7. KAPITEL

Die weiße Hexe war es gewohnt, schöne Männer um sich zu haben, aber es waren ihr noch keine so schönen wie die MacLeans begegnet. Ach, diese MacLeans sind höchst ansehnliche Burschen und Mädchen.

So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.

Preston House lag am Rande von Mayfair. Errichtet aus weißen Ziegeln und geschmückt mit eleganten Messingleuchtern und kunstvollen Schnitzarbeiten, war es von derselben gewollt schlichten Vornehmheit wie die Dinnerpartys und die Abendgesellschaften, die Lord und Lady Preston gaben. Die noble Londoner Gesellschaft ging hier ein und aus, und es kam nicht selten vor, dass eine der Festlichkeiten bei den Prestons mit einem entspannten Frühstück der besonders ausdauernden Gäste endete.

An diesem Abend konnte Jack die hellen Lichter im Haus von seiner Kutsche aus kaum erkennen, denn auf das Dach seines Wagens prasselte unbarmherzig ein heftiger Regen, der ihm die Sicht nahm.

Der Kutscher öffnete die vordere Tür, und Jack sprang ins Freie, ohne auf das Erscheinen des Lakaien zu warten. Während er mit gesenktem Kopf die Treppe zur Haustür hinaufhastete, peitschte ihm der Regen entgegen. Er erreichte die Säulen am Eingang, über denen sich ein Dach spannte, welches ihn vor den Wassermassen schützte.

Im Stillen verfluchte er Fiona für diese Sintflut. Er wusste, dass sie schuld daran war; der leichte Liliengeruch, der sie als Urheberin des Unwetters verriet, steigerte seine Wut nur noch. Wie konnte sie es wagen, ihn von seinen Vergnügungen abbringen zu wollen? Nun war er umso entschlossener, seine Freiheit zu genießen, und je früher sie das begriff, desto besser für beide Seiten.

Immer noch vor sich hin schimpfend, entledigte sich Jack seines Mantels und schüttelte ihn aus.

Ein Lakai öffnete sofort die Tür. „Ah, Lord Kincaid! Herzlich willkommen zu ... “ Als der Mann den heftigen Regen bemerkte, blinzelte er und schien höchst überrascht.

Jack wandte sich um. Es regnete nicht einfach nur; das war ein Sturzbach, der da wie aus Kübeln vom Himmel fiel.

„Wann hat es angefangen zu regnen?“, erkundigte sich der Diener mit ausdrucksloser Stimme. Dann fasste er sich wieder und wurde rot. „Es tut mir leid, Mylord! Noch vor einem Augenblick war es klar und trocken, und deshalb fragte ich mich ... “ Er stockte mit halb offenem Mund.

Jack sah in dieselbe Richtung wie der Mann. Seine Kutsche fuhr die Einfahrt hinunter, und je weiter sich die Pferde entfernten, umso mehr ließ der Regen über dem Haus nach. Das Unwetter rührte von einer einzigen dicken schwarzen Wolke her, die direkt über dem Dach der Kutsche hing.

Der Diener kniff die Augen zusammen. „So etwas habe ich noch nie gesehen! stellte er ergriffen fest.

Als Jack hinauf in den plötzlich klaren Himmel blickte, sah er den friedlich scheinenden Mond, um den herum zahlreiche Sterne funkelten. Er knirschte mit den Zähnen, legte dem Lakaien seinen Mantel über den Arm und sagte leichthin: „Sommergewitter kommen manchmal verdammt unerwartet.“ Dann ging er an dem Mann vorbei in die hell erleuchtete Halle.

Wenn er Fiona das nächste Mal sah, würde er ...

Er runzelte die Stirn. Was konnte er tun? Sie war nicht in der Lage, das Wetter zu beherrschen, jedenfalls nicht vollständig. Er würde herausfinden müssen, wie genau der Familienfluch der MacLeans funktionierte. Und falls sie die Sache in irgendeiner Weise unter Kontrolle hatte, würde er einiges dazu zu sagen haben.

Ein weiterer Lakai begrüßte Jack im Foyer und fragte ihn höflich, ob er seinen gewohnten Bourbon wolle und ob er schon zu Abend gespeist habe. Dieses Thema gefiel Jack um einiges besser, und er antwortete dem Mann freundlich. Allerdings bemerkte er dabei mit einem leisen Unbehagen, dass er zwar so oft in diesem Haus gewesen war, dass die Dienerschaft ihn sofort erkannte, er selber aber keinen ihrer Namen wusste. Fiona hätte ihn zweifellos ob seiner Ignoranz gescholten.

Er blickte finster vor sich hin. Fionas Ansprüche waren völlig übertrieben und schlichtweg Unfug. Schlimmer noch, sie schmälerten sein Vergnügen. Gleichgültigkeit war bequem, und Bequemlichkeit bedeutete ihm viel. Sein Leben war viel glücklicher gewesen, als er nicht an Fiona gedacht hatte und daran, was sie tat oder nicht tat, was sie meinte und was sie für richtig und falsch hielt.

Aus dem großen Salon hörte er trotz der späten Stunde Gelächter und das Geräusch von Karten, die gemischt und auf den Tisch geworfen wurden. Jack begab sich hinein und wurde vom beruhigenden Geräusch aneinanderstoßender Gläser und dem süßen Duft von Zigarrenrauch begrüßt.

