Kapitel 3

~ James ~


Zwei Wochen waren seit Cassandras Rückkehr vergangen und man sah ihr die Schwangerschaft nun deutlich an. Die Hochzeit fand übermorgen statt und der Graf hatte einen Brief an ihren Vater aufgesetzt. Unbedingt wollte er, dass Cassandra wieder eine ehrbare Dame wurde und der dulanische Herzog ihr verzieh. Bisher war keine Antwort aus Dulanis eingegangen, die Einladung war unbeachtet geblieben und James wusste nicht, was er noch tun sollte, um sie und ihre Familie zusammenzuführen. Auf seinem Schreibtisch türmten sich die Bittgesuche der Dorfbewohner, doch kümmerten sie ihn im Moment nicht.

Am Morgen war eine weitere Nachricht eingetroffen, der keinen Absender enthielt und langsam wurde ihm mulmig bei der Sache.

»Ich werde Dich verraten!«, waren die Worte des Schreibers gewesen.

Es war abermals dieselbe Handschrift, dasselbe Pergament, und derselbe Bote hatte ihn gebracht. Beide Briefe lagen entfaltet auf dem Schreibtisch und er las sie immer wieder durch. Diese zwei Zeilen könnten alles zerstören, was er hatte und Cassandra und sein Kind in Gefahr bringen, wenn der Absender nicht scherzte. Seufzend lehnte er sich in seinem Ohrensessel zurück, schloss seine Augen und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger das Nasenbein. James hatte Caleb bereits eine Nachricht zukommen lassen, sein Freund hatte sich in Corvash aufgehalten und sofort einen Brief zurückgeschickt, dass er so schnell wie möglich nach Avabruck zurückkehren würde.

Corvash war eine Stadt, die ohne die Herrschaft eines Adligen auskam, und somit ein beliebter Ort für Verbrecher war. Es klopfte an der Tür des Schreibzimmers und James murrte: »Herein.« Cassandra öffnete die Tür und lächelte ihn an. Sie trug ein mintgrünes Kleid, das um ihren Bauch weit geschnitten war und auf seine Züge trat ein Lächeln.

»Meine Schöne, wie fühlst du dich?«, fragte er. Schnell ließ er die Briefe in der Schublade verschwinden und verschloss diese.

»Ich fühle mich gut, aber ich vermisse meinen Verlobten«, antwortete sie und betrat sein Schreibzimmer.

Langsam schritt sie zu ihm und lehnte sich an den Schreibtisch. James legte seinen Kopf an ihren Bauch und schloss die Lider.

»Ich habe sehr viel zu tun«, erwiderte er und sah zu ihr hoch.

Cassandra streichelte eine Strähne hinter sein Ohr und danach seine Wange.

Er hatte sich wieder nicht rasiert und sein Bartschatten kitzelte ihre Finger. Der Graf begann zu schnurren, wie eine Katze und seine Augen blitzten auf.

»Ich wollte auch nur mal nach dir sehen und dich nicht von deinen Verpflichtungen abhalten«, sagte sie.

»Du bist die willkommenste Ablenkung in diesem Haus und ich habe noch eine Überraschung für dich«, erwiderte er und löste sich von ihr.

Die ehemalige Jägerin sah ihn fragend an, sie hatte ihre Berufung aufgegeben, weil James es sich von ihr gewünscht hatte. Es hatte viel Streit gegeben, weil sie es zuerst nicht aufgeben wollte. Doch als er das Argument, dass die Gilde ihm und ihrem Kind gefährlich werden konnte, in den Raum geworfen hatte, war sie sofort einverstanden gewesen.

Den Brief hatte sie ohne einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort abgeschickt und danach war sie in ein Loch gefallen, aus dem sie erst vor Kurzem wieder hervorgekommen war.

»Was für eine Überraschung?«, fragte sie wissbegierig.

»Das werde ich dir zeigen«, antwortete James und erhob sich.

»Jetzt?«

»Ja jetzt«, sagte James und ergriff ihre Hand.

Sanft zog er sie aus dem Schreibzimmer und malte sich aus, wie sie reagieren würde.

»Wohin führst du mich denn?«, erkundigte sie sich neugierig.

»Du wirst es bald sehen, Cassandra, habe Geduld«, schmunzelte er. Sie liefen durch die Korridore und auf sein Gemach zu.

»Du wirst doch nicht ins Bett wollen?«

»Nein, wobei das eine Überlegung wert wäre«, neckte er sie.

