6. KAPITEL
Niemand weiß genau, wie und wo MacLean die weiße Hexe getroffen hat. Sicher ist, dass sie sich trafen und dass keiner von beiden hinterher noch derselbe war wie vor diesem Tag. So ist es oft mit der Liebe, sie kommt auf leisen Sohlen und unerbittlich.
So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.
„Hmpf! “ Jack erwachte, als sich ein Daumen in seine Seite bohrte. Er blinzelte und hatte Mühe, seinen Blick auf das Gesicht vor sich zu konzentrieren.
Dann erkannte er volle, weiche Lippen, die missbilligend zusammengepresst waren, und eine kecke, aufwärtsgerichtete, mit hellen Sommersprossen wie mit Goldstaub übersäte Nase. Die Augen leuchteten unter langen, dichten Wimpern in einem wunderbaren Moosgrün.
All das wurde umrahmt von einer Wolke dunklen Haars, das einen Mann unweigerlich dazu brachte, darüber nachzudenken, wie es wohl war ...
Fiona.
Wie kam es, dass sie hier bei ihm ... Wo hatten sie ...
Oh ja!
Der noch frische Duft ihrer körperlichen Vereinigung, der sie beide umgab, und die leichte Reibung ihrer nackten Beine, die mit seinen verschlungen waren, brachten seine Erinnerung in Schwung, selbst wenn sein befriedigter Körper gegen die Lethargie kämpfen musste.
„Du hast geschnarcht.“
Er öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder, weil er nicht recht wusste, wie er auf ihren anklagenden Ton reagieren sollte.
„Sehr laut geschnarcht“, fügte sie hinzu.
Er verstand, dass es ärgerlich war, auf diese Weise geweckt zu werden, besonders, wenn sie so tief geschlafen hatte wie er. „Tut mir leid, Liebste“, entschuldigte er sich und gähnte. „Nach einem guten Akt schlafe ich immer sehr fest.“
Schweigen. „Ein guter Akt?“, wiederholte sie schließlich.
Normalerweise wäre Jack der wütende Unterton in ihrer ansonsten ruhigen Stimme aufgefallen. Unglücklicherweise hatte ihn die euphorische Stumpfheit, die bei ihm unweigerlich auf leidenschaftliche Stunden im Bett folgte, noch völlig im Griff.
Also drehte er sich einfach um und zog Fiona so an sich, dass ihr Rücken an seiner Brust ruhte und sie wie zwei Löffel in der Schublade dicht aneinandergeschmiegt dalagen. Sie passte perfekt in seine Umarmung, ihr Kopf lag unter seinem Kinn, ihr rundes Hinterteil presste sich an ihn, und ihre Beine waren mit seinen verschlungen.
Als ihn ihr Haar an der Nase kitzelte, strich er es mit der Wange zurück, während er das Gefühl ihrer seidigen Haut an der seinen und den leichten Schlag ihres Herzens genoss. „Lass uns noch ein bisschen schlafen, ja?“
Er schloss die Augen und wurde sofort wieder aufgeschreckt, als sich Fiona energisch aus seiner Umarmung befreite und plötzlich dort, wo vorher sie und die Decken gewesen waren, kalte Luft über seine Haut strich. Er runzelte die Stirn, öffnete ein Auge und brummte: „Hm?“
Sie hatte ihm mit ernster Miene das Gesicht zugewandt. „Es gibt einige Dinge, die wir zu besprechen haben, Jack.“
Er seufzte. „Was für Dinge?“
„Dinge wie“, ihre Lippen verzogen sich missbilligend, „unser ,kleiner Akt.“
Dieses Mal konnte er unmöglich ihren Ärger überhören. In dem Versuch, seine Müdigkeit zu vertreiben, strich er sich über das Gesicht.
Er hatte eine eiserne Regel, auf deren Einhaltung er streng achtete: keine Gespräche nach der Liebe. Eine Frau, die sich nicht an diese Vorschrift hielt, ließ er nie wieder in sein Bett. Bis jetzt war es ihm auf diese Weise stets gelungen, die wunderbare Schlaffheit nach den wilden Stunden der Leidenschaft ausgiebig zu genießen.