In der Tür stehend nahm er einen tiefen Atemzug und fing den Blick einer zierlichen blonden Schönheit auf, die sich am anderen Ende des Raumes aufhielt. Sofort kam sie quer durch den Salon auf ihn zu.

Vor zwölf Jahren war Lucinda Featherington die umschwärmteste Debütantin der Saison gewesen. Ihre zerbrechliche blonde Lieblichkeit hatte alle Männer, die sie sahen, ihre bescheidene Herkunft vergessen lassen, und innerhalb kürzester Zeit gab es in der Gesellschaft, deren aufsehenerregende Fixpunkte jahrelang zahlreiche dunkelhaarige Schönheiten gewesen waren, eine neue Moderichtung.

Im zarten Alter von achtzehn hatte Lucinda zunächst die Aufmerksamkeit und dann das Herz von Paul Featherington, einem der reichsten Männer Englands, gewonnen. Nachdem sie vier Jahre lang die Fesseln der Ehe getragen hatte, war sie entzückt gewesen, als ihr Gatte seine politischen Ambitionen entdeckte und zum Botschafter in einer abgelegenen indischen Provinz ernannt wurde. Mit der Begründung, die Hitze würde ihre Gesundheit ruinieren, hatte Lucinda abgelehnt, ihn zu begleiten. Sie versprach höchst überzeugend, sich untadelig zu benehmen und holte sogar eine alte, fast taube und nahezu blinde Cousine als Anstandsdame in ihr Haus. Daraufhin war Lord Featherington in dem sicheren Gefühl, dass seine Frau sich in den Grenzen der Schicklichkeit bewegen würde, in ferne Lande aufgebrochen und kam nur gelegentlich zu einem Besuch nach England.

Lucinda hatte schon immer eine Schwäche für schwerreiche Männer gehabt, weshalb Jack sich durch ihre Aufmerksamkeit durchaus geehrt fühlte. Er mochte zwar einigermaßen wohlhabend sein, aber es gab weitaus reichere Männer als ihn, die Interesse an der schönen Lady Featherington hatten. Es waren also offensichtlich andere Qualitäten, die ihn aus der Menge ihrer Bewunderer hervorhoben. Qualitäten, die er an diesem Abend bereits bei Fiona zum Einsatz gebracht hatte. Jack lächelte vor sich hin. Seine Fertigkeiten hatten seiner Braut den Atem geraubt, und als er gegangen war, war sie immer noch rosig vor Glück gewesen.

Dieser Gedanke erregte ihn augenblicklich. Nie zuvor hatte die Flamme der Leidenschaft so hell in ihm gebrannt. Trotz all seiner Erfahrungen hatte er niemals eine solche besinnungslose, unglaublich intensive Lust gespürt ...

Jack zwang sich, in die Gegenwart zurückzukehren. Er war ausgegangen, um sein Gleichgewicht wiederzufinden, nicht um sich auch hierher von den zwar höchst befriedigenden, aber auch ziemlich beunruhigenden Flammen, die zwischen Fiona und ihm loderten, verfolgen zu lassen.

„Da bist du ja, Jack!“ Lucinda schnurrte fast, als sie auf ihn zukam. Um sie herum flatterten blassblaue Seide und weiße Spitzen, und von ihrer cremefarbenen Haut stieg aufdringlicher Rosenduft auf.

Sie lächelte ihn an, hängte sich mit ihren Armen an einen von seinen und presste ihre Brüste an ihn. „Ich habe nicht erwartet, dich so rasch wiederzusehen.“

„Meine liebe Lucinda, es ist erst vier Tage her, seit ich in deinem Bett weilte. Du erinnerst dich sicher an die Nacht, in der dein Gemahl nach Hause kam und du mich aufgefordert hast, durchs Fenster zu verschwinden?“

Ihr Lächeln verlor für einen Moment sein Strahlen, während sie forschend sein Gesicht betrachtete, um herauszufinden, wie verärgert er wohl war. Als sie in seiner unbewegten Miene keinen Anhaltspunkt fand, stieß sie ein falsches Lachen aus und säuselte mit hoher Stimme: „Armer Featherington! Er war nur einen Tag hier, dann wurde er für ein Treffen mit Lord Burleson nach Dover beordert.“ Sie schenkte ihm ein verschmitztes Lächeln. „Hätte ich gewusst, dass er so rasch wieder fort sein würde, hätte ich dich gebeten, dich im Dorfgasthaus einzumieten, damit du gleich wieder hättest zurückkommen können. “

Jack blickte hinunter auf Lucindas appetitlich dargebotene Brüste und wartete auf das Aufflackern von Anziehung, eine langsam aufsteigende Hitze, die dieser Anblick sonst unweigerlich in ihm ausgelöst hatte. Doch nichts geschah.

Hätte Fiona neben ihm gestanden, die nur knapp mit dünner Seide bedeckten Brüste an ihn gepresst, hätte er sie hochgehoben, über seine Schulter geworfen und zurück zur Kutsche getragen, um die auflodernde Leidenschaft zu stillen. In dem Bemühen, seine abschweifenden Gedanken unter Kontrolle zu bringen, schüttelte er den Kopf.

