10. KAPITEL
Wie alle Frauen, war die weiße Hexe besitzergreifend. Das war ihr größter Fehler. Es hat keinen Sinn, einen Mann besitzen zu wollen, der die Freiheit für das höchste Gut im Leben hält. Alles, was du dafür bekommen wirst, ist ein leeres Bett und ein gebrochenes Herz.
So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.
Die Sonne versank gerade hinter dem Horizont, als der letzte Diener auf die Haustür zustolperte. Ebenso wie alle anderen war auch dieser beladen mit Bündeln und Kartons, in denen sich zahllose Schuhe, Stiefeletten, Kleider, ein Abendumhang aus silberfarbenem Tüll, drei neue Retiküle und ein blauer Mantel mit Hermelinbesatz befanden.
Jack ging hinter Fiona her, welche am Ende der Dienerprozession auf den Eingang zuschritt. „Nun, Mylady, sind Sie zufrieden mit unseren zahlreichen Einkäufen?“, erkundigte er sich mit heiterer Stimme.
„Ja“, erwiderte sie atemlos. „Du hättest nicht so viel kaufen müssen.“
Er zuckte gleichgültig die Achseln. „Mein Großvater hinterließ mir sein gesamtes Vermögen - ein weiterer Grund, warum mein Stiefvater mich nicht leiden kann.“ Fiona wandte den Kopf. „Du übertreibst sicher, was die Ablehnung deiner Familie dir gegenüber betrifft. “
„Nein, das tue ich nicht“, widersprach er energisch „Es spielt allerdings keine Rolle mehr für mich; denn ich habe vor langer Zeit aufgehört, eine Familie zu benötigen.“
Sie blieb stehen und schaute ihn an. „Das meinst du nicht im Ernst! Jeder braucht eine Familie.“
Als er ihr empörtes Gesicht sah, musste er grinsen. Sanft berührte er mit dem Zeigefinger ihre Nasenspitze. „Nachdem ich etwas Zeit mit deinen Brüdern verbracht habe, finde ich den Gedanken, jemand könnte eine Familie brauchen, ziemlich drollig.“
„Oh, Jack! Du kennst sie nur noch nicht richtig“, protestierte sie eifrig. „Gregor hat ein butterweiches Herz, will aber nicht, dass irgendjemand das erfährt. Und Hugh schreibt einfach wunderschöne Gedichte. Er schnitzt außerdem; unser ganzes Haus ist voll von seinen Kunstwerken. Und Alexander ist... “
„Ein Heiliger, nehme ich an.“ Jack legte die Hände auf Fionas Schultern und drehte sie so, dass sie den Garten sehen konnte. „Sieh dir das an, und nun erzähle mir, wie wundervoll deine Brüder sind. “
Vor ihnen stand ein großer Baum, dessen Blätter zerfetzt und dessen Rinde zerstört war. Der Boden unter dem Baum war bedeckt von abgerissenem Laub und den abgebrochenen Zweigen der Rosenbüsche, die rings ums Haus wuchsen.
„Der Hagel“, flüsterte Fiona.
Jack nickte und ließ seine Hände von ihren Schultern aus an ihren Armen abwärtsgleiten. „Es mag sein, dass deine Brüder ganz wunderbar zu dir sind, mir gegenüber haben sie sich weniger nett verhalten.“
Sie seufzte. „Meine Brüder sind manchmal ein wenig übereifrig, aber sie sind gute Menschen, und ...“
Jack küsste sie hart und so rasch, dass jemand, der gerade auf der Straße vorbeigekommen wäre, es nicht bemerkt hätte. Er wusste nicht, warum er das tat. Er wusste nur, dass er das unbezwingliche Verlangen gehabt hatte, es zu tun. Und als der Kuss vorbei war, als er seine Lippen von ihren löste, wusste er, dass er das Richtige getan hatte.
