8 Sunny
Hat man die Entscheidung, die Weh zu retten (noch einmal mit Gefühl), erst einmal getroffen, kommt es einem wirklich hart vor, den ganzen nächsten Tag in einer langweiligen alten Highschool eingesperrt zu sein. Aber leider können wir Mom nicht in unsere heldenhaften Pläne einweihen und sie sieht keinen Grund, warum wir es nicht pünktlich zum Bus schaffen sollten. Aber ich nehme an, wir können tagsüber sowieso nicht viel ausrichten, wenn man bedenkt, dass alle guten Vampire während der Schulstunden tief und fest in ihren Särgen schlafen.
Und außerdem kann man, wie Rayne so treffend feststellt, »die Rettung der Welt vor einer Vampirapokalypse« nicht als außerschulische Aktivität in seiner Collegebewerbung anführen.
Und jetzt, da sie kein unsterblicher Vampir mit unermesslichen Reichtümern mehr ist, wird sie das eine oder andere Stipendium brauchen.
Und so bin ich gezwungen, endlose Kurse und nervige Gespräche beim Mittagessen über mich ergehen zu lassen und in den passenden Gesprächspausen ein höfliches »Mmhm« zu murmeln. Aber fragt mich bloß nicht, wovon meine Freunde und die Lehrer die ganze Zeit geredet haben! Denn ich habe keinen blassen Schimmer. Ich kann mich nur auf unseren Masterplan konzentrieren und darauf, wie ich Magnus dazu bringe mitzumachen, ohne die Einzelheiten über unsere Zeitreise zu verraten.
Rayne und ich haben den größten Teil der vergangenen Nacht damit verbracht, unsere Strategie zu planen. Die Idee ist eigentlich ganz simpel: Ich werde Magnus warnen, dass Slayer Inc. Lucifents Leben bedroht, und mir dadurch seinen Respekt und den des ganzen Blutzirkels verschaffen. Danach, sobald sie uns vertrauen, können wir zu den größeren Fischen übergehen, die wir zu rösten hoffen - oder zu pfählen in diesem Fall. Pyrus selbst.
Endlich ist der Tag zu Ende, die Sonne geht unter und Rayne und ich machen uns auf den Weg in den Club Fang, an den Tatort sozusagen.
Als wir auf dem hinteren Parkplatz aus dem Auto steigen, wandert mein Blick zu dem schlichten Holzpfosten, an dem Magnus mich vor langer Zeit (oder nächsten Monat, in diesem Fall) versehentlich gebissen und meine Transformation zum Vampir in Gang gesetzt hat.
Damals war ich mordsmäßig sauer und total am Boden. Sich eine Woche vor dem Schulball in einen Vampir verwandeln? So was von uncool.
Aber wenn ich jetzt zurückblicke, nach all den Abenteuern, die Magnus und ich im vergangenen Jahr erlebt haben, dann wird diese Nacht zweifellos eine der romantischsten in meinem ganzen Leben bleiben. Ich erinnere mich, wie ich an diesem Pfosten gelehnt habe, meinen Körper an seinen gepresst, während seine Lippen meinen Hals streiften – und seine Reißzähne meine Haut aufkratzten. Es war die Nacht, in der ich meinen Seelenverwandten kennengelernt habe. Eine Nacht, die mein Leben für immer verändert hat.
Ich frage mich manchmal immer noch, was passiert wäre, wenn wir den Fluch nicht rechtzeitig hätten umkehren können. Wie wäre es gewesen, für immer ein Vampir zu bleiben?
Für alle Ewigkeit als Magnus' Blutsgefährtin zu leben, untrennbar mit ihm verbunden. Vielleicht hätten die Dinge sich anders entwickelt. Vielleicht wäre Bertha nicht in der Lage gewesen, mich zu töten. Vielleicht hätten Magnus und ich gegen Pyrus kämpfen und den Blutzirkel retten können.
