3. KAPITEL
Das Schlimmste an den MacLeans ist, dass sie meistens tatsächlich im Recht sind, wenn sie meinen, es zu sein. Das ist eine höchst lästige Angewohnheit, und ich habe ein bisschen Mitleid mit den Burschen und Mädchen, die in diesen stolzen Clan einheiraten.
So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.
Auf Jacks Gesicht wechselten Ungläubigkeit und Schreck einander ab. „Du musst verrückt sein, wenn du glaubst, ich würde mich auf diesen Plan einlassen! “
Sie machte einen hastigen Schritt vorwärts und stand jetzt so dicht vor ihm, dass ihr Rock seine Knie berührte. „Wir haben keine andere Wahl.“
Jacks stahlharter blauer Blick glitt an ihr herab, während sich rechts und links von seinem Mund tiefe Falten bildeten. „Das mag auf dich zutreffen. Ich habe jede Wahl dieser Welt.“
„Nein, das hast du nicht! Unsere Familien steuern direkt auf eine Katastrophe zu.“ Plötzlich war ihre Kehle wie zugeschnürt, und sie brachte kein weiteres Wort heraus. Obwohl es so wichtig war, ihn zu überzeugen, kreiste ein furchtbarer Gedanke unaufhörlich in ihrem Kopf. Ich werde es nicht schaffen. Ich werde versagen.
Es war alles zu viel für sie. Callums Tod, der Zorn und die verbissenen Rachepläne ihrer Brüder, Jacks Entführung, Pater MacCanneys Widerstreben, die überstürzte Hochzeit, Jacks Wut ... All die Anspannung der vergangenen Woche fiel in diesem Moment mit der Wucht eines riesigen Steins auf ihre Seele.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, unterdrückte ein Schluchzen und presste die Fingernägel in die Handflächen, während sie verzweifelt hoffte, nicht weinen zu müssen.
Doch der Schluchzer, der tief in ihrer Brust saß, wurde übermächtig. Sie schluckte krampfhaft, um die Kontrolle zu bewahren, aber als sich ein lauter Schluckauf aus ihrer Kehle löste, bekam ihr Widerstand Risse, wurde durchlässig und zerbarst schließlich völlig. Die angestauten Gefühle und die tiefe Trauer einer ganzen Woche drängten an die Oberfläche und überschwemmten sie in hohen Wellen.
Unfähig, die Sturzflut zu stoppen, bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie weinte und weinte und konnte nicht mehr damit aufhören. Sie vermisste Callum so sehr. Er war ihr Freund und ihr Vertrauter gewesen, hatte sie besser verstanden als jeder andere in der Familie. Und nun war er fort.
Für immer fort.
Hilflose Schluchzer schüttelten ihren Körper, nahmen ihr die letzte Beherrschung, während die Tränen zwischen ihren Fingern hervorquollen. Trauer, Wut, Schmerz durchfluteten sie in großen Wellen.
Warme Finger legten sich um ihre Handgelenke, und sie wurde ohne weitere Umstände an eine breite Brust gezogen. „Hör auf damit“, flüsterte Jack mit sanfter Stimme und legte seine Wange auf ihr Haar. „Ich hasse es, wenn Frauen weinen.“
Bei seinen Worten schluchzte Fiona noch heftiger. Sie hat nicht vorgehabt, in seiner Gegenwart zu weinen, aber nun, da sie einmal angefangen hatte, konnte sie nicht wieder aufhören. Bisher war sie so damit beschäftigt gewesen, ihre zornigen Brüder zu besänftigen und daran zu hindern, sie alle zu zerstören, dass sie sich selbst nicht erlaubt hatte, um Callum zu trauern. Nun da die Dämme gebrochen waren und sie ihren Schmerz zuließ, erstreckte sich eine endlos lange Zukunft vor ihr, freudlos, kalt und einsam ohne ihren geliebten jüngsten Bruder.
Die Schluchzer wurden immer noch heftiger und heftiger, bis sie dachte, ihr Herz würde davon zerbrechen.