Während der vergangenen zwei Tage hatten sie nichts anderes getan als eingekauft, sich geliebt, geschlafen und geredet. Entgegen seinen Gewohnheiten war er an beiden Abenden nicht ausgegangen, aber das lag schließlich in der Natur der Freiheit - er konnte frei entscheiden, ob er zu Hause bleiben und in seinem eigenen Bett schlafen oder lieber ausgehen wollte. Eine weiche und leidenschaftliche Frau mit üppigen Kurven und einem rauchigen Lachen was eine sehr verlockende Alternative zu den Spielhöllen Londons.
Jack wusste, dass Fiona absichtlich das Ehebett benutzte, um ihn zu Hause zu halten, und für den Moment war er bereit, sich auf dieses Spiel einzulassen.
Mit dem Daumen folgte er der Linie ihrer Lippen und war überrascht, als in ihren Augen sofort Begehren aufblitzte. Sie brauchte es, geküsst zu werden, verdammt noch mal. Jede leidenschaftliche Faser ihres Körpers brauchte es, und er war genau der richtige Mann für eine derart lohnende Aufgabe.
Fiona beobachtete das Spiel der Gefühle auf Jacks Gesicht. Seine Umarmung hatte sie atemlos gemacht und ihr Verlangen geweckt. Ihre Wangen brannten, und ihre Lippen prickelten, als sie ihn anlächelte. „Ich dachte, du hättest heute Morgen davon genug bekommen.“
Er grinste sie verwegen an. „Kann man davon jemals genug bekommen?“
„Ich weiß nicht“, erwiderte sie wahrheitsgemäß, „aber ich freue mich darauf, es herauszufinden.“
Lachend schob er ihren Arm unter seinen. Sie schlenderten den Fußweg entlang und gingen ins Haus.
Von der Halle aus sahen sie erneut die Reihe der beladenen Diener, die inzwischen die Treppe hinaufwankten. Jack schüttelte reumütig den Kopf. „Ich fürchte, wir haben heute ganz London leer gekauft, Liebste.“
„Da hast du vermutlich recht. Bis zu unserem nächsten Ausflug müssen wir wohl eine Woche warten, sodass die Geschäfte neue Waren beschaffen können.“ Fiona wandte sich einem der Spiegel zu, die auf beiden Seiten der Halle hingen, und musste zwei Mal hinschauen, um sicherzugehen, dass es sich tatsächlich um ihr eigenes Spiegelbild handelte, das sie dort sah. Über ihrem neuen Nachmittagskleid trug sie einen bronzefarbenen Mantel, der ihr Haar und ihre Augen wunderbar zur Geltung brachte. Ihr Haar war nicht mehr so widerspenstig, denn es war nun im modischen Sapphostil geschnitten und frisiert. Hübsche Rubinohrringe funkelten auf beiden Seiten ihres Gesichts, und neue Stiefeletten umschmeichelten ihre Füße. Jack hatte darauf bestanden, ihr eine ganze Anzahl verschiedener halbhoher Schuhe zu kaufen, alle gefertigt aus dem weichsten Leder.
Sie überließ ihren Mantel einem wartenden Diener und hob die Hände, um die Bänder ihrer Haube zu lösen.
„Lass mich das machen.“ Jacks Blick traf ihren, als seine Hand ihren Nacken streifte.
Ein lautes Schnarchen hinter seinem Rücken ließ ihn innehalten. Erstaunt schaute Jack über seine Schulter. „Wer zum Teufel ...?“
Hamish saß auf einem Stuhl neben der Tür zu Bibliothek, die Beine mit den riesigen Stiefeln weit von sich gestreckt, während sein Kinn auf sein nicht allzu sauberes Hemd gesunken war.
Voller Zuneigung lächelte Fiona in seine Richtung. „Wann ist er angekommen?“
Devonsgate, der zum Empfang seiner Herrschaft herbeigeeilt war, seufzte. „Kurz nachdem Sie gegangen waren, Mylady. Er weigerte sich, die Halle zu verlassen, obwohl ich ihm die Küche empfahl, wo er es neben dem Feuer viel bequemer hätte.“
„Verdammter Bastard“, brummte Jack grimmig. „So riesig, wie dieser Mensch ist, ist der Lärm, den er beim Schlafen macht, doch noch größer.“
„Sollen wir ihn wecken, Mylord?“, bot der Butler an.