Vielleicht wären wir glücklich gewesen bis ans ferne Ende unserer Tage.
Aber ich darf jetzt nicht daran denken. Es nützt nichts. Ich muss mich auf unsere derzeitige Mission konzentrieren, die Geschichte zum Besseren zu wenden, und das Beste hoffen.
Rayne und ich bezahlen unseren Eintritt und gehen nach oben in den Club, vorbei an all den schrägen Stammgästen aus der Gothic-Szene, die tanzen, ohne dabei auch nur einen Fuß zu bewegen. Zu Gothic-Musik zu tanzen, scheint mir sowieso das Dümmste überhaupt zu sein.
Meistens ist sie nämlich ätzend langsam. Und wie bitte schön kann man ordentlich ins Schwitzen kommen, wenn man nur ein bisschen mit den Armen schlenkert?
Wir lassen die Tanzfläche hinter uns und treten durch eine Holztür in eine kleine Caféstube, die sich im hinteren Teil des Clubs befindet.
Zumindest auf den ersten Blick sieht es hier so aus, als ob Kaffee serviert werden würde.
Tatsächlich ist das Lokal aber spezialisiert auf einen feinen dunkelroten Merlot, der nicht direkt aus Trauben gewonnen wird, wenn ihr versteht, was ich meine.
Dort, mitten in einem Haufen bunt zusammenge-würfelter Gäste, sitzt Magnus, wie erwartet flankiert von Rachel und Charity, seinen beiden Spenderbräuten. Rayne nickt mir zu und drängelt sich vorwärts, dann verschmilzt sie mit der Menge - angeblich, um Jareth zu finden. Als ich an den Tisch trete, erkennt Charity mich sofort wieder und stößt ein entzücktes Kreischen aus, bevor sie auf mich zugelaufen kommt, um mich zu umarmen.
»Wie geht es dir?«, fragt sie und drückt mich überschwänglich an sich. »Du bist gestern Abend so schnell verschwunden, dass ich dir nicht mal Auf Wiedersehen sagen konnte. Ist alles in Ordnung?« Sie mustert mich mit besorgten Augen. »Du hast doch nicht etwa deine Meinung geändert, oder? Ich meine, wegen der Sache mit der Blutsgefährtin. Denn Magnus braucht wirklich eine zuverlässige Frau an seiner Seite.«
Dabei schaut sie mit Zuneigung in den Augen zu Magnus hinüber. »Er war irgendwie einsam, weißt du? Rachel und ich haben in den letzten Jahren versucht, ihm Gesellschaft zu leisten.
Aber mehr können wir nicht tun. Er braucht nun mal diese Blutsverbindung zu einem anderen Vampir. Und du scheinst ein richtig nettes Mädchen zu sein. Ich denke, du wärst perfekt für ihn.« Sie lächelt mich besorgt an. »Also, mach keinen Rückzieher, okay? Brich ihm nicht das Herz.«
Ich schaue zu Magnus hinüber und mein eigenes Herz fühlt sich plötzlich ein bisschen gebrochen an. In der Nacht, als er mich gebissen hat, hatte ich keine Ahnung, wie sehr er sich darauf gefreut hatte, eine eigene Blutsgefährtin zu haben. Und dann gehe ich hin, weise ihn schroff zurück und verlange, dass ich in einen Menschen zurückverwandelt werde. Noch dazu habe ich ihn wie ein abscheuliches Monster behandelt, das versucht hat, mir die Seele zu stehlen. Obwohl er die ganze Zeit über doch nur mein Herz wollte.
Charity führt mich zu dem Tisch, an dem Magnus die Flüssigkeit in einem Weinkelch kreisen lässt.
Er schaut zu mir hoch und seine schönen saphirblauen Augen leuchten auf, als sein Blick auf mir haften bleibt.
