Eine Verabredung
Der große Saal erglänzt im bronzenen Schimmer der Einrichtung und Voluten, hell strahlen die Kerzen.
Abbé Melani lässt auf sich warten. Zum ersten Mal seit über dreißig Jahren.
Immer fand ich ihn am vereinbarten Treffpunkt vor, wo er seit geraumer Zeit auf mich wartete, nervös mit dem Fuß wippend und voller Ungeduld. Jetzt hingegen bin ich derjenige, der den Blick fortwährend auf das erhabene, monumentale Eingangsportal richtet, dessen Schwelle ich vor über einer halben Stunde durchschritten habe. Dem eiskalten, schneeigen Wind trotzend, der durch die offenen Torflügel dringt und sie zum Knirschen bringt, suche ich vergeblich nach Anzeichen für den bevorstehenden Einzug des Abbés: das Hufegeklapper des Vierspänners, die im Fackelschein auftauchenden, federbuschgeschmückten Köpfe der Pferde, welche die schwarze Galakutsche bis vor die große Freitreppe ziehen werden. Dort erwarten vier alte Lakaien, in winterliche, von Schnee bedeckte Paletots gehüllt, ihren noch älteren Herrn, um ihm den Kutschenschlag zu öffnen und ihm einmal noch beim Aussteigen behilflich zu sein.
Um die Wartezeit zu überbrücken, lasse ich meinen Blick schweifen. Rings um mich herum prangen die kostbarsten Dekorationen. Draperien, bestickt mit verschiedenen goldenen Inschriften, hängen von den Arkaden, Brokatdecken verkleiden die Wände, und Schleier mit silbernen Tropfen formen eine Ehrengalerie. Säulen, Bögen und Pfeiler aus künstlichem Marmor führen zu dem Baldachin in der Mitte des Saales, einer Art Pyramide ohne Spitze, die auf einem sechs oder sieben Stufen über dem Fußboden sich erhebenden Podest ruht und von einer dreifachen Reihe Kandelabern umgeben ist.
An ihrem oberen Ende warten zwei geflügelte Wesen aus Silber, jedes auf einem Bein kniend, mit weit ausgestreckten Armen, die Hände zum Himmel gerichtet.
Myrten- und Efeuranken zieren die vier Seiten des Baldachins, und auf jeder thront, aus frischen Blumen geformt, die wohl direkt aus Versailler Gewächshäusern stammen, das Wappen des venezianischen Adels mit dem Schweinchen auf grünem Grund. An den Ecken flackern mächtige Fackeln auf hohen, silbernen Dreifüßen, auch diese mit dem Wappen geschmückt.
Trotz der Prächtigkeit des Castrums und der pompösen Ausschmückung sind nur wenige Menschen im Raum: Abgesehen von den Musikanten (die bereits Platz genommen und ihre Instrumente ausgepackt haben) und den Pagen in schwarzen, roten und vergoldeten Livreen (die frisch barbiert und stocksteif wie Statuen die Fackeln halten) entdecke ich nur heruntergekommene, neidisch dreinschauende Adelige in Geldnot und eine Schar Arbeiter, Diener und Weiber aus dem Volk, die sich trotz der späten Abendstunde und des eisigen Frostes verzückt umsehen, während sie auf den Geleitzug warten.
Nun beginnen auch die Erinnerungen umherzuschweifen. Sie verlassen den bleigrauen Pariser Winter über der menschenleeren Place des Victoires, wo ein zorniger Nordwind um die Reiterstatue des alten Königs herumwirbelt. Dann kehren sie zurück, weit zurück, gleiten über die sanften Hänge der Ewigen Stadt und wandern bis auf den höchsten Punkt des Gianicolo, bis zu dem Tag zurück, als ich in der blendenden Hitze eines langvergangenen römischen Sommers, umgeben von Angehörigen eines anderen Adels und von weit anmutigeren Bauten aus Pappmaché, wo ein anderes Orchester für die musikalische Untermalung eines anderen Ereignisses probte und die Pagen sich anschickten, Fackeln zu tragen, die eine andere Geschichte erhellen würden, verstohlen die Ankunft einer Kutsche auf dem Eingangsweg der Villa Spada beobachtete.
