~ Cassandra ~
Cassandra schrie auf und hielt ihre Seite. Die Korsage wurde nass. Ihr Blut trat schnell aus. Dann hieb sie auf ihn zu und riss die Augen auf.
Er war verschwunden. Mit Auferbringung ihrer Kraft schleppte sie sich zu Calliope und erstarrte. Merphan streichelte das Pferd und rammte ihm dann einen Dolch in den Hals. Danach schritt er langsam auf sie zu. Cassandra wurde von einem Adrenalinstoß erfasst und rannte los. Ihre Hand presste sie fest auf die Wunde, während sie zur Straße lief.
Merphan folgte der Gräfin gemächlich, er war sicher, dass hier niemand vorbeikommen würde. Allerdings hatte er sich getäuscht. Ein Wagen holperte heran und Cassandra hetzte auf den Pfad. »Bitte helft mir«, rief sie.
Der überraschte Bauer hielt und sie stieg zu ihm auf den Bock. Seufzend ging Merphan zu seinem Hengst und saß auf.
»Sie müssen dieses Tier schnell in den Galopp treiben«, wies sie den Landwirt an.
»Ja Mylady«, erwiderte der überfordert und schwang die Peitsche.
Das Pferd raste los und zog die Droschke unsanft hinter sich her. Cassandra ächzte ihrer Verletzung wegen und hielt ihr Schwert mit festem Griff.
~ Merphan ~
Merphan folgte ihnen. Im Ritt zog er seinen Bogen und legte auf den alten Mann an. Für ihn war es ein Leichtes ihn zu treffen, denn er hatte seine Fähigkeiten über die Jahrhunderte perfektioniert. Er ließ den Pfeil los und traf den Herrn mitten ins Genick.
»Bei Gott«, hörte er die Gräfin schreien und lachte. Dann preschte er ihr hinterher.
~ James & Cassandra ~
Cassandra sprang vom Bock auf den Rücken des Pferdes und sah hinter sich. Sie saß auf. Schmerz jagte durch ihren Körper und sie knurrte. Schließlich hob sie das Schwert und durchtrennte die Riemen, die das Tier mit der Kutsche verbanden. Sofort wurde es schneller und sie begann ihre Flucht. Es erschien ihr aussichtslos und sie betete, falls dieser Jäger sie erwischte und vollendete, was Cyrus damals begonnen hatte.
Sie musste eiligst nach Hause. Mit James sprechen und ihn warnen. »Bring mich nach Avabruck du edles Tier«, raunte sie dem Hengst zu. »Ich werde dich kriegen Gräfin und dich und deine Sippe auslöschen«, brüllte Merphan und schoss einen Pfeil an ihr vorbei. Cassandra schrie auf, sah hinter sich und erkannte … nichts mehr. Merphan war weg.
Tage später und wesentlich schwächer erreichte sie die Wälder Avabrucks. Ihre Verletzung hatte sich entzündet und war heiß. Anschließend ritt sie auf das Anwesen und lag bloß noch kraftlos auf dem Rücken des Pferdes. Ihr Schwert steckte in seiner Scheide. Vor dem Haus hielt es und sie fiel herunter.
Esra kam herausgelaufen und sah sie.
»Um Gottes Willen Lady Cassandra«, rief er und eilte zu ihr. Danach half er ihr hoch.
»Mit James sprechen, muss mit James sprechen«, wisperte sie schwach.
Ihre Beine gaben auf einmal nach und sie sackte in die tiefe Schwärze einer Ohnmacht.
Esra brachte sie in ihr Schlafgemach und Margret benachrichtigte James.
»Herr, die Gräfin ist zurückgekehrt und … sie ist verletzt«, sagte Margret.
Der Graf sprang sofort auf.
»Wo ist sie?«, verlangte er zu erfahren.
»Esra hat sie in Euer Gemach gebracht«, antwortete sie.
