17. KAPITEL

Mancher sagt, Magie ist das, was die Menschen und die Natur verbindet, was sie so sehr vereint, dass man eines nicht mehr vom anderen unterscheiden kann. Ich glaube, es ist allein die Liebe, welche die Natur und den Menschen verbindet.

So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.

Jack schaute auf den Zettel. Devonsgate hatte alle zwölf Lakaien aufgelistet: John, Mark, Luke, Thomas ... Zur Hölle, sein Butler hatte das gesamte Neue Testament eingestellt.

Als die Uhr neun schlug, warf er die Liste auf seinen Schreibtisch, stand auf und streckte sich. Seit dem Streit mit Fiona hatte er ununterbrochen in seiner Bibliothek gearbeitet. Wenn er sich aber ohnehin schlecht fühlte, konnte er es ebenso gut mit vollem Magen tun.

Er betrachtete die Papierstapel auf dem Schreibtisch. Mr. Troutman war über Jacks Aufforderung, gemeinsam die Ausgaben durchzugehen, so erfreut gewesen, dass er unverzüglich eine Mappe mit Unterlagen geschickt und Jack gebeten hatte, sich vor dem vereinbarten Treffen den Inhalt anzusehen.

Nach der Auseinandersetzung mit Fiona war Jack froh gewesen, etwas zu haben, in das er sich vertiefen konnte. Dennoch war es ihm schwergefallen, sich auf die Fakten und Zahlen zu konzentrieren, und er hatte sich immer wieder dabei ertappt, wie er unruhig und in Gedanken verloren im Zimmer herumlief.

Fiona war die dickköpfigste Frau, der er jemals begegnet war. Wenn sie sich einmal zu etwas entschlossen hatte, war sie nicht mehr davon abzubringen. Sie wollte Jack zu etwas machen, was er nicht war: zu einem Familienmenschen, einem Mann, der sein Leben seiner Frau und seinen Kindern widmete. Er war kein solcher Mann und würde es auch niemals sein. Fiona musste das akzeptieren.

Warum aber, wenn er schließlich im Recht war, fühlte er sich dann im Unrecht? Er schob seinen Stuhl zurück und ging zum Kamin, um das Feuer zu schüren.

Er war nicht im Unrecht, verdammt noch mal! Fiona hatte ihn zu dieser Ehe gezwungen - und hatte den Mann geheiratet, der er nun einmal war. Deshalb musste sie akzeptieren, dass er ihr gegenüber keine Verpflichtungen hatte. Sein Unbehagen rührte daher, dass er es hasste, in Streitigkeiten verwickelt zu werden - niemand mochte es, wenn sein Frieden gestört wurde. Er hätte wetten können, Fiona fühlte sich ebenso schlecht wie er.

Dieser Gedanke ließ ihn zur Tür blicken. Vielleicht sollte er mit ihr sprechen. Er erinnerte sich an ihren zornigen und verletzten Gesichtsausdruck und seufzte, während er seinen verspannten Nacken rieb. Es war womöglich besser, wenn er ihr noch ein wenig mehr Zeit gab, sich zu beruhigen.

Wenn sie aber oben saß und weinte? Was, wenn sie ihn für den kältesten, gefühllosesten Mann auf Erden hielt? Was, wenn sie ...

Zur Hölle, was war los mit ihm? Angewidert von seiner eigenen Gefühlsduselei stellte er den Schürhaken mit lautem Klirren zurück in den Ständer. Das leise Läuten der vergoldeten Bronzeuhr machte ihn darauf aufmerksam, dass es inzwischen Viertel nach neun war, und er fragte sich, ob Fiona bereits gegessen hatte. Er hoffte, sie fühlte sich wegen ihres Streits nicht so schlecht, dass sie keinen Appetit mehr verspürte.

Vielleicht war sie inzwischen ruhig genug, um ein vernünftiges Gespräch zu führen. Womöglich entschuldigte sie sich sogar für ihren überraschenden Ausbruch.

Es war eine schöne Vorstellung, wie Fiona ihn um Verzeihung bat. Für einen Moment hielt er inne, um das Bild auszukosten. Wenn er sie großmütig einlud, gemeinsam mit ihm zu speisen, würde vielleicht ein Teil ihrer beider Verlegenheit verschwinden. Jack könnte ihr dann die Unterkleider schenken, die er für sie gekauft hatte. Ihr würde im Nachhinein alles schrecklich leidtun, wenn sie den wunderbaren, glatten Leinenstoff und die herrliche Spitze sah. Sie würde ihn um Entschuldigung bitten, und er würde sie ihr großzügig gewähren. Vielleicht würden sie sich anschließend sogar lieben.

Dieser Gedanke brachte ihn zum Lächeln. Nie zuvor hatte er eine derart überwältigende Leidenschaft mit einer Frau geteilt. Dennoch konnte er nicht zulassen, dass davon sein Alltag gestört wurde. Nachdem Fiona und er ihren Streit beigelegt hatten, würde er nach der Kutsche schicken und seinen üblichen Abendunterhaltungen nachgehen. Schließlich und endlich musste ein Mann seinen Standpunkt bewahren.

Als Jack entschlossen den Klingelzug betätigte, fühlte er sich schon besser. Fast augenblicklich erschien Devonsgate in der Tür. „Ich wollte gerade hereinkommen, Mylord, um mit Ihnen über ... “

„Gut. Ich bin am Verhungern“, unterbrach Jack seinen Butler mit einer ungeduldigen Handbewegung. „Mir ist gar nicht aufgefallen, dass es schon so spät ist. Informieren Sie den Koch, dass Lady Kincaid und ich im Speisezimmer dinieren werden. Und danach brauche ich die Kutsche.“ Jack ging hin die Halle.