Hamish, den die Stimmen ringsherum im Schlaf störten, bewegte sich und schnarchte noch lauter weiter als zuvor.
Jack biss die Zähne zusammen. „Können Sie wenigstens ein Tischtuch über ihn werfen, Devonsgate? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, das jedes Mal, wenn ich komme und gehe, sehen zu müssen. “
„Ich werde sehen, was wir tun können, Mylord“, erwiderte Devonsgate mit todernster Miene.
„Danke.“ Jack fragte sich, ob Fionas Brüder etwas mit Hamishs Auftauchen zu tun hatten. Wahrscheinlich hatten sie ihn geschickt. Womöglich glaubten sie auch, die Tatsache, dass er während der vergangenen zwei Tage zu Hause geblieben war, wäre das Ergebnis ihrer kleinen „Unterhaltung“ mit ihm.
Das konnte er nicht zulassen. Er warf einen Blick auf die Uhr. Der Tag war wie im Flug vergangen, und mit der einsetzenden Dunkelheit fühlte er, wie leise Rastlosigkeit in ihm aufstieg.
„Jack?“
Als er sich umwandte, sah er, dass Fiona zu ihm aufschaute und lächelte. In ihren Augen stand eine unausgesprochene Frage.
Sie würde sein Unbehagen sofort erkennen. Er zwang sich zu einem Lächeln. „Unser Ausflug hat mich müde gemacht. Geht es dir auch so?“
„Ein bisschen“, erklärte sie achselzuckend. „Ich hatte gehofft, du würdest mich morgen ins Britische Museum führen.“
„Es wird mir eine Ehre sein.“ Er sah ihr Gesicht aus den Augenwinkeln an, bevor sein Blick in Richtung ihrer neuen Stiefeletten wanderte. Es gefiel ihm, wie eng das weiche Leder ihre schmalen Fesseln umschloss. Vielleicht sollten sie erst einmal ...
Jack fing Fionas Hand ein und zog sie zur Treppe.
„Wohin gehen wir?“, erkundigte sie sich ein wenig atemlos.
„In unsere Gemächer, um die Einkäufe auszupacken“, behauptete er.
„Aber das werden die Dienstboten erledigen.“
Er sah sie über die Schulter an, und in seinen Augen lag ein ganz besonderer Glanz. Da stockte ihr Atem, und ihre Wangen begannen zu glühen. „Oh! Ja. Ich ... Ich denke, wir sollten wenigstens ein paar unserer Besorgungen auspacken. “
„Genauso meinte ich es“, stimmte er ihr eilig zu. Inzwischen hatten sie das obere Stockwerk erreicht.
„Sonst müssten die Diener die ganze Arbeit machen“, stellte sie fest.
„Genauso ist es.“ Fast im Laufschritt eilten sie den Flur entlang.
„Man sollte immer selber Ordnung halten“, stieß Fiona außer Atem hervor.
„Du sprichst mir aus dem Herzen.“ Er riss die Tür auf und warf sie mit dem Fuß wieder hinter sich zu. In der Stille war der Schlüssel, der im Schloss umgedreht wurde, deutlich zu hören.
Nachdem die Tür sicher verschlossen war, hob er Fiona hoch und trug sie zum Bett. Ihre Arme schlangen sich wie von selbst um seinen Nacken. Dieses Mal würde er dafür sorgen, dass sie vollkommen befriedigt war und in tiefem Schlaf lag, wenn er sie für die Nacht allein ließ. Aus diesem und keinem anderen Grund war er hier.
