2. KAPITEL
Vor langer, langer Zeit, noch bevor es England gab, ja sogar lange bevor Schottland existierte, lebten in diesem Tal sieben Clans. Die Zeiten waren friedlich, und alle trachteten danach, miteinander auszukommen. Alle, bis auf die MacLeans. Ach, dieser Clan bestand aus stolzen Menschen mit einem feurigen Wesen. Sogar schon damals, bevor Könige die Welt unter sich aufteilten und Länder schufen ...
So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.
Jack erwachte ganz langsam, driftete ins Bewusstsein, als würde er auf einem dicken Federkissen dahingleiten. Vorsichtig wandte er den Kopf und runzelte gleich darauf verwundert die Stirn. Er lag tatsächlich auf einem Federkissen und war mit weißem Leinen zugedeckt, welches nach Seife und Lavendel duftete. Behutsam schob er seine Hände seitwärts und stellte fest, dass er auf einer Matratze ruhte, die ebenso federweich und bequem war wie das Kissen.
Dies war nicht der Tod. Dies war ein wuchtiges Federbett.
Mühsam öffnete er seine Augen einen Spaltbreit und blinzelte in das schmerzhaft helle Licht. Selbst von dieser kleinen Anstrengung pochte sein Kopf. Was war geschehen, um Himmels willen?
Er erinnerte sich, wie er durch die Wälder geritten war. Dann hatte er ein Geräusch im Unterholz gehört, anschließend hatte der Donner über ihm gegrollt, und schließlich war der eiskalte Regen auf ihn heruntergestürzt ...
Regen. Und der Duft von Lilien. Fiona.
Gütiger Himmel, das war unmöglich. Und doch ... Regen und Lilien? Es musste so sein.
Wieder legte Jack die Stirn in Falten, während er sich abmühte, einen Zipfel seiner Erinnerung zu erwischen und festzuhalten. Da war ein vages Bild von Fiona und ihrem riesigen Diener Hamish, der sich im Regen über ihn gebeugt hatte.
Und es gab noch mehr Bilder. Fiona und Hamish und ... Pater MacCanney? War er wirklich in einer Kirche gewesen? Plötzlich hatte Jack eine lebhafte Erinnerung an den Geschmack von Whisky, goldgelb und scharf, und an das dunkle Grün von Fionas Augen. Augen, von denen er sich all die Jahre eingeredet hatte, es sei ihm gelungen, sie zu vergessen.
Offenbar war dem nicht so.
Er rollte sich auf die Seite, richtete sich auf und zuckte zusammen, als ihm das grelle Sonnenlicht in die Augen fiel, welches durch einen Spalt im nicht ganz zugezogenen Vorhang ins Zimmer drang. Was für ein seltsamer, verstörender Traum! Vielleicht würde dieser Traum ihn lehren, in Zukunft nicht mehr Whisky zu trinken, als Gott es für einen einzelnen Mann an einem einzigen Abend vorgesehen hatte.
Jack schwang seine Beine über die Bettkante und stellte seine bestrumpften Füße auf den kalten Boden. Verdammt, es hatte den Anschein, als hätten sie dieses Gasthaus auf einem Schiff untergebracht, so sehr schaukelte alles um ihn herum. Mit beiden Händen umklammerte er fest den Bettpfosten und richtete sich langsam auf.
Wo zum Teufel war er? Das Schlafgemach war höchst komfortabel nach der Mode von vor zwanzig Jahren ausgestattet, die Möbel waren gepflegt, aber alt. Es gab einen großen Kleiderschrank aus Eichenholz, einen Tisch mit einer Marmorplatte, auf der eine Schüssel und ein Krug neben einem ordentlich gefalteten Handtuch standen, direkt daneben hatte ein stabiler, jedoch abgewetzter Polstersessel seinen Platz. Der Geruch von Zitrone und Wachs, mit denen Fußboden und Gebälk gescheuert und poliert worden waren, kribbelte ihn in der Nase.