„Fiona.“ Jacks Stimme war tief und voll Mitgefühl. „Du kannst doch nicht... Verdammt noch mal! “ Er wühlte seine Hände in ihr Haar, presste ihre Wange gegen seine Brust und hielt sie fest umschlungen. „Beruhige dich, meine Liebe.“
Sie vergrub ihr Gesicht in seinem Hemd und ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie war keine behütete höhere Tochter, die vor allen Widrigkeiten beschützt worden war; sie hatte ihren Anteil an den Niederlagen des Daseins gehabt. Aber dieses Mal erschien ihr das Leben unerträglich hart. Callum, du fehlst mir so!
„Es ist gut, meine Liebe, es ist gut.“ Jacks Stimme hallte in ihrem Ohr nach. „Wir werden damit fertig werden.“
Wir? Fiona klammerte sich an dem Wort fest, und ein dünner Hoffnungsstrahl wärmte sie innerlich. Der Gedanke, dass sie vielleicht nicht allein war, dass Jack womöglich einen Weg aus diesem Durcheinander finden würde, ließ ihre Tränen nach und nach versiegen.
Doch obwohl ihre Schluchzer weniger wurden, bis schließlich keine mehr kamen, rührte Fiona sich nicht von der Stelle, sondern verharrte in Jacks Umarmung. Sie labte sich an seiner Stärke und an der Wärme seines Körpers. Ihr Schmerz begann nachzulassen. Schließlich, als ihre Tränen völlig versiegt waren, wurde ihr Körper erneut von einem heftigen Schluckauf geschüttelt.
Jack rieb sein Kinn an ihrem Haar und erklärte dabei in schroffem Ton: „Ich habe es ernst gemeint. Ich hasse es wirklich, wenn Frauen weinen.“
„Genauso geht es mir auch.“ Sie schluckte noch einmal heftig auf und versuchte dann ein Lächeln, das ihr jedoch nicht ganz gelang.
Als er seufzte, kitzelte der warme Luftstrom die Härchen an ihren Schläfen. „Das mit Callum tut mir sehr leid.“
Jacks Stimme klang so sanft, dass ihr sofort wieder Tränen in die Augen stiegen. Sie musste wirklich furchtbar aussehen: rote Augen, nasse Wangen und dann noch dieser peinliche Schluckauf. Als sie sich plötzlich dessen bewusst wurde, versuchte sie, sich aus Jacks Armen zu lösen. „Ich brauche ein Taschentuch.“
Jacks Umarmung wurde noch fester, beruhigend streichelte er ihren Rücken. „Ich würde dir mein Taschentuch geben, aber es ist verschwunden.“
Obwohl ihr Gesicht noch tränennass war, lachte Fiona leise in sich hinein. „Ich habe Hamish aufgetragen, deine Kleidung zu wechseln. Du warst tropfnass, und ich wollte nicht, dass du dir einen Schüttelfrost holst.“
„Wie rücksichtsvoll von dir! Nicht viele Männer, die entführt und auch gleich noch vor den Traualtar geschleppt und ihrer Freiheit beraubt wurden, können von sich behaupten, dass derart gut für sie gesorgt wurde.“ Während ihr Kopf weiterhin auf seiner muskulösen Brust ruhte, lächelte sie in sein von ihren Tränen feuchtes Hemd. Ihr krampfhafter Schluckauf verebbte langsam, und eine sanfte, vertrauliche Stille umgab Fiona und Jack.
Der gleichmäßige Schlag seines Herzens und der Stärkeduft seines Hemdes beruhigten Fiona auf geheimnisvolle Weise. Unter ihrer Wange spürte sie das Heben und Senken seiner Brust wie Wellen, die am Stand ausliefen, und seufzte zufrieden.
Unvermittelt senkte Jack den Kopf und küsste sie auf die Stirn.
Fiona stockte der Atem.
Sein Kuss war keusch, fast unschuldig gewesen und doch unglaublich intim.
„Du bist durch die Hölle gegangen, nicht wahr, Liebste?“
Er nannte sie „Liebste“. Nicht „meine Liebe“, sondern einfach „Liebste“. Sie fragte sich, wie viele Frauen er bisher so betitelt hatte und wie viele von ihnen gefühlt hatten, dass ihr Herz bei diesem Wort wie ein gefangener Vogel flatterte, so wie es ihres gerade eben getan hatte.