„Jack?“ Lucindas Stimme klang unsicher. „Was ist los? Du ... du siehst mich so seltsam an. “

Er runzelte die Stirn. „Entschuldige. Ich habe gerade an etwas anderes gedacht.“

Ihre Miene versteinerte sich, in ihren Augen erschien ein unangenehmes Flackern. „Worüber denkst du nach? Oder sollte ich sagen, an wen denkst du?“

Der besitzergreifende Ton ihrer Stimme brachte ihn zu sich. Er sah sie einen Moment an, dann nahm er ihre Hand von seinem Arm und erklärte barsch: „Meine Gedanken gehören mir. Mit wem ich sie teile, entscheide ich.“

Für einen Moment blitzten ihre Augen gefährlich auf, und er dachte, sie würde es ihm mit gleicher Münze heimzahlen. Doch irgendetwas in seinem Gesicht brachte sie dazu, ihre Erwiderung herunterzuschlucken. Sie lachte spröde. „Es tut mir leid. Ich wollte nicht andeuten, dass du mir etwas schuldest.“

Er verneigte sich stumm.

Angesichts der wortlosen Zurechtweisung errötete sie und sah ihn mit ihren großen blauen Augen an, in ihrer sanften Stimme schwang nun ein bittender Unterton mit. „Ich habe nur versucht zu scherzen, Jack. Mir ist ein wenig unwohl. Das liegt an der Hitze und der späten Stunde.“ Während sie ihn von unten durch ihre Wimpern ansah, gelang ihr ein charmantes Lächeln. „Ich bin am Verhungern, und bis zum Frühstück sind es noch mindestens zwei Stunden.“

Sein Lächeln war zurückhaltend. „Du bist zu verwöhnt. “

„Vielleicht. “ Wieder presste sie sich an ihn und rieb ihre vollen Brüste am Ärmel seiner Jacke. „Die meisten Männer wünschen sich, dass ich ihre Abwesenheit bemerke.“

„Ich bin nicht wie die meisten Männer.“ Fiona wäre die Erste gewesen, die auf diese Tatsache hingewiesen hätte, wenn sie es auch nicht als Kompliment gemeint hätte.

Lucinda strich mit der Hand über Jacks Arm. „Vielleicht sollten wir gehen. Featherington wird erst in ein paar Tagen zurück sein. Wir könnten deine Kutsche nehmen und ..."

„Nein. Wir können meine Kutsche nicht nehmen“, korrigierte er sie schroff.

Angesichts seiner ungestümen Erwiderung blinzelte Lucinda verwirrt.

Jack biss die Zähne zusammen und versuchte, seine Ungehaltenheit, die zum größten Teil Fiona galt, zu verbergen. „Meine Kutsche ist nicht in Ordnung. Sie ... sie hat eine undichte Stelle. “

„Aber ... es regnet nicht.“ Lucinda riss erstaunt die Augen auf.

„Als ich kam, herrschte ein Unwetter“, erklärte er wahrheitsgemäß.

„Wie seltsam. Ich bin erst vor einer Stunde angekommen, und es war wunderschönes Wetter. “

Ja, aber das war gewesen, bevor er Fiona in Wut versetzt hatte. Plötzlich verspürte Jack das überwältigende Bedürfnis, sich von Lucindas nervtötender Gegenwart zu befreien. Es war ein Fehler gewesen, hierherzukommen. Es würde keine anderen Frauen für ihn geben, jedenfalls nicht, bevor die Angelegenheit zwischen Fiona und ihm geklärt war. Außerdem erschien ihm Lucinda mit einem Schlag deutlich weniger anziehend.

„Stimmt etwas nicht, Jack?“, erkundigte sie sich und schob leicht die Unterlippe vor, was ihn noch vor wenigen Tagen in Erregung versetzt hätte.

„Es ist alles in Ordnung. Ich bin einfach nicht in der Stimmung, mich zu unterhalten. “ Erneut befreite er sich aus ihrem Griff. „Ich denke, ich suche mir einen Tisch und spiele eine Runde Karten.“

Ihre Wangen wurden unkleidsam rot, ihre Lippen schmal. „Pass auf, was du tust, Jack. Ich könnte mich zurückgesetzt fühlen, und das mag ich gar nicht.“ Ihre Stimme zitterte vor Wut.

Nie zuvor hatte Jack diese Seite an ihr gesehen und, wenn er ehrlich war, mochte er sie nicht. „Unsere Beziehung ist weit davon entfernt, exklusiv zu sein, meine Liebe. Gehe ich recht in der Annahme, dass du unter anderem auch hier bist, um Lord Melkinridge zu besuchen?“ Demonstrativ betrachtete er den exquisiten Diamantschmuck, der Lucindas weißen Hals zierte.

Die Röte ihrer Wangen wurde noch leuchtender. Ihr gelang jedoch ein gelangweiltes Achselzucken. „Ich treffe ihn nur gelegentlich. Du weißt das.“

Jack zog noch weitaus gleichgültiger als Lucinda die Schultern hoch. „Ich gebe dir meinen Segen. Tu aber nicht so, als gäbe es zwischen uns ein Arrangement. So etwas existiert nämlich nicht. Wir sind lediglich gute Freunde, die einander auch im Bett Vergnügen bereiten, nicht mehr. “

Als sie Jacks kalte Stimme hörte, schnappte Lucinda nach Luft. Sie war zu der Abendgesellschaft gekommen, ohne mit seinem Erscheinen zu rechnen. Man konnte nie Voraussagen, wann und wo er auftauchen würde. Das war eines der vielen Dinge, die sie so faszinierend an ihm fand. Einer der Gründe, weswegen sie meinte, sie hätte sich in ihn verliebt.

