu Lien-Teh (History of Chinese Medicine, Shanghai 1936) sagt das Gleiche und weist daraufhin, dass einige Medizinhistoriker auf Indien als das Ursprungsland der Inokulation verweisen.

Der berühmte indische Mediziner und Dozent an der Universität von Kalkutta Girindranath Mukhopadhyaya untersucht in seiner History of Indian Mediane (Delhi 1922-1929, Bd. I, S. 113-133) alle Quellen, die behaupten, die Inokulation sei ein in Indien seit unvordenklichen Zeiten praktiziertes Verfahren. Mukhopadhyaya kommt zu derselben Schlussfolgerung wie wir: Es gibt keine Beweise. Manche Ärzte, fast alles Engländer, schreiben, sie hätten in Indien Legenden über diesen Brauch gehört, die aus dem Altertum stammten. Einer von ihnen, ein gewisser Doktor Gillman, hat sogar einen in Sanskrit verfassten medizinischen Traktat zutage gefördert, wo die Inokulation erwähnt wird. Mukhopadhyaya ließ ihn von zwei Sanskrit-Forschern untersuchen, die Interpolationen darin entdeckten. Eine Fälschung also. In alten indischen Abhandlungen über Medizin von Caraka, Susruta, VägbhaCa, Mädhava, Vrnda Mädhava, Cakradatta, Bhäva Misra und anderen fand Mukhopadhyaya keine Hinweise auf die Praxis der Inokulation mit dem Pockenerreger. Mehr noch: In den Lobliedern auf die Göttin Sitala, die von Käsikhanda dem Skanda Purätja entnommen wurden, wird ausdrücklich gesagt, dass es kein Heilmittel gegen Pocken gebe außer den Gebeten zur Göttin. Dennoch, betont Mukhopadhyaya, «stellt noch immer niemand in Frage, dass die Inokulation in Indien häufig praktiziert worden sei».

Mukhopadhyaya vermutet, wie wir auch, dass das Ganze konstruiert wurde, um zunächst der Inokulation und dann der Impfung eine makellose Entstehungsgeschichte zu verschaffen, der die Massen dazu bringen würde, diesen Methoden zu vertrauen und sie bei sich selbst und ihren Kindern anwenden zu lassen.

In der Geschichte der Pocken finden sich nicht nur Fälschungen, sondern auch peinliches Verschweigen. Der Erfinder der Impfung – jenes Verfahrens, das auf die Inokulation folgte –, der berühmte englische Arzt Edward Jenner, impfte seinen zehn Monate alten Sohn mit einem Serum aus den Pusteln eines Pockenkranken. Jenners Sohn wurde geistig behindert und starb mit 21 Jahren. 1798 impfte Jenner ein fünfjähriges Kind, das unmittelbar darauf starb, und eine Frau, die im achten Monat schwanger war. Etwa einen Monat später gebar sie ein totes Kind, dessen Körper mit pockenähnlichen Pusteln bedeckt war. Trotz dieser Resultate schickte Jenner Proben desselben Serums, das er für seine Experimente benutzt hatte, an die europäischen Herrscherhäuser. Sie wandten es in großflächigen Versuchen bei Waisenkindern an, um neue Krankheitsfälle hervorzurufen und dann neue Proben infizierter Materie entnehmen zu können. Handbücher der Medizingeschichte hüten sich, an diese Ereignisse zu erinnern.

Kehren wir ins 18. Jahrhundert zurück. Bald schon erhoben sich viele kritische Stimmen gegen die Inokulation. Man verwies auf den tragischen Fall der Madame de Sévigné, die an Pocken erkrankte und ebenfalls 1711 starb – allerdings nicht an der Krankheit, sondern, unter grausamen Qualen, an den Verordnungen der Ärzte (vgl. J. Chambón, Traité des métaux et des minéraux, Paris 1714, S. 408 ff). Um die Mitte des 18. Jahrhunderts behandelte Luigi Gatti, ein italienischer Arzt in Paris, die Pocken von Madame Helvetius, indem er vor der Kranken lustige Tänze aufführte. Er war nämlich zutiefst überzeugt, Heiterkeit sei das einzig erlaubte Heilmittel und der tödliche Ausgang der Pocken habe keinen anderen Grund als die ärztlichen Behandlungsmethoden. Eine Meinung, die Gatti aus unerfindlichen Gründen später drastisch änderte: Er wurde plötzlich zu einem der aktivsten (und reichsten) Inokulatoren.

Noch im 19. Jahrhundert berichtete van Swieten, dass die Adeligen und Wohlhabenden, die an Pocken erkrankten, fast alle starben, während das Volk, das sich keinerlei Behandlung unterzog, überlebte (vgl. Rapport de l’Académie de Médecine sur les vaccinations pour l’année i8$6, S. 35).

Nicht nur das: Nun wurden Stimmen laut, nach denen die Inokulation, auch wenn sie nicht töte, absolut nichts nütze. Es gab Menschen, die, obwohl sie sich hatten inokulieren lassen und an den so erzeugten Pocken erkrankt waren – freilich ohne daran zu sterben –, später doch wieder Pocken bekamen, sogar noch Jahre danach. Der Mercure de France vom Januar 1765 (Bd. II, S. 148) berichtet zum Beispiel vom Fall der Herzogin von Bouffiers. Doch der ärgste Verdacht sollte noch kommen: Löst die Inokulation auch bei den Menschen Pocken aus, die sie bereits hatten? Bekanntlich «treten die Pocken nur ein einziges Mal im Leben auf», wie auch Avicenna sagt, und immunisieren dann für immer gegen die Krankheit. Nach Meinung vieler Mediziner, die Gegner der Inokulation sind, wird dieses natürliche Gesetz durch die künstlich erzeugten Pocken außer Kraft gesetzt. Der Beweis? Ein berühmter Fall: Ludwig XV. von Frankreich, der im Alter von 18 Jahren die Pocken hatte, starb 1774 mit 64 Jahren. An Pocken. Und er starb unter Umständen, die denen des Todes von Joseph I. sehr ähnlich sind.

Bei Ludwig XV gibt es eine Besonderheit: Als einziges Kind überlebte er das unglaubliche Massensterben der Kinder und Enkel des Sonnenkönigs, seines Großvaters, durch welches das Geschlecht der französischen Bourbonen zwischen 1711 und 1712 beträchtlich dezimiert wurde. Graf De Mérode-Westerloo (Mémoires, Brüssel 1840) berichtet, dass Palatino ihm im Jahr 1706 diese Todesfälle prophezeit und behauptet habe, in allen Fällen würden Verbrechen dahinterstecken. 1712 war der kleine Ludwig eben zwei Jahre alt, er war das zweite Kind der Herzöge von Burgund. Die Eltern und der ältere Bruder waren an den Pocken gestorben. Ludwig aber konnte sich retten, denn als die ersten Anzeichen der Krankheit bei dem Kleinen auftauchten, verbarrikadierten sich seine Ammen buchstäblich mit ihm in einem Zimmer und hinderten die Arzte daran, ihn auch nur zu Gesicht zu bekommen. Die Ammen waren nämlich überzeugt, dass gerade die Arzte die anderen Mitglieder der königlichen Familie getötet hatten. So entging Ludwig der Prophezeiung Palatinos und bestieg, als er volljährig wurde, als Nachfolger seines Großvaters Ludwig XIV den Thron Frankreichs. Frankreich hatte in den langen Jahren der Regentschaft sehr gelitten. Der bösartige John Law, der Erfinder der Banknoten, von dem der Schornsteinfeger erzählt, hatte das Reich in einen nie da gewesenen wirtschaftlichen Ruin getrieben.

Doch früher oder später bewahrheiten sich gewisse «Prophezeiungen» immer … Mit 64 Jahren hatte Ludwig XV keine tapferen Ammen mehr, die ihn beschützen konnten.

Sein Tod erinnert stark an den Josephs L: Beide waren Feinde der Jesuiten (Ludwig XV unterdrückte die Gesellschaft Jesu sogar), und auch Ludwig XV musste sich, wie Joseph, von einem Prediger die leider zutreffende Ankündigung seines Todes gefallen lassen. Am 1. April 1774, einem Gründonnerstag, zeigt der Bischof von Senez von der Kanzel aus auf den König und ruft aus: «Noch vierzig Tage, und Ninive wird fallen!» Genau vierzig Tage später, am io. Mai, tut Ludwig XV. seinen letzten Atemzug (Pierre Darmon, La variole, les nobles etles princes, Brüssel 1989, S. 93-94).

Noch eine Woche zuvor hatte er verwundert seine Pusteln betrachtet und unaufhörlich gemurmelt: «Wenn ich sie nicht schon gehabt hätte, würde ich schwören, dies sind die Pocken.» Am 3. Mai begriff er: «Es sind die Pocken … Aber das sind ja die Pocken!» Vor der schweigenden Zustimmung der Anwesenden wandte er das Gesicht ab und sagte: «Das ist wirklich unglaublich.»

Viele Aspekte machen diesen Tod zu einer bösen Posse: nicht zuletzt der, dass Ludwig XV die Inokulation immer hartnäckig bekämpft hatte.

Nachdem unsere historischen Forschungen über die Pocken abgeschlossen waren und wir die Meinung Doktor Buchwalds über den Tod Josephs I. gehört hatten, sind wir zur letzten Phase übergegangen: der Suche nach einem Spezialisten für pathologische Medizin, der unsere Forderung, den Leichnam des Kaisers exhumieren zu lassen, unterstützt und bereit ist, ihn zu untersuchen.

Von Anfang an verwarfen wir die Ärzte, die für ihre Exhumierungen berühmt sind. Wenn sie die Leichen historischer Persönlichkeiten exhumieren, gilt ihr Hauptinteresse der Forschung nach neuen Impfstoffen, und meistens werden sie von der pharmazeutischen Industrie gesponsert.

Also wandten wir uns an mehrere italienische und österreichische Universitätsdozenten. Doch die Angelegenheit interessierte niemanden; im Gegenteil, einige zeigen sich über unsere Anfrage verärgert.

Das kannten wir schon: Als es 2003 darum ging, graphologische Gutachter zu finden, um die Unterschrift unter dem Testament des spanischen Königs Karl II. von Habsburg untersuchen zu lassen, ergriff der größte Teil der Experten alsbald die Flucht, denn sie hatten Angst, dem derzeitigen spanischen König Juan Carlos von Bourbon Unannehmlichkeiten zu bereiten. Man kann sich vorstellen, wie die Reaktion jetzt aussehen wird, wo es um Pocken geht …

Einstweilen richteten wir per Einschreiben eine Anfrage an das Denkmalamt in Wien, mit der Bitte, die erforderlichen Formalitäten für eine Exhumierung des Leichnams von Joseph I. einzuleiten. Wir wussten, dass dies ein langwieriges Verfahren sein würde, und wir wollten keine Zeit verlieren.

In der Hoffnung, jemanden zu finden, der etwas mutiger ist, wandten wir uns an Bekannte und gelangten auf diesem Weg zu Professor Andrea Amorosi, einem Pathologen, der aus derselben Region stammt wie einer der beiden Autoren. Amorosi arbeitet in der Abteilung für experimentelle und klinische Medizin der Universität «Magna Grecia» von Catanzaro in Süditalien. Die ersten Kontakte verliefen überaus positiv. Professor Amorosi ist ein gewissenhafter und hilfsbereiter Mensch. Nachdem er sämtliche Unterlagen geprüft hatte, die wir ihm geschickt hatten, war er sehr angetan von der Idee einer Exhumierung des Leichnams Josephs I. Von ihm erfuhren wir auch, dass die Pocken zu den Erregern der Klasse A gehören, die im Kampf gegen den Bioterrorismus unter «besonderer Beobachtung» stehen. Unsere Initiative könnte also für beträchtliches Aufsehen in der wissenschaftlichen Welt sorgen.

Wir fragten ihn, ob es möglich sei, nach so langer Zeit zu beweisen, dass Joseph vergiftet oder künstlich mit den tödlichen Pocken infiziert wurde oder dass er wirklich an einer natürlichen Pockenerkrankung starb. Falls Gift verwendet wurde, lautete seine Antwort, dürfe es nicht allzu schwierig sein, denn damals habe man vorwiegend Metalle benutzt, die mit den modernen Untersuchungsmethoden von heute erkannt werden könnten. Die Gifte, die man heute einsetze, hinterließen jedoch keine Spuren, erläuterte er.

Im Fall eines Todes durch Inokulation, erklärte der Professor weiter, sei die Sache noch komplizierter, aber nicht unmöglich. Man müsse mehrere Leichname exhumieren, nicht nur denjenigen Josephs. Ideal sei es, Körper von Menschen zur Verfügung zu haben, die lange vor Joseph an Pocken starben, als die Pocken noch nicht immer tödlich verliefen – bei denen also Grund zu der Annahme besteht, dass der Tod aufgrund einer natürlichen Pockeninfektion eintrat –, und Körper von Pockentoten aus dem späten 18. Jahrhundert, also im Zeitalter der Inokulation. Diesen Leichen müsse man dann DNA-Proben entnehmen und sie mit denjenigen Josephs I. vergleichen. Ausführlich und unter Verwendung vieler wissenschaftlicher Begriffe hat Professor Amorosi uns in einem Telefongespräch alle möglichen Verfahren erklärt, mit denen man eine mögliche künstliche Ursache für den Tod des jungen Kaisers beweisen könnte. Aufgrund unserer laienhaften Kenntnisse ist es uns leider unmöglich, die Ideen und Absichten Professor Amorosis hier in der gebotenen wissenschaftlich exakten Terminologie wiederzugeben.

Wir kamen mit Amorosi überein, dass er uns zunächst postalisch die Seiten aus Harrisons Handbuch der Inneren Medizin zukommen ließ, die sich auf den Bioterrorismus beziehen, und sich in der Zwischenzeit bei einigen Kollegen umhörte, damit die Exhumierung und Untersuchung der Leichen möglichst von einer Equipe durchgeführt würde. Wir haben nie wieder von ihm gehört.

Wir haben die Fotokopien aus Harrisons Buch nie erhalten, und es ist uns nicht mehr gelungen, mit Professor Amorosi zu sprechen. Auf unsere E-Mails hat er nicht mehr geantwortet, und monatelang endeten unsere zahllosen Telefonate bei der jeweils diensthabenden Sekretärin, Krankenschwester oder Assistentin. Sie fragten nach unserem Namen und ließen uns warten, um uns dann mitzuteilen, dass Professor Amorosi nicht da sei. Bis wir eines Tages wieder zum Telefon griffen und die x-te Absage nicht mehr akzeptierten. Wir riefen fünfmal an einem Tag an, am nächsten Tag wieder, und das eine Woche lang. Jedes Mal erklärten wir die ganze Angelegenheit wieder von vorne, obwohl wir merkten, dass die andere Seite nichts darüber hören wollte. Mit der Zeit konnten wir die Stimmen wiedererkennen, und die Stimmen erkannten uns. Wir ertappten unsere Gesprächspartnerinnen bei Widersprüchen, manch eine hängte nach einem flüchtigen Gruß eilig auf. Auf der anderen Seite der Leitung hat man sich mit viel Geduld gewappnet, man könnte uns unfreundlicher behandeln. Im Juni 2006, als wir zum hundertsten Mal die Worte «Exhumierung», «Pocken» und «Inokulation» aussprachen, flüstert endlich eine schleppende, müde Stimme: «Wie alt sind Sie eigentlich? Merken Sie denn nicht, was Sie anrichten? Geben Sie auf. Und lassen Sie den Professor in Ruhe.»

