VIERZEHN

Chas öffnete die Augen und bemerkte, wie Sonnenlicht hell durch ein Fenster mit halb geschlossenen Jalousien fiel.

Erst einmal blieb er einfach da liegen, schaute zur Decke mit ihren Holzbalken hoch, an denen mancherorts Spinnweben sanft wehten, und dann blickte er zur Seite und schließlich rund herum im Zimmer. Er konnte sich nicht erinnern, wo er war, noch wie er hierher gelangt war.

Aber, als er sich in dem Bett, auf dem er lag, umdrehte, verspürte er nicht den kleinsten Funken Angst. Es hatte zuvor schon manche Nacht gegeben, die ihn an Orte geführt hatte, die er nie im Leben erwartet hätte; viele Male davon war er nach ausgiebigem Genuss von Alkohol oder auch von Frauen, oder beidem erwacht ... und sehr oft, nachdem er davor ein paar Vampyre erlegt hatte.

Aber als er sich umdrehte, erblickte er sie, wie sie neben ihm im Bett lag, auf eine Seite gedreht. Und bei diesem Anblick brach auch eine Flut von Erinnerungen wieder über ihn herein – manche grell und klar, andere verschwommen und heiß und rot.

Aber bevor er versuchte, Ordnung und Sinn in all diese Erinnerungen zu bekommen und zu unterscheiden, was davon echt und was Traum war ... schaute er nur. Solche Schönheit, solche vollkommene Schönheit raubte einem den Atem. Selbst schlafend erschien sie unvorstellbar schön.

Ihre Wange, wie aus vollkommenem Elfenbein, makellos, ruhte auf Händen, die zusammengefaltet waren wie zum Gebet – eine Ironie an sich. Diese Lage machte, dass ihre ohnehin schon vollen, erregenden Lippen sich nach außen wölbten, noch praller erschienen, und verlieh ihrem Gesicht ein süßes, molliges Aussehen. Ihre Augen waren natürlich geschlossen, aber es gab eine Sache, an die er sich ganz genau erinnerte: das tiefe Violettblau ihrer Augen, mit einem schwarzen Ring darum und ein paar dunklen Einsprengseln.

Langes, glänzendes Haar, so schwarz wie Kohle, schmiegte sich um ihr Gesicht und ihren Hals und fiel dann zwischen ihnen zu einem kleinen See auf dem Bett. Er streckte die Hand aus, um zu prüfen, ob es auch so seidenweich war, wie es aussah.

Ja.

Er konnte den Schatten ihrer Brüste erkennen, wo sie hinter dem tiefen Ausschnitt ihres Nachthemds hervorlugten, ihre sanfte Wölbung, wo sie sich gegen die Matratze aneinander pressten. Ein erregender Schauer erfasste Chas tief in der Magengrube, aber er ignorierte das.

Das hier war Narcise Moldavi.

Er war im Bett mit einem Vampyr – und noch dazu war es eine, die er hatte töten wollen, irgendwann einmal.

Vorsichtig setzte Chas sich auf, und ihm fiel auf, dass Narcise auf der Seite des Betts schlief, die am weitesten von der Stelle entfernt war, wo die Sonne sich ins Zimmer ergießen würde, und er fühlte die Überbleibsel der Schmerzen und Qualen an seinem ganzen Körper. Seinem nackten Körper.

Mit der Erinnerung an den Schmerz kehrten auch andere Erinnerungen an ihn zurück ... Cezar Moldavi und seine Metallspieße und der glühende Schürhaken ... der Schwertkampf zwischen ihm und Narcise ... die Rauchbombe, die fast so gut funktioniert hatte wie bei ihren Testversuchen ... vielleicht war sie bei der Kanalüberquerung ein wenig feucht geworden.

Danach war alles wieder etwas verschwommen. Er erinnerte sich, dass alles sich etwas verlangsamte, dass es dunkel und rot gewesen war, an Schmerz und fürchterliche Pein bei jeder Bewegung, wie die Welt irgendwie kippte und sich zu drehen begann. Da waren auch Momente, in denen er gerannt war, vorangestolpert, für eine halbe Ewigkeit und noch länger ... ein paar Treppen hoch...

Hier hinein, in dieses Zimmer.

Und hier wurde alles dunkler und heißer, und seine Erinnerungen vermischten sich mit Träumen und Alpträumen. Er schloss die Augen und sah ein Bild von Narcise, wie sie nackt und glänzend aus einer Badewanne stieg ... dort, in der Ecke da ... von ihr mit rotgoldenen, heißen Augen, ihre Zähne lang und weiß und tödlich ... Blut ... da war Blut und Schmerz, und im Kopf hatte er auch noch ein Bild von ihr auf jemandem, wie sie ihre Zähne in ihn schlug...

Neben ihm bewegte sich Narcise, und dann öffnete sie die Augen.

Als sie sah, dass er wach war, setzte sie sich abrupt auf. „Sie sind am Leben.“ Ihre Augen waren weit aufgerissen, vor Schock und vor Freude, was sie sogar noch schöner machte, wie ihr die Haare da um die Schultern und an das dünne, weiße Nachthemd flogen.

Chas spürte, wie sich noch etwas in seinem Magen löste, tief drin und wie ein Schauer. Sie war hier vor ihm, sie war wunderschön und erregend, und sie waren allein. Er war nicht so schwach, dass er nicht zu ihr hinüberreichen könnte, sie an sich ziehen–

Er bannte diese Vorstellung aus seinen Gedanken. Sie war ein Vampyr, sie würde ihm ihren Willen aufzwingen, ihn locken, ihn einlullen ... ihn verführen ... ihn in die finstere Welt des Teufels zerren.