Sie hatte alles, was sich eine Frau nur wünschen konnte: ihr eigenes Vermögen, die Verehrung zahlreicher Männer, einen liebevollen, jedoch abwesenden Ehemann, mehrere hübsche Häuser. Und doch fehlte ihr etwas. Bevor sie Jack Kincaid begegnet war, hatte sie nicht gewusst, was das war.

Heimlich musterte sie die männliche Linie seines Kinns, den tiefen Kastanienton seiner Haare, den vertrauten Bogen seiner Lippen. Ein Schauer überlief sie. Keiner ihrer zahlreichen Liebhaber hatte sie so sehr berührt und durcheinandergebracht wie Jack Kincaid. Er hatte etwas Seltsames, Besonderes an sich, ständig wirkte er unzugänglich, fast gleichgültig, und das reizte sie, sich mehr und mehr um ihn zu bemühen und sich Gedanken darüber zu machen, wie sie ihn ganz für sich gewinnen konnte.

Ihr ganzes Leben lang hatte Lucinda die ständige Aufmerksamkeit der Menschen, die sie umgaben, gefordert und bekommen. Jack hingegen war anders, und das machte ihr Verhältnis zu ihm erschreckend und aufregend. Und besonders merkwürdig war, dass sie seine Anziehung umso heftiger spürte, je mehr er sich zurückzog.

Jetzt gerade galt sein Interesse den Spieltischen. Sie spürte, wie Kälte sich in ihren Adern ausbreitete. Hatte sie ihn etwa für immer verloren, weil sie sich wegen der plötzlichen Ankunft ihres Ehegatten so ungeschickt benommen hatte? Jack hatte aufgebracht gewirkt, als sie ihn gebeten hatte, durchs Fenster zu verschwinden. Hatte sie seinen Stolz verletzt?

Sie atmete tief durch und sagte schließlich zögernd: „Vielleicht sollte ich Featherington von uns erzählen, Jack, dann könnten wir ...“

„Mach dich nicht lächerlich“, unterbrach er sie knapp. „Willst du ihm auch von Melkinridge und all den anderen erzählen?“

Sie errötete. „Nein, natürlich nicht. Ich denke nur, die Art, wie du verschwinden musstest, war scheußlich. Es tut mir weh, mich daran zu erinnern. “

Seine Augen verdunkelten sich, und ein unbekannter Ausdruck huschte über sein Gesicht. „Es war ein wenig schmerzlich.“ Ein geheimnisvolles Lächeln glitt über seine Lippen. „Aber nur zu Anfang.“

Was meinte er damit? Sie betrachtete ihn genauer. Etwas war anders an ihm. Nur was genau war es? „Jack, hast du ... “

„Ah, Kincaid“, wurde sie von einer tiefen Stimme unterbrochen. „Ich bin überrascht, dich hier zu treffen.“ Lucinda erstarrte, als ein großer, elegant gekleideter Mann mit schwarzen Haaren und blauen Augen ihre Hand nahm und einen Kuss darauf drückte. „Und die liebliche Lady Featherington. Wie schön, Sie zu sehen.“ Jack nickte und fragte sich verwundert, warum er jeden seiner Bekannten an diesem Abend so ermüdend fand. „Campbell.“

„Black Jack!“, fuhr der schwarzhaarige Mann in leicht spöttischem Ton fort. „Es ist eine Ewigkeit her, seit ich dich zuletzt hier angetroffen habe.“

Lucinda zog die Brauen hoch. „Ach ja, Black Jack. Ich frage mich, woher dieser Name kommt.“ Ihre kühle Stimme und ihr Blick deuteten darauf hin, dass sie annahm, sie wüsste bereits die Antwort auf diese Frage.

Campbell lächelte, während er seinen Blick keine Sekunde von Jack abwandte. „Der Name stammt noch aus seiner Kindheit. Seine eigene Mutter hat ihn so genannt, nachdem er seinen Stiefvater die Treppen des Stammsitzes der Kincaids hinuntergeworfen hatte.“

„Ich kann mich nicht erinnern“, behauptete Jack schroff.

Campbell zuckte die Achseln. „Das ist jedenfalls die Geschichte, an die ich mich erinnere. Und der Name ist all die Jahre an dir kleben geblieben, was für sich spricht.“ Vor langer Zeit war Alan Campbell ein Spielkamerad und Freund von Jack gewesen. Das hatte sich geändert, als Alan volljährig geworden war. Wegen seines Entschlusses, seiner Familie wieder zu ihrer früheren Bedeutung zu verhelfen, war Alan von diesem Zeitpunkt an keine besonders erfreuliche Gesellschaft mehr für Jack gewesen. Fortan verbrachte Alan nämlich seine Zeit damit, Grundstücke zu sammeln, so wie andere Männer eine Sammlung von Schnupftabakdosen anlegten, und dabei nahm er keine Rücksicht auf diejenigen, die ihm in die Quere kamen.