Er hatte noch nie ein Gasthaus gesehen, das so gepflegt und sauber war. Aber wo war er dann, wenn nicht in einem Gasthaus? Er lehnte sich gegen den Bettpfosten. Seine Stirn ruhte auf den dicken, abgeschabten Vorhängen aus verblichenem blauem Samt, und als sein Blick in Richtung seiner Knie ging, stellte er fest, dass die Hosen, die er trug, nicht seine eigenen waren. Er betrachtete das Hemd, welches ebenfalls nicht ihm gehörte. Niemals hatte er ein Hemd mit einem so albernen Spitzenbesatz auf den Ärmeln besessen. Der einzige vertraute Anblick im ganzen Zimmer waren seine Stiefel, die sauber und glänzend in der Ecke standen. Aber wie war er in diese Situation geraten? Wieso war er hier und trug die Kleidung eines Fremden?
Er hörte ein Rascheln draußen vor der Zimmertür, dann drehte sich der Türknauf aus Messing, und die Tür wurde aufgestoßen. Im hellen Licht, das aus dem Flur ins Zimmer fiel, erkannte er die Umrisse einer Frau. Zierlich und doch mit weiblichen Kurven versehen, bot sie einen reizvollen Anblick.
Jack erkannte sie auf den ersten Blick. Erkannte sie am Lilienduft, der von einer Sekunde auf die andere den Raum erfüllte. Erkannte sie an der sanften Rundung ihrer Wange, auf die von der Seite das Licht fiel. Erkannte sie an der anmutigen Art, mit der sie den Türgriff hielt. Erkannte sie daran, wie ihr Anblick seine Lenden zum Zittern brachte.
Es war also doch kein Traum gewesen. „Fiona MacLean.“ Als es ihm endlich gelang, ihren Namen hervorzustoßen, war seine Stimme rau und tief. „Was hat das alles zu bedeuten?“
Sie schloss die Tür und kam auf ihn zu. Einer der Sonnenstrahlen, die durchs Fenster fielen, tanzte in ihren Haaren.
Sein ganzes Gesicht verkrampfte sich. Seit er sie zuletzt gesehen hatte, waren fünfzehn Jahre vergangen. Ihre Augen im geheimnisvollen Schatten der langen Wimpern waren noch grüner, als er sie in Erinnerung hatte. Das Sonnenlicht malte goldene Strähnen in ihr dichtes, kastanienbraunes Haar und brachte ihr fein geschnittenes Gesicht zum Leuchten. Er hatte sich eingeredet, er hätte sie vergessen, doch dieser Moment bewies ihm, dass er sich an jede Kleinigkeit erinnerte.
Ihre vollen Lippen, die so sanft geschwungen waren, ihr kurzes Näschen, das mit goldenen Sommersprossen bestäubt war. Sie war üppiger als damals - aus dem Mädchen, das er gekannt hatte, war eine Frau geworden. Obwohl sie äußerst schicklich mit einem schlichten, taubenblauen Vormittagskleid samt hochgeschlossenem Überkleid bekleidet war, konnte er sehen, dass ihre Brüste und ihre Hüften von verschwenderischer Fülle waren.
In London war Jack Frauen wie ihr aus dem Wege gegangen. Prüde, hochanständige Jungfrauen, an die ein Mann wie er kaum das Wort zu richten wagte, aus Angst, sich unversehens in den Fesseln der Ehe wiederzufinden. Die Gesellschaft derart gefährlicher Frauen zu meiden hatte er von einer der ihren gelernt, nämlich von genau der, die in diesem Moment vor ihm stand.
Als Fiona nervös ihre Lippen befeuchtete, reagierten seine Lenden erneut prompt. „Es tut mir leid, was geschehen ist, Kincaid. “
Ihre leise, heisere Stimme jagte einen Feuerstoß durch sein Blut. „Wo zur Hölle bin ich?“
„In der Jagdhütte meines Bruders. Ich habe nicht gewagt, dich nach Castle MacLean zu schaffen. Wir leben in gefährlichen Zeiten. “
Verdammt, er hatte das Gefühl, sein Kopf wollte im nächsten Moment platzen, und sie hatte nichts Besseres zu tun, als in Rätseln zu sprechen! Er machte einen Schritt vorwärts, sofort schwankte das Zimmer vor seinen Augen von einer Seite zur anderen, und sein Magen machte jede dieser heftigen Bewegungen mit. Mit zusammengepressten Lippen griff er erneut Halt suchend nach dem Bettpfosten.
