8. KAPITEL
Glaubt nicht, MacLean wäre nicht beeindruckt gewesen. Oh ja, das war er! Beim ersten Blick der weißen Hexe verliebte er sich Hals über Kopf. Die MacLeans sind so, müsst ihr wissen. Sie verlieben sich nur ein einziges Mal, dann aber richtig! Eine unglaubliche Liebe ist das dann.
So sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.
„Mylord?“
Jack hob den Kopf und sah den Diener an, der scheinbar aus dem Nichts neben ihm am Spieltisch aufgetaucht war. „Ja?“
„Ich habe eine Nachricht für Sie, Mylord.“ Der Diener betrachtete den Tisch, dann schaute er wieder Jack an. „Eine wichtige Nachricht.“
Übernächtigt sah Jack in die Runde und stellte überrascht fest, dass die Gesellschaft erheblich kleiner geworden war.
„Wie spät ist es?“, erkundigte er sich.
„Fast zehn Uhr, Sir“, kam es prompt von dem Diener.
Erneut blinzelte Jack in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und erkannte die Livree. „Sie sind einer von meinen Leuten?“
„Ja, Mylord“, antwortete der Diener mit einem erleichterten Seufzer.
„Nun gut, wie lautet die Nachricht?“, erkundigte sich
Jack und unterdrückte seinerseits einen Seufzer.
Der Lakai sah kurz in die Richtung der anderen Gentlemen, dann beugte er sich zu Jacks Ohr herunter. „Es handelt sich um eine vertrauliche Nachricht, Mylord.“ „Ah“, machte der Duke of Devonshire, während er seinen und Jacks Cognacschwenker erneut füllte. „Es ist eine vertrauliche Nachricht. Dann wollen wir sie auf jeden Fall hören.“
Der Diener sah Jack bittend an. „Vielleicht können wir uns in die Halle zurückziehen?“
„Zur Hölle, nein“, rief Jack. „Ich gewinne gerade.“
Der Duke nickte. „Das ist richtig. Er gewinnt.“
Lord Kennelsworth schüttelte den Kopf. „So ist es. Er kann unmöglich mit all unserem Geld verschwinden.“ „Und mit meiner neuen, juwelenbesetzten Gürtelschnalle“, fügte der Duke hinzu.
„Bitte, Mylord“, flüsterte der Diener Jack in verzweifeltem Ton ins Ohr. „Wir sollten gehen.“
„Ich kann nicht“, erwiderte Jack. „Dann werde ich nass.“
Der Diener stutzte. „Aber... draußen scheint die Sonne.“ „Als ob das eine Rolle spielte!“, knurrte Jack. „Sagen Sie einfach, was Sie zu sagen haben, und lassen Sie es gut sein.“
„Aber Mylord ... es handelt sich um eine Nachricht, bei der Sie nicht den Wunsch verspüren werden, sie laut zu wiederholen“, protestierte der Lakai.
„Oh, lala!“ Lord Kennelsworth sah von seinen Karten auf. „Wappnen Sie sich, Kincaid. Jetzt kommt’ s.“
Jack richtete seinen müden Blick auf Kennelsworth. „Was kommt?“
„Sie sind frisch vermählt, nicht wahr?“, vergewisserte sich der andere Mann.
Jack nickte.
„Und Sie haben Ihre frischgebackene Ehegattin allein zu Hause gelassen“, mischte sich Devonshire ein „Und hier ist nun Ihr Diener, der erklärt, er habe eine vertrauliche Nachricht für Sie.“
„Na und?“
Lord Kennelsworth schüttelte den Kopf. „Sie verstehen es wirklich nicht, oder? Armer Kerl! Müssen wir es für Sie buchstabieren?“
„Lieber Himmel, Kincaid! sagte der Duke. „Es ist offensichtlich, dass Ihre junge Frau Ihre Anwesenheit zu Hause wünscht. Und zwar jetzt. Also hat sie diesen jungen Mann geschickt, um Sie zu holen. “
Kennelsworth warf seine Karten auf den Tisch. „Ich passe ohnehin.“
„Armer Kincaid.“ Während Devonshire seine Karten ebenfalls aus der Hand legte, schüttelte er traurig den Kopf.