»Da bist du ja wieder«, sagt er in überraschtem Ton. »Ich dachte, als du gestern Abend gegangen bist... bevor wir üben konnten ... «
»Ich weiß, es tut mir leid«, erwidere ich und ziehe mir einen Stuhl heran. »Ich wollte dich nicht im Stich lassen. Ich musste mir nur über etwas klar werden.«
»Ich hoffe, du hattest Erfolg?«
Ich setze mich auf den Stuhl und hole tief Luft.
»Hör mal, können wir reden?« Ich schaue zu Rachel und Charity, die uns mit verzückten Augen beobachten. »Allein?«
Magnus nickt, dann bedeutet er den Spenderbräuten, dass sie sich verziehen sollen.
Charity zwinkert mir verstohlen zu, während Rachel mich mit einem argwöhnischen Blick bedenkt. Ich seufze und drehe mich wieder zu Magnus um.
»Also«, sage ich, unsicher, wo ich anfangen soll.
»Ich
wollte...«
Magnus hebt die Hand, um mich zum Verstummen zu
bringen. »Ist schon in Ordnung«, erklärt er. »Ich weiß, was du sagen willst, und ich verstehe es.«
»Ähm, ich denke nicht, dass du . . .«
»Ich habe in der Kirche schon gespürt, wie du gezögert hast. Und dann bist du kurz vor dem Übungsbiss weggelaufen.« Er lächelt mich traurig an. »Ich weiß, dass du kein Vampir werden willst. Kein wirklicher jedenfalls. Und du sollst wissen, dass das für mich in Ordnung ist.
Ich meine, nicht dass ich dich nicht wollen würde.
Ich warte ja nun schon seit einiger Zeit auf eine Blutsgefährtin. Aber ich will nicht, dass du etwas tust, was du später bereust. Wir reden hier schließlich über die Ewigkeit.« Er legt seine Hand auf die meine und ein Schauer läuft mir über den Rücken. »Ich werde die Verantwortlichen über deine Entscheidung informieren und sie werden dir per Post ein Widerrufformular schicken. Es dürfte ein bis drei Tage dauern, bis du es bekommst...«
»Warte, warte, warte!«, rufe ich. »Das ist überhaupt nicht das, was ich sagen wollte!«
Magnus lässt meine Hand los. Er sieht mich an mit einer Hoffnung in den Augen, die mich fast umbringt. »Ach nein?«, fragt er mit heiserer Stimme, als könnte er sein Glück kaum fassen.
Ach. Es ist einfach schrecklich. Ich will ihm keine falschen Hoffnungen machen. Aber zugleich haben wir viel wichtigere Dinge zu besprechen, bevor wir dieses ganze Blutsgefährtenthema anschneiden. Und wenn ich ihm jetzt sage, dass ich einen Rückzieher mache, wird er mir nie wieder zuhören.
»Keine Sorge, ich habe immer noch vor, die Transformation durchzuziehen«, erkläre ich und die Lüge schmeckt in meinem Mund wie Sägespäne. Ich denke an die vielen Male, als ich ihn angebrüllt habe, weil er mich belogen hatte.
Er sagte mir, es wäre zu meinem eigenen Besten gewesen, was ich bisher jedoch nie verstanden habe. Jetzt aber denke ich, dass ich es allmählich verstehe. »Trotzdem gibt es im Moment wichtigere Dinge.« Ich beuge mich über den Tisch und senke die Stimme zu einem Flüstern. »Das Leben deines Meisters ist in Gefahr.«
Magnus ist plötzlich hellwach. »Was hast du gesagt?«
»Du hast richtig gehört. Dein Meister. Lucifent.