Jack beugte sich über sie und legte seinen Mund auf ihren. Damit verhinderte er alle weiteren Diskussionen und brachte alle störenden Gedanken zum Schweigen. Im Moment hatte er Besseres zu tun.
Viel später schlüpfte Jack leise in seine Hosen und sammelte seine Schuhe neben dem Bett auf. Fiona lag in tie-fern Schlaf, ihre Brust hob und senkte sich regelmäßig, ihr Mund war leicht geöffnet und ihr Haar zerzaust von ihren leidenschaftlichen Umarmungen.
Im Bett war es warm, und die Laken dufteten nach ihr. Der Wunsch, sich wieder neben sie zu legen, war nahezu überwältigend. Jack biss die Zähne zusammen und wandte sich ab.
Die Leichtigkeit, mit der er sich in ihr Leben einfügte und sie sich in seines, war beunruhigend. Aber das klappte nur deshalb so gut, weil dieser Zustand vorübergehend war. Hätten sie der Tatsache ins Auge sehen müssen, für ein ganzes Leben aneinander gebunden zu sein, wäre weder sie noch er derart anpassungsfähig gewesen.
Jack vervollständigte seine Garderobe und blieb dann neben dem Bett stehen, um die Laken um sie herum festzuziehen. Sie lächelte im Schlaf und schmiegte sich tiefer in die Kissen. Er musste gegen das merkwürdige Bedürfnis ankämpfen, ihr Haar glatt zu streichen, allerdings konnte er nicht widerstehen, ihr einen zarten Kuss auf die Stirn zu hauchen.
Die Art, wie sie seinen Namen murmelte, als seine Lippen ihre Haut berührten, brachte sein Blut zum Tanzen. Das war ein Reflex, beruhigte er sich selbst. Nicht mehr als ein Reflex.
Hastig wandte er sich ab und ging. Ohne sich noch einmal umzusehen, schloss er die Tür hinter sich. Am Fuß der Treppe schlief Hamish unter den nervösen Blicken der Diener immer noch auf seinem Stuhl. Jack machte ihnen ein Zeichen, still zu sein und überquerte lautlos den dicken Teppich. Fast hatte er die Tür erreicht, als Hamish hinter ihm die Stimme erhob: „Wohin geh’n Sie?“
Jack seufzte und wandte sich um. „Du bist wach. Endlich.“
Hamish streckte sich, und der Stuhl unter ihm knarrte. Während er sich unter dem Arm kratzte, betrachtete er Jack missbilligend. „Sie ham mir nich’ geantwortet. Wo woll’n Sie hin?“
„Das geht dich nichts an“, verkündete Jack energisch. Hamish verschränkte die Arme, und als er grinste, hoben sich seine Zähne strahlend weiß von seinem Bart ab. „Wohin Sie geh’n, geht mich sehr viel an. Ich passe auf, wo Sie hingeh’n.“
„Hat dir das deine Herrin aufgetragen?“, erkundigte sich Jack misstrauisch.
„Nein. Master Gregor glaubt wohl, Sie könnten der Herrin ’nen Unrecht antun. “
Vor Ärger verkrampfte sich Jacks ganzer Körper. Er zerrte wütend an seinen Handschuhen. „Ich gehe aus. Mehr musst du nicht wissen.“
Hamish erhob sich schwerfällig. „Geh’n Sie ruhig. Ich werd’ einfach ein bisschen hinter Ihnen herumirren. “ Verdammt! Hamish würde Fionas Brüdern Bescheid sagen. Dann würden sie kommen und seinen Abend ruinieren.
Jack starrte finster vor sich hin. „Verflucht seien die MacLeans. Allesamt.“ Er setzte seinen Hut auf und ging.