Vielleicht hätte er Fiona diese Angewohnheit erklären sollen, bevor sie miteinander ins Bett gegangen waren. Das Problem war gewesen, dass er einerseits zu wütend und andererseits zu begierig gewesen war, zwischen ihre Schenkel zu gelangen, um sich derartigen Diskussionen zu stellen. Die vielen Stunden mit ihr in der Kutsche hatten ein solches Begehren in ihm geweckt, dass es ihn Mühe gekostet hatte, in Gegenwart der Dienstboten seine Hände auf der richtigen Seite ihrer Kleidung zu lassen.
Auch jetzt war er nicht in der Lage zu reden - nicht über schwierige und komplizierte Dinge -, und es kam ihm so vor, als ginge es ihr um genau das. Er wollte die Befriedigung seines Körpers genießen, sich an der befreienden Wirkung erfreuen, die die Leidenschaft auf ihn hatte, und den tiefen, entspannten Schlummer genießen, der bei ihm immer auf ein besonders zufriedenstellendes erotisches Erlebnis folgte.
Langsam schloss er erneut die Augen, seine Gedanken gingen auf die Reise und zeigten ihm Bilder seines Zusammenseins mit Fiona, ließen ihn wieder ihre Haut an seiner fühlen, ihre Hände, ihre Lippen ...
„Jack!“
Ihre energische Stimme brachte ihn dazu, die Augen unverzüglich wieder aufzureißen. Sie hatte den Kopf in die Hand gestützt, ihr Haar fiel über den Arm und ergoss sich auf die Laken wie eine dunkel schimmernde Kaskade.
Verdammt, sie war wunderschön. Und üppig. Und nur zu verführerisch. Plötzlich war Jack gar nicht mehr schläfrig. Durchaus zu seiner Freude, geriet sein Körper erneut in Aufruhr. Er lächelte darüber, wie sehr er sie begehrte, und stützte sich ebenfalls auf den Ellenbogen, um sie besser ansehen zu können. „Na gut, Liebste. Worüber wollen wir reden?“
Auf ihrer erhitzten Wange reihte er Küsse aneinander und bewegte sich auf diese Weise in Richtung ihres Mundes.
„Jack“, sagte sie ein wenig atemlos. „Es kann sein, dass wir völlig unterschiedliche Erwartungen haben, was diese Ehe und unser Zusammensein betrifft, und ich möchte nicht, dass das zum Problem wird.“
Er schob die Hand in ihr Haar. Es schien ein Eigenleben zu führen und wand sich um seine Finger, als wollte es ihn festhalten. „Ich habe mich einverstanden erklärt, mit dir ein Kind zu zeugen, und sobald das erledigt ist, gehst du deiner Wege und lässt mich in Ruhe“, erklärte er achselzuckend. „Was gibt es da noch zu klären?“
„Nun, es wäre leichter für uns, wenn wir die Sache hier“, sie machte eine vage Handbewegung dicht über der Bettdecke, „ähnlich sehen.“
Was wollte sie denn noch? Wenn sie gefühlvolle Versprechen erwartete, würde er sie enttäuschen müssen. Er hatte kein Herz zu verschenken und war froh darüber.
„Ich denke, ich habe bereits bewiesen, dass ich die Fähigkeit besitze, das auszuführen, was ich versprochen habe“, stellte er mit klarer Stimme fest und grinste, als ihre Wangen ein noch satteres Rot annahmen. „Du kannst also beruhigt darüber sein, dass ich meinen Teil unserer Abmachung einhalten werde. Dann kannst du deinen erfüllen. Hätte ich allerdings gewusst“, fügte er gedehnt hinzu, „dass die Ehe so stimulierend auf mich wirkt, hätte ich meinen Entschluss, niemals zu heiraten, vielleicht überdacht. “
Ihr Blick heftete sich an sein Gesicht. „Wirklich?“
„Oh ja. Ich hätte es hin und wieder getan. So etwa einmal im Monat.“
„Das ist nicht lustig, Jack.“
„Ich finde doch.“
Sie bewegte sich rastlos neben ihm im Bett und setzte sich schließlich aufrecht hin. „Himmel, ich habe immer noch meine Stiefeletten an.“
„So ist es.“ Auch er richtete sich auf und strich mit der Hand an ihrem Bein entlang, während er ihren Fuß in seinen Schoß zog. „Du erlaubst.“
„Ich kann sie selber aufbinden“, erklärte sie prompt und versuchte halbherzig, ihm den Fuß zu entziehen.