Sie hatte sein Hemd mit ihren Tränen durchnässt und in seiner Umarmung Kraft geschöpft, doch sie kannte nur zu gut die Wahrheit - nämlich dass Jack Kincaid mit jeder Frau, die sich in seiner Gegenwart in ein schluchzendes Häufchen Elend verwandelt hätte, ebenso fürsorglich umgegangen wäre. Es war genau, wie er es gesagt hatte: Er konnte weinende Frauen nicht ertragen.
Fiona machte einen Schritt aus Jacks schützenden Armen hinaus in die Kälte des Zimmers und griff nach dem Handtuch auf dem Waschtisch. Nachdem sie sich damit über die Augen gewischt hatte, sah sie ihn errötend an. „Ich hatte nicht vor, dein Hemd zu durchnässen.“
Er sah hinab auf den großen, feuchten Fleck auf seiner Brust, und ein schiefes Lächeln milderte die harte Linie seines Mundes. „Ich habe keine Ahnung, wem dieses Hemd gehört, das musst du mit seinem Besitzer ausmachen.“
„Es ist Dougals“, erklärte sie ihm.
„Dougals?“, wiederholte er ungläubig „Die Manschetten sind aus Seide. Dein Bruder würde niemals Seide tragen.“
Sie lachte leise. „Dougal ist inzwischen zum Dandy geworden. Du würdest dich wundern, wie modisch er inzwischen gekleidet ist. “
Für einen Moment sah Jack sie aus dunklen, unergründlichen Augen stumm an. Dann hob er die Hand und wickelte sich eine ihrer Haarsträhnen um den Finger. „Wir sind in ein ziemliches Durcheinander geraten.“
„Ich weiß“, erwiderte sie und wünschte sich inständig, sie könnte sich einfach unsichtbar machen. Ihre Haare standen in alle Richtungen ab, und ihre Nase war sicher ganz rot vom Weinen. „Die ganze letzte Woche war ein einziger Albtraum.“
„Es muss schrecklich für dich gewesen sein.“ Mit zusammengepressten Lippen betrachtete er sie nachdenklich. „Nur pure Verzweiflung kann dich so weit gebracht haben, einen derart närrischen Plan zu fassen.“
Sie erstarrte. „Mein Plan mag seine Fehler haben, aber ich habe ihn gut durchdacht. Eine ganze Woche lang habe ich Tag und Nacht an nichts anderes gedacht.“
„Es muss einen anderen Weg geben“, beharrte er. „Warum hast du nicht jemandem von den Racheplänen deiner Brüder erzählt? Jemandem, der sie aufhalten könnte?“ „Wer sollte das sein? Meine Brüder können allein durch einen ihrer Temperamentsausbrüche jeden in Asche verwandeln. Wer würde es wagen, sich ihnen entgegenzustellen?“ Mutlos zuckte sie die Achseln.
„Einer meiner Brüder schien nicht das geringste Problem zu haben, es zu tun“, erwiderte er grimmig.
Mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen warf sie den Kopf in den Nacken.
Als er ihren Gesichtsausdruck sah, zuckte Jack zusammen. „Ich wollte dich nicht verletzen. Es ist nur so - obwohl manch einer glaubt, deine Familie könne es regnen lassen
„Und blitzen. Und hageln. Tu nicht so, als würdest du nicht an den Fluch glauben. Ich weiß, dass du daran glaubst.“ Herausfordernd schob sie das Kinn vor.
