~ Cassandra~
Völlig desorientiert lief Cassandra durch den ausgeschürften Fels, in dem ihre Gilde beheimatet war. Die Nachricht des Arztes hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht und nun fragte sie sich, wie sie sich allein um ein Kind kümmern sollte. Der Jägerin rannen die Tränen über die Wangen, da sie ihre Situation für aussichtslos hielt. Ihr Vater würde sie sicher verstoßen und ihr Bruder sie hassen, weil sie nicht in den Dienst trat, ihn und seine Familie zu beschützen. Der Mediziner hatte ihr gesagt, dass sie sich unverzüglich beim Rat melden musste und nun machte sie sich auf den Weg zur Ratskammer.
Diese Nachricht war alles andere, als gut und sie rechnete damit, dass man sie verbannte. Cassandras Hoffnungsschimmer war Magnolia, die einzige Dame im Rat. Heute war eine Versammlung, weshalb sie wohl alle antreffen würde. Sie erreichte die große Tür und atmete tief durch. Nur wie sollte sie ihnen sagen, dass sie guter Hoffnung war? Cassandra wusste es nicht und sie wollte auch James nicht verraten. Sie straffte sich und klopfte an die Tür, die sofort von zwei Jägern geöffnet wurde und sie ansahen.
»Lady von Dulanis die Ratsversammlung darf nicht gestört werden«, wandte sich Morynn an sie. Sie schluckte und sah ihn an.
»Ich fürchte, in diesem Fall müsst Ihr eine Ausnahme machen«, erwiderte sie.
»Lady von Dulanis was verschafft uns die Ehre?«, fragte Magnolia von weiter hinten und winkte sie heran.
Cassandra betrat den kreisrunden Saal und ging in die Mitte des Rates. Man sah sie erwartungsvoll an und musterte sie von allen Seiten. Die Jägerin holte tief Luft und sah Magnolia an.
»Ehrenwerter Rat, es ist meine Aufgabe mitzuteilen, dass ...«, sie machte eine Pause und schloss ihre Augen.
»Das was?«, erkundigte Ylan, einer der Ratsherren, sich.
»Dass ich guter Hoffnung bin«, antwortete sie.
Ein Raunen ging durch die Ratsmitglieder.
»Wer ist der Vater des Kindes?«, erfragte Magnolia. Die Frage, die Cassandra auf keinen Fall gestellt bekommen wollte, war nun doch ausgesprochen. »Hernan von Epjeskess«, erwiderte die Jägerin und log den Rat abermals an, seit sie James kennengelernt hatte.
»Wann habt Ihr das Lager mit ihm geteilt?«, fragte der älteste Ratsherr.
»Das war in Avabruck«, antwortete sie und fuhr fort: »Es tut mir leid, dass ich den Kodex mit Füßen trat und ich nehme jede Strafe an, die Ihr mir auferlegt.«
Ylan erhob sich und kam auf Cassandra zu. Väterlich legte er seine Hände auf ihre Schultern und sah in ihre Augen. Die Jägerin bemühte sich beschämt auszusehen und errötete.
»Eine Dame, die ein Kind erwartet, wird nicht gezüchtigt, aber Ihr könnt nicht mehr auf die Jagd gehen, solange Ihr guter Hoffnung seid«, meinte er.
Cassandra nickte. Magnolia stand ebenfalls auf. »Lady von Dulanis Ihr solltet heimkehren und Euch dort auf Euer Baby freuen. Wenn Ihr es wünscht und Euer Nachwuchs in Sicherheit ist, so ist es uns eine Freude Euch als Nimrod wieder aufzunehmen«, sagte Magnolia entschieden.
»Ihr werdet Begleiter bekommen, die Euch nach Dulanis bringen«, erklärte Ylan und drehte sich von ihr weg.
»Ich danke dem ehrenwerten Rat der Jäger«, entgegnete Cassandra laut.
»Ihr dürft nun gehen«, meinte einer der ältesten Ratsherren und die Jägerin nickte.
Sie wandte sich ab und verließ die Ratskammer eilig. Tränen brannten in ihren Augen. Sie trug einen Bastard in sich und wurde nun auch noch nach Dulanis geschickt. Die Angst vor der Wut ihres Vaters wuchs in ihr, als sie in ihre Kammer zurückkehrte und dort ihre Habseligkeiten zusammenpackte. Der Arzt hatte geschätzt, dass das Kind im Sommer das Licht erblicken würde, wenn ihr nichts geschah und dann würde sie es zu James bringen. Es klopfte und ein junger Jäger, Tylsar war sein Name, stand in der Tür und sah sie an.