Der Blick ihrer grünen Augen glitt von ihm zur Tür und wieder zurück. Sie hatte schon immer äußerst faszinierende Augen gehabt, riesig groß, von langen Wimpern beschattet und etwas schräg stehend. Die Brauen darüber sahen aus wie Rabenschwingen. Der Kontrast war berückend und verwirrend zugleich: die wie flüchtige Kohlestriche kühn geschwungenen Brauen über den verrucht dreinblickenden Augen mitten im Antlitz eines Engels.
Natürlich wusste er es besser, als sich von diesem Anblick mitreißen zu lassen. „Warum bin ich hier, Fiona?“ Der Schatten einer Unsicherheit huschte über ihr Gesicht. „Du ... du erinnerst dich nicht?“
„Woran sollte ich mich erinnern? Ich war auf dem Pferd unterwegs nach Hause und ...“ Schmerzliche Erinnerungsfetzen ließen ihn zusammenzucken. Er hatte Lucindas Haus verlassen, weil ihr Ehemann zurückgekehrt war. Der Ritt durch den Wald. Der plötzliche Regen. Der Lilienduft. Dunkelheit, dann die Kirche und Pater MacCanney, der ihm gesagt hatte ... Er klammerte sich fester an den Bettpfosten „Wir sind verheiratet?“
Sie wurde blass, widersprach aber nicht.
Zum Teufel, das alles war gar kein Traum gewesen! Der Boden und die Wände des Zimmers bewegten sich erneut heftig, und er schwankte unsicher hin und her.
Fiona streckte den Arm aus, um ihn zu stützen, aber er wehrte sie ab, während er auf die Bettkante sank. „Fass mich nicht an, du Hexe.“
Das letzte Wort hing zwischen ihnen in der Luft. Mit funkelnden Augen stieß sie zwischen schmalen Lippen hervor: „Ich bin keine Hexe!“
„Das weiß ich besser“, knurrte er.
„Falls du vom Fluch der MacLeans sprichst, muss ich allerdings zugeben, dass ich zu einigen ...“, sie machte eine vage Geste, „... Aktivitäten fähig bin. “
„Du kannst es regnen lassen.“ Er schnaubte wutentbrannt. „Aber du bist unfähig, es wieder aufhören zu lassen.“
Ihre cremeweißen Wangen färbten sich rot.
Was für ein Schlamassel! Er war entführt und zur Heirat mit einer Frau gezwungen worden, die auf geheimnisvolle Art Wolken zusammenschieben und es regnen lassen konnte. Auf ihr lag derselbe Fluch wie auf ihrer ganzen Familie.
Sie machte eine geringschätzige Handbewegung. „Das hat nicht das Geringste mit dem Grund zu tun, aus dem du hier bist. Mit dem Grund, aus dem wir verheiratet sind.“
Verheiratet. Es gelang ihm nicht, diesen Gedanken in seinem schmerzenden Kopf festzuhalten. „Diese Hochzeit kann nicht rechtmäßig sein.“
„Doch, das ist sie. Ich ... Ich habe mich vergewissert, dass unsere Ehe gültig ist.“ Sie hob beschwichtigend die Hand, offenbar sah sie ihm an, wie wütend er war. „Bitte, Jack. Ich habe nur getan, was ich tun musste. Mir blieb keine andere Wahl.“
Jede Faser seines Körpers pulsierte vor Wut, als er aufstand und einen Schritt auf sie zu machte. „Du hattest keine Wahl? Du warst nicht diejenige, die zum Altar geschleift wurde, während sie bewusstlos war!“ Sie hatte ihm seine Freiheit gestohlen. Ausgerechnet sie!
Sie wich zurück, bis sie mit dem Rücken an der Wand stand. „Es tut mir wirklich sehr leid, Jack. Ich habe nur getan, was ich tun musste.“
„Du musstest? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, was so furchtbar ist, dass es einen Menschen zu einer solchen Hinterlist veranlassen könnte.“ Er starrte sie an, fragend und voller Zorn.
„Ich musste dafür sorgen, dass die Fehde aufhört. Unser beider Familien sind in Gefahr.“ Furchtlos erwiderte sie seinen Blick.