Er zuckte die Achseln und wich ihrem Blick aus. „Es spielt keine Rolle, was ich glaube oder nicht glaube. Was jetzt zählt, ist die Frage, wie es uns gelingen kann, die Gemüter abzukühlen, sodass wir wieder zum normalen Leben zurückkehren können. Als du herausfandst, dass deine Brüder finstere Pläne schmieden, hättest du es jemandem sagen sollen.“
„Tatsächlich?“ Sie schnaubte verächtlich durch die Nase. „Und wer wäre in der Lage gewesen, ihr Vorhaben ins Gute zu wenden? Dein Vater vielleicht? Der Mann, der gesagt hat, er würde jeden MacLean töten, der in Sichtweite seiner Grundstücksgrenze käme?“
Jack runzelte die Stirn. „Das hat er gesagt?“
„Dein Stiefvater ist kein sonderlich beherrschter Mann. Außerdem hätten sich meine Brüder sofort einen neuen Plan ausgedacht, wenn ich ihren bekannt gemacht hätte. Und dieses Mal hätten sie dafür gesorgt, dass ich nichts davon erfahre. “
Er rieb sich den Nacken. „Du hast aber wenigstens versucht, es ihnen auszureden?“
„Selbstverständlich! “
„Du machtest ihnen die Folgen einer solchen Handlung klar und dennoch ...“
„Kincaid, ich habe das alles versucht und bedacht. Es gibt keinen anderen Weg als diesen hier. “
Einen Moment lang sah er sie mit unbewegter Miene an.
Die Anspannung in ihren Schultern wurde ein wenig geringer. Vielleicht würde er einen Weg aus der Misere finden, der ihr nicht eingefallen war. Vielleicht sah er eine Möglichkeit, die ihr entgangen war. Irgendetwas ...
„Zur Hölle!“ Er drehte sich um, ging zum Fußende des Bettes und lehnte sich gegen den Bettpfosten. „Was für ein Schlamassel. “ Als er sich mit den gespreizten Fingern durchs Haar fuhr und dabei erneut versehentlich seine Beule berührte, zuckte er zusammen. „Deine Brüder sind genauso hitzköpfig wie meine. Mindestens.“
Fiona funkelte ihn an. „Meine Brüder haben einen Grund für ihren Zorn.“
„Es gibt keinen Grund, der es rechtfertigt, einen Mord zu planen.“
„Ich heiße ihren Plan nicht gut, Jack, aber du weißt nicht, was wir durchgemacht haben. “
„Fiona,bitte ...“
„Nein! Du hast keine Ahnung! “ Ihre Hände ballten sich ganz von selbst zu Fäusten. Die Wut gab ihr die Kraft zurück, die sie verloren hatte. Draußen legte sich ein Schatten über die Sonne, eine Windböe jagte am Fenster vorbei und rüttelte an den Fensterläden. „Callum lebt nicht mehr, er vermodert sechs Fuß unter der Erde. Wir sind zornig, wir sind alle zornig!“ Mit dem ausgestreckten Finger stach sie ihm in die Brust. „Hast du eine Ahnung, wie sehr ich das alles hier hasse? Ich hasse es, dich unter solchen Umständen wiederzusehen. Ich hasse es, meine Familie und Pater MacCanney anlügen zu müssen. Und ich hasse es, dass ich gezwungen war, ausgerechnet den allerletzten Mann auf Erden zu heiraten, den ich unter normalen Umständen zum Gatten nehmen würde.“
Die letzten Worte hingen laut und klar zwischen ihnen in der Luft.
Jack starrte sie an, und seine blauen Augen waren so dunkel, dass sie fast schwarz wirkten. „Du bereust bereits, mich geheiratet zu haben.“
„Nur so sehr, wie du es bereust, mit mir verheiratet zu sein“, erklärte sie trotzig.
„In einem Punkt stimmen wir also überein“, stellte er in ruhigem Ton fest. „Wir passen nicht zusammen.“
„Wir haben noch nie zusammengepasst“, sagte sie hitzig und nickte nachdrücklich zu ihren Worten.
„Dann wirst du meine Meinung teilen, dass es keine Lösung sein kann, ein unerwünschtes Kind in die Welt zu setzen.“
„Unser Kind wird nicht unerwünscht sein. Ich werde gut für es sorgen, und ich werde es gern tun.“
Er senkte den Blick. „So einfach ist das nicht. Ein Kind ist eine große Verantwortung. Das weiß sogar ich.“
„Es war nicht meine Absicht, etwas anderes zu behaupten“, erwiderte sie steif.
„Aber ein Mann, von dem du behauptest, er sei als Gatte unbrauchbar, wird wohl kaum ein guter Vater sein“, erinnerte er sie an ihre eigenen Worte.