„Das hast du bereits versucht und ein heilloses Durcheinander mit den Senkeln angerichtet.“ Natürlich ließ er sie nicht los, sondern zog geschickt an einem der Knoten und löste ihn sehr rasch. Sekunden später befreite er ihren Fuß aus der zierlichen Stiefelette. Sobald er die Wärme des Leders spürte, musste er daran denken, wie sich die Stiefeletten auf seinem Hintern angefühlt hatten. Das war ein unglaublicher Moment gewesen, den er nie vergessen würde.
Jack warf den halbhohen Schuh über die Bettkante und wandte sich dem anderen zu, der sich gleich darauf zu seinem Kameraden auf dem Teppich gesellte. „Erledigt.“ Tief durchatmend ließ er sich wieder zurück auf sein Kissen fallen und zog sie erneut in seine Umarmung.
Seufzend bettete sie ihre Wange auf seine Brust. „Wir haben uns im Bett schon immer gut verstanden.“
„Ja, das haben wir.“ Irgendwie hatte er während all der Jahre vergessen, wie gut sie zusammenpassten. Spielerisch ließ er seine Finger über ihre Wange gleiten und vergrub sie in ihren Haaren.
Als sie den Kopf hob, begegnete ihr Blick seinem. „Allerdings gab es auch andere Gebiete, auf denen wir uns weniger gut verstanden. “
Die Finger noch immer tief in ihren Locken, stockte er. Sie hatte recht. Er hatte zwei sehr lebhafte Erinnerungen an die frühere Fiona. In einer lag sie nackt auf einer Decke in der warmen Sommersonne, ihre Pfirsichhaut glühend vor Leidenschaft, ihre Locken wild abstehend, um die Lippen das Lächeln einer zutiefst befriedigten Frau. Er war jung gewesen und vor Stolz fast geplatzt, weil er ihr erster Mann gewesen und es ihm dennoch gelungen war, sie derart zum Strahlen zu bringen.
Die andere Erinnerung war nicht so angenehm. Er stand im strömenden Regen, die Welt um ihn herum duftete nach Lilien, und in der Ferne grollte der Donner, während er auf einem Blatt Papier ihre Abschiedsworte las, deren Tinte langsam verlief.
Jack weigerte sich, an den Schmerz zu denken, den ihm dieser Tag gebracht hatte. Ebenso wenig wollte er sich an die Wochen und Monate der Verzweiflung erinnern, die darauf gefolgt waren. Er hatte seine Lektion gelernt; nie wieder hatte er sich gestattet, an Liebe oder irgendetwas anderes zu glauben, das er nicht sehen und nicht berühren konnte. Seitdem war sein Leben sehr viel einfacher und vor allen Dingen viel weniger schmerzlich gewesen.
Unter seinen halb geschlossenen Lidern hervor sah er sie an, froh, dass sein Herz nun ihren Reizen gegenüber immun war. Es war gut, dass er damals nicht geahnt hatte, wie sehr sich Fionas Brüder in die Beziehung eingemischt hatten, indem sie ihre Schwester wissen ließen, dass er eine Geliebte hatte. Natürlich hatte er eine gehabt. Er konnte sich nicht an den Namen der Frau erinnern, mit der er damals zusammen gewesen war. Dazu waren es insgesamt zu viele verschiedene Frauen gewesen, eine war auf die andere gefolgt, denn er hatte seit seinem siebzehnten Geburtstag Geliebte gehabt. Das war sein Recht als freier Mann. Und die Tatsache, dass seine Eltern seinem Lebenswandel und seinem Verhalten mit Missbilligung begegnet waren, hatte es ihn nur noch mehr genießen lassen.
Er war verrückt gewesen, Fiona heiraten zu wollen, das war ihm wenige Tage nach ihrer bestürzenden Ablehnung klar geworden. Verrückt zu glauben, dass Leidenschaft allein genügen würde, um sie bis in den sicheren Hafen der Ehe gelangen zu lassen.
Doch was war das für eine Leidenschaft gewesen! Damals war jeder Augenblick seines Lebens von Gedanken an sie erfüllt gewesen. Ständig hatte er an sie gedacht, an ihr Haar, ihren Duft und an die Art, wie sich ihre Nase kräuselte, wenn sie lachte.
Gott sei Dank war es ihm irgendwann gelungen, über diese dumme Besessenheit hinwegzukommen. Und nun würde er dafür sorgen, dass diese alten Gefühle - so stark und völlig außer Kontrolle - das blieben, was sie waren: Fantasien des wilden Jünglings, der er einst gewesen war.