Er hörte ihr leises Schnauben, aber es amüsierte ihn. Sie gingen an seinem Schlafgemach vorbei zur nächsten Tür, es war das Zimmer, das sie für ihr Kind vorgesehen hatte und er öffnete die Tür. Bis vor Kurzem war er leer gewesen, weil James alle Möbel in einen anderen Raum hatte bringen lassen. Doch jetzt war es als Kinderzimmer eingerichtet.

Er betrat das Gemach mit Cassandra und sie staunte.

»Das sieht wundervoll aus«, sagte sie, als sie sich umsah.

Mitten im Zimmer, im Schein der Wintersonne, stand die Wiege und ein Schaukelstuhl stand in einer Ecke. Die Kommoden waren aus feinstem Holz und der Teppich weich. Alles war in zarten Pastelltönen und weder auf einen Jungen noch auf ein Mädchen ausgerichtet. Sie ging auf die Kinderwiege zu und sah sie sich an.

»Darin habe ich schon als Baby gelegen«, erzählte er und kam an ihre Seite.

»Dann ist sie sehr alt«, schmunzelte sie und sah zu ihm auf.

»Nun, ich bin auch sehr alt«, erwiderte er und grinste sie an.

Seine Geliebte sah ihn fragend an, nie hatte er ihr verraten, wie alt er wirklich war.

»Ich werde es dir sagen, wenn du mir nicht mehr weglaufen kannst«, sagte er und zog sie an sich. »Wann wäre das?«, fragte sie und schmiegte sich an ihn.

»Ich werde es dir bald mitteilen, Cassandra«, antwortete er und küsste ihr Haar.


~ James & Cassandra ~


Aufgeregt ging Cassandra in dem Hinterzimmer der Kapelle auf und ab, sie hatte Angst vor dem, was bevorstand und ihr Kleid war immer noch nicht hergebracht worden. Margret hatte es am Morgen etwas weiten wollen und ihr versprochen es rechtzeitig zu bringen. Sie wünschte sich ein Glas Wein trinken zu können, doch der Arzt hatte ihr jede Art von berauschenden Dingen verboten und sie wusste, dass es falsch gewesen wäre.


James hielt sich bislang auf seinem Anwesen auf, am gestrigen Tag war Caleb eingetroffen und sie hatten seinen Abschied aus dem Junggesellenleben gefeiert. Nachdenklich stand der Graf im Salon und schwenkte sein Kristallglas. »Bist du aufgeregt?«, fragte Caleb, der gerade den Raum betreten hatte. Er sah auf und seinen alten Freund an.

»Nun ja, ich werde heute die Dame meiner Träume ehelichen, also ja«, antwortete James lächelnd und fuhr fort: »Ich mache mir Gedanken um Cassandra, sie hat sich eine kleine Zeremonie gewünscht und ich habe ihr diesen Wunsch erfüllt, aber ich habe das Gefühl, dass ... sie irgendwas bedrückt.«

Caleb bediente sich an James‘ Whiskey und trank einen Schluck.

»Ihre Familie wird nicht anwesend sein, vielleicht ist das der Grund für ihre Depression«, meinte er. »Ich hoffe, dass sie dennoch glücklich ist.«

Der Gast ging auf seinen Freund zu und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

»Sie ist glücklich das weiß ich«, munterte Caleb den Grafen auf.

Esra erschien im Salon und räusperte sich.

»Herr Eure Kutsche wartet«, sagte der Butler. »Danke Esra«, erwiderte James.

Er trug einen beigen Gehrock, darunter ein weißes Rüschenhemd und eine bordeauxfarbene Hose. Seine Schuhe waren aus feinstem Leder und sein Haar hatte er zu einem ordentlichen Pferdeschwanz gebunden. Er war sogar rasiert, was er sonst gerne vor sich herschob.


Cassandra knetete ihre Hände und stand an dem kleinen Fenster. Sie sah die Bauern und Händler Avabrucks bei ihrem Tagewerk und dachte, wenn sie ihnen zusehen würde, ihre Aufregung nachließ. Sie trug ein ihr hellblaues Kleid, weil Margret immer noch nicht aufgetaucht war.