„Bist du verrückt geworden? Der Streit zwischen unseren Familien ist so alt wie die Berge und das Meer. “
„Es hat sich etwas geändert.“ In ihren Augen war plötzlich tiefer Schmerz zu sehen. „Du weißt doch sicher von Callum?“
Er zögerte. „Du meinst deinen Bruder?“
„Ja. Er war mein jüngster Bruder.“ Als sie das letzte Wort aussprach, erstarb ihre Stimme, und ihre Unterlippe begann heftig zu zittern.
Jack sah sie fragend an. „Er war dein Bruder? Was ist geschehen, Fiona?“
„Es passierte vor einer Woche in einem Gasthaus. Dein Halbbruder Erie und Callum ... Du wusstest doch sicher Mit unsicherer Miene brach sie ab.
„Ich habe meine Familie zuletzt vor fünf Jahren getroffen, auf der Beerdigung meines Großvaters.“ Die anderen Familienmitglieder waren nicht sonderlich erfreut über seine Anwesenheit gewesen, erst recht nicht, nachdem sie erfahren hatten, dass Jack das gesamte Vermögen seines Großvaters geerbt hatte. „Seitdem habe ich weder Erie noch sonst jemanden von der Familie gesehen.“
„Erie und Callum trafen sich zufällig im Wirtshaus. Sie gerieten in Streit. Es kam zum Handgemenge, und Callum starb. “
Unfähig, den Blick von ihren Augen abzuwenden, die nun voller Tränen standen, runzelte er die Stirn. „Davon hatte ich keine Ahnung.“
„Deine Familie behauptet, es sei ein kleiner Zwist gewesen und Callums Tod ein Unfall. Aber meine Brüder glauben ihnen nicht.“
Die Schärfe ihres Tons machte ihm deutlich, dass nicht nur ihre Brüder von Erics Schuld überzeugt waren.
Jack war fast zehn Jahre vor seinen Halbbrüdern geboren. Als er fünfzehn war, hatte das schwierige Verhältnis zwischen seinem Stiefvater und ihm bereits seinen Tiefpunkt erreicht. Es hatte einen Faustkampf zwischen ihnen gegeben, nach dem sie beide blutüberströmt und voller blauer Flecken gewesen waren - und so wütend aufeinander, dass es ihnen unmöglich gewesen war, jemals wieder unter einem Dach zu leben.
So hatte Jack im zarten Alter von fünfzehn eine kleine Tasche gepackt, sie auf den Rücken seines Lieblingspferdes geschnallt und war nach England aufgebrochen. Zu Besuch nach Schottland kam er nur noch selten. Die Mitglieder seiner Familie waren Fremde für ihn geworden, und Jack hatte sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt, allein zu leben, ja, es war ihm am liebsten so.
„Ich habe nicht das Geringste mit der Geschichte zu tun“, erklärte er Fiona mit unbewegter Miene.
Sie wurde blass und presste die Lippen aufeinander. „Callum ist tot. Hast du das begriffen?“
„Du musst dich an Erie wenden“, erwiderte er barsch. „Nicht an mich.“
Sie griff nach seinem Arm, und er fühlte den Druck ihrer Finger durch sein Leinenhemd. „Jemand hat meinen Bruder getötet. “
Lange sah er sie an, bemerkte den scharfen Zug um ihren Mund und die Müdigkeit in ihren Augen. Sie war völlig erschöpft. Zugleich mit dieser Erkenntnis durchzuckte ihn ein leiser Hauch von ... Sorge? Oder war es Bedauern, das er fühlte?
Mit einer ruckartigen Bewegung befreite er seinen Arm aus ihrem Griff. „Du hast den falschen Kincaid erwischt.
Du hättest Erie oder Angus entführen sollen, jedenfalls nicht mich.“
Ihre Augen verdunkelten sich. „Wie kannst du das sagen? Du bist ein Kincaid. Und wir ... Du und ich ... “
Er hob die Hand und hinderte sie auf diese Weise am Weitersprechen. „Ich betrachte mich nicht als Teil dieser Familie, ebenso wenig wie sie in mir einen Verwandten sehen. Ich habe mich nie dazugehörig gefühlt. Warum sollte ich ausgerechnet jetzt damit anfangen?“ Nur allzu gut erinnerte er sich an den Tag, an dem er sein Zuhause verlassen hatte. Innerlich erstarrt vor Wut und Stolz, hatte er gehofft, einer von ihnen - seine Mutter oder sein Stiefvater oder wenigstens einer seiner kleinen Brüder - würde ihn bitten zu bleiben, ihn anflehen, nicht zu gehen. Stattdessen war ihre Erleichterung fast mit Händen greifbar gewesen. In den folgenden Monaten hatte es keinen Kontakt zwischen ihnen gegeben, und dadurch war ihm die Tatsache noch klarer geworden - er war ihnen egal, war ihnen immer egal gewesen.