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass das Gefährlichste, was er tun konnte, war, dort zu bleiben, wo er sich gerade befand, nämlich zusammen mit Fiona ins Bett gekuschelt. Er durfte der nachgiebigen Stimmung, in der er natürlicherweise nach einer gelungenen Eroberung war, nicht erlauben, sein Herz weich und nachgiebig zu machen.
Vielleicht war es das, was sie meinte, wenn sie von unterschiedlichen Erwartungen sprach, die sie beide aneinander hatten. Es würde unangenehm sein, wenn sie mehr von ihm erwartete, als er bereit war zu geben. Er hielt es für eine gute Idee, ihre Erwartungen von Anfang an auf das richtige Maß zu beschränken, sodass sie keinerlei unsinnige Hoffnung hegen könnte.
Mit gerunzelter Stirn setzte er sich auf und ließ zu, dass Fiona von ihm wegrückte. „Wie spät ist es?“ .
An ihm vorbei sah sie zu der Uhr auf dem Kaminsims hinüber. „Fast vier.“
„Ah. Dann ist es noch früh.“ Er schlug die Decke zurück und schwang die Beine über die Bettkante.
Ungläubig sah Fiona zu, wie Jack neben dem Bett seine Kleider zusammensuchte. „Du ... du gehst weg?“
Er sah sie nicht an, während er in seine Hosen stieg. „Natürlich. Die Spielhallen sind immer geöffnet, und ich habe Bekannte, die ich jetzt, da ich wieder in London bin, begrüßen muss.“
Fiona wurde das Herz schwer. „Du gehst“, wiederholte sie mit ungläubiger Stimme.
Auf einem Stuhl sitzend zog er seine Stiefel an. „Wie du vorgeschlagen hast, sollten wir vielleicht unsere Erwartungen angesichts dieser Situation und unserer Ehe besprechen.“ Er erhob sich, ging zu einem der Wandschränke und entnahm ihm ein frisches Hemd. „Normalerweise hilft mir mein Kammerdiener beim Ankleiden, aber ich dachte, du wünschst dir Privatsphäre. Um mein Kommen und Gehen weniger störend für dich zu gestalten, könntest du in eines der Gästezimmer ziehen „Nein“, unterbrach ihn Fiona in heftigem Ton, raffte die Laken vor der Brust zusammen und richtete sich auf. „Ich lasse mich nicht in ein Gästezimmer verbannen. Außerdem hast du es zur Bedingung für meinen Aufenthalt in deinem Haus gemacht, dass ich in deinem Bett schlafe, solange ich hier bin. Hast du das schon vergessen?“
Er zuckte gleichgültig die Achseln. „Wie du willst. Ich wollte nur vermeiden, dass ich dich unnötig aufwecke. Ich komme zu den unterschiedlichsten Zeiten heim. Wenn du allerdings einen festen Schlaf hast, könnte es gehen
„Ich schlafe sehr gut“, erwiderte sie scharf. „Aber ich kann nicht glauben, dass du jetzt gehst.“
„Ich kann es selbst kaum glauben“, sagte er, während er sein Hemd zuknöpfte. „Normalerweise brauche ich nach einem Akt wie diesem mindestens eine Stunde Schlaf. “
Das war also alles, was es ihm bedeutete. Ein Akt, nach dem er sich ein wenig ausruhte, um dann irgendwelchen anderen Vergnügungen nachzugehen, die ihm offenbar nicht weniger bedeuteten als die Stunden, die er zuvor mit ihr im Bett verbracht hatte.
Natürlich ist es so, sagte sie sich grimmig. Dies ist keine richtige Ehe, in der Mann und Frau einander lieben und ehren. Dies ist eine Vernunftehe.
Dennoch konnte sie nichts dagegen tun, dass sein Verhalten sie kränkte. Es fühlte sich falsch und verletzend an, wenn er jetzt ohne weitere Umstände aus dem Bett sprang und in die Stadt eilte.
„Jack, ich hoffe ... Ich hoffe, die Leute halten uns für ein glückliches Paar“, sagte sie rasch, als ihr noch eine Möglichkeit einfiel, ihn vielleicht doch von seinen Plänen abzubringen.
Mit ruhigen Bewegungen öffnete Jack den Wandschrank ein weiteres Mal und entnahm ihm eine Weste. „Was spielt es für eine Rolle, was die Leute denken?“
„Wenn meine Brüder Gerüchte hören, dass die Dinge zwischen uns nicht so sind, wie sie sein sollten, könnte es passieren, dass sie in die Stadt kommen.“ Es würde Wochen dauern, bis Gerüchte über sie und ihren Gemahl von London aus bis nach Schottland drangen, aber sie hoffte, dass Jack nicht daran dachte.