Jack warf seine Karten quer über den Tisch und zog anschließend seine Gewinne zu sich heran. „Sie haben alle unrecht. Fiona würde mich niemals nach Haus beordern.“
„Ich glaube, da täuschen Sie sich, Kincaid. Fragen Sie Ihren Diener nach der Nachricht“, schlug Kennelsworth vor, während er die Münzen vom Tisch sammelte und in seine Taschen steckte.
„Nun denn. Was lautet die Nachricht?“, wandte Jack sich an den Diener.
Der atmete tief durch. „Die Nachricht ist von der Frau, die Sie im Haus zurückgelassen haben. Sie sagt, sie sei Ihre Gattin ... “
„Aha!“, rief Kennelsworth mit einem breiten Grinsen. „Ich wusste es“, gluckste Devonshire.
„Und Ihre Ladyschaft bittet Sie, so schnell wie möglich nach Hause zu ... “
„Ha!“ Kennelsworth schlug so heftig mit der Hand auf den Tisch, dass der Cognac auf das Tischtuch schwappte. „Ich hätte Ihnen eine Wette anbieten sollen! Kommen Sie, Devonshire. Wollen wir zu White’s gehen und dort frühstücken?“
Der Duke nickte und stand mühsam auf. Dann wankten die beiden Männer Arm in Arm, sich gegenseitig stützend, zur Tür.
„Soll ich die Kutsche vorfahren lassen, Mylord?“, erkundigte sich der Diener, den Fiona geschickt hatte.
Jack starrte finster auf den Tisch. Seine verdammte Kutsche, die wahrscheinlich immer noch nass war. „Nein. Ich denke, ich laufe lieber nach Hause.“
Er erhob sich und stopfte dabei bündelweise Geldnoten in seine Taschen. „Sie können mich begleiten, wenn Sie wollen.“
„Ja, Mylord.“ Der Lakai sah nicht allzu glücklich über diesen Plan aus.
Eine halbe Stunde später erreichten sie das Haus. Jack geriet ins Wanken, als er mit der Stiefelspitze an einen losen Pflasterstein an der Bordsteinkante stieß.
Sofort war der Diener an seiner Seite, doch Jack winkte ab. „Ich kann allein gehen, danke“, verkündete er mit schwerer Zunge.
„Ja, Mylord.“ Der Lakai verbeugte sich und trat zur Seite, aber nur so weit, dass er immer noch nach Jacks Arm hätte greifen können, wenn dieser wieder gestolpert wäre.
Jack bemerkte dies wohl, beschloss aber, großzügig zu sein. Es war nicht die Schuld des Dieners, dass er Jacks überragende Fähigkeit, sich auch in betrunkenem Zustand sicher zu bewegen, nicht begreifen konnte.
Tief durchatmend brachte er seinen Mantel in Ordnung, der aus irgendeinem Grund schief zugeknöpft war, und ging auf die Vordertreppe zu. Er stolperte nur noch ein einziges Mal, konnte sich aber am Geländer festhalten. Der Diener, der bereits die Hand in seine Richtung ausgestreckt hatte, trat geschwind wieder zurück und gab vor, nichts bemerkt zu haben.
„Ich bin nicht hingefallen“, teilte Jack dem Lakaien mit und sah ihn aufmerksam an.
„Nein, Mylord“, stimmte ihm dieser hastig zu. „Das sind Sie nicht. “
Aus unerfindlichen Gründen plötzlich höchst zufrieden mit sich und der Welt, grinste Jack den Diener an. „Sie sind ein guter Mann ... äh ... Charles?“
„Ich bin Peter, Mylord. Charles war mein Vorgänger“, erklärte ihm der Diener mit einem verlegenen Lächeln.
„Ach ja“ Jack schlug sich leicht gegen die Stirn. „Er war kleiner als Sie und hatte dunkles Haar. “
„Ja, Mylord.“ Peter nickte zustimmend.
Fiona glaubte, er sei gleichgültig und hartherzig, weil er sich nicht die Zeit nahm, seine Dienstboten kennenzulernen. Nun, er würde es ihr zeigen. Er würde herausfinden, was aus Charles geworden war und sie mit seinem Wissen überraschen.
Kennelsworth und Devonshire lagen völlig falsch - diese Sache mit seiner Ehe war in Wirklichkeit gar nicht so übel. Alles, was er zu tun hatte, war, sich in manchen Dingen ein kleines bisschen zu mäßigen, ohne irgendein Aufhebens davon zu machen. Dann würde die Neigung Ihrer Ladyschaft, nur das Schlechteste von ihm zu denken, sicher nachlassen.