Wunderliche Launen des Schicksals: Damals ahnte ich nicht, dass jene Kutsche mir den Abbé Melani, nachdem ich achtzehn Jahre nichts von ihm gehört hatte, zurückbringen würde; heute indessen weiß ich mit Gewissheit, dass Atto binnen Kürze hier eintreffen wird. Doch die Kutsche, die ihn zu mir führen soll, will noch nicht am Horizont auftauchen.
Der polternde Lärm eines Orchestermusikers, der von der Bühne gesprungen ist, hat meine Gedanken kurz unterbrochen. Ich hebe den Blick:
Obsequio erga Regem
ist mit goldenen Buchstaben auf das schwarzsamtige Drapeau mit silbernen Fransen gestickt, das die hohe, schlichte Säule aus ephemerem Porphyr schmückt. Es gibt eine weitere, mit dieser vollkommen identische Säule auf der anderen Seite, deren Inschrift jedoch zu weit entfernt ist, dass ich sie lesen könnte.
In meinem ganzen Leben habe ich nur ein einziges Mal an einem Ereignis dieser Art teilgenommen. Auch damals war es kalt, es war Nacht, und es schneite, oder nein, ich glaube, es regnete. Auf jeden Fall herrschten in meiner Seele Eiseskälte, Regen und Düsternis.
Damals lag ein anderer Körper im Sarg. Betrug, Verrat und Frevel hatten seinen Sarg gezimmert. Man hatte ihn vergiftet, ausbluten lassen, zerfleischt. Das Blut war ihm aus den Augen, das Hirn aus der Nase getropft. Nichts blieb von ihm als ein erbärmliches Bündel verfaultes Fleisch.
Ungerührt lachten die Mörder in der Dunkelheit.
Auch damals war ich Attos Begleiter. Wir befanden uns mitten in einem wimmelnden Ameisenhaufen: Von allen Seiten strömten die Menschenmassen herbei. So überfüllt war jeder Winkel des Raumes, dass Abbé Melani und ich in einer Viertelstunde eben zwei Schritte machen konnten; man kam weder vor noch zurück, man sah gerade mal die Verzierungen an der Decke und die Inschriften an den Arkaden oder an der Spitze der Kapitelle.
Ob Hispaniam assertam Ob Galliam triumphatam
Ob Italiani liberatam Ob Belgium restitutum
Vier dorische Säulen mit Motti gab es dort, das Sinnbild der Helden. Und sie waren sehr hoch, etwa fünfzig Fuß, den großen historischen Vorbildern in Rom, der Antoniussäule und der Trajanssäule, nachempfunden. Zwischen ihnen hing über dem Castrum ein künstlicher Nachthimmel aus Schleiern, welche, mit vergoldeten Flammen besetzt und in der Mitte eine Krone formend, durch goldene Kordeln und Schärpen gerafft und emporgezogen wurden. Vier gewaltige Schnallen in Gestalt majestätischer Adler, welche jedoch den Kopf auf die Brust senkten, hielten die Kordeln zusammen.
Neben ihnen hielt die Allegorie des Ruhmes mit strahlenbekränztem Haupt (sie war der Claritas auf den Münzen des Kaisers Konstantin nachgebildet) einen Lorbeerkranz in der Linken und eine Sternenkrone in der Rechten.
Hinter uns warteten dicht vor der breiten Eingangsschwelle vierundzwanzig Kammerdiener auf ihren Herren. Plötzlich erstarb das Gemurmel in der Menge. Alles verstummte, und ein heller Schein bezwang die nächtliche Stunde: Es war das Licht der weißen Fackeln, die von Edelknaben gehalten wurden. Er war eingetroffen.
Das Hufeklappern der Pferde, das draußen auf dem Pflaster verklingt, reißt mich aus meinen Erinnerungen. Endlich setzen sich die vier Lakaien, deren schneebedeckte Paletots in der Winternacht leuchten, in Bewegung. Atto ist angekommen.
Die Flämmchen der Kerzen zittern und verschwimmen vor meinen Augen, weit öffnen sich derweil die Türflügel der Kirche, wo ich ihn erwarte: Notre Dame des Victoires, die Basilika der Barfüßigen Augustiner. Auf der schwarzen Kutsche schimmert der rote Samt der Bahre im Licht der Fackeln: Atto Melani, Abbé von Beaubec, Gentilhomme des Königs, gebürtiger Bürger der Serenissima und mehrmaliger Konklavist, ist im Begriff, feierlich Einzug zu halten.