„Mylord.“ Devonsgate eilte ihm nach. „Die Kutsche ist bereits fort.“

Jack blieb stehen und wandte sich dann langsam zu dem Butler um. „Wie bitte?“

Devonsgate errötete. „Ihre Ladyschaft hat die Kutsche genommen.“

Jack wusste nicht, ob er lachen oder Fiona ... Zur Hölle, er wusste wirklich nicht, was er tun sollte. „Wann hat sie das Haus verlassen?“, erkundigte er sich in scharfem Ton. „Vor nicht einmal dreißig Minuten, Mylord.“ Verdammt! Wo konnte sie inzwischen überall sein! „Warum wurde ich nicht informiert?“

Devonsgate erstarrte. „Sie haben uns niemals aufgetragen, Ihnen zu sagen, wenn Ihre Ladyschaft kommt oder geht, Mylord.“

Das hatte er nicht, zur Hölle! Aber er hätte es getan, wenn er geahnt hätte, dass seine Frau plante ... Was plante sie eigentlich? Plötzlich hatte Jack das komische Gefühl, dass er wusste, wo sie war. „Hat sie ihr Ziel erwähnt?“, fragte er seinen Butler.

Devonsgate tauschte einen schmerzlichen Blick mit einem der Lakaien. Jack wandte sich dem Mann zu. Ziemlich jung, wuscheliges blondes Haar und hervorquellende Augen, stand er aufrecht und aufmerksam da, und nur die Schweißperlen auf seiner Stirn verrieten sein Unbehagen.

Jack runzelte die Stirn. Wie war der Name des Mannes? Ach ja. „Thomas.“

„Mylord?“ Der Lakai sah ihn mit leichtem Erstaunen im Blick an, als er mit seinem Namen angesprochen wurde.

„Haben Sie heute Abend mit Ihrer Ladyschaft gesprochen?“

„Ja, Mylord. Sie kam herunter und war zum Ausgehen angezogen.“

„Zum Ausgehen?“

„Ja, Mylord. Sie sah sehr elegant aus.“

Zur Hölle, sie trug wahrscheinlich einige der Sachen, die er ihr gekauft hatte, sah verführerisch in einem der Kleider aus, die er ausgesucht hatte. „Hat sie Ihnen gesagt, wohin sie wollte?“

„Ja, Mylord.“ Thomas warf Devonsgate einen Hilfe suchenden Blick zu. Jack konnte den Butler nicht sehen und auch nicht, welche Geste er hinter dem Rücken seines Herrn machte. Thomas schluckte geräuschvoll, richtete sein steifes Rückgrat noch ein bisschen mehr auf und erklärte mit ausdrucksloser Stimme: „Ihre Ladyschaft sagte, sie würde in eine richtige, echte Spielhölle gehen.“

„In welche Spielhölle?“, erkundigte sich Jack grimmig.

„Lady Chesters, Sir.“

Lady Chester war eine flotte Witwe, die am Rand der Gesellschaft lebte. Sie betrieb eine der verrufensten Spielhöllen der Stadt. Dort traf man sämtliche Betrüger, Schurken und Verschwender Londons an. Jack wusste das, weil er sie alle kannte. „Hat sie sonst noch etwas gesagt?“, erkundigte er sich in strengem Ton.

Thomas schluckte erneut. „Ja, Mylord. Sie ... sie sagte, sie habe vor, Ihr gesamtes Vermögen zu verspielen.“

„Das hat sie wirklich gesagt, nicht wahr?“, vergewisserte sich Jack ungläubig.

„Ja, Mylord“, bestätigte Thomas mit unglücklicher Miene.

„Noch etwas?“, fragte Jack knapp.

„Ja, Mylord. Sie sagte auch, dass sie trinken will, bis sie beschwipst ist und ... “ Thomas schien nicht weiterreden zu können.

„Sagen Sie mir alles“, befahl Jack in barschem Ton.

„Und mit jedem Mann flirten, der ihr über den Weg läuft.“ Thomas stieß die Worte so hastig hervor, dass sie kaum zu verstehen waren.

Die Frau hatte Nerven! In die Stadt zu fahren, um zu spielen - mit seinem Geld wohlgemerkt. Um zu trinken, bis sie beschwipst war, und um mit seinen Freunden zu flirten. Es war unerträglich!

Schäumend vor Wut stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Sonst noch etwas, Thomas?“

„Ja, Mylord. Sie hat zwischendurch mit sich selbst gesprochen, als wäre sie zornig über irgendetwas. Sie sagte, sie hat genug davon, gute Ratschläge anzunehmen und dann herauszufinden, dass sich ihr Leben dadurch zum Schlechteren wandelt, und es wäre vielleicht Zeit, schlechte Ratschläge anzunehmen und auf etwas Besseres zu hoffen. Wenigstens wäre sie dann nicht überrascht, wenn es nicht klappen würde.“ Nachdem er diese lange Rede gehalten hatte, atmete Thomas tief durch.

„Was soll das alles heißen?“, fragte Jack verblüfft.

Devonsgate räusperte sich im Hintergrund. „Wenn ich so frei sein darf, mich einzumischen, Sir. Nach ihrem Ausritt heute Morgen erwähnte Ihre Ladyschaft, dass ihre Brüder ihr einen schlechten Rat gegeben hätten. Sie wollte wissen, ob meine Brüder das schon einmal mit mir gemacht haben.“

„Sie nimmt Ratschläge von Gregor und Dougal an? Ich kann nicht glauben, dass sie ihr vorgeschlagen haben, eine Spielhölle zu besuchen. Eine Dame ohne Begleitung wäre das Opfer der unterschiedlichsten unwillkommenen Annäherungen. “

„Sie ist nicht allein gegangen.“

Jack zuckte zusammen und wandte sich wieder Thomas zu.