Wir haben nicht wieder angerufen. Zum ersten Mal, seit wir Nachforschungen betreiben, die der offiziellen Geschichtsschreibung zuwiderlaufen, waren wir erschrocken. Die Stimme klang nicht drohend, ganz im Gegenteil – sie schien ehrlich. Der Fall ist klar: Professor Amorosi ist eingeschüchtert worden, und zwar so wirkungsvoll, dass er jeden Kontakt mit uns verweigert hat, und sei es nur ein Telefonat. Haben wir vielleicht wirklich mit dem Feuer gespielt? Noch einmal haben wir das Kapitel über Bioterrorismus in Harrisons Handbuch der Inneren Medizin aufgeschlagen und immer wieder denselben Passus gelesen, als könnten wir seine Tragweite erst jetzt richtig begreifen: Trotz wiederholter Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, alle in vitro gelagerten Proben des Pockenvirus zu vernichten, hat man im CDC in Atlanta in den USA noch virulente Stämme konserviert, mit denen Experimente aller Art durchgeführt werden. Das Handbuch betont, dass das gentechnisch rekombinierte, also künstliche Variola-Virus sehr viel gefährlicher ist als das natürliche.

Wieder haben wir das Buch von Professor Buchwald zur Hand genommen. Es berichtet von den vielfaltigen illegalen Aktionen, die noch bis vor wenigen Jahrzehnten die Todesfalle durch Pockenimpfung verbargen und sie als natürliche Pockenerkrankungen ausgaben: Krankenblätter wurden ausgetauscht, medizinische Befunde verschwanden und anderes mehr. Angesichts der entsetzlichen Fotos (S. 49 und 50) von Waltraut B., einem kleinen Mädchen, das durch Impfung an Pocken erkrankte und dessen Körper mit Pusteln und blutigen Krusten übersät ist, und des Leichnams einer jungen Krankenschwester, der Blut aus den Augen und dem geöffneten Mund floss – sie starb in den 70er Jahren in Wiesbaden an ebenfalls durch Impfung ausgelöster, hämorrhagischer Variola –, fiel uns buchstäblich der Federhalter aus der Hand.

Zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Buch in Druck geht, hat das Denkmalamt in Wien auf den eingeschriebenen Brief mit dem Antrag auf Exhumierung der Leiche Josephs I. und auf eine nachfolgende Erinnerung noch nicht geantwortet.

DAS FLIEGENDE SCHIFF UND SEIN ERFINDER

Die von Frosch aufbewahrte Gazette vom 24. Juni 1709 mit der Nachricht von der Ankunft des Fliegenden Schiffes in Wien ist echt. In der Wiener Stadt- und Landesbibliothek kann man ein Exemplar besichtigen. Dies ist nicht das einzige Zeugnis vom Fliegenden Schiff. Andere, ähnliche Gazetten berichteten von dem Flug der außergewöhnlichen Apparatur. Moderne Historiker wissen genau, wer ihr Erfinder und Steuermann war: nicht der geheimnisvolle Violinist Albicastro, wie der Schornsteinfeger vermutet, sondern Bartolomeo de Gusmão (1685-1724), eine außergewöhnliche Persönlichkeit: Jesuit, Wissenschaftler, Abenteurer, Erfinder, vielleicht auch ein Scharlatan, doch sicherlich ein genialer Kopf, der in die Geschichte eingegangen ist, weil er vermutlich Jahrzehnte vor den Gebrüdern Montgolfière den ersten aerostatischen Fesselballon fliegen ließ.

Der Flug seines hölzernen Schiffes (wenn er denn wirklich stattgefunden hat) sorgte unmittelbar danach in ganz Europa für großes Aufsehen. Außer der Wiener Gazette wurden gleichzeitig in London und Portugal gedruckte Blätter mit Nachrichten über das Ereignis verbreitet.

Hat sich das von Gusmäo entworfene Schiff wirklich in die Luft erhoben? Die Meinungen gehen auseinander. Der Fachmann für die Geschichte des Fliegens Bernd Lukasch schließt es keineswegs aus. Nach Meinung des Historikers Fernando Reis war die «Passarola» (so nannte Gusmão sein Schiff) hingegen nur ein Märchen, mit dem sein Erfinder die Aufmerksamkeit der Neugierigen und Verleumder von seinen eigentlichen Experimenten ablenken wollte, die sich auf Heißluftballons konzentrierten. Aber was ist dann mit den Gazetten? Zeitgenossen behaupten, Gusmão selbst und ein Kamerad, der Graf von Penaguilão, seien die Verfasser, und Freunde hätten den beiden geholfen, diesen spektakulären Streich durchzuführen. Doch auch darüber gibt es keine gesicherten Informationen. Zudem enthalten, recht besehen, auch Gusmãos Leben und sein Tod einige Geheimnisse.

Zwischen 1713 und 1716 reist der exzentrische Portugiese durch Europa und erlangt Bekanntheit durch Erfindungen aller Art: ein System von Linsen, um Fleisch mit Sonnenlicht zu braten; eine Mühle, die sehr viel schneller funktioniert als alle existierenden Mühlen; eine Maschine zur Erforschung von Torfgruben und andere ungewöhnliche Dinge. Er lässt sich in Paris nieder, wo er seinen Lebensunterhalt zunächst als Verkäufer von Heilpflanzen bestreitet, um dann mit Hilfe seines Bruders Sekretär des portugiesischen Botschafters beim Sonnenkönig zu werden. Zurück in Portugal, wird er dank seiner herausragenden Fähigkeiten als Wissenschaftler und Redner in die Königliche Akademie für Geschichte aufgenommen und tritt später ein Amt als Hofkaplan an. Doch nun beginnen die Schwierigkeiten: Er wird von der Inquisition angeklagt, mit den Krypto-Juden zu sympathisieren. Außerdem verwickelt man ihn – Saramago erinnert daran in seinem Buch Das Memorial – in einen Skandalprozess, bei dem sogar der König von Portugal und ein Bruder des Königs sowie deren Geliebte nebst Hexen und Prostituierten auf der Anklagebank sitzen. Einige vermuten, hinter dem Eifer, mit dem die kirchlichen Autoritäten gegen Gusmão vorgehen, stecke der Versuch, seine Forschungen mit Fluggeräten zu sabotieren. Einer seiner Brüder erklärt Gusmão für verrückt, vielleicht will er ihn vor den Klauen der Inquisitoren retten. Um einer wahrscheinlichen Anklage zu entgehen, verlässt der Jesuit heimlich Portugal und flieht nach Spanien, von wo aus er Paris zu erreichen versucht. Doch in Toledo befallt ihn ein bösartiges Fieber, und er wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo er einen Monat später mit nur 39 Jahren stirbt. Bis zum letzten Moment war er rastlos tätig: Noch kurz vor seinem Tod hatte er sich zum Judentum bekehrt. Die Wahrheit über das Fliegende Schiff liegt für immer in Gusmãos Grab.

Man wundere sich nicht, dass der Pilot, der 1709 an Bord des Fliegenden Schiffes in Wien ankam, wie die Gazette berichtet, die Frosch dem Schornsteinfeger zeigt, verhaftet und eingesperrt wurde, statt als erster fliegender Mensch der Geschichte triumphal gefeiert zu werden. Die österreichische Seele liebt Traditionen und misstraut allem Neuen. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Kaiser Franz Joseph I. strikt gegen die Einführung von Elektrizität und Fahrstühlen.

Auch die Experimente und Theorien von Francesco Lana, Ovidio Montalbani und Ludovico Montanari stammen aus deren eigenen Schriften, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts publiziert wurden (siehe Bibliographie).

CIEZEBER-PALATINO

Aus den dunklen Ecken der Geschichte taucht mehrmals die geheimnisvolle Figur eines Derwischs auf, ähnlich dem, den der Schornsteinfeger beschreibt. In einem Fliegenden Blatt (eine Art kleiner Zeitung, die auf der Straße verteilt wurde) mit dem Bericht von der Audienz der Türken bei Eugen (Beschreibung Der Audientz des vom tuerckischen Gross-Sultan nach Wien gesandten und allda ankommenden Cefulah Aga Capichi Pascia, Wien, 9. April 1711) wird im Gefolge des Botschafters ein indischer Derwisch mit Namen Ciezeber erwähnt. In der Erzählung des Schornsteinfegers entpuppt er sich dann als Isaak Ammon, genannt Palatino. Nun, auch hier handelt es sich um eine Person, die wirklich gelebt hat. Und seine politischen Voraussagen über die Zukunft Europas, die spätere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte betreffen, sind erstaunlich präzise. Wie bereits erwähnt, wird in den Mémoires du feld-maréchal comte de Mérode-Westerloo, Brüssel 1840, Bd. 2, S. 150-185 und 293, von der außergewöhnlichen Figur eines Hexers, von seinen Komplotten und Prophezeiungen berichtet. Der Verfasser dieser Memoiren, die lange nur in handschriftlicher Form vorlagen, bis sie im 19. Jahrhundert von einem Nachfahren gedruckt wurden, war ein belgischer Soldat und Diplomat im Dienst Österreichs, der jedoch häufig mit Eugen von Savoyen in Konflikt geriet. Tatsächlich zeichnet Mérode-Westerloo ein wenig schmeichelhaftes Bild von Eugen, was ihm den Tadel moderner Historiker einbrachte (siehe z.B. H. Oehler, Prinz Eugen im Urteil Europas, München 1944, S. 369-375). Obwohl Palatino (in Wirklichkeit hieß er Isaak Ammon, wie der Schornsteinfeger berichtet) der erstgeborene Sohn einer bedeutenden Familie nestorianischer Patriarchen war, stand er dem Umfeld der Derwische von Babylonien nahe (Mémoires, S. 159 f.)- Als erfahrener Heiler und Kenner von Giften kurierte er De Mérode-Westerloo von einer schweren Krankheit. De Mérode hatte acht Jahre lang Umgang mit ihm und sammelte seine Prognosen über zukünftige Giftmorde an zahlreichen hochgestellten Persönlichkeiten: Ludwig XIV., der Dauphin, der Herzog und die Herzogin von Burgund sowie ihr Sohn, außerdem der Herzog De Berry, der König von Spanien Karl II. und vor allem Joseph I. Von ihm spricht Palatino nur als dem «Kaiser», doch es besteht kein Zweifel, dass es sich um Joseph I. handelt, da De Mérode-Westerloo seine Bekanntschaft und Gespräche mit Palatino (S. 150 und 160 f.) auf das Jahr 1708 datiert, als Joseph I. Kaiser war. Palatino stand auch in Kontakt mit Eugen von Savoyen: De Mérode-Westerloo erzählt (S. 293), er sei besorgt gewesen, als er 1722, also viele Jahre nachdem er ihn aus den Augen verloren hatte, erfuhr, dass diese merkwürdige Person Gespräche mit Eugen geführt und sich über ihn informiert habe.

Zu den Voraussagen, die sich unerklärlicherweise genau bewahrheiteten, gehört jene über den Sonnenkönig, der 1714, drei Jahre nach Palatinos Ankündigung, tatsächlich an Gangräne an einem Bein starb. Genau so sagt es der Derwisch in der Erzählung des Schornsteinfegers und in den Memoiren De Mérode-Westerloos vorher. Es folgt der Tod des Herzogs De Berry, der im Mai 1714 stirbt. Der Herzog war ein Enkel Ludwigs XIV. und das dritte Kind des Grand Dauphins, er starb an einer Krankheit, wie der Derwisch vorhergesagt hatte. Der Grand Dauphin selbst stirbt am 14. April 1711, drei Tage vor Joseph I. Ihm folgen der Herzog und der Herzogin von Burgund im Jahr 1712. Eine unglaubliche Reihe von Todesfällen, die die Historiker eine Hekatombe genannt haben.

DER ORT OHNE NAMEN UND SEINE FEINDE

Alle Informationen und Schilderungen, die der Schornsteinfeger vom «Schloss ohne Namen, genannt Nygeby» (wie aus den Dokumenten in Archiven hervorgeht) gibt, werden von Historikern und zahlreichen Forschungen bestätigt. Die entsprechenden Veröffentlichungen sind in der angehängten Bibliographie zu finden. Heute wird das Schloss Neugebäude genannt. Dass Maximilian II. in seinen letzten Jahren vom Gedanken an den Bau des Neugebäudes geradezu besessen war, wie Simonis erzählt, berichtet der venezianische Botschafter Giacomo Soranzo (vgl. Joseph Fiedler [Hg.], Relationen venetianischer Botschafter über Deutschland und Osterreich im 16. Jahrhundert, Wien 1870, S. 217).

Auch den wilden schwarzen Panther hat es wirklich gegeben. Davon berichtet das Wiennerische Diarium (heute die Wiener Zeitung), Nr. 483 vom 17.-20. März 1708. Am Nachmittag des 18. März führte Joseph mit seiner Gattin und einem Gefolge aus Edeldamen und Kavalieren seine Schwägerin, die Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, in das Neugebäude. Da sein Bruder Karl sich in Barcelona aufhielt, um sein Anrecht auf den spanischen Thron geltend zu machen, hatte Joseph ihn bei der Ferntrauung vertreten, die in Wien zwischen Karl und der deutschen Prinzessin gefeiert wurde. Kurz bevor sie dann nach Spanien zu ihrem Gemahl abreiste, wollte Joseph ihr eine Ehre erweisen, indem er ihr persönlich die im Neugebäu eingeschlossenen wilden Tiere vorführte, vor allem die erst vor kurzem dort eingetroffenen zwei Löwen und den Panther.

Nach dem Tod Josephs I. schreitet der Verfall des Schlosses unaufhaltsam voran. Nicht nur werden keinerlei Restaurierungsarbeiten durchgeführt, die Schöpfung Maximilians II. fällt auch einer Reihe unfassbarer Versäumnisse, Unschlüssigkeiten, Irrtümer und böser Absichten zum Opfer, hinter denen man fast das Werk böser Mächte vermuten könnte.

Nachdem Josephs Bruder Karl den Thron bestiegen hat, verwirft er die Restaurierungspläne seines Vorgängers und lässt zu, dass das Schloss weiter verfällt. Die Gärten verwildern, im Laufe der Zeit verschwinden die letzten Spuren der herrlichen Blumenbeete, Topfpflanzen und Hecken. Unter Karls Tochter, der berühmten Kaiserin Maria Theresia, beschleunigt sich der Niedergang des Schlosses. So gibt die Kaiserin einer Bitte der kaiserlichen Artillerie statt und erlaubt die Nutzung des Neugebäudes als Pulverkammer. Auf ihren ausdrücklichen Befehl werden die kostbaren Säulen fortgeschafft, die die großartige Loggia mit Panoramablick nach Norden getragen haben. Die Türme der Außenmauern um den Garten werden zu Pulvermagazinen umgebaut, die vier Haupttürme werden zerstört, die Umfriedungsmauer stark verändert. Das Stadion im Ballspielhaus (von wo, dem Bericht des Schornsteinfegers zufolge, das Fliegende Schiff abhebt) wird mit einem Dach versehen und dann durch eine Holzkonstruktion in mehrere Stockwerke unterteilt. Zusammen mit dem Dach fallen sie später einer Feuersbrunst zum Opfer.

Außer den Säulen bauen Maria Theresias Soldaten auch Brunnen, Stuckwerk, Ornamente, vielleicht auch Mauerfragmente und Ziegelsteine ab und bringen sie nach Schönbrunn. So wird ein Teil der schönen toskanischen Säulen aus Maximilians Palast für den Mittelteil der Kolonnaden von Schönbrunn verwendet, jener Seite, die sich bis in die berühmten Gärten erstreckt. Nachdem man die große, auf der Nordseite liegende Loggia des Neugebäudes ihrer Säulen beraubt hatte, wurde sie zugemauert, wodurch sich das Schloss in eine Art klobige Schachtel verwandelte.

