Kapitel 2
~ James & Cassandra ~
James stieg von Shadows Rücken ab und sah seinen Butler eindringlich an.
»Esra, wer besucht uns?«, wollte er ein weiteres Mal wissen.
»Lady von Dulanis«, antwortete der Bedienstete leise und trat von einem Fuß auf den anderen.
Esra fror fürchterlich, war er doch nur in seinem einfachen Frack nach draußen gegangen, als er Cassandra durch das Fenster gesehen hatte. James sah seinen Esra sprachlos an.
»Sie ist hier?«, fragte er, er fürchtete zu träumen. Esra nickte.
Es dauerte keinen Wimpernschlag und James rannte auf sein Haus zu. Schneller als normale Menschen eilte er hinein und sah sich im Foyer um. Cassandra war nicht zu sehen.
»Meine Schöne«, rief er freudig und lief in den Korridor, in dem das Gemach lag, welches sie immer bewohnt hatte.
Margret kam ihm mit einem Tablett, auf dem eine Kanne Tee stand, aus der Küche entgegen.
»Wo ist sie Margret?«, fragte er seine Magd freudestrahlend.
»Sie ruht, das arme Kind war völlig durchfroren und verstört«, antwortete Margret.
»Wurde ihr etwas angetan?« Er war sogleich besorgt.
»Sie sagte, dass sie Euch unbedingt sprechen muss, aber Esra und ich, haben ihr nahe gelegt, dass sie sich erst einmal ausruht.«
James nickte und sagte: »Ich werde dennoch einen Blick auf sie wagen, es kommt mir vor, als wäre es ein Traum.«
Margret lächelte ihren Herrn an und nickte.
»Das wollte ich ihr gerade bringen«, meinte sie. Der Graf trat einen Schritt auf sie zu und nahm ihr das Tablett ab.
»Ich werde ihr den Tee servieren und Ihr dürft Euch ausruhen vor dem Kamin«, entgegnete James fröhlich.
Cassandra saß in eine Decke gehüllt vor der offenen Feuerstelle. Sie hatte während des Rittes von Dulanis hierher nur eine Rast eingelegt und somit die Kälte in ihren Knochen. Sie fror noch immer, obwohl sie bereits seit einer Stunde vor dem prasselnden Feuer saß, welches Esra sofort entfacht hatte. Die Flammen züngelten wild in der Luft und das Holz knackte und knisterte, als sie diese gebannt beobachtete. Die Jägerin vernahm nicht, wie sich die Tür öffnete und eine Person näherte. Hinter ihr wurde ein Tablett abgestellt und man kam näher an sie heran. Beim Gedanken an ihren Vater waren ihr die Tränen gekommen und sie versuchte, sie zu verdrängen. Von dem Besucher hatte sie immer noch nichts bemerkt. Auf einmal hörte sie einen leisen Aufprall und jemand schlang die Arme von hinten um sie.
»Ihr seid zurück, es ist wirklich kein Traum«, sagte die vertraute Stimme James‘.
Cassandra schloss ihre Augen und nickte.
»Ja, ich bin zurückgekehrt«, wisperte sie.
Er hatte es kaum fassen können, als er sie vor dem Kamin sitzen sah. Sein Herz hatte einen Schlag ausgesetzt und er war für einen Moment erstarrt. Schnell hatte er das Tablett abgestellt und sie von hinten umarmt.
»Ihr habt mir gefehlt«, flüsterte er und seine Lippen streichelten ihr Ohr.
Cassandra versteifte sich kaum merklich.
»Ihr habt mir auch gefehlt«, erwiderte sie und legte ihre Hand auf seine. Sie lehnte sich an ihn und hielt die Augen geschlossen. »Ich kam, um Euch etwas mitzuteilen«, fuhr sie fort.
James sah sie fragend an, aber sie konnte seinen Blick nicht sehen.
Er räusperte sich und erkundigte sich geschäftiger: »Was möchtet Ihr mir mitteilen, meine Schöne?« »Wir ... Ihr ... Ich ...«, begann sie stotternd.
»Was ist mit Euch?«, fragte er mit sanfter Stimme. »Ich erwarte ein Kind«, antwortete sie kaum hörbar. Der Graf versteifte sich und löste seine Umarmung. »Wisst Ihr, wer der Vater ist?«, erfragte er und rutschte neben sie.
Cassandra sah ihn aus tränennassen Augen an und sie nickte.
Nun saß er bei ihr und Cassandra wusste nicht, ob sie ihm sagen sollte, dass er der Vater ihres ungeborenen Kindes war. Ein Nicken hatte vorerst gereicht.
»Liebt Ihr den Vater des Kindes?«, fragte er weiter. Offensichtlich dachte er nicht daran, dass er derjenige sein könnte.
»Ja das tue ich«, erwiderte die Jägerin. »Aber ich glaube, dass er und ich niemals zueinanderfinden können«, fuhr sie fort.