Campbell verbeugte sich in Jacks Richtung, aber sein Blick hing an Lucinda. Jack ignorierte diesen Blick; jeder der anwesenden Männer interessierte sich für Lucinda. Sie konnten sie haben; er hatte gerade entdeckt, dass er spontane Frauen bevorzugte.

„Sie sehen entzückend aus“, erklärte Campbell soeben Lucinda.

Sie entzog ihm ihre Hand und legte sie auf Jacks Ärmel. „Wie läuft es heute Abend, Campbell? Ich bin sicher, Sie haben eine Glückssträhne.“

Campbell verzog den Mund. „Wann hatten die Campbells jemals Glück? Obwohl“, er warf einen listigen Blick in Jacks Richtung, „unser Pech ist nichts im Vergleich zu dem der MacLeans. Du kennst die MacLeans, nicht wahr, Jack?“

„Ich kenne sie“, erwiderte Jack knapp.

„Das dachte ich mir.“ Campbell richtete seinen Blick jetzt auf Lucindas Hand, die immer noch auf Jacks Ärmel lag. „Ich habe völlig vergessen, dir zu gratulieren, Kincaid.“

„Ihm zu gratulieren?“ Lucinda sah von einem Mann zum anderen. „Zu was?“

„Zu seiner Hochzeit natürlich“, antwortete Campbell in selbstverständlichem Ton.

Lucindas Hand schloss sich fester um Jacks Arm, sodass er ihre Nägel durch seinen Ärmel spüren konnte.

Jack warf Campbell einen kalten Blick zu.

In Lucindas blauen Augen kämpften Unglaube und Erschütterung miteinander. „Du bist verheiratet?“, wandte sie sich an ihren Geliebten.

„Ja“, bestätigte Jack, der voller Erstaunen den kummervollen Ausdruck in ihrem Blick erkannte. Lieber Himmel, sie hat Gefühle für mich. Das hätte er niemals gedacht. „Es tut mir leid“, fügte er in sanftem Ton hinzu.

„Mir auch“, fauchte sie und ließ seinen Arm los.

„Ich hätte es dir früher sagen sollen, aber ... “ Er zuckte hilflos mit den Schultern.

„Wer ist sie?“, erkundigte Lucinda sich mit gepresster Stimme.

Aus irgendeinem Grund hatte Jack das Gefühl, dass Fionas Name an diesem Ort und vor diesen Menschen nicht genannt werden sollte. „Das spielt keine Rolle.“

„Was ist los, mein Freund? Bist du plötzlich schüchtern?“ Campbell lächelte Lucinda zu. „Ich kann Ihre Frage beantworten.“

Jack warf dem Mann einen wütenden Blick zu. Der Bastard hatte schon genug angerichtet. Verdammt! Er selbst hätte Lucinda in dem Moment, in dem er durch die Tür getreten war, von seiner Hochzeit erzählen sollen. Aber vielleicht war es so besser - nun war sie wütend auf ihn, und auf diese Weise endete die Affäre rasch, und ohne dass er noch etwas tun musste. Obwohl Campbell wahrscheinlich der Ansicht war, er würde Jack eins auswischen, hatte er ihm in Wahrheit einen Gefallen getan.

„Der Name der Dame ist Fiona MacLean“, verkündete Campbell triumphierend.

„Ich habe noch nie von ihr gehört“, wunderte sich Lucinda.

„Sie lebte bisher sehr zurückgezogen“, erklärte Campbell in leicht verächtlichem Ton.

Jack sah seinen Jugendfreund leidenschaftslos an. „Mir war nicht klar, dass inzwischen jeder über meine Heirat Bescheid weiß.“

„Ich bin heute Abend von meinen schottischen Ländereien zurückgekehrt. Und da mein Kammerdiener der Bruder des Zimmermädchens der MacLeans ist ...“ Campbell lächelte unschuldig. „Müßig zu sagen, dass in meinem Haus jeder von dir sprach. Ich hörte, die Brüder der Lady seien nicht gerade glücklich darüber, dass ihre Schwester mit dir durchgebrannt ist.“

Jack warf einen raschen Blick in Lucindas Richtung. Sie stand wie versteinert da, ihre Augen versprühten kalte Funken. Dennoch gelang es ihr, mit glaubwürdiger Gelassenheit zu sagen: „Du musst uns alles über die Hochzeit erzählen, Jack. Ich bin sicher, sie war sehr spektakulär.“

Zum Glück ahnte sie nicht, was für ein Spektakel seine Vermählung mit Fiona tatsächlich gewesen war. „Es war nicht sonderlich aufregend“, sagte er rasch.

Campbell gluckste unterdrückt. „Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, mein Freund! Ich habe gehört, es war sehr romantisch.“ Er beugte sich Lucinda entgegen und flüsterte: „Er hat die liebliche Fiona buchstäblich ihren Brüdern unter der Nase weg entführt - eine echte Heldentat.“ Sein Lächeln wirkte ein wenig verkrampft. „Man kann ihm natürlich keinen Vorwurf machen, wenn man bedenkt, wie verführerisch die Dame ist. Ich persönlich würde den einen oder anderen Drachen bekämpfen, um sie zu erringen.“

„Sie ist schön, nicht wahr?“, erkundigte sich Lucinda mit tonloser Stimme.