Andere, aus dem Neugebäude geplünderte Säulen bildeten das Gerüst der Gloriette, jener eleganten, triumphbogenartigen Konstruktion, die sich mit zwei langen Arkadenflügeln über dem grünen Hügel hinter Schönbrunn erhebt und auf Tausenden von Ansichtskarten und Reiseführern über Wien abgebildet ist. Weitere Stücke, die sich für den Bau massiver Mauern eignen, wurden wahrscheinlich in die Wände der Seitenflügel der Residenz eingefügt, deren Erbauung gleich nach dem Tod Josephs I. begann. Die Archive Wiens schweigen zu diesem umfassenden, systematischen Ausschlachten und Neuverwenden; niemand wird je erfahren, an welchen Stellen der Mauern Schönbrunns sich die stummen Zeugen eines unerfüllten Traums verbergen. Andere Trümmer, für die man keine Verwendung fand, wurden kurzerhand den sogenannten «römischen Ruinen» von Schönbrunn zugeordnet. Hierbei handelt es sich um eine plumpe, traurige Zusammenstellung von Kapitellen, Simsen, ornamentalen Statuen und Gebälk mit pseudoantiken oder Renaissance-Anklängen, die nach Art einer Vedute von Piranesi zusammengewürfelt und so in einer Ecke des großen Parks von Schönbrunn angeordnet sind, dass sie wie ein verfallener römischer Tempel wirken.

So haben die vielen tausend Touristen, die sich jedes Jahr nach Schönbrunn begeben und die mächtige Fassade zur Gartenseite, die Gloriette oder die falschen römischen Ruinen bewundern, ohne es zu wissen, auch das Neugebäude vor Augen. Doch warum zog Maria Theresia es vor, das Schloss auszuweiden und seine Überreste heimlich in einer anderen architektonischen Schöpfung zu versenken, statt das Meisterwerk von Simmering zu ehren und zu retten? Man hat die sprichwörtliche Sparsamkeit der Kaiserin ins Feld geführt: Die kostbaren Säulen des Ortes Ohne Namen, die noch aus dem 16. Jahrhundert stammten, sollten nicht durch Wind und Regen verrotten. Gut und schön, aber warum gab die umsichtige Maria Theresia dann für den kleinen, orientalischen Salon im ersten Stock von Schönbrunn die irrwitzige Summe von einer Million Gulden aus (die Fremdenführer von Schönbrunn erzählen den Besuchern augenzwinkernd, dass ein erfolgreicher Arzt oder Anwalt damals 500 Gulden im Jahr verdiente)? Wenn sie ihre Ausgaben wirklich einschränken wollte, hätte die so ruhmreiche Herrscherin vielleicht auch darauf verzichten können, das große, mit goldenem und silbernem Brokat überzogene kaiserliche Bett in Auftrag zu geben, ein einzigartiges Stück von unermesslichem Wert, das nach seiner jüngsten Restaurierung nun wieder in der großen Wiener Residenz bewundert werden kann.

Die heimliche Schuld Schönbrunns gegenüber dem Neugebäude ist damit noch nicht erschöpft. So wurde bemerkt (Leopold Urban, Die Orangerie von Schönbrunn, Typoskript einer Doktorarbeit, Wien 1992), dass der Komplex in Simmering sogar «die Mutter von Schönbrunn» ist. In mehrfacher Hinsicht führt ein architektonischer Vergleich der beiden Meisterwerke «zu erstaunlichen Ähnlichkeiten» (ebd., S. 62), zum Beispiel bei der Anordnung der Nischen, Bögen und Mauerumfange in der Orangerie der Residenz und in jenen Teilen des Schlosses, die für Tiere gedacht waren. Diese Ähnlichkeiten lassen sich noch heute in der unterirdischen Galerie des Westflügels vom Neugebäude finden (wo gegen Ende der Erzählung die vorgetäuschte Verhaftung durch den Derwisch und seine Handlanger stattfindet). Sogar die Ziermasken von Schönbrunn scheinen deutlich durch jene der Brunnen im Neugebäude inspiriert. Man könnte noch hinzufügen, dass das Motiv der Kolonnaden, die eine längliche, von einem Mittelbau unterbrochene Aussichtsterrasse tragen, sowohl in der Gloriette als auch im Simmeringer Schloss auftaucht und dass die wichtigsten Elemente der baulichen Anlage (Teich, Brunnen auf der Rückseite, großer Innenhof, von Mauern umschlossener Garten) im Neugebäude und in Schönbrunn vergleichbar sind. Angenommen, das Neugebäude würde eines Tages restauriert, dann wäre nicht verwunderlich, wenn die Touristen es dem Schloss Schönbrunn entschieden vorziehen würden. Doch bis jetzt hat niemand etwas unternommen, um den Ort Ohne Namen zu retten, im Gegenteil.

Nach der Verunstaltung durch Maria Theresia geben auch ihre Nachfolger einem unerklärlichen Zerstörungsdrang nach. In den nächsten Jahrhunderten setzen sich die Plünderungen, die Verwahrlosung und Zerstörung durch Brände fort, und dazu gehört auch ein verheerender Aufenthalt militärischer Verbände während der Kämpfe zwischen dem kaiserlichen Heer und den napoleonischen Truppen. 1922 beschließt die Stadt Wien, im Inneren der Umfriedungsmauern des oberen Gartens das städtische Krematorium zu errichten, was dem Aussehen des Gesamtkomplexes einen unheilbaren Schaden zufügt. Wo einst Blumen und Obstbäume in anmutigen Reihen standen, wo die elfenbeinernen, minarettartigen Türme aufragten, wo sich kleine Alleen und Beete mit Grünpflanzen abwechselten, stehen jetzt die Schornsteine der Öfen des Krematoriums und die Grabsteine eines Friedhofs. Merkwürdig: Viele Grünflächen innerhalb des Krematoriums blieben völlig ungenutzt. Musste es wirklich unbedingt an diesem Ort gebaut werden?

1952 wird ein Werk des Bildhauers Alexandre Colin, ein wertvoller Renaissancebrunnen, den Maria Theresia aus dem Neugebäude nach Schönbrunn bringen und im Hof der Orangerie aufstellen ließ (Urban, S. 71 ff), abgebaut, um Platz für die Durchfahrt von Autos zu schaffen. Der Brunnen blieb ungenutzt im Freien stehen und verfiel. Im Laufe der Zeit verschwanden immer mehr seiner Teile, wahrscheinlich sind sie in privaten Gärten gelandet. 1962 wird die Kapelle, die als Lager für Kinofilmrollen gedient hatte, durch ein großes Feuer im Ostflügel des Neugebäudes unrettbar zerstört. Immer wieder gibt es Vorschläge für einen Wiederaufbau, doch unsichtbare Kräfte scheinen diese Initiativen um jeden Preis behindern zu wollen. Niemandem, außer den einfachen Wiener Bürgern, die ihre Stadt lieben, scheint an der Erhaltung der einzigen Renaissancevilla, die es nördlich der Alpen noch gibt, gelegen zu sein. 1974 wird ein großes Restaurierungsprojekt angekündigt, das nie ausgeführt wird. 1982 taucht der Vorschlag auf, das Schloss für die historische Waffensammlung der Stadt Wien zu nutzen; zwei Jahre später ist wieder von Restaurierung die Rede. 1986 verkünden die Zeitungen begeistert, dass archäologische Grabungen auf dem Gelände stattgefunden haben, aus denen man neue wichtige Erkenntnisse über den Bau und die Geschichte des Komplexes gewinnen kann. Doch 1993 stürzt durch eine neue, schwere Feuersbrunst ein großer Teil des Daches ein. Bei den Wienern geht das Gerücht um, die Haltestelle Stubentor der U-Bahn U3 sei mit Steinen aus dem Neugebäude gebaut worden (statt mit Material, das vor Ort gefunden wurde, wie ein Schild im Inneren des U-Bahnhofs vermeldet). Vor wenigen Jahren hörte man sogar den unglaublichen Vorschlag, das ganze Schloss abzureißen. Aber ist es nicht genau das, was ohnehin seit Jahren geschieht? Zum Glück findet das Neugebäude endlich einen Fürsprecher: Othmar Brix, Vorsitzender des 11. Wiener Bezirks, in dessen Zuständigkeitsbereich das Schloss Maximilians II. fällt, sammelt und unterstützt großzügig Initiativen für den Wiederaufbau. Doch fast scheint es, als würde er, wie sein Schützling, von geheimnisvollen Feinden verfolgt, denn 2003 stirbt Brix plötzlich mit nur 59 Jahren, ohne die Verwirklichung seiner Pläne zu erleben. Heute trägt die Straße, die zu dem alten Schloss führt, seinen Namen. Erst in unseren Tagen haben endlich ernsthafte Restaurierungsarbeiten am Ort Ohne Namen begonnen, allerdings ohne dass bis jetzt über seine zukünftige Nutzung (als Kulturzentrum, Museum oder anderes) entschieden wäre. Die Finanzierung unterliegt jedoch weiterhin der undurchschaubaren Logik der Politik, und im Hintergrund droht unvermindert das Gespenst des Abrisses. Seit einigen Jahren schützt darum eine Vereinigung von Bürgern im noblen Geist freiwilligen Engagements die alten Mauern, indem sie Führungen und ein sommerliches Film- und Musikfestival in dem großen Innenhof veranstaltet. Vielleicht wird es nur so gelingen, die geheimnisvollen Kräfte in Schach zu halten, die offenbar seit Jahrhunderten gewillt sind, den Traum Maximilians II. und die ruhmreiche Geschichte, die ihn umgibt, zum Vergessen zu verdammen.

Die Mythen aber, die um den Ort Ohne Namen kreisen, sind keine Erfindung der Autoren. Immer wieder tauchen in den Wiener Zeitungen Zeugnisse auf, die über Gespenster im Neugebäude und über die alchemistischen Experimente Rudolfs II. berichten, von denen Simonis erzählt. So zum Beispiel im Neuen Wiener Tageblatt vom 4. April 1940, S. 6 («Ein Besuch in Wiens Gespensterschloß»), und in der Volkszeitung vom 28. Januar 1940, S. 7, oder der Neuen Freien Presse vom 7. September 1937, S. 6. Vorfalle, bei denen Gespenster die Soldaten der Nachtwache erschreckten, als das Schloss ein Militärdepot war, wurden bis ins 19. Jahrhundert gemeldet. Die Bewohner der umliegenden Simmeringer Haide haben das Neugebäude aus Angst vor unliebsamen Begegnungen mindestens bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts gemieden.

Und der Elefant? Es ist bekannt, dass Maximilian II. tatsächlich einen Elefanten von Spanien nach Wien bringen ließ. Nach ihm wurde übrigens auch ein berühmtes Gasthaus am Graben benannt (das ist eine der Straßen, die den ältesten Stadtkern Wiens bilden). Das Gasthaus blieb fast dreihundert Jahre lang erhalten und wurde dann leider abgerissen. Es ist also durchaus denkbar, dass der Dickhäuter, wie unser Schornsteinfeger berichtet, an dem Ort aufgenommen wurde, den Maximilian für seine kostbare Menagerie ausgesucht hatte.

EUGEN VON SAVOYEN

Zuerst zu dem Papier des Agas. In den Akten über Eugens Feldzüge wird ein Bericht wiedergegeben, den der Prinz an Karl schrieb (Feldzüge des Prinzen Eugen von Savoyen. Nach den Feld-Acten u. anderen authentischen Quellen hrsg. von der Abtheilung für Kriegsgeschichte desk. k. Kriegs-Archives, Wien 1876-1892, Bd. XIII, Suppl. S. 14, Kap. 7, Wien 11. April 1711):

«Endlich ist der an mich abgeordnete, türkische Aga den 7. dieses Nachmittags ankommen, welchem ich den 9. seine Audienz ertheilt undE. königl. M. copiam des an mich überreichten Schreibens hiermit anlege

Und das Original des Schreibens? Der Leser erwartet natürlich, es als Anlage zu Eugens Brief zu finden. Leser, die die Anhänge mit historischen Dokumenten zu Imprimatur und Secretum kennen, ahnen jedoch bereits: Das Schreiben des Agas fehlt in den Akten. Gewisse Operationen werden immer auf die gleiche Weise durchgeführt, ob es nun darum geht, die Übeltaten eines Papstes zu decken, das Testament eines Königs zu falschen oder Beweise für die Verschwörung gegen einen Kaiser verschwinden zu lassen.

Was stand in diesem Schreiben des Agas, und warum schickte Eugen es an Karl? Eigentlich hätte er Joseph I. davon informieren müssen, es sei denn, es beinhaltete etwas, was Joseph nicht erfahren durfte, worüber Karl hingegen unterrichtet war …

Die Intrige Atto Melanis. Geschickt hatte Abbé Melani den Hinterhalt mit dem gefälschten Brief Eugens von Savoyen eingefädelt. Und er war seinem Ziel schon recht nahe gekommen. Tatsächlich wurde, wie Atto selbst erzählt, ein apokrypher Brief, der Eugen den Plan unterschob, Österreich zu verraten, dem spanischen König Philipp V. überbracht und von diesem an Ludwig XIV. und seinen Minister Torcy weitergeleitet. Der Minister verhinderte dann die Verbreitung des Briefes, was Atto gegenüber dem Schornsteinfeger beklagt. Erst im Mai 1711 (also einen Monat nach den Ereignissen, von denen der Schornsteinfeger erzählt) erfuhr Eugen, soeben in Tournai in Flandern angekommen, von dem Brief, doch es gelang ihm, seine Unschuld zu beweisen. Nachlesen kann man die ganze Geschichte in Eugens Korrespondenz, die sich im Wiener Staatsarchiv befindet. Auch in den Akten über die Feldzüge Eugens wird sie wiedergegeben, und zwar in einem Schreiben, in dem Graf Bergeyck Eugen mitteilt, er habe von Philipp V. den Auftrag erhalten, ihn zu fragen, ob jener verräterische Brief echt sei. Falls ja, möge er mit Eugen verhandeln (Staatsarchiv, Kriegsakten 262, 22.3.1711; Kriegsakten 263, 3. 5.1711); in Eugens empörter Antwort (Staatsarchiv, Große Korrespondenz 93 a, 18. 5.1711); in seinen Briefen an die Königsmutter und Regentin Eleonore Magdalene Theresa sowie an Karl (Feldzüge des Prinzen Eugens XIII, Suppl., S. 32-33,13. und 17. 5.1711), außerdem in einem Brief an Sinzendorf (Staatsarchiv, Große Korrespondenz 73 a, 18. 5.1711). In all diesen Briefen gibt Eugen seiner Bestürzung Ausdruck und legt eine Kopie von Bergeycks Schreiben bei. In ihren Antworten bescheinigen ihm die Regentin, Karl und Sinzendorf, dass er mit der Sache nichts zu tun habe (Staatsarchiv, Große Korrespondenz 90 b, 3. 6.1711; 31. 7.1711; Große Korrespondenz 145, 21. 5.1711).

Attos Analyse der Beziehungen zwischen Eugen, Joseph und Karl spiegelt die historische Realität verblüffend genau wider. Es ist zum Beispiel wahr, dass Eugen, wie Atto behauptet, an Karls Hof mehr Einfluss gewinnen konnte als unter der Regierung des unglücklichen Joseph. Tatsächlich gelang es Eugen, Karl davon zu überzeugen, den Spanischen Erbfolgekrieg alleine fortzusetzen, während die Verbündeten bereits Frieden mit Frankreich geschlossen haben. Später wird Eugen, der immer noch nicht genug vom Krieg hat, sich an die Front der Kämpfe gegen die Türken begeben.