»Wie meint Ihr das?«
»Der Vater meines Kindes gehört zu den Geschöpfen, die ich wegen meiner Berufung jagen muss«, antwortete sie.
James sah sie wie geschlagen an.
»Ihr seid der Vater James«, flüsterte sie.
Er begann zu lachen und schlang seine Arme um sie. »Das ist großartig.« Er war erfreut und drückte Cassandra an sich. Sofort schmiegte sie sich an ihn und sog seinen Duft tief ein. Am liebsten hätte sie sich nie mehr von ihm gelöst.
»Man hat mich aus Belron fortgeschickt, wegen des Kindes und mein Vater hat mich verstoßen, ich bin völlig mittellos«, sagte sie.
Beruhigend streichelte er ihren Hinterkopf.
»Ihr werdet bei mir bleiben, meine Schöne. Wir werden unser Kind gemeinsam aufwachsen sehen«, entschied er ruhig.
Hatte er etwa gerade gesagt, dass sie bei ihm bleiben und das Baby mit ihm aufziehen sollte? »Ich ... weiß nicht, ob ich diesen Spross austragen möchte«, sagte sie leise.
Er sah ihr in die Augen und seine grünen Iriden fixierten sie.
»Ihr würdet mir das Herz brechen, wenn ...«, er beendete den Satz nicht, sondern schluckte den Zorn herunter, der in ihm aufzukeimen drohte. »Man hat sich von mir abgewandt James und ... ich weiß einfach nicht, was das Richtige ist«, murmelte sie und begann zu weinen.
Zaghaft legte er seine Hände an ihre Wangen und zwang sie, ihn anzusehen.
»Bitte bleibt bei mir ... Ich liebe Euch Cassandra und ich werde Euch heiraten. Ihr werdet wieder eine ehrenhafte Dame«, sagte er leise und küsste sie.
Sie versanken in einen leidenschaftlichen Kuss und die Jägerin drängte sich ihm entgegen. Noch immer zitterte ihr Körper vor Kälte, aber sie wusste genau, dass sie seine Nähe nun brauchte. Vorsichtig befreite James sie aus der dicken Wolldecke und zog sie enger an sich. Seine Hände erforschten ihren Oberkörper und er zog das Hemd aus ihrer Hose und ihr über den Kopf. Er löste sich von Cassandra und sah auf ihre wohlgeformten Brüste, die er sogleich abwechselnd zu küssen begann.
Sie seufzte, als sie seine Lippen an ihrer empfindlichen Haut spürte, und befreite ihn von seinem Mantel, den er noch immer trug. Eilig löste sie auch den Schal und fing an die Schnürung seines Hemdes aufzuziehen. Sie zog es hoch und er ließ von ihrer Brust ab, um seine Arme über seinen Kopf zu heben.
»Ich liebe Euch so sehr, Cassandra«, sagte er leise und begann die Schnüre ihrer Lederhose zu öffnen. Sie entglitt ihm und erhob sich, langsam ging sie zum Bett und entblößte sich davor. Nackt legte sie sich hin und er stand sogleich auf. Seine Hose spannte bereits in seinem Schritt und er verzehrte sich nach dieser Dame. Er entledigte sich dem beengenden Leder, bevor er sich zu Cassandra gesellte. Sofort kam er über sie und küsste sie leidenschaftlich. Sie stöhnte leise in seinen Mund und er knurrte. Ihr Duft, eine Mischung aus einem Parfum und Pheromonen, brachte ihn um den Verstand. Seine Nase war um so vieles empfindlicher, als die eines Menschen. Bereitwillig spreizte die Jägerin ihre Beine und umschlang ihn damit. James löste den Kuss und sah in ihre Augen, als er in sie eindrang.
~ James ~
Schwer atmend lösten die beiden Liebenden sich voneinander und lagen nebeneinander. Es dauerte bloß einen Moment, bis Cassandra sich in James Arm lehnte und die Decke über ihre Körper zog. Sie lauschte seinem Herzschlag und schloss ihre Augen. Die Hand des Grafen legte sich auf ihre Hüfte und er streichelte ihre sanfte Haut. »Ich kann es kaum glauben, dass ich Vater werde«, sagte er leise, doch klang er zufrieden und glücklich.
»Ist der Gedanke denn so abwegig, dass Ihr es werdet?«, fragte sie. James‘ Hand kam zum Liegen und er hob seine andere, um ihre Wange zu streicheln.
»Keineswegs, aber ich ahnte nicht, dass es noch möglich ist wegen des Fluchs«, entgegnete der Graf. Cassandra schluckte.
»Glaubt Ihr, dass das Kind ihn in sich tragen wird?«, flüsterte sie. James seufzte und starrte an die Decke.
Er überlegte angestrengt, ob es so etwas je gegeben hatte. Er wusste nicht, ob es Sprösslinge gab die von einem Verfluchten und einem gesunden Menschen gezeugt worden waren.