»Wo ist sie nur?«, fragte sie sich leise. Cassandra war den Tränen nahe und versuchte sich zu beruhigen, doch gelang es ihr kaum. Außerdem war sie an diesem Tag ganz allein, obwohl James zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden war, so vermisste sie ihre Familie und ihre Mitstreiter. Früher hatte sie sich gewünscht, dass, wenn sie einmal heiraten sollte, alle anwesend sein würden, die sie kannte und liebte.

Eine einzelne Träne verließ ihr Auge und sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater sie verstoßen hatte. Sie hatte Schande über die Herzogsfamilie gebracht und vermutlich würde man in Dulanis verbreiten, dass sie umgekommen sei. Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken und sie sah zur Tür, der Knauf drehte sich langsam und die Tür öffnete sich.

»Verzeiht mir, dass ich erst jetzt erscheine, Lady Cassandra«, entschuldigte Margret sich sofort.

Sie atmete auf und lächelte die Dienstmagd an. »Das ist nicht schlimm. Vielen Dank, dass Ihr mir das Kleid bringt«, erwiderte sie und die Magd trat ein. Danach schloss Margret die Tür. Cassandra verschwand hinter dem Paravent.


James sah auf die Landschaft, an der die Kutsche vorüberfuhr. Ihm war warm ums Herz, am Abend würde sie seine Gemahlin sein und niemand könnte sie ihm mehr wegnehmen. Die Kapelle war mit weißen und roten Rosen geschmückt worden und es waren nur wenige Besucher eingeladen worden. Wichtige Freunde von James waren unter den Gästen, Caleb und seine Familie und James‘ Bedienstete. Er freute sich auf das, was vor ihm lag, und wusste, dass Cassandra, wenn sie ein Versprechen gegeben hatte, es nicht zurückziehen würde. Lächelnd sah er Caleb an.

»Du kannst es wohl kaum noch erwarten, was?«, fragte er James.

Der Graf schmunzelte und nickte.

»Ich liebe sie wirklich und du hast recht, ich kann es nicht erwarten, dass Cassandra meine Frau wird«, griente er.


Cassandra stand vor dem großen Spiegel und begutachtete sich. Die Dienstmagd hatte ihr die Haare gerichtet und sie zu einem feinen Knoten hochgesteckt. Auf ihrem Haupt saß eine Tiara aus Silber, die mit Diamanten besetzt war.

»Wem gehörte diese Tiara, Margret?«, fragte Cassandra und musterte die kleine Krone.

»Sie ist ein Erbstück, einst gehörte sie der Mutter des Grafen«, antwortete die Magd.

»Sie ist traumhaft«, flüsterte Cassandra und grinste. »Ihr seid wunderschön, Lady Cassandra«, erwiderte Margret und lächelte auch.


James stieg aus der Kutsche und sah, dass die Einwohner Avabrucks zahlreich erschienen waren. Kaufleute, Bauern und Wirte standen davor, und schienen zu warten. Als sie James erblickten brach Jubel aus und er sah nicht, dass der Absender der beiden Briefe sich unter den Bürgern befand. Lächelnd sah er die Besucher an und schritt an ihnen vorbei in die Kapelle. Die Gäste waren schon eingetroffen und hatten Platz genommen. Leise begann ein Chor zu singen und das Gemurmel verstummte. Man sah James an und der Priester stand bereits vor dem Altar. Lange dauerte es nicht mehr und Cassandra würde neben ihm stehen. Nach so vielen Problemen würde sie endlich seine Frau werden.


Margret reichte Cassandra ihren Brautstrauß und nahm sie in den Arm. »Ich bin so froh, dass der Graf Euch gefunden hat. Ihr seid die Richtige für ihn«, flüsterte sie und Cassandra erwiderte die Umarmung zaghaft.

»Es ist an der Zeit«, sagte die Magd, als sie sich von James‘ zukünftiger Braut löste.

Tief atmete die ehemalige Jägerin durch und schritt an die Tür. Behäbig ging sie in den Vorraum der Kapelle und sah voraus. Ihr langes weißes Kleid hinderte sie nicht beim Gehen und es verbarg ihren Schwangerschaftsbauch. Cassandra lächelte, als sie James erblickte, der mit dem Rücken zu ihr stand, und wartete darauf, dass sie Musik einsetzte. Eine wunderbare Orgelmelodie begann und sie lief gemachsam das Mittelschiff entlang. Die Gäste hatten sich erhoben und sahen sie aufmerksam an. James wandte sich langsam um und seine Iriden strahlten, als er sie erspähte. Sie grinste und trat neben ihn.