»Lady von Dulanis seid Ihr bereit die Reise anzutreten?«, fragte er. Man hatte wirklich schnell dafür gesorgt, dass sie Belron verließ und es war dem Rat scheinbar egal, dass draußen die Nacht anbrach.
»Ich werde gleich bei Euch sein«, antwortete sie und schloss ihre Taschen.
Alles, was sie einst mit nach Belron genommen hatte, war nun gepackt und sie hob ihre Gepäckstücke hoch.
»Lasst mich das tragen«, sagte Tylsar und kam an ihre Seite. »Eine Dame, die ein Kind erwartet, sollte nicht schwer heben«, meinte er und nahm ihr ihr Gepäck ab.
Gemeinsam durch schritten sie den Fels und traten hinaus in die kalte Dunkelheit. Eine Kutsche stand für sie bereit und sie ging zielstrebig darauf zu. Ohne ein Wort war sie im Inneren verschwunden und schloss die Vorhänge, damit niemand sie behelligte. Cassandra hielt ihr Lieblingsbuch in der Hand.
»Lady von Dulanis ist nicht anwesend, kann ich Euch helfen junger Herr?«, hörte sie eine Herrenstimme.
»Ich habe einen Brief für Lady von Dulanis und ich darf ihn nur ihr übergeben«, erwiderte jemand anderes.
Cassandra öffnete die Vorhänge und sah nach draußen.
»Ich bin hier«, mischte sie sich ein und ein Bursche mit blondem Haar trat auf die Kutsche zu. Er überreichte ihr ein Schriftstück.
»Der ist für Euch Mylady«, sagte er.
»Danke«, erwiderte sie und zog eine Goldmünze hervor, die sie ihm gab.
Er wandte sich ab und sie sah das Schreiben an. Es trug James‘ Siegel und sie versteifte sich. Was wollte der Graf noch von ihr, sie hatte ihm doch deutlich zu verstehen gegeben, dass sie ihn nicht liebte. Auch wenn es eine Lüge gewesen war. Als die Kutsche sich in Bewegung setzte, brach sie das Wachssiegel und begann seine geschwungene Handschrift zu lesen.
~ ~ ~
Die Kutsche war die gesamte Nacht unterwegs gewesen und immer wieder hatte Cassandra, im schwachen Schein des Öllichts, den Brief gelesen. Er liebte sie noch immer. Sie überlegte, warum er sie nicht einfach hatte, vergessen können. Seufzend las sie Zeilen ein weiteres Mal. Tränen rannen über ihre Wangen und vor ihrem geistigen Auge erschien der Graf, wie er ihren Sohn in seinen Armen wiegte. Sie schluchzte leise und an der Tür klopfte es.
»Geht es Euch nicht gut, Mylady?«, fragte Tylsar. Cassandra zückte ein Taschentuch und tupfte ihr Gesicht ab.
»Doch, ich fühle mich bestens«, antwortete sie heiser.
Er raunte und ahnte, dass die Jägerin sich schlecht fühlte, allerdings wollte er sie keinesfalls bedrängen.
Sie hatte ihn häufig unterrichtet, seit er in die Lehre gegangen war, aber Freunde waren sie nie geworden. Dafür war einfach der Altersunterschied zwischen den beiden zu groß. Cassandra lehnte sich in der Kutsche zurück und schloss ihre Augen, der Weg nach Dulanis war lang und sie wusste nicht, wie sie sich die Zeit anders vertreiben sollte, als mit schlafen.
~ ~ ~
Nach einer ereignislosen und mehrtägigen Fahrt erreichte die Droschke die Ländereien ihres Vaters und Cassandra sah hinaus. Seit der Reise mit Extron war sie nicht mehr in ihrer Heimat gewesen. Die frisch gefallenen Schneeflocken bedeckten die Felder, Hügel und die Berge. Der Winter war ihr zwar nicht die liebste Jahreszeit, aber der Schnee tauchte alles in eine wundervolle Atmosphäre. Beschwerden waren bisher zum Glück ausgeblieben, obwohl der Doktor sie vor Übelkeit und anderen Symptomen gewarnt hatte. Die Jägerin sah auf ihre Finger, die in ihrem Schoß lagen, und erkannte langsam eine kleine Wölbung ihres Bauches. Instinktiv legte sie ihre Hand darauf und schloss die Augen. Ihr fielen so viele Namen für das Kind ein, egal ob es ein Junge oder ein Mädchen werden würde, sie hatte schnell eine Entscheidung getroffen. In der Kutsche war es kalt. Ihr Atem kondensierte und sie zog ihren Umhang enger. Unweigerlich näherte sie sich dem Hof ihres Vaters und wurde unruhig. Was würde er sagen? Wozu würde er sie zwingen? Sie stellte sich Unmengen von Fragen und fand keine Antwort. Cassandra hoffte nur, dass er nicht auf die Idee kam, sie sofort zu verheiraten und das Kind diesem Herrn als seines zu verkaufen. Sie wollte niemand anderen ins Unglück stürzen und früher oder später, würde diese Lüge auffallen. Die Kutsche hielt und Tylsar öffnete die Tür.