Er hielt inne, und für einen Moment ruhte sein Blick nachdenklich auf ihr. „Ich will deine Brüder niemals Wiedersehen.“
„Ich will ebenfalls nicht, dass sie nach London kommen. Wenn sie aber denken, ich sei unglücklich oder du würdest dich in Kaschemmen herumtreiben, während ich allein zu Hause sitze ... “ Mit einem Achselzucken ließ sie den Rest des Satzes in der Luft hängen.
Jacks Miene verdüsterte sich. „Was du da sagst, klingt nach Erpressung.“
„Das ist keine Erpressung“, verteidigte sie sich und zog die Decke dichter um sich, als sie wie einen kalten Luftzug den Hauch eines schlechten Gewissens spürte. „Es ist einfach die Wahrheit. “
Nachdem Jack seine Weste zugeknöpft hatte, setzte er sich auf die Bettkante, streckte den Arm aus und ließ die Finger durch ihr Haar gleiten. „Deine Brüder werden in jedem Fall kommen, fürchte ich. Du bist ihre einzige Schwester, und sie sorgen sich um dich.“
„Vermutlich hast du recht“, bestätigte sie seufzend. „Und wenn sie erst einmal hier sind, werden sie jeden unserer Schritte beobachten, überall auftauchen, wo wir sind, und uns zu Tode langweilen.“ Seine Finger wanderten über ihre Wange zu ihren Lippen.
Sie musste zugeben, dass seine Worte wahrscheinlich klangen. Sie wollte nicht, dass ihre Brüder nach London kamen, ebenso wenig wollte sie, dass sie sich in ihre Ehe mischten. Das würde die Dinge nur noch erschweren. Sie wünschte auch, dass Jack aufhören würde, sie so wunderbar, verführerisch und zärtlich zu streicheln; das machte ebenfalls alles nur komplizierter. Es lenkte sie ab, und sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, wenn er sie auf diese Weise berührte.
Nun schlang er eine ihrer langen Haarsträhnen um seinen Finger und hob ihn an die Lippen.
Fionas Atem stockte. Vielleicht würde sie sich im Laufe der Zeit an ihn gewöhnen. Auch daran, wie er zu ihr stand, wie nah er ihr sein konnte, obwohl er sie gleichzeitig auf Abstand hielt. Vielleicht konnte sie irgendwann damit umgehen, doch jetzt schrie ihr ganzer Körper nach seiner absoluten und ungeteilten Aufmerksamkeit.
Sie atmete tief durch und lehnte sich entschlossen zurück, sodass ihr Haar von seinem Finger glitt. „Dieser Plan wird von Minute zu Minute komplizierter.“
„Das haben einfache Pläne oft an sich.“ Er fing erneut eine ihrer langen Haarsträhnen ein und strich mit den Haarspitzen über ihre Lippen. Sie bebte immer noch von der Leidenschaft, die zwischen ihnen gewesen war, und die leichte Berührung ließ die Lust erneut aufflackern.
Er lächelte. Offensichtlich wusste er nur zu genau, was in ihr vorging, so sehr sie sich auch bemühte, äußerlich ruhig zu erscheinen „Aber ich habe nichts anderes erwartet“, fügte er hinzu, während er immer noch zart ihre Lippen streichelte. „Mit dir ist nichts so einfach, wie es sein sollte.“
Fiona wusste nicht, ob das als Kompliment gemeint war. Ihre Lippen kribbelten, ihr Körper war von Gänsehaut überzogen, ihre Brüste schwollen erwartungsvoll an. Jede Zelle ihres Körpers war sich des Mannes bewusst, der viel zu dicht neben ihr saß.
Wenigstens gab es noch Leidenschaft zwischen ihnen; nach all den Jahren war sie sich nicht sicher gewesen, was zwischen ihnen passieren würde. Leidenschaft war schon in ihrer früheren Liebesbeziehung das Wichtigste gewesen - wenn man drei rasend dahineilende Wochen überhaupt so nennen konnte.
Dennoch wusste Fiona aus bitterer Erfahrung, dass körperliches Begehren ihre Probleme nicht lösen würde. Im besten Falle gewährte die Lust ihnen eine Verschnaufpause von den Sorgen dieser Welt und gab ihnen die Möglichkeit, einander näherzukommen. Aber das war alles.