„Sie ... sie hat Mr. Campbell eine Nachricht geschickt, dass sie plant, auszugehen. Und er antwortete innerhalb kürzester Zeit, dass er sich freuen würde, sie dort zu treffen.“

„Hölle und Verdammnis! Campbell ist der Schlimmste von allen! “

Thomas wurde blass. „Das ... das wusste ich nicht, Mylord.“

„Was denkt sie sich dabei?“, stieß Jack wütend hervor. „Lassen Sie den zweirädrigen Wagen Vorfahren.“ „Aber Mylord“, sagte Devonsgate, „er hat kein Verdeck. Das Wetter war in letzter Zeit sehr unbeständig.“

Unbeständig war gar kein Ausdruck. „Lassen Sie ihn Vorfahren“, wiederholte Jack entschlossen. „Zurück fahre ich ohnehin in der Kutsche.“

„Sehr wohl, Mylord.“

Jack war nicht im Mindesten wohl bei der Sache. Das Ganze war höchst ärgerlich. Während er eilig die Treppe hinaufrannte, wirbelten seine Gedanken und Gefühle wild durcheinander. Was zum Teufel denkst du dir eigentlich bei dem, was du tust, Fiona?

Aber das wusste er bereits. Sie ahmte ihn nach und ging den ganzen Weg bis zur Hölle.

Just in dem Moment, in dem Jack Kincaid sein Haus verließ, kam Fiona in der Spielhölle an.

Campbell wartete vor dem Eingang auf sie. Er war wie beim letzten Mal tadellos gekleidet, lächelte ununterbrochen und warf mit Komplimenten um sich, zwischen denen er immer wieder betonte, wie geschmeichelt er war, sie begleiten zu dürfen.

Als sie das hell erleuchtete Haus, aus dessen Fenster und Türen Lärm quoll, betrachtete, war sie froh, dass sie eine männliche Begleitung hatte.

„Sie sehen hinreißend aus“, sagte Campbell, während sie Seite an Seite die Treppen zum Eingang hinaufstiegen.

Fiona blieb auf der obersten Stufe stehen. „Ich denke, bevor wir hineingehen, sollten Sie wissen, Campbell, dass ich nur hier bin, weil Jack und ich einen heftigen Streit hatten.“

„Ich weiß“, antwortete er zu ihrer Überraschung ruhig.

Sie zog fragend die Brauen hoch, und er lächelte.

„Eine verheiratete Frau bittet den Feind ihres Ehemannes nicht um seine Begleitung, wenn es nicht darum geht, ihrem Gatten etwas klarzumachen.“

Fiona errötete. „Ich habe nicht vor, Sie auf so schändliche Weise zu benutzen.“

„Und ich habe nicht angenommen, dass Sie das Vorhaben.“ Er fing ihre Hand ein und hauchte einen zarten Kuss auf ihre Finger, während seine blauen Augen ihr zuzwinkerten. „Wer bin ich, einer Ränke schmiedenden Frau die Begleitung zu verweigern, wenn sie zum ersten Mal die Sünde kosten will?“

Hastig entzog sie ihm ihre Hand. „Ich bin froh zu wissen, dass ich Sie nicht belästige.“

„Das tun Sie nicht im Geringsten. Ich bin jederzeit bereit, Jack Kincaid Unbehagen zu bereiten“, erklärte er ihr heiter.

„Warum? Was hat er Ihnen getan?“ Sie betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn.

„Er hat mehr“, verriet ihr Campbell mit einem Schulterzucken.

„Mehr wovon?“

Campbells Blick traf ihren. „Von allem.“

Fiona fühlte sich plötzlich unbehaglich und wandte sich der Tür zu. „Sollen wir hineingehen?“

„Natürlich.“ Er verbeugte sich und machte ihr ein Zeichen, vorauszugehen.

Lady Chesters Etablissement sah genauso aus, wie man sich eine Spielhölle vorstellte. Die Halle hinterließ bei Fiona einen verwirrenden Eindruck durcheinanderwirbelnder Farben. Es gab tiefrote Wandteppiche, weinrote Vorhänge, goldgerahmte Spiegel und Bilder mit den Darstellungen römischer Gelage.

Fiona sah sich unter den Anwesenden um und entdeckte ein oder zwei vertraute Gesichter, aber die meisten kannte sie nicht. Dies war die Halbwelt: Dies waren die Londoner, die am Rande der Gesellschaft lebten, und die nur hier auf diejenigen trafen, die gelegentlich geruhten, aus den vornehmen Gefilden herabzusteigen, um Vergnügungen wie diese zu besuchen.

Eine der Letzteren, Lady Pendleton, die es ihrer entfernten Verwandtschaft mit dem Duke of Rotheringham verdankte, dass sie ein gern gesehener Gast in den meisten Londoner Häusern war, stürzte sich sofort auf sie, als sie die Halle betraten.

Lady Pendleton war eine recht dumme Frau, die Klatsch über alles liebte. Laut kichernd eilte sie auf die beiden soeben eingetroffenen Gäste zu. „Sie sind es tatsächlich, Lady Kincaid! Ich dachte mir, dass Sie es sind, obwohl ich mir bei diesem Licht nicht sicher war.“

Es war in der Tat sehr dunkel. Fiona sah hinauf zu den Wandleuchtern und stellte überrascht fest, dass die Kerzenflammen von kleinen Schirmchen aus Wachspapier umgeben waren.