Die alten Diener tragen den Sarg auf dem Rücken, in welchen Attos Wappen, das Schweinchen auf grünem Grund, geschnitzt ist. Unter der Ehrengalerie aus den schwarzen Schleiern mit silbernen Tropfen bahnen sie sich einen Weg zwischen den Anwesenden zu beiden Seiten, den wenigen, denen der olim berühmte Name Atto Melanis, des letzten Zeugen einer vom Krieg hinweggefegten Zeit, vielleicht noch etwas sagt. Die vier Lakaien schreiten bis zur Mitte des Castrum doloris, wo der Katafalk aufragt, steigen die Stufen der stumpfen Pyramide hinauf und übergeben den Leichnam ihres alten Herren den offenen Armen der beiden silbernen Engel, deren zum Himmel weisende Hände endlich empfangen, worauf sie gewartet.
Vom Katafalk hängt ein Trauertuch aus schwarzem Samt mit silbernen Fransen, bestickt mit goldenen Buchstaben:
Hic iacet
Abbas Atto Melani Pistoriensis in Etruria,
Pietate erga Deum
Obsequio erga Regem
Illustris
Ω. Die 4. Ianuarii 1714. Ætatis sua octuagesimo octavo
Patruo Dilectissimo
Dominicas Melani nepos mestissimus posuit
Die gleichen Worte werden in den Stein des Grabmals gemeißelt werden, das Attos Neffe bereits beim Florentiner Bildhauer Rastrelli in Auftrag gegeben hat. Die Augustinermönche haben eingewilligt, dass er in einer nahe beim Hochaltar gelegenen Seitenkapelle, direkt gegenüber der Tür zur Sakristei, aufgestellt werde. Hier also wird Atto, seinem Wunsche entsprechend, bestattet werden, in der Kirche, in der auch die sterblichen Überreste eines anderen toskanischen Musikers ruhen: des großen Giambattista Lulli.
«Pietate erga Deum / Obsequio erga Regem / Illustris»: Die Inschrift wiederholt sich auf den beiden seitlichen Säulen, von denen ich kurz zuvor nur die näher stehende lesen konnte. «Ruhmwürdig durch Ergebenheit vor Gott und durch Gehorsam gegenüber dem König». In Wirklichkeit steht die erste Tugend im Gegensatz zur zweiten, niemand weiß das besser als ich.
Das Orchester beginnt, die Totenmesse zu spielen. Man hört die Stimme eines Kastraten:
Crucifixus et sepultus est
«Gekreuzigt und begraben», singt er mit zarter Stimme. Ich kann nichts mehr wahrnehmen, um mich herum ist alles verschwommen, die Tränen lösen Gesichter, Farben und Lichter auf, wie bei einem Gemälde, das ins Wasser gefallen ist.
Atto Melani ist tot. Er starb hier in Paris, in der Rue Plastrière, die zur Pfarrgemeinde von Saint Eustache gehört, vorgestern, am 4. Januar 1714, um zwei Uhr in der Früh. Ich war bei ihm.
«Bleib bei mir», hat er gesagt und ist verschieden.
Ja, ich werde bei Euch bleiben, Signor Atto: Wir haben ein Bündnis geschlossen, ich habe Euch ein Versprechen gegeben und werde Euch die Treue halten.
Es ist nun nicht mehr von Bedeutung, wie viele Male Ihr Euch nicht an unsere Vereinbarungen gehalten habt, wie viele Male Ihr den zwanzigjährigen Hausburschen und späteren Familienvater belogen habt. Dieses Mal werde ich keine Überraschung mehr erleben: Ihr habt Eure Pflicht mir gegenüber bereits erfüllt.
Jetzt, wo ich nahezu so viele Jahre zähle, wie Ihr einst, als wir uns kennenlernten, jetzt, wo Eure Erinnerungen die meinen sind, wo Eure alten Leidenschaften in meinem Herzen aufflammen, jetzt ist Euer Leben zu meinem geworden.
Dank einer Reise fand ich Euch vor drei Jahren wieder, und eine andere Reise, die des Todes, führt Euch nun an andere Gestade.
Gute Reise, Signor Atto. Ihr werdet bekommen, um was Ihr mich gebeten habt.