Käyserliche Haupt-
und Residenz-Stadt Wienn
Donnerstag, den 16. April 1711
ACHTER TAG
5.30 Uhr: Frühmesse. Von nun an folgt unaufhörlich Glockengeläut, das den ganzen Tag lang Messen, Andachten und Prozessionen ankündigt. Die Beisln und Bierbeisln öffnen.
Auch am folgenden Tag war es nicht möglich gewesen, Abbé Metani aus dem Schlaf zu rütteln. Im Morgengrauen hatte ich mich wieder in seine Unterkunft begeben, und Domenico, der um den Gesundheitszustand seines Onkels fürchtete, wollte mich nicht einmal hereinlassen. Ich gab jedoch nicht auf, und nach einem kurzen Wortwechsel erlaubte er mir einzutreten.
Leider behielt Attos Neffe recht: Infolge der Strapazen des vergangenen Tages, sonderlich aber der seelischen Erschütterungen, befand sich der Abbé in einem nahezu katatonischen Zustand. Es gelang mir, ihn einige Minuten lang wach zu halten und zu ihm zu sprechen, doch zur Antwort erhielt ich nur einen benebelten Blick und Gestammel. Obwohl ich wusste, dass Domenico zuhörte, gab ich Atto den Kern meines letzten Gesprächs mit Cloridia wieder: Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die Türken nicht mit bösen Absichten nach Wien gekommen, im Gegenteil: Sie wollten zur Heilung des Kaisers beitragen, weshalb seine Theorie falsch und sein Verdacht gegen Eugen unbegründet war. Doch alles vergebens. Nach einer Weile schloss Atto die Augen und drehte sich zur anderen Seite. Ungehalten hatte Domenico mich schließlich vor die Tür gesetzt.
Zurück in meiner Wohnung, fand ich, wie erwartet, eine Einberufung der Kaiserlichen Kammer vor. Am heutigen Nachmittag wurden mein Geselle und ich von der Obrigkeit am Ort Ohne Namen erwartet, um dort den Hergang des Geschehens zu Protokoll zu geben.
Gerade kehrte Cloridia in großer Aufregung von einem kurzen Rundgang in der Umgebung zurück:
«Die Kutsche des Durchlauchtigsten Prinzen ist aus dem Palais gefahren! Er bricht zur Reise an die Front auf», verkündete sie mit ernster Miene.
Der Mann, der unsere Gedanken über eine Woche lang beschäftigt hatte, kehrte zu seiner eigentlichen Tätigkeit zurück: dem äußeren Kampf gegen den französischen Feind und dem inneren gegen Hundenase und Madame L’Ancienne.
Doch auch wir hatten zu tun. Es war kurz vor sieben Uhr, das Treffen mit Opalinski stand bevor.
Kaum hatten wir uns auf den Weg gemacht, wurden wir von einer unerwarteten Begegnung aufgehalten.
«Heast, Raupfangkehra, italienischa! Bleib stehn, woat!», rief mir eine bekannte Stimme hinterher.
Erst erkannte ich ihn fast nicht wieder. Sein Kopf war verbunden, und er stützte sich auf einen Stock. Als er uns in diesem Zustand entgegenkam, glaubte ich, ein Gespenst zu erblicken.
«Frosch!», rief ich aus.
Wenn es auch kein Geist war, so wäre der Wächter des Ortes Ohne Namen doch fast einer geworden. Unablässig rieb er sich den verbundenen Kopf, während er uns erzählte, was im Ort Ohne Namen geschehen war. Zu dem Zeitpunkt, da wir im Schloss bei der Arbeit waren, befand Frosch sich in der Nähe der Gehege. Wie es häufig bei plötzlichen Angriffen der Fall ist, erinnerte er sich an nichts. Er wusste nur noch, dass jemand (unmöglich zu sagen, ob einer oder mehrere Männer) ihn hinterrücks angegriffen und mit Stockhieben niedergestreckt hatte; darauf war er eine unbestimmte Zeit lang ohne Bewusstsein gewesen. Er sei erst wieder erwacht, als Bübchen ihm das ganze Gesicht mit seinem Rüssel abgeleckt habe.
«Bübchen?»
«Ee kloa», antwortete Frosch, als wäre dieser zarte Name für einen Elefanten die natürlichste Sache der Welt. Wahrscheinlich hoffte er, wir würden ihm keine Fragen nach dem Geheimnis stellen, das er schon so lange hinter den Mauern des Schlosses hütete.
Als er wieder bei Sinnen war, erkannte Frosch das ganze Ausmaß der verheerenden Situation, die nur vorsätzlich herbeigeführt sein konnte. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, zwischen den tollwütigen Bestien hindurchzuschlüpfen, und nachdem er mit stark blutendem Kopfe unter strömendem Regen alle Ausgänge des Ortes Ohne Namen verbarrikadiert hatte, suchte er im nächsten Bauernhof Hilfe.
Frosch erstattete uns ausführlich Bericht von den Ereignissen, seine Rede war langatmig und mit zahlreichen Flüchen durchsetzt: Er litt immer noch Schmerzen und schien überdies bei seiner Flasche Schnaps Trost gesucht zu haben. Wir würden uns verspäten, aber es war unmöglich, den Tierwärter des Ortes Ohne Namen zu einer knapperen Darstellung zu bewegen.
Anfangs weigerten sich die Bauern der Umgebung, ihm zu helfen, fuhr Frosch mit seiner Erzählung fort, und behaupteten, der Geist Rudolfs sei ins Schloss zurückgekehrt, das Neugebäu verhext, und nicht von ungefähr habe man vor kurzem sogar ein Schiff am Himmel gesehen. Bei diesen Worten musterte der Wächter uns mit fragendem Blick, doch da wir nicht wegen des Elefanten in ihn gedrungen waren, fragte er uns auch nicht nach dem Fliegenden Schiff.
Trotz seiner Bemühungen waren einige Tiere schon aus dem Ort Ohne Namen geflohen, und die Treibjagd auf die Flüchtigen, die schließlich in der ganzen Umgebung ausgebrochen war, würde bis in die nächsten Tage andauern. Ich sagte Frosch, auch wir hätten keine Ahnung, wer die Tiere befreit und ebenso wenig, wer ihn angegriffen haben könnte. Wir seien sofort aus dem Neugebäu geflohen, als wir einige der wilden Tiere frei herumstreifen sahen. Bei unserer Ankunft in Wien hätte ich den Behörden den Vorfall gemeldet und schon heute Morgen eine Einberufung erhalten.
«Mocht nix, oba i kaun ned weg vaun do fir a Zeit», sagte er, indem er seinen Kopf massierte und auf das Bürgerspital zeigte, das er soeben für einen kurzen Spaziergang verlassen hatte.
Dann ging er dazu über, seine Verletzungen und die entsprechenden Suturen aufzuzählen, die er habe erdulden müssen. Er hoffe, nach seiner Entlassung nie mehr einen Fuß ins Spital setzen zu müssen, denn er habe dort so viele Unglücksfälle gesehen und sei doch ein empfindsamer Mensch, der gewisse Dinge einfach nicht ertrage, et coetera et coetera. Und so fuhr er fort, bis das übermäßige Quantum Slibowitz, das in seinem Blute floss, sich in Form von Tränen Bahn brach. Wie man es bei Alkoholikern häufig erlebt, ging Froschs Bericht schließlich in ein kindliches Schluchzen über. Wir redeten ihm gut zu, und da wir fürchteten, er könne ohnmächtig werden, begleiteten wir ihn zurück ins Bürgerspital, wo wir ihn der liebevollen Obhut einer jungen Ordensschwester übergaben.
Wir folgten den Anweisungen, die Opalinski uns hinterlassen hatte, um das Wohnhaus bei den südlichen Bastionen zu finden. Wegen der Begegnung mit Frosch kamen wir über eine Stunde zu spät.
Kaum waren wir in die angegebene Straße eingebogen, hielt Simonis mich mit einer Handbewegung zurück.
«Kehren wir lieber um», sagte er.
«Warum?»
«Wir sollten versuchen, durch einen anderen Eingang in das Haus hineinzukommen. Man kann nie vorsichtig genug sein.»
«Aber Opalinski hat geschrieben, dass wir seinen Hinweisen nachgehen sollen.»
«Wir werden ihn finden, Herr Meister, vertraut mir.»
Es war auch so nicht schwierig, zur vereinbarten Stelle zu gelangen. In Wien sind viele Häuser miteinander verbunden. Wir schlüpften durch die Eingangstür eines Hauses in einer Seitenstraße und gelangten über mehrere Flure und Innenhöfe schnell ans Ziel.
«Die laare Wohnung? Obn in drittn Stock, duat wohnan die Zwitkowitz. Oiso, duat haums gwohnt», sagte eine alte Dame aus dem Erdgeschoss in mürrischem Ton, bevor sie die Tür rasch wieder schloss. «Des is di aanzige, wo s’scho an Beaumtn eiquatiat haum. Die aundan Wohnungan sand olle zua, und kana waaß wia laung. Ausseghaut haums olle. I kumm grod und raam meine letzten Sochn ausse.»
Die Stimme der Alten war voller Groll gegen die Kaiserlichen Beamten, die sämtliche Bewohner des Hauses zum Auszug gezwungen hatten. So wurden mir die Wirkungen des Quartierrechts, von dem Simonis berichtet hatte, anschaulich vorgeführt: Die Mieter hatten ihr Heim einem höfischen Parasiten überlassen müssen, der begonnen hatte, die Wohnungen illegal unterzuvermieten. Opalinski kassierte nun die Maklercourtage vom neuen Mieter.
Eilig stiegen wir die Treppen hinauf, ohne einer Menschenseele zu begegnen.
Wir erkannten die Wohnung sofort, denn die Tür stand offen. Wir gingen hinein, sie war halbleer. Viele Möbel und Gemälde waren erst vor kurzem fortgeschafft worden, man sah noch die Spuren am Boden und weiße Flecken an den Wänden, wo zuvor Bilder, Kruzifixe und Uhren gehangen haben mussten.
Mittlerweile kannte ich die Häuser der Wiener durch meine zahlreichen Inspektionen gut. Die Innenausstattung der Wohnungen und ihre Bauweise würden in meiner Heimatstadt für jeden Glück und Wohlstand bedeuten. Eine bescheidene Wiener Familie besitzt so viel wie fünf wohlhabende Familien in Rom. Die Mauern sind massiv und stark, die Fenster groß, die Dächer hoch, mit Ziegeln bedeckt und von mächtigen, solide gebauten Schornsteinen gekrönt. Die Wohnungen haben meist ein Vorzimmer und eine gutausgestattete Küche. Die Eingangstür ist breit, auch jene, über deren Schwelle wir soeben getreten waren.
«Jan, bist du da?», rief Simonis.
Keine Antwort.
«Er wird inzwischen weggegangen sein», sagte ich.
Vom ersten Zimmer aus konnte man nach links oder rechts gehen. Wir wählten die rechte Seite und gelangten in die Küche. Wie in Wien üblich, gab es auch hier einen schönen Herd und eine große Vielfalt an Gerätschaften, die man in Rom nur in den reichsten, vorzüglich ausgestatteten Heimen findet. Im Erzherzogtum ob und unter der Enns ist das Geschirr immer von allerbester Qualität, und die Gabeln haben drei, ja sogar vier Zinken.
Die Familie Zwitkowitz hatte einige Küchenmöbel mitgenommen, doch nicht deren Inhalt: Kupferbesteck, metallene Kannen, Blechpfannen, Schüsseln aus Zink, Gläser jeder Art lagen auf dem Boden gestapelt oder übereinandergehäuft. Neben einem Satz Teller, der in einer Ecke darauf wartete, weggebracht zu werden, bemerkte ich einige rote Tropfen. Ich machte Simonis darauf aufmerksam.
«Blut», sagte er mit tonloser Stimme.
Eine große Anzahl an Lappen, Servietten und Tischtüchern aus feinem Stoff, mit schönen Stickereien verziert, ist in den Wiener Speiseschränken etwas durchaus Normales. Denn in den Küchen dieser Stadt fließen Öl und Fett in Strömen.
Auf einem Tisch bemerkte ich ein schönes Tischtuch mit passenden Mundtüchern, alle fein säuberlich eines über das andre gefaltet. Etwas fiel mir auf, als ich die Servietten zählte: Es waren drei, nicht sechs oder zwölf, wie gewöhnlich.
In Wien benutzen die Köchinnen besondere Bratspieße. Drei oder vier stecken sie mit Fleisch bestückt in den Ofen, einen über den anderen, sodass der Saft vom höchsten Fleischstück bis auf das unterste tropft. Da jedoch niemand gerne Stunden damit zubringt, vor dem Feuer zu sitzen, um die Spieße zu drehen, haben die Wiener einen ingeniösen Drehmechanismus erfunden, der wie eine Uhr durch Gewichte, Kugeln und Ketten gelenkt und von der Kraft des heißen Dampfes aus dem Ofen angetrieben wird. Dank dieses Mechanismus wird das Fleisch am Spieß gleichmäßig gedreht und kommt gut durchgebraten auf den Tisch des Hausherrn.
Auf dem Boden der Küche sah ich ein Abtropfbrett mit sechs Bratspießen. Wie üblich waren sie von ausgezeichneter Machart: Die lange, sehr scharf gewetzte Spitze mit Zähnchen, die sich im Fleisch verankern und verhindern, dass es zu leicht herausgezogen werden kann, war abnehmbar. Doch hier lagen nur vier Spitzen, zwei fehlten.
«Opalinski, wo zum Teufel bist du?», rief Simonis noch einmal ohne rechte Überzeugung.