„An vieles erinnere ich mich nicht“, sagte er.

„Sie wären fast gestorben“, sagte sie. „An einer Infektion. Es kam ein Arzt, mehr als einmal, aber auch er war sich nicht sicher, ob Sie überleben würden.“

Chas sank wieder rückwärts auf das Bett zurück und erinnerte sich an noch mehr. Die unerträglichen Schmerzen an seiner Seite, die kühlen, umsichtigen Hände, die sich um seine Wunden kümmerten, der Nebel aus Hitze und Verwirrung, der dann folgte, Narcise... Er unterbrach seine Gedanken da, weil er Angst hatte, wohin sie ihn führen könnten. Es war unmöglich, sie nicht attraktiv zu finden.

Er presste die Lippen zusammen. So lief doch Luzifers Spiel, oder etwa nicht? Sie war aus gutem Grund unwiderstehlich.

„Welcher Tag ist heute? Wie lange bin ich – sind wir schon hier?“, fragte er stattdessen.

„Fast eine Woche“, erzählte sie ihm.

„Eine Woche?“ Schock und Sorge ließen ihn fast wieder hochfahren. „Es ist eine Woche her, seit wir Ihrem Bruder entkommen sind?“

Narcise nickte.

Jesus Christus, Corvindale würde außer sich sein vor Wut. Sicherlich hatte Maia schon seine Anordnungen in die Tat umgesetzt – widerwillig natürlich – und ihn wegen Chas’ Verschwinden kontaktiert.

Er wandte ihr wieder das Gesicht zu, „Sie sind hier bei mir geblieben?“, fragte er.

„Natürlich. Ich konnte Sie doch nicht sterben lassen.“ Sie runzelte verärgert die Stirn. „Ich bin nicht mein Bruder.“

Ein Bild von Narcise, wie sie sich über ihn beugte, ihre schlanken Hände auf seiner Haut, zuckte blitzartig in seinem Kopf auf. Sich über ihn beugte, dort, nahe bei sein–

Trotz seiner anhaltenden Schwäche und dem schrecklichen Hämmern in seinem Kopf, setzte er sich abrupt auf, riss die Bettdecke von seiner rechten Hüfte weg und wusste schon, was er finden würde...

„Was haben Sie mir angetan?“, fragte er zornig, während er auf die vier sauberen, kleinen Bisswunden in seinem Muskel dort starrte. Abscheu und Zorn packten ihn, als sein Magen sich zusammenzog und flatterte. Er starrte sie an und versuchte auch gar nicht, seinen Ekel vor ihr zu verbergen. „Sie haben es gewagt?“

Ihre Augen waren kurz wieder weit aufgerissen und dann verengten sie sich wieder. Sie presste ihre vollen Lippen fest aufeinander und hob energisch das Kinn. „Die infizierte Wunde wollte nicht verheilen, und der Arzt konnte nichts mehr für Sie tun. Da ist etwas im Speichel eines Drakule, das eine Heilung beschleunigt, und daher habe ich gedacht, ich helfe Ihnen, wenn ich das tue.“

Chas hörte, was sie sagte, aber er brauchte einen Moment, um auch die Bedeutung ihrer Worte in sich aufzunehmen, bis diese durch den Schleier aus Zorn zu ihm durchdrangen. „Da sind Bisswunden“, sagte er, immer noch wütend ... er fühlte sich missbraucht und war außer sich, insbesondere, wenn er sich zu dieser wiedergewonnenen Erkenntnis das abgefeimte Bild ausmalte. Narcise, die sich über ihn beugte ... ihre erregenden Lippen an seiner Haut, so intim und nah, der Schmerz, als sie in ihn eindrang, aber dann auch die Erleichterung, als sich die entzündeten Venen entleerten ... Übelkeit vermischt mit dem Schauer aus Lust, tief unten in seiner Magengegend. Und Chas schluckte tief.

Das ist, was sie tun. Sie belegen einen mit ihrem Bann. Und verführen.

„Ich hoffte, wenn ich das Gift heraussauge, was auch immer Sie da infiziert hat, es aus Ihrem Körper entferne, damit zur Linderung beizutragen – zusammen mit meinem Speichel. Was auch immer es letztendlich war, es hat geholfen.“

Er schaute weg, das Herz hämmerte ihm, viel zu schnell, seine Finger krallten sich in die Decke. „Es fällt mir schwer, hier dankbar zu sein“, entrang er sich. „Aber ich nehme an, das muss ich sein.“

Angesichts seines offensichtlichen Zorns hatte sie sich aus dem Bett zurückgezogen, und nun schaute sie ihn von da an, wo sie auf der anderen Seite jetzt stand. „Wenigstens sind Sie ehrlich“, erwiderte sie und drehte ihm den Rücken zu.

Als er sie beobachtete, ging ihm die Intimität seiner Lage plötzlich auf, diesen winzigen Raum mit einer Frau zu teilen, der er misstraute, die er verabscheute und die er dennoch begehrte. Er sah zu, wie sie ihr Haar, ein Wasserfall wie aus schwarzer Tinte, zu einem Zopf zu flechten begann.

„Haben Sie mich mit Ihrem Bann belegt?“, fragte er und hob den Kopf, er war immer noch gereizt und wütend, als er ihre schmalen Schultern betrachtete, und die zarten Kanten ihrer Schulterblätter unter dem dünnen Hemdchen. Sie hatte schlanke, glatte, muskulöse Arme, wie er sie noch nie zuvor an einer Frau gesehen hatte, und er konnte die Rundungen ihres Hinterns erkennen, die Kurve ihrer Hüften. Er hasste es, dass er sie haben wollte, dass sein Köper schon auf ihre bloße Gegenwart reagierte, sich veränderte.