Jack hatte für sich entschieden, dass sie ihm ebenfalls gleichgültig waren. Er verfügte über ein ausreichendes Einkommen, welches ihm der Bruder seiner Mutter zukommen ließ, und über eine angemessene Unterkunft in einem eleganten Wohnviertel Londons, die er gemietet hatte. Nur allzu leicht hatte er sich in einem Leben voller Müßiggang eingerichtet. Er spielte um Geld, nahm an allen erdenklichen Vergnügungen teil, umgarnte Frauen, trank bis zur Besinnungslosigkeit und lernte das einzige Gut zu schätzen, das ihm wirklich gehörte: seine Freiheit.
Mit neunzehn eilte ihm der Ruf eines abgebrühten Verführers und unverbesserlichen Spielers voraus. Außerdem war er bekannt für seine unglaublichen Glückssträhnen. Glück im Spiel, so schien es, hatten vor allem jene, die in Herzensangelegenheiten das Pech verfolgte. So ging es ihm, bis er im Alter von 22 Jahren, während eines seiner gelegentlichen Jagdausflüge nach Schottland, ins Land seiner Väter, Fiona MacLean über den Weg lief. Er würde sich auf keinen Fall wieder mit ihr einlassen! „Zieh mich nicht in diese Sache hinein, MacLean. Such dir einen anderen für deinen verrückten Plan.“
Sie schob ihr Kinn vor und funkelte ihn entschlossen an. „Es ist zu spät, Jack.“
„Ich weigere mich, das zu glauben.“
„Hältst du mich für einen Dummkopf?“, fragte sie mit hochgezogenen Brauen. „Glaubst du, ich nehme all die Mühe auf mich, um etwas zu erreichen, das mit Leichtigkeit rückgängig gemacht werden kann? Unsere Ehe hat Bestand, Kincaid. Bestand für immer.“
Jack starrte sie an und fühlte, wie sich in seinem Magen ein großer, schwerer Klumpen bildete. Hatte sie recht? Gab es tatsächlich keinen Weg, diese Verbindung zu lösen?
Verdammt, wie hatte das passieren können? Und warum ausgerechnet mit der einzigen Frau, der er schon vor vielen Jahren nicht hatte widerstehen können?
Nur ein einziges Mal in seinem Leben hatte er jemandem gestattet, ihn tief in seinem Herzen zu berühren. Er hatte mit vollem Einsatz gespielt - und verloren. Von der ersten Begegnung an war er verrückt nach Fiona gewesen. Innerhalb einer Woche hatte er gewusst, dass sie die Richtige war, und mit dem ganzen Überschwang der Jugend hatte er sie gebeten, mit ihm durchzubrennen.
Zögernd hatte sie zugestimmt. Er hatte alle nötigen Vorbereitungen getroffen, eine sechsspännige Kutsche gekauft und am vereinbarten Treffpunkt auf sie gewartet. Die Nacht war vergangen, aber sie war nicht erschienen. An ihrer Stelle war, zusammen mit ihren beiden Brüdern, ein Gewitter gekommen, wie er noch nie zuvor eines erlebt hatte. Während es direkt über seinem Kopf donnerte und blitzte und ein Wolkenbruch auf ihn niederging, setzten Gregor und Alexander ihn brutal davon in Kenntnis, dass ihre Schwester es sich anders überlegt hatte.
Jack glaubte ihnen nicht, bis sie ihm den Brief gaben, den Fiona ihm geschrieben hatte.
Lieber Jack,
ich kann es nicht tun. Bitte geh und komm niemals wieder. Meine Gefühle für dich sind nicht so tief, wie sie sein sollten. Es tut mir leid, wenn du etwas anderes geglaubt hast.
Viele Grüße Fiona.
Bei der Erinnerung an jenen Tag schnürte es ihm die Kehle zu. In jener Nacht war ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Kutsche zu wenden und davonzufahren, gedemütigt und wütend.