Von der Küche gelangten wir in ein anderes Zimmer, die sogenannte Stube, die in Österreich weithin verbreitet ist und ein wenig unserem Speisezimmer ähnelt. Hier hält man sich meistens auf, denn der Raum besitzt einen geschlossenen Ofen besonderer Art, wie man ihn nur in den nördlichen Ländern findet. Er gibt eine schöne, laue und gleichmäßige Wärme und trotzt den Unbilden des Winters besser als jeder Kamin. In der Stube halten die Wiener gerne eine Vielzahl an Singvögeln und häufen allerlei Ziergegenstände an (seidenbespannte Paravents, Wandverkleidungen, Porzellan, Gemälde, Stühle, Spiegel, Wanduhren und Teller), welche den Besucher auf vielfache Weise behindern. Er kann kaum durch das Zimmer gehen, ohne gegen eines dieser Utensilien zu stoßen, worauf es unvermeidlich fällt und in tausend Stücke zerspringt – all dies Konzessionen an den Luxus, die Pater Abraham a Sancta Clara zu Recht missbilligt.
«Hier sind noch mehr Blutflecken», sagte ich, Gelassenheit vortäuschend, mit einem Blick auf den Boden.
«Ja. Und sie sind zahlreicher», bemerkte Simonis zerstreut, als sprächen wir über einen Riss an der Decke oder eine Blumenvase. Einige Flecken waren eher Schleifspuren, als sei jemand darauf ausgerutscht.
Als wir zum Eingang zurückkehrten, bemerkten wir, dass auch hier Blutstropfen waren. Wir hatten sie übersehen, als wir die Wohnung betreten hatten, denn sie befanden sich direkt auf der Schwelle der linken Tür, während wir nach rechts gegangen waren. Also gingen wir jetzt nach links.
Je nach Größe der Familie gab es in Wien in jeder Wohnung mindestens ein Schlafzimmer. Auf den Betten versinkt man in bequemen, mit Federn gefüllten Matratzen (die ach so viel weicher sind als die römischen!), eine Annehmlichkeit, die Pater Abraham a Sancta Clara tadelt, führt sie doch früher oder später zur Verweichlichung von Geist und Körper.
Wir betraten also das Schlafzimmer. Die Möbel waren von jener Machart, die nun schon seit langem in Mode ist, dem sogenannten Knorpelstil: dekoriert mit einem Gewirr formloser, unregelmäßiger Ornamente, jedoch durchaus gefällig. Rückenlehne und Sitz der Stühle hatten den üblichen Lederbezug, welcher mit Nägeln am Holz befestigt wird. Links stand ein schöner Klapptisch an der Wand. Auf der rechten Seite ein dreitüriger Schrank mit einer Nische und einer Statuette in deren Mitte. Daneben ein kleines Schränkchen, wie ein Tabernakel geschnitzt, das von zwei Statuen gekrönt wurde und in der Mitte eine Uhr enthielt. An den Wänden hingen eine kleine Pendeluhr und ein Spiegel.
Mitten im Zimmer stand schließlich ein großes Doppelbett. In der Luft hing ein merkwürdiger, eisenhaltiger Geruch. Vor dem Bett stand, mit dem Rücken zu uns gewandt, ein Sessel, in dem jemand saß. Er drehte sich um.
«Du!», rief Simonis aus.
Da bemerkte ich, dass der Grieche etwas aus dem kleinen Sack geholt hatte, den er seit Tagen mit sich führte: eine Pistole. Und er hielt sie auf den gerichtet, der uns hier empfangen hatte: Penicek.
«Was fällt Euch ein? Nicht schießen! Ich … ich bin verletzt!», rief der Pennal beim Anblick der Waffe.
Er stand mühsam auf, seine Beine zitterten. Den rechten Arm umklammerte er mit der anderen Hand, zwischen den Fingern trat Blut hervor. Auch von der linken Schläfe rann ihm ein dünner, blutroter Faden. Simonis und ich blieben reglos stehen, drei Schritt von ihm entfernt.
«Es war Opalinski», fuhr er fort, «er hat mir gesagt, wir sollten uns hier treffen.»
«Uns auch», sagte ich, «er hat uns ein Billett geschickt.»
«Als ich ankam, hat er mich gefragt, ob ich wüsste, wo Ihr seid. Er wartete auf Euch und war sehr nervös. Dann wurde es immer später, und er dachte, Ihr kämt nicht mehr. Also habe ich ihm gesagt, Ihr wäret vielleicht beschäftigt, denn heute solltet Ihr ja zum Neugebäu fahren.»
«Und du, Pennal? Was weißt du von dem, was wir tun oder nicht tun wollen?», fragte Simonis misstrauisch, die Pistole immer noch auf ihn gerichtet.
«Ihr habt gestern davon gesprochen, entsinnt Ihr Euch nicht? Hätte ich doch bloß nichts gesagt! Es war mein Verderben. Er hat ein Messer gezogen.»
Er machte eine Pause und stützte sich auf den Sessel.
«Jan hat Euch und mich zu diesem Treffen gelockt, um uns alle zu töten», hub Penicek wieder an, während er sich, von dem Zweikampf noch sichtlich erschüttert, den verletzten Arm heftig drückte. «Zwei Handlanger warteten auf der Straße auf Eure Ankunft. Sobald sie gesehen hätten, wie Ihr das Haus betretet, wären sie heimlich hinaufgegangen und hätten ihrem Anführer geholfen, Euch kaltzumachen.»
Mit Müh und Not auf seinem lahmen Bein das Gleichgewicht haltend, betrachtete er uns aus erschrockenen Augen und wartete auf unsere Reaktion. Wir blieben ungerührt.
«Plötzlich hat er mich angegriffen, ich habe mich verteidigt, wir sind beide zu Boden gestürzt und haben gekämpft. Schließlich …»
«Schließlich?», fragte mein Geselle kalt.
«… hat er mir mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen», sagte er, auf das Blut weisend, das ihm von der Schläfe rann. «Dann glaubte er wohl, ich sei tot, und ist geflohen.»
«Wann ist das passiert?»
«Ich weiß nicht … vor wenigen Minuten», keuchte er, dann blickte er ängstlich zum Ausgang. «Wenn Euch jemand gehört hat und jetzt kommt, was … was machen wir dann, Herr Schorist?», fragte er mit erstickter Stimme.
«Lass uns sofort gehen», versetzte Simonis.
«Und wohin?», fragte ich.
«An einen ruhigen Ort, wo wir uns ein wenig unterhalten können», sagte er, packte den Pennal am Kragen und schleifte ihn ohne Rücksicht auf seine Verletzungen und sein lahmes Bein zum Ausgang.
Der Frühling hatte einen Schritt rückwärts getan, der Tag war kühl und ungewöhnlich neblig, wenige Menschen waren auf den Straßen, außer einer schwarzen Kutsche, die langsam den gleichen Weg nahm wie wir. Tatsächlich hätte man keinen abgeschiedeneren Ort wählen können als jenen, wohin Simonis uns geführt hatte: den kleinen Friedhof des Bürgerspitals in der Nähe der Kärntnerstraße, wo Frosch behandelt wurde. Im Innenhof des Krankenhauses, in welches wir uns ungehindert eingeschlichen hatten, gab es zwischen der Krankenhauskapelle und den Festungsmauern eine kleine Gräberanlage. Ein feiner Regen fiel, zwischen den Grabsteinen war keine Menschenseele zu sehen.
«Opalinski hat uns eine Falle gestellt, und ich bin direkt hineingetappt», hub Penicek an, die Hand auf seine Wunde pressend. «Ich meine, wenn wir ihn noch Opalinski nennen wollen.»
Er hielt einen Augenblick inne. Sein Blick war gesenkt, auf die Gräber geheftet, die ihn umgaben. Fieberhaft irrten seine kleinen, kläglichen Augen von einem Stein zum anderen.
«Was willst du damit sagen?», fragte ich.
«Opalinski existiert nicht, es hat ihn nie gegeben. Sein richtiger Name ist … Glàwari.»
«Andreas Glàwari, um genau zu sein», fuhr er nach einer Pause fort, «und er stammt aus Pontevedro, er ist kein Pole. Das hat er mir gestanden, bevor er mich umbringen wollte. Er konnte ja nicht wissen, dass ich überleben würde. Daher hat er sich einen Spaß daraus gemacht, mir alles zu erzählen. Und so wie ich es gehört habe, wiederhole ich es jetzt für Euch. Alles.»
Danilo war die leichteste Arbeit gewesen. Er hatte Glàwari unvorsichtigerweise Ort und Stunde unserer Verabredung verraten, und so hatte er nur ein wenig früher kommen müssen, um sein Werk ungehindert zu verrichten. Das Opfer war seinem Mörder direkt in die Arme gelaufen und hatte ihn nicht einmal mehr erkannt. Erst als das Messer ihm schon in die Leber drang, hatte Danilo mit Erstaunen reagiert.
«Als Ihr ihn sterbend fandet, war das Einzige, was er Euch noch sagen konnte, der Name Eyyubs und jener der vierzigtausend Männer von Kasim, also eine der tausend türkischen Legenden um den Goldenen Apfel. Sie war das Ergebnis von Danilos Nachforschungen. Er dachte, er würde deswegen erstochen, und da er glaubte, es sei wichtig, hat er den letzten Atemzug damit verschwendet. Doch der Goldene Apfel hat nichts mit seiner Ermordung zu tun.»
Bei Hristo Hadji-Tanjov, dem Schachspieler, gestaltete sich die Tat ein wenig komplizierter. Der dickköpfige Bulgare hatte gewittert, dass man gut daran tat, nicht vor der ganzen Gruppe von der Sache zu reden.
Tatsächlich, dachte ich, während der Pennal sprach, der arme Hristo hatte sich mit Simonis und mir heimlich im abgelegenen Prater verabredet.
«Glàwari, der uns alle immer beschatten ließ, wusste bei der Versammlung in Populescus Wohnung schon, dass Hristo nicht kommen würde: Seine Komplizen hatten ihm gesagt, Hristo sei auf dem Weg zum Prater. So begriff er, dass der Bulgare seinen Freunden nicht mehr traute.»
«Und er tat gut daran», ermahnte ich ihn.
«Glàwari aber musste mit uns zu der Versammlung kommen, also hatte er zwei seiner Meuchelmörder, zwei Ungarn, mit dem Verbrechen beauftragt. Er hat mir sogar gesagt, wie sie heißen: Bela und Törek. Vorausgesetzt natürlich, es handelt sich um ihre richtigen Namen. Auf jeden Fall gehören sie zum Netz seiner Spione. Bei dem Mord an Hristo bestand die Gefahr, dass man von den Wachen oder von spielenden Kindern im Prater gehört wurde. Darum sollten die beiden Ungarn ein Messer benutzen. Zum Glück sei schließlich alles glatt gegangen, hat er mir grinsend erzählt. Gewiss, seine Männer hätten fast ein Unheil angerichtet, als sie auf Euch schossen. Euer Erscheinen war nicht vorgesehen. Glàwari hatte Anweisungen gegeben, jeden gefährlichen Zeugen zu eliminieren, doch er wusste nicht, dass Hristo ausgerechnet mit Euch eine Verabredung hatte. Als die Mörder sahen, wie aufmerksam Ihr die Leiche untersuchtet, haben sie sofort beschlossen, Euch aus dem Weg zu räumen. Meine Ankunft hat sie zum Glück davon abgehalten. Und stellt Euch vor, Glàwari hat mir sogar gedankt: Er brauchte Euch beide noch, hat er gesagt. Während er mir das alles erzählte, hat er gelacht», keuchte Penicek, «und er beschrieb mir genau, wie sie Hristo erst das Messer in den Hals stießen und seinen Kopf dann in den Schnee drückten, bis er sich nicht mehr rührte.»
Und dann war Dragomir Populescu an der Reihe. Hier habe die Sache den Gipfel der Gerissenheit erreicht, hatte Glàwari grinsend erzählt. Er wusste, dass sich der Rumäne bei Frauen stets einen Korb holte, und hatte eine Armenierin bezahlt, damit sie ihn umgarnte. Es war sehr einfach, ihn in die Falle tappen zu lassen, denn es hatte genügt, ihn auf eine Tasse Kaffee in die Blaue Flasche einzuladen, wo das Mädchen arbeitete. Der ahnungslose Dragomir hatte keinen Verdacht geschöpft.
«Es war eine Brünette, eine gewisse Mariza. Auf Anweisung von Glàwari hat sie sich mit ihm bei der Andacht auf dem Kalvarienberg verabredet.»
«Dann war es genau das Serviermädchen, das auch Atto und mich ein paar Tage zuvor bedient hatte! Wie dumm von mir, ich habe den Abbé geradewegs in die Höhle des Löwen geführt!», rief ich aus und dachte daran, wie viele Geheimnisse Melani mir im Kaffeehaus anvertraut hatte. Gott sei Dank hatte er mir die wichtigsten Dinge draußen beim Spazierengehen gesagt.
«Alle gehen in die Blaue Flasche, und Leute wie Glàwari wissen das. Dort gibt es immer jemanden, der einem zuhört. Kein Wunder bei den Armeniern: Sie spionieren für jeden, Hauptsache, sie werden ordentlich bezahlt.»
«Also auch an dem Abend, an dem Dragomir umgebracht wurde. Da war dieser Alte in der Blauen Flasche, der den Abbé mit seinem Gerede über die Tekupah und das verfluchte Blut erschreckt hat …»
«Alles für Euch organisiert. Doch die Grausamkeit, mit der Populescu gemeuchelt wurde, und dann der Fund des armenischen tandur mit seinem zerfetzten Geschlechtsteil: Das alles hatte einen Grund. Ihr solltet vermuten, dass die Familie der jungen Armenierin Dragomir wegen seines zu großen Interesses an der Frau ermordet hat. Die Armenier sind ein sonderbares Volk mit brutalen Gepflogenheiten, die die kühnsten Phantasien übertreffen. Ihr solltet auf eine falsche Fährte gelockt werden, die Euch verleitet hätte, immer weiter zu ermitteln. Und in der Tat seid Ihr darauf hereingefallen.»
Der Pennal hielt kurz inne und sprach dann stöhnend vor Schmerz weiter:
«Die Geschäfte der Armenier, der Goldene Apfel, die Türken, die gefährlichen Gewerbe jedes einzelnen Toten: All dies diente dazu, Euch in ständiger Ungewissheit zu halten. So hättet Ihr immer weiter gesucht, bis Ihr irgendwann den einen falschen Schritt getan hättet, durch den Glàwari erkennen konnte, wer Euch die Befehle gibt.»