Doch vor allem für den Neid Eugens auf Joseph, von dem Atto Melani erzählt, gibt es zahlreiche Beweise. Es ist eine historische Tatsache, dass Eugen 1702 von der Schlacht um Landau ausgeschlossen wurde, um das Feld für Joseph zu räumen, wie Onno Klopp berichtet (Der Fall des Hauses Stuart, Bd. 11, Wien 1885, S. 196). Es trifft außerdem zu, dass Joseph Eugen nicht gestattete, in Spanien gegen die Franzosen zu kämpfen, obwohl Eugen begründete Hoffnungen hegte, dort Großtaten vollbringen zu können (vgl. Klopp, Fall, a.a.O., Bd. XXIV, S. izff.).

Auch Atto Melanis Betrachtungen über die Persönlichkeit Eugens von Savoyen stimmen mit den historischen Quellen überein. Man darf sich allerdings nicht darüber wundern, dass die offizielle Geschichtsschreibung den dunklen Seiten des großen Heerführers so wenig Raum widmet. In der Flut der Bücher und Aufsätze (bisher wurden über 1800 gezählt), die Eugen in den letzten drei Jahrhunderten feierten, gibt es nicht den kleinsten Hinweis auf das Privatleben des berühmten Feldherren. Das hat einen einfachen Grund: Eugen hinterließ keinen einzigen persönlichen Brief. Seine Korrespondenz behandelt ausschließlich Krieg, Diplomatie und Politik. Auch in den Archiven berühmter Zeitgenossen, die mit ihm korrespondierten, findet man keine Spur privater Mitteilungen. Eine persönliche, intime Seite hat es in Eugens Leben scheinbar nicht gegeben. Einzig das eiserne Antlitz des Soldaten, Diplomaten und Staatsmanns ist uns überliefert. Eine geradezu unmenschliche Heldengestalt, die Gefühlen, Schwächen oder Zweifeln nicht den geringsten Raum lässt.

Frauen? Keine scheint diesen kriegslüsternen Monolithen je angerührt zu haben. Eugen, der einer der reichsten und angesehensten Männer seiner Zeit war, mithin auch eine begehrte Partie gewesen sein musste, war nie verheiratet. Zwar werden einige Frauen mit ihm in Zusammenhang gebracht, allen voran die Gräfin Eleonore Batthyany, die etwa ab 1715 als seine «offizielle Geliebte» galt. Doch auch dem, was von ihrem Briefwechsel mit Eugen erhalten ist, lässt sich kein Hinweis auf eine intime Beziehung entnehmen. Vielleicht war das weibliche Geschlecht Eugen eher nützlich als angenehm: Es scheint belegt zu sein, dass er, wie der Schornsteinfeger im Dezember 1720 schreibt, die Gräfin Pálffy, Josephs junge Geliebte, in der Himmelpfortgasse (also in der Nähe seines eigenen Palais) unterbrachte, um sie kontrollieren und ausnützen zu können (vgl. Max Braubach, Prinz Eugen von Savqyen, Wien 1964, Bd. 3, S. 21 f.).

Gewiss ist dagegen, dass Eugens französische Kindheit und Jugend ungeordnet verlief, dass er wenig Erziehung genoss, ja, vernachlässigt aufwuchs. Der englische Historiker Nicholas Henderson schreibt: «Fest steht, dass es in Eugens früher Jugend Schattenseiten gab. Er hatte Umgang mit einer kleinen Gruppe Effeminierter, zu der verkommene Subjekte wie der junge Abbé De Choisy gehörten, der immer in Mädchenkleidern herumlief, gelegentlich aber auch extravagante Ohrringe und Perücken für reife Frauen trug» (N. Henderson, Prince Eugen of Savoy, London 1964, S. 21). Aus Briefen der Schwägerin Ludwigs XIV, Liselotte von der Pfalz, der Gräfin von Orléans, geht hervor, dass die homosexuellen Abenteuer Eugens, von denen Atto Melani spricht, in diese Zeit fallen. Liselotte kannte Eugen schon persönlich, als er noch in Paris lebte. Ihrer Tante, der Kurfurstin Sophie von Hannover, erzählt sie, dass Eugen Spitznamen trug wie Simone oder Madame l’Ancienne; dass der junge Savoyer in Beziehungen zu Gleichaltrigen als «die Dame agierte»; dass er bei seinen erotischen Streifzügen vom Prinzen De Turenne begleitet wurde; dass die beiden als «zwei gemeine Huren» galten; dass Eugen sich niemals um eine Dame bemüht habe, da ihm «ein paar schöne Pagen» lieber waren; dass die kirchliche Laufbahn, die er gerne eingeschlagen hätte, ihm wegen seiner «Entartung» verweigert wurde und dass er die «Kunst», die er in Paris gelernt hatte, vielleicht nur in Deutschland vergessen würde.

Obwohl sein umfangreiches Werk über das Leben und die Taten des großen Heerführers fünf Bände umfasst, widmet Max Braubach, Eugens wichtigster Biograph, Liselottes Briefen wenig Raum. Ein anderer Historiker, Helmut Oehler, gibt die heiklen Ausdrücke aus diesen Briefen wieder, begründet sie jedoch ausschließlich mit Liselottes persönlichem Ressentiment gegen Eugen: Zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Briefe (1708-1710) widersetzte der italienische Feldherr sich dem Frieden zwischen den europäischen Mächten und Frankreich, ein Frieden, den Liselotte jedoch – angesichts der dramatischen Notlage, in der Ludwig XIV. sich befand – inbrünstig ersehnte. In Wirklichkeit verhält es sich ein wenig anders: Liselotte schreibt noch Jahre nach dem Ende des Krieges sehr deutlich über Eugens Homosexualität.

Es drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass Oehler selbst nicht ganz unparteiisch ist. Wenn er nämlich von einem anderen Kritiker Eugens berichtet, dem holländischen Grafen De Mérode-Westerloo, der einige ätzende Bemerkungen über den Heerführer gemacht hat, spricht er eine deutlich andere Sprache und bezeichnet De Mérode-Westerloo als «Besserwisser», «Scharlatan», «Salonschwätzer», «Parasit», «verwerfliches Individuum», das «ein nutzloses Leben führte» und dessen Memoiren von nichts anderem als von «Altersdemenz» zeugten. Schließlich erklärt Oehler sogar, er habe einige Passagen aus den Memoiren des holländischen Diplomaten absichtlich verschwiegen, da es eine «ekelhafte» Aufgabe sei, die «Dummheiten» von Mérode-Westerloo zu verbreiten.

Im Grunde ist es nicht verwunderlich, dass im Fall Eugen von Savoyen die rühmende Geschichtsschreibung überwiegt. In der Biographie eines Kriegshelden darf es keinen Makel geben, am allerwenigsten den der sexuellen Abweichung. Die Figur des mustergültigen Generals, die nach einem Idealbild geformt wurde, erfreute sich nicht zufällig während der Nazizeit besonderer Beliebtheit, zum Beispiel in der von Viktor Bibl verfassten Biographie Eugens: Prinz Eugen. Ein Heldenleben, Wien/Leipzig 1941, die er «der Wehrmacht des Großdeutschen Reiches» widmete.

Der erste der Briefe, in denen Liselotte von Eugens Homosexualität spricht, ist abgedruckt bei Wilhelm Ludwig Holland (Hg.), Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans, Stuttgart 1867, in: Bibliothek des Litterarischen [sic] Vereins in Stuttgart, Band CXLIV, S. 316:

An Madame Louise, Gräfin von der Pfalz – Frankfurt

St. Clou, den 30. Oktober 1720

/ … 7 Printz Eugen hette ich woll in dem contrefait nicht gekandt, den wie er hir war, hatte er eine kurze aufgestutzte Naß, undt in dem kupfferstück macht man ihm eine lange spitze Naß; er hatte die Naß so aufgestuzt, dass er den mund immer offen hatte, undt die 2 große forderste zähn sähe man gantz bloß. Ich kene ihn gar woll, habe ihn offt geplagt, wie er noch ein kindt; da hat man gewollt, dass er geistlich werden solte, war wie ein abbé gekleydt. Ich habe ihn doch allezeit versichert, daß er es nicht bleiben würde, wie auch geschehen. Wie er den geistlichen habit quittirte, hießen ihn die junge leütte nur madame Simone undt madame Cansiene; den man pretentirte, dass er offt bey den jungen kütten die dame agierte. Da segt Ihr woll, liebe Louise, dass ich den prince Eugene gar wollkene; ich habe seine gantze famille gekandt, herr vatter, fraw mutter, brüder, Schwestern, oncle undt tanten, ist mir also gantz und gar nicht unbekandt, aber eine lange spitze Naße kann er ohnmöglich bekamen haben.

Ein anderer Passus (Brief Liselottes vom 9. Juni 1708 an die Tante) wird zitiert bei Helmut Oehler, Prinz Eugen im Urteil Europas, München 1944, S. 108:

Der Prinz Eugen hat zuviel Verstand, umb E. L. nicht admiriert zu haben. Weilen E. L. ja die rechte Ursach wissen wollen, worumb man Prinz Eugène mad. Simone und mad. Lansiene geheißen sowohl als den Prinz de Turenne, so war es, weilen zwei gar gemeine Huren met Verlöffso geheißen und man prätendierte, dass diese zwei auch darzu gebraucht worden und allezeit à tout venant beau gaben und die Damen agierten; Prinz Eugène mag vielleicht in Teutschland diese Kunst verlernt haben.

Aus einem anderen Brief von 1710 (Oehler, Prinz Eugen, a.a.O., S. 109):

Er incommodiert sich nicht mit Damen, ein paar schöne Pagen wären besser sein Sach.

Aus einem Brief von 1712 (Oehler, ebd.):

Wenn Tapferkeit und Verstand ein Hero machen, so ist Prinz Eugen gewiss ein Held, gehören aber mehr Tugenden dazu, mögte es wohl hapern. Wie er dame Simone, und dame Lansiene war, sähe man ihn nur vor ein petite salope an, [er] begehrte auch damals nur 2000 Taler auf ein bénéfice, das wurde ihm wegen seiner abscheulichen débauche abgeschlagen; drumb ging er weg nach dem Kaiserlichen Hof, wo er seine fortune gemacht.

Auch die anderen Informationen, die Atto über die Homosexualität am französischen Königshof liefert, sind sämtlich belegt und nachzulesen bei Didier Godard, Le goût de Monsieur – L’homosexualité masculine au XVII’ siècle, Paris 2002, und bei Claude Pasteur, Le beau vice, ou les homosexuels à la cour de France, Paris 1999.

Die Beschreibung von Eugens Palais in der Himmelpfortgasse, wo die ehemalige Residenz des Prinzen heute das österreichische Finanzministerium beherbergt, ist in allen Teilen authentisch, einschließlich der Unterbringung der geplanten Bibliothek im ersten Stockwerk. In diesen Räumen befand sich die umfangreiche Büchersammlung des Prinzen, die dann in die Kaiserliche Bibliothek und später in die Wiener Nationalbibliothek eingeflossen ist.

JOSEPH DER SIEGHAFTE

Die Schilderungen der Belagerungen von Landau unter Josephs Führung sind in allen Einzelheiten verbürgt, einschließlich der Geschichte der Münzen, die der französische Kommandant Melac aus seinem Silbergeschirr prägen ließ (vgl. G. Heuser, Die Belagerungen von Landau [2 Bde.], 1894-1896).

Die Prozession, die Peniceks Kutsche am Nachmittag des vierten Tages zum Ausweichen zwingt, hat wirklich stattgefunden. In dem bereits erwähnten Band über den Tod Josephs I. (Umständliche Beschreibung S. 6) findet sich die Liste der Orden und Bruderschaften, die am Vierzigstundengebet teilnahmen: Tatsächlich strömten am 12. April kurz nach 16 Uhr die Oratorianerpatres, die Bruderschaft der unbefleckten Empfängnis und die Zunft der Messerschmiede in den Stephansdom, denn sie waren zwischen 16 und 17 Uhr mit dem Gebet an der Reihe.

Den Namen des kaiserlichen Protomedikus von Hertod bestätigt die oben zitierte Umständliche Beschreibung, die in aller Ausführlichkeit über Josephs Sterben und die lange Trauerzeremonie berichtet.

Die Ausstattung des Sarges stimmt in allen Details mit der Beschreibung in: Apparatus Funebrisquem J0SEPH II. Gloriosissim. Memoriae … , Wien 1711, überein.

Völlig zu Recht behauptet Atto Melani, dass die Jesuiten zu den Feinden Josephs I. zählten. Die Nachricht von der Vertreibung des Jesuiten Wiedemann durch den jungen Kaiser, auf die der Schornsteinfeger bei der Lektüre der Schriften über Joseph stößt, entspricht den Tatsachen (vgl. Eduard Winter, Frühaufklärung, Ost-Berlin 1966, S. 177). Keine der Lobeshymnen und Gazetten, aus denen der Erzähler zitiert, ist erfunden: Leser, die sich in der Geschichte periodischer Druckerzeugnisse auskennen, werden zum Beispiel den berühmten Englischen Wahrsager wiedererkannt haben, jenen Kalender, in dem der Schornsteinfeger die düstere Prophezeiung für das Jahr 1711 findet.

Auch die Sonnenaufgänge mit einer auffallend blutig roten Sonne sind keine Erfindung: Davon berichtet Graf Sigmund Friedrich Khevenhüller-Metsch, und sein Zeugnis wird wiedergegeben im Tagebuch des Fürsten Johann Josef KhevenhüUer-Metsch: Aus der Zeit Maria Theresias. Tagebuch 1742-1776, Wien/Leipzig 1907, S. 71:

Diesen «kläglichen Todfall nicht allein der englische Wahrsager in seinem Kalender vorgesagt, sondern solchen auch die Sonne selbst durch ihren von einiger Zeit her vermerkten roten oder blutigen Aufgang prognostiziert hat

Ein sonderbares Phänomen, das vielleicht zufällig an eine Begebenheit in Russland 1936 erinnert und am Anfang des Films Burned by the Sun von Nikita Mikhalkov über einen Fall stalinistischer Säuberung auftaucht.

Wie der Schornsteinfeger erzählt, wurde der Englische Wahrsager den Verkäufern offenbar wirklich aus den Händen gerissen, nachdem er Josephs Tod richtig vorhergesagt hatte. Nach den noch heute erhaltenen Exemplaren zu urteilen, war er bis zum Ende des 18. Jahrhunderts weit stärker verbreitet als andere Almanache.

Wahr ist auch die Geschichte, die Atto Melani erzählt, dass der Verräter Raueskoet König Ludwig XIV. vorschlug, Joseph zu entführen, was Ludwig XIV. ablehnte (vgl. Charles W. Ingrao, Josef I., der «vergessene Kaiser», Graz/Wien/Köln 1982, S. 243, Nr. 98, und: Philipp Röder von Diersburg, Freiherr, Kriegs- und Staatsschriften des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden über den spanischen Erbfolgekrieg aus den Archiven von Karlsruhe, Wien und Paris, Karlsruhe 1850, Bd. 3, S. 97).

DIE ZENSIERTE BIOGRAPHIE UND KARLS GEHEIMNISSE

Eugens Neid, die Rivalität Karls – warum hat kein Historiker je über die Feindseligkeit gegen Joseph den Sieghaften geforscht? Musste er für den in Landau erworbenen Ruhm teuer bezahlen, wie Atto Melani seinem Freund, dem Schornsteinfeger, erzählt?

Nach Susanne und Theophil Antonicek (Drei Dokumente zu Musik und Theater unter Kaiser Joseph I., in: «Festschrift Othmar Wessely zum 60. Geburtstag», Tutzing 1966, S. 11-12) entbrannte noch zu Lebzeiten Josephs zwischen dem jungen Kaiser und seinem Bruder (sowie zwischen ihren Ratgebern) ein heimlich schwelender Krieg um die Musik: Karl warf dem Bruder recht unverhüllt Verschwendung vor. Nach Josephs Tod wurde sein Oberintendant für Musik, Scipione Publicóla di Santa Croce, gezwungen, über die Ausgaben während seiner Amtszeit Rechenschaft abzulegen, und viele Lieblingsmusiker des verstorbenen Kaisers (darunter Santa Croce selbst) wurden entlassen. Doch nach der Säuberung lockerte sich das von Karl erzwungene Sparregime schon bald, und die goldene Zeit für die Hofmusik setzte sich so fort, wie sie unter Joseph begonnen hatte.

