Käyserliche Haupt-
und Residenz-Stadt Wienn
Freitag, den 17. April 1711
NEUNTER TAG
Mitternacht: Noch drei Stunden bis zum ersten Schrei des Nachtwärters. Die Stadt schläft.
Ein überwältigender Lärm, ein urzeitliches Klagelied aus Männerstimmen brach über die Simmeringer Haide herein. Es kam von überall her und breitete sich überall aus, ließ jede Erdkrume, jede Ähre, jeden Stein, jeden einzelnen Stern, der die Himmelskuppel besetzte, erzittern. Grausam durchdrang es meine Ohren, und ich musste mir die Hände schützend davorlegen, damit mein Trommelfell nicht von den Schreien zerfetzt wurde. Es war, als riefe die gesamte Schöpfung aus voller Kehle, als stimmten Erde, Himmel und Wasser einen kontrapunktischen Gesang an und psalmodierten auf Türkisch: Ja, in türkischer Sprache erklang die Litanei, und während Ciezeber über Simonis triumphierte, rief der unsichtbare Chor den Namen Allahs an, als würde ein neuer, titanischer Mohammed seine wilde Freude herausschreien, bevor er ganz Wien und Umgebung hinwegfegte. Und da entsann ich mich, was ich von den Studenten über den Goldenen Apfel erfahren hatte: Dies musste der Chor sein, von dem Dragomir Populescu uns berichtet hatte, der Chor, der verdammt war, an jedem Freitag erneut zu rufen «Wehe Euch, Allah, Allah!», wie damals in jener Nacht, als die vierzigtausend Männer Kasims in der Schlacht starben. Jetzt wiederholte sich das Blutbad, und die vierzigtausend schworen Rache. Während das ganze Universum sich über uns zu verschließen schien, erkannte ich, dass sich in dieser Nacht das Schicksal der Welt entscheiden würde.
Dann war es, als würde der Horizont zerbersten, und der Ton wurde so quälend schrill, dass es nicht mehr genügte, sich die Ohren zu schützen. Wenngleich schwankend vor Schmerz, der mir Haupt und Ohren peinigte, erhob ich mich, und da sah ich es: Mein Gehilfe ließ sich in den Löwenkäfig fallen.
Nur um sich Ciezeber nicht auszuliefern, hatte er sein Leben geopfert. Simonis, der schlichte Rauchfangkehrer, der Student mit der dümmlichen Miene, Simonis, der Grieche, hatte beschlossen, sein Leben als Held zu beenden. Lieber ließ er sich von den Löwen zerfleischen, als sein Geheimnis unter Folter preiszugeben. Entsetzt starrte ich in die Dunkelheit, und mit den Augen der Einbildungskraft sah ich, wie der schwarze Panther, der Schläge eingedenk, mit denen Simonis ihn am Vortage gedemütigt hatte, seine Fänge in Hals und Brust meines Gehilfen senkte. Er eröffnete das orgiastische Bankett, bei dem Simonis zerrissen und zerfleischt, seine Adern ausgesaugt, sein Menschenblut getrunken, seine Gelenke zerbrochen und seine Muskeln zerrissen wurden. Es war, als wolle die Natur ihre Lust auf eine Schlacht befriedigen, bei der die Rollen sich umkehrten, als müsse das Blut der vierzigtausend an Simonis allein gerächt werden, indem sich an seinem armen Körper die Wut zweier Heere austobte: eines aus der Vergangenheit, befehligt von Kasim, und eines aus der Gegenwart, angeführt von dem tückischen Panther des Ortes Ohne Namen.
Unterdessen versuchte der Derwisch, der ebenfalls die Hände auf die Ohren gepresst hielt, mit unbeholfenen Bewegungen, seine Männer herbeizurufen, damit sie seiner Flucht aus dem Ort Ohne Namen Rückendeckung gaben.
Meine Ohren schmerzten noch immer, doch es war an der Zeit zu handeln. Während das Hin und Her zwischen Ciezeber und seinen Folterknechten sich hinzog, kehrte ich zum Fliegenden Schiff zurück. Ich war so erschüttert über Simonis’ Tod, dass ich Abbé Melani fast vergessen hätte. Wiewohl mit ungelenken Bewegungen, gelang es mir, mich gerade noch rechtzeitig auf das Luftschiff zu hieven, als ich schon sein hölzernes Inneres in unregelmäßigen Rhythmen vibrieren spürte. Es war die einzige Rettung, wie ich gehofft hatte. Auch Atto hielt die Hände auf die Ohren gepresst, doch er nahm sie herunter, als er jenes nun schon fast vertraute Phänomen gewahrte: Wir hoben uns in die Lüfte.
Doch zum ersten Mal hatte das Schiff Mühe aufzusteigen. Es erhob sich gerade genug, um die Mauern des Ballspielhauses zu überfliegen und uns aus dem Ort Ohne Namen zu bringen. Aber die Fahrt war kein sanftes Schweben. Kräftige Böen blähten die Segel auf und rissen das Schiff in die Höhe, saugende Winde zogen es wieder in die Tiefe. Auch die Bernsteine erzeugten nicht die gewohnte Harmonie, sondern ein misstönendes Konzert, daraus ein metallischer Klang entstand, ähnlich dem Schlachtenlärm vergangener Zeiten. Das Licht, das sie aussandten, wurde manchmal grau und fahl, wie das Antlitz eines Menschen, der grässlicher Dinge ansichtig wird. Vielleicht war es genau das, dachte ich. Zu viel Gräuel hatten sich um das Schiff herum ereignet: Simonis’ Tod, Palatinos Frevel, seine Ankündigung eines menschenverachtenden Zeitalters … Der Tod drückte dem Schiff schwer wie Ballast auf den Kiel. Eine Zeitlang schwankte es plump hin und her, dann ließ es sich wie ermattet auf den dunklen Feldern Simmerings nieder. Atto und ich blieben, zermürbt vom Schrei der vierzigtausend, im Schiff sitzen.
Doch urplötzlich erstarb der Schrei der Märtyrer Kasims so unvermittelt, wie er begonnen hatte. Atto musste während meiner langen Abwesenheit längst begriffen haben, worum es sich handelte, und auf seinem hageren Gesicht las ich Hilflosigkeit und Staunen. Was Danilo Danilowitsch und Dragomir Populescu uns erzählt hatten, war also kein Hirngespinst: Die türkische Legende von den Vierzigtausend war die reine Wahrheit, zumindest war sie es in dieser Nacht geworden. Vielleicht war dann auch die Geschichte vom Goldenen Apfel nicht ganz und gar erfunden. Doch Abbé Melani hielt der Stolz desjenigen zurück, der sich im Besitz des Schlüssels zum Labyrinth des Daseins wähnt.
Im Versuch, meine Gedanken zu sammeln, erzählte ich ihm, was Simonis widerfahren war. Ich hoffte, die übergroßen Gefühlsregungen, denen der Abbé erneut ausgesetzt war, würden ihn nicht lebensgefährlich bedrohen – noch war mir nicht bewusst, dass es meine eigene Seele war, der die grausamsten Wunden geschlagen wurden.
«Es ist kein Zufall, dass ich just einen Tag nach der Ankunft der Türken und der Erkrankung des Kaisers nach Wien gekommen bin», sagte er plötzlich.