Misstrauisch musterte Jack den ehemaligen Freund. „Woher kennst du Fiona?“

Campbell zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen. „Vor langer Zeit betete ich sie an. Ihre Brüder machten mir das großzügige Angebot, meinen Kopf von meinen Schultern zu entfernen, falls ich es wagen sollte, auch nur mit ihr zu sprechen, ohne dass einer von ihnen anwesend war. Dabei war meine Strafe auch so hart genug. Es regnete zwei Wochen lang über meinem Haus, nachdem ich Fiona MacLean verlassen hatte.“

„Es regnete?“, vergewisserte sich Lucinda stirnrunzelnd. „Oh ja. Der ganze Clan der MacLeans ist verflucht. Sie können Unwetter verursachen, können es regnen und Blitze niedergehen lassen. Allerdings sind sie nicht in der Lage, das Wetter wirklich zu beherrschen. Es passiert einfach. Ich zog ihren Zorn auf mich, und deshalb regnete es.“ „Ich glaube nicht an derlei Dinge“, spottete Lucinda. Campbell betrachtete Jack mit einem Grinsen. „Da ich gerade von Regengüssen und Unwettern sprach - du sieht ein wenig feucht aus, mein Freund.“

Mit vorgeschobenem Unterkiefer hielt Jack problemlos Campbells prüfendem Blick stand. „Ich habe ein Bad genommen, bevor ich hierherkam. “

Campbell schürzte die Lippen. „Ich bin sicher, man könnte ein Vermögen machen, wenn man wüsste, wie man den Fluch der MacLeans unter Kontrolle bringt.“

„Dann wäre es kein Fluch, und die Kraft, die dahintersteckt, würde nicht mehr existieren“, stellte Jack fest.

„Glaubst du das?“ Mit zusammengekniffenen Augen sah Campbell den ehemaligen Freund an. „Fest steht, dass sie alle ihre Tat vollbringen müssen.“

„Welche Tat?“, fragte Lucinda neugierig.

„Um den Fluch zu brechen, müssen alle Familienmitglieder einer Generation eine wirklich gute Tat begehen“, erzählte Campbell bereitwillig und fügte mit wissender Miene hinzu: „Ich persönlich glaube nicht, dass das klappt. Die Brüder der Dame sind nicht sonderlich gutmütig.“

„Ich finde sie alle sehr einnehmend“, erklärte Jack mit einem Lächeln, obwohl er am liebsten einen Schwinger in Campbells Gesicht gelandet hätte. „Ich schätze, aus genau diesem Grund bin jetzt ich ein Mitglied dieser Familie und nicht du. “

Campbell warf den Kopf in den Nacken. „Hätte ich geahnt, dass die Dame zu einer Blitzhochzeit bereit ist, wäre ich hartnäckiger gewesen.“

Die Vorstellung, Campbell hätte mit seinem Werben letztlich Erfolg bei Fiona haben können, ließ Jack mit den Zähnen knirschen, aber er war klug genug, sich seinen Zorn nicht anmerken zu lassen. „Ich werde es meiner reizenden Gemahlin ausrichten“, sagte er ruhig. „Ich bin sicher, das wird sie sehr amüsieren.“

Campbell machte einen Schritt auf Jack zu, als wollte er ihn bei den Aufschlägen seiner Jacke packen, dann fing er sich jedoch wieder und zwang sich zu einem betont gleichmütigen Lachen. „Ich bin sicher, so wird es sein. Bis jetzt hatte sie noch keine Gelegenheit, festzustellen, was für einen wunderbaren Fang sie mit ihrem Ehegatten gemacht hat, nicht wahr? Sie wird es bald genug wissen.“ Er senkte den Blick. „Kennt sie die liebliche Lucinda? Oder hebst du dir diese Überraschung für später auf?“ „Campbell!“, rief Lucinda mit glühenden Wangen. „Es reicht jetzt.“

Auch Jack hatte inzwischen genug von dieser Unterhaltung. Er war immer der Meinung gewesen, Sticheleien und Flirts seien die Würze des Lebens, doch nun erschien ihm das alles fade und ermüdend.

Er wandte sich an Lucinda. „Ich denke, ich setze mich an den Pharo-Tisch. Dort ist gerade ein Platz freigeworden.“ Er verbeugte sich vor ihr und nickte anschließend Campbell zu. „Guten Abend.“

Während der nächsten Stunden spielte er ohne Unterlass und kippte dabei ein Glas Brandy nach dem anderen. Lucinda beobachtete ihn ununterbrochen von der anderen Seite des Raumes aus, doch das kümmerte ihn nicht. Wenn es nach seinem Willen ginge, hatten sie nichts mehr miteinander zu tun.

Campbell irritierte ihn weitaus mehr. Er hatte sich am Nebentisch niedergelassen und redete hinter vorgehaltener Hand mit den Gentlemen rechts und links von seinem Platz, während er gleichzeitig die ganze Zeit zu Jack herübersah.