Der kleine Vampirjunge, der dich geschaffen hat.« Ich frage mich, wie viel ich von meinem Wissen preisgeben sollte. Ich will, dass er mir glaubt, aber ich will nicht, dass er Verdacht schöpft, weil ich zu viel weiß. »Slayer Inc. hat ihn auf der Abschussliste. Heute in einem Monat werden sie die Vampirjägerin Bertha ins Hauptquartier des Blutzirkels schicken mit dem Auftrag, Lucifent zu Staub zu machen.«
Ich halte inne und wage kaum zu atmen, während ich auf seine Reaktion warte. Wird er mir glauben? Alles, was wir bisher zur Rettung der Zukunft geplant haben, hängt davon ab.
Einen Moment lang ist Magnus still. Dann fragt er leise: »Wie bist du an diese Information herangekommen?«
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Ja, wie? Es liegt auf der Hand, dass ich ihm nicht von meiner Zeitreise erzählen kann. Das würde zu viele Fragen aufwerfen, die nicht beantwortet werden könnten. Aber was soll ich sonst sagen? Woher könnte ich diese Information haben? »Ich kann meine Quellen nicht preisgeben«, sage ich schließlich und verweigere damit schlicht die Aussage. »Aber ich kann dir versichern, dass die Bedrohung sehr real ist.«
Magnus runzelt die Stirn und starrt in sein Weinglas. Ich kann die Gedanken fast sehen, die durch seinen Kopf wirbeln wie ein Tornado. Er will mir glauben, obwohl er denkt, dass das, was ich sage, total absurd ist.
»Hör mal, ich werde bald ein Mitglied des Blutszirkel sein«, erinnere ich ihn. »Und ich will auf keinen Fall, das unserem furchtlosen Anführer etwas zustößt, bevor ich der Zirkel überhaupt beitrete.« Ich sehe ihn flehend an.
Stumm bettle ich, mir zu glauben.
Ruckartig schiebt er seinen Stuhl zurück und erhebt sich. »Komm.«
»Ähm, was?« Ich blinzle ihn verwirrt an. Nicht gerade die Reaktion, die ich erwartet habe.
»Wohin soll ich kommen?«
»Lucifent muss informiert werden über diese Bedrohung«, antwortet Magnus. »Ich bringe dich zu ihm, damit du ihm erzählen kannst, was du weißt.«
Moment mal, er will, dass ich es ihm erzähle?
»Oh. Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist...«, stammle ich. Obwohl ich dem Meister des Blutzirkels nur ein einziges Mal begegnet bin, wenige Minuten vor seinem Tod, war er letztlich, sagen wir mal, nicht so kuschelig oder süß, wie er nach außen hin zu sein scheint. Tatsächlich war er irgendwie gemein, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. »Kannst du ihn nicht einfach, du weißt schon, selber warnen?« Ich kann im Geist schon hören, wie Rayne mich einen Jammerlappen nennt, aber ich schiebe den Gedanken weg.
»Das könnte ich schon«, erwidert Magnus. »Aber ich nehme an, er würde gern direkt aus dem Mund der Quelle von seinem bevorstehenden Dahinscheiden hören.« »Auch wenn die fragliche Quelle ein unbedeutendes sterbliches Mädchen ist, das er nicht von einem Loch in der Wand unterscheiden könnte?« Ich weiß, ich greife hier nach jedem Strohhalm, aber ich kann nicht anders. »Würde er es nicht lieber von seinem eigenen Nachfahren hören, also von Vampir zu Vampir?«
»In einem Monat bist du ein vollwertiges Mitglied des Blutzirkels und meine Blutsgefährtin«, stellt Magnus klar. »Ich sehe keinen Grund, warum er dich nicht respektieren und dich anhören sollte.«
Seufz. Ich komm da nicht mehr raus, oder? Ich muss einfach beten, dass Lucifent in nachsichtiger Stimmung ist und nicht darauf steht, Boten zu töten und so weiter. »Na schön«, sage ich widerstrebend. »Geh voraus.«
Als ich von meinem Stuhl aufstehe, erwarte ich, dass Magnus mich hinaus zu seinem BMW
bringt, um mich zum Hauptquartier des Blutzirkels auf dem Saint-Patrick's-Friedhof zu fahren. Aber es stellt sich heraus, dass Lucifent offensichtlich selbst ein bisschen das Nachtleben genießt, denn stattdessen werde ich über die Tanzfläche des Club Fang geführt, durch eine verschlossene Tür am anderen Ende des Flurs und hinter einen roten Samtvorhang in einen kleinen schlichten Raum, den ich noch nie gesehen habe. Dort stehen zwei Vampire vor einer einfachen Holztür Wache.