«Was habt Ihr gesagt?» Ich erbleichte.
Atto deutete ein bitteres Lächeln an.
«Nicht, dass ich etwas gewusst hätte, keine Angst! Die Wahrheit ist, dass wir an einem Scheideweg der Geschichte stehen, und in Momenten wie diesem geschehen die absonderlichsten Dinge.»
«Stimmt, die Menschheit steht vor einer entscheidenden Wende.»
«Ich habe geglaubt, ich sei derjenige, der diese Wende herbeiführen könnte. Stattdessen bin ich verscheucht worden wie eine Fliege.»
«Die neuen Mächte …»
«Neu? Alt sind sie. Sie haben nur ihre Strategie geändert, und diese zahlt sich eher aus. Wollen wir Namen aus der Vergangenheit nennen? Die Fugger zum Beispiel, die erst Karl V. und dann Maximilian mit Hilfe ihres Büttels Ilsung den Aufstieg zum Kaiser finanzierten. Aber das ist unwichtig. Was zählt, ist ihre neue Methode: Der Kodex ihres Verhaltens ist nicht jener, den wir so gut kannten – die Regeln der Könige und ihrer Minister, der Diplomatie, der alten Konventionen –, sondern ein anderer, den keiner kennt außer ihnen. Kein General wird dem gegnerischen Kaiser mehr anbieten, sein Zelt im Feldlager nicht zu beschießen, wie Melac es während der Belagerung Landaus tat. Das ist für immer vorbei. Das Schachmatt ist abgeschafft. Von jetzt an tötet man auch den König des Gegners, der Derwisch hat es deinem Simonis genau erklärt.»
Als ich den Namen meines Gehilfen hörte, hatte ich wieder vor Augen, wie er mich in den letzten Sekunden seines Lebens angeblickt hatte. Ich begann zu zittern.
«Von wilden Tieren zerrissen … er ist gestorben wie ein christlicher Märtyrer», murmelte Atto plötzlich in sich hinein.
«Wie bitte?»
«Simonis. Du denkst an ihn, nicht wahr? Ich auch. Sein heldenhaftes Ende ist die Bestätigung: Er gehörte zum Widerstand gegen die neue Ordnung, die im Begriff ist, siegreich aus diesem Krieg hervorzugehen. Dein Gehilfe stand, um es mit Peniceks Worten zu sagen, auf der Seite Christi. Und wie einer der ersten Christen ist er zerfleischt worden. Aber auch du hast jetzt begriffen, dass er für ein Netz arbeitete, von dem du nichts wusstest und nie etwas wissen wirst. Wie die neuen Herrscher ohne Gesicht ist auch Simonis eine Figur der Zeiten, die da kommen werden. Wissen wir, wer er wirklich war? Nein. Penicek? Auch nicht. Und Ciezeber-Palatino-Ammon? Noch weniger. Und doch spielen sie und andere, ebenso anonyme Wesen, inzwischen mit Würfeln um die Welt. Die Zukunft liegt in der Hand dieser geheimen Netzwerke, ihre Mitglieder haben keinen Namen, keine Identität, kein Gesicht. Welch ein Glück, dass ich am Ende meiner Karriere angekommen bin, Junge: Es gibt keinen Platz mehr für Leute wie mich. Ich war Ratgeber des Königs, und Ihre Majestät hörte mich an, um dann zu entscheiden und seine Taten dem Urteil seiner Untertanen und der Geschichte auszusetzen. Die Welt bestand bisher aus Menschen. Bald aber wird sie von Regierungen gelenkt werden, die wie dieses Schiff funktionieren: wenn nötig, auch ohne Menschen an Bord. Erst jetzt habe ich das erkannt, weißt du? Der Hintergrundmann, nach dem ich so lange gesucht habe, existiert nicht. Es gibt keinen neuen Abbé Melani. Es gibt dort oben nur eine Gruppe, eine kollektive Intelligenz, wie ein Ameisenhaufen. Das sind keine Individuen mit einem unabhängigen Geist. Jeder für sich genommen ist ein Wicht, ein unbedeutendes Etwas. Nur im Rudel sind sie fürchterlich, wie die Hyänen. Wir haben gegen das Nichts gekämpft.»
«Die Zeit des Menschen ist beendet, die Agonie der Welt hat begonnen: die Letzten Tage der Menschheit», sagte ich und wiederholte damit, was ich gedacht hatte, als wir die Leiche des armen Opalinski gefunden hatten.
«Es ist ihnen gelungen, die Welt in Brand zu setzen, diesen Teufeln in Menschengestalt», sprach Atto weiter, und seine Stimme klang empört. «Und ich bin mit einer Friedensmission nach Wien gekommen – wie einfältig! Von wegen Frieden! Dieser Krieg ist nichts als ein lohnendes Geschäft mit Blut, um Beelzebubs Durst zu löschen. Und er wird nicht mit der Wiedergeburt enden, die man uns versprach, sondern mit dem größten Bankrott, den die Welt je erlebt hat.»
Seine Worte bestürzten mich. Ich hatte ein verzweifeltes Bedürfnis, auf irgendetwas zu hoffen. Sonst hätte ich nicht weitermachen können. Das alles war zu viel für mich.
«Aber wenn erst einmal Frieden herrscht …», deutete ich an.
«Dann wird der Krieg von neuem beginnen», unterbrach mich Atto.
«Aber alle Kriege haben bisher mit einem Frieden geendet!», rief ich.
«Dieser hier nicht!», entgegnete der Abbé heftig. «Denn dieser Krieg hat sich nicht an der Oberfläche abgespielt, sondern im Inneren des Lebens selbst gewütet. Die Welt geht unter, und man wird es nicht wahrhaben wollen! Alles, was gestern war, wird vergessen werden. Man wird vergessen, dass man den Krieg verloren hat, vergessen, dass man ihn begonnen hat, vergessen, dass man ihn gekämpft hat. Darum wird dieser Krieg NIE-MALS EN-DEN!»
«Aber wenn erst einmal Frieden herrscht?»
«Man wird vom Krieg nie genug haben.»
«Aber die Völker lernen, indem sie irren …»
«Sie verlernen. Vielmehr: SIE VERHEEREN!», schloss der Kastrat mit einem gellenden Schrei, um sich zuletzt Tränen und Schluchzern zu überlassen. In einer Ecke des Schiffes kauerte er sich zusammen und schlug sich an die Brust wie eine arme Seele im Fegefeuer.
Zum Ausbruch dieses unendlichen Krieges hatte Atto vor elf Jahren entscheidend beigetragen. Er, der geglaubt hatte, die Geschicke der Welt lenken zu können, war nicht mehr gewesen als eine Schachfigur in den Händen von Menschen wie Ciezeber. Genau das hatte er erst jetzt voll und ganz verstanden, und es verdammte ihn zur Verzweiflung.
Ein schwacher Mond nur, den die Wolken fast gänzlich bedeckten, erhellte die Kuppel des Himmels. Zitternd vor Kälte hockte ich mich neben Atto. Ich hätte ihn an der Hand nehmen und mit ihm gemeinsam das Schiff verlassen müssen, doch ich fühlte mich innerlich zerbrochen. Die Schwärze der Nacht nahm mir alle Kräfte.