Jack wandte sich an den Diener. „Also ... Peter, warum hat Charles gekündigt?“
Der Lakai blinzelte. „Weil er vorhatte, Jane zu heiraten, Mylord. Sie ist das Zimmermädchen von Sir Broughton.“ „Aha. Und wann ist der glückliche Tag?“, fragte Jack heiter.
„Der ... der glückliche Tag, Mylord?“ Peter sah ihn verwirrt an.
Nachdem Jack tief durchgeatmet hatte, sprach er jedes einzelne Wort sorgfältig aus, damit der arme Mann, der offenbar nicht sonderlich helle war, ihm folgen konnte. „Die Hochzeit. Wann findet sie statt?“
„M...Mylord“, stieß der Diener hervor. „Charles ist vor drei Jahren gegangen. Er und Jane haben inzwischen ein Kind. Eine kleine Tochter. Sie ist gerade zwei Jahre alt geworden. “
„Dann ... arbeiten Sie seitdem für mich?“, erkundigte Jack sich und sah Peter nervös an.
„Nein, Mylord.“ Zaghaft schüttelte Peter den Kopf. Jack entspannte sich ein wenig. Offenbar war er doch nicht so schlimm, wie er einen Moment lang geglaubt hatte. „Wie lange arbeiten Sie denn schon für mich?“ „Zwölf Jahre, Mylord.“
„Zwölf?“, wiederholte Jack entsetzt. „Aber Sie haben gesagt, Sie seien erst kürzlich Lakai geworden.“
„Ja, Mylord. Zuvor habe ich unter Ihrem Stallmeister, Mr. Lachney, gearbeitet. “
„Das ist es also!“, stellte Jack erleichtert fest. „Das ist der Grund, weshalb ich Sie nicht erkannt habe. Ich wage zu behaupten, dass ich Sie selten gesehen habe, während Sie im Stall arbeiteten.“
„Nun ja, Mylord.“ Peter sah ihn unglücklich an und zögerte weiterzusprechen. „Ich habe Sie jeden Tag gesehen. Seit meinem zwölften Geburtstag war ich Ihr Vorreiter.“ „Wie alt sind Sie jetzt?“, erkundigte sich Jack und starrte ihn an.
„Vierundzwanzig, Mylord.“
Großer Gott! Der Mann war neun Jahre lang fast täglich vor seiner Kutsche hergeritten und anschließend drei Jahre sein Lakai gewesen, und Jack konnte sich nicht einmal an sein Gesicht erinnern. Gesetzt den Fall - nur mal so angenommen - Fiona hatte recht, und er kümmerte sich kein bisschen um seine Diener.
Himmel, er brauchte noch etwas zu trinken. Er konnte keine klaren Gedanken fassen. „Vielen Dank, Peter.“
Der Diener verbeugte sich unsicher.
Durch den Säulengang sah Jack in Richtung Haustür. Die Tür würde ihm von einem anderen Diener geöffnet werden, und zusammen mit diesem Diener arbeiteten noch viele andere in seinem Haus. Sie alle hatten Namen, die er nicht kannte, und Gesichter, die er vielleicht nicht erkennen würde.
„Verdammt noch mal, ich werde eine verfluchte Liste brauchen, um mir all die Namen zu merken! “ Er rieb seine Stirn und wünschte sich, er hätte den letzten Cognac nicht getrunken, denn er war tatsächlich nicht ganz auf der Höhe. Nun ja, das geschah seiner unverschämten Frau nur recht. Wieso war sie so verdammt verführerisch und schickte ihm auch noch ein Unwetter hinterher, wenn er sich vor ihr in Sicherheit brachte?
Er brauchte etwas zu essen. Auf nüchternen Magen konnte ein Mann nur ein bestimmtes Maß an Hexerei ertragen.
Oben an der Treppe blieb Jack stehen und hielt sich mit einer Hand am Geländer fest. Nun musste er das Geländer loslassen, um die Tür zu erreichen, aber er war sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war.