Ihr Herz schmerzte, und sie wünschte sich, sie könnte mit Callum reden. Er hätte ihr sagen können, was sie tun sollte; seine angeborene Fähigkeit, die Menschen um ihn herum zu verstehen, war viel größer als ihre gewesen. Doch Callum würde ihr nie wieder einen Rat geben können. Nie mehr würde er da sein, wenn sie ihn brauchte.
„Fiona?“ Jacks leise Stimme unterbrach ihre Gedanken.
Sie sah ihn an, und sein Bild verschwamm vor ihren Augen, in denen plötzlich Tränen standen.
„Du denkst an Callum“, stellte Jack mit leiser Stimme fest, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
Hastig wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen. „Es tut mir leid. Ich habe mir gerade gewünscht, ich könnte mit ihm reden.“ Sie schluckte und versuchte, ihre Fassung wiederzuerlangen. „Ich konnte mit niemandem über seinen Tod sprechen, weil meine Brüder ebenso aufgewühlt waren wie ich. “
Jacks warme Hand legte sich um ihr Kinn. Er drehte ihren Kopf, bis ihr Blick seinen traf.
„Du kannst mit mir über Callum sprechen, wann immer du möchtest.“
Seine Worte berührten ihr Herz auf eine Weise, die sie sich nicht erklären konnte, beruhigten und wärmten sie. Bewegt umfasste sie eine seiner Hände. „Danke, Jack.“ Um ihren Mund legte sich ein schüchternes Lächeln. „Ich würde dein Angebot annehmen, aber ich fürchte, du hast nicht genug Hemden, zum Nassweinen.“
Jack blickte hinunter auf seine Hand, die sie zwischen ihren beiden Händen hielt, und seine Miene gefror. Er befreite sich ganz vorsichtig, stand vom Bett auf und sagte mit gepresster Stimme: „Hemden trocknen sehr schnell.“
„Ich fühle mich wie eine Gießkanne, die im nächsten Moment überfließen wird.“
„Es ist viel geschehen“, erinnerte er sie mit ausdrucksloser Stimme.“
Jack verschloss sein Herz und durchquerte das Zimmer, um seinen Mantel zu holen.
Schweigend zog er sich an und erhaschte dabei aus den Augenwinkeln einen Blick auf Fiona. Sie saß gedankenverloren da, das Laken hochgezogen, um ihre Brust zu bedecken und die Arme um die Knie geschlungen, während ihre Zähne ihre Unterlippe malträtierten.
Der Anblick ihrer ebenmäßigen weißen Zähne, die sich in das volle, weiche Fleisch ihrer Lippe gruben, erregte ihn gnadenlos. Er hatte das Recht, Fiona in sein Bett zu nehmen, wann immer er es wollte. Sie war die einzige Frau, die ...
Nein, sie war nicht anders als die anderen Frauen, mit denen er Bett und Vergnügen geteilt hatte. Es war nur so, dass sie es nicht geschafft hatten, ihre Liaison zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen. Die anderen Frauen waren so lange geblieben, bis er ihrer müde geworden war. Aber seine und Fionas Verbindung hatte abrupt geendet, bevor es zu diesem natürlichen Ende gekommen war. Das war der Grund für die unbefriedigte Lust, die sich immer wieder in ihm regte.
Er wählte ein neues Halstuch und stellte sich vor den Spiegel. Dabei achtete er darauf, sich so hinzustellen, dass er Fiona nicht sehen konnte.
„Wo gehst du hin, Jack?“, erkundigte sie sich und raschelte mit dem Laken.
„Zu einer privaten Gesellschaft mit auserlesenen Gästen.“
„Was, wenn ich gerne mitkommen möchte?“, fragte sie nach kurzem Schweigen.
„Das ist nicht die Sorte von Vergnügung, zu der man eine Ehefrau mitnimmt“, teilte er ihr im Ton des gestrengen Gatten mit.
Ihre Augen blitzten, als er nun doch im Spiegel einen Blick auf sie erhaschte.