Mir war, als würde ich nach Rom zurückversetzt, wo Atto und ich in Gesellschaft Ugonios an Bord einer zerbrechlichen Schaluppe die unterirdischen Flüsse der Heiligen Stadt durchpflügt hatten, bewaffnet nur mit einem Paddel und unserem Instinkt. Aber das war, wie sich herausgestellt hatte, lediglich eine der vielen Parallelen zwischen der gegenwärtigen Situation und den Fährnissen, die ich früher mit Abbé Melani durchlitten hatte: Wie jetzt hatte es auch vor achtundzwanzig Jahren in der Herberge einen Kranken gegeben, der vielleicht vergiftet worden war, und auch damals war ein Anschlag auf einen Menschen durch willentliche Ansteckung verübt worden. Wieder ergriff mich das Gefühl, dass ein Kreis sich schloss. Und fast schien es, als wollte er mir durch die Wiederholung ähnlicher Ereignisse zu verstehen geben, dass sich die wahre Bedeutung all dieser Erlebnisse bald offenbaren würde.
Abbé Melani fiel unterdessen in einen dunklen, traumlosen Schlaf, wie ich an seinen Gesichtszügen erkannte. Ich legte meine Arme um ihn, damit mein Körper ihn wärmte.
So lag ich auf den harten Balken des Schiffes, und während ich die Sterne betrachtete, kamen mir Simonis’ letzte Worte und die damit verbundene Aufgabe wieder in den Sinn. Ich fühlte, dass ich meinem heldenhaften Gesellen einen Versuch schuldete. Krampfhaft bemühte ich mich, den Augenblick zu vergessen, da er mir ein schwaches Lächeln zugeworfen hatte, um sich dann zwischen die Raubtiere in den Tod fallen zu lassen. Wenn wir den Bediensteten der Residenz das Komplott gegen Joseph aufdecken würden, würden sie uns gewiss für gefährliche Irre halten. Wir mussten anders vorgehen. Oh, wenn sich das Schiff doch nur wieder zum Fluge erheben würde! In meinem Wunschtraum lenkte ich es zur Kaiserlichen Residenz, wo ich, meine Wendigkeit als Schornsteinfeger nutzend, über die eisernen Leitersprossen hinabsteigen und in die Gemächer Ihrer Majestät Josephs des Sieghaften vordringen würde. Dort würde ich gut sichtbar, vielleicht auf dem Diwan eines Durchgangszimmers, einen genauen Bericht über das Komplott gegen Ihre Kaiserliche Majestät zurücklassen und eindringlich davor warnen, ihn den von Ciezeber beabsichtigten Inokulationen auszusetzen. Oder ich würde versuchen, mir bei einem Kammerherrn Josephs Gehör zu verschaffen oder … nun, so genau wusste ich das auch nicht, aber irgendetwas musste ich tun.
In diesem Moment hob sich das Schiff mit einer letzten Kraftanstrengung (so wenigstens erschien es meinem verwirrten Geist) abermals in die Luft. Sofort sprang ich auf und schickte mich mit neuer Energie an, die Zugstangen zu bedienen, um das Schiff zur Kaiserlichen Residenz zu lenken. Doch kaum hatte ich sie berührt, spürte ich sie unter meinen Fingern wie toll knistern; gleichzeitig zuckte das Schiff ungebärdig. Ein jäher Ruck zwang mich, die Zügel (wenn wir sie so nennen wollen) meines geflügelten Streitrosses loszulassen, also gewährte ich ihm die Freiheit, sich, wie beim ersten Flug, allein zu lenken. Sogleich erschien es mir, als flöge es jetzt gleichmäßiger, und das tröstete mich. Doch leider nur kurz, denn das Fliegende Schiff steuerte nun, wie ich in den dunkelvioletten Nebeln zu erkennen meinte, geradewegs auf die Spitze des Stephansdoms zu. Und so war es. Während die Dächer und Plätze der Stadt unter uns vorbeizogen, sah ich den Turm immer näher kommen. Ich betete, dass keiner von den Brandwächtern der Stadt, welche den Dom Tag und Nacht im Auge behielten, unseren Segler erblickte und Alarm auslöste.
«Nicht hierhin, verflixtes Schiff!», rief ich außer mir, «du weißt, wohin du fliegen musst!»
Während unser Fahrzeug sich der Kirchturmspitze näherte, überfiel mich erneut die Vision von Simonis’ Tod. Das vom Schrei der vierzigtausend Märtyrer übertönte Brüllen der Raubtiere holte mich ein. Die Letzten Tage der Menschheit, die sich angekündigt hatten mit Opalinskis Tod, hatten Simonis verschlungen wie die Löwen, und jetzt spürte auch ich ihren Atem im Nacken. Einige Augenblicke lang hielt ich betäubt vor Angst inne. Da sah ich es.
Anfangs glaubte ich, es handle sich um eine Halluzination. Obwohl seine Beschaffenheit nicht zur menschlichen Welt zu gehören schien, war der Gegenstand, den ich erblickte, doch genau so, wie ihn jetzt auch Atto sah: Der Abbé war erwacht, hatte sich erhoben und stand offenen Mundes neben mir.
Es war eine goldene Kugel, wie ein Apfel so groß, die in der Luft schwebte. Keine Beschreibung könnte ihr Aussehen je vollständig wiedergeben; noch heute bleibt mir nur eine schwache Reminiszenz. Gewisser Träume erinnert man sich nur schwer, doch nicht wegen der Fehlbarkeit des Gedächtnisses, sondern weil sie nur in einem eigentümlich verfremdeten Geisteszustand zu leben vermögen. Sobald man versucht, sie ins Bewusstsein hinüberzunehmen, lösen sie sich auf wie Quallen, die an den Strand geschwemmt werden. In gleicher Weise machte auch mein verzweifelter Seelenzustand jener Stunden eine Erfahrung möglich, welche ich heute nicht mehr vollständig zu wiederholen vermag. Ich kann nur sagen, dass die Substanz der goldenen Kugel, die dicht vor dem Bug des Fliegenden Schiffes schwebte, etwas zwischen Dampf und Metall zu sein schien.
Und im Banne dieser unbegreiflichen Vision entsann ich mich plötzlich einer der vielen Prophezeiungen über den Goldenen Apfel, die wir in den vergangenen Tagen gehört hatten – es war diejenige Ugonios. Der Spanische Erbfolgekrieg, der in ganz Europa wütete, könne von Österreich nur gewonnen werden, wenn der ursprüngliche Goldene Apfel Justinians, jener, der die Herrschaft über den christlichen Okzident sicherte, wieder auf die höchste Spitze der heiligsten Kirche von Wien gesetzt würde: also den Stephansdom. Dort nämlich war eines Tages der Erzengel Michael erschienen und hielt der Überlieferung zufolge den Reichsapfel in der Hand, während er Luzifer mit seinem Schwert in Form des Heiligen Kreuzes vertrieb.
Ein Ruck fuhr durch das Schiff: Eine Windböe hatte das schwankende Gefährt gegen die Fiale der Turmspitze gestoßen. Aus dem Augenwinkel erspähte ich, wiewohl gefesselt vom Anblick der goldenen Kugel, die steinernen Locken und Voluten, welche die glorreiche Kathedrale schmückten.
«Was geht hier vor? Erst dieser Schrei … und jetzt der Apfel …», stammelte Abbé Melani mit bebender Stimme, auf meinen Arm gestützt. Auch er hatte begriffen, was die goldene Kugel war.