Er dachte noch mit angestrengt gerunzelter Stirn über seine Möglichkeiten nach, als ihn eine tiefe Stimme in schottischem Tonfall ansprach: „Sieh an, wen haben wir denn da?“
Eine andere, womöglich noch tiefere Stimme, antwortete: „Es ist niemand anders als Black Jack Kincaid mit der schwarzen Seele, der betrunkene Lump, der uns unsere Schwester gestohlen hat.“
Jack seufzte und schickte einen Blick hinauf zum Himmel. War Gott wütend auf ihn? War das der Grund, aus dem er ihm all diese Prüfungen schickte?
„Genau“, mischte sich noch eine weitere Stimme ein. „Der ist es. Bringt ihn um. Ich bin hungrig, und im Gasthof warten warme Pasteten auf uns. Wir sollten also schnell machen und es hinter uns bringen.“
„Genau. Macht voran“, sagte jemand anders. Es folgte ein Furcht einflößendes Geräusch, als würde jemand an seinen Fingern ziehen und die Gelenke knacken lassen.
Jack wandte sich um, während er sich mit einer Hand immer nach am Geländer festklammerte. Fionas Brüder, alle vier, standen in seiner Auffahrt, und er selbst war sturzbetrunken.
Hastig schloss er die Augen und sprach ein kurzes, inbrünstiges Gebet. Als er die Lider wieder öffnete, waren sie immer noch da, alle vier, und alle vier offensichtlich zornig.
Es gab keinen anderen Ausweg, als sich ihnen zu stellen, diesen Eseln. Jack wandte sich erneut der Treppe zu und kämpfte sich die Stufen, die er soeben mühsam erklommen hatte, wieder hinunter. Dabei hielt er sich krampfhaft am Geländer fest und hoffte inständig, dass sie nicht bemerkten, wie die Welt langsam nach links kippte.
Die Morgensonne umgab Fionas Brüder mit ihren goldenen Strahlen, als wären sie Gabriel und seine Erzengel, die gekommen waren, um Rache zu nehmen.
Wenn es aber etwas gab, das Jack über die MacLeans wusste, dann betraf es die Tatsache, dass der einzige Engel, den es in dieser Familie gab, nun in seinem Bett schlief.
Dieser Gedanke brachte ihn zum Lächeln. Dass sie wütend auf ihn waren, änderte nichts an den Tatsachen. Fiona war seine Ehefrau. Und ihre Brüder würden nichts tun, was ihre Schwester entehren oder sie in Verlegenheit bringen würde.
Diese Erkenntnis machte ihm Mut. Jack blinzelte ins Licht, fluchte und stellte sich auf die andere Seite der Treppe, wo ihm die Sonne nicht mehr direkt in die Augen schien.
Groß reichte nicht aus, um Fionas Brüder zu beschreiben. Sie waren wuchtig gebaut, mit schwellenden Muskeln und kräftigen Nacken. Alle waren dunkelhaarig wie Fiona. Bis auf Dougal, was Jack ziemlich amüsant fand, denn Dougal bedeutete „dunkler Fremder“. Während Fionas grüne Augen jedes ihrer Gefühle widerspiegelten, waren die Augen ihrer Brüder so dunkel, dass sie fast schwarz erschienen. Und sie alle starrten Jack finster an.
„Was für eine nette Überraschung.“ Jack lehnte sich gegen das Geländer und schob seinen Hut etwas tiefer in die Stirn, um seine Augen ein wenig mehr zu beschatten. „Fiona MacLeans verlorene Brüder. Oh. Wartet. Fiona Kincaid muss es ja richtig heißen.“
„Reiz uns nicht, Dummkopf“, brummte Dougal. „Wir sind gekommen, um sicherzustellen, dass es unserer Schwester gut geht.“
„Genau“, stimmte ihm Hugh zu. In Wahrheit nur ein Jahr älter als Dougal, erschien er wesentlich reifer, weil ihm eine weiße Haarsträhne in die Stirn fiel. Er maß Jack mit einem eisigen Blick. „Und wenn es unserer Schwester nicht gut geht ... “ Anstatt den Satz zu beenden, schmetterte er krachend seine riesige Faust in die Fläche der anderen Hand.
Jack beschloss spontan, dass er Fionas Brüder nicht besonders vertrauenerweckend fand. „Es besteht keinerlei Notwendigkeit für euch, hier aufzutauchen. Ich passe jetzt auf Fiona auf. Nicht mehr ihr.“
Seine Worte lösten bei seinen Zuhörern eine Welle von Missfallen aus. Alexander, der Älteste, bekam einen roten Kopf, während Gregor, Hugh und Dougal ihn mit tödlichen Blicken maßen.