Narcise war bei seiner Frage erstarrt und drehte sich dann langsam zu ihm um ... so langsam, es schien, als würde man sie peinigen. „Habe ich einen wehrlosen Mann mit meinem Bann belegt? Gegen seinen Willen?“ In ihren tiefblauen Augen war sowohl maßloser Zorn als auch tiefer Schmerz. „Wenn Sie eine Vorstellung davon machen hätten, was ich durchgemacht habe, wie ich in Gefangenschaft über Jahrzehnte hinweg missbraucht worden bin, hätten Sie mir so eine Frage niemals gestellt.“

Das war wie ein Schlag ins Gesicht für Chas, und er ließ seinen Kopf wieder auf das Kissen sinken. Demütigung und Scham bekriegten sich mit dem immer noch anhaltenden Gefühl von Ekel und Misstrauen, und er starrte zur Decke, war sich ihrer Nähe nur zu bewusst, wusste, er hatte sie zutiefst verletzt ... und fragte sich auch, warum es ihn derart bekümmerte.

Sie war ein Vampyr. Eine Dienerin Satans. Stammte aus einer Rasse von Leuten, die andere Lebewesen jagten und von ihnen nahmen, die ihre Seele hingegeben hatte, eingetauscht für Unsterblichkeit, Macht, Geld ... aus Eitelkeit. Wie sie ihre Nahrung zu sich nahmen, Blut tranken, war in sich ein Anschlag auf Leben und Freiheit. Sie waren gewissenlos, entartet: selbstsüchtige Kreaturen, wo Corvindale die einzig wahrhafte Ausnahme bildete – der Einzige, der es nicht als lustvoll empfand, sich von Menschen zu ernähren.

Chas hatte die Gabe mitbekommen, diese Kreaturen zu erspüren, zu jagen und zu erlegen – er wusste, das war nicht ohne Grund geschehen. Er war dazu bestimmt, das hier zu tun, so wie es die Bestimmung eines Priesters war, Hostien zu weihen.

Aber.

Narcise war fertig damit, sich die Haare zu einem Zopf zu flechten, und jetzt ging sie zu einem Stuhl auf der anderen Seite des Zimmers. Chas sah, wie sie eine Berührung mit dem Sonnenlicht vermied, das durch das Fenster ins Zimmer fiel, aber das sie es auch sehnsüchtig anschaute.

Ja. Das hier waren Kreaturen, die das Licht aufgegeben hatten, um in der Finsternis zu leben. Und manchmal bedauerten sie es.

„Was haben Sie als Nächstes vor?“, fragte sie.

„Ich brauche Kleider und Essen“, erwiderte er, „und dann muss ich Nachricht nach London schicken lassen. Zu meinen Schwestern.“

„London. Ist es da, wo Dimitri sich aufhält? Ich würde ihn gerne finden und sehen, ob er ... nun, ich weiß, dass er und mein Bruder sich ewige Feindschaft geschworen haben. Und ich hoffe, dass er mir vielleicht helfen kann.“

„Corvindale? Er wäre vielleicht bereit zu helfen. Ich nehme an, Sie möchten von mir zu ihm gebracht werden.“

Wenn ihr Gesichtsausdruck zuvor auch vor Zorn und wegen der Verletzung ihrer Gefühle verschlossen ausgesehen hatte, so erhellte er sich jetzt. „Ist das möglich? Durch die Blockade hindurch nach London zu gelangen?“

Er war schon allein davon etwas überrascht, dass sie von dem Krieg zwischen Frankreich und England unterrichtet war, aber dann erinnerte er sich daran, wen er in Gesellschaft von Moldavi gesehen hatte. Sicherlich hatte Narcise auch der einen oder anderen politischen Diskussion zwischen Cezar und Napoleon Bonaparte beiwohnen dürfen. „Ja, aber die Vorbereitungen werden einige Zeit in Anspruch nehmen.“

Es könnte bis zu zwei Wochen oder gar länger dauern, und die ganze Zeit würde Corvindale sich mit Maia und Angelica auseinandersetzen müssen. Chas würde bis an sein Lebensende dafür büßen müssen.

Und dann überfiel ihn ein schrecklicher Gedanke eiskalt. Moldavi würde sich für seine Flucht an ihm rächen wollen, und auch dafür, dass er Narcise mitgenommen hatte. Und den Anfang würde er bei Maia und Angelica machen.

Er war augenblicklich aus dem Bett gesprungen und stand auf beiden Beinen. „Wo sind meine Kleider? Meine Hose? Meine Schuhe?“ Er musste Corvindale Nachricht zukommen lassen, dass die Mädchen in Gefahr schwebten.

„Sie sind weg. Sie hatten nur noch die Hosen, und die waren derart–“

„Ich brauche Kleider, irgendetwas. Ich muss Nachricht nach London schicken.“ Er schaute sich in dem Zimmer um, als würden wie von Zauberhand irgendwo Kleider erscheinen.

Sie hatte sich von ihrem Stuhl erhoben, und noch bevor er einen Schritt tun konnte, reichte sie ihm schon ein ordentlich gestapeltes Bündel sauberer Kleider. „Sie haben mich nicht ausreden lassen. Ich konnte Ihnen neue, saubere Kleider besorgen.“

Chas nahm sie ohne ein Wort entgegen. Wenn er nicht so versessen darauf wäre, aus dieser Schenke herauszukommen und sich um das Geschäftliche zu kümmern, hätte ihr Ton ihm schwer zu denken gegeben. Aber darüber konnte er sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Moldavi hatte eine Woche Vorsprung. Eine Woche. Aufgrund seines Bündnisses mit Napoleon konnte er schon Leute, Vamypre, nach Maia und Angelica ausgesandt haben, die jetzt schon durch die Blockade gelangt waren.