Funkelnde Augen oder nicht - Jack ignorierte sie und strich seine Weste glatt. „Ich habe mich nur mit dieser Ehe einverstanden erklärt, weil ich dazu gezwungen war. Ich habe nicht zugestimmt, mein Leben in irgendeiner Weise oder Form zu ändern. Das hier“, er wandte sich ihr zu und sah ihr gerade in die Augen, „ist der Mensch, der ich bin.“
„Ich weiß“, erwiderte sie mit emporgerecktem Kinn. „Ich dachte lediglich, du würdest wenigstens, einen einzigen Tag warten, bevor du deine liederlichen Sitten wieder aufnimmst.“
Er zuckte die Achseln und wandte sich wieder ab. „Warum sollte ich warten? Es gibt Karten, die gespielt werden wollen, Bourbon, der getrunken werden will, Frauen, die ..."
Vor dem Fenster gingen Blitze nieder. „Es wird keine anderen Frauen geben“, erklärte sie mit fester Stimme.
Er presste die Lippen zusammen und zog die Brauen hoch. „Ich lasse mir nicht drohen.“
„Ich hatte nicht vor ... “, stammelte sie und errötete unvermittelt.
„Wir sollten das ein anderes Mal besprechen. Zu deinem Glück werde ich nach unserem“, fast hätte er „Akt“ gesagt, doch er berichtigte sich in letzter Sekunde, „nach unseren Betätigungen werde ich nicht in der Stimmung für andere Frauen sein. Wenigstens nicht heute Abend.“
In der Ferne grollte Donner, und Fiona zog einen beleidigten Schmollmund, während sie die Decke fester um sich wickelte.
Gut so! Sie war wütend. Das würde sie beide davon abhalten, so dumm zu sein zu glauben, dass diese Vereinigung mehr war als das, was sie nun einmal war. Dennoch konnte er nichts dagegen tun, dass er sich fühlte, als hätte er soeben einem hilflosen Kätzchen einen Fußtritt versetzt. Er unterdrückte das seltsame Verlangen, sich zu entschuldigen und wandte sich erneut dem Spiegel zu.
„Wir wissen bis jetzt nicht, ob dieses Spiel erfolgreich sein wird. Vielleicht gelingt es uns gar nicht, einen Erben zu zeugen. Oder vielleicht ignorieren unsere Familien das Opfer, das wir so edel bringen, und stürzen sich dennoch aufeinander“, stellte er fest, während er mit dem Rücken zu ihr stand.
„Das werden sie nicht tun. Ich bin mir da vollkommen sicher.“ Sie klang so energisch, als wollte sie allein mit ihren Worten das Unheil aufhalten.
„Wir werden sehen.“ Jack befestigte eine Nadel mit einem Rubin an seinem Halstuch. Seine Kleidung saß sogar recht ordentlich, was ein Wunder war, wenn man bedachte, dass er die Dienste seines Kammerdieners nicht in Anspruch genommen hatte.
Es war Zeit zu gehen. Er hatte keinen Grund, noch länger zu bleiben, und doch ... plötzlich stand er wieder vor dem Bett und sah auf Fiona hinunter. Ihr Blick begegnete seinem, ihr Gesichtsausdruck zeigte eine Mischung aus Enttäuschung, Wut und Sehnsucht.
Sie wollte, dass er blieb. Das wusste er, ohne dass sie ein Wort sagen musste. Und bei näherem Nachdenken konnte er ihr ihren Wunsch nicht vorwerfen; sie war allein in einem Haus, das sie nicht kannte, und sie war immer noch tieftraurig über den Tod ihres Bruders.
Jack baute seinen innerlichen Schutzwall noch ein Stück höher. All das spielte keine Rolle. Wenn er blieb, würde sie anfangen, solche Dinge von ihm zu erwarten, er hingegen wollte nicht, dass sie ihn für jemanden hielt, der er nicht war. Für einen Mann, der vor lauter Fürsorge sein eigenes Leben und seine Vergnügungen vergaß.
„Wann kommst du zurück?“, erkundigte sie sich und legte fragend den Kopf schief.
Er blieb vor dem Kamin stehen, um die Asche zurück in die Flammen zu schieben. „Morgen“, erklärte er, stellte den Schürhaken zurück in den Ständer neben dem Feuer und ging zur Tür. „Schlaf gut.“
„Jack?“
Die Hand auf dem Türknauf, hielt er inne. „Ja?“
„Du hast tatsächlich kein Herz.“
Sein Kiefer verkrampfte sich, aber er sparte sich jeden Widerspruch, denn sie hatte recht. Und es war gut, wie es war.