Immer hatten Eifersucht und Zwietracht zwischen den beiden Brüdern geherrscht. Und wahrscheinlich war Joseph auch von anderen ihm feindlich gesinnten Personen umgeben. Dennoch hätten Historiker von seinen großen Siegen in Landau berichten müssen und die Nachkommen nicht nur über den Ruhm, den der junge Kaiser sich dort erwarb, sondern auch über den heimlichen Groll aufklären müssen, den er in den Männern aus seinem Umkreis weckte. Ein solches Werk hätte vielleicht dem Vergessen gewehrt, das sich später über das tragische Antlitz Josephs senkte.

Nun, dieses Werk ist geschrieben worden, und es hat wahrhaft monumentale Ausmaße: 12 große handgeschriebene Bände. Das Schicksal oder, besser, Kaiser Karl VI., Josephs Bruder, hat es jedoch dazu verdammt, ungedruckt in einem Archiv begraben zu bleiben. Rekonstruiert man seine Entstehung, wie wir es getan haben, versteht man besser, wie bestimmte Fäden der Geschichte, die in lang zurückliegenden Zeiten gezogen wurden, bis heute wirksam bleiben können.

Wien, im Frühling 1738. Siebenundzwanzig Jahre sind seit Josephs Tod vergangen, zwei Jahre zuvor starb Eugen. Auf dem Kaiserthron sitzt Karl, Josephs Bruder. Gottfried Philipp Spannagel, ein gebildeter Homme de Lettres, schreibt eine Reihe dringender Briefe an eine adelige Dame, die Gräfin von Clenck (Wiener Nationalbibliothek, Handschriftensammlung, Manuskript Cod. 8434). Spannagel ist Oberintendant der kaiserlichen Bibliothek, eine Anstellung, die er dank seiner großen Gelehrtheit auf juristischem und genealogischem Gebiet sowie als Historiker erhalten hat. Er hat mehrere Jahre in Italien verbracht, schreibt flüssig nicht nur auf Latein, Deutsch und Französisch, sondern auch auf Italienisch. Elf Jahre zuvor, 1727, hat er den Posten eines Historikers bei Hofe und dann den des deutschen Custos der kaiserlichen Bibliothek bekleidet. Darüber hinaus hat Spannagel eine besonders heikle Aufgabe versehen: Zwei Jahre lang hat er der Erzherzogin Maria Theresia, Karls Tochter, Unterricht in Geschichte erteilt. Dank der Pragmatischen Sanktion, von der auch der Schornsteinfeger erzählt, wird sie ihrem Vater auf den Thron folgen und damit das natürliche Erbfolgerecht der Töchter Josephs übergehen. Maria Theresia, die weitaus tugendhafter veranlagt ist als ihr Vater, wird als große Reformatorin der österreichischen Monarchie in die Geschichte eingehen. Spannagel, der Gelehrte und Erzieher der Kaiserlichen Familie, schreibt an die Gräfin von Clenck, um sie zu bitten, eine persönliche Begegnung mit Karl für ihn zu erwirken. Die Gräfin scheint nämlich ausgezeichnete Kontakte zum Kaiser und zu seiner Gemahlin zu haben. Spannagel vollendet gerade ein beeindruckendes historisches Werk in 12 Bänden, für das er den Kaiser interessieren möchte. Die Arbeit ist in Italienisch verfasst, der Sprache, die ihrem Verfasser lieb und teuer ist. Der Titel lautet: Della vita e del regno di Josefo il vittorioso, Re et Imperadore dei Romani, Re di Ungheria e di Boemia e Arciduca d’Austria (Über Leben und Regierung Josephs des Sieghaften, König und Kaiser der Deutschen, König von Ungarn und Böhmen und Erzherzog von Osterreich, Wiener Nationalbibliothek, Handschriftensammlung Cod. 8431-8435 und 7713-7722). Es ist die erste Biographie Josephs, die seine heroischen Taten eingehend beschreibt und in den großen historischen Rahmen von seiner Kindheit bis zu seinem Tod einbettet. Für eine Veröffentlichung wird nicht nur die Erlaubnis, sondern auch die finanzielle Unterstützung des Kaisers benötigt. Also bittet Spannagel die Gräfin von Clenck immer wieder um eine Unterredung mit Karl oder wenigstens eine Empfehlung bei seiner Gemahlin. Doch ein Jahr vergeht, und im Frühling 1535 wartet der Bibliothekar noch immer auf ein Zeichen, dass die für eine Veröffentlichung seiner gewaltigen Arbeit unerlässliche Zustimmung von oben erfolgt ist. Von der Gräfin ist nur ein Billett erhalten, in dem die Dame Spannagel mit unverbindlichen Floskeln beruhigt und ein Treffen vereinbart, um ihm die langersehnte Antwort zu überbringen. Wie diese aussah, verraten uns die Tatsachen.

Della vita e del regno di Josefo il vittorioso ist das bewegende Zeugnis eines aufrichtigen Bewunderers, der Joseph I. in dem angehängten Briefwechsel (Cod. 8434, Karten 272 ff.) mehrmals als «mein Held» anspricht. Ohne je in die Apologie zu verfallen, bietet Spannagels Biographie ein lebendiges Porträt und hebt die geistigen, moralischen und soldatischen Tugenden ihrer Figur glaubwürdig hervor. Drei Episoden werden besonders sorgfältig ausgelotet: die beiden siegreichen Belagerungen Landaus von 1702 und 1704 und die versäumte Teilnahme an den Kämpfen von 1703, bei denen die bayrische Festung von den Franzosen zurückerobert wurde, wie Atto Melani erzählt.

Spannagel fragt sich: Warum konnte Joseph nicht am Feldzug 1703 teilnehmen? Die Antwort ist ein heißes Eisen: Es gab im Kaiserhof Personen, die wollten, dass er zu Hause blieb, und das nicht aus gutgemeinter Sorge. Die offiziellen Begründungen für die Ablehnung (vgl. Cod. 7713, S. 105 = Karte 239 recto und folgende) waren natürlich «der Mangel an notwendiger Ausrüstung» und «das Ungenügen der Staatsfinanzen», außerdem «die beträchtliche Anzahl der Feinde» und «der Überfluss, in welchem sie alles zur guten Kriegsführung Notwendige besaßen». Aber das reicht zur Erklärung nicht aus, sagt Spannagel. Man müsse prüfen, ob die Männer, die auf der kaiserlichen Seite über politische und militärische Angelegenheiten entschieden, wirklich ihr Bestes taten. Freilich ist ihm bewusst, dass «die so beschaffene Untersuchung und Vergleichung ein kühnes, unangenehmes und mühevolles Unterfangen ist», denn sie bedeutet auch, «eine genaue Erkundung der Absichten, der Seelen und der Herzen, welche hundert und aberhundert unerforschliche Umwege kennen». Diese seien so unerforschlich, dass ehrliche Freunde Josephs Zweifel hegten, «ob seine Gegner dem Kaiser und dem Römischen König wirklich mit der allergrößten Treue gedient haben, und ob nicht ohne diesen Missstand viele Schwierigkeiten und viel Unglück hätten vermieden werden können».

Jemand hat also betrogen oder zumindest seine Pflicht nicht zur Genüge getan. Warum? Vor allem, weil es an «einer vollendeten Harmonie» zwischen Joseph und den Ministern seines Vaters mangelte, außerdem wegen «einer gewissen Art von Neid», der die Minister um Leopold bewog, «misstrauisch zu sein gegenüber jenen der aufgehenden Sonne», also den Ministern Josephs. Letztere waren jedoch überzeugt, dass die einzige Möglichkeit, «das Haus Osterreich vor dem endgültigen Untergange zu retten», darin bestehe, dass «der Römische König große und seinen glänzenden Talenten angemessene Dinge ins Werk setzen kann». Wenn die Verhältnisse sich ändern sollten, musste ein entschiedener Kurswechsel in der Führung des Landes erfolgen, daher war es nötig, dass Josephs Stern endlich wirklich erstrahlte, und zwar so, wie er bei der Einnahme Landaus 1702 zu strahlen begonnen hatte.

Spannagel, dessen Geburtsjahr nicht bekannt ist, der aber wahrscheinlich 1749 starb (Ig. Fr. V. Mosler, Geschichte der k. k. Hqßihliothek zu Wien, Wien 1835, S. 148), war ein Zeitgenosse Josephs I. Als Zeitzeuge der meisten Ereignisse, von denen er berichtet, hätte er sie auch nach dem Hörensagen schildern oder mündliche Zeugnisse zitieren können. Doch mit äußerster Gewissenhaftigkeit zitiert er (Cod. 7713, S. 124-126; Anhang zum 5. Buch – Brief Z) urkundliche Quellen, die ihm der Kanzler selbst geliefert hat: Briefe, die Fürst Salm, Josephs alter Erzieher, in den ersten Monaten des Jahres 1703 an Graf Sinzendorf richtet. Hier wird offen von den «schlechten Plänen dieser Regierung» gesprochen, man verweist auf die «äußerste Dringlichkeit» eines Wechsels der Minister und darauf, wie wichtig es sei, sie durch «fähige, integre und glaubwürdige Personen» zu ersetzen, «welche die Verhältnisse ändern und dem Missbrauch ein Ende machen können». Salm fügt in klaren Worten hinzu: «In Anbetracht der Bösartigkeit der jetzigen Regierung gegenüber dem Römischen König, kann ich, und das sage ich Euch ganz offen, nicht dazu raten, dass der König sich in die Kampagne begibt.»

Es stimmt also, dass Joseph, wie der Erzieher der Familie Karls VI. sagt, ein Opfer «schlechter Pläne» oder, besser, des Neides, wurde. Darum wurde ihm verwehrt, 1703 in den Krieg zu ziehen, sich also erneut Ruhm zu erwerben.

Karl missfällt die Biographie von «Joseph dem Sieghaften, König und Kaiser der Römer, König von Ungarn und Böhmen und Erzherzog von Österreich». Schon bald werden Verhandlungen geführt: Karl lässt Spannagel durch seinen Kanzler Kürzungen vorschlagen (Cod. 8434, Karten 280-286), und zwar vor allem an dem Teil, der die Gründe anführt, warum Joseph gehindert wurde, sich während der Kampagne von 1703 persönlich an die Front zu begeben. Spannagel konnte diese Geschichte nicht zuletzt dank der vom Kanzler selbst gelieferten Dokumente rekonstruieren, die er im Anhang wiedergibt. Mutig lehnt er gegen den Widerstand seines Kaisers Kürzungen ab, weil sie die Vollständigkeit seines Werkes gefährden würden. Ratschläge werde er erst dann befolgen, wenn seine Arbeit abgeschlossen ist.

Doch der Kaiser stört sich noch an anderen Details. Der Historiker muss sich entschuldigen, weil er die Erziehung Karls «missverständlich» beschrieben hat (Cod. 8434, Karten 297 recto – 298 verso und 292 recto). Zwar trifft die Anschuldigung, er habe sie «bescheiden» genannt, nicht zu, doch der Passus wird sofort korrigiert. Und bei der Gelegenheit erinnert Spannagel daran, dass er immer noch auf die Dokumente wartet, die er erbeten hatte, um die Jugend des derzeitigen Kaisers besser beschreiben zu können.

Vielleicht ist Spannagel zu kühn, brennt zu sehr darauf, unbequeme Themen zu behandeln, und vielleicht hat er tatsächlich unwillentlich Majestätsbeleidigung begangen. Der Keim des Neides bleibt stets fruchtbar: Es endet damit, dass der Historiker vom Kaiser nie empfangen wird und seine Biographie unveröffentlicht bleibt. Das Manuskript wartet immer noch auf einen Verleger; vielleicht wird sich eines Tages in Italien jemand des italienischen Textes annehmen.

Spannagel beginnt, auf Latein auch eine Geschichte der Regierungszeit Karls zu schreiben, vielleicht um dem Kaiser gefällig zu sein. Doch das Werk bleibt unvollendet, und die Anzahl der Seiten, die Josephs Bruder gewidmet sind (vgl. Susanne Pum, Die Biographie Karls VI. Von Gottfried Philipp Spannagel. Ihr Wert als Geschichtsquelle, unveröffentlichte Dissertation, Wien 1980), ist lächerlich gering. Der Historiker, der Joseph geliebt hatte, kann Karl schwerlich schätzen.

Die Zensurtätigkeit des Nachfolgers von Joseph dem Sieghaften war damit nicht beendet. Schon 1715, vier Jahre nach Josephs Tod, hatte Karl einen ungewöhnlichen Schritt getan: Er beauftragte zwei Hofbeamte mit der Durchsicht der gesamten Korrespondenz seines Vaters Leopold und seines verstorbenen Bruders, die in den Schreibtischen und Möbeln aufbewahrt war. Die sorgfältige Untersuchung dauerte fast vier Monate (vom 28. Januar bis zum 20. April und vom 26. August bis zum 19. September).

Als er schließlich die Liste aller Dokumente in der Hand hält, befiehlt Karl, den größten Teil davon zu verbrennen. Seite für Seite notiert er persönlich, welche Papiere der Nachwelt nicht erhalten bleiben dürfen: an erster Stelle alles, was von persönlichem und familiärem Interesse ist. Im Wiener Staatsarchiv wird noch das akkurate Protokoll der Sichtung mit Karls Anmerkungen aufbewahrt (Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Familienakten, Karton 105, Nr. 239). Unter den privaten Papieren Josephs, die von den Beamten aufgelistet wurden, fällt die große Anzahl an Briefen und Memoiren auf, die Landau betreffen: Man erkennt ictu oculi, wie wichtig dem jungen Heerführer der zweifache Triumph in Bayern gewesen war. Zu den verbrannten Papieren gehörten Dutzende von Briefen, die zwischen Joseph und Karl, zwischen den Brüdern und dem Vater sowie zwischen ihren Gemahlinnen hin- und hergingen, außerdem sehr viele andere Schreiben ohne Angabe des Inhalts. Bei der persönlichen Korrespondenz findet sich am Rand sogar die Bemerkung: «Verbrennen, so nichts was ins Publicum einläuft.»

Warum blieb eine so große Menge an Dokumenten vier Jahre lang unbeachtet? (Dies ist umso merkwürdiger, als in dem Protokoll sogar die Existenz von Juwelen zwischen den hinterlassenen Briefen erwähnt wird.) Welche geheimnisvolle Kraft hat Karl bewogen, so viele kostbare familiäre Erinnerungen zu zerstören? Verbarg sich in diesen Briefen die Wahrheit über die Beziehung zwischen den beiden Brüdern? Oder womöglich verräterische Informationen über Josephs Tod? Die von Karl angeordnete Verbrennung macht eine Antwort für immer unmöglich.

ATTO MELANI

Die Nachricht von der Ankunft eines gewissen Milani Anfang April in Wien, die der Schornsteinfeger in seiner Erzählung staunend der Zeitung entnimmt, ist keineswegs erfunden. Auf der Seite 4 schreibt das Wiennerische Diarium vom 8.-10. April 1711: «Schottenthor … Herr Milan /kayserl. Postmeister /komt auß Italien /gehet ins Posthauß.» Jeder kann dies in der Wiener Nationalbibliothek oder in der städtischen Bibliothek im Rathaus nachkontrollieren, ebenso wie alle anderen Zitate aus den damaligen Zeitungen.