«Befehle? Welche Befehle?», wunderte ich mich.
«Nun, wer Euch befohlen hat, Euch in Angelegenheiten einzumischen, die Euch nichts angehen.»
«Heißt das, Opalinski, ich meine Glàwari, glaubte, wir würden nicht auf eigene Faust handeln?», fragte ich mit vor Staunen geöffnetem Mund.
«Genau», erwiderte der Böhme.
Da hatte Glàwari sich getäuscht. Cloridia und ich waren aus eigenem Antrieb auf die Bedeutung des Satzes des Agas neugierig geworden, und das Ganze wäre im Sande verlaufen, wenn Simonis sich nicht erboten hätte, seine Kameraden mit Nachforschungen zu beauftragen.
«Diese Verbrechen haben also nur dazu gedient, Euch zu beschäftigen», fasste Penicek zusammen.
«Ein barbarischer Trick, um zu sehen, wie wir reagieren», sagte ich erschüttert.
«Wie die Katze mit der Maus», bestätigte Penicek und stöhnte vor Schmerz. «Zuletzt Koloman – das war ein unverhofftes Glück …»
«Einen Moment. Opalinski kann Koloman nicht getötet haben: Er war mit uns in der Himmelpforte!», unterbrach ihn Simonis, dessen Gesicht von Entsetzen und unterdrücktem Zorn entstellt wurde.
«Ja, natürlich», nickte Penicek sofort, sichtlich eingeschüchtert durch seinen Schoristen, «Opalinski, oder besser Glàwari, hatte Koloman nämlich schon umgebracht, bevor er in der Himmelpforte zu Euch stieß. Er war zusammen mit mir ins Kloster gekommen, weil er den festen Vorsatz hatte, mich in die Sache zu verstricken. Nicht ohne Grund hatte er ihn nach Prager Art aus dem Fenster geworfen. Wie ich schon sagte, es war ein unverhofftes Glück für ihn, dass Ihr mir den Auftrag gabt, zum Spezial zu gehen. Vorher hat er so getan, als wolle er Kolomans Versteck auf keinen Fall preisgeben. Doch von dem Moment an, da ich das Himmelpfortkloster verließ, um die Ingredienzien zu kaufen, besaß ich kein Alibi mehr und hätte meine Unschuld nicht beweisen können. Wir sind zwar alle Studenten der Medizin, doch Glàwari ist schlauer als ich: Er wusste, dass ich die galenische Zubereitung würde abwarten müssen und dass die lange Liste der Essenzen, die ich kaufen sollte, in der Spezerei zum Rothen Crebs Misstrauen erregen würde. Ach, hätte ich doch nur etwas geahnt! Ich wäre im Nu zurückgekehrt und hätte gewiss nicht so lange mit dem Spezial disputiert, und noch weniger hätte ich mir vor der dummen Statuette des Tscherkessen das Hirn zermartert!»
«Dann …», murmelte ich, «dann war also Opalinskis ganze Trauer über Kolomans Tod …»
«Die Wahrheit hat oft etwas Unglaubliches, ich weiß», sagte Penicek. «Dieser Teufel ist ein kaltblütiger Schauspieler! Doch eines Tages wird Gottes Strafgericht ihn ereilen. Ein Herz steht still, wenn Gott es will.»
«Darum hat Jan oder Andreas oder wie zum Henker er sich nennt, anfangs nicht erschrocken auf die Verbrechen reagiert!», rief ich aus. «Von wegen mutiger Pole!»
«Glàwari wusste genau», fügte Penicek hinzu, «dass Euer Verdacht bei der vierten Leiche unvermeidlich auf die Überlebenden fallen würde. Also auf ihn oder mich. Und er hatte alle notwendigen Vorkehrungen getroffen. Als Ihr Kolomans Tod zufällig um kurz nach drei Uhr nachmittags entdeckt habt, hatte der Herr Schorist schon vermutet, er könne unglücklicherweise aus dem Fenster gefallen sein. Dieser unvorhergesehene Zwischenfall hat Glàwari aus dem Konzept gebracht, also sah er sich gezwungen, mich direkt zu beschuldigen. Doch Ihr müsst bedenken: Er war der Einzige von uns, der die ganze Zeit wusste, wo Koloman sich versteckte.»
«Aber Allmächtiger Gott, warum denn nur?», fragte ich verwirrt.
«Ich habe es Euch doch gesagt: Er wollte wissen, wer hinter Euch steckt. Deswegen hat er alle Kameraden getötet, an denen der Herr Schorist besonders hing. Nur Hristo hat alles durchschaut, und darum ist er gestorben. Und er hatte begriffen, dass es unvorsichtig war, vor der ganzen Gruppe zu sprechen.» Der junge Böhme lachte hysterisch, dann seufzte er: «O Hristo! Aus unserem Leben bist du gegangen, in unserem Herzen bleibest du!»
Simonis und ich warfen uns einen raschen Blick zu. Der Pennal sprach weiter:
«Die Fährte, die zu den Türken führt, war reine Zeitverschwendung. Hinter dem Goldenen Apfel verbirgt sich gar nichts, es ist eine türkische Bezeichnung für Wien, mehr nicht.»
Diese Worte erschütterten mich, gleichzeitig ging mir ein Licht auf. Ich hatte richtig vermutet: Es gab wirklich eine Verbindung zwischen mir und den Verbrechen.
Ich raufte mir die Haare. Durch eine traurige Posse des Schicksals hatte die Reihe der Untaten mit einer falschen Einschätzung Glàwaris begonnen: Er hatte nicht glauben wollen, dass die Nachforschungen über den Goldenen Apfel sich meinem eigenen, ehrlichen Interesse verdankten; vielmehr war er überzeugt, ich würde einen Auftrag ausführen. Penicek kam zum Ende:
«Zuletzt war ich noch da. Glàwari hatte mich als Letzten ausersehen, weil niemand von Euch mich mag. Ihr verachtet mich alle, ich gehöre nicht zu Eurer Gemeinschaft. Ihr duldet mich nur, weil ich ein armer Pennal bin und Euch als Sklave diene. Ich war also viel nützlicher als möglicher Täter statt als Opfer. Hätte er mich kaltgemacht, hättet Ihr nicht sonderlich um mich getrauert. Aber Ihr hättet alle bereitwillig an meine Schuld geglaubt, sobald Glàwari anklagend auf mich gezeigt hätte.»
Diese Worte lösten in mir jenes Bedauern aus, das ich mir allzu lange verhehlt hatte: Wie hatte ich mich doch täuschen lassen! Und wie falsch war es gewesen, niemals gegen die Grausamkeiten zu protestieren, mit denen der arme Pennal traktiert wurde!
«Nachdem er mich dort oben in der Wohnung fertiggemacht hatte», schloss Penicek, «verging die Zeit, und Glàwari brannte der Boden unter den Füßen. Ihr kamt nicht, also fürchtete er, Ihr hättet Lunte gerochen, und hat sich aus dem Staub gemacht.»
«Einen Augenblick, ich verstehe das noch nicht», hielt ich ihn zurück. «Glàwari kannte Simonis und die anderen schon seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in Bologna, also schon lange vor meiner Ankunft in Wien. Ist das ein Zufall, oder hat er Simonis schon damals hinterherspioniert? Und wenn ja, warum?»
Der Pennal antwortete nicht sofort. Er schien nur mühsam atmen zu können. Die Verletzung schmerzte ihn heftig. Dann sprach er:
«Glàwari lebt in einer anderen Welt, einer Welt aus Einsamkeit, Lügen und schmutzigen Spielchen. Er ist ein Geheimagent. Er wird dazu eingesetzt, äußerst heikle Operationen zu decken. Mehr hat er mir nicht verraten. Er war schon vor vielen Jahren dafür ausgesucht worden, Simonis nachzuspionieren. Darum hat man ihn nach Bologna geschickt.»
Simonis sagte nichts dazu. Die Pistole hielt er immer noch unter seinem Mantel gezückt.
«Aber Simonis und die anderen sind wegen der Hungersnot schon vor zwei Jahren nach Wien gezogen!», wandte ich ein. «Ich aber bin erst seit wenigen Monaten hier. Wie ist es möglich, dass …»
Hier blickte Penicek meinen Gehilfen mit aufgerissenen Augen an.
«… ein Bettelstudent der Medizin und Rauchfangkehrergeselle einen Spion wie Glàwari so sehr zu interessieren vermag? Ganz einfach, weil auch er nicht das ist, was er zu sein scheint. Weil er nicht Simonis Rimanopoulos, sondern Symon Rymanovic heißt und ein Pole mit griechischer Mutter ist.»
«Du?», rief ich aus und sah zu Simonis.
«Aber Ihr dürft nicht glauben, er sei ein einfacher Spion», hielt Penicek mich zurück. Dann sagte er, immer heftiger nach Luft ringend, zu meinem Gesellen: «Ihr, Herr Schorist, seid in Wirklichkeit einer der tüchtigsten und treuesten Diener des Heiligen Römischen Reiches. Ein selbstloser Verteidiger der Sache Christi, nicht wahr?»
Simonis wurde kreidebleich, aber er antwortete nicht. Langsam ließ er die Pistole sinken. Ich sah ihn wie gelähmt an. Es war, als hätten Peniceks Worte ihn und seine Waffe mit einem unsichtbaren Leichentuch umhüllt, das ihn wehrlos machte: das Leichentuch der Wahrheit.
«Jetzt entschuldigt mich bitte, Herr Schorist», keuchte der Pennal schließlich, indem er sich erhob. «Ich ertrage die Schmerzen nicht länger, ich werde mich im Spital verarzten lassen. Meine Kräfte sind zu Ende, nimm mich, Herr, in deine Hände.»
Seine Wunde reibend, näherte er sich mit seinem hüftlahmen Gang einer der Türen hinter uns, die in das Krankenhaus führten.
Ich wollte ihm nachsehen und drehte mich um. In diesem Augenblick fiel mein Blick zufällig auf einen der Grabsteine:
MEINE KRÄFTE SIND ZU ENDE,
NIMM MICH, HERR, IN DEINE HÄNDE
ANDREAS GLÀWARI 1615-1687
Und gleich daneben auf dem Nachbarstein:
AUS UNSEREM LEBEN BIST DU GEGANGEN,
IN UNSEREM HERZEN BLEIBEST DU
BELA TÖREK 1663-1707
Und der nächste, ein noch größerer Hohn als die anderen:
EIN HERZ STEHT STILL,
WENN GOTT ES WILL.
GEH MIT GOTT, GROSSMUTTER
MARIZA 1623-1701
Zu spät. Simonis und ich stürzten los, Penicek hinterher. Wir kamen gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie er mit flinkem Schritt (wo war das lahme Bein geblieben?) die schwarze Kutsche erreichte, die uns zum Bürgerspital gefolgt war. Er gönnte uns einen letzten, gleichgültigen Blick, schloss den Wagenschlag und warf etwas aus dem Fenster. Dann verschwand er unter dem Hufgeklapper der Pferde. Wir hielten erst inne, als wir die Stelle erreicht hatten, wo die Kutsche losgefahren war. Am Boden erblickten wir, was Penicek eben fortgeworfen hatte: die kleine Brille, die ihm bis jetzt dazu gedient hatte, die Rolle des schüchternen, unbeholfenen Pennals zu spielen. Es war klar, dass wir ihn nie Wiedersehen würden.
Wenige Minuten später waren wir wieder in demselben Schlafzimmer, in dem wir Penicek gefunden hatten. An der hinteren Wand befand sich eine Tür, die in den einzigen Raum führte, den wir noch nicht gesehen hatten, wahrscheinlich ein Kabinett. Der eisenhaltige Geruch, den ich bei unserem ersten Besuch wahrgenommen hatte, war nun stärker, fleischlicher geworden. Simonis stellte sich vor die Tür. Sie war abgeschlossen, es steckte kein Schlüssel. Nach einigen kräftigen Stößen mit der Schulter öffneten sich beide Flügel gleichzeitig, wie der Vorhang eines Theaters. Sie prallten von den Wänden zurück und schlossen sich hinter unserem Rücken. Jetzt waren wir zu dritt.
Er sah aus wie eine Kreuzung zwischen Mensch und Käfer. Zwei lange schwarze Fühler ragten ihm aus dem Gesicht, Kopf und Oberkörper waren blutüberströmt. Kurz bevor er starb, war er auf den Stuhl gesunken, vor dem wir jetzt standen. Das Blut war von seinem Oberkörper bis auf den Boden geflossen.
Jemand, der gewandt wie ein Messerwerfer sein musste, hatte ihm die beiden fehlenden Bratspieße aus der Küche in die Augen gebohrt, so plötzlich, dass er sich nicht mehr hatte wehren können. Dann hatte er ihn aufgeschlitzt. Die drei bestickten Mundtücher vom Küchentisch waren ihm so tief in den Rachen gestopft und mit einer zweifach um den Hals gewickelten Schnur im Mund versiegelt worden, dass er gewiss nicht hätte um Hilfe schreien können. Wer weiß, ob er verblutet (zehn oder zwanzig Messerstiche sind für jeden zu viel) oder erstickt war.
Wir mussten uns beide übergeben.
«Diesmal sind wir wirklich in Schwierigkeiten», hub ich an, als ich wieder sprechen konnte. «Man hat uns im Haus gesehen. Sie werden uns suchen.»
«Das ist nicht gesagt. Das falsche Motiv für den Mord wird uns nützen», sagte Simonis kalt.
«Was heißt das?»
«Es wird wie eine Rache des Herrn Zwitkowitz oder wie ein Streit unter Studenten aussehen.»
«Wegen eines Streites bohrt man seinem Mitmenschen keine Spieße in die Augen!»
«Wegen einer Zwangsräumung schon.»
«Nicht in Wien», erwiderte ich.