Aber ich hörte ihm nicht mehr zu. Denn nun fiel mir ein, dass sich auf der Fiale von Sankt Stephan, dem Bericht Ugonios zufolge, die sieben geheimnisvollen Worte befinden mussten, welche der Erzengel Michael eingeritzt hatte.
Und dies war der Moment, von dem an die Schatten des Vergessens meine Erinnerungen umhüllen und alles in einem ununterscheidbaren Magma verschwimmt: Ich versuche, mich hinauszulehnen, um auf der Turmspitze die Inschrift zu suchen; das Schiff schaukelt unter einer starken Windböe; ich verliere das Gleichgewicht; Abbé Melani, der an meiner Seite ebenfalls wankt, kauert sich erneut auf dem Boden des Schiffes nieder; ich stütze mich mit einem Ellenbogen ab und kann gerade noch verhindern, dass ich aus dem Schiff stürze. Endlos sind diese Sekunden, während deren ich in die Tiefe blicke, unter mir das irreale Bild des Stephansdoms, ein ungeheurer Wal aus Stein, der riesenhaft unter dem Dach der Kathedrale aufragt. Und dann wird das Strahlen des Goldenen Apfels plötzlich stärker, und während ich mich vor dem Sturz rette und mich wieder in das Schiff schwingen kann, verschwindet er in einer Spur leuchtenden Staubes.
Die Erscheinung war entrückt, und der Goldene Apfel war nicht auf den Stephansdom zurückgekehrt. Spanien würde unweigerlich in französische Hände fallen. Die Nacht, in der sich das Schicksal der Welt erfüllte, hatte ihre Bahn vollendet: Der Ausgang des Krieges stand bereits fest und mit ihm die Ereignisse der kommenden Jahre. Das also wollte das Fliegende Schiff uns sagen.
Nun blieb nur, sich seinem stummen Willen zu überlassen: sich zu ergeben, zu verzichten, sich zu entfernen, während der Donner am Himmel ein morgendliches Gewitter ankündigte. Wie ein großes Weinen der ganzen Welt würde es das Vorspiel der neuen Epoche sein: die Letzten Tage der Menschheit.
Als wollte es uns eine letzte Hilfe erweisen, landete das Fliegende Schiff erneut in den Weinbergen von Simmering, wenige Schritte vom Weinkeller des Klosters entfernt. Kaum waren wir ausgestiegen, erhob sich der gefiederte Segler wieder in den Äther und entfernte sich, freilich nicht in Richtung des Ortes Ohne Namen, sondern nach Westen. Ich sah, wie er davonschwebte, körperlos und still, bis er mit dem Horizont verschmolz. Das Schiff flog zurück ins Königreich Portugal, von wo es vor zwei Jahren gekommen war.
Mit den letzten mir verbliebenen Kräften schleppte ich den Abbé bis zum nahen Weinkeller. Ich weiß nicht, wie die kurzen Glieder des homunculus, der ich bin, das Gewicht des alten Kastraten noch heben konnten. Als ich mich gegen die Tür lehnte, wurde sie im selben Moment aufgerissen.
«Mein Liebster!», hörte ich jemanden rufen.
Ich erblickte Cloridia, bei ihr war Camilla de’ Rossi. Während die Chormeisterin Atto sofort Hilfe leistete, lächelte Cloridia mich mit tränenüberströmtem Gesicht an und umarmte mich heftig. Was tat meine Frau hier? Warum war auch Camilla de’ Rossi da? Suchten sie uns? Und woher wussten sie, dass wir ausgerechnet an diesem Ort zu finden waren? Nach Penicek und dem Palatino hatte ich nun gewiss keine Kraft mehr, die Geheimnisse der Chormeisterin zu ertragen! Ich runzelte die Stirn, aber Cloridia drückte mir sanft die Hände und schüttelte den Kopf.
«Ich weiß, woran du denkst, aber sorge dich nicht. Camilla hat mir alles erklärt.»
Mir blieb jedoch keine Zeit, mehr von ihr zu vernehmen. Von Erschöpfung übermannt, verlor ich in den Armen meiner Frau das Bewusstsein.
«Aber … das sind ja die Bilder unserer beiden Küken!», waren die ersten Worte, die ich aussprechen konnte.
Soeben war ich auf einem Lager neben dem Kaminfeuer erwacht. Als ich die Augen öffnete, hatte mich ein starker Schwindel erfasst, grausame Schmerzen peinigten meinen ganzen Körper. Cloridia hatte etwas aus einem kleinen Schrein gezogen und mir in die Hand gelegt. Ich betrachtete es. Es war ein Kettchen, an dem ein herzförmiger Anhänger in Goldfiligran hing. Er ließ sich öffnen. Darin erblickte ich die Miniaturen zweier anmutiger Mädchengesichter: meine Töchter als kleine Kinder! Woher kamen diese Porträts? Ich hatte sie nie zuvor gesehen. Oder befand ich mich schon wieder in einem Traum?
«Nein, Liebster. Es sind nicht die Küken. Nicht direkt», lächelte meine Gemahlin.
Und während die Gedanken sich mühsam ordneten und ich von einem wachsenden inneren Toben erschüttert wurde, erzählte mir Cloridia alles.
Als sie fertig war, wandte ich den Kopf, auf der Suche nach Abbé Melani: In eine Wolldecke gehüllt, saß er vor dem Kamin und plauderte angeregt mit Camilla. Unsere Blicke kreuzten sich. So wie er es sich vorgestellt hatte, hätte dies ein glücklicher Moment sein sollen. Doch es war uns nicht möglich, noch nicht.
Pfeilschnell galoppierte das Pferd vor dem kleinen Karren auf dem Heimweg nach Wien durch die Nacht. Bei jedem Hüpfen der Räder jammerte Abbé Melani. Wir mussten eilen, rasend schnell sein – es galt, die Hand zurückzuhalten, die den Kaiser meucheln würde. Doch wie kamen wir in die Hofburg hinein?
Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Von allem, was ich in den vergangenen Stunden erlebt hatte, war mir nur eines geblieben: ein Laut, der dröhnende Schrei der vierzigtausend Männer Kasims. Er war nicht mehr da, aber sein Donner währte in mir fort wie ein Fuß, der einen Abdruck hinterlässt, und manchmal wurde die Vibration sogar ohrenbetäubend. Es bereitete mir Mühe, Geräusche zu unterscheiden, ja, sogar meine eigene Stimme zu erkennen. Ich war nicht taub, aber betäubt.
In der Himmelpforte angekommen, hörten wir, noch bevor wir aus dem Wagen stiegen, das lärmende Rasseln einer Kutsche in der Straße. Ein Zweispänner hielt abrupt vor uns an. Er trug die Kaiserlichen Insignien. Zwei Pagen mit Fackeln stiegen aus.
«Öffnet, schnell!», schrien die beiden und klopften heftig an das Tor des Klosters.
«Sucht Ihr mich?», fragte Camilla, die bereits begriffen hatte, während sie auf das Tor zuging. «Ich bin die Chormeisterin.»
«Ihr seid das? Dann macht schnell!», sagte einer der beiden, indem er ihr einen Umschlag mit dem Kaiserlichen Siegel überreichte. Sie öffnete ihn sofort.