Seine Knie zitterten etwas, als er die Hose anzog, aber Chas achtete nicht darauf. Später wäre noch genug Zeit für derlei Schwächeanfälle. Das Hemd saß ganz ausgezeichnet, aber die Stiefel waren ein wenig eng – aber würden ihren Zweck erfüllen. Sobald er fertig angekleidet war, ging er zur Tür ... dann hielt er an, als er die Hand schon am Türknauf hatte, und drehte sich wieder zu Narcise.

„Ich bin, so bald es mir möglich ist zurück. Ich vertraue darauf... Ich vertraue darauf, dass Sie hier alleine zurückbleiben können?“

Sie hob ihre Augenbrauen mit einem ironischen Gesichtsausdruck. „Ich war schon die letzte Woche allein hier, Woodmore. Ich vermute, dass es mir auch in Ihrer jetzigen Abwesenheit ausgezeichnet ergehen wird.“

 

Narcise war sich des Ekels, den Chas Woodmore vor ihr empfand, durchaus bewusst. Sie verstand nicht ganz warum, aber sie fand auch etwas Trost darin, denn dadurch konnte sie sicher sein, dass er sich ihr nicht aufzwingen würde.

Oder zumindest: er würde es nicht versuchen.

Sie machte sich keine Sorgen darum, ob sie sich vor ihm schützen konnte. Abgesehen von der Tatsache, dass er immer noch so schwach war, dass er im Stehen leicht schwankte, war sie natürlich stärker und schneller als er, selbst in seiner beachtlichen körperlichen Verfassung. Und er schien auch nicht versucht, sie zu töten ... obwohl sie sich nicht ganz sicher war, ob er es vielleicht später doch nicht einmal versuchen würde.

Diese letzte Woche, in der sie ihn gepflegt hatte, half Narcise aber dabei, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden: ein Leben, wo sie in niemandes Schuld stand, ein Leben wo sie ihre eigenen Entscheidungen traf, ihre Nahrung selbst besorgte und sich sogar um Kleider und Geld kümmerte.

Nichtsdestotrotz fühlte sie sich nie ganz wohl, wenn sie die Schenke verließ – besonders nachts, da sie wusste, dass Cezar und seine Männer auf der Suche nach ihr sein könnten. Sie war sehr geschickt darin geworden, Sterbliche mit ihrem Bann zu belegen, um sich was auch immer zu beschaffen, was sie eben benötigte: Papier und Bleistifte, einen Beutel Sous oder Livres, Kleider für sich und Chas ... und selbst eine volle, heiße Vene zum Trinken.

Philippe hatte ihr Schlafzimmer bereits mehr als einmal aufgesucht. Sie war sich nicht sicher, ob es ein Zufall war, dass immer nur er das Wasser und die Wanne für ein Bad brachte, oder ob ihn einfach etwas in dieses Zimmer zu ihr hinzog.

Bislang hatte Narcise die Nahrungsaufnahme, das Trinken von Blut, stets als so etwas wie ein notwendiges Übel betrachtet, wie sie auch den Freunden ihres Bruders zu willen sein musste. Ein Sterblicher wurde zu ihr hereingebracht, und sie trank. Oder, in den Monaten, in denen sie versucht hatte, sich lieber selbst verhungern zu lassen, als sich Cezars Willen zu beugen, wurde ihr ein Krug frischen Blutes die Kehle hinunter gezwungen.

Es lag unter all dem ein kleiner Hauch von Lust oder Erotik, der sie immer erregte, wenn sie sich in dieser intimen Situation befand, aber das Gefühl zu befriedigen, war nie nötig gewesen – zumindest nicht von ihrer Seite aus.

Philippe schien recht erpicht, und mehr als einmal während der drei Male, in denen sie ihn mit ihrem Bann belegt hatte, war es ihm gelungen sich – oder auch sie – halb zu entkleiden. Es gab Augenblicke, da war sie kurz davor ihm zu erlauben, das zu Ende zu führen, was sie, oder um genau zu sein, was ihre beiden Körper offensichtlich beide wollten ... aber sie ließ sich dann doch nie so weit darauf ein.

Über Jahrzehnte hinweg hatte sie ihre Gefühle und ihr Herz – ganz zu schweigen von ihrem Verstand – beschützt, indem sie sich von den Reaktionen ihres Körpers abspaltete, und alles bis auf die rein physische Reaktion tief in ihr fest unter Verschluss hielt. Sie war sich dessen wohl bewusst, dieser eisernen Kontrolle.

Der einzige Riss in ihrem Panzer war mit Giordan in ihr Leben getreten, und seitdem hatte sie diesen Panzer wieder so fest zugeschweißt und verstärkt, dass sie davon ausging, sie würde nie wieder etwas empfinden.

Jetzt, da sie sich von Cezar befreit hatte, merkte Narcise jedoch, dass es auch für sie eine Chance gab, sich wieder zu öffnen. Und auch nach zehn Jahren hatte sie Giordan immer noch nicht vergeben. Nein, wahrlich nicht. Zorn und Ekel brannten noch in ihr, was ihn betraf ... aber sie erinnerte sich daran, wie es sich angefühlt hatte, wieder erweckt zu werden. Nicht aus Boshaftigkeit oder Brutalität, oder auch nur aus Reflex.

Sondern durch Liebe und Zärtlichkeit.