»Du bist wunderschön«, flüsterte er und ergriff ihre Hand.

»Danke«, erwiderte sie leise und errötete.

Strahlende Augen blickten dem Diener Gottes entgegen und er fing an zu sprechen. Er erzählte von James, der offiziell sein eigener Enkel war, und von Cassandras Leben. Wie sie sich gefunden hatten, erwähnte er auch, allerdings ohne Details, und sprach mehrere Gebete.

»Wenn jemand etwas gegen diese Heirat einzuwenden hat, so möge er nun sprechen oder für immer schweigen«, sagte der Priester laut und sah über die Köpfe des Brautpaares hinweg.

Er ließ einige Minuten vergehen und langsam setzte Gemurmel ein.

»Niemand hat etwas gegen Eure Verbindung und so frage ich Euch nun. James von Avabruck möchtet Ihr die hier anwesende Cassandra von Dulanis zu Eurer Frau nehmen, sie lieben und ehren in guten wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod euch scheidet?«, fragte er James.

Der Graf wollte gerade etwas erwidern, als die Tür der Kapelle aufflog.

»Diese Heirat darf nicht stattfinden«, schrie jemand und James und Cassandra wandten sich zu dem Störenfried um.

Alle sahen sie den Herrn an, der in der Tür der Kapelle stand. Das gleißende Sonnenlicht, das in seinen Rücken fiel, verhinderte, dass sie ihn erkannten.

»Wer seid Ihr?«, fragte James.

Er war sauer und seine Augen verrieten es. Der Herr trat vor und sprach weiter: »Ich meinte natürlich, diese Heirat darf nicht ohne mich stattfinden.«

»Garrett«, rief Cassandra aus und lief auf den Mann zu.

Ihr Bruder war erschienen und Freudentränen verschleierten ihren Blick. Sie umarmten einander und Garrett von Dulanis legte seine Hand in Cassandras Nacken.

»Ich wollte mir deine Hochzeit nicht entgehen lassen«, flüsterte er und fuhr fort: »Es tut mir leid, wenn ich dich und deinen Verlobten erschreckt habe.«

»Lieber ein solcher Schreck, als das wirklich jemand etwas gegen unsere Vermählung hat«, meinte sie leise und löste sich von ihrem Bruder, der mit seinen Daumen ihre Tränen wegwischte. Gemeinsam gingen sie nach vorn und Garrett übergab die Hand seiner Schwester an James, wie es eigentlich ein Vater tun würde. Erleichtert lächelte der Graf seinen zukünftigen Schwager an und nickte. Garrett ging in die erste Reihe und nahm Platz.

»Nun, da wir diesen Schreck alle überwunden haben, frage ich noch einmal. James von Avabruck, möchtet Ihr die hier anwesende Cassandra von Dulanis zu Eurer Frau nehmen, sie lieben und ehren bis, dass der Tod Euch scheidet? So antwortet mit Ja, ich will«, wandte der Priester sich an den Grafen.

»Ja, ich will«, sagte der Graf und beobachtete Cassandra dabei aus dem Augenwinkel.

»Und nun frage ich Euch«, richtete er das Wort an Cassandra und begann: »Cassandra von Dulanis, möchtet Ihr den hier anwesenden James von Avabruck zu Eurem Ehemann nehmen, ihn lieben und ehren bis, dass der Tod Euch scheidet. So antwortet mit Ja, ich will.«

Leise räusperte sie sich und sah ihren Verlobten an. »Ja, ich will«, erwiderte sie lächelnd und James drückte ihre Hand sachte.

Caleb trat einen Schritt näher und blieb stehen. Er hatte die Eheringe des Paares an sich genommen, als James‘ Trauzeuge.

»Die Ringe bitte«, sagte Gottesmann Bristol und Caleb öffnete die kleine Schatulle mit den Goldringen.

»Sprecht mir nach, James von Avabruck. Mit diesem Ring nehme ich dich Cassandra zu meiner Frau.«

James sprach es strahlend nach und steckte den Ehering an ihren Ringfinger. Cassandra wiederholte auch, was der Diener der Kirche gesagt hatte, und schob ihrerseits das Schmuckstück auf James‘ Finger.

»Hiermit erkläre ich Euch zu Mann und Frau. Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen. Ihr dürft die Braut nun küssen«, wandte der Priester sich an James und sie wandten sich einander zu.

Sie gaben sich einen züchtigen Kuss und lösten sich wieder voneinander.