Am nächsten Tag würde die Geschichte, dass Jack überstürzt Fiona MacLean geheiratet hatte, in der ganzen Stadt bekannt sein, ebenso wie das Gerede über Fionas besonders Fähigkeiten. Obwohl niemand der Sache Glauben schenken würde, würden doch fortan alle unbewusst nach Zeichen für Fionas besonderes Verhältnis zum Wetter Ausschau halten.

Was für ein verdammtes Durcheinander! Wenn er Fiona weiterhin versteckt hielt, würden die Tratschereien nur noch zunehmen. Die einzig sinnvolle Reaktion war, sie so bald wie möglich in die Gesellschaft einzuführen und mit allen wichtigen Leuten bekannt zu machen. Das hieß, dass er an all den langweiligen gesellschaftlichen Ereignissen teilnehmen musste, die er bisher geflissentlich gemieden hatte.

Verdammt noch mal! Langsam fing er an zu begreifen, wie sehr sich sein Leben tatsächlich verändert hatte.

Der helle Sonnenschein weckte Fiona. Sie streckte sich unter der Decke, drehte sich auf die Seite und öffnete die Augen. Erstaunt erblickte sie ein fremdes Zimmer. Es brauchte eine Weile, bis ihr alles wieder einfiel. Sie war in London. Mit Jack.

Aber Jack war nicht hier, und sie lag allein im Bett. Mit einem unbehaglichen Gefühl setzte sie sich auf und sah auf die Uhr. Neun Uhr in der Früh. Und kein Jack. Er war die ganze Nacht fortgeblieben.

Verdammter Kerl! Sie warf die Decke zur Seite und rutschte zur Kante der Matratze. Die Bewegung ließ sie ihre schmerzenden Muskeln spüren und erinnerte sie daran, wie wunderbar es gewesen war, von ihm geliebt zu werden.

Schwungvoll schwang sie ihre Beine über die Bettkante, während sie noch immer ein Kissen umarmte. Es war himmlisch gewesen.

Doch nun musste sie sich mit den anderen Wahrheiten ihrer Ehe beschäftigen, ganz besonders mit ihrem abwesenden Ehemann.

„So geht das aber nicht“, erklärte Fiona dem stillen Zimmer. „Ich bin nicht nach London gekommen, um allein zu schlafen. “

Sie glitt vom Bett, und ihre nackten Füße versanken in dem dicken Teppich. Ihre Kleider lagen auf dem Fußboden und bildeten dort einen kleinen Berg aus Leinen und Seide, gekrönt von ihren Stiefeletten. Naserümpfend dachte Fiona, dass ihr Kleid ein zerknittertes Etwas sein würde, wenn sie es wieder anzog. Sie sammelte ihre Wäsche ein und ging zu dem Ständer mit der Waschschüssel in der Ecke des Zimmers. Dort wusch sie sich, so gut es ging, zog sich an, steckte ihr Haar hoch und machte sich bereit, das Zimmer zu verlassen.

In der offenen Tür blieb sie lauschend stehen und versuchte herauszufinden, wohin sie sich wenden musste, um ein Frühstück zu bekommen.

Von der Straße her drangen die Geräusche vorüberfahrender Kutschen zu ihr herauf, die Rufe der Kutscher, das Bellen von Hunden und die Rufe fliegender Händler, die ihre Waren anpriesen - der alltägliche Lärm der Stadt. Von irgendwo im Haus hörte sie das Gemurmel von Stimmen und ging zum Treppenabsatz, während sie gleichzeitig versuchte, ihr Kleid glatt zu streichen, so gut es ging.

Gerade war sie die ersten Stufen hinuntergestiegen, als unten in der Halle eine füllige Dame erschien, gekleidet in das ordentliche Grau und Weiß einer Haushälterin. Fiona erkannte sie von der vergangenen Nacht her und rief ihr ein freundliches „Guten Morgen“ zu.

Die Frau erstarrte mitten in der Bewegung und legte augenblicklich ihr Gesicht in missbilligende Falten.

Fiona zögerte. Sie hatte nichts getan, was einen solchen Blick gerechtfertigt hätte. Es war gerade so, als würde die Frau ihr den Respekt verweigern ...

Dann dämmerte es ihr. Jack hatte sie bei ihrer Ankunft in der vergangenen Nacht den Dienstboten nicht vorgestellt; er hatte sie ins Haus und direkt hinauf in sein Zimmer getragen. Alle mussten denken, dass sie eine Dirne war.

Fiona ballte die Fäuste und verdammte Jack im Stillen einmal mehr dafür, dass er sie in seinem Haus allein gelassen hatte. Nun, sie würde auch ohne seine Hilfe mit der Situation fertig werden.

Mit hocherhobenem Haupt stieg sie die Treppe hinunter. Unten angekommen nickte sie der Haushälterin freundlich zu. „Ich bin auf der Suche nach Lord Kincaid.“

Die Frau schob das Kinn vor und musterte sie kühl. „Wenn er Ihnen nicht gesagt hat, wohin er gehen wollte, geht es Sie auch nichts an, wo er ist.“

Fiona richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. „Ich bitte um Verzeihung, aber es geht mich sehr wohl etwas an. Schließlich und endlich ist er mein Ehegatte.“

Die Haushälterin starrte sie mit offenem Mund an. „Was?“

Fiona war sich sicher, sie hätte die Frau mit der Mitteilung, ihr wäre gerade ein zweiter Kopf gewachsen, nicht mehr schockieren können. „Ich bin Lady Kincaid“, erklärte sie in ruhigem Ton.