Der Jüngling Philippe empfand natürlich keines von beidem für sie, aber zumindest war er auch nicht boshaft oder brutal ihr gegenüber.

Oder so dachte sie zumindest, als seine hartnäckige Hand unter den Saum ihres Nachthemds schlüpfte. Ihre Zähne lösten sich aus seinem Fleisch, und er versuchte, ihren Mund zu finden, auf der verzweifelten Suche nach einem Kuss, aber sie verweigerte sich, und nippte ihm stattdessen an seinem Ohr und noch durch die Stofflagen hindurch fühlte sie, wie sein Schwanz über ihren Bauch glitt.

S’il vous plaît“, flüsterte er heiser, und als sie sich von ihm löste, verzog er weinerlich das Gesicht.

Narcise schüttelte ihren Kopf und wusste, als sie ihm in die mit einem glänzenden Schleier überzogenen Augen blickte, dass er nicht wirklich wusste, was er da gerade tat – oder wollte –, ebenso wenig wie sie es gewollt hatte, dort, in jenen schwarzen Nächten in Der Kammer.

Sie ließ ab von ihm, löste ihn von ihrem Bann und aus ihren Armen, und war gerade dabei von ihm wegzutreten, als sie den Türknauf rütteln hörte.

Philippe war immer noch zu benommen und reagierte zu langsam, konnte nicht einmal recht begreifen, was gerade geschah, aber Narcise wusste es, und sie drehte sich augenblicklich weg, noch bevor die Tür sich öffnete. Chas fegte im Dunklen in die Kammer hinein und um ihn herum wirbelten Düfte von Wein und Kraft durch die Luft.

Sie hatte es später nie so ganz verstanden, warum sie den Drang verspürte, das Vorgefallene vor ihm zu verheimlichen – aber es war auch sinnlos. Chas’ Augen funkelten sie böse an, und dann erfasste er mit einem Blick die Situation im Zimmer. Sein Gesichtsausdruck war offensichtlich: Ekel und Abscheu.

„Geh“, fuhr er Philippe an, den armen, verwirrten Jungen, der linkisch aus der Stube stolperte, mit – da war sich Narcise sicher – halbgeformten Erinnerungen an eine sehr intime Situation.

Sie hatte einen kurzen Moment Zeit, darüber nachzugrübeln, ob er je wiederkommen würde, aber dann veranlassten sie Verärgerung und noch dazu die Kränkung, sich Chas zuzuwenden. „Wenn Sie sich Sorgen machen, dass Ihr Zartgefühl unter dieser Situation hier leiden könnte, dann sollten Sie das nächste Mal vielleicht anklopfen, bevor Sie einfach hereinkommen.“

„Vielleicht wäre es besser, wenn Sie einen anderen Ort finden, um ... das ... zu tun. Ich verspüre nicht den geringsten Wunsch, Teil Ihres verdorbenen Lebens zu sein.“ In seinen Augen blitzte diese kalte Verachtung ... aber Narcise spürte da auch eine Veränderung seines Atems, einen etwas verunsicherten Herzschlag. Er schritt durch das Zimmer, und war jetzt offensichtlich deutlich sicherer auf den Beinen als vor ein paar Stunden, als er hinausgegangen war. Sie erschnupperte Essen und dann auch den schweren Geruch von Wein, und Tabak und Rauch, und sie begriff, dass er wohl unten gegessen hatte. Und wenn sie vom Geruch ausging, hatte er einen Menge Wein getrunken.

Sie wusste, ihre Eckzähne waren noch etwas ausgefahren, und dass ihre Augen gerade das brennende Glühen darin hatten abebben lassen, aber sie drehte sich weg.

„Ich habe keine andere Wahl“, sagte sie. „Wenn ich nicht regelmäßig trinke, dann wird es sehr schwer, die Kontrolle über meine...“ Sie biss sich auf die Lippe, ihre Wangen wurden rot.

Er ging hinüber zum Fenster und schloss die Läden geräuschvoll, als ob die kühle Nachtluft auszusperren auch die angespannte Atmosphäre im Zimmer aussperrte. Das Gegenteil war der Fall – damit saßen der Duft von Wein und Blut und Moschus in der Falle, und der von Chas Woodmore und seiner Energie, seines Edelmuts und seiner Männlichkeit, all das wurde dadurch verstärkt.

Narcise spürte, wie sich etwas in ihrer Magengrube regte, ein leichtes Flattern, das sie kaum wiedererkannte. Nein. Nicht er.

Sie drehte sich weg, kämpfte darum, ihre Zähne wieder in ihr Gaumenbett zu zwingen. Vielleicht sollte sie wirklich gehen. Die Sonne war fast untergegangen. Sie könnte das, was sie tun musste, weit weg von seinen vorwurfsvollen und gierigen Augen tun.

„Man weiß, dass wir Ihrem Bruder entkommen sind“, sagte Chas knapp. „Nicht nur lässt er seine Gemachten jede Straße und Gasse sowie das Palais absuchen, wegen Bonaparte hat er auch noch tagsüber die Wachen auf seiner Seite, die Ausschau nach uns halten.“

Furcht zog ihr zitternd den Magen zusammen. „Sitzen wir in der Falle? Werden sie uns finden?“

„Natürlich sitzen wir nicht in der Falle“, erwiderte er, jetzt hatte Verachtung den Ekel ersetzt. Sie dachte, dass sie diese Reaktion von ihm dem Ausdruck von Ekel in seinem Gesicht vorzog. „Ich kann uns aus Paris und über den Kanal schaffen, aber es wird mehr Planung erfordern, als ich vorhergesehen habe.“ Sein Gesicht war jetzt ausdruckslos, und seine Augen wichen ihr aus. „Wir werden noch ein paar Tage hier bleiben müssen.“

Narcise nickte. Ein Donnerschlag der Erleichterung ließ sie lächeln: Er beabsichtigte nicht, sie hier alleine zurückzulassen. Sie entspannte sich etwas. Sie war noch nicht ganz bereit, restlos auf sich gestellt zu sein, ganz besonders nicht, in der Stadt, wo auch ihr Bruder lebte.