«Hier leben Leute aus Halb-Asien, die es für viel weniger tun würden.»
«Und Zwitkowitz’ Name klingt, als stamme er aus jener Gegend.»
«Eben.»
Wir gingen hinaus. Im Erdgeschoss war die Alte von vorhin nicht mehr zu sehen. Auf der Straße zitterten mir noch die Beine, aber die eiskalte Luft peitschte uns wohltuend ins Gesicht. Alles (die Häuser ringsum, der Himmel) stand mir klar vor Augen und wirkte gleichzeitig unendlich fern. Ohne ein Wort zu sprechen, gingen wir zum Kloster. Ich erwartete, dass Simonis mir etwas sagen würde, dass er mir eine Erklärung gab oder es wenigstens versuchte. Aber er schwieg. Wer auch immer er in Wirklichkeit war, das Entsetzen über den Mord an Opalinski hatte auch ihn überwältigt. Ich fühlte mich wie in ein anderes Universum katapultiert. Alles veränderte sich mit diesem verfluchten Spanischen Erbfolgekrieg, alles.
Die Zeit des Menschen war beendet, es begann die lange Agonie der Welt: die Letzten Tage der Menschheit.
«Er stand im Dienst der Mächtigen. Das sind Männer, die im Verborgenen arbeiten und imstande sind, alles in sein Gegenteil zu verkehren: Sie vertauschen den Mond mit der Sonne. Darum tauchten die Namen der Studenten in den Todesanzeigen der Gazette nicht auf.»
Nachdem ich mehr tot als lebendig in Attos Zimmer gestürzt war, um ihm von den jüngsten Ereignissen zu berichten, hatte Atto Domenico unter einem Vorwand nach draußen geschickt. Der Abbé war neu gekleidet und offensichtlich wieder zum Handeln aufgelegt. Während er Peniceks Flucht kommentierte, hörte ich mit abwesendem Blick zu. Wir waren allein und konnten auch über meinen Gesellen sprechen.
«Es ist kein Zufall», sagte er, «dass Simonis dir riet, den anderen Studenten nichts über den Derwisch und sein Geschäft mit abgeschnittenen Köpfen zu verraten. Er wollte sie nicht zu früh entmutigen, er brauchte sie noch. Denn in einem Punkt hat Penicek tatsächlich nicht gelogen: Auch Simonis ist ein Spion. Von wegen Idiot! Ich hatte es dir gesagt. Er hat sich verstellt. So ist es, wenn man ein Leben lebt, das nicht das eigene ist, sondern einem geheimen Herrn gehört.»
«Gütiger Himmel», jammerte ich, «werde ich denn niemandem je vertrauen können? Wer ist Simonis Rimanopoulos oder, besser, Symon Rymanovic?»
«Wer soll das schon sein?», entgegnete der Abbé brüsk, «vielleicht weiß er es nicht einmal selbst. Frag dich nur, wer er bis jetzt für dich war! Das Gleiche gilt, wenn du dir über mich Gedanken machst: Es zählt nur, wer ich für dich bin, der Rest ist Spekulation. Nur Gott der Herr kennt uns alle.»
Wenn von Spionen die Rede war, ließ Abbé Melani sich keine Gelegenheit entgehen, Wasser auf seine Mühlen zu gießen. Wie überaus gelegen wäre es ihm gekommen, wenn ich mich niemals gefragt hätte, wer er wirklich war!
«Ich werde mit ihm sprechen. Er schuldet mir eine Erklärung», kündigte ich an, ohne von meinem Vorhaben wirklich überzeugt zu sein.
«Lass es sein. Die Dinge sind schon kompliziert genug. In Fällen wie diesem, wo alles so verworren ist und schon hinter der nächsten Ecke der Tod lauert, musst du nur wissen, für wen der Mensch an deiner Seite arbeitet, ob für Gott oder den Mammon. Alles andere ist hinderlich. Und Simonis kannst du vertrauen.»
Jetzt, nach meiner Erzählung, hatte Atto seine Meinung über den Griechen geändert. Wie Tiere sich mit Hilfe des Geruchssinns erkennen, hatte der Spion Melani den Spion Simonis erkannt und für sich beschlossen, dass Simonis nicht sein Gegner war. Wie wir alle waren auch die beiden von Penicek getäuscht worden, und die großen Mächte, von denen Atto sprach, schienen die beiden Reiche, deren Untertanen Atto und Simonis waren, auf dieselbe Weise angegriffen zu haben: mit den mysteriösen Blattern Josephs in Wien und jenen des Grand Dauphins in Paris.
Nun spekulierten Atto und ich gemeinsam, was sich abgespielt haben könnte. Am Vorabend der Ankunft des Agas in Wien hatten die dunklen Mächte, die an der Verschwörung gegen den Kaiser teilnehmen sollten, höchste Alarmbereitschaft ausgerufen. Männer wie Simonis waren unter Aufsicht gestellt worden. Für den Griechen hatte man Penicek ausgesucht. Darum hatte der Pennal ihn zu seinem Schoristen erwählt! Peniceks Auftraggeber hatten ihn wahrscheinlich Simonis zugeteilt, weil beider Bildungswege verwandt waren: Auch Penicek war ein Student der Medizin und hatte in Italien, in Padua, studiert.
Manchmal hatte Penicek unsere Pläne nicht belauschen oder vorhersehen können, weil wir nicht immer in seiner Kalesche gefahren waren. Er hatte uns Tag für Tag kontrolliert, wenn er uns mit seiner sonderbaren Kutsche, die zu jeder Zeit und überall passieren durfte, an die unterschiedlichsten Orte brachte. Nachdem er Tod und Verderben unter uns gesät hatte, war es ihm in einer raffinierten Umkehrung gelungen, Opalinski, den er zuvor ermordet hatte, als das auszugeben, was er selbst war: ein blutrünstiger Spion.
In der Wohnung, in der er den armen Opalinski massakriert hatte, hatten wir ihn überraschen können.
Und dann seine Rekonstruktion der Ereignisse: Alles war wahr, doch statt Opalinskis Namen musste man einfach nur Peniceks einsetzen! Er war es gewesen, nicht Opalinski, der uns alle zu einer Verabredung in diese Wohnung gelockt hatte. Er hatte das von den Kaiserlichen Behörden requirierte Haus ausgesucht, damit wir glaubten, es sei Jan gewesen, der den Hinterhalt vorbereitet hatte. Doch wir waren über eine Stunde zu spät gekommen. Im Glauben, wir hätten Verdacht geschöpft, hatte er den armen Polen hingerichtet. Kaum war sein Meisterwerk der Grausamkeit vollbracht, hatte er wohl unsere Schritte die Treppen heraufkommen hören. Mein Gehilfe musste schon vorher etwas bemerkt haben, vielleicht die schwarze Kutsche. Darum hatte er plötzlich umkehren wollen. Weil wir dann über die anliegenden Häuser hereingekommen waren, hatten Peniceks Handlanger uns nicht gesehen.
Als der Böhme erkannte, dass seine Männer nicht mehr kommen würden, um ihm zu helfen, hatte er Janitzkis gemarterten Körper in dem Kabinett eingeschlossen, den Schlüssel weggeworfen und sich hingesetzt, um auf uns zu warten. Er saß in der Falle, doch kaltblütig spielte er, der Täter, nun das Opfer. Den Blutgeruch, der das Zimmer erfüllte, hatten wir uns mit dem Zweikampf erklärt, von dem der Pennal erzählte (wie lächerlich klang dieser Name jetzt für einen derartigen Betrüger und Mörder!).
Gewiss trug er eine Pistole bei sich, doch zunächst hatte er den unblutigen Weg versucht: Indem er uns ankündigte, schon bald könne ein von den Schreien angelockter Passant erscheinen, hatte er uns bewogen, die Wohnung in aller Eile zu verlassen, und so verhindert, dass wir Opalinskis Leiche entdeckten. Sonst hätte er die Waffe ziehen und sich mit Simonis in einem Duell messen müssen, das für beide tödlich ausgegangen wäre. Die schwarze Kutsche, die ihn auf der Straße erwartete, war uns gefolgt, wahrscheinlich auf einen heimlichen Wink Peniceks hin.
Sein Bericht auf dem Friedhof war in Wirklichkeit ein Geständnis. Indem er Opalinski als Akteur ausgab, hatte er alle Morde beschrieben, die er selbst begangen hatte. Er hatte die beste Form der Erfindung gewählt: tatsächliche Ereignisse schildern und nur die Personen austauschen. Immer, wenn er einen falschen Namen brauchte, und sei es nur, um seine Erzählung mit Einzelheiten oder mit einer betrübten Apostrophe auszuschmücken, um noch überzeugender zu wirken, hatte er sich bei den Grabsteinen von Glàwari, Mariza, Bela und Törek und den jeweiligen Epitaphen bedient.
Danach war er in der schwarzen Kutsche geflohen, die in der Nähe auf ihn gewartet hatte. Vor der Stadt würden ihn andere Vertreter seiner mordlustigen Rasse in Empfang nehmen, andere Vertreter des unsichtbaren Netzwerks, das Europa besudelte.
Der Böhme (oder Pontevedriner?) hatte uns alle getäuscht. Aber allmählich gelangte jedes Mosaiksteinchen an seinen Platz. Als Simonis und ich uns in seiner Kalesche zu Hristo begaben, hatte Penicek unter dem Vorwand der Prozessionen versucht, längere, umständlichere Wege zu nehmen, um unsere Ankunft im Prater zu verzögern. Er fürchtete wohl, seine gedungenen Mörder würden auch uns töten, wie er selbst uns auf dem Friedhof des Bürgerspitals erzählt hatte. Darum war mein Angreifer, als er Penicek auftauchen sah, sofort verschwunden, ohne zu kämpfen: Er hatte seinen Auftraggeber erblickt.
Nach dem Verbrechen an Dragomir Populescu hatte Penicek darauf bestanden, die Leiche sofort verschwinden zu lassen, ja, er hatte uns fast dazu gezwungen. Er wusste, dass ein dritter Toter nicht unbemerkt bleiben und dass wir uns früher oder später fragen würden, warum es nicht die geringsten Nachforschungen seitens der Behörden gab. Also hatte er den Körper des Rumänen verstecken lassen und seine beiden Komplizen vor unseren Augen mit der Tat betraut. Hätten wir je vermutet, dass sie alles andere als zwei harmlose Kutscher waren?
Bei Koloman hatte der angebliche Prager seine teuflischen Künste zur vollen Entfaltung gebracht. Der vermeintliche Kniff des Balamber war reine Erfindung, wie auch Attilas kryptographisches Talent und Szupáns Leidenschaft für Geheimschriften. Mit Zweifeln, ebenso unschuldig wie geschickt eingestreut, mit treffenden Bemerkungen im rechten Augenblick, mit ad hoc erfundenen Geschichten hatte er uns dazu gebracht, das zu tun, was er wollte. Dennoch hatte ich ihn, wenn er uns seine Märchen auftischte, manchmal zögern und die Augen zum Himmel heben sehen, als suche er nach einer guten Idee. Wie hatten wir nur alle auf ihn hereinfallen können? Man musste anerkennen, dass es Penicek weder an Einfallsreichtum noch an Geistesgegenwart gebrach. Und dann auch noch der gänzlich aus der Luft gegriffene mordende Augustinermönch und das Palais des Tscherkessen, welches in Wahrheit (wir mussten es nicht einmal mehr überprüfen) gar nicht Prinz Eugen gehörte!
Ich kündigte dem Abbé an, dass es noch mehr Neuigkeiten gab. Schon am gestrigen Abend hätte ich ihn darüber in Kenntnis setzen wollen, doch es sei unmöglich gewesen, er habe zu Tode erschöpft in seinem Bett gelegen: Cloridia habe im Palais Eugens von Savoyen in Erfahrung gebracht, dass die Türken und der Derwisch bei der medizinischen Behandlung des Kaisers mitzuwirken gedachten, und dies mit Billigung des Kaiserlichen Proto-Medicus, jenes von Hertod, den Cloridia zu einer Begegnung mit Ciezeber habe eilen sehen. Noch am heutigen Tage solle bei Joseph der entscheidende Eingriff vorgenommen werden, wenn dies nicht schon geschehen sei.
«Waaaas? Und du hast diesen Aberwitz geglaubt?» Bei meinen letzten Worten hatte Attos Gesichtsfarbe gewechselt.
«Aber Signor Atto, es erschien mir wahrscheinlich, dass die Osmanen …»
«Es ist ganz und gar nicht wahrscheinlich! Wie kommst du nur auf die Idee, dass ein indischer Derwisch osmanischen Glaubens sich der Gesundheit eines Kaisers annimmt, der den Wahren Glauben vertritt? Ein weniger wurmstichiges Hirn als das deine würde einen solchen Unsinn sofort ausschließen! Ich wundere mich nur über Monna Cloridia. Du und sie, ihr habt wirklich gar nichts begriffen! Das ist das Todesurteil für den Kaiser!»
Es blieb keine Zeit mehr zum Debattieren. Eine halbe Stunde später saßen wir bereits in einer Mietkutsche, ähnlich derjenigen Peniceks, auf der Fahrt zum Ort Ohne Namen. Ich durfte mich nicht verspäten: Die Gendarmerie erwartete mich und meinen Gehilfen, damit ich die Ereignisse des gestrigen Tages zu Protokoll gab. Ich hätte mit unserem Kaminkehrerkarren zum Neugebäu fahren können, doch Atto wollte, wie er schon gestern verkündet hatte, uns um jeden Preis begleiten. Ich hatte dafür gesorgt, dass er schlichte Kleidung anlegte, und ihm Perücke, falsche Schönheitsflecke und Wangenrot verboten. Ich würde ihn als einen alten Verwandten ausgeben, für den ich vorübergehend sorgen musste. Er hatte sich nicht gewehrt.