Daraufhin rannte er los. Lief durch die endlos wirkenden Flure des Herrenhauses. Schließlich erreicht er das Schlafzimmer, das er sich mit Cassandra teilte.
Er stockte, als er eintrat und seine blasse Gemahlin im Bett liegen sah. Ihre Hände waren voll mit geronnenem Blut und sie stank geradezu nach Tod. Er hielt sich die Hand vor die empfindliche Nase und eilte an ihre Seite. Dort setzte er sich.
»Meine Schöne wach auf, bitte erwache«, flehte er, den Tränen nahe.
Sie regte sich nicht. Er fragte sich, was geschehen war und sah Esra an.
»Nun steht hier nicht so herum, ruft einen Arzt«, herrschte er den Bediensteten an und begann mit zittrigen Fingern ihre Corsage zu öffnen.
~ Emilia ~
Emilia hatte von der Rückkehr Cassandras erfahren. Vorher bereits von ihrer Verletzung, denn ihr Bruder hatte ihr einen Brief zukommen lassen, dem ein Päckchen beigelegt war.
»Gib ihr das ins Wasser. Es ist Bilsenkraut und sehr giftig. Es wird ihr Halluzinationen bescheren und sie so in den Wahnsinn, dann in den Tod treiben«, hatte er geschrieben. Nun bereitete sie kleine Mengen davon zu, damit sie dieses Kraut unbemerkt in die Getränke der Gräfin mischen konnte. Seit kurzer Zeit nährte sie Aydan auch nicht mehr. Ihr war einfach die Milch ausgegangen und langsam war sie von dieser Gestalt genervt. Emilia war eine Gestaltwandlerin. Verflucht von ihrer eigenen Mutter zu einem Leben, indem sie nur zum sechsten Vollmond eines jeden Jahres ihr wahres Antlitz annehmen konnte. Das Alles hatte ihre Mutter ihr angetan, weil Emilias Vater untreu geworden war und sie ihm so ähnlich sah. Das Bilsenkraut hatte Merphan zu einem feinen Pulver verarbeitet. Es war ein Leichtes es unbehelligt in das Wasser der Gräfin zu schmuggeln. Seit einem Tag war Cassandra zurück, ein Arzt hatte sie angesehen und die Wunde gereinigt. Emilia versorgte sie mit Getränken und flößte ihr diese ein. Es war zu einfach, aber sie hieß diesen Umstand willkommen. Immerhin hatten diese Wölfe Cyrus auf dem Gewissen, den Mann, den sie geliebt hatte.
Sie verfluchte die Sippe der Avabrucks. Nicht nur wegen des Betrugs des Vorfahrens von James, auch weil sie ihn mit Sicherheit umgebracht hatten. Nachdem er hierher aufgebrochen war, hatten sie ihn nie wieder gesehen, dabei waren die Angehörigen der Bruderschaft zuverlässiger, als die anderen Menschen. Denn sie waren loyal zu jeder Zeit in jeder Situation.
Es lief perfekt zu jenem Zeitpunkt.
~ Cassandra ~
Eine Woche hatte die Adlige schlafend zugebracht. Dann schreckte sie auf einmal hoch und sah sich um. Alles schien normal zu sein. Ihre Seite schmerzte höllisch. Cassandra griff nach der kleinen Glocke und begann sie zu läuten. Wenig später betrat Emilia das Gemach.
»Lady Cassandra Ihr seid erwacht«, sagte sie zufrieden und lächelte.
Anschließend nahm sie ein Glas Wasser und reichte es der Gräfin.
»Trinkt, es wird euch gut tun«, ermutigte sie ihre Herrin.
Heute hatte sie eine größere Menge Bilsenkraut hineingemischt.
Sie beobachtete gebannt, wie Cassandra ihr den Becher abnahm und ihn in einem Zug leer trank.
»Danke Emilia«, meinte sie.
»Bringt bitte meinen Sohn her und ruft meinen Gemahl«, bat sie die Amme.