James und Cassandra drehten sich zu ihren Gästen um und schritten das Mittelschiff entlang. »Bekomme keinen Schreck, aber vor der Kapelle warten einige Einwohner«, flüsterte er ihr zu und sie steuerten auf die Tür zu.

Die Feier würde auf James Anwesen stattfinden. Die Tür wurde von zwei Messdienern geöffnet und Jubel brach ihnen entgegen. Die Bürger Avabrucks pfiffen, grölten und klatschten dem Brautpaar zu und warfen mit Reis und Rosenblüten. An der Droschke angekommen sah Cassandra sich noch einmal um und lächelte den Einwohnern zu, die ihre Glückwünsche mit so lautem Jubel kundgetan hatten. James half ihr in die Kutsche und sie nahm Platz. Das Dach war mittlerweile geöffnet worden und sie sah die Gäste aus der Kapelle strömen, die ebenfalls danach in ihre Kutschwagen stiegen. Der Graf setzte sich neben sie. Seine Freude und sein Glück waren ihm anzusehen. Cassandra hatte ihn noch nie so fröhlich erlebt, wie seit dem Moment, als sie zustimmte, seine Frau zu werden. Er legte seine Hand auf ihre und mit der anderen streichelte er ihre Wange.

»Ich liebe dich«, sagte er leise und beugte sich zu ihr.


Vor den Bewohnern Avabrucks versanken sie in einen innigen Kuss und Cassandra schloss ihre Augen für einen Augenblick. Noch immer hielt sich der Absender der Briefe unter den Einwohnern auf und beobachtete das Paar. Es stimmte ihn wütend, dass Cassandra James erwählt hatte, schließlich war sie eine Jägerin, doch seine Rache würde kommen und sie alle ins Unglück stürzen.


~ James ~


Noch eine ganze Weile war der Jubel der Einwohner zu hören und Cassandra hatte sich in James‘ Arm gelehnt.

»Jetzt kannst du nicht mehr weglaufen«, raunte er in ihr Ohr und seine freie Hand streichelte ihren gewölbten Bauch.

»Das will ich auch gar nicht«, erwiderte sie leise und genoss die Sonnenstrahlen.

Es war ein ungewöhnlich warmer Tag des Winters, dennoch hatte er darauf bestanden, dass sie nach kurzer Fahrt einen Mantel anlegt. Er wollte verhindern, dass sie sich erkältet und sich eine Lungenentzündung holt. Die Kutschen der Gäste folgten ihrer und James freute sich bereits auf den Ball.

Esra und Margret hatten mit anderen Bediensteten den Ballsaal hergerichtet, der Jahrzehnte nicht genutzt wurde. Deshalb hatten sie einige Tage für das Abstauben und aufräumen gebraucht, aber James hatte sie großzügig für diese Arbeit entlohnt. Außerdem waren sie alle zum Empfang eingeladen und mit festlichen Kleidern ausgestattet worden. Nie hatte er sich so glücklich gefühlt, wie seit ihrem Ja-Wort, mit einer Ausnahme, doch die würde er vor Cassandra niemals äußern dürfen. Die ehemalige Jägerin würde ihm dafür möglicherweise den Kopf abreißen und so behielt er diese Erinnerung an Tariya für sich. Es würde nicht mehr lange dauern und sein Sohn oder seine Tochter würde endlich das Licht der Welt erblicken. Bei der Wahl der Namen hatte es Streit gegeben und letztlich hatten sie sich nicht geeignet. Cassandra hatte Cornelius gut gefallen, doch James musste bei dabei immer an einen halb nackten Römer denken, wie er sie von Statuen, Holzstichen und Malereien kannte. Und Emilia für ein Mädchen, aber auch dieser hatte ihm nicht gepasst. Letztendlich hatten sie sich darauf geeinigt, diese Diskussion noch einmal kurz vor der Niederkunft zu führen.

»Bist du glücklich?«, fragte Cassandra leise.

James schmunzelte und sah sie an.

»Ich bin so glücklich, wie nie zuvor in meinem Leben«, antwortete er lauter und fuhr fort: »Denn ich habe eine wunderschöne Frau, die mich liebt und mein Kind unter ihrem Herzen trägt.«

Sie schluckte leicht.

»Glaubst du, dass ... es ebenfalls verflucht ist?«, flüsterte sie.