«Es ist ein Schreiben Ihrer Majestät», teilte uns Camilla mit, nachdem sie das Billett gelesen hatte, und ihr brach die Stimme vor Angst. «Er ruft mich zu sich. Sofort.»
Das war sie, die Antwort auf unser banges Hoffen: Ich würde Camilla in die Hofburg begleiten, und mit ihr würde ich geradewegs bis zum Kaiser gelangen. Wir ließen Cloridia und Atto im Kloster.
Vom Dunkel der Nacht umhüllt, welche über das Schicksal der Welt entschieden hatte, tauchte die Kaiserliche Residenz langsam vor uns auf. Wir klopften an das Tor eines Nebeneingangs. Trotz der frühen Stunde wurde uns sofort geöffnet. Ich ahnte, dass Camilla sehr häufig Gebrauch von diesem Zugang gemacht haben musste, denn der Diener, der uns öffnete, erhob keine Einwände und fragte nicht, wer wir seien. Er ließ uns in einem Zimmer warten, wo sich nach wenigen Minuten ein Lakai mit verschlafenem Gesicht einfand. Sofort umarmte er Camilla, und sie küssten sich brüderlich.
«Wie geht es ihm?», fragte die Chormeisterin.
Der andere antwortete mit einem ernsten Blick, ohne ein Wort zu sagen.
«Ich stelle dir Vinzenz Rossi vor, den Cousin meines verstorbenen Mannes», sagte Camilla zu mir. «Er wird uns jetzt bringen, was wir brauchen.»
Nach kurzer Zeit kehrte Vinzenz mit einem kleinen Pagengewand zurück, es hatte genau meine Größe. Ich legte es an, und wir begannen einen langen Weg durch Korridore, geleitet von dem Lakaien und dem schwachen Licht seiner Kerze.
Außer der Dunkelheit, welche die Säle der Hofburg erfüllte, entsinne ich mich nur einer Reihe von Fluren, Treppen und wieder Fluren. Schließlich ein großes Vorzimmer, dann noch eines. Ein stummes, wattegleiches Hin und Her von Lakaien, Medizi und Priestern. Anspannung, gesenkte Blicke, das Gefühl ohnmächtigen Wartens. Ich sah eine Dame, unter einem Schleier halb verborgen, begleitet von zwei Hoffräulein und auf jemandes Arm gestützt. Von verhaltenen Schluchzern geschüttelt, entfernte sie sich, dann hörte ich rufen: «Herr Graf von Paar.» War das die Kaiserin? Ich wagte nicht zu fragen. Wir wurden eilig durchgelassen, diskret, aber ohne Umstände. Die gesamte Dienerschaft schien Camilla zu kennen.
Schließlich öffnete sich auch die letzte große Tür, und wir traten ein.
Die Chormeisterin sprach mit gedämpfter, ruhiger Stimme. Im Licht eines hinter seinem Kopf stehenden Kandelabers zeichnete sich das Profil des Kranken ab, und ich sah, wie er im keuchenden Rhythmus des Todeskampfes atmete.
Als Camilla an das Bett getreten war, hatte niemand gewagt, ihr zur Vorsicht zu raten. Nur Joseph hatte sich zu der Neuangekommenen hingewandt, doch ihm fehlte die Kraft, ihre Begrüßung zu erwidern.
Die Schar der Medizi musste sich in den Hintergrund des Zimmers zurückziehen, ebenso der Beichtvater, welcher den Kelch mit dem Allerheiligsten Sakrament an die Brust gedrückt hielt, aus dem Ihre Kaiserliche Majestät die Kommunion empfangen hatte. Im hintersten Winkel wartete auch der Apostolische Protonotar, in der Hand noch das Öl der Letzten Heiligen Ölung, welche er soeben in Gegenwart des Päpstlichen Nuntius gespendet hatte. Es war jener Nuntius, für den Camilla bis jetzt an ihrem Heiligen Alexius gearbeitet hatte und der nun wider Erwarten dem sterbenden Kaiser den letzten Segen des Papstes erteilen musste.
Jetzt sprach Camilla Joseph I. flüsternd ins Ohr, er hörte nur zu. Ringsumher war es, als hielte der ganze Raum den Atem an. Camilla konnte sich mit der tödlichen Krankheit anstecken, doch sie kniete zu Füßen des Bettes wie vor der Wiege eines Kindes. Dann erhob sie sich, und mir schien (ich kann es nicht beschwören, wegen des Halbdunkels, in das alles gehüllt war), dass sie es wagte, das Haupt Josephs des Sieghaften zu liebkosen.
Ich ahnte, dass ich nie erfahren würde, was sie ihm gesagt hatte. Ich sollte recht behalten.
10.15 Uhr
Da fühlt Roland, dass er dem Tode nahe,
Durch seine Ohren drängt sich das Gehirn.
Da fühlt Roland, dass ihm die Sehkraft schwindet,
Zusammenrafft er sich und stellt sich auf,
Vergangen ist die Farbe seiner Wangen.
Da fühlt Roland, dass der Tod ihn bewältigt,
Vom Haupte steigt er nieder ihm zu Herzen.
Da fühlt Roland, dass seine Zeit vorbei ist,
Und mit der einen Hand schlug er die Brust.
Den rechten Handschuh reicht er Gott empor,
Sankt Gabriel nahm ihn aus seiner Hand.
Auf seinen Arm hält er das Haupt geneigt,
Sein Ende fand er mit geschlossnen Händen.
Es war zu Ende. Ihre Kaiserliche Majestät, Nachfolger Karls des Großen auf dem Thron des Heiligen Römischen Reiches, hatte dem Erzengel seinen Handschuh überreicht und seine Seele dem Allerhöchsten befohlen. Sein Leiden war endlich ausgestanden. Das Fieber hatte ihn mit glühender Lohe ausgezehrt, die Schmerzen bis zur Ohnmacht geschwächt, das Erbrechen hatte ihm die Eingeweide gefurcht wie die harte Bürste des Kardierers. Dann hatte das Übel ihn entfleischt, verschlungen, von innen zerquetscht.
Joseph der Sieghafte starb wie der Paladin Roland, der bei der Niederlage in Roncesvalles von den Ungläubigen besiegt wurde.
Er war die ganze Zeit über bei klarem Verstande gewesen. Kurz vor zehn Uhr hatte er genug Kraft gefunden, seinen Ober-Hof-Cappellan mit dem Geweihten Lichte kommen zu lassen, und hatte als guter Christ die Hände daraufgelegt. Der Cappellan hielt, vor dem Bett kniend, das Licht und stützte Joseph die Hände, die zu schwach waren, sich allein um die Kerze zu legen. So hatte Ihre Majestät, gierig in die Flamme blickend, das Sterbegebet des Beichtvaters gehört, welcher schließlich unter der seelischen Pein zusammenbrach und der Hilfe bedurfte.
In den letzten Augenblicken hatte Ihre Majestät sich unter einer gewaltigen Konvulsion aufgebäumt: Augen und Ohren hatten schwarzes Blut gespien, aus der Nase waren Schleim und Teile des Gehirns ausgetreten; Lederhaut, Gewebe, Gefäße, Kapillaren und Lymphkanäle waren explodiert wie durch tausend geräuschlose Minen. Es war keine einfache Krankheit: Das Böse selbst hatte den Körper Josephs des Sieghaften mit all seinen verruchten Künsten zerfetzt und sich an seinem Leiden gelabt.