»Ja Mylady.«
Die Gräfin sah ihr nach und legte sich wieder hin. Übelkeit ergriff sie und ihr Herz begann zu rasen. Sie schaute an die Decke, die sich auf einmal bewegte. Cassandra hob eine Augenbraue. Es wirkte auf sie, als hätte sie zu viel Wein getrunken, doch war es bloß etwas Wasser. Dann schloss sie die Augen und atmete durch.
Minuten vergingen, bevor die Gouvernante mit Aydan hereinkam.
»Der Graf wird bald bei Euch sein«, verkündete sie und setzte den Erben der Avabrucks neben seine Mutter.
»Bitte geht, Emilia«, verlangte sie ungehalten, denn das Gesicht der Amme schien sich im Sekundentakt zu verändern.
»Ja Herrin.«
Damit verschwand sie und ließ Mutter und Sohn allein. Cassandra sah Aydan an, lächelte ihm zu und streichelte seine Wange.
»Du siehst deinem Vater so ähnlich«, wisperte sie.
Aydan erwiderte ihren Blick und gluckste.
Dann, wie aus dem Nichts, verwandelte er sich.
Die Augen wurden gelb, Zähne traten hervor und eine Schnauze wuchs ihm. Cassandra riss die Augen auf und griff zum Nachttisch, auf dem ihre silberne Atame lag, falls James es einmal nicht schaffte, das Haus bei Vollmond zu verlassen. Sie holte aus, als die Tür geöffnet wurde.
»Cassandra!«, schrie James und stürzte auf sie zu. Gerade rechtzeitig konnte er sich schützend über Aydan werfen und die Silberklinge abfangen. Er brüllte, als die Klinge durch seine Haut brach. Esra, angelockt von dem Lärm, kam angerannt und sah das Schauspiel. Augenblicklich eilte er zu ihr und entrann ihr das Messer. Keifend kämpfte sie gegen den Butler an und er sah keine andere Möglichkeit, als sie niederzuschlagen. Bewusstlos lag sie nun dort und James keuchte. Er drohte auf dem Kleinkind zusammenzubrechen. Der Bedienstete half ihm, zog die Atame aus seinem Rücken und warf sie zur Seite.
»Sperrt sie ein und lasst sie nicht heraus«, stöhnte James und schleppte sich zur Tür. »Und verschließt die Fenster, damit sie niemandem etwas antun kann«, befahl der Graf.
»Ja Herr«, erwiderte Esra.
Dann nahm der Butler Aydan auf den Arm und folgte ihm aus dem Schlafgemach. Anschließend verschloss er die Tür und gab den Befehl weiter, dass man die Fenstergläser verschließen sollte.
Schweren Herzens hatte James befohlen, dass man seine Gemahlin einsperrte. Doch nun, wo sie schon so weit ging und seinen Sohn verletzte, musste es sein. Die Fenster hatte man vergittert und nur die Amme ließ man zu ihr vor, damit sie Cassandra Essen und Getränke brachte. Die Gouvernante hatte einen Teil ihres Ziels erreicht. Langsam, aber sicher, zerbrach das Leben des Grafen. Genauso, wie sie und Merphan es geplant hatten.
Cassandra wurde, mit jedem Tag, wahnsinniger. Sie sah Dinge, die nicht im Raum waren. Menschen, die lange Zeit schon tot waren, und fügte sich selbst Verletzungen zu. Gerade war Emilia bei ihr gewesen. Hatte ihre Medizin ins Wasser gemischt und es ihr zum Trinken gegeben. Jetzt war alles nur noch schlimmer. Die Halluzinationen nahmen zu. Cassandra stand auf und ging zur Wand, nachdem sie den Geist Hernans gesehen hatte. Sie stellte sich davor, holte weit aus und schlug ihre Stirn dagegen. Es wiederholte sich, bis eine willkommene Benommenheit einsetzte. Die Gräfin fiel zu Boden und die Atame unter dem Bett liegen. Einen Augenblick lang, schloss sie die Augen.