Er seufzte. »Ich denke nicht, allerdings kenne ich niemanden, der es mir sagen könnte.«

»Caleb ist doch Vater«, meinte sie.

»Ja, aber seine Gemahlin ist auch ein Werwolf«, erwiderte er.

»Und was ist mit ihren Sprösslingen?«

»Sie haben sich bisher nicht verwandelt, aber ich weiß nicht, wie es ist, wenn sie erwachsen sind.« Stille kehrte ein, es war bloß das Hufgeklapper zu hören und sie beide dachten nach. Keiner von ihnen wusste, was mit der Geburt des Kindes auf sie zukommen würde. Cassandra erschauderte und drängte sich an James.

»Ist dir kalt?«, fragte er und unterbrach so das Schweigen. Sie nickte zur Antwort.

»Wir sind gleich da«, ermunterte er sie und legte seinen Arm um sie.

Nur zu gern spürte er ihren Körper an seinem, vor allem an diesem Tag. Die Erinnerung an die Trauung trieb ihm ein breites Lächeln auf seine Züge und er würde diesen Tag niemals vergessen. Zehn Tage blieben bis Weihnachten und bald würde er einen Baum auf seinem Grund schlagen gehen, damit er am Weihnachtsmorgen geschmückt in der Eingangshalle seines Herrenhauses stand.

Der Kies knirschte unter den Rädern der Droschke, als sie die Straße zu seinem Anwesen entlangfuhren. Nur noch wenige Minuten und sie waren endlich im Warmen. Einige Bedienstete warteten vor dem Haus, um den Gästen ihre Mäntel abzunehmen. Die Kutschen sollten vor der Villa stehen bleiben und die Tiere versorgt werden. Es würde ein langer Tag sein, aber James und Cassandra freuten sich darauf. Mit Freude hatte James vernommen, dass ihre Laune sich mit dem Auftauchen von Garrett schlagartig verbessert hatte. James hoffte nur, dass es nach seiner Abreise auch so blieb, doch wollte er seinem Schwager anbieten einige Tage in Avabruck zu verbringen als ihr Gast. Er hoffte, dass der Sohn des dulanischen Herzogs diese Einladung annahm. Sie erreichten das Haus und Cassandra räusperte sich, womit sie James auf sich aufmerksam machte. Sie saß bereits und er schüttelte den Kopf.

»Wo warst du nur schon wieder mit deinen Gedanken?«, fragte sie lächelnd.

»Im Gemach«, antwortete er mit schelmischem Grinsen und erhob sich.

Die Tür der Kutsche war von einem Bediensteten geöffnet und die kleine Trittleiter herunter geklappt worden. Der Graf stieg aus und wandte sich zu Cassandra um.

»Lasst mich Euch helfen, Gräfin von Avabruck«, sagte er gut gelaunt und streckte seine Hand aus. »Vielen Dank Graf von Avabruck«, erwiderte sie und ergriff diese.

Als sie ausgestiegen waren, gingen sie eilig ins Haus und sofort in den Salon. Die Gäste sollten alle im Ballsaal versammelt sein, wenn sie dazu stießen. Leise schloss James die Tür hinter ihnen und führte Cassandra danach auf eines der Sofas.

Ein Feuer knisterte im Kamin und es war wohlig warm. Wieder legte er seinen Arm um sie und zog sie an sich.


~ James & Cassandra ~


Eine Woche war seit ihrer Hochzeit vergangen und nie hatte das Paar so eine glückliche Zeit erlebt. Cassandras Bauch wuchs zwar ungewöhnlich schnell, aber so freute es James umso mehr, dass sein Nachkomme bald das Licht erblicken würde.

Die junge Gräfin saß im Salon und strickte. Handarbeiten hatte sie nie besonders gemocht, aber unbedingt wollte sie selbst die erste Kopfbedeckung für ihr Kind anfertigen. Der Versuch ging des Öfteren daneben, bis Margret ihr gezeigt hatte, wie man die Maschen aufzieht und es in die Form einer Mütze bringt. Die Magd war äußerst geduldig gewesen, hatte sich allerdings mehrmals angeboten die Haube zu stricken, doch hatte Cassandra dankend abgelehnt. Bisher hatte sie keine Kindesbewegung gespürt und wünschte sich endlich den ersten Tritt oder Schlag zu spüren. Garrett war vor drei Tagen abgereist, aber hatte versprochen sie erneut zu besuchen, wenn ihr Kind zur Welt gekommen war. Währenddessen saßen James und Caleb im Schreibzimmer und überlegten noch immer, wer der Absender der zwei mysteriösen Briefe sein konnte.