»Wir möchten Lucifent sprechen«, sagt Magnus zu den beiden.
Die Vampire sehen einander an und wenden sich dann wieder Magnus zu. »Der Meister ist beim Abendessen. Er will nicht gestört werden.«
Puh. »Na gut, dann erzähle ich es ihm eben ein andermal«, sage ich hastig, erleichtert über diesen Ausgang. »Oder du sagst es ihm, wenn du ihn siehst, Magnus. Ob ich nun dabei bin oder nicht . . .« Natürlich lieber Letzeres.
Magnus beachtet mich nicht. »Das Mädchen hier hat wichtige Informationen, die die Sicherheit des Meisters betreffen«, sagt er unbeirrt und bedenkt die Wachen mit einem stählernen Blick. »Ich nehme an, er wird gestört werden wollen, um ihre Geschichte zu hören.«
»Na schön.« Der Wachposten auf der linken Seite dreht sich um und öffnet die Tür hinter sich einen Spaltbreit, dann schlüpft er hindurch und wirft die Tür hinter sich wieder zu, bevor ich durch die Öffnung spähen kann. Wir warten in verlegenem Schweigen und der zweite Wachposten wirft uns einen wirren Blick zu.
Gleich darauf wird die Tür wieder geöffnet. Aber es ist nicht der Wachposten - oder Lucifent der den Raum betritt.
»Jareth!«, rufe ich überrascht, bevor mir wieder einfällt, dass ich den fraglichen Vampir eigentlich noch gar nicht kenne. »Ähm«, sage ich schnell.
»So heißen Sie doch, oder?«
Er stutzt, als er mich sieht, und Wut verzerrt seine Züge.
»Du schon wieder!«, knurrt er. »Ich dachte, ich hätte dir gesagt, dass du mich in Ruhe lassen sollst!«
Äh, oh. Ich sehe Magnus an, der jetzt zwischen mir und Jareth hin und her blickt, Verwirrung in den Augen. Was hat Rayne jetzt schon wieder angestellt? Ich dachte, es wäre kein Problem, sie für ein oder zwei Minuten allein zu lassen, aber das war offensichtlich ein Irrtum.
Und leider ist Jareth noch nicht fertig. »Ich hab's dir gesagt. Ich will nicht reden. Ich will keinen Mitternachtsspaziergang am Strand machen.
Und ganz bestimmt will ich dich nicht auf die Schnelle in die Gurgel beißen.« Er sieht mich an und bleckt die Reißzähne, als wollte er mich abschrecken. »Ich bin ein vielbeschäftigter Vampir und ich habe keine Zeit für deine Mätzchen.«
»Jareth, ich denke, du hast das Mädchen mit jemandem verwechselt« , unterbricht Magnus.
»Das ist Rayne McDonald. Meine zukünftige Blutsgefährtin.«
»Nun, deine zukünftige Blutsgefährtin hat in den letzten fünfzehn Minuten versucht, mich dazu zu bringen, dass ich mich in sie verliebe«, erwidert Jareth stirnrunzelnd. »Sie hat erzählt, wir seien Seelenverwandte aus einem anderen Leben und dass ich meiner Freundin den Laufpass geben und stattdessen mit ihr rummachen soll.«
Oh Rayne... Das läuft ja überhaupt nicht nach Plan!
»Das ist unmöglich«, protestiert Magnus. »Sie war die ganze Zeit mit mir zusammen.«
»Willst du sagen, dass ich lüge?«, fragt Jareth scharf und sein Gesicht läuft purpurrot an.