Ihre Wangen brannten. „Jack, ich ...“
„Nein, wir werden die Wahrheit aussprechen“, unterbrach er sie energisch. „Wie wird sich dieses Kind fühlen, wenn es erfährt, dass es nur gezeugt wurde, um eine alberne Fehde zu beenden?“
„Er muss es nicht erfahren.“ Sie bemerkte gar nicht, dass sie sich Jacks Kind unwillkürlich als Sohn vorstellte.
„Solche Dinge kommen immer ans Licht.“
Er hatte recht. Fiona ballte und löste ihre Hände im Wechsel. Unfähig, eine passende Antwort zu finden, sagte sie schließlich in säuerlichem Ton: „Ich kann nicht glauben, dass du dir über solche Dinge Gedanken machst.“ Seine Miene verdüsterte sich. „Deine Meinung von mir könnte nicht schlechter sein, stimmt’ s? Für dich bin ich einfach nur Black Jack Kincaid, der Mann ohne Herz.“ „Nein, nein“, widersprach sie und bereute sofort ihre Worte. „Ich wollte damit nicht sagen ...“
Mit erhobener Hand unterbrach er sie. „Vergiss es. Ich sollte nicht überrascht sein. Du hast wirklich keinen Grund, anders über mich zu denken.“ Er wandte sich ab und ging zum Fenster. Die blasse Nachmittagssonne fiel auf sein Gesicht, sein kastanienbraunes Haar war ein Farbklecks vor dem Dunkelblau der Vorhänge. Sie konnte erkennen, dass sein Körper starr vor Wut war. „Was für ein verdammtes Durcheinander“, stieß er hervor.
In der Kühle des Schlafzimmers überlief Fiona ein Schauer. Voll Sehnsucht dachte sie an die Wärme, die sie in Jacks Armen umgeben hatte, erinnerte sich, wie sie ihre Wange an seine muskulöse Brust gebettet hatte und wie sein Duft ihr in die Nase gestiegen war. Beginnend bei ihren Füßen stieg langsam eine sanfte Hitze in ihr auf, ein heftiges Ziehen, eine süße, warme Anziehung.
Um Himmels willen, sie begehrte ihn! Diese Erkenntnis ließ sie heftig erröten. „Wenn unsere Familien denken, dass ich bereits ein Kind erwarte, werden sie ihre Feindseligkeiten im Zaum halten, was uns Zeit gibt, um ... “ Sie presste die Lippen aufeinander. Wie um alles in der Welt sollte sie diesen Satz zu Ende bringen?
Er kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Zeit, um was zu tun?“
„Zeit, um ... um ... um ..." Lieber Gott, bitte, lass die Erde sich auftun und mich verschlingen! Wie war es ihrem vorlauten Mund gelungen, sie in diese Klemme zu bringen? „Du weißt, was ich meine.“
„Nein“, sagte er langsam. „Erklär es mir.“
„Du weißt, was ich sagen wollte!“, fauchte Fiona und verschränkte die Arme vor der Brust. „Es wird zwar nicht angenehm für uns sein ... “
„Da sprichst du nur für dich.“ Ein unerwartetes Lächeln legte sich um seine Lippen. „Das Kind zu zeugen ist der einzig gute Teil an dem Plan. Wenn du dich im Zusammenhang mit uns beiden an irgendetwas erinnerst, sollte es doch wohl das sein.“
Oh Gott, sie erinnerte sich. Sie erinnerte sich an jeden süßen, köstlichen, atemberaubenden Moment. Langsam bewegte sie den Kopf auf und ab.
Besitzergreifend wanderte sein Blick über ihren Körper und hinterließ eine heiße, prickelnde Spur. „Ich würde dich hier und jetzt nehmen, Fiona, wenn es dir recht wäre und wir Zeit hätten. “
Sie sah hinüber zum Bett, dann schaute sie wieder ihn an, während ein köstlicher Schauer über ihre Haut lief. Sie stellte sich vor, wie sie dort lagen, die Beine ineinander verschränkt, mit wild klopfenden Herzen, während er ...