Als die Königinmutter, die nie von seiner Seite gewichen war, näher kam und kniend die nunmehr offenen Hände des Sohnes küsste, wussten wir alle, dass es wirklich zu Ende war.
Ich versteckte mich nicht mehr. In meiner Pagenkleidung entfernte ich mich unbeobachtet durch die Schar der Höflinge, die dem kaiserlichen Sterben vom Vorzimmer aus zusahen.
Ich stieg die Treppen hinab, einen erloschenen Kandelaber umklammernd, nur um etwas in der Hand zu halten. So schritt ich voran, während die Schläge meines Herzens, die in dem Augenblick ausgesetzt hatten, da mein König seinen Geist aufgab, ihren Rhythmus wieder aufnahmen, Schlag für Schlag. Schon nach wenigen Minuten pochte es wie toll, sein rasendes Klopfen durchbohrte mir die Kehle wie ein glühender, spitzer Pfeil. Das keuchende Pendel aus Fleisch und Lymphe, das mir in der Brust vibrierte, grub sich tief in meine Eingeweide hinein und kehrte dann wieder nach oben zurück, bis zu den Augen. Meine geschwollenen Lider pulsierten schmerzend, und ich stellte sie mir vor, bis zum Bersten angefüllt mit denselben eisenhaltigen Körpersäften, die ich entsetzt von den halbgeschlossenen, sterbenden Lidern meines jungen Kaisers hatte tropfen sehen, derweil seine Pupillen sich nach hinten drehten und der Himmel zu Tränen zerfloss.
Kaum gewahrte ich, wohin mich meine Beine trugen. Ich schwankte und glaubte, nicht weit gehen zu können. Mühsam schleppte ich mich voran, bis ich in die Nähe der Bastionen kam. Da bemächtigte sich meiner urplötzlich eine neue Kraft. Ich wankte nicht mehr, meine Schenkel wurden hart und stark, das Herz klopfte wieder regelmäßig: Ich begann zu laufen. Ich lief ohne Maß und Ziel und brüllte mit all meiner Kraft. Den erloschenen Kandelaber warf ich weit weg, riss mir die Perücke vom Kopf, den Frack, das Jabot und das Hemd vom Leibe. Mit nacktem Oberkörper schrie ich mich heiser, mein Kiefer schmerzte, und ich wollte zerbersten. Doch niemand hörte mich: Ich schrie allein, und allein rannte ich und wusste gewiss, dass mir statt Tränen Blut über die Wangen lief, aber ich bekümmerte mich nicht darum, es zu trocknen, gleichgültig, ob es eine rote Spur auf dem Pflaster hinterließ. Dann sah ich, wie mein frisches, rotes Blut sich mit dem schwarzen Blut vereinigte, das aus den zerrissenen Eingeweiden des Pontevedriners Danilo Danilowitsch quoll, und mein Schrei verschmolz mit dem der vierzigtausend Märtyrer Kasims; ich sah das eiskalte, geronnene Blut des Bulgaren Hristo Hadji-Tanjov, und mein Schrei wurde zum Pfeifen des Schneesturms; und dann war da das schwarze Blut der Tekuphot, das der Alte aus dem armenischen Kaffeehaus auf uns herabbeschworen hatte, worauf es in Strömen über Attos Gesicht geflossen war, aus der Scham des Rumänen Dragomir Populescu, die abgeschnitten wurde wie das Geschlecht des Uranos, daraus Venus geboren ward; und ich sah die mit dem Blut des Ungarn Koloman Szupán aus Warasdin getränkten spitzen Pfähle und dann das Blut, das die eisernen Spieße aus den Käferaugen des stolzen Polen Jan Janitzki hatten hervorspritzen lassen; und schließlich das griechische Blut von Simonis, meinem Freund, Simonis, meinem Sohn, es war wie Blut von meinem Blute und hatte den Durst des Panthers vom Ort Ohne Namen gestillt, dessen tödliches Gebrüll mir den Brustkorb schier zerbrach, als es mit den Schreien aus meinem eigenen Inneren und dem Ruf der vierzigtausend Märtyrer verschmolz.
Die rote Spur aus Blut, die ich zu hinterlassen meinte, war zu einer langen Bahn des Todes geworden; mit ihrer Hilfe würde Cloridia mich wiederfinden, sagte ich mir. Meine Adern kochten beim Anblick all des unschuldig vergossenen Blutes, aber sie bebten bei dem Gedanken an noch mehr Blut, das Blut des Judas, verflucht in saecula saeculorum, das während des Rituals im Wald aus den Wunden des Derwischs Ciezeber alias Palatino geströmt war, des chaldäischen oder armenischen oder indischen Verräters, der vielleicht alles gleichzeitig war. Und vor allem das Blut, das Penicek nie vergossen hatte, diese abscheuliche Pfütze Luzifers. Über all diesem Blut ging jeden Tag die Sonne auf, auch sie blutgetränkt: soli soli soli, «zur einzigen Sonne der Erde», eine bluttriefende Sonne, so wie mein junger Kaiser im Blut erstickt war, «der einzige Mann, der allein auf Erden ist.»
Also hob ich die Fäuste zum Himmel und befahl: Er möge sich verfinstern, der Mond und die blutrote Sonne sollten innehalten auf ihrer Bahn, die Frauen ihr Gesicht bedecken. Man hebe alle Bankette auf, jeder Mund verstumme, alles verriegele sich im Haus. Es ist zu Ende! Der Kaiser ist nicht mehr. Tod und Unrecht haben ihren bösen Sieg davongetragen.
Einzig das Echo meines Irrsinns, nichts anderes als dieser eine Ton, erreichte mich nun aus der verheerten Schöpfung: eine traurige Fanfare, mit der nicht nur meine Toten, sondern auch die unzähligen Soldaten, die in diesem Krieg, dem Krieg ohne Ende, gestorben waren, starben und sterben würden und mich anklagten, weil ich noch lebte. Wofür seid ihr gestorben? Ach, hättet ihr in dem Moment, da ihr euch geopfert habt, doch vom Profit des Krieges gewusst, der trotz, nein, der durch euer Opfer wächst und sich an ihm mästet! Ihr alle, Sieger und Besiegte, habt den Krieg verloren. Gewonnen haben ihn eure Mörder, die Schacherer mit Fleisch, Zucker, Alkohol, Mehl, Gummi, Wolle, Eisen, Tinte und Waffen, die hundertmal entschädigt wurden für die Entwertung des Menschenlebens. Darum seid ihr verfault und werdet noch Jahrhundert über Jahrhundert, Generation für Generation im Schlamm und im Wasser verfaulen. Ihr werdet so lange am Leben bleiben, bis sie genug gestohlen, genug gelogen, die Menschheit ausgesaugt haben. Dann weg damit! Der Nächste trete vor, unter das Beil des Henkers. Bis Aschermittwoch, bis zur Fastenzeit werden sie diesen großen tragischen Karneval tanzen, wo Menschen unter dem kalten Blick von Leuten wie Palatino sterben und die Schlächter zu Philosophen honoris causa gemacht werden.