„Und Alan Campbell!“, rief Lady Pendleton und ließ ihren Blick zwischen ihm und Fiona hin und her wandern. „Ich bin überrascht, Sie beide hier zusammen zu sehen. Das zeigt mal wieder, dass man über niemanden Genaues weiß, nicht wahr?“

Fionas Wangen brannten. Campbell musste ihre Verlegenheit gespürt haben, denn er verabschiedete sich rasch von Lady Pendleton und eilte mit Fiona in den großen Salon.

„Eine schreckliche Frau“, bemerkte Fiona. „Allerdings“, stimmte Campbell ihr zu und lächelte sie an. „Aber lassen Sie nicht zu, dass sie unser Vergnügen stört. Sie wünschten eine Spielhölle zu sehen, und dies ist die beste, die es in London gibt.“

Es gelang Fiona, sein Lächeln zu erwidern, obwohl sie sich sehr unbehaglich fühlte. Der Raum war erfüllt von Zigarrenrauch und lautem Gelächter. Jedes kleinste Eckchen war mit Tischen vollgestellt, sodass man sich zwischen ihnen kaum bewegen konnte. Wo auch immer Fiona hinsah, erblickte sie schamloses Benehmen.

Die Frauen waren alle nach der neusten Mode gekleidet, allerdings hatten sie ihre Kleider leicht umgearbeitet. Fiona bemühte sich, nicht zu auffällig zu starren, doch bei so vielen hervorquellenden Busen im Zimmer war das schwierig. „Himmel“, stieß sie mit schwacher Stimme hervor, als eine Dame mit einem besonders tiefen Dekollete an ihnen vorbeiging. „Ich weiß gar nicht, wo ich hinschauen soll. “

Campbell lachte in sich hinein und zog ihren Arm unter seinen. „Sie müssen niemanden außer mir ansehen.“ Fiona wünschte sich, sie hätte anstelle von Campbell einen ihrer Brüder bitten können, sie zu begleiten, aber sie hatte gewusst, dass Gregor und Dougal ihr niemals erlaubt hätten, hierherzukommen, ganz egal, wie sehr sie sie angefleht hätte. Als sie sich in der betrunkenen Menge umsah, kam ihr der Gedanke, dass ihre Brüder womöglich recht gehabt hätten, sie vom Besuch dieses Etablissements abzuhalten.

Doch wie auch immer, nun war sie hier, und sie konnte sich ebenso gut amüsieren. Wenigstens so lange, bis Jack kam. Falls er kam. Sie weigerte sich, darüber nachzudenken, was sie dann tun würde.

„Lady Kincaid - Fiona“, sagte Campbell. „Lassen Sie uns nach einem Tisch Ausschau halten und unser Glück damit versuchen, den Tiger zu Geld zu machen.“

„Den Tiger zu Geld machen?“, fragte sie verwirrt.

Er lächelte und zwinkerte ihr zu. „So nennt man es, wenn man Pharo spielt. Früher trugen die Karten auf der Rückseite das Bild eines Tigers. Pharo ist ein sehr einfaches, aber auch sehr schnelles Spiel. Ich glaube, es wird Ihnen gefallen. “

Erleichtert, dass sie etwas hatte, womit sie ihre Gedanken beschäftigt halten konnte, nickte sie. Campbell führte sie zu einem in der Nähe stehenden Pharo-Tisch und schob ihr einen Plüschsessel mit Vergoldungen zurecht. „Mr. Chumbly, Lord Penult-Mead, Lady Oppenheim, erlauben Sie mir, Ihnen eine neue Mitspielerin vorzustellen. Das ist Lady Kincaid. Sie ist neu in London.“ Augenblicklich hellte sich Lord Penult-Meads Miene auf. „Sie sind neu? Wunderbar! Wunderbar! Ich halte heute Abend die Bank, meine Liebe. Wenn Sie Kredit benötigen, sagen Sie es nur, ich leihe Ihnen etwas.“

Sie sah zu Campbell auf, der neben ihrem Stuhl stand. „Soll ich Sie freihalten, meine Beste? Wäre Ihnen das lieber?“, bot er ihr an.

Sie wurde rot. Das war ihr ganz und gar nicht lieb, aber sie wollte lieber bei Campbell als bei einem Fremden Schulden haben. „Würde es Ihnen etwas ausmachen?“

Er beugte sich über sie und legte ihr eine schwere Münze in die Hand. „Es ist mir eine Ehre, einer so schönen Spielerin auszuhelfen. “

„Danke. Ich zahle es Ihnen natürlich zurück“, sagte sie rasch.

„Wie Sie wünschen“, antwortete er lachend. „Beginnen Sie einfach mit niedrigen Einsätzen, und wenn Sie denken, dass Sie schon zu viel verloren haben, passen Sie.“ Das klang nach einem guten Plan. „Danke sehr. Ich fürchte nur, ich kenne die Regeln nicht.“

Lady Oppenheim wedelte mit ihrer juwelenblitzenden Hand. Die Dame ähnelte auf geradezu verblüffende Weise einem großen Mops, der in dunkelbraune, mit Straußenfedern besetzte Seide gekleidet war. „Ach, es ist sehr einfach, meine Liebe. Wir spielen gegen Lord Penult-Mead, da er die Bank hält. Uns anderen nennt man Kunden. Sie kaufen Chips vom Bankhalter“, sie zeigte auf einige runde, münzenähnliche Plättchen, die vor ihr lagen, „und diese benutzen Sie als Wetteinsatz.“

Fiona hörte aufmerksam zu, während Lady Oppenheim die Einzelheiten des Spiels erklärte. Es schien bemerkenswert einfach zu sein, obwohl es viel gab, was sie sich merken musste.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, flüsterte Campbell ihr ins Ohr: „Keine Sorge, meine Liebe. Ich werde hier sein und Ihnen helfen.“

Sein Atem streifte ihre Ohrmuschel, und obwohl es sich angenehm anfühlte, reagierte ihr Körper nicht so, wie er es bei Jack getan hätte.