Da war immer noch diese lähmende Angst, gefunden und wieder in seine kalten, dunklen Gemächer verschleppt zu werden. „Haben Sie Dimitri Nachricht gesandt?“, fragte sie, als sie sich auf die Bettkante setzte. „Wie wird diese Nachricht durch die Blockade zu ihm gelangen?“

„Wir haben für solche Fälle verschiedene Methoden, miteinander in Kontakt zu treten. Jetzt habe ich eine Bluttaube verwendet, die sich ihren Weg über Land und Wasser sucht, und diejenige Person finden wird, die ihr antrainiert wurde. Indem sie sein Blut riecht.“

„Sie riecht von hier aus bis nach London Dimitris Blut?“

„Nein, nein. Wir haben mehrere Tauben an unterschiedlichen Punkten der Stadt eingesperrt, und jede von ihnen hat einen bestimmten Ort, den sie anfliegt, oder zu dem sie nach Hause zurückkehrt. Wenn sie dann einmal in der Nähe ihres Heimatortes ist, kann sie das Blut riechen und wird direkt zu ihrem Herrn fliegen, wer auch immer das ist.“ Chas hatte auf dem Stuhl Platz genommen. Seinen Ellbogen legte er auf dem Tisch neben ihm ab und drehte die Gaslampe etwas höher, um den dämmrigen Raum besser zu beleuchten.

„Sie kümmern sich sehr um Ihre Schwestern“, sagte sie, wobei sie sich fragte, wie es wohl war, einen Bruder wie Chas Woodmore zu haben, anstatt Cezar Moldavi.

„Unsere Eltern sind vor über zehn Jahren gestorben, und seitdem waren es nur noch wir vier. Wir stehen uns also sehr nahe, aber ich bin viel auf Reisen, und so sind sie sehr oft sich selbst überlassen, unter den wachsamen Augen ihrer Anstandsdame. Aber ich vermisse sie die ganze Zeit, denn sie sind alle so unterschiedlich.“

„Erzählen Sie mir von ihnen. Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen... Ihre Familie ist recht außergewöhnlich, nicht wahr? Sie verfügen über das, was man die Gabe des Zweiten Gesichts nennt?“

„Das ist teilweise meiner Ururgroßmutter geschuldet, die sich in einen Stallburschen ihres verstorbenen Ehemannes verliebte. Er war ein Zigeuner, und da sie bereits einmal nach den Wünschen ihres Vaters verheiratet worden und da bereits Witwe war, hat sie entschieden, sie darf jetzt heiraten, wen sie will. Und so hat sie ihren Stallburschen geheiratet. Als wir klein waren, hat uns ihre Urenkelin, meine Oma Öhrchen, immer Geschichten von Vampyren erzählt.

„Das ist also, warum Sie so erfolgreich darin sind, die Drakule zu jagen. Wer ist schon besser dazu geeignet als jemand, dessen Familie aus Rumänien stammt? Wie haben Sie denn entschieden, dass es wichtig war, uns aufzuspüren und Vampyre zu töten?“

Chas stand abrupt auf und ging zur Klingel und zog heftig daran. „Verzeihung, aber es erscheint mir seltsam, mit Ihnen über derlei Dinge zu reden.“

„Weil Sie einen Schwur geleistet haben, mich zu töten? Aber das haben Sie nicht. Im Gegenteil, Sie haben mir geholfen. Vielleicht sind Sie letzten Endes doch kein so gnadenloser Jäger.“

Er schaute sie über seine Schulter hinweg plötzlich wieder an. „Vielleicht bin ich das doch. Vielleicht überlege ich mir gerade nur, wie ich Ihnen am besten einen Pflock durch die Brust ramme und Sie an dem Bett da festnagele.“ Seine Augen waren dunkel und glitzerten. Und das war der Moment, in dem ihr aufging, wie schwer betrunken er war. „Oder vielleicht gehen mir andere Gedanken im Kopf herum.“

Narcise stockte der Atem, und eine scharfes Stechen der Lust schoss ihr durch den Bauch. Ihre erste Reaktion war jedoch nicht Abscheu, und das jagte ihr fast ebenso viel Angst ein, wie der Gedanke, zurück zu Cezar gebracht zu werden.

Sie musste glücklicherweise nichts erwidern, denn da klopfte es an der Tür, und während Chas in scharfem Ton mit wem auch immer dort draußen sprach, ging sie wieder zum Fenster und öffnete die Läden. Sie trank in tiefen Luftzügen von der kühlen Nachtluft, roch die kühle Brise, die von der Seine zu ihr fand, vermischt mit Rauch und Abfall und Siedfleisch, und sie betrachtete die Straße unter ihr.

Was, wenn Cezar genau in diesem Moment dort draußen war, auf der Suche nach ihr? Was, wenn er hochschaute und sie dort sah, wie sie zu ihm hinunterspähte? Oder auf der anderen Seite – da waren Fenster auf der anderen Seit der Straße, so nah bei ihr, dass sie hinüberspringen könnte.

Narcise kroch rasch wieder ins Zimmer zurück und sah, dass sie und Chas wieder alleine waren. „Ihre Schwestern? Man sagt, dass sie das Zweite Gesicht haben“, sprach sie und hoffte, die Konversation damit in weniger gefährliche Bahnen zu steuern ... zumindest bis einer von ihnen beiden beschloss, schlafen zu gehen.