Lucinda Featherington blieb vor dem großen goldgerahmten Spiegel in der Eingangshalle des Duke of Devonshire stehen. Obwohl zwischen ihr und ihrem Spiegelbild eine große Vase mit Blumen stand, konnte sie doch genug erkennen, um festzustellen, dass sie absolut hinreißend aussah. Ihr honigblondes Haar umrahmte ihr Gesicht und ihre vollen Lippen. Ihre Augen hatte sie mit einem zarten Kajalstrich betont - nicht so stark, dass es irgendjemand im künstlichen Licht des Ballsaals bemerkt hätte, aber doch stark genug, um den Frauen gegenüber im Vorteil zu sein, die nicht zu künstlichen Mitteln griffen.
Diese Frauen waren dumm. In dieser Welt war Künstlichkeit die kleinste der Sünden, die man begehen musste, um das zu bekommen, was man sich ersehnte.
Lucinda wusste, dass sie schön war, wohlhabend und begehrt als Gast und als Geliebte. Sie besaß viel, doch jetzt befand sie sich in der ungewohnten Situation, etwas haben zu wollen, das sie nicht haben konnte.
Sie presste die Lippen zusammen. Bis vor Kurzem hatte sie behaupten können, dass ihr noch kein Mann widerstanden hatte. Und sie hatte mehr Männer gehabt, als ihr gerechterweise in einem einzigen Leben zugestanden hätten, mehr als irgendjemand ahnte.
Männer waren Dummköpfe. Sie wollten alle glauben, dass sie etwas Besonderes waren, aber nur sehr wenige von ihnen waren es. „Ich liebe dich“ war sehr leicht zu sagen.
Nur ein einziges Mal hatte Lucinda die Worte, die sie ausgesprochen hatte, auch selber geglaubt. Nur ein einziges Mal hatte sie etwas anderes gespürt als das triumphierende Gefühl der Eroberung.
Es war zum Verrücktwerden.
Monatelang war ihr Interesse beständig gewachsen, bis sie schließlich ganze Nächte lang wach lag, unfähig zu schlafen, unfähig aufzuhören, an ihn zu denken.
Dann hatte er sie aus seinem Leben gestoßen, ohne auch nur das geringste Anzeichen von Reue zu zeigen. Hatte sie achtlos weggeworfen. Noch dazu vor den Augen von Alan Campbell. Der blöde Schotte hatte dafür gesorgt, dass nun die ganze Stadt davon wusste. Allein heute hatten vier verschiedene Leute ihr gegenüber Andeutungen gemacht. Sie, die schöne Lucinda Featherington, war der Spott von ganz London.
Bei diesem Gedanken loderte ein Feuer in ihrer Brust, und ihre Augen glühten ihr zornig und verletzt aus dem Spiegel entgegen.
Sie löste eine Haarsträhne über einer ihrer Brauen und hatte Mühe, das wütende Zittern ihrer Hand unter Kontrolle zu bringen. Sie würde nicht aufgeben. Niemals. Sie hatte Jacks Ehefrau gesehen - wenn es jemals eine unscheinbare Maus gegeben hatte, dann sie. Er konnte unmöglich in dieses schlichte Wesen verliebt sein. Nein, es musste um etwas anderes gehen. Es musste einen Grund dafür geben, dass er diese Frau niemals erwähnt und sie dann plötzlich geheiratet hatte.
Lucinda war entschlossen, das Geheimnis zu lüften, worum auch immer es ging. Und wenn sie es dann erst einmal kannte, würde sie ...
„Wunderschön.“
In der tiefen Stimme schwang ein leichter schottischer Akzent mit. Lucindas Atem ging schneller, doch es war nicht Jack, der hinter ihr in der Halle aufgetaucht war. Es war der verdammte Alan Campbell. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn, und sein Halstuch war zu einem komplizierten Knoten geschlungen. Sein dunkles, modisches Äußeres wäre ein perfekter Hintergrund für ihre blonde Lieblichkeit gewesen. Unglücklicherweise stellte er keine Herausforderung dar - ganz anders als Jack Kincaid.
„Campbell. Ich wusste nicht, dass Sie ebenfalls hier sein würden. “
Er lächelte, und sie musste im Stillen zugeben, dass er tatsächlich ziemlich gut aussah. Dummerweise verfügte er nicht über ein Vermögen. Sonst wäre er ein passender Kandidat für eine Tändelei gewesen.