„Sie ist unsere Schwester und damit unsere Verantwortung, verheiratet oder nicht“, fasste Dougal die Meinung der vier Brüder zusammen.
„Nicht wenn es nach Pater MacCanney geht“, erwiderte Jack, dessen Kopf im selben Moment plötzlich klar wurde. „Fiona ist nun mein - Seele, Geist und Körper.“ Er ließ sich das letzte Wort auf der Zunge zergehen, angefeuert von einer Mischung aus Trunkenheit und Zorn.
Mit geballten Fäusten stürzte Dougal vorwärts, doch Alexander legte ihm seine riesige Hand auf die Brust. „Nein!“, polterte er. „Nicht auf diese Weise.“
Dougal packte nach dem Handgelenk seines Bruders, und einen atemlosen Moment lang dachte Jack, Dougal würde eine Prügelei mit Alexander beginnen. Der Ausgang war klar, denn der älteste MacLean war einen halben Kopf größer als sein Bruder.
Schließlich ließ Dougal das Handgelenk des Älteren los.
Alexander versetzte seinem Bruder einen Klaps aufs Hinterteil. „Langsam, Bursche. Es gibt andere Möglichkeiten.“
Grimmig nickte Dougal. „Wir waren alle halb verrückt vor Trauer um Callum. Fiona hat versucht, mit uns zu reden, aber wir haben nicht zugehört, deshalb hat sie diesen wilden Plan ausgeheckt. Nun müssen wir eine Möglichkeit finden, sie wieder aus der Sache herauszubekommen, ohne dass es sie ihre Ehre kostet.“
„Ihre Ehre wird unter meiner Obhut nicht verletzt werden“, bemerkte Jack.
„Es ist nicht ihre Ehre, sondern ihr weiches Herz, um das ich mir Sorgen mache“, erklärte Alexander.
„Sie ist ein sehr feinfühliges Mädchen“, fügte Hugh hinzu.
„Genau“, sagte Gregor. „Eine schottische Rose.“
„Eure feinfühlige, zarte Rose hat mich aus dem Hinterhalt überfallen, mich besinnungslos geschlagen und mich zur Heirat gezwungen“, stellte Jack richtig. „Wenn ihr mit Hamish gesprochen habt, wisst ihr das doch ganz genau.“
Dougal grinste, und seine Zähne blitzten weiß auf. „Sie hat ein teuflisches Temperament, unsere Fiona.“
Inzwischen war Jack stocknüchtern. „Was auch immer sie für mich fühlt, auf euch alle war sie jedenfalls sehr wütend.“
„So ist es“, stimmte ihm Alexander zu. „Sie hätte nicht so überstürzt handeln müssen, wenn wir bereit gewesen wären, ihr zuzuhören.“
„Callums Tod muss gerächt werden“, brummte Dougal mit gerunzelter Stirn.
Jack verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Kincaids sind nun mit den MacLeans verwandt. Eure Schwester und ich haben vor drei Tagen geheiratet. Selbst wenn sie zu dem Zeitpunkt noch nicht guter Hoffnung war, könnte sie es jetzt sein.“
Nach diesen Worten trat erschüttertes Schweigen ein. Dann wirbelte ein plötzlicher Windstoß Staub auf und schüttelte die Bäume. Der Donner klang viel näher als zuvor.
„Du ... du ...“ Gregor stampfte vorwärts, aber Alexander hielt ihn mit einem scharfen „Halt!“ zurück.
„Zum Teufel.“ Alexanders Gesicht war so finster wie eine Gewitterwolke. „Kincaid hat recht. Es könnte tatsächlich ein Kind geben. “
„Aber Fiona ...“, begann Dougal.