Und ihr, die Geopferten, noch immer seid ihr nicht aufgestanden, und nie werdet ihr euch gegen diesen Plan erheben! Ja, ihr da unten, ihr Gemordeten, ihr Betrogenen! Stets noch habt ihr die Freiheit und den Wohlstand der Strategen, der Parasiten und Hanswürste ertragen und werdet sie weiterhin genauso dulden wie euer Unglück, eure Unfreiheit. Sie haben eure Haut zu Markte getragen, und immer wieder werden sie euch und uns verkaufen. Heda, ihr Toten! Warum steht ihr nicht aus euren Gräbern auf? Warum fordert ihr nicht Rechenschaft von diesem Gesindel und tretet vor sie hin mit dem verzerrten Antlitz, das ihr im Tode hattet, mit der grausigen Maske, zu der eure Jugend von der Herrschaft dieses teuflischen Wahns verdammt wurde? Erhebet euch und geht ihnen entgegen, stört ihren Schlaf mit dem Schrei eures Todeskampfes! Sie waren fähig, in der Nacht nach dem Tage, da sie euch vernichteten, ihre Frauen zu umarmen. Rettet uns vor ihnen, vor einem Frieden, der uns die Seuchengefahr ihrer Nähe bringt.
Helft, ihr Gemeuchelten! Helft mir! Damit ich nicht unter Menschen leben muss, die Order gaben, dass Herzen aufhörten zu schlagen, dass Mütter über den Gräbern ihrer Kinder ergrauten. So wahr, wie Gott ist – nur ein Wunder kann diese Barbarei beenden. Also erwacht aus eurer Erstarrung, kommt her! Damit zukünftige Zeiten euch anhören!
Doch wenn es wahr wäre, wie Atto sagt, dass die Zeiten nicht mehr hören, würde dann ein Wesen hören, das über diesen Zeiten ist? Mein Jesus, ich bitte dich: Diese Tragödie aus Szenen der sich zersetzenden Menschheit, ich bitte dich, schneide sie in mein Fleisch, wie du es mit deinem Fleische tatest, damit der Heilige Geist sie höre, auch wenn er es für immer aufgab, sich einem menschlichen Ohr zu nähern. Möge Er den Grundton dieser Epoche vernehmen. Möge Er das Echo meines blutigen Wahnsinns, das mich mitverantwortlich macht für diesen Lärm, als Buße gelten lassen.
Buße, Buße. Nur dieses eine Wort wiederholte ich. Halbnackt war ich inzwischen und hatte nichts mehr, das ich mir von der Brust reißen konnte. Also begann ich, mir die Fingernägel in die Arme zu graben, in die Schultern, den Hals, die von meinem Schrei ausgehöhlten Wangen, den Bauch, den Nabel, der mich ehedem mit jener nie gekannten Mutter verbunden hatte. Den ganzen Tag lang lief ich mit nackter Brust und riss mir Fetzen meines eigenen Fleisches vom Leibe, von den Ohren, um nicht mehr zu hören, von der Zunge, um nicht mehr zu sprechen, von den Lidern, um nicht mehr zu sehen, von der Nase, um nicht mehr zu atmen, und ich biss mir in die Finger, um nichts mehr zu berühren. Ich lief über Felder, an Steilwänden hinauf und durch Schluchten, und mein einziger, endloser Schrei lief mit mir über jede Erdscholle. Meine Augen waren weit geöffnet, aber ich lief blindlings, ich sah und sah nicht, hörte und hörte nicht.
Da holte mich unversehens eine ferne Melodie ein, umhüllte mich, verwirrte meine Fußsohlen, doch die Füße erkannten sie und zögerten in ihrem tollen Lauf, und schließlich tanzten sie zu ihrem zarten Gesang. Ohne innezuhalten, vollführten meine Sohlen ungehindert Kreise, und meine Arme folgten ihnen gefügig und zeichneten weite Figuren in die Luft zum Klang dieser (jetzt erkannte ich sie) Geige, der Geige. Und dann sah ich es. Ich war im Neugebäu. Der verzweifelte Schrei aus meiner Brust verwandelte sich nach und nach in den Gesang dieses vertrauten Motivs, das ich jetzt mit Namen nannte: eine portugiesische Melodie, Folia genannt, die Tollheit.
Meine nackten Füße liefen jetzt durch die Gärten des Ortes Ohne Namen, aber sie waren nicht mehr verwahrlost und ungepflegt: Anmutige blaugoldene Mosaike schmückten sie. Eine Fontäne klaren Wassers hob sich aus dem prächtigen Alabasterbrunnen in der Mitte und segnete alles ringsumher mit ihrer angenehmen Kühle. Auch auf meine Schultern fiel sie herab, um das geronnene Blut meiner Wunden zu waschen.
Und erst in diesem Moment sah ich den Ort Ohne Namen zum ersten Mal: Als hätten meine Wunden mir das Reich der Gerechten geöffnet, wurden meine Augen neu und übermenschlich, und wie durch eine jähe Explosion historischer Wahrheit zeigten sie mir das wirkliche, lebendige Bild der Schöpfung Maximilians, das herrliche Leben, für das sie erdacht und das ihr nie gewährt worden war: die funkelnden Dächer aus Gold; die Türme des Gartens, kapriziös aufragend wie türkische Minarette; üppige Beete und Hecken, dichtbesetzt mit Knospen und seltenen Pflanzen, mit Orangen- und Zitronenbäumen, mit exotischen Früchten und erlesenen Blumen; großzügige, hohe Brunnen, deren silberne Wasser über Betten aus hellem Marmor mit schönen Intarsien rauschten; die Fassade des Schlosses mit tausenderlei Gebälk, Skulpturen und Kapitellen geschmückt, alle mit feinen Arbeiten aus ziseliertem Gold verziert; die Umfriedungsmauern mit ihren stolzen Zinnen; und überall ein fieberhaftes Kommen und Gehen von Kutschen, Dienern, Arbeitern, Sekretären und Lakaien, alle in den Samtgewändern, die man vor zweihundert Jahren getragen; und im Hintergrund das wilde, aber gedämpfte Brummen der Raubtiere. Und dieses ganze gewaltige Meisterwerk der Erfindungsgabe, das Neugebäu, bot einen so harmonischen Anblick, dass seine kriegerischen Symbole (die Wachttürme, die Zinnen, die Löwen) eine Botschaft des Friedens zu verkünden schienen, wie auch sein Schöpfer, Maximilian der Mysteriöse, ein Mann des Friedens gewesen war.
Ich schluchzte bei dem Gedanken, dass mir diese zeitlose Vision nur ein einziges Mal vergönnt sein würde. Dann dachte ich an Rom zurück, an die Villa des Schiffs, die viel von ihrem vergangenen Leben bewahrt hatte und deren mit zahllosen Sinnsprüchen bedeckte Wände vom Glanz einer Epoche erzählten, die nicht wiederkehren würde. Wie eine in ihr Gegenteil verkehrte Medusa teilte diese Villa ihre Weisheit jedem mit, der seine Augen auch nur einen Augenblick lang auf jenen Denksprüchen ruhen ließ. Neugebäu hingegen, das Kind Ohne Namen, war zusammen mit dem Schoß, der es geboren hatte, aus der Welt gerissen worden, ohne sein Leben je gelebt zu haben. Seine Zeit hatte es nie gegeben; der Hass hatte es vorzeitig abgetrieben. Nur die Gärten hatten für kurze Zeit schüchtern mit dem Leben liebäugeln dürfen, doch dort, wo nicht die Natur, sondern der menschliche Geist wohnen durfte, genau dort hatte der Ort Ohne Namen vergeblich auf das Leben gewartet. Nichts konnte das Schloss Neugebäu dem Gast, dem neugierigen Besucher erzählen, außer: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.»