Er trat ein wenig zu dicht an sie heran, bevor er sich mit der Hüfte an einen niedrigen Marmortisch lehnte. „Erstaunt es Sie, mich zu sehen?“
Sie zuckte die Achseln. „Vielleicht ein kleines bisschen.“
Sein Lächeln wurde unangenehm. „Sie dachten wohl, ich würde nicht zu der illustren Gesellschaft gehören, die sich hier heute versammelt, und deshalb keine Einladung erhalten.“
Sie strich ihr Kleid glatt und bemerkte erfreut, dass sein Blick an ihren cremeweißen Brüsten hing, die sie in ihrem Ausschnitt zur Schau stellte. „Der Duke of Devonshire verstellt sich niemals, was die Menschen betrifft, die er mag und die er nicht mag. Sie gehören zu denen, die er nicht mag. “
„Devonshire ist wütend wegen einer Spekulation mit Grundbesitz, die ihm gründlich misslungen ist. Nun beschuldigt er mich, aus seinem Verlust Vorteile gezogen zu haben“, erzählte Campbell in gelangweiltem Ton.
„Haben Sie?“, wollte Lucinda wissen.
„Nicht so, dass er es vor Gericht beweisen könnte.“ Campbell grinste verschlagen.
„Dann bin ich umso erstaunter, dass Sie auf seiner Gästeliste stehen. Sie stehen doch drauf?“ Mit einer verführerischen Bewegung strich sich Lucinda über den Ansatz ihrer Brüste in dem tiefen Ausschnitt.
Er lachte, obwohl in seinem Blick eine merkwürdige Mischung aus Zorn und Begierde aufflackerte. „Allerdings stehe ich drauf. Die charmante Duchess und ich haben am vergangenen Mittwoch bei den Mayfields Karten gespielt. Sie fühlte sich bemüßigt, mich einzuladen.“
„Ah, sie hat verloren, und Sie haben sie zu dieser Einladung gezwungen. Man sagt, die Spielschulden der Duchess seien immens.“ Lucinda war stets in den neusten Londoner Klatsch eingeweiht.
„Ja“, bestätigte Campbell. „Ich habe gehört, der Duke wird etwas tun müssen, um nicht in Geldverlegenheit zu geraten.“
„Wie herrlich schauderhaft“, sagte Lucinda in gedehntem Ton. Sie betrachtete Campbell unter ihren Wimpern hervor. Obwohl seine Manieren tadellos waren, hatte er etwas an sich, das sie beunruhigte.
Dennoch konnte sie nicht anders, als sich vorzustellen, wie sie beide von den Spiegeln, die rings um ihr Bett angebracht waren, reflektiert wurden. Seine dunklere Haut würde die auffallende Weiße ihrer eigenen Haut noch besser zur Geltung bringen, ihr blondes Haar und sein schwarzes Haar waren ein perfekter Kontrast. Sie hätten ein schönes Paar abgegeben. Dummerweise aber auch ein armes Paar.
Lucinda hatte schon genug Armut erlebt. Sie wollte Geld und wünschte sich ein Leben voller Muße und Reichtum. Campbell war gut geeignet als kurzfristige Zerstreuung, aber nicht für mehr.
Er machte einen Schritt auf sie zu, sodass seine Brust fast die ihre berührte, während sein Blick zu ihren Lippen glitt und dort hängen blieb. „Sie sollten einen Mann nicht so ansehen. Das ermutigt uns zu glauben, Sie wollten mit Ihren Augen etwas Bestimmtes sagen, etwas ... Gefährliches.“ Sein Mund verzog sich, und in seine Augen trat ein kalter Glanz. „Aber ich bin sicher, Sie wissen das.“
Sie warf den Kopf in den Nacken. „Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“
„Tatsächlich nicht?“ Er fing die Haarsträhne ein, die sie kurz zuvor gelöst hatte, und ließ sie durch seine Finger gleiten. Ein leichter Duft nach Kölnisch Wasser hüllte ihn ein. „Wir sind beide Geschöpfe, die sich nach Erfüllung sehnen. Wir aalen uns in unserer Sinneslust.“ Er war ihr so nahe, dass sie seine Augen ganz genau betrachten konnte, seine Pupillen sahen aus wie schwarzer Samt.