Das war ein bedrückender Gedanke, und sie zwang sich, ihre Aufmerksamkeit wieder dem Spiel zu widmen, obwohl sie nicht anders konnte, als gleichzeitig sehnsüchtig zur Tür zu blicken.

Fiona spielte nur zwei Runden, dann traf Jack ein. In dem Moment, in dem er den Raum betrat, wusste sie, dass er da war. Ihr Körper prickelte, als würde er ihn berühren, und gleichzeitig wurde es um sie herum laut, als Jack mit Willkommensrufen begrüßt wurde. Sogar Lady Oppenheim winkte ihm mit ihrem Taschentuch.

Jack kam direkt auf sie zu. In seinem schwarzen Abendanzug, das kastanienbraune Haar in die Stirn fallend und die blauen Augen unverwandt auf sie gerichtet, sah er gefährlich gut aus.

Sie umklammerte ihre Chips und versuchte, ihr wild klopfendes Herz zu beruhigen.

Campbell schien Jack nicht zu bemerken, bevor er den Tisch erreichte.

„Fiona“, sagte Jack und blieb wenige Schritte von ihr entfernt stehen.

Campbell zuckte zusammen und umklammerte mit beiden Händen die Lehne ihres Stuhls, blieb aber stumm.

„Fiona“, wiederholte Jack. „Es ist Zeit, nach Hause zu fahren.“

Fiona verteilte ihre Chips wahllos auf dem Spielbrett.

„Seien Sie vorsichtig, meine Liebe“, warnte Lady Oppenheim sie kopfschüttelnd. „Das ist eine riskante Wette.“

„Das ist genau das, was ich jetzt tun möchte“, erklärte Fiona mit hocherhobenem Haupt.

„Sehr gut.“ Lady Oppenheim klang zweifelnd. „Aber jammern Sie mir nichts vor, wenn Sie verlieren.“

Lord Penult-Mead verteilte die Karten.

„Wunderbar!“, ließ sich Campbell gleich darauf vernehmen. „Sie haben gewonnen, meine Liebe.“

Gut. Dann konnte sie vielleicht Campbell ihre Schulden zurückzahlen, bevor der Abend zu Ende war. Ihre schottische Seele hasste es, verschuldet zu sein.

Jack stand breitbeinig da und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. „Bist du jetzt fertig?“, fragte er seine Frau.

Das war sie allerdings. Sie mochte den Qualm nicht, ebenso wenig den Lärm und die Art der Leute hier. Sie wäre viel lieber nach Hause gegangen oder hätte einen ruhigen Abend mit Freunden verbracht, aber das würde sie Jack gegenüber auf keinen Fall zugeben.

„Ich fange gerade an, mich zu amüsieren“, behauptete sie und lächelte ihn strahlend an.

Er griff nach ihrem Arm. „Wir gehen jetzt“, bestimmte er.

„Nein, das tun wir nicht“, widersprach sie und befreite sich. „Du kannst gehen, ich werde jedenfalls bleiben.“

Er sah auf sie herab, während sich seine starken Hände in der Luft schlossen und wieder öffneten. Ihre Mitspieler am Tisch sahen interessiert zu, als er sich so weit herunterbeugte, dass seine Augen auf einer Höhe mit ihren waren. „Es ist Zeit, nach Haus zu gehen, Fiona. Jetzt.“

„Wie du bereits bemerktest, sind wir zwei völlig unabhängige Menschen“, antwortete sie und sah ihm ins Gesicht, ohne mit der Wimper zu zucken. „Du kannst also tun, was du willst, und ich mache, was ich will. “

„Das werde ich nicht zulassen.“

„Dir wird nichts anderes übrig bleiben“, erklärte sie in scharfem Ton.

Während dieser Auseinandersetzung hatte Campbell sich ruhig verhalten. Fiona war sich nicht einmal sicher, ob er noch hinter ihr stand.

„Nun gut“, beschloss Jack. „Wenn du bleiben willst, dann bleib. Ich werde dasselbe tun. Nur erwarte nicht von mir, dass ich mich anders benehme als sonst, nur weil du anwesend bist. “

„Ich erwarte nichts von dir.“ Sie wedelte lässig mit der Hand. „Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst, du hast unser Spiel unterbrochen. “

Er blickte sie finster an, dann machte er auf dem Absatz kehrt und entfernte sich.

Innerhalb von Sekunden war er umringt von einem Schwarm attraktiver Frauen und einer Gruppe höchst lasterhaft wirkender Männer.

Campbells Hand legte sich auf Fionas Schulter. „Entschuldigen Sie, dass ich das sage, aber Ihr Gatte ist ein Hitzkopf.“

Campbell ahnte nicht die Hälfte von dem, wozu Jack fähig war. „Er hatte einen anstrengenden Tag“, sagte Fiona kühl.

„Kann es weitergehen?“, erkundigte sich Lord Penult-Mead ungeduldig.