Durch einen sonderbaren Zufall wurden Atto Melani und Joseph I. beide in einer Kirche der Barfüßigen Augustiner bestattet: In Wien ist es die Augustinerkirche, in Paris die Kirche der Barfüßigen Augustiner Nôtre Dame des Victoires. Das Grabmal Attos in Paris (ein Werk des Florentiners Rastrelli, wie der Schornsteinfeger korrekt berichtet) kann nicht mehr besichtigt werden, wahrscheinlich wurde es während der Revolution von 1789 zerstört. Melanis sterbliche Überreste sind also für immer verloren, vielleicht wurden sie während der revolutionären Wirren in die Seine geworfen, wie die vieler königlicher Häupter Frankreichs, einschließlich der Leichname von Mazarin und Richelieu. In Pistoia, in der Kapelle Melani im Inneren der Kirche San Domenico, kann man jedoch eine Kopie des Grabmals sehen. Auf dem Kenotaph in Pistoia befindet sich das einzige Porträt von Atto Melani, das noch erhalten ist, obwohl es viele gegeben hat: eine Büste in den Gewändern eines Abbés, der Blick stolz, auf dem Kinn ein freches Grübchen. Die Autoren haben es zum ersten Mal in dem von ihnen herausgegebenen Band I segreti dei conclavi, Amsterdam 2004, publiziert (dt.: Die Geheimnisse der Konklaven, Stuttgart 2005).

Alle Einzelheiten der Beziehung Attos zu seinen Verwandten (einschließlich des Versands von kandierten Orangen und Mortadella), seine Alterszipperlein, seine Neigung, sich ausfuhrlich über sein Hämorrhoidenleiden zu ergehen, die Umstände seines Todes, die Kontakte zu Madame Konnetabel, der Bericht über die große Hungersnot 1709 in Frankreich und die Finanzkrise von 1713, die letzten Worte auf dem Sterbebett, das Begräbnis und viele andere Details werden von seinen Briefen bestätigt, die sich im Staatsarchiv in Florenz (Fondo Mediceo del Principato 4812, Briefe an den Großherzog der Toskana und an seinen Sekretär, den Abbé Gondi) sowie in der Biblioteca Marucelliana (Manuskripte Melani, 9 Bde., Briefe an die Verwandten in der Toskana) befinden. Zu der Beziehung zwischen Atto Melani und Madame Konnetabel Maria Mancini Colonna siehe die historischen Anmerkungen im Anhang von Monaldi & Sorti, Secretum, Berlin 2005, wo viele Passagen aus Melanis Briefen zum ersten Mal veröffentlicht werden.

Aus Attos Korrespondenz erfahrt man auch, dass er 1711 tatsächlich immer noch zu den Mitarbeitern Torcys gehörte, des mächtigen Premierministers Ludwigs XIV., wie Atto am dritten Tag stolz erzählt. Doch in den Briefen, die während jener Jahre von Frankreich in die Toskana geschickt werden, scheint die Wahrheit hervor: Attos Meinungen fanden am französischen Hof kein Gehör mehr. Angesichts seines fortgeschrittenen Alters ist das nicht verwunderlich. In einem Brief aus Paris vom 23. Februar 1711 an Gondi gibt Atto zum Beispiel zu, dass er nach Versailles gefahren, von Torcy aber nicht empfangen worden sei.

Der Wahrheit entspricht auch, dass Atto trotz seines hohen Alters den Wunsch hegte, sein Leben in der Toskana zu beschließen (vgl. die Anmerkungen in Secretum, a. a. O.). Am 17. Dezember 1713, achtzehn Tage vor seinem Tod, schreibt er:

«Ich habe nunmehr den Entschluss gefasst, mich nach Versailles zu begeben, um den König zu bitten, mir Permiss zu gewähren, dass ich zwei Jahre in der Toskana verbringe, wo ich erkunden will, ob die heimische Lufl meine Kräfte und, was mir noch mehr am Herzen liegt, mein Sehvermögen, wiederherstellt; denn sintemal ich nicht mehr eigenhändig schreiben kann, sehe ich mich untauglich geworden für meinen Dienst an Ihm Majestät und seinen Ministern; und dies umso mehr, als die Älteren unter ihnen, wie M.r di Lione, Tellier und Pompone, mit welchen ich in sehr vertrauten Verhältnissen stand, nicht mehr sind, indessen sie mir einst als Fürsprecher beim König dienten, wohingegen jetzt, wenn ich nicht persönlich gehe, mit ihm zu sprechen, niemand Sorge trägt, es für mich zu tun. Zwar könnte ich hoffen, es möge Monsieur Le Marquis de Torcy sein, der mich begünstigt, allein er ist so misstrauisch, dass ich ihn noch nicht dazu bewegen konnte, M. de Maretz ein Schreiben von mir zu präsentieren, damit mir meine Pension ausgezahlt werde

Im Übrigen galt Atto auch in Florenz nicht mehr viel. Am 30. März desselben Jahres schreibt Gondi an den Großherzog der Toskana:

«[AbbéMeloni] erkühnt sich, mir seine Meinung mitzuteilen … im Glauben, ich hätte den Wunsch, über dieselbe aufgeklärt zu werden

Gondi lässt ihn gewähren, freilich nur, um Attos Verwandte in der Toskana nicht zu verärgern.

Aus dem Briefwechsel innerhalb der Familie erfahrt man, dass Atto am 12. April 1711 jene Kolik erlitt, von der der Schornsteinfeger erzählt. Auch die vorgetäuschte Blindheit, die er vor allem ins Feld führt, damit er die Bitten seiner Verwandten um Gefälligkeiten abwehren kann, ist durch die Briefe nachgewiesen, die er in jenen Jahren aus Paris in die Toskana schickt. Am 23. März 1711 schreibt er an Gondi:

«Meine Gesundheit schwankt fortwährend aufgrund der häufigen Wechsel des Wetters, welche wir hier erleben, jedoch weitaus mehr noch wegen meines hohen Alters, wobei man bedenken muss, dass ich zwar nicht mehr lesen und eigenhändig schreiben kann, Gott mir aber die unendliche Güte gewährt, mir meinen Geist zu erhalten, mit 85 Jahren, welche am 30. dieses Monats vollendet sein werden

Der Verlust des Augenlichts, der 1711 angeblich schon weit vorangeschritten war, beginnt erst zwei Jahre später: Am 6. Februar 1713, als er wirklich nicht mehr sehen kann, schreibt Atto an Luigi Melani, Domenicos Bruder: «Und als letztes Ungemach kann ich nun auch nicht mehr lesen und schreiben. Und doch hat mein Freund Monsieur de la Haye seine Sehkraft noch mit 80 Jahren wiedererlangt!» Von Gedächtnisschwund geplagt, wie alle alten Menschen, hatte Abbé Melani vergessen, dass er schon seit langer Zeit den Blinden spielte …

CAMILLA DE’ ROSSI

Im Viertel Trastevere in Rom lebte tatsächlich eine gewisse Camilla de’ Rossi, eine Ladenbesitzerin, deren Namen Franz de’ Rossi seiner Frau verlieh. Ihr Testament ist noch erhalten (Archivio capitolino di Roma, 6. Dezember 1708, Akten des Notars Francesco Madesciro).

Franz de’ Rossi war, wie die Chormeisterin erzählt, ein Musiker am Wiener Hof und starb tatsächlich im Alter von 40 Jahren am 7. November 1703 im Niffischen Hause, einem Mietshaus in der Stadtmitte, an der Lunglsucht. Im Wiener Stadt- und Landesarchiv wird das Totenbeschauprotokoll mit der Feststellung des Todes eines Franz de Rossy aufbewahrt, gemäß der üblichen Schreibweise ausländischer Namen in behördlichen Dokumenten:

Der Herr Frantz de Rossy königlich Musicus im Nüffischen Haus, in der Wollzeile, ist an Lunglsucht beschaut. Alt 40 Jahre.

Franz de’ Rossi wird als «königlicher Musicus» bezeichnet, er stand also wirklich direkt im Dienst Josephs I., der 1703 noch Römischer König war, und nicht im Dienst seines Vaters, des Kaisers Leopold I.

Der Tod wird außerdem im Wiennerischen Diarium, Nr. 28, vom 7.-10. November 1703, gemeldet:

Den 7. November 1703 starb Herr Frantz Rosij / Königlicher Musicus im Nivischen Haus in der Wohlzeil/ alt 40. Jahr.

Von der Chormeisterin gibt es dagegen fast keine Spur, außer den Partituren und Libretti ihrer Oratorien. Es trifft zu, was Gaetano Orsini dem Schornsteinfeger sagt: Die Komponistin ist nie für ihre musikalischen Dienste bezahlt worden. Da sie in den Büchern der kaiserlichen Verwaltung nicht erwähnt ist, wird Camilla zu einer fast ungreifbaren Gestalt. Zum Glück berichtet das Wiennerische Diarium von der Aufführung der Oratorien jeweils am Karfreitag in jedem der vier Jahre, in denen die vier Kompositionen Camilla de’ Rossis entstanden (1707-1710). Nicht ohne Grund begab Joseph I. sich zu diesen Aufführungen, war er doch tatsächlich der Auftraggeber der Oratorien Camillas. Abgesehen von diesem indirekten Beweis der Tätigkeit und Anwesenheit der Komponistin in Wien haben alle Recherchen der Autoren in den Archiven jedoch zu keinem Ergebnis geführt: Wiener Staatsarchiv – Hofarchiv, OMaA (= Obristhofmarschallamtsabhandlungen) Bd. 643 (Index 1611-1749); Bd. 180 (Inventaria 1611-1749); Bd. 181 (hier taucht der Kammerdiener Vinzenz Rossi auf, wahrscheinlich der Cousin von Franz, von dem auch der Schornsteinfeger berichtet); OMeA (= Obrisrhofmarschallamt), Protokolle 6 und 7; Karton 654, Abhandlungen 1702-1704; Hofkammerarchiv, NÖHA (= Niederösterreichische Herrschaftsakten), W-61/A, 32/B, 1635-1749, Fol. 455-929: Liste verschiedener Schriften der Musiker, die an der Hofkapelle, Kammermusik und der Hofoper angestellt waren (hier und da fehlen einzelne Jahre, außerdem gibt es ausgerechnet zwischen 1691 und 1711 eine große Lücke); Gedenkbücher, 1700-1712.

Auch in den Geburts-, Trauungs- und Sterbematriken, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnen, gibt es keine Spur von Camilla; idem bei den Conscriptionsbögen (einer Art Register der Wohnhäuser und ihrer Bewohner), die jedoch erst mit dem Jahr 1805 beginnen. Vor allem gibt es keinen Hinweis auf irgendwelche Zahlungen an Camilla aus der Privatkassa Josephs I., aus der gleichwohl Geldanweisungen für mehrere Musiker bestritten wurden. Susanne und Theophil Antonicek (Drei Dokumente, a. a. O.) haben die Liste der Musiker veröffentlicht, die in den Jahren 1709-1711 vom Marchese Scipione Publicóla di Santa Croce in seiner Eigenschaft als Josephs «Oberintendant der Musik» bezahlt wurden. Auch in diesen Dokumenten (vgl. S. 11-29) wird Camilla de’ Rossi an keiner Stelle erwähnt.

Die Angaben zu den anderen italienischen Musikern in Wien stammen aus den Wiener Archiven und aus: L. Ritter von Köchel, Die Kaiserliche Hof-Musikkapelle in Wien 1543-186J, Wien 1869 und B. Garvey Jackson, Oratorios by Command of the Emperor: The Music of Camilla de Rossi, in: «Current musicology», 42 (1986), S. 7. Gaetano Orsini sang wirklich in den Oratorien Camillas und gehörte zu den Musikern, die Zahlungen aus Josephs geheimen Kassen erhielten (vgl. Wiener Staatsarchiv, Hofkammerarchiv, Geheime Kammerzahlamtrechnungen 1705-1713, Karte io verso passim).

Das Himmelpfortkloster gab es tatsächlich. Wie viele andere Klöster der Stadt wurde es leider 1785 auf Befehl des Kaisers Joseph II. abgerissen. Das Archiv der Himmelpforte entging der Zerstörung, es befindet sich im Wiener Stadt- und Landesarchiv.

Authentisch ist auch die Geschichte von der türkischen Sklavin, die in das Mädchenpensionat des Himmelpfortklosters eintreten sollte und von den Nonnen abgelehnt wurde, wie Camilla am vierten Tag erzählt. Vgl. P. Alfons Zák, Das Frauenkloster Himmelpforte in Wien, in: «Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich», neue Folge, 6. Jg. (1907), Wien 1908, S. 164:

«Im Jahre 1695 wurde in Wien eine türkische Sklavin des spanischen Hauptmannes Hieronymus Judici von Kardinal Leopold Grafen Kollonitsch bei St. Ursula getauft und sollte im Kloster zur Himmelpforte erzogen werden. Die Chorfrauen protestierten gegen die Aufnahme des Mädchens, da sie lauter adelige Zöglinge hatten, dieses aber eine Sklavin war. Selbst der Kaiser gab ihnen am 3. September 16% recht, und als sich der Hauptmann am 12. September an das Wiener Konsistorium mit der Bitte wendete, die Aufnahme der Sklavin in die Klosterschule bei der Himmelpforte zu erzwingen, wurde er am 16. September abgewiesen

Auch das plötzliche Auftauchen Camilla de’ Rossis in dem Weinkeller in der Nähe des Neugebäus darf nicht erstaunen: Wie aus den Dokumenten des Klosters im Wiener Stadt- und Landesarchiv hervorgeht, besaß das Himmelpfortkloster tatsächlich einige Ländereien in der Umgebung des Ortes Ohne Namen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Camilla sich schließlich in das Kloster St. Lorenz zurückgezogen hat. Dafür spricht nicht nur die Tatsache, dass sich nach 1711 kein Lebenszeichen der Musikerin mehr findet, weder in Wien noch in ihrer Geburtsstadt Rom. Es gibt auch ein erstaunliches Zeugnis von Lady Montague, der berühmten englischen Schriftstellerin und Reisenden, die 1716, während eines Besuchs der Hauptstadt des Reiches, schreibt:

«Ich war höchst erstaunt, hier das einzige schöne Frauenzimmer von ganz Wien zu finden. Nicht allein schön, sondern auch fröhlich, geistreich, mit exzellenter Erziehung. Ich konnte nicht aufhören, sie zu betrachten. Sie erwiderte meine Huldigung mit tausend Höflichkeiten und bat mich, sie noch oft zu besuchen. Es wird die schönste Zerstreuung für mich sein (sagte sie seufzend), da ich mit größter Sorgfalt vermeide, Menschen aus meinem früheren Lehen zu begegnen. Und wenn jemand von ihnen in das Kloster kommt, schließe ich mich in meiner Zelle ein.› Ich bemerkte, dass ihr Tränen in die Augen gestiegen waren, was mich zutiefst rührte. Ich forderte sie auf, sich mir anzuvertrauen, aber sie wollte nicht zugeben, dass sie im innersten nicht vollkommen glücklich sei. Darauf suchte ich überall den wahren Grund für ihren Rückzug von der Welt zu erforschen, freilich ohne mehr in Erfahrung zu bringen als allseitiges Erstaunen, und dass niemand den Grund für ihren Verzicht zu erahnen vermochte. Ich kehrte noch oft zu ihr zurück, doch es stimmte mich allzu traurig, ein so schönes und junges Wesen dort begraben zu sehen» (Briefe der Lady Marie Worthley Montague während ihrer Reisen in Europa, Asien und Afrika, Leipzig 1724, S. 19-55).