Sie hätte ihn in die Schranken weisen sollen, denn er nahm sich Freiheiten heraus, die sie nur wenigen erlaubte. Da sie aber immer noch den Schmerz von dem Schlag verspürte, den Jack ihrer Eitelkeit versetzt hatte, empfand sie Campbells Bewunderung als Balsam auf ihren Wunden.
Auch wenn er nur ein schwacher Ersatz für Jack Kincaid war.
Ein sehr schwacher.
Lucinda wandte sich ab, befreite ihr Haar aus seinen Fingern und steckte die Locke wieder fest. „Wir ähneln uns in mancher Hinsicht, aber es gibt einen großen Unterschied zwischen uns.“
„Und welcher wäre das?“, erkundigte er sich.
„Unsere Herkunft. Ich gehöre nicht zum gemeinen Volk“, teilte sie ihm in hochmütigem Ton mit.
Lucinda konnte die eisige Wut spüren, die von ihm ausging. Ein Gefühl von Macht durchzuckte sie, ließ ihre Brustspitzen hart und ihren Atem rascher werden. Das war das aufregendste Spiel, das sie kannte: die Taten und Gefühle des anderen herauszufordern und in ihm schmerzliche Leidenschaft oder zornige Ablehnung auszulösen. Sie liebte es zu beobachten, welche Wirkung ihre Worte hatten.
Sein Lächeln war kalt. „Ich bitte zu beachten, dass ich nicht bürgerlicher Abstammung bin.“ Bevor sie antworten konnte, hob er die Hand. „Ich habe Sie nicht gesucht, um mit Ihnen zu flirten. Ich kam aus einem anderen Grund.“
„Oh?“, sagte sie in gleichgültigem Ton. „Und worum geht es?“ Sie machte einen Schritt in Richtung Ballsaal und nahm an, dass er ihr folgen würde.
Seine Finger schlossen sich um ihr Handgelenk, und er hielt sie fest. „Was ich Ihnen zu sagen habe, gehört nicht in die Öffentlichkeit.“
„Dann schreiben Sie mir einen Brief. Lassen Sie mich gefälligst los“, fauchte sie ihn an.
„Es geht um Kincaid“, erklärte er rasch.
Nachdem er diesen Namen ausgesprochen hatte, sah Lucinda ihn lange schweigend an. „Was ist mit Jack?“, erkundigte sie sich schließlich widerwillig, denn sie brachte es nicht über sich, die Frage nicht zu stellen.
„Ah, das interessiert Sie, nicht wahr?“, stellte er amüsiert fest.