Eine Tür auf einer Seite der Halle öffnete sich, und ein hochgewachsener Mann kam aus einem Nebenzimmer. Über dem Arm trug er ein ordentlich gefaltetes Stück Leinen. „Mrs. Tarlington, ich glaube, das hier ...“ Er stockte, als er Fiona bemerkte. „Oh, Entschuldigung. Ich habe Sie nicht gesehen ... Es tut mir leid, Miss ...?“ „Lady Kincaid“, wiederholte Fiona freundlich.

Der Butler blinzelte verwirrt, dann verbeugte er sich „Guten Morgen, Mylady. Ich bin Devonsgate, der Butler Seiner Lordschaft.“

„Es freut mich, Sie kennenzulernen“, erwiderte Fiona. „Ich bin auf der Suche nach Seiner Lordschaft. Wissen Sie, wo er sein könnte?“

Mrs. Tarlington schnaubte leise, sagte aber nichts mehr. Nachdem Fiona die Haushälterin mit einem strengen Blick gemustert hatte, wandte sie sich wieder an den Butler. „Seine Lordschaft ist gestern Abend kurz nach unserer Ankunft ausgegangen. Ich dachte, um diese Zeit wäre er zurück, aber das ist anscheinend nicht der Fall. Es sei denn, er sitzt gerade beim Frühstück?“

Der Butler räusperte sich. „Seine Lordschaft pflegt nicht zu frühstücken. Jedenfalls nicht vor zwölf Uhr mittags, und das auch nur, wenn er rechtzeitig wieder zu Hause ist. Das geschieht nicht besonders häufig.“

„Ich verstehe“, murmelte Fiona.

„Ja, Mylady.“ Devonsgate nickte nachdrücklich. „Es ist nicht ungewöhnlich, dass Seine Lordschaft die ganze Nacht fortbleibt.“

Das würde sich ändern müssen; sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein solcher Lebenswandel gesund war.

Als Fionas Blick auf einen der Spiegel fiel, die an den Wänden hingen, runzelte sie die Stirn. Ihr Kleid war furchtbar zerknittert, die paar Nadeln, die sie noch gefunden hatte, konnten ihr Haar kaum bändigen, ihr Gesicht war gerötet. Da erst fiel ihr ein, dass das Kleid, welches sie trug, das einzige war, das sie besaß.

Sie wandte sich wieder dem Butler zu. „Hat Seine Lordschaft irgendwelche Vorkehrungen für mich getroffen, bevor er ging?“

„Nein, Mylady. Er hat lediglich seine Kutsche Vorfahren lassen und ist gegangen.“ Der Butler sah sie um Entschuldigung bittend an. „Normalerweise, wenn Seine Lordschaft einen Gast hat, sagt er uns, dass sie nicht gestört werden soll, und trägt uns auf, für ihre sichere Heimkehr zu sorgen. In Ihrem Fall hat er einen solchen Auftrag nicht erteilt. “

„Mrs.Tarlington, bitte lassen Sie in meinen Räumen ein Bad vorbereiten und schicken mir jemanden, der mir mit meinem Haar und meinem Kleid hilft. Ich war gezwungen, überstürzt von zu Hause abzureisen und habe kein Gepäck bei mir. Es wird also nötig sein, dieses Kleid zu reinigen und zu bügeln.“

Die Lippen der Haushälterin wurden schmal, doch Fiona hatte sich bereits wieder dem Butler zugewandt. „Schicken Sie mir auch bitte ein Frühstückstablett aufs Zimmer, Devonsgate. Tee und Toast genügen.“

„Ja, Madam. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, fragte der Butler mit einer leichten Verbeugung.

Fiona nickte energisch. „Ja. Ich möchte Seiner Lordschaft eine Nachricht schicken. Wissen Sie, wo er sich aufhält?“

Die Miene des Butlers gefror. „Ich könnte versuchen, es herauszufinden.“

„Sehr gut. Bitte senden Sie ihm folgende Nachricht. Teilen Sie Lord Kincaid mit, dass seine Gattin seine unverzügliche Rückkehr nach Hause wünscht. Sollte er nicht bald hier auftauchen, wird sie kommen und ihn holen.“ Devonsgate wurde blass, doch zum ersten Mal öffnete sich Mrs. Tarlingtons breiter Mund zu einem widerstrebenden Lächeln.

Fiona wandte sich wieder der Treppe zu. „Ich erwarte das Bad und die Zofe so schnell als möglich. Das Frühstück kann noch ein wenig warten.“ Einen Fuß bereits auf der untersten Stufe, stockte sie. „Wenn ich es mir recht überlege, bringen Sie Frühstück für zwei. Ich bin sicher, Seine Lordschaft wird auf dem schnellsten Wege nach Hause kommen.“

Damit würde sie ein wichtiges Exempel für die Zukunft statuieren. Während sie flink die Treppe hinaufstieg, fühlte Fiona sich schon viel besser.

„Ich fasse es nicht! Seine Lordschaft hat eine Ehefrau“, stellte Mrs.Tarlington fest.

Devonsgate stand nur da und starrte mit offenem Mund hinter Fiona her.