Verdammt noch mal, er hätte es besser wissen sollen, als auf etwas so Unbeständiges wie Gefühle zu setzen, und doch war er nicht in der Lage gewesen, ihr zu widerstehen.
Diesen Fehler hatte er nie wieder gemacht. Gefühle mussten in kleinen Schlucken genossen werden, wie Champagner, bevor er schal wurde.
„Ich weigere mich zu glauben, dass diese Eheschließung gültig ist.“
Sie presste die Lippen zusammen, ihre Augen wurden schmal. „Es ist aber so, ich habe mich vergewissert. Und mit dir als Familienmitglied werden meine Brüder aufhören, nach Blutrache zu rufen.“
„Ich kenne deine Brüder. Es braucht mehr als eine simple Hochzeit, um ihnen Einhalt zu gebieten.“
Sie senkte den Blick. „Vielleicht.“
Jack spannte seinen Körper an und kniff die Augen zusammen. „Vielleicht?“
Achselzuckend wollte sie sich abwenden.
Er griff nach ihrem Arm und zwang sie, sich wieder umzudrehen. „Was meinst du damit? Erklär es mir!“
„Nicht, solange du mich festhältst! Ich lasse mich von dir zu nichts zwingen. Außerdem tust du mir weh. “ In ihren dunkelgrünen Augen funkelten zornige Blitze.
„Du verdammte Hexe“, fluchte er. Mit zwei Schritten vorwärts gelang es ihm, sie zwischen seinem Körper und der Wand gefangen zu nehmen. Durch den Stoff ihres Kleides fühlte er die Wärme ihrer Haut. Aus irgendeinem Grund machte ihn das noch wütender. „Was immer du getan hast, du wirst es rückgängig machen. Ich will nicht verheiratet sein. Nicht jetzt und überhaupt niemals!“ Er senkte den Kopf, bis seine Augen auf der gleichen Höhe waren wie ihre. „Ich werde meine Freiheit nicht auf geben. Und Callum oder meine Brüder oder wer auch immer aus deiner oder meiner Familie interessieren mich einen feuchten Kehricht. “
Es folgte ein Augenblick entsetzen Schweigens. Fiona gab vor, tapfer zu sein, doch an der Art, wie ihre Lippen zitterten und ihre Brust sich mit ihren hastigen Atemzügen hob und senkte, konnte er erkennen, dass sie Angst hatte.
„Ich denke nicht daran, irgendetwas rückgängig zu machen“, hauchte sie mit rauer Stimme. „Wir sind verheiratet und werden es auch bleiben. Es tut mir leid, aber daran kann ich nichts ändern.“
Plötzlich hatte er das Gefühl, er sei unter die Wasseroberfläche geraten, könne nicht wieder nach oben und bekäme keine Luft. Hart krallte er seine Finger in ihre Schultern.
Sie wandte den Blick nicht ab, obwohl ihre Lippen weiß wurden. „Lass mich los, Kincaid.“
„Nein.“
Sie wehrte sich, trat rückwärts gegen die Wand. „Lass mich jetzt endlich los!“
„Nein. Nicht bevor du ...“
Die Tür wurde auf gerissen, und Hamish betrat das Zimmer. Mit seinen roten Haaren und den blutunterlaufenen Augen sah er wie ein Racheengel aus.
„Zur Hölle“, murmelte Jack. Er ließ Fiona los und drehte sich um, sodass er zwischen ihr und ihrem Diener stand. „Hamish! Was für eine nette Überraschung!“ Hamishs rote Brauen zogen sich zusammen, während sein Blick von Jack zu Fiona und wieder zurück wanderte. „Was is’ hier los?“
„Nichts, das dich etwas anginge“, erwiderte Jack.
„Es is’ meine Aufgabe, meine Herrin zu bewachen. Wenn Sie noch mal die Hand gegen sie erheben, werd ich Ihr klägliches Lebenslicht auspusten“, brummte der Diener und starrte Jack drohend an.