»Nun, wenn du dich angesprochen fühlst...«
Oh mein Gott. »Ähm, hallo?«, werfe ich ein.
»Darf ich das vielleicht erklären?«
Die beiden Vampire drehen sich zu mir um. Ich hole kurz Luft und richte mich zuerst an Jareth: »Du hast mich mit meiner Zwillingsschwester verwechselt. Sie ist diejenige, die mit dir anbändeln will.« Dann drehe ich mich zu Magnus um. »Und ich bin deine Blutsgefährtin.« Also, jedenfalls irgendwie. Es wird sehr verwirrend, wenn er mich weiter für Rayne hält. Aber wie kann ich unser kleines Bäumchen-wechsel-dich-Spiel erklären? Das macht alles nur noch verwirrender - falls das jetzt überhaupt noch möglich ist.
»Deine Blutsgefährtin?« Jareth schnaubt. »Wow.
Sie greifen inzwischen wirklich schon in die unterste Schublade.« Er bedenkt mich mit einem verächtlichen Blick, als wäre ich ein Kaugummi, der an seiner Schuhsohle klebt. Wirklich reizend, du Blödmann. Über mich zu urteilen, nur weil du meine Zwillingsschwester nicht magst.
Zum Glück steht mir mein edler Ritter zur Seite, immer bereit, mich zu verteidigen. »Jareth!«, ruft Magnus empört. »Das Mädchen hier hat nichts getan, um so respektlos von dir behandelt zu werden. Du wirst dich bei ihr entschuldigen und ...«
»Jungs, Jungs!«, unterbreche ich. »Dafür haben wir keine Zeit!« Obwohl ich ehrlich gesagt wünschte, wir hätten Zeit, da es superschön ist, wie Magnus für mich eintritt, obwohl er nicht einmal weiß, wer ich wirklich bin. »Ich brauche eine Audienz bei Lucifent und muss ihn darüber informieren, dass sein Leben in Gefahr ist. Das ist alles, was im Moment zählt.«
Jareth verengt die Augen zu Schlitzen. »Und woher, darf
ich fragen, droht diese sogenannte Gefahr?«
»Von Slayer Inc.«
»Ich verstehe.« Der Vampirgeneral schürzt die Lippen. »Und deine Beweise?«
Ähm ... oh, Mist. Ich hätte wissen müssen, dass er danach fragen würde.
»Ich, äh, habe eigentlich gar keine«, stammle ich. »Aber Sie sollten mich ernst nehmen. Ich weiß, wovon ich rede.«
Jareth schüttelt den Kopf. »Weißt du, wie viele falsche Bedrohungen gegen das Leben des Meisters wir jeden Tag bekommen? Ich habe keine Zeit, jeder einzelnen Drohung nachzugehen. Und das Letzte, was der Meister braucht, ist, von einer verrückten Sterblichen mit einer noch verrückteren Schwester belästigt zu werden, die wirres Zeug redet und die keine Beweise hat, ihre Behauptung zu stützen. Sein Zeitplan ist sehr eng, musst du wissen.«
»Nun, ich kann dir versichern, dass sein Kalender im nächsten Monat vollkommen frei sein wird, wenn er erst einmal einen Pflock ins Herz bekommen hat«, wage ich zu sagen. »Aber traurigerweise ist es dann zu spät, ihn zu warnen.«
Jareth verdreht die Augen. »Bring mir einen Beweis«, sagt er. »Und dann werde ich vielleicht sehen, ob du eine Audienz bekommen kannst.