»Vielleicht ist es ein Jäger der Gilde«, mutmaßte Caleb.

James schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Cassandra tat alles, um sie zu täuschen.«

Der Gast des Grafen dachte weiter nach und musterte ihn.

»Hast du es je jemandem anvertraut?«, fragte er. Wieder verneinte der Hausherr es.

»Niemandem außer dir, Esra und Margret. Cassandra fand es selbst heraus«, antwortete er. »Mhm.« Caleb rieb mit Daumen und Zeigefinger über seinen Dreitagebart.

Fieberhaft überlegte James, wer nun der Absender war und kam zu keinem Schluss.

»Ich weiß wirklich nicht, wer es sein könnte«, meinte James.

Die beiden Verfluchten hörten, wie sich ein Pferd dem Haus näherte, und erhoben sich sofort.

Sie verließen das Schreibzimmer und gingen durch den Korridor. Sie kamen am Salon vorbei, dessen Tür geöffnet war und James lugte herein. Er musste lächeln, als er Cassandra mit den Stricknadeln kämpfen sah. Esra eilte zur Haustür, als es klopfte, und öffnete sie. Ein hagerer Mann stand davor und in seinen Händen ... hielt er einen Brief.

»Ist Graf von Avabruck anwesend?«, fragte der unangekündigte Besucher.

James hatte es vernommen und wandte sich der Tür zu.

»Lasst ihn ein Esra«, sagte er.

»Natürlich Herr«, erwiderte der Butler und trat einen Schritt zur Seite.

Auch Cassandra hatte das Klopfen gehört und sich erhoben, sie erschien an der Tür des Salons, als der Bote das Haus betrat. Zur rechten Zeit sah sie die Armbrust in seiner Hand und stürzte auf ihren Gemahl zu. Der Überbringer hob seinen Arm und legte augenblicklich auf James an, binnen eines Atemzugs hatte das Geschoss sich gelöst und sauste durch die Luft. Rechtzeitig stieß sie James aus dem Weg und wich dem Pfeil aus. James stolperte zur Seite und sie alle blickten zur Tür. Der Sendbote war verschwunden und Cassandra hielt ihren Bauch. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte ruhig zu atmen. Der besorgte Graf kam sofort an ihre Seite und stützte sie.

»Was ist los, meine Schöne?«, fragte er.

»Es ist alles gut, es war bloß der Schreck«, antwortete sie gepresst.

»Ich bringe dich ins Bett«, sagte er leise und sie nickte.

Langsam hob er sie in seine Arme und sah nicht, dass der Attentäter einen Brief fallen gelassen hatte. James brachte sie in ihr Gemach und sie legte sich hin. Er nahm neben ihr Platz und musterte sie besorgt. Sie stöhnte auf.

»Was ist?« James war alarmiert.

Cassandra begann zu schmunzeln.

»Ich fürchte, ... ich spürte gerade den ersten Tritt unseres Kindes«, antwortete sie.

James atmete auf und sie ergriff seine Hand. Vorsichtig platzierte sie diese auf ihren Bauch, an die Stelle wo sie den Stups gespürt hatte und er fühlte, wie sein Nachkomme in ihrem Leib um sich trat oder schlug. Ein Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus.

»Das ist positiver, als das Attentat auf mich«, sagte er gedämpft. Cassandra bejahte.

»Bitte geh nicht mehr an die Tür und lass nur noch angekündigte Gäste ins Haus«, bat sie ihn, ebenso, leise.

Er nickte und beugte sich vor. Der Graf hauchte einen sanften Kuss auf die Stirn seiner Gräfin.


~ Cassandra ~


James überlegte, ob dieser Angreifer auch der Absender dieser Nachrichten war und just in dem Moment klopfte es an die Tür zum Gemach. »Herein«, rief er und sie beide sahen zur Tür.

Esra öffnete die Tür und sah seine Herrschaften an. »Verzeiht die Störung, aber dieser Herr ließ einen Brief fallen, bevor er geflohen ist«, sagte der Butler. James erhob sich und streckte die Hand aus. Esra trat näher und legte das Pergament in die Hand des Grafen. Sofort entfaltete James es und las ...