„Ich hoffe!“, zischte Lady Oppenheim. „Ich bin entschlossen, meine Chips zurückzugewinnen. Ich glaube, Sie sind dran, Lady Kincaid. “

Fiona machte rasch ihren Einsatz.

Die nächste Stunde war die Hölle. Campbell blieb hinter ihr stehen, flüsterte ihr Ratschläge ins Ohr und machte ihr schwülstige Komplimente. Sie gab vor, an seinen Worten interessiert zu sein, aber sie war sich die ganze Zeit schmerzlich bewusst, dass Jack sich im Raum aufhielt. Er spielte an einem anderen Tisch und sah dabei gefährlich gut aus.

Sie konnte nicht anders, als verstohlen zu ihm hinüberspähen und zu bemerken, wie eng seine Hosen die Schenkel umspannten. Seine breiten Schultern schienen ihr den Blick auf alle anderen Menschen im Raum zu versperren. Dann war da die Art, wie sein Haar ihm in die Stirn fiel und seine Augen beschattete, sodass sie schwarz anstelle von blau schimmerten. Jede Frau im Raum tat genau dasselbe, was Fiona tat: Sie beobachtete Jack. Verdammt noch mal, was dachten die sich bloß? Er war ihr Ehemann!

„Ah, ich habe mich schon gefragt, wann sie kommt“, bemerkte Campbell leise und schaute in Richtung Tür.

Fiona wandte sich in dieselbe Richtung und sah, wie Lucinda Featherington den Raum durchquerte und zu Jacks Tisch ging. Sie erstarrte. „Ich wusste nicht, dass diese Frau Orte wie diesen besucht.“

Campbell zuckte die Achseln. „Sie geht überallhin, wo sie hofft, Jack anzutreffen.“

Inzwischen sprach Lucinda mit Jack. Als Fiona genau hinsah, meinte sie, ein Aufzucken von Gefühl in seinem Gesicht zu erkennen. Es kam und ging so rasch, dass sie nicht hätte sagen können, was es bedeutete, doch die Lady lachte und setzte sich auf den Stuhl neben seinem.

Fiona schäumte vor Wut. Was glaubte diese Frau, wer sie war? Hatte sie ihre Lektion immer noch nicht gelernt?

Fiona fing Jacks Blick ein. Ganz langsam versanken ihre Blicke ineinander, und er legte den Arm auf Lucindas Stuhllehne.

Mehr Ermutigung brauchte Lady Featherington nicht. Sie lehnte sich zu Jack hinüber, presste ihren Busen an seinen Arm, und ihr Blick war eine offene Einladung.

„Lady Kincaid.“ Lady Oppenheims schrille Stimme durchschnitt die Luft. „Sie sind wieder dran. Bitte passen Sie auf.“

Errötend warf Fiona Chips auf verschiedene Karten, ohne im Geringsten darauf zu achten, was sie da tat.

„Vorsichtig“, warnte Campbell sie.

„Ich bin es müde, vorsichtig zu sein“, antwortete sie, unfähig sich auf die Karten und das Spiel zu konzentrieren.

Campbell schaute ihr ins Gesicht und sah dann wieder zu Jacks Tisch hinüber. Fionas Blick folgte Campbells. Sie sah, wie Lucinda Featherington etwas in Jacks Ohr flüsterte. Er hörte ihr mit einem abwesenden Lächeln zu, während er angestrengt seine Karten betrachtete. Im selben Augenblick schaute Lucinda mit einem kühlen, triumphierenden Lächeln auf den Lippen quer durch den Raum direkt in Fionas Gesicht.

Fiona erhob sich von ihrem Stuhl, aber Campbell drückte sie zurück auf den Sitz. Draußen grollte Donner.

„Sachte, Süße. Sie wollen ihr doch nicht die Befriedigung gönnen, jetzt eine Szene zu machen.“ Als draußen ein Blitz aufzuckte, sah er nachdenklich zum Fenster.

„Eine Szene machen beschreibt nicht annähernd, was ich gern tun würde“, fauchte Fiona, die immer noch zu Lucinda hinüberschaute.

„Natürlich können Sie tun, was Sie wollen. Ich dachte nur, Ihre Würde sei Ihnen wichtiger als Rache“, sagte Campbell in beschwichtigendem Ton.

Es war zu schade, dass sie nicht ihre Würde bewahren und Lucinda Featherington völlig würdelos verprügeln konnte!

„Es wäre nicht klug“, erklärte Campbell ihr kühl. „Die Leute vergeben eine kleine Wasserspritzerei, aber keine handfeste Schlägerei.“

Sie errötete. „Ich habe nicht bemerkt, dass ich laut gedacht habe.“

„Das haben Sie nicht“, beruhigte er sie. „Ich habe Ihre Gedanken erraten.“

„War mein Gesichtsausdruck so verräterisch?“

Seine blauen Augen zwinkerten ihr zu. „Ihr Gesicht spricht Bände, und Sie neigen dazu, Ihr Herz auf der Zunge zu tragen.“ Er schaute demonstrativ zum Fenster, wo unter einem plötzlichen Windstoß die Scheiben klirrten. „Ebenso wie Ihre Brüder.“

Fiona fiel keine Antwort darauf ein. Viele Menschen in Schottland wussten von dem Fluch, aber nur wenige glaubten tatsächlich daran.

„Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, den Spieß umzudrehen.“ Campbell griff nach ihrer behandschuhten Hand und hob sie an die Lippen. Durch die Baumwolle spürte sie seinen warmen Atem.