Die Behandlungsmethoden Camilla de’ Rossis, die auf der Heilkunst der heiligen Hildegard von Bingen beruhen, sind alle belegt. Es verwundert nicht, dass die Chormeisterin diese Künste von ihrer türkischen Mutter gelernt hat: Wie Karl Heinz Reger berichtet (Hildegards Medizin, München 1989), sind nach Meinung einiger Forscher in den Schriften Hildegards deutliche Spuren von Einflüssen der islamischen Kultur zu erkennen.

TÜRKISCHE GESANDTSCHAFTEN UND LEGENDEN

Die türkischen Legenden, über die die Studenten Nachforschungen anstellen (vor allem die Legende vom Goldenen Apfel und den vierzigtausend Männern Kasims), sind alle authentisch. Sie werden zum Beispiel bezeugt bei Richard F. Kreutel (Hg.), Im Reiche des Goldenen Apfels. Des türkischen Weltenbummlers Evliyâ Çelebi denkwürdige Reise in das Giaurenland und in die Stadt und Festung Wien anno 1665, Graz/Wien/Köln 1957.

Die Sage von Dayi Çerkes, oder Dayi Circasso, die Penicek erzählt, ähnelt in jeder Hinsicht der Version bei Kerstin Tomenendal, Das türkische Gesicht Wiens, Wien/Köln/Weimar 1999, S. 187ff. Die türkische Version der Legende wird nach dem oben zitierten Reisebericht des Türken Evliyâ Çelebi erzählt, der Wien im Jahre 1665 besuchte. Die Statue kann man noch heute an der Fassade des Hauses besichtigen. Die Adresse lautet Heidenschuss Nr. 3.

Auch der unmenschliche Brauch der Osmanen, christliche Kinder zu entführen, den Atto Melani beschreibt, entspricht der historischen Wahrheit. Davon berichtet zum Beispiel Robert Mantran, La vita quotidiana a Costantinopoli ai tempi di Solimano il Magnifico (Das Alltagsleben in Konstantinopel zur Zeit Süleymans des Prächtigen), Mailand 1985 (Originalausgabe: Paris 1965), S. 104-105:

«In der zweiten Hälfe des 14. Jahrhunderts, also nach der Eroberung eines Teils des europäischen Balkans, wandten die Osmanen, um sich regelmäßigen Nachschub an Rekruten für ein zahlen- und kräftemäßig wachsendes Heer zu sichern, eine Methode an, die die christlichen Gemüter tief erschütterte, den Türken aber über einen langen Zeitraum hinweg außerordentlich gute Dienste leistete: Wir sprechen von der devşirme, der ‹Knabenlese›. Dieses System bestand darin, jährlich oder alle zwei Jahre einer gewissen Anzahl christlicher Familien auf dem Balkan die Söhne unter fünf Jahren wegzunehmen. Die Kinder wurden für immer von ihren Eltern getrennt und nach Anatolien geschickt, wo sie von moslemischen Familien zu Moslems erzogen wurden. Sie lernten Türkisch und wurden in die türkischen und islamischen Gebräuche und Traditionen eingeführt. Mit zehn oder elf Jahren traten sie in die Bildungsstätten ein: die Paläste von Hadrianopolis und Gallipolis und, nach seiner Eroberung die von Istanbul. Von diesem Zeitpunkt an hießen die Knaben acemi oglan. Ihren jeweiligen Fähigkeiten entsprechend bereitete man sie auf das Heer oder den Dienst im Palast vor, wo sie Pagen, ic oglan, wurden. Dort durchliefen sie einen langen Weg, der ihnen erlaubte, Stufe um Stufe höher zu steigen, und wenn es ihnen gelang die Aufmerksamkeit des Sultans oder einer Sultanin oder eines Günstlings bei Hof auf sich zu ziehen, war ihnen der Zutritt zu den höchsten Positionen, sogar zu der des Großwesirs, durch nichts verwehrt. Da sie ihre Herkunft meist ganz vergessen hatten und ihre Stellung einzig dem Wohlwollen des Sultans verdankten, gelobten sie ihm unverbrüchliche Treue und hegten keinen anderen Ehrgeiz, ah ihm ganz und gar zu dienen

Zur Abstammung der höchsten Gesellschaftsschichten aus der «Knabenlese» siehe: Giorgio Vercellin, Solimano il Magnifico (Süleyman der Prächtige), Florenz 1997, S. 11-12:

«Man kann sich nicht zur Genüge bewusstmachen, wie sehr die Anwesenheit der Osmanen in Europa in den Jahren unmittelbar nach der Reformation den Lauf der Geschichte unseres Kontinents beeinflusst hat, beginnend mit den Ländern zwischen Rhein und Donau. Die Protestanten waren die Hauptnutznießer des Krieges zwischen Karl V. und Ferdinand I. und denUngläubigen›. Der größte Fachmann für die Beziehungen zwischen der osmanischen und der christlichen Welt, Kenneth Setton (Lutheranism and the Turkish Peril, in: ’Balkan Studies’, III, 1962), hat sogar geschrieben: ‹Ohne die Türken hätte die Reformation leicht dasselbe Schicksal erleiden können wie der Aufstand der Albigenser [ … ] Die Macht des Osmanischen Reiches beruhte auf der entscheidenden Rolle der Janitscharen, einem hochspezialisierten Infanteriekorps, das von Sultan Murad I. (1362-1398) mit fast einem Jahrhundert Vorsprung vor der Bildung des ersten regulären Heeres in Frankreich geschaffen wurde. Die Janitscharen stammten aus der einzigartigen Institution der devşirme [ … ] und ihr Erkennungsmerkmal war eine weiße Kopfbedeckung. Im 14. Jahrhundert waren es etwa tausend, im folgenden Jahrhundert fünflausend, und zur Zeit Süleymans zählte die Truppe 12000 Mann

Die Beschreibung des Zuges der türkischen Gesandtschaft durch die Himmelpfortgasse entspricht in allen Einzelheiten den Berichten über ihren Besuch, die in jenen Tagen gedruckt und verteilt wurden: Beschreibung der Audientz … Wien, 9. April 1711.

Die beiden folgenden Audienzen des Agass in Eugens Palais am 13. und am 15. April werden bestätigt durch A. Arneth, Prinz Eugen von Savoyen, Wien 1864, Bd. 2, S. 159. Arneth unterläuft jedoch ein Fehler: Er schreibt, der Aga sei am 19. April wieder abgereist. Das stimmt nicht. Die Abschiedszeremonie durch den Stellvertreter Eugens, Graf von Herberstein, Vizepräsident des Hofkriegsrates, fand am 16. Mai statt und wird in einem gedruckten Blatt beschrieben, das den Titel trägt: Die an dem Tuerckischen Abgesandten Cefulah Aga, Capihi Pascia, ertheilte Abschieds-Audienz, mit Beschreibung aller Ceremonien so darbey ergangen, zu Wien, den 16. May 1711.

Außerdem berichtet der Corriere Ordinario vom 3. Juni 1711 (Zusatzblatt, S. 91 des Jahrgangs 1711), dass der Aga erst am 2. Juni «nach Konstantinopel aufbrach, mit fünf Schiffen, welche ihm überlassen wurden & Er führte verschiedenerlei Dinge mit sich, so er hierorts gekauft hat, darunter einige Fässer mit Messern, Sensen und Sicheln und ähnliche Utensilien».

Weitere Einzelheiten über die türkischen Gesandtschaften, die in jenen Jahren nach Wien kamen, stammen aus R. Perger/E. D. Petritsch, Der Gasthof«Zum Goldenen Lamm» in der Leopoldstadt und seine türkischen Gäste, in: «Jahrbuch des Vereines für die Geschichte der Stadt Wien», 55 (1999), S. 147 ff.

Während der türkischen Belagerung Wiens gab es tatsächlich zwei Verräter, den Armenier Schahin und seinen Diener, wie Koloman dem Schornsteinfeger am fünften Tag erzählt. Vgl. K.Teply, Die Einführung des Kaffees in Wien, Wien 1980, S. 35 fr.

Auch die Geschichte des verschwundenen Kopfes von Kara Mustafa ist in allen Einzelheiten authentisch. Vgl. Richard F. Kreutel, Der Schädel des Kara Mustafa Pascha, in: «Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien», 32/33 (1976-1977), S. 63-77. Es gab allerdings noch einen zweiten Türkenkopf im städtischen Zeughaus von Wien in der Straße Am Hof Nr. 10: den Kopf von Abaza Kör Hüseyin Pascha, der am 24. August 1683 in der Nähe Wiens in der Schlacht am Bisamberg fiel (vgl. Kerstin Tomenendal, Das türkische Gesicht Wiens. Auf den Spuren der Türken in Wien, Wien/Köln/Weimar 2000, S. 186). Der Kopf dieses vergessenen Kriegshelden wurde als Pendant zu dem des berühmteren Kara Mustafa aufbewahrt und in den Katalogen nur bis zum Jahr 1790 erwähnt. Wahrscheinlich war er schon früher aus den Lagern verschwunden, vielleicht sogar sehr viel früher, nämlich als Ugonio ihn stahl …

ILSUNG, HAG, UNGNAD, MARSILI

Alle wesentlichen Informationen über Ilsung sind belegt bei Stephan Dworzak, Georg Ilsung von Tratzberg maschinengeschriebene Dissertation, Wien 1954.

Wie Simonis erzählt, wurde Davig Hag 1564 auf Anraten Georg Ilsungs zum Hofpfennigmeister ernannt, vgl. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Familienakten, Karton 99, Empfehlungsschreiben Ilsungs an Maximilian II. vom 3. Oktober 1563.

Es war wirklich Ilsung, der dazu riet, die geheimnisvolle Heilerin Magdalena Streicher anzustellen, damit sie den im Sterben liegenden Maximilian behandelte (oder tötete?). Davon berichtet ein Brief des Arztes Crato von Crafftheim an Joannes Sambucus, abgedruckt bei M.A. Becker, Die letzten Tage und der Tod Maximilians II., Wien 1877, S. 41. Zu David Ungnad siehe: Hilda Lietzmann, Das Neugebäude in Wien. Sultan Süleymans Zelt – Kaiser Maximilians II. Lustschloß, München/Berlin 1987.

Luigi Marsili (alles, was über ihn berichtet wird, ist historisch nachgewiesen) war wirklich der Mann, der die Wiener lehrte, Kaffee zuzubereiten, wie der Schornsteinfeger erzählt. In seiner Schrift Bevanda asiatica, brindata all’Enimentissimo Bonvisi, Nunzio apostolico appresso la Maestà del’Imperatore etc. (Asiatisches Getränk, getrunken auf das Wohl des Ehrwürdigsten Bonvisi, Apostolischer Nuntius bei Ihrer Majestät dem Kaiser), Wien 1685, erklärt der italienische Kommandant zum ersten Mal, wie man die Bohnen röstet, zu Pulver mahlt und mit kochendem Wasser vermischt. Belege zu allen anderen Informationen über Marsili, die in Atto Melanis Erzählung auftauchen, finden sich in den zahlreichen Werken, die in der angehängten Bibliographie angegeben werden.

BETTELSTUDENTEN UND RAUCHFANGKEHRER

In der Nummer 280 des Wiennerischen Diarium mit den Nachrichten vom 7. bis zum 9. April 1706, die in der Wiener Stadtbibliothek aufbewahrt wird, haben wir ein sehr seltenes Zeugnis über die Bettelstudenten im damaligen Wien gefunden, das bis jetzt noch kein Historiker behandelt hat:

Mittwoch, den 7. April. Alldieweilen man schon vor geraumer Zeit mißfällig verspühret: daß / ungehindert öffters in Sachen publicierten Edicten, sich annoch vile vagierende Studenten / und andere / so sich davor außgeben / zu denselben sich gesellen /gleichwohl aber keine seynd / auff denen Gassen in und vor denen Kirchen / auch Häusern / im Bettlen Tag und Nacht /ja so gar unter der Schul-Zeit einfinden lassen; mit denen / unterm Schein des Studierens / sich dem Müßiggang / sodann dem darauß erfolgenden Stehlen und Rauben ergeben; allermaßen eine und andere dergleichen zu dem / unterm 17. und 18. Jenner dises Jahrs / in und vor der Stadt / auch zu Nußdorff entstandenen Tumult (wessenwegen man annoch in scharffer Nachforschung / und gegen die Schuldigbefundenen mit verdienter Bestraffung unnachlässig verfahren werde) sich zugeschlagen / dadurch den guten Nahmen deren übrigen rühmlichen Studenten in eine widrige Achtung höherer Orthen gesetzet haben; wann nun aber dem gemeinen Weesen daran gelegen: daß dieses so beschwerliche Bettlen / forderist aber / der untreue Vorwand des Studierens treibende Müßiggang / und andere Laster mit allem Ernst abgestellet: mithin denen von Ihm Kayserl. Majestät ergangenen allergnädigsten Resolutionen ein Vollzug geleistet werde; als ist von dem Herrn Rettore Magnifico, Kayserl. Superintendenten und Consistono der allhiesigen ur-uralt und weitberühmten Universität dieser Tagen allen vagirenden Bettel-Studenten und andern so sich davor außgeben / den Studien aber nit obliegen / durch ein besonderes Edict zur letzten Wahrnung bedeutet und ernstlich anbefohlen worden: daß sie inner 14. Tagen sich von hier nacher Hauß oder anderwerts hinbegeben; unwidrigen sie durch die Wache eingefangen / ad Carceres Académicos überbracht / sodann nach Befund deren Sachen / denen Werbern überlieffert / oder auch mit anderen empfindlichen Straffen beleget werden sollen; diejenige arme Studenten aber / so täglich denen Studien mit gutem Fortgang obliegen / sollen entweder umb ein Stipendium in denen Alumnaten / wirken / oder sonsten umb eine Unterhaltung oder Condition sich umbschauen; da sie aber nichts dergleichen bekommen könnten / oder nicht fähig wären /folglich ihre Studien nicht änderst / als durch Sammlung des Almosens / so ihnen außer der Schulzeit dermahlen / und biß auff andere Verordnung / erlaubet /fortzusetzen vermöchten; sollen sie das gebräuchliche Zeichen außwürcken / und monathlich erneueren lassen /bey sich tragen / auch auferforderendem Fall auffweisen; Widrigens selbige von niemand für wahre / sondern vagirende Studenten / gehalten / und ebenfalls mit ihnen /gleich Erstgedachten / verfahren werden solle.

Dass der Schornsteinfeger nichts erfindet, kann man anhand der zahlreichen Quellen nachprüfen, die das Leben der Studenten zu Beginn des 18. Jahrhunderts beschreiben, so z. B. bei Rudolf Kink, Geschichte der kaiserlichen Universität zu Wien, Wien 1854, oder bei Peter Krause, «0 alte Burschenherrlichkeit». Die Studenten und ihr Brauchtum, Wien 1987, oder bei Uta Tschernut, Die Kärntner Studenten an der Wiener Universität 1365-1900, unveröffentlichte Dissertation, Wien 1984. Auch die bizarre studentische Zeremonie der Deposition, bei der Penicek von Simonis zum Pennal ernannt wird, folgt einer alten, vielfach dokumentierten Tradition, wie Wolffgang Karl Rost, Kunze Nachricht von der Academischen Deposition, Jena o.J., erklärt.

Die Tricks, Hilfsmittel, abergläubischen Bräuche und Hinterhalte, deren sich Simonis und seine Studentenfreunde bedienen, haben wir dem äußerst unterhaltsamen Büchlein von Henricus Caspar Abelius, Leib-Medicus der Studenten und Studenten-Künste, Leipzig 1707, entnommen.