Wir saßen also zu dritt in der Kutsche: Abbé Melani – in einem so naturbelassenen Zustand kaum wiederzuerkennen –, Simonis und ich. Unseren Kleinen hatte ich nicht mitnehmen wollen, ich hatte ihn in sicherer Obhut bei Cloridia im Himmelpfortkonvent gelassen. Der jetzt nicht mehr einfältige Blick meines Gehilfen war zum Horizont gerichtet. Ich ahnte, dass er keinerlei Absichten hatte zu sprechen, und forderte ihn, dem Ratschlag des Abbés folgend, auch nicht dazu auf. Atto saß mit Schmollmund und gerunzelten Brauen auf seinem Platz. Die Nachricht von der heimlichen Operation, welcher der Kaiser unterzogen werden sollte, hatte ihn in so düstere Stimmung versetzt, dass man meinen konnte, er stünde im Dienst Ihrer Kaiserlichen Majestät statt des Allerchristlichsten Königs von Frankreich.
Noch immer hatte ich den Geruch von Blut in der Nase. Die Bilder und Ereignisse der letzten Stunden peinigten mich. Der Pennal hatte eine tiefe Furche der Angst und Entfremdung von allem, was mich umgab, in meine Seele gegraben. Er war unter uns, doch keiner von uns gewesen. Er hatte das Aussehen eines Menschen und gehörte doch zu einer anderen Rasse: Er war ein Steuermann der neuen Ordnung, des Untergangs der Menschheit. Er hatte die akademischen Gebräuche ausgenutzt, sich mit Hilfe der Deposition unter uns geschmuggelt und war so zu Simonis’ Schatten geworden.
Wie falsch hatte ich Penicek eingeschätzt!, sagte ich mir zum zweiten Mal an diesem Tag. Jetzt wusste ich es: Will man einen Menschen beurteilen, schaue man ihm in die Augen! Blicken sie boshaft wie jene des Pennals, der aussah wie ein bebrilltes Frettchen, kann die Seele, die sich dahinter verbirgt, nichts Gutes enthalten. Nie sollte man sich von der Logik irreleiten lassen, dieser so ungenügenden menschlichen Kunst, die uns verführt, unsere Mitmenschen nach ihren Worten und unseren Einschätzungen zu beurteilen. Die Augen hingegen, der Spiegel der Seele, lügen nie!
Simonis, so dachte ich, hatte diesen bösen Blick nicht. Keine Sekunde lang hatte ich jenes befremdliche Flackern in seinen Augen gewahrt, das uns unerklärlicherweise zusammenzucken lässt. Seine Augen hatten etwas Reines, doch sie verboten mir, in seine Seele vorzudringen.
Plötzlich aber packte mich Widerwille: ein falscher, bebrillter Hüftlahmer gegen einen falschen Idioten – was für ein feines Pärchen! Die ganze Zeit war ich bemüht gewesen, mich nicht wieder von Abbé Melani übertölpeln zu lassen, und hatte daher von den Machenschaften dieser beiden nichts bemerkt. Einer log für einen guten, der andere für einen bösen Zweck, doch konnte ich wirklich sicher sein, dass Simonis, wenn seine Mission es erfordert hätte, mich und vielleicht sogar meinen kleinen Lehrjungen nicht dem geopfert hätte, was er für «die gerechte Sache» hielt? Man weiß ja, wie Spione wirklich sind, dachte ich erschauernd.
«Was hat es für einen Sinn, sich den Kopf zu zerbrechen?», flüsterte Atto mir ins Ohr, als hätte er an meinem Schweigen erkannt, worüber ich grübelte. «Jeder ist für seine Taten selbst verantwortlich. Am Tag des Jüngsten Gerichts werden wir allein vor Gott stehen. Keiner wird seine Verbrechen hinter dem Vorwand des Gehorsams verstecken können, denn ihm wird geantwortet werden: Du hättest ungehorsam sein und dein Leben dafür geben können, dann hättest du ewiges Leben im Himmelreich erlangt.»
Der Abbé sprach auch für sich selbst. Nur allzu gut entsann ich mich, dass der Gehorsam gegenüber seinem König auch ihn zum Verbrechen getrieben hatte.
«Doch vergiss nie», fügte er, mit lauter Stimme deklamierend, hinzu: «Gott bedient sich eines jeden von uns, wie und wann er will; sogar dieses Penicek, obwohl er selbst vom Gegenteil überzeugt ist. Uns wird kein Haar gekrümmt, ohne dass der Allerhöchste es so will. Die Pläne seiner Liebe sind so groß, dass es uns Sterblichen nicht gegeben ist, sie zu verstehen.»
Ich betrachtete Abbé Melani mit finsterer Miene. Jetzt, am Ende seines Lebens, mochte er gut predigen; doch wie oft hatte auch er mich in der Vergangenheit für seine schändlichen Umtriebe missbraucht und mich in Lebensgefahr gebracht?
In diesem Augenblick hob Simonis, von Attos Worten überrascht, die Augen, und beider Blicke kreuzten sich. Und da verstand ich.
Mein Herz sah all das, was die beiden Spione, der junge und der alte, sich in dieser Sekunde zu sagen hatten. Zum ersten und einzigen Mal sprachen sie ohne Maske miteinander. Ich sah die Illusionen, die heimliche Trauer, die Wiederauferstehungen, die Entschlossenheit zum Kampf, die Kaltblütigkeit und die Leidenschaft, schließlich das Wissen – dem vermeintlichen griechischen Studenten angeboren, im Kastraten hingegen gereift – um die göttliche Ordnung der Dinge. Beider Leben spiegelte sich in den Pupillen des anderen. Das alles währte nicht länger als einen Augenblick, doch er genügte mir, um Klarheit zu erlangen. Vor dreißig Jahren hätten sie gewiss nicht auf der gleichen Seite gestanden, sondern hätten sich bekämpft, der Spion des Sonnenkönigs und der treue Diener des Heiligen Römischen Reiches. Jetzt aber zogen sich beide zurück, angesichts des Absturzes der Welt in die Finsternis. Und lernten sich endlich kennen! Darum hatte Melani diese Worte in Simonis’ Gegenwart gesprochen.
Gleich einem fauligen Aufstoßen aus dem Magen kehrte plötzlich das käfergleiche Bild des armen Opalinski vor mein geistiges Auge zurück.
«Warum nur eine solche Grausamkeit?», fragte ich kopfschüttelnd. «Es war doch nicht mehr nötig! Penicek war gekommen, um uns zu töten, er wollte kein Verwirrspiel mehr treiben. Der tandur mit Dragomirs Scham hatte dazu gedient, uns in die Irre zu führen, aber warum nur musste er Janitzki die Spieße in die Augen und die Mundtücher in den Schlund bohren und ihn zu einem so entsetzlichen Tod verdammen?»
«Es war die einzige Möglichkeit für den schmächtigen Pennal, über Opalinskis massigen Körper zu siegen», antwortete Simonis. «Seine Männer kamen nicht, weil sie unten auf uns warteten. Also hat er Opalinski allein angegriffen; die beiden haben gekämpft, und Penicek wurde verletzt. Er obsiegte, indem er ihm mit den Spießen das Augenlicht nahm. Er muss ein erfahrener Messerwerfer sein. Die Augenhöhlen gehören zu den wenigen Körperstellen, die bei allen Menschen weich sind – werden sie durchbohrt, gelangt man bis ins Hirn. Die Schmerzen sind unsäglich. Seine Pistole konnte er nicht benutzen, weil er keinen Lärm machen durfte. Er mag vielleicht Schutz auf allerhöchster Ebene genießen, doch ein Schuss wird von zu vielen Menschen gehört, und die Situation kann außer Kontrolle geraten. Aus dem gleichen Grund hat er seinem Opfer danach die Servietten in den Mund gestopft: Es sollte nicht schreien. Den Rest hat das Messer besorgt.»
Die Gewandtheit, mit der mein Gehilfe den Hergang des Verbrechens beschrieb, bedrückte meine Seele noch stärker. Ich werde alt, dachte ich, doch wieder einmal war ich der Naivste in der Gruppe; und diesmal hatte ich nicht nur einen Spion vor mir, sondern zwei.
«Verzeihung, mein Junge», mischte sich Atto ein. «Was hast du gesagt? Penicek war gekommen, euch zu töten …?»
«Ja, Signor Atto, das habe ich Euch doch schon gesagt.»
«Ja, ja, aber mir fällt erst jetzt ein, dass … Mein Gott! Warum habe ich nicht eher daran gedacht?»
Allein, ich hatte keine Zeit mehr, Melani zu fragen, was er sagen wollte. Wir waren am Ort Ohne Namen angekommen und standen vor der kleinen Gruppe Garden, die uns schon erwartete.
Kaum hatten wir einen Fuß auf den Boden gesetzt, führten sie uns alle drei zum Schloss. Es herrschte eine unwirkliche Atmosphäre: Kein einziges Tier lief mehr herum, alles war in Stille getaucht. Es stimmte traurig zu wissen, dass nicht einmal mehr der grobe Frosch mit seiner Flasche und dem alten Mustafa zugegen waren.
«Und die Löwen? Habt Ihr sie alle eingefangen?», fragte ich, um das Schweigen zu brechen.
«Los, weitergehen!», winkte einer, der die Befehle zu geben schien, und forderte auch Abbé Melani auf mitzukommen.
«Eigentlich habe ich nichts mit dem gestrigen Durcheinander zu tun, er ist es, der alles zu Protokoll geben muss», protestierte Atto, «könnte ich nicht hier draußen warten?»
Die Garden waren unerbittlich. Wir wurden in das Innere des Schlosses und dort in das Kellergeschoss geführt. Einer der Männer, die uns begleiteten, kam mir irgendwie bekannt vor. Wir machten in der westlichen Galerie halt, dort, wo wir am Vortage die Schritte von Bübchen, dem im Neugebäu versteckten Elefanten, gehört hatten.
Ein Mensch, der wie eine Amtsperson gekleidet war und den ich für einen Gerichtsnotar hielt, ergriff das Wort. Er begann, ein Dokument in deutscher Sprache vorzulesen, von dem ich fast nichts verstand. Ich wandte mich mit fragendem Blick an Simonis, indes der Notar weiterlas.
«Auch ich verstehe nichts», flüsterte mir Simonis mit nachdenklicher Miene zu.
Der Notar hielt inne, und plötzlich änderte sich die Situation. Der Gendarm (wenn es einer war), der mir bekannt vorkam, zog Ketten hervor, und an dem Tonfall, in dem der Notar uns nun anschrie, erkannte ich, dass sie für unsere Handgelenke bestimmt waren. Wir waren verhaftet. Doch die Operation wurde durch eine weitere Überraschung unterbrochen.
Denn in diesem Augenblick geschah etwas so Irrwitziges, dass es dem Traum eines Betrunkenen entsprungen schien. Ciezeber trat ein und grüßte uns höflich auf Italienisch.
«Der Derwisch!», flüsterte ich Simonis leise zu, starr vor Staunen.
Ciezeber lächelte freundlich. Einige Augenblicke lang entstand eine unwirkliche Stille im Kellergewölbe des Schlosses.
«Was geschieht hier?», fragte ich.
«Vielleicht habt Ihr schon verstanden, was Euch der Notar vorgelesen hat. Ein Dekret der Kaiserlichen Kammer. Ihr seid verhaftet wegen Verschwörung gegen das Reich und weil Ihr einen Anschlag auf den Gesandten der Hohen Osmanischen Pforte, Cefulah Aga Capichi Pascha, geplant habt.»
«Verschwörung? Das ist natürlich ein Irrtum», protestierte Atto, «ich komme aus Italien und …»
«Schweigt, Abbé Melani», unterbrach ihn der Derwisch, «wir wissen bereits, wie Ihr Euch in Wien eingeschlichen habt. Und hört auf, den Blinden zu spielen!»
Attos Tarnung war aufgeflogen. Der Derwisch und die wunderliche Truppe, die ihn umgab, Garden oder nicht, wussten, dass Atto Melani nicht der Kaiserliche Postmeister Milani war. Da begriff ich.
Alles hatte sich zu rasch abgespielt, als dass wir uns rechtzeitig hätten retten können. Noch vor wenigen Minuten war Atto ein Licht aufgegangen, doch da waren wir bereits im Neugebäu angekommen.
Eines hatte uns Penicek auf dem Friedhof verschwiegen: Er hatte uns nicht gesagt, wer unser Anführer war, da er ja glaubte, wir hätten einen. Er wollte uns töten, ein Zeichen dafür, dass er erfahren hatte, wer der große Fisch war, von dem Simonis und ich seiner Meinung nach unsere Befehle erhielten. Er war also überzeugt, endlich herausbekommen zu haben, wer das war. Und wen sonst hätte er verdächtigen können als Atto Melani? Er glaubte tatsächlich, Atto sei das Haupt einer Verschwörung und Simonis und ich unterstünden seinen Befehlen.
Er hatte den Abbé in seiner Kutsche kennengelernt. Ermittlungen über ihn anzustellen und herauszufinden, wer dieser Milani wirklich war, war ein Kinderspiel für ihn gewesen. Hätte er erfahren, dass alles mit meinen Skrupeln und denen meiner Gemahlin begonnen hatte und dass es nicht Melani gewesen war, der mich mit Nachforschungen über den Satz des Agas beauftragt hatte (im Gegenteil, Atto war ausschließlich mit seinem gefälschten Brief und der Verfolgung der Pálffy beschäftigt gewesen), er hätte uns niemals geglaubt!
Es war dies der typische Fehler aller zweitrangigen Spione: Sie meinen, ihre Bösartigkeit müsse sich auf die ganze Menschheit anwenden lassen, aber Entscheidungen, die aus freiem Antrieb getroffen werden und sich nur dem Gerechtigkeitssinn oder dem Wissensdurst verdanken, die verstehen sie nicht. Kurz, sie dulden im Mitmenschen jene reinen Gefühle nicht, welche sie aus ihrem eigenen Herzen verbannt haben. Wie die gute Ordensfrau aus Umbrien, die mich aufzog, zu sagen pflegte: «Wer vom Leib macht üblen Brauch, was er denkt, denkt andrer auch.» Löst man den Anakoluth auf, bedeutet das: «Wer seinen Körper schlecht gebraucht – also unredlich lebt –, glaubt, dass alle anderen auch so schlecht denken wie er.» Menschen dieses Schlages setzen sich damit den Launen des Zufalls aus, welcher viel öfter sein Spielchen mit ihnen treibt, als sie für möglich halten.