„Die beiden jüngeren haben die Gabe“, antwortete Chas ihr. „In gewisser Weise.“ Er stand immer noch bei der Tür und hatte sich dort jetzt aufgebaut, die Arme vor der Brust verschränkt. „Aber Maia, die älteste, die aber immer noch fast zehn Jahre jünger ist als ich, hat sie nicht vererbt bekommen. Aber das macht sie wett, indem sie jede Einzelheit vom Leben jedes Einzelnen in unserem Haus unter ihrer Fuchtel hat.“

Seine Lippen lockerten etwas auf und wurden fast zu einem Lächeln – das erste, das sie an ihm gesehen hatte, wie es schien. Die Wirkung war schier unglaublich: es verlieh seinem sehr dunklen Gesicht einen weichen, sinnlichen Ausdruck. Ein dunkler Engel, dachte sie wieder bei sich – und nicht in der Art von Luzifer.

„Ich kann mir kaum vorstellen, wie sie und Corvindale es miteinander aushalten werden“, fuhr Chas fort, das Lächeln wurde sogar noch breiter. „Denn wegen meiner verlängerten Abwesenheit habe ich dafür gesorgt, dass der Earl sich um sie kümmert.“

„Sie sprechen mit solcher Zärtlichkeit von ihr“, sagte Narcise. „Mein Bruder war so besorgt um mich, dass er Luzifer zu mir geschickt hat.“ Sie ließ ihren Hass und ihre Bitterkeit deutlich hören.

„Und das ist also, wie es passiert ist? Sie geben Ihrem Bruder die Schuld?“ Die Stimme von Chas kam wie ein Peitschenhieb bei ihr an, da war nur Verachtung zu hören.

Aber Narcise hatte sich schon längst mit ihrer eigenen Fehlbarkeit abgefunden. „Ich gebe meinem Bruder lediglich die Schuld dafür, dass er Luzifer angefleht hat, mich zur Drakule zu machen, dass er ihn zu mir geschickt hat, aber ich habe dem Pakt aus freiem Willen zugestimmt.“

„Er ist Ihnen im Traum erschienen?“

„Er kam – wie ich glaube, dass er es stets tut – in einem wirklich entscheidenden Moment, und ja, in einem Traum. Wenn man am schwächsten ist, am empfänglichsten für seine Versprechungen. Ich kenne niemanden, der diese Gelegenheit angeboten bekam und der den Handel mit dem Teufel ausgeschlagen hat. Wenn mir je so ein Mensch begegnen würde, dann würde ich gerne wissen, wie es ihm gelungen ist.“

Für einen kurzen Augenblick schloss sie die Augen, und sog ihre Lippen fest ein. „Jemand hat mir einmal gesagt, ich wäre die stärkste Person, die ihm je begegnet sei. Aber als ich endlich so stark geworden war, war es viel zu spät.“ Sie erzitterte innerlich bei der Erinnerung an Giordan – und rasch sperrte sie dieses Gefühl wieder weg. „Ich hatte meine Seele bereits verkauft.“

Es klopfte wieder an der Tür, und Chas, der, wie sie jetzt begriff, auf genau das gewartet hatte, öffnete. Ein Diener brachte einen großen Krug Bier und zwei Tassen, stellte sie auf dem Tisch ab und ging wieder, ohne mit einem von ihnen ein Wort zu wechseln oder sie anzuschauen.

Froh über die Unterbrechung und die Ablenkung sah Narcise zu, wie ihr Begleiter sich wieder an den Tisch setzte und sich eine Tasse Bier einschenkte.

„Möchten Sie auch davon?“, fragte er und begann dann, auch für sie eine einzuschenken, ohne ihre Antwort abzuwarten, und stellte die Tasse an der Tischseite ihm gegenüber ab. Er lehnte sich wieder auf seinem Stuhl zurück und nahm einen Schluck.

Sie ging zögerlich zu ihm hin und griff nach ihrer Tasse, nippte an dem starken, bitteren Getränk. Es war schwer und warm, und sie machte sich nicht sonderlich viel daraus ... aber sie fand, es gab ihren Händen etwas zu tun, und ihr Mund und ihre Gedanken konnten sich so auf etwas konzentrieren, was eine gute Sache war.

„Und was war dieser entscheidende Moment?“, fragte er und schenkte sich reichlich nach.

„Warum wollen Sie das wissen? So dass Sie eine weitere Schwäche an mir entdecken und mich töten können?“, gab sie ihm umgehend eine Gegenfrage, sie empfand diese Neugier als Kränkung, weil er selbst nichts preisgab und er ohnehin schon ein Urteil über sie gefällt hatte.

„Vielleicht möchte ich Sie nur besser verstehen“, erwiderte er. Seine Worte waren etwas dahingenuschelt. „Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich mit einem Vampir über derlei zu unterhalten.“

„Weil Sie für gewöhnlich nur versuchen, sie zu töten.“

„Ja. Ich hätte Sie töten sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte“, sagte er. Seine Augen waren dunkel und beunruhigend. „Aber es wäre eine Sünde eine zu töten, die von solch erlesener Schönheit ist.“

„Ich bin sicher, ich wäre nicht Ihre Erste“, entgegnete sie, nippte wieder an ihrer Tasse, während sie sich gegen die Wand lehnte, darauf bedacht, viel Distanz zwischen ihnen zu lassen. „Sünde, meine ich.“

„Nein, wahrhaftig nicht. Ich bin fast so böse, wie Sie es sind, Narcise“, sagte er. „Was war der entscheidende Moment? Oder sind Sie nicht gewillt, meine Neugier zu stillen?“

„Wie Sie sich sicherlich denken können, war meine große Schwäche meine Eitelkeit. Ich bin mir durchaus bewusst, welche Wirkung meine Erscheinung auf andere um mich hat. Männer haben nur noch Begierde in den Augen und den Herzen, wenn sie mich anschauen, Frauen hassen oder beneiden mich. Ich hatte einen Geliebten, als ich sechzehn war. Rivrik. Mein erster und ... einziger ... in den Dingen, auf die es ankommt.“ Sie erstickte fast an dieser Lüge, aber in ihrem Kopf, entsprach das der Wahrheit.