Jede einzelne Information über das elende Leben der Schornsteinfeger in Italien ist wahr; vgl. z. B. Benito Mazzi, Fam, füm, frecc, il grande romanzo degli spazzacamini (Hunger, Rauch, Kälte, der große Roman der Schornsteinfeger), in: «Quaderni di cultura alpina», 2000. Ebenso authentisch ist die Beschreibung des begünstigten Lebens, das die italienischen Schornsteinfeger in Wien führten, und der vielen kaiserlichen Privilegien, die ihrer Zunft gewährt wurden, vgl. Else Reketzki, Das Rauchfangkehrergewerbe in Wien. Seine Entwicklung vom Ende des 16. Jh. bis ins 19. Jh., unter Berücksichtigung der übrigen österreichischen Länder, Dissertation, Wien 1952. Auch alle Einzelheiten des Gewerbes IV, das Atto Melani seinem Freund schenkt, einschließlich Weinberg und Haus «nahe bei der Michaelerkirche» in der Vorstadt Josephina, die heute zu dem schönen Innenstadtviertel Josefstadt geworden ist, können in den Akten der Rauchfangkehrerinnung im Wiener Stadt- und Landesmuseum nachgeprüft werden.

FREIZEIT, BEISLN, FRESSGELAGE UND ANDERE BESONDERHEITEN

Alles, was die schier unglaubliche Anzahl an Feiertagen und Prozessionen oder das fortwährende Fernbleiben vom Arbeitsplatz aufgrund unterschiedlichster religiöser Verpflichtungen betrifft, alle Angaben über den verbreiteten Wohlstand auch in den unteren Gesellschaftsschichten, den Beginn des Arbeitstages noch vor Sonnenaufgang, einschließlich des Rufes des Nachtwärters («Haußknecht, steh auf in Gottisnam, der helli Tag bricht schon herann!»), ferner die Wirtshäuser, Spiele, Steuern, Spionagetätigkeiten, Freizeitvergnügungen und alles andere, was das Leben in Wien beschreibt, beginnend bei dem Hetzhaus und den Tierkämpfen, ist bis in die kleinsten Einzelheiten authentisch und belegt.

Wie Gerhard Tänzer in seiner lesenswerten Dissertation über die Freizeit im Wien des 18. Jahrhunderts («In Wienn zu seyn ist schon Unterhaltung genug Zum Wandel der Freizeit im 18. Jh., Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie, Wien 1988) und in seinem daraus hervorgegangenen Buch (Spectack müssen seyn. Die Freizeit der Wiener im 18. Jh., Wien/Köln/Weimar 1992) schreibt, gab es zwischen 1707 und 1717 bei den Wirtsleuten starke Widerstände gegen die Besteuerung der Bocciabahnen, wovon auch Simonis dem Schornsteinfeger während ihrer Suche nach Populescu erzählt. Leute, die Gesetzesbrecher anzeigten, wie der rumänische Student, gab es wie Sand am Meer. Ihre Entlohnung überstieg die Steuereinnahmen, doch man fand sich damit ab und sah die positive Seite: Die beim Spiel gewonnenen Summen waren immerhin Geld, das im Umlauf war, Hauptsache, es wurde nicht ins Ausland transferiert! So erfuhr das Glücksspiel in den folgenden Jahren eine explosionsartige Entwicklung, ähnlich wie die Tanzveranstaltungen. Überall werde getanzt und gespielt, klagten die Traditionalisten, sogar wenn draußen vor dem Lokal das Allerheiligste Sakrament auf einer Prozession vorübergetragen werde.

Die Zahl der Wirtshäuser in Österreich und die Liste der Speisen, die bei einem Hochzeitsbankett verschlungen wurden, stammt aus Franciscus Guarinonius, Die Greuel der Verwüstung menschlichen Geschlechts, Wien 1610.

Die Szene mit den Gästen, die sich bei Tisch den gröbsten Zügellosigkeiten hingeben, und deren Zeuge Atto, Domenico und der Schornsteinfeger am vierten Tag werden, ist keineswegs eine Übertreibung der Autoren. Ein derartiges Benehmen (auf heiße Speisen pusten, sodass dem Nachbarn Fett-Spritzer in die Augen fliegen; sich den Wein in den Hemdkragen gießen; die Serviette zum Naseputzen benutzen; das Tischtuch zu sich heranziehen, um an den Braten zu kommen, usw.) wird ausführlich in den zahlreichen – in der Bibliographie angegebenen – Werken des berühmten Hofpredigers und Barfüßigen Augustiners Abraham a Sancta Clara beschrieben – um es zu geißeln (vgl. auch E.M. Spielmann, Die Frau und ihr Lebenskreis bei Abraham a Sancta Clara, maschinengeschriebene Dissertation, Wien 1944, S. 125-126).

Auch die unglaublichen geheimen Tauschgeschäfte mit Brot und Wein, die Türken und Wiener während der Belagerung von 1683 betrieben, sind historisch belegt, siehe K. Teply, Die Einführung … a.a. O., S. 30. Doch Teply berichtet auch (S. 35), dass der Historiker Onno Klopp (Das Jahr 1683 und der folgende große Türkenkrieg bis zum Frieden von Carlowitz von 1699, Graz 1882) es gewagt hatte, das tatkräftige Wirken der Zivilbevölkerung bei der Verteidigung der belagerten Stadt in Zweifel zu ziehen und daraufhin von dem empörten Aufschrei eines Chores aus Journalisten, Politikern und Universitätslehrern zum Schweigen gebracht wurde, ja dass es diesbezüglich sogar Eingaben im Stadtparlament gegeben hatte.

Keine Erfindung ist auch Kolomans Erzählung von der großen Vielfalt an Fischen, die damals nach Wien gelangten. Das änderte sich erst in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, als Kaiser Joseph II. viele Klöster schließen ließ – sie hatten zu den Hauptlieferanten guter Fische gehört – und eine ganze Reihe religiöser Feiertage mit gebotenem Fasten abschaffte: Die Fischrezepte, die entstanden waren, um dieses Fastengebot zu umgehen, gerieten in Vergessenheit. Bald schon kam unter den Wienern ein Spruch aus elisabethanischer Zeit auf, mit dem die Protestanten die Katholiken indirekt verspotteten: «Er ist ein anständiger Mensch, er isst keinen Fisch.»

Das Bierbeisl «Zum Gelben Adler», in das Simonis Atto und den Schornsteinfeger am Morgen des sechsten Tages führt, wurde auch «Griechenbeisl» genannt und lag auf dem Fleischmarkt, nach dem die heutige Straße benannt ist. Das Lokal, das immer noch in Betrieb ist, wurde wegen der Legende bekannt, der zufolge Augustin, der Bänkelsänger, während der Pest von 1679 hier sein berühmtes «O, du lieber Augustin, alles ist hin …» komponierte.

Das Kaffeehaus «Zur Blauen Flasche» existierte wirklich und war das erste Lokal mit offiziell genehmigtem Kaffeeausschank.

Das Wirtshaus «Zum Haimböck» gibt es noch immer. In dem bei den Wienern sehr beliebten Buschenschank, der heute Zehner Marie heißt, isst man sehr gut. Den neuen Namen, der die Hausnummer mit dem Namen der schönen Wirtstochter verbindet, erhielt er in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Leider wird er heute nicht mehr, wie damals, von schönen Weinbergen, sondern von hässlichen Mietshäusern umgeben. Will man die Natur genießen, wie sie von dem Schornsteinfeger beschrieben wird, muss man, wie er es am sechsten Tag tut, bis zu dem Hügel «Am Predigtstuhl» fahren, der heute Wilhelminenberg genannt wird.

Dass die Weine aus Stockerau von schlechter Qualität waren, wie Cloridia weiß, erfahrt man aus einem Almanach für das Jahr 1711, nämlich dem Crackauer Schreib- Calender auff das Jahr nach Christi Geburt M. CC.XI durch M. Johannem Gostumiowsky, in der Hochlöbl. Crackauerischen Academia Phil. Doct. Ordinarium Astrologiae Professorem, und Königlichen Mathematicum, Cracovia 1710.

Die Theorie, die Atto dem Schornsteinfeger darlegt, nach der die Habsburger von den römischen Pierleoni abstammen, entspricht in jedem Punkt den alten Traktaten über Heraldik, die im Wien des 18. Jahrhunderts große Mode waren. Das Gleiche gilt für die wenig ruhmvollen Taten der römischen Familie (vgl. z. B. Eucharius Gottlieb Rynck, Leopolds des Grossen Römischen Kaysers wunderwürdiges Leben und Thaten aus geheimen Nachrichten eröffnet und in vier Theile getheilet, Leipzig 1709,1, 9 ff).

Die in den Wiener Hausmauern steckenden Kugeln aus den türkischen Kanonen, die Ugonio stehlen und wiederverkaufen wollte, sind noch heute an den Stellen in der Stadt zu sehen, die der Heiligenfledderer aufzählt.

Der Neue Crackauer Schreib-Calender, durch Matthias Gentilli, Conte Rodari, von Trient, Krakau 1710, also der Almanach für das Jahr 1711, aus dem der Schornsteinfeger die Zählung der seit Christi Geburt vergangenen Jahre vorliest, befindet sich in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek.

Die Legende des Tekuphah ist authentisch. Vollständig nachzulesen ist sie bei W Hirsch, Entdeckung derer Tekuphot, oder Das schädliche Blut, Berlin 1717.

Den Tatsachen entspricht auch die Beschreibung des Quartierrechts, die Simonis gibt. Siehe Joseph Kallbrunner (Hg.), Wohnungssorgen im alten Wien. Dokumente zur Wiener Wohnungsfrage im 17. und 18. Jahrhundert, Wien/Leipzig 1926.

Die Aufzählung der Verstorbenen des Tages, die Atto sich aus dem Wiennerischen Diarium vorlesen lässt, stimmt genau mit der Liste überein, die tatsächlich in der Nr. 803 vom 11.-14. April der Zeitung erschien. Die Statistiken über die Toten des Jahres 1710, von denen der Schornsteinfeger erzählt, werden durch den Wiener Corriere Ordinario vom 7. Januar 1711, Zusatzblatt, bestätigt. Das Gleiche gilt für die Statistik der Todesfälle in Rom im selben Jahr (siehe: Francesco Valesio, Diario di Roma, Bd. IV, 1710, S. 368 ff).

Die Nachricht von der Erkrankung des Grand Dauphins von Frankreich traf am 14. April 1711 ein – derselbe Tag, an dem Cloridia dem Schornsteinfeger und Atto die Gazette mit der Nachricht überreicht.

Auch in Peniceks Beschreibung von Ungarn ist nichts erfunden. Sein Bericht spiegelt in allen Einzelheiten die zeitgenössischen Quellen aus der Zeit zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert wider. Vgl. Casimir Freschot, Idea generale del regno d’Ungheria, sua descrittione, costumi, regni, e guerra (Allgemeine Vorstellung des Königreichs Ungarn, seine Beschreibung seine Sitten, Regierungen und Kriege), Venedig 1684.

Die Informationen über die Verbreitung der italienischen Sprache in Wien sind belegt bei Stefano Barnabe, Teutsche und Italianische Diseurs, Wien 1660 und: ders., Unterweisung Der Italienischen Sprach, Wien 1675. Siehe dazu vor allem die ausgezeichnete Arbeit von Michael Ritter, Man sieht der Sternen Königglantzen, Wien 1999, S. 9. Ritter bestätigt, dass das Italienische in Wien nicht nur die offizielle Sprache des Hofes war, wie der Schornsteinfeger erzählt, sondern sogar das vorherrschende Idiom tout court.

Kardinal Kollonitsch («Collonitz» ist die alte Schreibweise) gehörte wirklich zu den Stützpfeilern des Wiener Widerstandes gegen die Türken, wie Gaetano Orsini berichtet, und er stand tatsächlich in engem Kontakt zur Familie des Papstes Innozenz XI. Odescalchi, des Finanziers der christlichen Heere, die in der Schlacht vom 12. September 1683 triumphierten (vgl. die historischen Anmerkungen im Anhang von Monaldi & Sorti, Imprimatur, München 2003).

Details über das Lokal, wo Hristo Hadji-Tanjov Schach spielte, bestätigen Michael Ehn und Ernst Strouhal, Luftmenschen. Die Schachspieler von Wien 1700-1938, Wien 1998.

Das Wiennerische Diarium wurde tatsächlich, wie der Schornsteinfeger erzählt, in dem Rother Igel genannten Häuschen verkauft. Nach dem Historischen Lexikon Wien von Felix Czeike (Wien 2004, III, S. 300) befand sich die Redaktion des Wiennerischen Diariums erst ab 1721 im Rothen Igel. Freilich liest man schon in den Ausgaben des Wiennerischen Diariums von 1711: «Zu finden im Rothen Igel».

DIE WIENER UND IHRE GESCHICHTE

Die Wiener – Historiker, Gelehrte, Professoren, doch auch einfache Leute und Bewohner der Umgebung Wiens – sind äußerst empfindlich bei allem, was die Habsburger betrifft: Wehe, wenn man auch nur die kleinste Kritik an dem edlen kaiserlichen Geschlecht übt! Joseph und Karl liebten sich inniglich, Prinz Eugen müsste heiliggesprochen werden, der Widerstand der Belagerten im Jahr 1683 war in jeder Hinsicht heroisch. Während Onno Klopp sich, wie wir sahen, von dieser vorherrschenden Meinung distanziert und trotzdem als ein großer Historiker gilt, ist Arneth häufig unzuverlässig. Zum Beispiel entnimmt er die Informationen über den Tod Josephs I. der Biographie Wagners – eines Jesuiten! –, irrt sich im Datum der Abreise des Agas aus Wien (siehe oben) und versucht ständig, den Leser davon zu überzeugen, dass Joseph I. nur Liebe und Eintracht entgegengebracht wurde. Entsprechend beschreibt Arneth den vermeintlichen Schmerz Karls über die Nachricht vom Tode des Bruders in leidenschaftlichen Tönen und berichtet, Joseph habe sich sterbend von der «vielgeliebten Gattin» verabschiedet, verschweigt aber die Schikanen, denen seine junge Geliebte, die Gräfin Marianna Pálffy, ausgesetzt war.

In Wien wird noch heute jeder, der es wagt, der rosarot gefärbten Vulgata zu widersprechen, brüsk zum Schweigen gebracht, als handele es sich um aktuelle Politik (unter undemokratischen Bedingungen) und nicht um langvergangene Geschichte. Das ist das kleine Manko der Wiener, doch auch ihre schätzenswerteste Eigenschaft: Bei ihnen ist immer alles in Ordnung, und wehe dem, der wagt, etwas anderes zu behaupten, vor allem, wenn er Ausländer ist. Die gute und bei weitem wichtigere Seite daran ist, dass es den Wienern dank dieser Überzeugung und durch unermüdliche Werbung für ihre heile Welt in gewissem Maße gelungen ist, sie vor dem zerstörerischen Zugriff unserer rohen Zeiten zu bewahren. Das Ergebnis ist, dass man heute in keiner anderen Großstadt der Welt besser lebt als in Wien. Dies ist ein Aspekt, den Schriftsteller, die Österreich so scharf kritisieren wie zum Beispiel Elfriede Jelinek, stärker berücksichtigen sollten. Und es sind die Worte zweier Autoren, die von ihrem geliebten Vaterland Italien ins Exil getrieben wurden. Wir danken euch, Wiener.

ARCHIVE, AUS DENEN DIE BENUTZTEN QUELLEN STAMMEN
  1. Hofkammerarchiv, Wien

  2. Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien

  3. Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien

  4. Wiener Stadt- und Landesarchiv

  5. Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Handschriftensammlung

  6. Archivio Paulucci de’ Calboli, Forlì

  7. Archivio Storico Capitolino, Rom

  8. Archivio di Stato di Firenze, Archivio Mediceo del Principato

  9. Archives du Ministère des Affaires Étrangères, Paris

  10. Biblioteca Marucelliana, Fondo Melani, Florenz

  11. Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze, Fondo manoscritti

  12. Biblioteca Forteguerriana, Carte Melani, Carte Sozzifanti, Pistoia