»Wir sind da Mylady«, sagte er und sie erhob sich. »Danke, dass Ihr mich begleitet habt«, entgegnete sie und stieg aus.
Das Schloss ragte vor ihr auf und sie schluckte. Jetzt, wo sie solch ein Geständnis ablegen musste, war es einschüchternd. Langsamen Schrittes ging die Jägerin auf die große Flügeltür zu, die von zwei Männern flankiert wurde. Dulanis war eine der sichersten Herzogtümer des Landes und deshalb verzichtete man auf Schlossmauern.
»Lady Cassandra«, sagte der Ältere und nickte ihr zu. Sie erwiderte es schweigend und man ließ sie ein. Mit einem schlechten Gefühl lief sie durch die Korridore und wurde, von einem Bediensteten, zu ihrem Vater begleitet. Sie erreichten sein Schreibzimmer und sie hörte ihren Vater wütend sprechen.
»Wir sollten uns das nicht bieten lassen, Garrett«, wetterte er.
Er sprach also mit ihrem Bruder. Zaghaft klopfte sie an die Tür und öffnete sie. Man sah, mit überraschter Miene, zu ihr.
»Cassandra, Kind was machst du hier?«, fragte der Herzog.
Sie räusperte sich. »Ich muss mit Euch reden, Vater«, antwortete sie.
»Natürlich, nimm Platz.« Er deutete auf den anderen Sessel vor seinem Schreibtisch.
»Allein«, sagte sie und sah ihren Bruder entschuldigend an.
Garrett erhob sich und stellte sich vor seine Schwester.
»Warum auch immer du angereist bist, ich freue mich über deinen Besuch«, erklärte er leise und umarmte sie.
»Danke«, flüsterte sie und erwiderte die herzliche Begrüßung zaghafter.
Er verließ das Schreibzimmer und die Jägerin nahm vor dem Möbelstück Platz.
»Du siehst gut aus, mein Kind«, meinte ihr Vater und musterte sie durch sein Monokel.
»Danke Vater.«
»Warum hast du den weiten Weg auf dich genommen?«
»Weil ich Euch etwas mitteilen muss.«
»Und was?«
Cassandra seufzte und holte tief Luft, während der Herzog sie taxierte. Sie hatte das Gefühl immer kleiner zu werden unter seinem Blick.
»Ich erwarte ein Kind«, sagte sie ein Ticken zu schnell und zu laut. Ihrem Vater fiel die Kinnlade herab.
»Ein Kind?«
Sie nickte betreten und presste ihre Lippen aufeinander.
»Du erwartest ein Kind!?«, herrschte er sie an.
»Ja, es tut mir leid«, erwiderte sie leise.
»Das darf nicht wahr sein. Hast du denn deine Erziehung vergessen? Was ist mit deiner Berufung? Was ist mit dem Schutz von Garrett und seiner Familie?«, fragte der Herzog.
»Ich ... Es war nicht beabsichtigt«, antwortete sie. »Nicht beabsichtigt? Das ist es nie, ein uneheliches Kind. Du bringst Schande über unser Haus.« »Vater, ich ... wurde von der Gilde hergeschickt, um das Kind zu gebären und aufzuziehen«, entgegnete sie leise.
»Du willst einen Bastard in meinem Reich aufziehen? Dieses Kind muss weg, sorge dafür, dass es das Licht nicht erblickt, Cassandra, oder ich verstoße dich«, grollte er wütend.
Wie geschlagen sah Cassandra ihren Vater an und erhob sich.
»Ich werde es nicht töten«, erwiderte sie laut und wandte sich von ihrem Vater ab.