„Ist verheiratet“, beendete Alexander den Satz mit fester Stimme. „Wir täten ihr keinen Gefallen, wenn wir so täten, als würde es diese Ehe nicht geben. Das würde nur sie und ihr Kind, falls es eines gibt, in Schwierigkeiten bringen.“ Alexander warf Jack einen strengen Blick zu, während der Donner noch näher kam. „Du hast uns in eine unhaltbare Situation gebracht, Kincaid.“
„Genau“, stimmte ihm Gregor zu. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. “
Jack stieß sich vom Geländer ab, eisige Wut verbrannte in seinen Adern den letzten Tropfen Alkohol. „Das ist das letzte Wort. Ich bin mit eurer Schwester verheiratet. Und wir werden ein Kind haben. Ich werde dafür sorgen, dass das ganz sicher passiert. “
„Du Bastard“, knurrte Alexander.
„Es ist der Wunsch eurer Schwester - wegen eures Verhaltens“, erinnerte Jack die Brüder. „Wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet ...“
Gregor verstellte ihm den Weg zur Treppe. „Es mag zu spät sein, gegen diese Ehe einzuschreiten“, stellte der Schotte fest, „aber wir können dafür sorgen, dass unsere Schwester glücklich ist.“
„Genau“, sagte Hugh direkt hinter Jack. „Einer von uns wird immer in der Nähe sein und aufpassen.“ Alexander verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe Geschäfte außerhalb der Stadt zu erledigen, und Hugh wird während der kommenden zwei Wochen zu Hause gebraucht, aber Gregor und Dougal werden hierbleiben. Sie könnten Fiona bewachen. “
„Das ist nicht nötig“, fuhr Jack ihn an.
„Wir meinen doch. “ Gregor legte schwer die Hand auf Jacks Schulter. Seine Augen funkelten. „Sie ist uns zu kostbar, um sie ungeschützt jemandem wie Black Jack Kincaid auszuliefern. “
Diese Männer hatten offensichtlich keine Ahnung, wie stark Fiona war; nichts an ihr war zerbrechlich und schwach.
Gregors Finger bohrten sich schmerzhaft in Jacks Schulter. „Jeder Seufzer, der über ihre Lippen kommt und jeder traurige Blick, den wir bei ihr sehen, wird auch für dich Kummer bedeuten.“ Unvermittelt landete Gregor einen Schwinger in Jacks Magen.
„Ufff!“ Jack krümmte sich, während vor seinen Augen Lichter explodierten. Er konnte nicht atmen, konnte sich nicht bewegen, konnte nur versuchen, bei Sinnen zu bleiben.
„Genau“, sagte Dougal und stellte sich neben seinen Bruder. „Wir werden aufpassen. Und wenn Fiona irgendwie anders als strahlend vor Glück aussieht... “ Er ballte seine Faust, doch Jack hechtete nach vorn und rammte seinen Kopf in Dougals Bauch.
Der riesige Schotte taumelte mit dem Rücken gegen das Geländer und machte, die Füße vor dem Kopf, einen Überschlag.
Daraufhin bewegte sich Gregor mit erhobenen Fäusten auf Jack zu, blieb aber plötzlich stehen. „Verdammt. Sie wird es sehen, wenn wir ihn verletzen. “
Nachdenklich rieb Hugh sein Kinn und betrachtete seinen Schwager. „Wenn wir ihn nicht ins Gesicht schlagen, wird sie es nicht erfahren. “
„Sie sind verheiratet, du Dummkopf“, erklärte ihm Gregor. „Sie sieht ihn auch ohne sein Hemd.“
Der Donner grollte direkt über ihren Köpfen, und die ganze Straße lag plötzlich in tiefem Schatten, als sich eine riesige Wölke vor die Sonne schob.
Alexanders dunkler Blick flackerte zu Jack hinüber, der ans Geländer gelehnt dastand und sich die Hand dort in die Seite presste, wo Gregor ihn getroffen hatte. „Ich glaube, wir haben unsere Meinung deutlich gemacht.“ Er seufzte. „Sorg dafür, dass sie glücklich ist, Kincaid. Sie hat das verdient, zumal Callum ... “ Einen Moment lang kämpfte er darum, den Satz zu beenden, dann gab er auf, wandte sich ab und ging. Die anderen folgten ihm.
Während Jack ihnen hinterhersah, spürte er als Nachgeschmack ihres Streites ein schmerzhaftes Brennen im Magen. Über ihm rauschten die Bäume im Wind, und die Luft war so schwer, dass sie auf seinen Schultern zu lasten schien. Er drehte sich um, legte die Hand aufs Treppengeländer und erreichte den Säulengang vor seiner Haustür genau in dem Moment, in dem das Unwetter losbrach.