Doch Peniceks Irrtum war uns zum Verhängnis geworden. Er hatte geplant, uns und Opalinski umzubringen, und dann wollte er wahrscheinlich Atto entführen und ihn foltern lassen, um ihm alle Informationen zu entlocken. Dieser Plan war zwar gescheitert, aber wie hatten wir nur glauben können, der falsche Schleppfuß würde das Feld räumen, ohne sein Werk zu vollenden? Während der letzten Fahrt vom Ort Ohne Namen in die Stadt hatte er mitbekommen, dass Simonis, der Abbé und ich dorthin zurückkehren mussten, um das Protokoll aufzugeben. Er wusste also, wo und wann er unserer gesamten Gruppe habhaft werden konnte. Freilich konnte er uns jetzt nicht sofort aus dem Weg räumen: Es waren Beamte der Kaiserlichen Kammer zugegen, und die Sache musste den Schein der Vorschriftsmäßigkeit wahren. Natürlich war die Anklage, welche diese Häscher gegen uns erhoben, falsch. Hinter dem Schauspiel unserer Verhaftung verbarg sich ein sorgfältig geplanter Hinterhalt, und in diesem Moment erkannte ich auch jenen Garden, an dem mir etwas vertraut erschienen war: Es waren die schwarzen, tiefliegenden Augen des mit einem Taschentuch maskierten Wesens, das mich im Prater getötet hätte, wenn mich nicht erst Hristos Schachbrett und dann, Ironie des Schicksals, Peniceks Erscheinen gerettet hätten. Wir waren verloren.
«Wir haben nichts getan, Ihr könnt uns nicht verhaften», sagte mein Gehilfe mit ruhiger Stimme, nachdem er die ganze Mannschaft aufmerksam studiert hatte: zwei Amtspersonen mit angespannten, blassen Gesichtern, der Derwisch und fünf Garden, mit Sicherheit seine Häscher.
Nun, da wir verhaftet waren, schickten sich die Kaiserlichen Beamten an zu gehen. Fragen nach der Flucht der Raubtiere stellten sie natürlich nicht. Jetzt ging es um weit mehr.
«Schweig, du Hund», entgegnete Ciezeber verächtlich. «Keiner der Männer, die bei mir sind, versteht die Sprache, die du sprichst, und ich habe keine Ohren für das, was Würmer ausgären.»
«Und wie kommt es», fragte Atto, in dem Angst und Wissbegier miteinander stritten, «dass ein Derwisch meine Sprache so gut beherrscht?»
Ciezeber, der ihm teilweise den Rücken zuwandte, drehte sich nun langsam um, ein boshaftes Lächeln huschte über sein Gesicht. Es war, als hätte erst jetzt einer von uns dreien etwas Sinnvolles gesagt. Dann antwortete er:
«Ich gehöre zu denen, die alle Sprachen sprechen, die jedes Alter haben, die aus allen Ländern der Erde stammen», sagte er. Dann gab er seinen Männern ein Zeichen, uns zu entwaffnen.
Die Eitelkeit des Derwischs, der mit diesem Wortwechsel kostbare Augenblicke vergeudet hatte, bot uns die letzte Rettungsmöglichkeit. Noch eine Sekunde, und es wäre zu spät gewesen.
Als Simonis losschnellte, vermochte keiner unserer Feinde zu begreifen, was geschah. Sein Fußtritt gegen den Kopf des Schergen, der ihm am nächsten stand, ließ dessen Kiefer übel krachen; doch unmittelbar vor diesem Angriff hatte Simonis seine wahrscheinlich schon geladene Pistole aus dem Säckchen geholt und mir zugeworfen. Etwa eine Sekunde später schoss einer der fünf auf mich und verfehlte mich um ein Haar, nichtsdestoweniger spürte ich, wie sich ein glühendes Partikel in meinen linken Schenkel bohrte. Ich konnte nur hoffen, dass es nichts Arges war.
In den folgenden drei Sekunden ereigneten sich tausend Dinge auf einmal: Abbé Melani wurde ohnmächtig; das Gesicht des Wachmanns, den Simonis getroffen hatte, schwoll gefährlich an, er hielt sich schwankend die Hände vor den Mund und schien außer Gefecht; ich schoss einem Garden zu meiner Linken in den Kopf, wusste jedoch nicht genau, ob ich ihn getroffen hatte, und ließ überdies die Pistole fallen; nach dem erfolgreichen Fußtritt vollführte mein Gehilfe nun mit seiner ganzen Länge und einem Rücken, dem nichts Krummes mehr eignete, eine rasante Drehung um die eigene Achse, während deren er dem nächststehenden Kombattanten einen Messerstich versetzte. Dieser hatte sein Schwert nicht mehr rechtzeitig ziehen können, und obwohl er verhindern konnte, dass ihm der Bauch aufgeschlitzt wurde, was zweifellos die Absicht meines Gehilfen gewesen war, zog er sich einen ordentlichen Stich in den Hals zu, weshalb nicht auszuschließen war, dass er ziemlich prompt daran krepieren würde.
In den nächsten Sekunden suchten zwei der Häscher hinter dem Derwisch Deckung, welcher erschrocken über einen Kampf, den er für unmöglich gehalten hatte, zurückgewichen war. Zuvor hatte einer der beiden jedoch Simonis mitten in die Brust geschossen. Derweil war Abbé Melani verschwunden, ohne dass es jemand bemerkt hatte. Ich stand wenige Lidschläge lang einem der verletzten Wachmänner gegenüber, der unbewaffnet war wie ich: Es war jener, der mich im Prater hatte umbringen wollen. Dann floh ich, ohne dass mir jemand folgte.
Im Laufen wandte ich mich um: Simonis, obgleich kurz zuvor direkt in die Brust getroffen, nahm die für uns bestimmten Ketten vom Boden, ließ sie rasend schnell kreisen und traf mehrmals einen oder zwei Häscher. Aber das waren flüchtige Bilder, denn schon schlüpfte ich durch den Ausgang des Kellers und lief auf den Hof des maior domus zu. Dann meinte ich, die Schritte meines Gehilfen hinter mir zu hören. Wer weiß, wie lang ihm noch zu leben blieb.
Zwei der (falschen) Garden waren wahrscheinlich aus dem Spiel. Es blieben drei, nebst dem Derwisch.
Als ich ins Freie kam, erblickte ich Atto, der zur linken Hofseite humpelte. Vielleicht hatte er die Ohnmacht nur vorgetäuscht, um sich im geeigneten Moment aus dem Staub zu machen, doch er war noch nicht weit gekommen und schien schon völlig entkräftet. Aus dem Inneren des Kellers hörten wir Schreie und dann wieder einen Schuss. Jemand hat eine Pistole laden können, dachte ich, entweder hatten sie Simonis erschossen, oder er hatte einen der fünf umgebracht und uns damit kostbare Zeit verschafft. Als wir keuchend den Haupthof erreichten, durch den wir hereingekommen waren, sahen wir das Tor (das immer offen gestanden hatte) gut verschlossen und verriegelt. Umkehren und die Flucht am anderen Ende des Schlosses zu versuchen bedeutete, dem Derwisch geradewegs in die Arme zu laufen.
Die folgenden Momente besetzen in meinem Gedächtnis einen leeren, schwarzen Raum. Die Gewissheit, binnen weniger Augenblicke sterben zu müssen, und der kleine, aber glühende Krater aus Schmerzen, den ich in meinem Schenkel spürte, hinderten mich daran, meine Wahrnehmungen mit den Ereignissen in Übereinstimmung zu bringen. Kaum erinnere ich mich an Abbé Melani: Ich glaube, ich habe ihn abwechselnd geschoben und geschleift (etwas anderes kommt nicht in Frage, da seine Kräfte inzwischen völlig verbraucht waren), und so sind wir die Wendeltreppe hinuntergewankt, die zu den Tiergehegen führte, und dann weiter zum Fliegenden Schiff, immer darauf gefasst, dass uns früher oder später der nächste Schuss in den Rücken traf.
Danach weiß ich nur noch, dass wir lange gewartet haben: Atto im Schiff, auf das ich ihn mühsam gehievt hatte, ich zusammengekauert zwischen den Brettern der Vogelkäfige. Sie waren am Vortage unter den Tritten des Elefanten zerbrochen und hinter dem Ballspielhaus liegengelassen worden.
Der Abend brach herein. Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir in unseren Verstecken verbrachten. Von Zeit zu Zeit hörten wir Pistolenschüsse – ein untrügliches Zeichen, dass Simonis und die Wachmänner in den Gärten des Neugebäus einander immer noch jagten. Es war ein Stellungskrieg: treffen, ohne das eigene Leben zu gefährden. Simonis konnte nicht fliehen, andererseits schienen unsere Feinde nicht über Verstärkung zu verfügen. Ich fragte mich, wie Simonis sich noch immer auf den Beinen halten konnte: Bevor ich aus dem Keller floh, hatte ihn ein Schuss mitten in die Brust getroffen, überdies aus kürzester Entfernung.
Bei jeder neuen Detonation hörten wir die Löwen ein gereiztes Heulen in den schwarzen Himmel über der Simmeringer Haide schicken. Die Raubtiere des Ortes Ohne Namen waren also wieder an ihrem Platz, dachte ich. Die Kadaver mussten wohl in den letzten Stunden beseitigt worden sein. Die Schüsse machten mir keine Angst: Jeder neuer Schusswechsel sagte mir, dass Simonis noch lebte. Ein paarmal hörte ich die wütenden Schreie unserer Feinde. Man durfte annehmen, dass Simonis einen von ihnen getroffen hatte.
Atto und ich flüsterten uns von Zeit zu Zeit etwas zu, nur um uns der Gegenwart des anderen zu vergewissern. Wir steckten in der Falle: unbewaffnet und außerstande, uns auf einen Zweikampf einzulassen (ich ob meiner geringen Statur, der Abbé ob seines ehrwürdigen Alters). Bei der Finsternis, die alles umhüllte, war es zwecklos, eine Flucht über die Mauern des Neugebäus zu versuchen. Ich hatte einen raschen Ausfall in den Haupthof gewagt, um zu kontrollieren, ob sich das Tor öffnen ließ. Aber einige in meiner unmittelbaren Nähe abgegebene Schüsse hatten mich sofort bewogen, mein Versteck wieder aufzusuchen. Als ich, zurück im Stadion, am Fliegenden Schiff vorbeikam, hörte ich Abbé Melani ein Ave-Maria flüstern und um Rettung flehen.
Eine lange Weile verging, dann veränderte sich etwas. Mehrere Schüsse direkt hinter uns ließen mich zusammenschrecken: Der Schauplatz des Kampfes schien sich in den engen Gang verlagert zu haben, aus dem am Vortage Bübchen, der Elefant, und die anderen Bestien in das Stadion eingebrochen waren. Von dort aus gelangte man, das wusste ich, zu den Gräben der wilden Tiere.
Eine Zeitlang hörte ich nichts mehr. Ich wusste, dass Atto im Fliegenden Schiff ausharren würde, ohne einen einzigen Muskel zu rühren. Also stand ich auf und verließ das Ballspielhaus. Der Mond war mir gewogen, und auf dem Boden kriechend kam ich nahe genug, um die Szene zu erblicken. Ich hatte eine Befürchtung gehabt und fand sie leider bestätigt.
Bleich wie ein tragischer Pulcinella und schmerzverkrümmt (wie oft hatten sie ihn getroffen?), stand Simonis auf der kleinen Mauer zwischen den zwei Raubtiergräben und versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Er glich einem Zirkusakrobaten, der plötzlich gewahr wird, dass er eine zu schwierige Übung gewählt hat und nicht weiß, wie er sich beim Publikum für seinen Irrtum entschuldigen soll. Zu seinen Füßen rechts und links der Mauer tobte eine brüllende Schar Raubkatzen. Das schwache Mondlicht mochte täuschen, doch ich meinte wirklich, aus den blutrünstigen Bestien in den Gräben den schwarzen Panther herauszuhören, den Simonis vor unserem zweiten Flug mit dem Luftschiff mit dem Besen bekämpft hatte.
Um seinen Gegnern zu entkommen, hatte sich mein heldenmütiger Gehilfe hinter das Ballspielhaus zurückgezogen und von dort in den Säulengang geschlichen, der entlang der Gräben verlief. Hier sollte sich jedoch der entscheidende Akt abspielen. Denn die Häscher Ciezebers hatten ihn eingekreist: An beiden Enden des Ganges hatte sich jeweils einer postiert. Um ihnen zu entgehen, hatte Simonis begonnen, wie ein Akrobat auf dem Seil über die Mauer zu balancieren, welche das Löwengehege von dem Zwinger anderer Raubtiere trennte. Er hatte gehofft, bis auf die gegenüberliegende Seite zu kommen.
Die Finsternis wurde vom Mondlicht nur teilweise erhellt. Ich erkannte die Lage sofort: Keiner hatte mehr Munition. Nun würde die zahlenmäßige Überlegenheit entscheiden, und Simonis war allein. Als er gleich einem Seiltänzer über die Mauer zwischen den beiden Tiergräben schwankte, hatte er wahrscheinlich gehofft, den Abgrund auf diesem Weg überwinden zu können. Doch er war in eine Sackgasse geraten: Am Ende der Mauer erwartete ihn eine lange Reihe eiserner Gitterstäbe, welche mögliche Stürze in die Gräben verhindern sollten.