Nein. Sie musste sich konzentrieren. Sie durfte sich nicht von solchen Dingen ablenken lassen.
„Fiona?“ Sein Blick hing nun an ihrem Mund.
„J... Ja?“ Ihre Lippen kribbelten, als er sie berührte.
„Du sagtest, du hättest deine Brüder über unsere Hochzeit informiert?“, vergewisserte er sich.
„Ja. Ich habe deiner und meiner Familie jeweils eine Nachricht geschickt“, bestätigte sie nickend.
Jack seufzte. „Das habe ich befürchtet. Deine Brüder werden bald hier sein.“
Sie zuckte die Achseln. „Ich nehme es an.“
„Na wunderbar“, murmelte Jack, ging zum Fenster und wieder zurück und blieb dann vor ihr stehen. „Wie sind wir hierhergelangt?“
„Mit meiner Kutsche.“
Er machte auf dem Absatz kehrt und trat erneut ans Fenster, wo er nun die Vorhänge beiseiteschob, um nach draußen zu sehen. „Es bewölkt sich, und der Wind frischt auf.“
Dieses Mal war es Fiona, die seufzte. „Das ist meine Schuld, fürchte ich. Du hast meine Geduld extrem strapaziert.“
„Ebenso wie du meine.“ Er ließ den Vorhang wieder fallen. „Ich habe nicht vor zu warten, bis deine Brüder nahe genug herangekommen sind, um die Schleusen des Himmels zu öffnen.“
Fiona wünschte inständig, sie könnte Jack bitten, ihr zu versichern, dass alles gut werden würde. Aber einen solchen Rückhalt und so viel Unterstützung boten nur echte Ehen. Der Gedanke, um welche Art von Ehe es sich bei ihrer handelte, legte sich wie eine schwere Last auf ihre Schultern.
„Die Kutsche steht nicht vor dem Haupteingang, das ist gut.“ Jack zog den Riegel zurück und stieß die Fensterflügel weit auf. Ein frischer Luftzug drang ins Zimmer, blähte die Vorhänge und ließ die Quasten der Zugbänder tanzen.
„Jack?“, fragte sie verwirrt. „Was spielt es für eine Rolle, ob die Kutsche vor der Tür steht oder nicht?“ Nachdem er die Vorhänge auf beiden Seiten zurückgebunden hatte, kam er zu ihr, beugte sich zu ihr herunter und nahm sie mit einer Leichtigkeit in die Arme, als würde er ein Federkissen hochheben.
Fiona schlang ihm die Arme um den Nacken und hielt sich fest. „Was ... Was machst du da?“
Er grinste sie an, und seine kastanienfarbenen Haare schienen Funken zu sprühen, während das Blau seiner Augen noch tiefer und dunkler wurde. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
„Das ist nicht lustig, Kincaid! Lass mich sofort runter!“
„Nein, Liebste“, widersprach er energisch. „Bis hierher hast du Pläne geschmiedet, jetzt bin ich dran.“
„Du bist dran?“, empörte sie sich. „Das war nicht abgesprochen.“
Tadelnd schüttelte er den Kopf. „Du war schon immer ein bisschen herrisch. Wahrscheinlich, weil du so viele Brüder hast.“
„Herrisch? Ich bin nicht herrisch.“
„Hmpf. Dazu sollten wir deine Brüder einmal befragen.“ Er wandte sich dem Fenster zu. „Es wird Zeit, dass du aufhörst, dich in das Leben aller Menschen einzumischen, die du kennst.“
„Ich tue nichts dergleichen! “.widersprach sie ihm wütend.
Er funkelte sie an. „Tatsächlich nicht? Sieh dich doch an. Du hast einzig und allein geheiratet, um deine Brüder aus dem Schlamassel zu befreien, den sie selbst angerichtet haben.“
„Dies ist ein Notfall“, erinnerte sie ihn mit lauter Stimme.