»Ihr habt mich umgebracht, Lady von Dulanis oder soll ich Monsterhure sagen?«, hörte sie Hernans Stimme.
Sie öffnete die Lider und kroch zur Schlafstatt. Kurz tastete sie nach dem Messer, als sie endlich den Griff fand und diesen ergriff. Dann drehte sie sich auf den Rücken und über ihr ragte Tylsar auf. Sie sah das Wappen auf seiner Brust und riss kurzerhand den Ärmel ihres Nachthemdes in Fetzen. Anschließend nahm Cassandra die Klinge und begann, ohne hinzusehen, dieses Siegel in ihren Oberarm zu ritzen. Das Blut lief heiß ihren Arm herunter, doch dieser Schmerz war eine willkommene Ablenkung von den Trugbildern. Das kalte Silber auf der erhitzten Haut tat seine Arbeit wie von allein. Mit geschlossenen Lidern führte sie die Atame, während sie am Boden lag.
Als Emilia am nächsten Morgen Cassandra aufsuchte, hatte sie wieder einen kleinen Beutel Bilsenkraut bei sich. Sie stellte das Tablett auf einen Beistelltisch. James hatte verlangt, dass man seiner Gemahlin nur noch Holzbecher brachte. Cassandra musste von Holzbrettchen essen, damit sie nicht auf die Idee kam, sich zu verletzen. Esra hatte sie begleitet und sah, dass die Gräfin am Boden lag. Er lief zu ihr und hob sie aus dem Blut.
»Sie hat sich verletzt«, verkündete er und sah Emilia an, die gerade das Kraut in Cassandras Wasser mischte.
»Was macht Ihr da?«, verlangte er zu erfahren, legte seine Herrin aufs Bett und eilte an die Seite der Amme.
»Es ist die Medizin des Arztes«, antwortete diese erschreckt und bemühte sich das Beutelchen zu verstecken.
»Das ist unmöglich, die Arznei wird ihr durch mich oder dem Herrn gegeben«, meinte er und versuchte ihr das kleine Bündel zu entziehen.
»Der Graf beauftragte mich heute Morgen damit«, redete sie sich heraus.
»Gebt mir den Beutel Emilia«, forderte er harsch und packte sie bei den Oberarmen. »Nein, ich händige ihn nicht an Euch aus«, gab sie zurück.
»Dann werdet ihr das Wasser der Gräfin trinken«, bestimmte er und drehte ihr die Arme auf den Rücken.
»Das werde ich nicht tun«, zeterte sie, denn heute sie eine besonders große Menge hinzugegeben. Der Butler bugsierte sie zu dem Tischchen und nahm den Becher. Ohne Rücksicht auf Verluste hob er ihn an ihre Lippen und leerte ihn in ihren Mund aus. Sie versuchte sich zu wehren, allerdings schluckte sie einiges des Wassers und verfluchte Esra dafür. Kurz darauf sackte Emilia mit Herzschmerz zusammen und begann Dinge zu sehen, die gar nicht da waren. Auf einmal stand ihr Bruder vor ihr.
»Du hast uns verraten Emilia«, warf er ihr vor.
»Nein ich habe unser Vorhaben nicht verraten. Die Gräfin stirbt. Ich gab ihr das Bilsenkraut, wie du es verlangt hast. Ich beging keine Fehler«, antwortete sie dem Trugbild.
~ Esra ~
Esra musterte die Amme und hob sie auf seine Schulter. Dann trug er sie aus Cassandras Gemach und brachte sie in den Keller. Sie sprach immer weiter mit diesem geheimnisvollen Bruder, einen Namen hatte sie nicht erwähnt. Nun musste Esra unbedingt zum Grafen und ihm die Erkenntnis, dass Cassandra durch Emilias Hand Bilsenkraut verabreicht worden war, mitteilen. Er ließ die Gouvernante allein zurück und versperrte die eiserne Tür des Holzkellers. Schnell rannte er die Treppen nach oben. Den Kopf von dieser erreicht, lief er zu James‘ Arbeitszimmer und platzte mitten in eine Unterredung des Grafen mit Caleb.