Es war eine höfliche Geste, aber die Anspielung, die darin lag, dass er ihre Hand viel zu lange hielt, die Art, wie er seine Finger über ihre gleiten ließ, als sie sich befreite, sein Blick - all das hatte den Beigeschmack von Verführung.

Fiona schielte zu Lucinda und Jack hinüber. Sie lehnte sich an ihn, und die beiden waren in eine Unterhaltung vertieft. Die Brüste der Lady pressten sich an seinen Arm, und ihre Fülle bebte bei jedem ihrer Atemzüge.

Fionas Magen verkrampfte sich, und anstatt Campbell in die Schranken zu weisen, lehnte sie sich ihm entgegen und lächelte. „Vielen Dank.“

Seine Augen weiteten sich, und eine seltsame Röte erschien auf seinen Wangen. Bedeutungsvoll drückte er ihre Hand.

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Jack auf dem Tisch seine Hand zur Faust ballte, und sie wusste, dass sie einen Punkt gemacht hatte. Ohne Campbell ihre Hand zu entziehen, warf sie ihren Einsatz auf den Tisch.

Jack starrte finster auf den Tisch. Dann griff er mit zusammengekniffenen Augen nach Lucindas Hand und küsste sie auf genau dieselbe Weise, wie Campbell Fionas geküsst hatte.

Windstöße rüttelten an den Fenstern, und die ersten großen Regentropfen prasselten auf das Glas.

Jack grinste.

Fiona schaute sich suchend um. Verdammter Kerl! Sie musste etwas anderes finden, um ihn zu ärgern.

Sie beobachtete ihn, als er einen Schluck aus seinem Glas nahm, während er zu dem, was Lucinda gerade sagte, abwesend lächelte.

Etwas zu trinken! Alle Diener waren am anderen Ende des Raumes, also packte sie Campbells Arm. „Ich brauche etwas zu trinken.“

Angesichts des Enthusiasmus, mit dem sie nach einem Getränk fragte, blinzelte er erstaunt. „Natürlich. Es wird gleich jemand vorbeikommen und ...“

„Nein, ich brauche jetzt etwas“, erklärte sie atemlos. „Sollen wir zu einem der Diener gehen und etwas holen?“ „Die Getränke werden hierhergebracht. Warten Sie einen Moment.“ Er hob einen Finger und erregte auf diese Weise die Aufmerksamkeit eines Dieners, der diensteifrig herbeieilte.

Campbell nahm zwei funkelnde Gläser Champagner vom Tablett und reichte ihr eines davon. „Bitte sehr, Mylady. Auf was wollen wir anstoßen?“

Schimmernde Blasen stiegen in ihrem Glas auf und versammelten sich an der Oberfläche. Das Kerzenlicht ließ die Flüssigkeit warm aufleuchten. „Das ist fast zu schön, um es zu trinken.“

Campbells Augen wurden dunkler. „Ein Grund mehr, es schnell zu tun, bevor sich die Schönheit verflüchtigt.“ Fiona sah an ihm vorbei zu Jack hinüber.

Das Glas auf halbem Weg zum Mund, hielt er inne und runzelte die Stirn, als er den Champagner in Fionas Hand sah.

Ohne ihren Blick abzuwenden, hob sie das Glas. Und leerte es bis auf den Grund.

Zunächst passierte nichts, doch dann stieg ein langsames, sanftes Fieber von ihrer Brust bis in ihren Nacken auf. „Oh! stieß sie erstaunt hervor.

Jacks Brauen zogen sich zusammen. Als Lucinda bemerkte, dass sie seine Aufmerksamkeit verloren hatte, musterte sie Fiona ärgerlich.

Campbell lachte. „Wie ich sehe, mögen Sie Champagner.“

„Ich liebe ihn.“ Sie hob den Kopf. „Deshalb werde ich auch noch ein Glas nehmen.“

Jacks Miene wurde noch finsterer, als Campbell ein weiteres Glas bestellte.

Fiona nahm das zweite Glas und sah Jack direkt an.

Seine Miene versteinerte; er hob sein Glas und schüttete den Brandy hinunter. Jede seiner Bewegungen war eine Herausforderung.

Nachdem Fiona sich innerlich gewappnet hatte, hob auch sie ihr Glas. „Ich trinke auf das Ende“, sagte sie zu Campbell.

„Das Ende von was?“, erkundigte er sich erstaunt.

„Von allem.“ Sie stürzte den Inhalt ihres Glases hinunter, wie sie es beim ersten Mal getan hatte, doch dieses Mal weigerte sich der Champagner, den vorgesehenen Weg zu nehmen. Etwas davon kam durch ihre Nase wieder heraus, dann nieste sie so heftig, dass zwei Nadeln aus ihrem Haar sprangen und eine dicke Strähne sich löste und auf ihre Schulter fiel.

Campbell lachte. „Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, meine Liebe, Champagner scheint nicht Ihr Getränk zu sein. “

„Ich werde keinen Likör trinken. Alte Frauen trinken so etwas.“ Die zwei Gläser Champagner kurz hintereinander zeigten ihre Wirkung; sie fühlte sich leicht und übermütig und völlig frei.

Und frei war sie ja, dank Jack Kincaid. Sie war ungebunden, frei und verdammt glücklich. „Noch ein Toast!“, kündigte sie an und hob ihr leeres Glas.

Wieder lachte Campbell, machte einem Diener ein Zeichen und sagte mit gesenkter Stimme etwas zu ihm. „So“, erklärte er, nachdem der Diener genickt und sich entfernt hatte. „Ich glaube, ich habe Ihr Problem gelöst.“

„Ich habe kein Problem.“ Fiona warf mehr Chips auf den Tisch, ohne sich darum zu kümmern, wo sie landeten.