„Ich weiß, ich weiß. Menschenleben stehen auf dem Spiel. Ich verstehe das. Aber du lässt deine Brüder nicht ihre eigenen Wege und Lösungen finden; Stattdessen versuchst du sie dazu zu bringen, dass sie so handeln, wie du es für richtig hältst.“ Er setzte sich aufs. Fensterbrett. „Ich nenne das herrisch.“
„Ich nenne es Notwendigkeit.“
„Wie auch immer du es nennst, es ist an der Zeit, dass jemand anders das Ruder übernimmt.“
Sie wand sich in seinen Armen, doch sein Griff wurde nur noch fester. „Lass mich sofort runter, Kincaid! Hamish wird das gar nicht gefallen.“
„Gut.“ Jack schwang zunächst ein Bein über das Fensterbrett, dann das andere und stand im nächsten Moment im Gebüsch an der Hauswand. Er grinste sie an. „Hamish ist nicht eingeladen. “
Sie war für einen Augenblick ruhig, ebenso gebannt von seinem Lächeln wie von seinen Worten. „Eingeladen wozu?“
„Zu unseren Flitterwochen.“ Über den Rasen ging Jack auf die Kutsche zu, und als Fiona sich an ihn klammerte, spürte sie durch seine Kleidung hindurch die harten Muskeln unter seiner Haut. „Wir fahren nach London.“ „Aber ich dachte, wir würden in meinem Haus leben! “ „Mit deinen Brüdern?“, spottete Jack. „Mit den Männern, die geschworen haben, jeden Kincaid zu töten, den sie finden können? Ich denke, eher nicht.“
„Aber ...“
„Mylady?“
Das war Simon, der Kutscher.
„Oh, ah, Simon.“ Fiona fragte sich verzweifelt, was sie sagen sollte.
„Simon, guter Mann“, sagte Jack in herablassendem Ton. „Vortreffliche Nachrichten. Deine Herrin und ich haben heute Morgen geheiratet.“
„Wer ... Sie ... die Herrin ...“ Simon sah von Jack und Fiona und zurück.
Jack tätschelte Fionas Wange. „Sag du es ihm, Liebste.“
Es gelang Fiona kaum zu lächeln, weil das Gefühl, das seine Wange an ihrer auslöste, sie erbeben ließ. „Es stimmt. Wir sind verheiratet.“
Mit hochmütigem Gesichtsausdruck wandte Jack sich an den Bediensteten: „Öffne die Kutschentür; wir haben es eilig.“
„A...ab...aber“, stotterte Simon und rührte sich nicht von der Stelle.
„Und mach schnell, damit mir deine Herrin nicht am Ende noch herunterfällt“, fügte Jack hinzu und machte einen Bogen um den verblüfften Kutscher. „Sie mag nicht sonderlich groß sein, aber sie wiegt einiges.“
„Jack!“, protestierte Fiona erbost.
Endlich setzte sich Simon in Bewegung, hastete zur Kutsche und riss die Tür auf.
„Danke“, sagte Jack, hob Fiona in das Gefährt und ließ sich dicht neben ihr auf den Ledersitz fallen. „Nach London, bitte.“
„London?“, rief Simon erstaunt. „Das ist ein furchtbar weiter Weg ...“
„London“, wiederholte Jack mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Wir werden unterwegs anhalten, um die Pferde zu wechseln.“
„Jawohl, Mylord, aber ...“
„Sofort!“ Die Zurechtweisung in Jacks Stimme war unüberhörbar.
Simon wurde rot, verbeugte sich stumm und schloss die Tür der Kutsche.
Im nächsten Moment fuhr der Wagen bereits schaukelnd über die unebene Straße. Fiona warf Jack einen Seitenblick zu und bemerkte den harten Zug um seinen Mund.
So sah es nun also aus. Sie hatte Jack Kincaid geheiratet, und es war ihr gelungen, seine widerstrebende Zustimmung zu ihrem Plan zu bekommen. Nun musste sie den Preis für diese Abmachung bezahlen.
London, ging es durch ihren verwirrten Kopf. Wenn sie dorthinfuhren, ließ sie ihre Familie hinter sich zurück. Ihre Freunde und ihre Dienerschaft, alle Menschen, die sie kannte und denen sie vertraute.
In London würde sie niemanden haben. Dort würde es nur sie geben - und Jack.
Großer Gott. Was habe ich getan?