»So habe ich keine Tochter mehr«, sagte er tonlos und sie stürmte aus dem Schreibzimmer.
Cassandra hatte alles verloren. Ihre Berufung, ihre Familie, einfach alles. Sie wusste nicht, was sie tun sollte und rannte tränenblind durch die Korridore. »Cassandra?«, fragte Garrett, der gerade aus dem Speisesaal getreten war, an dem sie vorbei gelaufen war. Unbeirrt lief sie weiter, aber ihr Bruder folgte ihr.
»Warte doch!«, rief er und eilte ihr hinterher. Erst vor dem Schloss hatte er zu ihr aufgeholt und sich ihr in den Weg gestellt.
»Was bringt dich zum Weinen?«, flüsterte er.
Sie schluchzte lauter. »Vater, er hat mich verstoßen.«
Garretts Blick durchbohrte sie und nun wich sein fragender Ausdruck einem erzürnten. »Warum?« Die Jägerin traute sich kaum ihrem Bruder in die Augen zu schauen und wisperte: »Weil ich ein Kind erwarte.«
Er versteifte sich ein wenig, doch zog er sie in seinen Arm. »Ich spreche mit ihm, damit du bleiben kannst«, versuchte er sie zu beruhigen.
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich werde gehen, er will nicht, dass ich es austrage und verlangte, dass ich es loswerde, noch bevor es das Licht erblickt«, weinte sie.
»Wirst du mir schreiben?«, fragte er.
Er wusste, dass es schwer war, Cassandra von etwas zu überzeugen, wenn sie sich das Gegenteil entschieden hatte.
»Das werde ich, Garrett. Könntest du bitte dafür sorgen, dass man mir ein Pferd sattelt und ich mein Gepäck bekomme?«, erkundigte sich Cassandra und löste sich aus der Umarmung ihres älteren Bruders.
Die Kutsche war bereits abgefahren und ihre Gepäckstücke waren von Bediensteten ins Schloss gebracht worden.
»Natürlich, aber warte nicht in der Kälte. Komm herein«, antwortete er und zog sie zurück ins Innere.
~ James ~
James alljährlicher Weihnachtsbesuch in den Gemeinden stand an und er hatte sich warm angezogen. Der Schnee lag hoch in den Ländereien und er wollte sich ungern erkälten. Gerade begab er sich zu den Stallungen, als ein Bote auf das Haus zuritt. Er zog seine Handschuhe an und sah dabei dem Burschen entgegen, der sein Pferd vor ihm zum Stehen brachte.
»Seid Ihr James, Graf von Avabruck?«, fragte der Reiter.
»In der Tat«, antwortete er. Ihm wurde eine Nachricht übergeben und James musterte das Pergament. »Von wem stammt dieser Brief?«, erkundigte er sich.
»Das weiß ich nicht, ein junger Herr gab ihn mir«, entgegnete er. Es fehlte ein Siegel, also war es kein offizielles Schreiben.
»Geht hinein und lasst Euch einen Tee servieren. Ihr müsst durchgefroren sein und die Magd soll Euch einen Lohn für Euren Dienst geben«, sagte James und deutete zum Haus.
Dankbar nickte der Bote und stieg vom Pferd. Esra, der vor der Tür gestanden hatte, hatte es mit angehört und würde es Margret bestätigen, dass sie dem Herrn die üblichen zwei Goldstücke übergeben sollte.
James wandte sich wieder dem Stall zu und schritt darauf zu. Der frische Schnee knirschte unter seinen schweren Stiefeln, die gefüttert waren, damit er sich keine Erfrierungen holte. Auf dem Weg entfaltete er das Pergament und begann zu lesen. Seine Kiefer mahlten, als er die kantigen Buchstaben las und seine Augen verengten sich. Es stand kein Absender auf dem Brief und, dass er kein Siegel trug, machte James misstrauisch.
»Ich weiß, was Ihr seid.«
Diese wenigen Worte verursachten ihm Kopfzerbrechen. Wer hatte ihm geschrieben? Warum hatte man ihm geschrieben? Fragen über Fragen, auf die der Graf mehrere Antworten fand. Von Esra oder Margret, die wussten, was er war, würde er sicherlich nicht sein. Die beiden Bediensteten waren dankbar für die Arbeit, die James ihnen gegeben hatte, und verrichteten sie gewissenhaft. Stets waren sie auch darauf bedacht, ihn zu schützen. Cassandra konnte es ebenfalls nicht gewesen sein, ihre Schrift war um so vieles hübscher. Der Graf faltete das Pergament und steckte es in die Tasche seines Mantels. Er ging auf Shadow zu und streichelte den Hals des Tiers. Der Hengst stupste ihn an und James lachte leise.