Bis dahin geh bitte. Und sag deiner Schwester, dass sie ebenfalls gehen soll. Magnus mag vielleicht geblendet sein von deiner Schönheit, aber ich kenne solche wie dich nur allzu gut. Ihr bringt Ärger und ich will nichts zu tun haben mit euch beiden.«
Und damit stürmt er in den hinteren Raum zurück und schlägt die Tür hinter sich zu. »Von mir aus«, murmle ich wütend. Lucifent will nicht gerettet werden? Mir soll's recht sein. Wir hätten die Sache einfach auf sich beruhen lassen sollen, schätze ich, statt uns so weit aus dem Fenster zu lehnen um der Zukunft willen. Ich drehe mich um und stampfe den Flur entlang, zurück zur Tanzfläche, um Rayne zu suchen.
Aber bevor ich die Tür öffnen kann, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter, die mich umdreht. Magnus ist mir durch den Flur gefolgt und auf seinem Gesicht steht ein entschuldigender Ausdruck. »Es tut mir leid«, sagt er. »Jareth meint es nur gut. Und er ist sehr loyal. Aber er kann manchmal ziemlich... grob sein.«
»Ich weiß«, antworte ich mit einem Seufzen. »Ich meine, ich habe es gehört«, verbessere ich mich schnell, als ich Magnus' Blick auffange. »Ich meine, er macht so einen Eindruck. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht recht, was meine Schwester an ihm findet.« Ich zucke die Achseln.
»Aber was soll's. Ich habe mein Bestes getan.
Wenn dein Zirkel sich weigert, mich ernst zu nehmen, dann kann ich wirklich nichts tun.« Ich gehe wieder auf die Tür zu, aber Magnus hält mich erneut zurück.
»Erzähl es mir«, sagt er mit leiser Stimme. »Ist Lucifent wirklich in Gefahr?«
»Mein Gott, glaubst du, ich würde mir solche Mühe geben, wenn es nicht so wäre?«, frage ich.
»Ich meine, nichts für ungut, aber ich habe was Besseres zu tun, als mich von arroganten, selbstsüchtigen Vampiren demütigen zu lassen.
Zum Beispiel habe ich noch nicht einmal damit angefangen, für meinen Chemietest morgen zu lernen.«
»Dann glaube ich dir«, erwidert Magnus schlicht.
»Wirklich?«
Er wirft mir ein klägliches Lächeln zu. »Du bist meine zukünftige Blutsgefährtin. Warum solltest du lügen?«
Tatsächlich fallen mir eine Million Gründe ein.
Aber ich werde im Augenblick besser keinen davon nennen.
»Nur dass wir einen Beweis brauchen«, fügt er sanft hinzu. »Ich meine, wenn du willst, dass die anderen dich ernst nehmen.«
Seufz.
»Aber ich kann dir helfen, den Beweis zu bekommen«, fügt er hinzu. »Wenn du weißt, wo wir suchen müssen.«
Ich ziehe überrascht die Augenbrauen hoch.
Damit habe ich nicht gerechnet.
»Okay«, sage ich und nicke. In meinem Kopf nimmt ein Plan Gestalt an. »Also, soweit ich das verstehe, ist Slayer Inc. genauso einflussreich und bürokratisch wie ihr«, überlege ich laut.
»Und sie müssen bestimmt irgendeine Art Nachforschung über Lucifent angestellt haben.
Vielleicht haben sie sogar eine offizielle Kommission.« Ich denke an Raynes frühere Aufträge als Jägerin. Sie bekam zusammen mit dem Mordbefehl immer einen Aktenordner mit Hintergrundinormationen und Fotos. Der Gedanke lag nahe, dass sie auch eine Akte für Lucifent angelegt haben.
»Natürlich«, stimmt Magnus zu. »Und wenn wir diesen Befehl irgendwie finden und ihn Lucifent zeigen könnten..."
»Dann müsste er uns ernst nehmen«, beende ich seinen Satz. »Und vielleicht können wir diesen Mord noch verhindern, bevor es zu spät ist.«
»Na dann, worauf warten wir noch?«, sagt der Vampir mit einem Lächeln. »Beschaffen wir uns unseren Beweis.«