Was also war mein ganzes Dasein bis jetzt gewesen? Welche Bedeutung hatten sie für mich, das verfrüht dahingeraffte Leben Josephs I. und Maximilians II., das unerfüllte Schicksal des Allerchristlichsten Königs und seiner geliebten Maria vor elf Jahren in der Villa des Schiffs und vor fast dreißig Jahren in der Herberge des Donzello in Rom, das Martyrium des Oberintendanten Fouquet und der Hass, der sein Schloss in Vaux-le-Vicomte geplündert hatte, diese gewaltige Niederlage aus Stein, ein Schloss, das nur eine einzige Nacht gelebt hatte, jene des 17. August 1661? Was waren sie, wenn nicht allesamt Wesen und Orte Ohne Namen, ohne Geschichte, weil man sie um die Geschichte gebracht hatte, die ihnen rechtmäßig zustand? Waren sie nicht alle ein Vorspiel für das Neugebäu? Wovon hatten sie mir gesprochen? Warum waren sie mir entgegengekommen, warum hatten sie mein armseliges, dunkles Leben gesucht und es leidvoll geblendet mit ihrem traurigen Glanz?
Ich weiß nicht, wie Cloridia mich gefunden und ins Kloster zurückgebracht hatte. Reglos lag ich auf dem Bett. Ich sah meine Frau und den Kleinen, die sich über mich beugten. Bei ihnen saß Abbé Melani, zum Schatten seiner selbst geworden, in sich zusammengesunken am Kopfende meines Bettes auf dem Sessel aus grüner Brokatelle, und sogar sein Neffe war dabei. Ich irrte mit Blicken über ihre Gesichter, meine Pupillen verweilten auf ihren Mündern. Alle sprachen zu mir. Domenico wollte mich schütteln; Atto jammerte, gab sich die Schuld an allem und schlug vor, einen Arzt zu holen; Cloridia, zu Tode betrübt über mein Unglück, in dem sie unbedingt eine Art von Heldentum sehen wollte, flehte, ich möge ihr, wenn er schon nicht mehr von meinen Lippen kommen konnte, so doch wenigstens mit meinen Gesichtszügen einen Wink des Verständnisses für sie und unseren Kleinen geben.
Und abermals kehrte ich in meinen Erinnerungen zu der Zeit vor elf Jahren in Rom zurück, in jene glänzende Villa, welche die Form eines Schiffes hatte wie das Fliegende Schiff und verlassen war wie der Ort Ohne Namen. Und zum wer weiß wievielten Male dachte ich an Giovanni Henrico Albicastro, den wunderlichen holländischen Geiger, der, stets in Schwarz gekleidet, über den Zinnen der Villa zu schweben schien, während er eine portugiesische Weise spielte, die folia genannt wird, «Narrheit» eben. Er rezitierte Verse eines Poems mit dem Titel «Das Narrenschiff», durch die er mich das Leben gelehrt hatte. Niemals würde ich herausfinden, ob er und der unbekannte Steuermann des Fliegenden Schiffes ein und dieselbe Person waren, doch jetzt ging es um etwas ganz anderes: Es wurde Zeit, Albicastros Ermahnungen zu beherzigen.
Während ich in meinem Inneren wieder angefangen hatte, zu schreien, und dieser Schrei nie mehr enden sollte, hatten meine Lippen, jenen alten Mahnungen gehorchend, zu schweigen begonnen. Ich war stumm geworden. Meine Frau weinte, und ich hätte ihr gerne gesagt: Wie kann ich mit dir sprechen, wenn dieser Lärm in meinen Ohren tobt? Hörst du ihn nicht auch? Nur manchmal verwandelte sich der Schrei in den Gesang der Folia, und dann begann ich zu winseln, ich wollte Cloridia sagen, dass ich sie liebte, aber sofort setzte mein innerer Schrei wieder ein.
So wurde ich auf dem leidigen Krankenlager wieder zur Beute meiner Erinnyen. Ich litt an meinem Schweigen, in das jeder eintreten konnte wie an einen Ort verbürgter Gastfreundschaft. Heftig wünschte ich mir, es würde mich gleich einer Trauerhalle umgeben, und mit mir die ganze Menschheit.
Ach, könnte man doch den Nachgeborenen die Stimme dieser Epoche überliefern! So quälte ich mich in den schweißgetränkten Kissen. Aber würde dann nicht die äußere Wahrheit die innere widerlegen und das Ohr unserer Nachkommen weder die eine noch die andere mehr erkennen? Denn auf diese Weise macht die Zeit ihr eigenes Wesen unerkennbar und uns bereit, das größte Verbrechen, das je unter der Sonne und unter den Sternen begangen wurde, zu amnestieren.
Nur im Archiv Gottes ist dieses Wesen sicher bewahrt. Nein, nicht wegen eures Todes, meine Freunde – ihr alle, die ihr im Krieg und im Frieden gefallen seid, ihr Toten von gestern, heute und morgen –, sondern für das, was ihr erleben musstet, wird Gott euch an denen rächen, die es euch zugefügt haben. Zu Schatten wird Gott sie machen, zu jenen Schatten, die sie eigentlich sind, Schatten, die sich lügnerisch in das Aussehen realer Menschen kleideten. Er wird ihnen das Fleisch nehmen, darin sie ihre leeren Seelen verbergen. Nur dem Gedanken an ihre Dummheit, der Empfindung ihrer Bosheit, dem furchtbaren Rhythmus ihrer Nichtigkeit wird er einen Körper geben, und wie Marionetten wird er sie am Tag des Jüngsten Gerichts bewegen, um den Gerechten zu zeigen, was unter Seiner Hand zugrunde ging.
Ich hatte den langen Weg des Schweigens beschritten, in Erwartung des Tages, an dem, wie Albicastro mich gelehrt hatte, «der Bogen gespannt wird». Aber der holländische Geiger hatte mir vor elf Jahren auch verkündet: Nicht in dieser Welt wird der Bogen gespannt werden. Und Christus selbst hat uns belehrt: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.»
Wohin sollte ich mich in Erwartung des Reiches Gottes also flüchten? Albicastro, die Villa des Schiffs, der Ort Ohne Namen: Es war, als würden sich meine Erlebnisse an Attos Seite eines nach dem anderen zu einem einzigen großen Bild zusammenfügen, das jetzt, in diesen Tagen, seine Deutung fand. Bis heute hatte das Leben mich viel gelehrt und oft in Erstaunen versetzt, es hatte viele Überraschungen und böse Schläge für mich bereitgehalten, und stets war ich ihm gegenüber wie ein leerer Krug gewesen, der nur empfängt und nichts dafür gibt, außer sich immer mehr zu füllen. Dieses Leben schien sich jetzt auf sich selbst zu besinnen und in seine Vergangenheit zurückzukehren, um mir die alten Themen, die so oft gehörten Lehren erneut vorzuschlagen, als habe es nicht die Absicht, mich neue Dinge zu lehren. Doch warum?