»Herr es tut mir leid, wenn ich Euch störe, aber … die Amme … sie vergiftete Eure Gemahlin mit … Bilsenkraut. Ich zwang sie es selbst zu trinken und sie verriet sie«, sprudelte es aus dem atemlosen Butler heraus.
»Sie tat was? Was ist mit Cassandra?«, fragte James und sprang auf.
Esra brauchte einen Moment, um tief durchzuatmen. Dabei durchbohrte der Blick des Lehnsherrn ihn.
»Der Gräfin geht es den Umständen entsprechend. Sie schlief, als ich Emilia in das Gemach begleitete und ich hob sie ins Bett. Sie hat sich selbst verletzt. Sie hat einige Blessuren, aber es scheint ihr Leben nicht zu gefährden«, antwortete er dann.
»Die Amme ist im Holzkeller eingesperrt«, fuhr er fort.
»Dieses … Weibsbild«, bremste James sich noch gerade so und kam um seinen Schreibtisch herum.
Caleb sah seinen Freund und dessen Bediensteten an.
»Willst du nach Cassandra oder nach diesem … Frauenzimmer im Keller sehen?«, fragte er James.
»Zuerst Cassandra und dann Emilia«, antwortete dieser und rauschte aus dem Arbeitszimmer.
~ Emilia ~
Emilia wusste kaum, wo ihr der Kopf stand.
»Du hast uns alle verraten«, drang Cyrus‘ Stimme an ihr Ohr und sie sah sich hektisch um.
Es war dunkel in diesem Holzkeller. Nur durch einen Spalt fiel ein wenig Licht und sie schaute nach der Quelle. Dann sah sie den Lichtschein und tastete sich in der sonst so düsteren Umgebung voran.
»Du wirst sterben Emilia«, sagte das Trugbild Merphans amüsiert.
»Hört auf, hört auf«, forderte sie.
Ihr Herz drohte zu zerspringen in ihrer Brust und sie erschrak heftig, als sie gegen eine Wand lief. Sie betastete diese ab und fühlte, dass es Holzscheite waren. Ihre Finger suchten nach Zwischenräumen und fanden welche. Anschließend versuchte sie hinaufzuklettern. Das aufgetürmte Nutzholz wackelte bedrohlich, während sie sich daran hochzog. Sie kam dem Lichtstrahl näher und ignorierte die Stimmen ihrer Freunde mit aller Macht. Doch … löste sich der oberste der Scheite, sie verlor den Halt und fiel zurück in die Finsternis. Sie keuchte, als ihr Rücken auf den Boden aufschlug und rang nach Luft. Sie hörte, wie das Holz knackte und knarzte und dann war es schon beinahe zu spät. Das Gehölz regnete auf sie nieder, bis eine ganze Welle davon über sie hereinbrach und unter sich begrub.
Emilia spürte das Brechen ihrer Knochen und schrie. Sie hatte Glück, dass die herabfallenden Scheite sie nicht töteten.
~ James ~
James, der gerade gemeinsam mit Esra und Caleb auf dem Weg zu Cassandra war, vernahm den Krach.
»Was war das?«, verlangte er zu erfahren.
Esra zuckte die Schultern. Caleb sah ihn an. »Jemand schreit.«
Der Graf nickte und machte auf dem Absatz kehrt. Eilig liefen sie zur Kellertür. Das Wimmern wurde lauter. Schließlich öffneten sie diese und eilten die Stufen herunter.
»Esra sperrt den Holzkeller auf«, befahl James, als sie die Eisentür erreicht hatten. Der Butler zog den Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss die Tür auf.
Caleb und James erkannten das Chaos als Erste. »Esra holt eine Lampe«, sagte Caleb und der Bedienstete ließ sie allein.