„Was haben Sie mir denn zu sagen?“, drängte sie ungnädig. „Ich kann hier nicht ewig herumstehen und Ihnen zuhören. Den nächsten Walzer habe ich Lord Selwyn versprochen.“
„Er kann warten“, beschloss Campbell mit einer abfälligen Handbewegung. „Das hier nicht. Nicht, wenn Sie all die schmutzigen Details über Kincaids Ehe erfahren wollen.“
Fast hätte Lucinda triumphierend aufgeschrien. Sie hatte doch gewusst, dass mit dieser Frau etwas nicht stimmte! „Worum geht es?“
„Kincaid hat Fiona MacLean nicht freiwillig geheiratet.“
Lucindas Herz tat einen Extraschlag. „Nein?“
„Fiona hat Kincaid zusammengeschnürt und gefesselt und ihn dann wie ein Opferlamm zum Altar geschleppt, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als Ja zu sagen.“ Diese Enthüllung verwirrte sie. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich so etwas gefallen lassen würde. Dazu ist er viel zu stolz.“
„Unter normalen Umständen hätte er sich geweigert“, stimmte Campbell zu, „aber sie hat ihn davon überzeugt, dass diese Ehe nötig ist, um einen Krieg zwischen ihren beiden Familien zu verhindern. Einer ihrer Brüder wurde getötet, und seine Brüder wurden in die Sache hineingezogen. Es heißt, sie hätten den MacLean umgebracht, obwohl sie die Tat bestreiten.“ Er machte eine vage Handbewegung. „Sie kennen das schottische Temperament. Wäre der Krieg ausgebrochen, hätte es noch mehr Tote gegeben.“
Das ergab in der Tat einen Sinn. Jack war nicht die Sorte Mann, die zu heroischen Anwandlungen neigte, aber da er nun verheiratet war, fand er vielleicht keinen Ausweg aus dieser Ehe, ohne die Fehde zusätzlich anzuheizen.
Was für eine köstliche Information! Wie sehr musste er das Ganze hassen. Kein Wunder, dass er so eilig und unvermittelt versucht hatte, die Beziehung zu ihr zu beenden; wahrscheinlich konnte er es nicht ertragen, mit ihr darüber zu reden, was passiert war.
Misstrauisch musterte sie Campbell. „Warum erzählen Sie mir das alles?“
„Weil ich bemerkt habe, wie Sie ihn ansehen. Ich wollte, dass Sie die Hoffnung nicht aufgeben.“ Lächelnd wandte er sich der Tür zum Ballsaal zu. „Ich glaube, es besteht immer noch Hoffnung für uns beide.“
„Was wollen Sie, Campbell?“ Sie starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an.
„Ich will alles. Jacks Geld. Seine Stellung in der Gesellschaft.“ Campbell verzog den Mund. „Und um ihn daran zu erinnern, dass er meine Familie nicht folgenlos in Verlegenheit bringen kann, will ich auch seine Frau.“
„Sie wollen das plumpe Ding?“ Lucinda schnaubte verächtlich durch die Nase.
Er funkelte sie an. „Sie hat mehr zu bieten, als Sie denken.“
„Den seltsamen Fluch?“ Lucinda grinste. Sie verstand nicht, wie jemand von so einem Hausmütterchen angezogen werden konnte, selbst wenn es Regen machen konnte. Aber Campbells Einstellung zu Fiona spielte keine Rolle, weil sie selber nicht das geringste Interesse an ihm hatte. Sollte er sich doch an Fiona MacLean heranmachen, dann wurde Jack sie vielleicht rascher los.
Während sie ihr Spiegelbild bewunderte, stellte sie sich vor, wie sie diese Information zu ihrem Vorteil einsetzen würde. Ganz behutsam würde sie Jack wissen lassen, dass sie um die Umstände seiner Ehe wusste. Sie würde ihm ihr Mitgefühl zeigen, ihre Freundschaft. Dann würde Jack begreifen, dass sie ihm eine weitaus bessere Partnerin sein konnte als seine reizlose Gattin.
Sie lächelte Campbell beruhigend an. „Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde nicht aufhören, Jack an meine Existenz zu erinnern. Ist es das, was Sie erreichen wollten?“
„Natürlich.“ Er erwiderte ihr siegessicheres Lächeln.
„Derweil werde ich sicherstellen, dass die liebliche Fiona von der bisherigen Verbindung Ihres Ehemannes mit Ihnen erfährt.“
„Mir gefällt Ihre Art zu denken, Campbell“, lobte sie den Mann, der ihr eigentlich völlig gleichgültig war.
„Wenn die Dinge sich so entwickeln, wie ich es mir vorstelle, werden wir beide belohnt werden.“ Campbell verbeugte sich und deutete auf die Tür. „Nach Ihnen, meine Liebe. Lord Selwyn wartet auf seinen Tanz. Doch danach gehören Sie mir. “