»Ein Werwolf, der sich als sein eigener Enkel ausgibt, wird bald geschlachtet werden. Ebenso wie das Weib an seiner Seite, dass sein Balg unter dem Herzen trägt. James von Avabruck macht Euch auf Euer Ende gefasst. C.«

Er zerknüllte das Papier und Cassandra sah ihn an. »Sind es schlechte Nachrichten?«, fragte sie.

Er wandte sich zu ihr um und sah sie ebenfalls an. »Aber nein, es ist alles in bester Ordnung«, antwortete er.

Die Gräfin schnaubte. »Du willst mich für dumm verkaufen. Dieser Herr wollte dich töten und hinterließ einen Brief. Zeig ihn mir«, verlangte sie. »Das werde ich nicht, du erwartest unser Kind und ich möchte dich nicht aufregen.«

»James, zeig mir diesen Brief.«

»Nein, ich werde ihn dir nicht zeigen, Cassandra.«

Ihre Kiefer mahlten und sie sah ihn vernichtend an. Der Graf hielt ihrem Blick stand und seine Iriden verengten sich.

»Mach mich nicht wütend, Cassandra«, knurrte er. Leicht sah sie seine Augen aufblitzen und sie schnaubte erneut.

»Ich werde nicht tatenlos mit ansehen, wie dieser Jäger dich tötet.«

»Er ist also ein Jäger? Kennst du ihn?«

Sie nickte und sah auf die Decke.

»Ja, ich kenne ihn.«

»Wer ist er?«, fragte der Graf. Cassandra holte tief Luft und sah ihren Ehemann wieder an.

»Er gehört zur Bruderschaft der weißen Eiche«, antwortete sie und fuhr fort: »Sein Name ist Cyrus und er kam einmal nach Belron, um uns Jäger zu lehren.«

Aufmerksam hörte der Graf ihr zu und musterte sie. »Was ist die Bruderschaft der weißen Eiche?«

»Die Bruderschaft besteht aus dreizehn Nimroden, sie sind die brutalsten und unbarmherzigsten unter uns. Bekommen sie eine Aufgabe, ruhen sie nicht, bevor sie erfüllt ist. Es heißt, dass wenn ein solcher Jäger von dem getötet wird, was er jagt ... «, sie machte eine Pause und schloss die Augen, sie versuchte, sich zu erinnern: »Wenn er von dem getötet wird, was er jagt ... dann suchen dieses ...« »Monster«, half James ihr auf die Sprünge.

»Dieser Verfluchte wird so lange von dem Geist des Jägersmannes heimgesucht, bis er oder sie sich selbst richten. Sie können nur von Monstren ausgelöscht werden, ein Mensch ist zu schwach, ein Nimrod schafft es vielleicht, aber ... sie sind unsterblich, sagt man«, erklärte sie.

Der Graf ging, vor dem Bett, auf und ab. Fieberhaft dachte er nach. Ein Jäger der Bruderschaft wollte ihn und seine Geliebte töten und er musste es zu verhindern wissen.

»Was schätzt du, wie alt er ist?«, fragte er.

»Es heißt, dass er schon Ellichard den Begründer der Silberstreifgilde gelehrt hat«, antwortete sie. »Dann ist er verdammt alt«, stellte James fest. Cassandra nickte.

»Bitte bring dich nicht in Gefahr«, flehte sie leise. Der Graf blieb stehen und sah sie an.

»Cassandra, er will nicht nur mich töten ... sondern auch dich und unser Kind. Entweder wir fliehen, oder ich trommle mit Caleb alle Werwölfe zusammen, die wir kennen und wir stellen uns ihm im Kampf«, herrschte er sie an.

Die Gräfin erschrak und schloss die Augen. Er atmete tief durch und setzte sich wieder zu ihr. Sanft ergriff er ihre Hand.

»Ich werde nicht zulassen, dass dir oder unserem Kind etwas zustößt«, sagte er leise.

»Ich möchte nicht, dass du dich in Gefahr bringst. Ich ... weiß nicht, was ich ohne dich tun soll«, erwiderte sie mit zitternder Stimme.

James streichelte ihre Wange.

»Ich werde mich in Gefahr bringen müssen, wenn ich euch retten will.«

»Wenn du ihn exekutierst, werden seine Mitstreiter kommen«, murmelte sie.

»So sollen sie kommen, wenn wir ihn besiegen ... besiegen wir auch seine Gefährten«, entgegnete James.

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie ... werden uns töten«, flüsterte sie und Tränen traten ihr in die Augen.