»Das weiß ich nicht«, antwortete er ehrlich.
Er selbst war durch einen Biss zu dem geworden, was er war. Cassandra löste sich von ihm und sah in sein Gesicht, seine Miene wirkte versteinert und sein Blick haftete noch immer an der Decke. »Werdet Ihr das Kind anerkennen?« Sie klang vorsichtig, weil sie nicht wusste, ob er es plante oder nicht. James sah Cassandra an.
»Nichts in der Welt würde mich davon abhalten«, antwortete der Graf und lächelte sie sanft an.
Die Jägerin beugte sich vor und küsste zärtlich seine Lippen, doch bevor er den Kuss intensivieren konnte, hatte sie sich von ihm gelöst und ihren Kopf wieder auf seiner Brust gebettet.
»Wir sollten versuchen zu schlafen«, sagte sie müde und schloss ihre Lider abermals.
»Natürlich meine Schöne«, gab er zurück und entspannte sich.
Er zeigte ihr ein seliges Lächeln und seine Gedanken malten ihm die wunderbarsten Bilder aus. Endlich im Alter von 82 Jahren würde er Vater werden. Vor seinem geistigen Auge sah er einen kleinen Jungen durch die Korridore seines Anwesens laufen. Er sah Cassandra, wie sie ihr Kind im Arm wiegte und an ihrer Brust barg. Seufzend schloss er die Augen und fiel in einen ruhigen Schlaf. Der Traum war einer der Schönsten, den er je geträumt hatte. Ein Sohn wäre für James das Größte gewesen, doch auch eine Tochter hätte er mit jeder Faser seines Körpers geliebt und beschützt. Der Graf verstand die Gefühle kaum, die in ihm vorgingen, und schob es auf die Euphorie, die diese Nachricht bei ihm ausgelöst hatte. Er erwachte am Morgen und sah auf die wunderschöne Dame in seinem Arm. Vorsichtig streichelte er durch ihr gelocktes Haar und lächelte. »Ihr macht mich so glücklich«, murmelte er. Behutsam löste James sich von ihr und rutschte aus dem Bett. So leise er konnte, sammelte er seine Kleider ein und zog sie an. Bevor er das Zimmer verließ, küsste er ihre Stirn und zog die Decke höher. Er wollte im Speisesaal ein herrliches Frühstück für sie auftragen lassen und so schlenderte er gut gelaunt zu Margret in die Küche.
Die Magd stand am Herd und rührte in einem Topf, aus dem köstliche Dämpfe aufstiegen. Der Graf ging an ihre Seite und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Sofort errötete sie und sah ihn an. »Herr, womit habe ich einen Kuss verdient?«, fragte sie vorsichtig.
James lächelte sie breit an und hob sie hoch, er wirbelte sie durch die Kochstube.
»Ich werde Vater«, lachte er und ließ die Dienstmagd herunter, nachdem sie ihn mehrfach darum gebeten hatte.
»Meinen Glückwunsch«, rief sie erfreut und schwankte noch ein wenig, von den vielen Drehungen die James hingelegt hatte.
Er war wirklich außer sich vor Freude und Margret hatte ihn bisher nie so erlebt. Esra betrat die Küche und sah zwischen Magd und Graf hin und her. »Guten Morgen, Herr«, sagte er freundlich, wie immer.
»Guten Morgen Esra. Kommt mit mir, wir haben etwas zu feiern«, erwiderte der Adlige und wandte sich von ihr ab.
Skeptisch sah der Butler ihn an, als er die Kochstube verließ und im Flur abrupt stehen blieb. Er kehrte noch einmal zurück.
»Bitte bringt ein herrliches Frühstück auf die Tafel, Margret«, bat er und ging wieder.
Esra folgte ihm in den Salon und sah ihn fragend an, als er zwei Bechergläser seines teuersten Scotch einschenkte.
»Herr darf ich fragen, was Euch so gut stimmt?«, fragte Esra.
James reichte ihm das Trinkgefäß und grinste ihn gut gelaunt an.
»Esra, ich werde Vater«, verkündete er euphorisch und stieß mit seinem Becher an den des Butlers. »Meinen Glückwunsch, Herr.«
»Vielen Dank.«
Esra hob sein Glas und tief Luft.
»Auf die Vaterfreuden«, sagte er und trank einen Schluck des herrlichen Getränks.
James tat es ihm nach und lächelte. Die Nachricht stimmte ihn glücklich und nun wo Cassandra endlich wieder an seiner Seite war, war es perfekt. Sie nahmen auf den Sofas Platz und unterhielten sich.
»Werdet Ihr und Lady Cassandra heiraten?«, fragte Esra schließlich. James überlegte und sah seinen Bediensteten an.
»Ich werde sie bitten meine Frau zu werden, aber ich weiß nicht, ob sie zustimmen wird«, antwortete James und fing an sich ernsthaft Gedanken über eine Ablehnung machen.