„Du hast es immer gehasst, wenn du Black Jack genannt wurdest“, fuhr sie in bitterem Ton fort. „Aber du gibst dir alle Mühe zu beweisen, dass du diesen Namen verdient hast.“
„Ich bin der, der ich nun einmal bin, nämlich immer noch genau der Mann, der ich war, bevor du mich geheiratet hast. Und auch nach unserer Ehe werde ich noch genau derselbe Mann sein.“
Wieder war das Blitzen in ihren Augen. „Auch ich habe Erwartungen und Bedürfnisse. Ich will nicht die ganze Zeit allein in diesem Haus sitzen. Ich möchte London sehen, während ich hier bin.“
„Natürlich, meine Süße. Ich bin sicher, der Kutscher kennt den Weg zu Anstley’s Amphitheater.“
Geflissentlich übersah er den wütenden Zug um ihren Mund und verbeugte sich. „In der Zwischenzeit wünsche ich dir eine gute Nacht.“ Er schlüpfte aus dem Zimmer, zog die Tür hinter sich zu und ging mit raschen Schritten hinunter in die Halle.
„Mylord.“ Devonsgate stand am Fuß der Treppe.
Jack bemerkte den Mantel, der ordentlich über dem Arm des Butlers hing. „Sie wussten, dass ich ausgehen werde?“
„Das tun Sie immer, Mylord.“
„Genau. Ich gehe immer aus, nicht wahr?“
„Ja, Mylord. Nachdem Sie ... äh ...“ Der Blick des Butlers ging in Richtung des oberen Stockwerks und kehrte dann zu Jack zurück, während eine leichte Röte seine Wangen färbte. „Nach Ihrem Nachmittagsschlaf gehen Sie jedes Mal in einen Ihrer Clubs und lassen Ihre Gesellschaft schlafen.“
„Ich wusste nicht, dass ich so berechenbar bin“, wunderte sich Jack.
„Wir haben alle unsere Gewohnheiten, Mylord.“ Der Butler half seinem Herrn in den Mantel.
„Und meine Gewohnheit ist es, Spielhöllen zu besuchen und Geschenke für unpassende Frauen zu kaufen. Was für eine wunderbare Zusammenstellung von Gewohnheiten, um es mal so zu sagen.“
Aus der Ferne war Donner zu hören, und gleichzeitig erhob sich ein pfeifender Wind. Die Böe war so stark, dass sie an der schweren Eingangstür rüttelte.
Jack warf einen scharfen Blick in Richtung Treppe, bevor er seinen Mantel bis oben zuknöpfte. „Ich brauche einen Hut, Devonsgate. Es scheint mir, als würde sich ein Unwetter zusammenbrauen.“
„Das ist unmöglich, Mylord. Ich war vor Kurzem draußen, und der Himmel war klar ... “
Ein heller Blitz beleuchtete die Halle, dann folgte ein heftiger Donnerschlag.
„Himmel! Das klingt bedrohlich“, stellte der Butler erstaunt fest.
Es war bedrohlich. Devonsgate ahnte nicht, wie sehr. Als Jack tief durchatmete, hatte er sofort den vertrauten Lilienduft in der Nase. Verfluchte Fiona! Fest setzte er sich den Hut auf den Kopf. Er würde ausgehen und sich amüsieren, egal was passierte. Ein bisschen Regen würde ihn nicht aufhalten.
„Was für ein Pech, dass es ausgerechnet jetzt regnet.“ Missbilligend sah Devonsgate in Richtung der Fenster.
„Das ist genau das, was in letzter Zeit mein Leben bestimmt. Ich habe Pech. Ständig Pech.“ Jack konnte nicht umhin, sich selbst ein wenig zu bemitleiden.
„Ich habe schon oft gehört, dass Sie ein wunderbares Leben führen, Mylord“, widersprach ihm der Butler zurückhalten. „Es gibt viele Leute, die Sie beneiden.“ Warum sollten sie ihn nicht beneiden? Er verfügte über Geld, Ländereien und unbegrenzte Möglichkeiten zu tun, was immer ihm in den Sinn kam. Er war tatsächlich ein glücklicher Mann. Warum fühlte er sich dann aber wie jemand, der am Rand einer hohen Klippe stand, während ihn ein starker Wind immer noch weiter dem Abgrund entgegenschob?
Jacks Blick wanderte am Butler vorbei, die Treppe hinauf bis hin zur Tür seines Schlafgemachs. Lange stand er so da und starrte die Tür an, hinter der er Fiona wusste. Endlich wandte er sich mit einer gemurmelten Verwünschung ab und verließ das Haus, um in die wartende Kutsche zu steigen.