Campbell nahm ihre Hand und zog sie an seine Lippen. „Ich streite mich niemals mit schönen Frauen.“

An ihm vorbei schaute Fiona zu Jack hinüber. Sein Gesicht sah aus wie eine Gewitterwolke. Gut! Es wurde Zeit, dass außer ihr noch jemand ein bisschen Regen machte. Sie wandte sich erneut Campbell zu und lächelte ihn lieblich an. „Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen, aber denken Sie bitte nicht, dass Sie sich deshalb mir gegenüber irgendwelche Freiheiten herausnehmen können. “

Er drehte ihre Hand um und zog den Handschuh von ihrem Handgelenk, dann platzierte er einen Kuss auf ihrem Puls. „Das würde ich nicht im Traum tun, meine Liebe. Wenn Sie wollen, dass ich aufhöre, müssen Sie nur ein Wort sagen.“

Der Diener kam mit einem einzigen Glas auf seinem Tablett zurück. Campbell reichte es Fiona, die vorsichtig daran schnupperte.

Das Glas war warm; der Duft von Nelken und Zimt und einem Dutzend weiterer köstlicher Gewürze stieg mit dem Dampf von dem Glas auf.

Fiona nippte daran und lächelte, als der Geschmack ihrer Zunge schmeichelte. „Das ist köstlich!“

Campbell erwiderte ihr Lächeln. „Trinken Sie es aus. Und dann tanzen wir. “

Sie tat, wie er ihr geheißen hatte, und setzte anschließend das Glas mit einem Klirren ab. „Ich bin fertig.“ „Gut. Ich verspreche Ihnen, Sie viel zu dicht an mich zu pressen und es so aussehen zu lassen, als würde ich Ihnen süße Unverschämtheiten ins Ohr flüstern.“

„Flüstern Sie nur nicht wirklich welche, denn dann würde ich lachen, und das wäre der Sache nicht dienlich.“ Sie kicherte, obwohl sie gar keinen Grund dazu hatte. „Was war in dem Glas?“

„Ein wenig hiervon und ein wenig davon.“ Seine Augen verdunkelten sich. „Mochten Sie es?“

„Oh ja! Viiiel zu sehr.“ Sie schob ihre Chips Lord Penult-Mead hin. „Ich denke, ich habe genug für heute.“ Dann wandte sie sich wieder Campbell zu und versuchte aufzustehen, fiel aber sofort zurück auf ihren Stuhl.

Geschickt griff er nach ihrem Ellbogen und zog sie fest an seine Brust. „Vorsichtig, meine Liebe! Sie wollen doch nicht fallen.“

Fiona bemerkte, dass ihre Brust an seiner lag und seine Hände sie sehr vertraulich berührten. Energisch stieß sie sich von ihm ab und strich ihr Kleid glatt. Sie bemerkte, dass sie zwar von vielen der Anwesenden beobachtet wurde, aber niemand schockiert zu sein schien. Hier wurde jede Art von Benehmen akzeptiert und erwartet.

Das würde natürlich die Gäste nicht davon abhalten, über das zu tratschen, was sie sahen.

Fiona stützte sich auf die Lehne eines in der Nähe stehenden Stuhls und zwang sich, Campbell anzulächeln. „Wollen wir tanzen?“

„Sicher.“

„Gut. Versuchen Sie zu vermeiden, auf meine neuen Schuhe zu treten.“

Mit dieser unromantischen Bemerkung ließ sich Fiona von Campbell zum Ballsaal führen.

Sie kamen niemals dort an.

In einem Moment verließen sie den Kartenraum, im nächsten stand Jack mit wütendem Gesicht vor ihnen.

„Ah“, machte Campbell sanft. „Ich fragte mich schon, wie lange Sie brauchen würden, um Ihre Frau zurückzufordern. “

„Sie fährt jetzt nach Hause“, erklärte Jack mit lauter, deutlicher Stimme.

Fiona schnaubte höchst unelegant. „Sie hat nichts dergleichen vor. “

Jacks Blick brannte sich in ihren. „Du weißt nicht mehr, was du tust. Du hast zu viel getrunken.“

„Unsinn! Ich hatte nur zwei Glas Champagner.“ Sie hielt drei Finger hoch. „Und ein Glas ... was war das?“

„Rumpunsch“, half Campbell wortkarg aus.

Jacks Miene wurde noch finsterer. Er griff nach ihrem Arm und zog sie vorwärts.

Als sie gegen seine Brust stolperte, fing er sie unsanft auf.

„Nein.“ Sie stieß sich von ihm ab. „Ich werde jetzt mit Campbell tanzen, und er wird mir Sachen ins Ohr flüstern und nicht auf meine neuen Schuhe treten.“

„Den Teufel wird er tun.“ Jack holte aus und rammte Campbell seine Faust ins Gesicht. Daraufhin fiel Campbell zu Boden wie ein nasser Sack.

„Jack!“ Lady Featherington eilte herbei. „Was tust du ...“

Ohne sie zu beachten, bückte sich Jack, warf sich Fiona über die Schulter und wandte sich der Tür zu.

„Jack!“ Nachdem aus Fionas Haar sämtliche Nadeln gefallen waren, breitete es sich wie ein Vorhang vor ihrem Gesicht aus. „Du hast einen furchtbaren Effekt auf die Frisur einer Frau, Kincaid! Ich hoffe, du weißt das!“

Jack marschierte aus der Haustür in den Regen hinaus und weiter zur Kutsche, ohne auf die Gesichter zu achten, die ihnen aus den Fenstern nachstarrten.