Sich dem Schauplatz dieser Szene zu nähern, war unbesonnen gewesen: Wenn ich mich jetzt wieder entfernte, würden die Häscher des Derwischs mich sofort hören. Ich bemerkte, dass Ciezeber am Ende der Mauer stand, auf die Simonis sich todesmutig geschwungen hatte. Er beugte sich vor, als wolle er mit dem Flüchtenden sprechen. Ich konnte Simonis kaum erkennen, so dunkel war es, und glaubte, er würde mich keinesfalls erspähen. Doch plötzlich begriff ich, dass er mich gesehen hatte. Gerade in diesem Moment begann der Derwisch zu sprechen.
«Bleib stehen», befahl er Simonis mit trockener, strenger Stimme.
«Selbst wenn ich wollte, könnte ich wohl kaum anders», antwortete mein Gehilfe ironisch.
«Du bist verloren.»
«Ich weiß, Ciezeber.»
Der Derwisch holte kurz Luft, dann sagte er:
«Du kennst mich als Ciezeber, den Inder; andere nennen mich Palatino Caldeorum. Wieder andere Ammon. Aber mein Name ist mir gleichgültig. Ich bin einer, keiner, hunderttausend. Ich brauche nichts, ich suche niemanden, ich tue Gutes an Armen und Gefangenen. Ich sehe aus wie fünfundvierzig, aber ich bin achtundfünfzig Jahre lang gereist und neunzig Jahre alt. Ich kann mich verjüngen, meine Gesichtszüge ändern, meine Haut glätten, meine ausgefallenen Zähne nachwachsen lassen. Mein Reich ist überall. Ich bin über die Straßen der Türkei und Persiens gezogen, ich bin Gast des Großmoguls in Siam, in Pegu, in Kandahar, in China gewesen. In der Tatarenwüste habe ich gelernt, Hunger zu ertragen, in Moskau habe ich vor Kälte gezittert, ich bin Pirat im Indischen Ozean gewesen. Durch ein Wunder habe ich sieben Schiffbrüche überlebt, achtmal hat man mich ins Gefängnis geworfen, sogar in jenes der römischen Inquisition. Immer kam ich dank mächtiger Beschützer frei, doch auch das Gefängnis ist mir gleichgültig. Aus einer puren Laune heraus habe ich einmal alle anderen Gefangenen befreit und bin selbst in der Zelle geblieben.»
Simonis schwieg. Der Derwisch fuhr fort:
«Ich war dreißig Jahre alt, als ich meine Heimat verließ. Damals nannten sie mich Isaak Ammon, ich war der erstgeborene Sohn Abraham Ammons, des Patriarchen der nestorianischen Christen von Chaldäa. Seit Generationen vererbt man sich in unserer Familie stolz die Patriarchenwürde weiter, doch mir galt sie nichts. Nur einen Mann bewunderte ich: den Bruder meiner Mutter, der sich in Chaldäa auf einen Berg zurückgezogen hatte. Er war wie du und ich: mehr als ein einfacher Mensch. Ein großer Weiser und Astrologe, der ein Eremitendasein führte und alle anderen Menschen wie Tiere behandelte. Er hat mich mit der Peitsche erzogen und mich die geheimen Vermögen der Kräuter und der Sterne gelehrt, ihre Verbindung mit Steinen, Tieren der Luft und des Wassers, Vierfüßlern und Reptilien. Er hat mich die Perioden gelehrt und die Stunden des Tages, ihr Temperament und ihre Wirkung auf den Menschen.»
Simonis schwieg weiter. Ciezeber schien es nicht zu stören.
«Du wirst denken: Warum bist du nicht still, Derwisch? Warum erzählst du mir das alles? Warum tötest du mich nicht und machst Schluss? Aber ich spreche nicht, um zu prahlen. Wer verliert, muss erkennen und leiden. Wir, die Sieger, nähren uns von eurem Schmerz, er ist uns Lymphe und Lebenssinn.»
Dann fuhr Ciezeber (oder Palatino, wie er behauptete) befreiter fort, als hätte er nunmehr alles Wichtige gesagt.
«Es war der Bruder meiner Mutter, der mich mit der wahren Weisheit erleuchtete. Sie ist nichts, wenn man sie besitzt, und alles, wenn man sie nicht besitzt. Mit ihrer Hilfe kann ein gesunder, ehrbarer Mann tausend Jahre leben, wie zu Zeiten Abrahams und Noahs. Es genügt, dass er sich von Frauen und Exzessen fernhält. Mein Meister, mein Onkel, war siebenhundert Jahre alt.»
Ich hörte die Rede eines Wahnsinnigen, und Simonis schien ebenso zu denken:
«Dann wird er einiges zu erzählen gehabt haben», sagte mein Geselle sarkastisch. «Wahrscheinlich hat er dir gesagt, welches Gift auf den Teller des Kaisers zu tun ist.»
Der Derwisch nahm die Ironie nicht wahr.
«Was weißt du schon von Giften?», antwortete er ungerührt. «Es gibt zweiundsiebzig verschiedene Arten, und die feinsten nimmt man nicht einmal durch den Mund ein. Ein Paar Schuhe, ein Gewand, eine Perücke, eine Blume, ein Zelt, eine Tür, ein Skalpell, ein Brief: Unzählige Dinge können vergiften. Freilich gibt es für alle in der Natur ein Gegengift. Einige wirken nur zu gewissen Stunden oder an bestimmten Tagen, in manchen Wochen oder Monaten; doch alle sind sie unfehlbar. Man muss nur Rang und Temperament der Person kennen, die vergiftet werden soll. Was Joseph betrifft, so glaubst du, es handle sich um Gift und nicht um Krankheit. Nun, die Krankheit ist Gift, und das Gift ist Krankheit. Sie sind keine Alternativen, sondern ein und dasselbe: ein Morbus, der auf medizinischem Wege ausgelöst wird. Die Blattern sind kunstgerecht in die jungen Glieder des Kaisers injiziert worden, ebenso in jene des Grand Dauphins von Frankreich, natürlich mit Hilfe von Verrätern, die es unter euch Christen immer gibt. Bei beiden wird es wie ein natürlicher Tod erscheinen.»
Ich hielt den Atem an: Jetzt hatten wir die Antwort auf unsere Fragen. Die Blattern, die Ihre Kaiserliche Majestät und den Erben Ludwigs XIV befallen hatten, waren zwar eine Krankheit, aber künstlich mit Gift erzeugt worden!
Ugonio hatte mir sogar gesagt, dass die Instrumente, die Ciezeber bei seinen Ritualen benutzte, dem Inokulieren dienten, doch ich hatte die wahre Bedeutung von «Morbiditätszwecken» nicht verstanden und geglaubt, die Geräte hätten eine heilende, keine verbrecherische Bestimmung.
«Für euch ist das die ideale Lösung», bemerkte Simonis. «Niemand wird Verdacht schöpfen. Schon Ferdinand, der ältere Bruder des letzten Kaisers Leopold I., wurde vor einem halben Jahrhundert von den Blattern dahingerafft, und die Habsburger hätten fast die Kaiserkrone verloren. Vielleicht wollt ihr auch jetzt …?»
«Leopold musste den protestantischen Fürsten viel Geld zahlen, um sich wählen zu lassen, und ihnen feierlich geloben, er werde den spanischen Habsburgern im Krieg gegen Frankreich nicht zu Hilfe kommen», lachte der Derwisch.
«Und außerdem war jener Ferdinand schon mit einundzwanzig Jahren zu tüchtig, zu gebildet, zu aufgeweckt», fuhr Simonis sarkastisch fort, «all das war zu viel für die Habsburger, die gerade wegen ihrer Schwäche und Gefügigkeit Kaiser sind. Kaum macht einer von ihnen Ärger, weg mit ihm! Der Nächste bitte. Und umso besser, wenn es ein Feigling ist wie Leopold.»
«Leopold hat mit seiner Milde fast ein halbes Jahrhundert lang regiert», erwiderte der Palatino unergründlich.
«Aber auch er hat euch einige Unannehmlichkeiten nicht erspart. Viel hat es euch nicht genützt, ihn an die Stelle seines Bruders zu setzen. Zwar ist er 1683 bei der Ankunft der Türken wie ein Dieb in der Nacht aus Wien geflohen. Doch die christlichen Armeen haben gleichwohl gesiegt. Trotz all euerer Bemühungen, Palatino, erfüllen sich eure Wünsche nie ganz. Das ist euer Schicksal.»
«Schweig!»
«Warum das alles?», fragte Simonis mit schneidender Stimme.
«Das ist die richtige Frage», antwortete der Derwisch. «Aber das wissen lediglich Leute wie du und ich. Das Warum. Das Wie und das Wer sind nur Ablenkungsmanöver für das Volk. Eines Tages wird vielleicht jemandem der Verdacht kommen, dass Joseph der Sieghafte ermordet worden ist, und er wird sich fragen: Wem hat das genützt? Wer hatte die Macht, das alles zu vertuschen? Waren es die Blattern oder Gift … Immer wie und wer. Wie in einem Spiel werden wir die Menschen mit diesen Fragen vollauf beschäftigen und verhindern, dass sie nach dem Wichtigsten fragen, nämlich dem Warum.»
«Dabei ist es nicht schwer zu erraten», sagte Simonis. «Zuvörderst der Krieg: Joseph gedenkt, Spanien mit den Franzosen zu teilen und seinem Bruder Karl nur Katalonien zu überlassen.»
Ich zuckte zusammen. Das stimmte mit dem überein, was Atto mir erzählt hatte: Der Kaiser wollte die Iberische Halbinsel aufteilen und hatte dem Bruder lediglich Barcelona mit der umgebenden Region zugedacht.
«So wird die spanische Frage geregelt», fuhr Simonis fort, «und der Frieden beginnt. Ihr aber wollt, dass der Krieg weitergeht, ihr wollt Europa endgültig in die Knie zwingen, um ihm einen Waffenstillstand zu euren Bedingungen zu diktieren und ungestört schalten und walten zu können.»
Ciezeber schwieg, als stimmte er zu.
«Dann ist da der Handel», setzte mein Gehilfe hinzu. «Der Krieg schadet den Geschäften, doch nur den kleinen. Unter euch aber gibt es Leute, die Waffen verkaufen, die Schiffe bauen, die Festungen entwerfen. Ihr bereichert euch gerade am Krieg. Und das bedeutet viel Geld. Im Frieden versiegt dieser Geldfluss.»
Ciezeber-Palatino antwortete mit einem belustigten Winseln.
«Zuletzt wollt ihr die gefährlichen Herrscher aus dem Weg räumen, um sie durch andere, gefügigere, zu ersetzen. Das ist eure immergleiche Strategie, doch jetzt habt ihr sie perfektioniert. Seit Jahrhunderten plagt ihr euch damit ab, die Welt zu verderben, indem ihr eine heilige Stadt nach der anderen erobert. Ihr habt die Ungläubigen benutzt, um Jerusalem zu erobern. Später seid ihr nach Norden vorgestoßen, bis ihr 1453 Konstantinopel und dann auch Budapest eingenommen habt. Jahrhunderte hat es gebraucht, um das alles zu erreichen: Riesige Geldsummen wurden verschwendet, Heere in den Tod geschickt, ganze Nationen vernichtet. Nur Wien hat euch widerstanden: Obwohl ihr die lutherische Kirchenspaltung aushecktet, durch die ihr Europa im Dreißigjährigen Krieg verfaulen ließet, wurden eure Osmanen bei der Belagerung von 1529 und dann der von 1683 besiegt. Wien war die letzte heilige Stadt vor Rom, dem Endziel. Also habt ihr eure Pläne ändern müssen. Statt die christlichen Reiche anzugreifen, konzentriert ihr euch jetzt auf Operationen im Inneren: die Könige direkt ausrotten. Dann bemächtigt ihr euch der Seelen und des Verstandes ihrer Söhne, indem ihr sie von euren Hoflehrern erziehen lasst: Folterknechte des Geistes, gedungen einzig, um den Charakter der jungen Prinzen zu zerstören und alle guten Eigenschaften in ihnen auszulöschen. Eine Praktik, die ihr seit Jahrhunderten erfolgreich anwendet: Hier im Reich musste schon Rudolf, der Sohn Maximilians II., darunter leiden. Doch von nun an wird sie eure schärfste Waffe werden!»
Und ich erinnerte mich: Hatte mein Gehilfe mir nicht erzählt, dass Rudolf der Wahnsinnige, Sohn des Erbauers von Neugebäu, von seinen Erziehern einer Art Gehirnwäsche unterzogen worden war? Simonis und Ciezeber sprachen über einen unsichtbaren Krieg, dessen Akteure Menschen wie Ilsung, Ungnad und Hag waren, jene Konspirateure, die sich gegen Maximilian verschworen hatten.
Simonis blickte erst zum Himmel, dann warf er mir einen blitzschnellen, unmerklichen Blick zu und senkte schließlich die Augen, um die Löwen zu betrachten, die mit Schaum vor dem Maul hin und her liefen, rasend gemacht von dieser so nahen, doch unerreichbaren Beute.
«Gut. Du weißt viel und leidest, weil du nichts ausrichten kannst», erwiderte der Derwisch. «Darum hör mir gut zu: Ich sage dir, dass auch Ludwig XIV., König von Frankreich, durch Gift sterben wird. Es wird wie Gangräne an einem Bein erscheinen, aber es wird eine künstlich herbeigeführte Krankheit sein. Die Ärzte, die dümmste Sorte Mensch, werden nichts begreifen. Noch vor dem Sonnenkönig sind in Frankreich der Dauphin, der Herzog und die Herzogin von Burgund sowie ihr Sohn, der Herzog de Berry, an der Reihe. Sie alle werden auf die gleiche Weise sterben, an einer vorsätzlich erzeugten Krankheit. Auch der frühere König von Spanien, Karl II., wegen dessen Erbschaft Europa sich derzeit zerfleischt, wurde mit dieser Methode vergiftet, obwohl er ohnehin nicht mehr lange zu leben hatte. Jetzt weißt du es: Joseph der Sieghafte wird sterben. Heute Abend wird ihm die entscheidende Inokulation verabreicht.»