»Denkst du, dass sie darunter begraben ist?«, fragte James.
»Ich nehme es stark an«, erwiderte Caleb.
Dann gingen sie zu dem Holzberg und begannen die Scheite zur Seite zu schaffen.
Emilia stöhnte, als das Gewicht langsam von ihrem Leib verschwand. Es war unglaublich erleichternd. James sah zuerst die Finger der Amme und schneller legten sie ihren Körper frei. Esra kehrte zwischenzeitlich zurück. In seinen Händen rasselten Ketten und Caleb sah ihn verwirrt an.
»Ich dachte, dass sie gefesselt werden sollte, da sie bereits versuchte zu fliehen«, erklärte der Butler kleinlaut.
»Das ist ein hervorragender Einfall Esra. Danke!«, entgegnete James. »Caleb würdest du bitte helfen?«
Der Freund des Grafen schüttelte kurz den Kopf, dann ging er ihm wieder zur Hand. Schließlich war das Holz beiseitegeschafft und Emilia lag schweratmend am Boden. Esra kam hinzu, als Caleb die Amme in eine sitzende Position brachte.
Ihr Gesicht, ihre Haarfarbe und auch ihre Statur veränderten sich auf einmal. James traute seinen Augen kaum. Sie sah aus, wie der Jäger im Wald, der von seinem Tod gesprochen hatte.
Vorher schon hatte er eine Ähnlichkeit zwischen Emilia und diesem Herrn bemerkt, aber nun konnte niemand sie mehr leugnen.
Esra fesselte Emilia mithilfe der Silberketten und sie jaulte vor Schmerz.
James und Caleb sahen ihn fragend an.
»Die Ketten sind aus Silber und ich bediente mich am Weihwasser der Gräfin, um sie damit zu benetzen«, erklärte der Butler dann.
»Aber warum?«, fragte Caleb.
»Ihr habt doch selbst gesehen, dass diese Dame kein normaler Mensch ist«, antwortete Esra.
»Oh«, war die einzige Reaktion Calebs.
Emilia verlieh ihrer Qual immer lauter Ausdruck, bis James sie ohrfeigte.
»Schweig Weib«, herrschte er sie an und sie verstummte augenblicklich. Anschließend ging der Graf vor ihr auf ein Knie und musterte sie.
»Wer seid Ihr wirklich?«, wollte er wissen.
»Emilia, aber ich sehe nicht so aus, wie Ihr mich kennt«, presste sie unter Schmerzen hervor.
»Was seid Ihr?«
»Eine Formwandlerin.« Sie sah ihn mit weit geöffneten Augen an.
»Warum habt Ihr meine Gemahlin vergiftet?«, verlangte er zu erfahren.
»Weil mein Bruder es mir aufgetragen hat. Wir werden Euch und Eurer Sippe schaden, wie von Eurem Vorfahren einst unseren geschadet wurde«, antwortete sie gequält.
»Wer ist Euer Bruder?« James‘ Blick taxierte sie.
»Merphan.«
»Zu wem gehört Merphan?«
»Zu niemandem. Er will bloß zurück, was uns gehört, und das ist dieses Land«, erwiderte sie.
Sie log ihn an. Emilia wollte das weitere Vorhaben, die Avabruck Linie auszulöschen, nicht preisgeben.
»Euer Land? Es war schon immer im Besitz meiner Familie«, lachte er. Dann fuhr er fort: »Ich werde Euch gehen lassen Emilia. Aber wenn Ihr es noch einmal wagt, mein Land zu betreten und meiner Familie zu nahe zu kommen, dann werde ich Euch jagen und vernichten.«
Seine Stimme war kaum mehr als ein bedrohliches Flüstern.
Sie nickte wild. James sah Esra an. »Bringt sie in den Wald, dort löst die Ketten und lasst sie ziehen«, befahl er.
»Ja Herr.«
James erhob sich und verließ den Holzkeller.