»Du kannst es kaum erwarten, nicht wahr?«, fragte er das Ross. Mit einem Schnauben antwortete Shadow. James saß auf dem Pferd auf und gab ihm die Sporen. Wiehernd galoppierte das Tier sofort los. Die Hufen wirbelten den frisch gefallenen Schnee auf und neuer Schneefall hatte bereits eingesetzt. James setzte sie Kapuze seines Mantels auf und zog den Schal enger um seinen Mund. Die kalte Luft verursachte einen stechenden Schmerz. Der Tag war dunkel und sein Weg führte ihn zuerst ins abgelegenste Dorf Avabrucks. Es war klein, dort lebten vielleicht achtzig oder neunzig Menschen und es gab eine Kapelle. James sprang von Shadows Rücken und wandte sich dem Gotteshaus zu. Er unterhielt sich mit dem Pastor und überreichte ihm eine Spende, um die ärmeren Einwohner speisen zu können. Dem Grafen war es wichtig, dass niemand in seiner Grafschaft Hunger litt. Nach einem Rundgang durch das Dorf setzte er seinen Weg fort. Spät am Abend erreichte er die letzte Gemeinde seiner Ländereien und stieg in einem Gasthaus ab. Der Wirt war freundlich, und als er James erkannte, hatte er auf den Lohn verzichtet, dennoch hatte der Graf ihn für das Quartier entlohnt und sich zurückgezogen. Die Wintermonate waren James die liebsten des Jahres. Der Vollmond brach nicht oft durch die Wolkendecke und so war er nur selten gezwungen, sich zu verwandeln. Er lag auf dem Bett und hielt erneut das Pergament in den Händen. Noch immer fragte er sich, wer ihm schaden wollte und entschloss sich, am nächsten Tag mit Esra zu sprechen. Er nahm sich vor, Caleb einen Brief zu schicken und sich zu erkundigen, ob er eine Ahnung hatte, wer es auf ihn abgesehen hatte. Der Graf fiel in einen unruhigen Schlaf, wieder einmal war Cassandra in seinen Träumen erschienen und verließ ihn abermals. Sein Herz hatte es nie ganz verkraftet, dass sie gegangen war und, dass sie ihm auf sein Schreiben nicht geantwortet hatte, schmerzte ihn umso mehr. Früh am Morgen erwachte der Graf in dem kühlen Schlafgemach und sah sich um. James hatte einen Moment benötigt sich zu erinnern, wo er war. Das Feuer im Kamin war in der Nacht erloschen und nun war es eiskalt. Seine Körperbeherrschung hielt ihn davon ab mit den Zähnen zu klappern und so erhob er sich. Zügig kleidete er sich an und ergriff seine Tasche. Den Brief steckte er zurück in seinen Mantel und verließ das Quartier. Nach einem weiteren Dank beim Wirt, das Gasthaus und machte sich auf zu Shadow in den kleinen Stall. Der Hengst war schnell bereit für den Ritt und so saß der Graf auf und galoppierte abermals mit dem Pferd durch die schneebedeckte Landschaft. Der Wind brannte auf James‘ Haut und wieder zog er die Kapuze tiefer ins Gesicht und schob den Schal höher. Er war so ein geübter Reiter, dass er sich auch mit einer Hand auf dem Tier halten konnte. Immerhin saß er auf Rössern, seit er ein Junge gewesen war, was nun über siebzig Jahre zurücklag. Er verdrängte seine zahlreichen Gedanken und entspannte sich zum ersten Mal nach langer Zeit, als sein Anwesen in Sicht kam. Ein letztes Mal trieb er Shadow an und gab ihm einen festen Tritt mit den Sporen. Der Hengst wurde schneller. Eine Stunde später trabte James auf die Stallung zu, die gerade von Esra verlassen wurde. »Was macht Ihr hier, Esra?«, rief er verwirrt. Normalerweise war der Butler nicht für die Tiere verantwortlich. Der Bedienstete blieb stehen und sah den Grafen an, der ihm näherkam.
»Ich brachte das Pferd eines Besuchers in den Stall, der vor zwei Stunden eingetroffen ist«, antwortete er.
James wurde hellhörig.
»Wer besucht uns?«, fragte er.
Esra räusperte sich und setzte zur Antwort an.