„Hattest du irgendetwas mit der verdammten Hochzeit zu tun?“ Jack betastete seinen Kopf und zuckte zusammen, als seine Finger eine schmerzhafte Beule berührten. „Ich habe das Gefühl, du hast ihr weit mehr geholfen, als nötig gewesen wäre.“
„Ich wünschte, ich hätt’ Ihnen die Beule verpasst, aber ich war’s nicht. Sie sind vom Pferd gefallen und mit dem Kopf auf den Boden geknallt.“ Hamish spreizte seine Hand, die die Größe eines gewaltigen Steins hatte. „Wär ich das gewesen, wär’n Sie jetzt nicht so munter.“ „Hamish.“ Fiona ging um Jack herum. „Es ist nicht nötig, dass du dich hier einmischst.“
„Ich hab’ Sie rufen hör’n.“
„Ich bin nur gestolpert und gegen die Wand gefallen“, behauptete Fiona in ruhigem Ton.
„Blödsinn“, widersprach Jack grob. „Ich habe dich gestoßen.“
Hamish ballte seine riesigen Hände zu Fäusten und kam auf Jack zu, doch der war schneller und trat mit voller Kraft gegen den gepolsterten Stuhl. Daraufhin flog das Möbelstück dem hünenhaften Schotten direkt vor die Füße und versperrte ihm den Weg.
Hamish griff nach dem Stuhl und warf ihn zur Seite, sodass er gegen die Wand krachte und in ein Dutzend Teile zerbrach.
Jack hob seine Fäuste, doch bevor er damit zuschlagen konnte, drängte Fiona ihn zurück, bis er die Bettkante in seinen Kniekehlen spürte und im nächsten Moment rückwärts auf die Matratze fiel. In der Ferne rollte der Donner.
„Es reicht! “ Fionas Augen funkelten vor Wut. „Lass uns allein, Hamish. Kincaid und ich haben etwas zu besprechen.“
„Ich lass Sie nich’ mit einem wie Black Jack Kincaid allein!“, verkündete Hamish bockig.
„Wenn ich dich brauche, rufe ich dich“, erklärte Fiona mit fester Stimme.
Der Schotte sah nicht überzeugt aus. „Ich werd nich’ „Hamish“, sagte sie ruhig. „Geh jetzt.“
Jack zog die Augenbrauen hoch, verwirrt von seiner eigenen Irritation angesichts der Entschlossenheit, die in ihrer Zurechtweisung lag.
Hamish musste den Nachdruck in ihren Worten ebenfalls wahrgenommen haben, denn er wurde flammend rot und wandte sich der Tür zu. „Ich warte draußen im Gang.“ Er hielt inne und suchte Jacks Blick. „Ich kann im Nu wieder hier sein.“
Fiona nickte. „Das wird nicht nötig sein.“
Der Schotte grunzte ungläubig, verließ jedoch gehorsam das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Fiona hatte sich in all den Jahren verändert. Sie hatte jetzt etwas Stählernes an sich, eine Entschiedenheit, die er früher bei ihr nicht gekannt hatte. Aus irgendeinem Grund machte ihn das nervöser, als der Gedanke an eine weitere Auseinandersetzung mit Hamish dies vermocht hatte.
Trotz alledem war Fiona verantwortlich für dieses Durcheinander. Jack hatte es nicht verdient, für die Sünden seiner Familie bestraft zu werden, die sich ihm gegenüber niemals liebevoll verhalten hatte. Zur Hölle, er hatte nichts von all dem hier verdient. Mit schmalen Lippen wandte er sich an seine Feindin. „Ich werde diese Heirat niemals akzeptieren, Fiona.“
Fiona kämpfte um ihre mühsam aufrechterhaltene Kontrolle. Sie hatte gewusst, dass Jack wütend werden würde, aber sie war nicht auf den Zorn vorbereitet, der in seinen Augen loderte. An den Stellen, wo er sie gepackt hatte, schmerzten ihre Schultern noch immer, und sie schauderte angesichts seines eisigen Gesichtsausdrucks. „Jack, ich bitte dich. Du musst es akzeptieren.“ „Warum?“, begehrte er in kaltem Ton zu wissen. Zögernd legte sie sich die Hand auf den Bauch. „Weil ich allen gesagt habe, dass ich ein Kind von dir erwarte.“ Er wich vor ihr zurück. „Du hast was getan?“
„Ich habe deiner und meiner Familie schriftlich mitgeteilt, dass ich guter Hoffnung bin und dass wir aus diesem Grund heiraten. “
Er blinzelte verwirrt, unfähig, ein Wort herauszubringen.