Was sie und Giordan geteilt hatten, konnte man nicht als Liebe bezeichnen. Zumindest nicht mehr.

„Der arme Rivrik“, murmelte Chas. „Ich kann mir sein schreckliches Schicksal schon denken.“ Er füllte erneut seine Tasse, und sie konnte sehen, dass der Krug jetzt deutlich weniger wog.

Sein offensichtlicher Wunsch, sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken, beunruhigte sie nicht, es weckte eigentlich eher ihre Neugier. Und am nächsten Morgen, so vermutete sie mal, würde er sich nur noch an sehr wenig von dem erinnern, was sie ihm heute Abend erzählte. „Ich hatte eine Verletzung – eine Verbrennung, von einer Öllampe. Es war in meinem Gesicht, und ich hatte schreckliche Angst, dass es nicht verheilen würde, dass ich immer eine Narbe haben würde. Und dass Rivrik mich nicht mehr lieben würde.“

„Weil es natürlich nichts anderes an Ihnen gibt, was man lieben könnte, außer Ihrem Gesicht und Ihrem Körper“, warf er ein.

Narcise ignorierte ihn. „Als Luzifer mir erschien und mir versprach, dass ich ewig leben würde, dass ich niemals alt werden würde und dass die Verbrennung restlos verheilen würde ... habe ich nicht die Kraft aufgebracht abzulehnen. Und das ist, wie es passiert ist.“

„Und Rivrik? Ich bin sicher, er war entzückt Sie wieder intakt zurückzuerhalten – bis auf ihre verdorbene Seele natürlich. Aber was machte das schon, wenn er den Rest haben konnte?“

Da Narcise selber schon vor Jahrzehnten lange über diese Gedanken und Fragen nachgegrübelt hatte und darüber vor Zorn verzweifelt war, hatten seine Worte keinen Stachel. Nicht allzu sehr. „Er starb kurz darauf. Ich bin sicher, Cezar hatte etwas damit zu tun.“

„Ich bin überrascht, dass Sie ihm nicht angeboten haben, ihn zum Drakule zu machen, damit er auf ewig bei Ihnen bleiben könnte, und bei Ihrem schönen, jugendlichen Selbst.“

Jetzt war sie doch verärgert und schob sich von der Wand weg. „Ich habe fast sofort, nachdem ich den Pakt mit dem Teufel akzeptiert habe, gemerkt, was für einen entsetzlichen Fehler ich begangen hatte. Niemals habe ich es in Betracht gezogen, Rivrik ein derartiges Schicksal aufzubürden.“

„Ah, verstehe. Eine Drakule mit einem Gewissen. Mit Bedauern. Davon gibt es wirklich nur auserlesen wenige.“ Er kippte den Krug jetzt fast senkrecht, und das letzte Bisschen Bier floss in seine Tasse.

Dann lehnte er sich wieder zurück, lag fast auf diesem Stuhl, die Beine weit gespreizt, sein Kopf so weit zurückgebogen, dass sie erst dachte, er wäre eingeschlafen. Aber dann bewegte er sich, lockerte den Knoten oben an seinem Hemd und zerrte es unten aus seinem Hosenbund. Seine Stiefel hatte er vorher schon irgendwann ausgezogen, und jetzt fielen ihr seine dunklen, langen Füße auf, dort, nackt, auf dem Holzboden.

„Und jetzt, Narcise, nun“, sagte er plötzlich und setzte sich aufrecht hin. Sein Gesicht war jetzt finster und wüst, und er setzte die Tasse auf dem Tisch ab, ohne hinzuschauen. Seine Augen, die im Schein der Lampe fast glühten, spießten sie geradezu auf. „Da wären wir also.“

Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber da hatte er sich von seinem Stuhl hochgehievt, und jetzt ging er auf die andere Seite des Tisches. Seine Finger strichen über die Tischplatte, als wolle er sich darauf stützen, und er lief aufrecht, ganz gerade, ohne das kleinste Schwanken, was verraten hätte, wie betrunken er war.

Narcise begann das Herz plötzlich wild zu hämmern, und ihr Mund war auf einmal wie ausgedörrt. Selbst betrunken und verschludert sah er noch dunkel und verlockend aus. Einschüchternd, aufgrund seiner Körpergröße und seiner sehr breiten Schultern.

Aber sie machte keine Bewegung, um vor ihm zurückzuweichen oder irgendwie auszuweichen, selbst als er direkt vor ihr angelangt war. Aber als er sie vorne an ihrem Nachthemd packte und sie grob gegen die Wand stieß, war sie derart schockiert, dass sie nicht einmal die Zeit hatte zu reagieren, bevor sein Gesicht schon dicht vor ihrem war.

Mit dunklen, wütenden Augen, die Lippen zu einer grässlichen Fratze verzogen, Zähne gebleckt, sagte er, „wenn du je versuchst, mich mit deinem Bann zu belegen, töte ich dich.“