Ich fuhr zusammen: Ciezeber sprach über die ärztliche Behandlung, von der Cloridia an diesem Morgen in Eugens Palais erfahren hatte. Doch statt ihn zu heilen, würde sie ihn töten. Also war Joseph sogar von seinem eigenen Proto-Medicus verraten worden! Und wer weiß, von wie vielen anderen noch. Abbé Melani hatte recht gehabt.
«Der Kaiser wird … wie soll ich sagen?, von den Blattern vergiftet sterben», fuhr der Derwisch fort. «Ein solches Ende verdient, wer sich so mächtig dünkte, dass er ohne uns handeln wollte: der einzige Mann, der allein auf Erden ist.»
«Ich weiß, soli soli soli», zitierte Simonis.
«Ganz recht. Mit diesem Satz hat der Aga dem Savoyer angekündigt, wie die Dinge stehen: entweder mit uns oder gegen uns. Der Kaiser dachte, er könne tun, was ihm beliebt: den Krieg auf seine Weise beenden, Spanien mit den Franzosen aufteilen, als würden wir nicht existieren. O nein, der Krieg wird zu unseren Bedingungen enden, wie und wann wir wollen! Denn Joseph glaubt, das Reich zu regieren, aber er ist nur ein einsamer Mann, der nicht einmal mehr über sich selbst entscheiden kann. Soli soli soli sind die Türken gekommen, ‹zum einzigen Mann, der allein auf Erden ist›. Dieser Savoyer, dem die verschlüsselte Rede vertraut ist, hat sehr gut verstanden. Und er hat beschlossen, seinen Herrscher zu verlassen, um sich uns anzuschließen. Da habt ihr euren tapferen General, euren Helden: Auch er ist ein Verräter, wie alle anderen.»
Ich lauschte entsetzt den Ausführungen Ciezebers. Mit Attos Hilfe hatten wir also die wahre Bedeutung von soli soli soli herausgefunden, jetzt erfuhren wir auch, warum der Aga den Satz zu Eugen von Savoyen gesprochen hatte.
«Du sagst ‹wir›. Aber wer seid ihr? Osmanen? Engländer? Holländer? Jesuiten?»
«So naiv bist du? Nein, das glaube ich nicht! Du willst nur, dass ich es dir bestätige, aber du weißt es schon. Wir sind überall, und wir sind alle.»
Ich blickte mich um: In steifer Haltung lauschten zwei der Häscher der Rede ihres Herrn in einer Sprache, die sie nicht verstanden.
«Wir sind die wahre Macht», fuhr der Palatino fort. «Er, der Kaiser, ist nicht weniger geächtet und isoliert als irgendein beliebiger Hungerleider. Der Türkische Aga hat Eugen die Wahrheit ins Gesicht gesagt, eine Wahrheit, die vor aller Augen liegt, die aber niemand sieht. Das ist unsere Stärke: Wir sind überall, omnipräsent, aber unsichtbar. Wir essen von eurem Tisch, wir schlafen in euren Betten, wir wühlen in euren Taschen, und ihr seht uns nicht. Wir scheinen wenige, vereinzelte Männer zu sein, in Wahrheit aber sind wir Legion. Ihr meint, ihr seid zahlreich, doch ihr seid nur eine einzige Person: ein Mensch, der allein ist.»
«Ihr dünkt euch allmächtig, darum habt ihr den Aga diesen Satz öffentlich aussprechen lassen.»
«Wir verbergen nie etwas. Ihr seid es, die ihr keine Augen habt, zu sehen.»
«Nein, Ciezeber, das Volk hat Augen zu sehen, doch angesichts eurer Unmenschlichkeit kann niemand glauben, was er sieht. Und das ist eure wahre Stärke.»
«Jetzt schweig!», drohte ihm der andere. «Das Haus Habsburg wird bald am Ende sein. Durch Josephs Tod wird Italien früher oder später seinen eigenen König bekommen und Deutschland auch.»
«Habt ihr darum dieses arme einjährige Kind, den Sohn des Kaisers, von euren Ärzten töten lassen?»
«Ich weiß, dass es dir unmöglich vorkommt», fuhr der Derwisch fort, ohne zu antworten, «denn Italien zerfällt seit Jahrhunderten in Myriaden von Fürstentümern, und das Deutschland der Kurfürstentümer hat eine jahrhundertealte Tradition. Doch beide werden sich zu zwei großen Nationen entwickeln, während die Habsburger unbedingt enden müssen, denn wir wollen es so, und wir haben die Geschichte in der Hand.»
«O ja, denn nachdem ihr die Könige und ihre Söhne und Enkel getötet habt, werdet ihr die neuen Erben auf den Thron setzen, allesamt noch Kinder in den Händen von Erziehern, die euch dienen und die jungen Menschen zu schwachsinnigen und grausamen Figuren machen werden», wiederholte Simonis.
«Das Volk wird sie zu Recht hassen, ihre Köpfe werden unter dem Beil des Pöbels fallen, welcher darob glaubt, die Revolution anzuführen, in Wirklichkeit aber nichts anderes tut, als unsere Pläne zu erfüllen», ergänzte der Derwisch. «Eine neue Ordnung wird die alte Welt ersetzen. Für jedes neue Recht, das wir dem Volk gewähren, werden wir deren zehn abschaffen. Die Gesetze werden sich verbessern, das Leben wird sich verschlechtern. Wir werden die Geschichte umschreiben: Die alten Zeiten werden lächerlich gemacht, und die Menschheit wird davon überzeugt, dass sie in der besten aller Welten lebt. Wir werden künstliche Krankheiten verbreiten, um ganze Nationen zu schwächen. Vielmehr tun wir das schon, schau dir nur an, wie Joseph endet! Die Remedia, die wir liefern, werden schlimmer sein als die Krankheiten. Denn die Medizi und ihre Propaganda sind fast gänzlich in unserer Hand. Wir werden die Kleinen von der Brust der Mutter reißen. Die Völker werden es nicht einmal gewahren, und ihre Schwäche wird sich auf ihre Nachkommen übertragen. Die Kriege, die wir derweil ausbrechen lassen, werden die Dokumente der Vergangenheit zerstören, damit das Andenken an sie verlorengeht und die Welt sich in ein graues Gefängnis verwandelt, wo der Mensch traurig wird und resigniert.»
«Resignieren fällt manchmal schwer», sagte Simonis, mit einer Kopfbewegung auf die Bestien weisend, die ihn aus dem Graben anknurrten.
Der Derwisch sprach weiter, es befriedigte ihn, Simonis mit der düsteren Vision einer scheinbar unausweichlichen Zukunft zu demütigen.
«Alle werden das Leiden als etwas Normales betrachten, und der Glückliche wird verachtet. Oh, wie inständig hoffe ich, dass der Neid die zukünftigen Jahrhunderte prägen und erleuchten möge! Die Masse wird in Unwissenheit leben, Menschen wie dich hingegen, Menschen, die verstehen, werden wir zumindest ein wenig rebellieren lassen. Wir werden euch nicht alle umbringen, wir sorgen einfach nur dafür, euch falsche Propheten vor die Nase zu setzen, die von uns gelenkt sind und euch unter Kontrolle halten. Ja, sie werden einen jeden von euch kennen, falls wir beschließen, euch zu eliminieren. Von eurem Leiden nähren wir uns, es spornt uns an, verleiht unserer Aufgabe etwas Heiteres. Wäre es sonst ruhmvoll, über eine Herde blinder und taubstummer Bestien zu triumphieren? Es liegt keine Größe darin, im Einklang mit den Gesetzen der Natur zu handeln. Die wahre Macht ist, das Wasser des Stromes in die umgekehrte Richtung lenken zu können, den Mittelmäßigen über den Tapferen siegen zu lassen, die Ungerechtigkeit zu belohnen, die Hässlichkeit zu loben. Wir werden die Menschen von der Natur trennen und in große Bienenstöcke ohne Fenster sperren. Schließlich haben sie vergessen, wie ein Hühnerei entsteht, was ein Heuschober ist, wie das gewöhnlichste Löwenzahnpflänzchen aussieht. Unser Triumph wird kommen, wenn wir die Völker auch von Gott getrennt und seinen Platz eingenommen haben. Das ist, was das Schicksal euch bereitet hat: Das Schicksal sind wir.»
«Ihr mögt ja das Schicksal sein, aber ohne Geld, ohne Waffen und Lügen seid ihr nichts», entgegnete Simonis mit eigentümlicher Ruhe, als wäre die Predigt des Derwischs ihm weitgehend bekannt und als müsse er einen letzten pflichtgemäßen Einwand erheben, ohne dass es noch etwas nutzte. Er glich einem Soldaten, der den letzten Schuss aus seiner Flinte gegen einen übermächtigen Feind abfeuert.
«Geld und Waffen sind nützlich, das ist richtig», räumte Ciezeber-Palatino ein. «Aber wir sind schon sehr reich, und das langweilt uns. Oder vielmehr: Es gibt keinen Reichtum mehr. Schon jetzt ersetzen wir das Gold durch Papiergeld, das Bezahlen durch Versprechen. Reichtum ist nur eine Idee. Und die mächtigste Waffe ist die Herrschaft über die Ideen. Die Lüge gehört zum Spiel dazu, sie macht es unterhaltsamer. Denn wir sind …»
«Ihr seid alle verrückt», unterbrach ihn Simonis, in die wenigen Worte den ganzen väterlichen Sarkasmus legend, den törichte Streiche von Kindern, Dummköpfen und Geisteskranken verdienen. «Kein menschliches Wesen ist bereit, das eigene Leben zu opfern, nur um dem Mitmenschen Leid zuzufügen und diese Mission an die Nachkommen weiterzugeben. Ihr ja. Wenn die Welt euren Schändlichkeiten erliegt, dann nur dank der einzigen wirklichen Waffe, die ihr besitzt: der des Wahnsinns.»
Ciezeber schien überrascht und stand einen Augenblick reglos da. Dann gab er den beiden Häschern ein Zeichen. Einer von ihnen ging auf den Ausgang des Tunnels zu, der aus den Gehegen führte. Dem anderen war es derweil gelungen, seine Pistole neu zu laden, und jetzt richtete er sie auf Simonis’ Beine. Es war klar, was geschehen würde: Der erste Folterknecht würde eines der beiden Gehege leeren, der andere würde Simonis mit einem Schuss verletzen, aber nicht töten. So würde mein Geselle sich in eines der beiden Gehege fallen lassen, und natürlich würde er das leere wählen. Dort wäre er seinen drei Feinden ausgeliefert. Unter Folter würden sie ihm einige interessante Informationen entlocken.
«Wir werden dich nur eine Weile bei uns behalten», sagte der Derwisch, «dann bist du wieder frei. Natürlich wirst du überall erzählen, was geschehen ist, aber niemand wird dir glauben, nicht einmal deine eigenen Leute. Wir werden dich verleumden und das Gerücht verbreiten, du hättest dich von uns bestechen lassen. Bald wird der Verdacht umgehen, du seiest nicht mehr vertrauenswürdig. Man wird sich fragen: Warum wurde Simonis verschont? Du wirst allein sein, ohne Ehre, ohne Vaterland. Aber lebendig.»
«Du bist voreilig. Es scheint ja fast, als sei euch alles schon gelungen. Es ist euer Werk, dass die Welt immer schlechter wird, gewiss, aber wenn es nach euren Plänen gegangen wäre, hätte sie schon viel früher verderben müssen! Die Wahrheit ist, dass ihr verzweifelt seid, denn seit Jahrhunderten müht ihr euch, den Glauben an Christus auszumerzen, doch das Ergebnis eurer Mühen bleibt jedes Mal weit hinter euren Erwartungen zurück. Euer Problem ist immer das gleiche: ‹Der Stein, der von den Bauleuten verworfen wurde, ist zum Eckstein geworden›, wie es im Psalm heißt. Das Spiel ist nie ganz entschieden und eures schon gar nicht. Und darum frage ich dich: Seid ihr wirklich so sicher, dass ihr die Welt regiert? Ist euch nie der Verdacht gekommen, dass Gott euch gewähren lässt, ja, dass er euch sogar auserwählt hat für seine unerforschlichen Zwecke?»
Das waren die gleichen Überlegungen, die wir von Atto gehört hatten, kurz bevor wir im Ort Ohne Namen angekommen waren. Ich lächelte bitter: Der Abbé und Simonis standen wahrlich auf derselben Seite: auf der Seite der Menschen.
«Die Welt ist der Prüfstein der Seelen, Ciezeber», fuhr Simonis fort, «und ihr seid nichts anderes als die Werkzeuge dieses göttlichen Planes. Alle sind wir Teil der Absichten Gottes, auch verfluchte Seelen wie du. Oder kennst du die Bibel nicht? Weißt du nicht, was im Buch Hiob geschrieben steht? Der Erste, der Inokulierte, war niemand anders als Satan, und er wurde von Gott geschickt, um Hiob mit einer fürchterlichen Krankheit, die ihn von Kopf bis Fuß mit Schwären bedeckte, auf die Probe zu stellen.»
Der Derwisch zitterte. Vielleicht war es die Kälte. Vielleicht auch Simonis’ Worte.
«Und um zu uns beiden zu kommen», hub mein Gehilfe wieder an, «bist du dir so sicher, dass alles genau so geschehen wird, wie du es mir vorausgesagt hast? Meinst du nicht, jemand könnte dir im letzten Augenblick das Spiel verderben?»
Bei diesen Worten suchten Simonis’ Augen mich in der Dunkelheit, und er war sich sicher, dass auch ich ihn beobachtete. Trotz des spärlichen Lichts konnte ich ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht erkennen, vielleicht war es ein Gruß. Ich begriff, dass er kurz davor war zu handeln und von mir das Gleiche erwartete.
«Und wer sollte das tun?», erwiderte Ciezeber verächtlich, «deine Freunde etwa? Der Zwerg, dein Arbeitgeber, und Abbé Melani, diese Mumie?»
Der Bogen der Möglichkeiten war bis zum Äußersten gespannt, gleich würde der Pfeil der Ereignisse losschießen. Es war der Augenblick, in dem, gewaltig und ohrenbetäubend, jener Ton einsetzte.