„Nur deshalb war Pater MacCanney bereit, uns zu trauen. Er dachte, ich trage dein Kind unter dem Herzen.“ „Du verdammtes Miststück! “, stieß er nun doch hervor. Fiona zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Wahrscheinlich hatte sie diese Beschimpfung verdient. „Ich hätte dich da nicht hineingezogen, Kincaid, wenn ich eine andere Wahl gehabt hätte. Die Fehde ...“
„Diese Fehde ist nur ein alberner Streit um Grundstücksgrenzen und Viehbestände“, erklärte er so ruhig, wie er es unter den gegebenen Umständen konnte.
„Nein. Das hat sich geändert. Callum ist tot. Wenn nicht sehr schnell etwas geschieht, wird keiner von uns bis an sein Lebensende auch nur einen Moment Ruhe haben. Wir werden viel zu beschäftigt sein, Gräber zu pflegen, um etwas anderes zu tun und uns an irgendetwas zu erfreuen. “
Jacks Miene verdunkelte sich. Er drehte sich auf dem Absatz um, machte einen Schritt in Richtung Wand, dann zögerte er. Schließlich wandte er sich wieder um und fixierte sie mit einem eisblauen Blick. „Du glaubst wirklich, deine Brüder könnten etwas Unbedachtes tun?“
Sie sah die Gesichter ihrer Brüder vor sich, wie sie sie zuletzt gesehen hatte. Es waren Gesichter voller Hass und Wut gewesen. „Ja“, flüsterte sie kaum hörbar. „Sie werden Rachepläne schmieden. Und es wird ihnen gelingen, sie durchzuführen. Darauf wird dann wiederum deine Familie mit blutiger Rache reagieren. Wenn nicht dein Vater, dann ein Cousin oder irgendein Verbündeter. Du weißt, wie so etwas abläuft.“
Jack nickte ruckartig. „Ja. Ich weiß.“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und zuckte zusammen, als er dabei eine wunde Stelle über dem Ohr berührte. „Und das ist dann nur der Anfang.“ Er ging zum Fenster und sah hinaus. „Ist mein Vater über all das informiert? Weiß er, dass deine Brüder nach Rache rufen?“
„Ich habe ihm geschrieben und ihm alles mitgeteilt.“ Als er sich ihr wieder zuwandte, lag sein Gesicht im Schatten. „Du hast ihm geschrieben, dass du mich entführen wirst, um mich zur Heirat zu zwingen?“
Sie biss sich auf die Unterlippe. „Nein, den Teil habe ich nicht erwähnt.“
„Natürlich nicht! “
Als sie einen unterdrückten Seufzer ausstieß, spürte sie, dass ihre Knie ein wenig weich waren. Es war so eine lange Woche voller Traurigkeit und Angst gewesen. „Meinen Brüdern habe ich dasselbe erzählt, nämlich dass ich guter Hoffnung bin und du der Vater des Kindes bist.“
Jack lehnte sich mit der Schulter gegen den Bettpfosten und verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust. „Wer ist der wahre Vater, Fiona? Ich sollte es wissen, für den Fall, dass der Mistkerl ankommt und Vergeltung üben will, weil er meint, ich hätte ihm Frau und Kind stehlen wollen. “
„Es gibt kein Kind“, erklärte sie mit brennenden Wangen. „Ich meine, noch nicht. Ich war mit keinem Mann zusammen, seit du und ich ...“ Sie kaute auf ihrer Unterlippe. Verdammt, sie hatte nicht vorgehabt, ihm das zu erzählen.
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. „Ich glaube dir nicht.“
„Es spielt keine Rolle, was du glaubst. Wichtig ist nur, dass ...“ Mühsam setzte sie einen Fuß vor den anderen und überwand die wenigen Schritte, die sie von ihm getrennt hatten. „Du hattest recht mit dem, was du vorhin gesagt hast, Jack. Es wird die Fehde nicht beenden, dass wir nun verheiratet sind. Das allein reicht nicht.“
Finster richtete er den Blick seiner klaren, blauen Augen auf sie. „Und was wird sie dann beenden?“
Himmel, er zwang sie tatsächlich, es auszusprechen! „Um diese Fehde endgültig und für alle Zeiten zu beenden, müssen wir ein gemeinsames Kind haben. Und zwar so bald wie möglich.“