ACHT

Jetzt lass mich dich nehmen.

Cales Worte hallten in Narcises Kopf wider, und jetzt, da die qualvolle Feder ihr nicht mehr hinten im Kleid steckte, konnte sie auch wirklich etwas fühlen. Kraft strömte wieder in sie hinein, die Taubheit wich von ihr.

Sie wollte, dass er sie nahm. Ihre Hände zitterten, ihr Bauch flatterte und hüpfte, sie wollte ihn so sehr.

Er führte sie aus dem Salon, die Tür schloss sich hinter ihnen und damit waren auch die Stimmen und andere Geräusche der ausgelassenen Lustbarkeiten nicht mehr zu hören – und sie waren vor Cezars Augen sicher. Sie liefen dann schnell einen Flur entlang, an dessen Wänden gelegentlich ein Gemälde hing, an mehreren Tischen mit Staturen, Vasen und anderen Gegenständen darauf vorbei. Cale führte sie an einigen geschlossenen Türen vorbei, und sie war sich sicher, er beabsichtigte, sie in sein Schlafzimmer zu bringen. Wenn du einmal in meinem Bett bist, in meinem Zimmer, wirst du es niemals wieder verlassen.

Das Herz drohte ihr in der Brust zu zerspringen, und fast hätte sie alles einfach beiseite geschoben: Cezar, die Sorgen, die Kinder ... und nachgegeben. Denn sie wusste, er hatte Recht. Wenn sie erst einmal in seinem Bett war, sicher und wohlig befriedigt, geliebt, würde sie es niemals über sich bringen zu gehen.

Also durfte sie nicht dorthin gehen.

Sie stolperte absichtlich, und als er innehielt, um ihr zu helfen, legte Narcise ihm die Arme um den Nacken und zog ihn zu sich, wobei sie sich rückwärts auf eine der Türen zubewegte. Bevor er auch nur etwas sagen oder auch nur reagieren konnte, schlug sie ihm die Zähne in den Hals.

Cale erstarrte, und sie spürte, wie sein Körper in einem großen Zittern erschauerte, als das heiße Blut ihr in den Mund lief. Er fluchte, einen leisen, finsteren Fluch, den sie nicht verstand. Sie vergaß kurz sogar ihre Absicht ... die Lust war übermächtig, sie hatte so lange hierauf gewartet. Und sie waren beide gleichrangig, ebenbürtige Partner.

Partner.

Diese Erkenntnis berauschte sie, unglaublich und herrlich, und sie trank in großen Schlucken, saugte sein Blut ein, all diesen heißen, kupferartigen Geschmack von ihm.

Er stöhnte, leise und tief, die Sehnen an seinem Hals spannten sich in Erwiderung an, ihr entgegen. Sie presste sich mit ihrer gesamten Länge an seinen Körper, spürte die verheißungsvolle harte Länge hinter dem Latz seiner Hosen, diese Hitze und Kraft, die sie begehrte und vor der sie sich nicht mehr fürchtete.

„Narcise“, entrang er seiner Kehle, aber seine Hände waren schon über ihre Brüste gelegt, fanden durch die steife Spitze ihre harten Brustwarzen, und er schaffte es nicht, den Satz zu beenden. Er erforschte fieberhaft ihre Kurven, ein Daumen streichelte über ihre Brüste, er drückte sie jetzt gierig gegen die Tür, sein Kopf zurückgeneigt, um ihr seine vollen, pulsierenden Venen darzubieten, während sie trank. Sein Pulst raste und schickte ihr in rhythmischen Wellen sein Lebensblut in den Mund, und sie saugte und leckte, benutzte Lippen und Zunge, um von ihm zu kosten. Er war süß und voll, stark und doch tröstlich. Vertraut.

Sie suchte blind nach dem Türknauf, der hinter ihr sein musste, es war ihr egal, was für ein Zimmer dahinter lag, wohin sie beide stolperten, als sie es schaffte, den Knauf zu drehen. Die Tür gab nach, und sie lief rückwärts hinein, gerade als sie von der heißen, zarten Haut an seinem Hals abließ. Sie zog ihn an dem Revers seines Überrocks mit sich, hinein in das warme, schummrige Zimmer.

„Raus“, hörte sie ihn über ihre Schulter zu jemandem sagen. Während sie an seinem Rock zog und ihn Cale über die Schultern zerrte, nahm sie noch hastige Bewegungen von Leuten dort wahr, schnell und unbeholfen, und dann einen Luftzug, als wer auch immer vorher hier gewesen war, den Raum ohne Widerrede räumte.

Cale murmelte etwas Unverständliches, riss sich den Rock weg, zu Boden, als sie hastig an der Krawatte zog, an seinem Hemd, und merkte, dass Blut überall am Kragen die weiße Baumwolle rot färbte. Sie riss es weg, und dann war seine nackte Brust auch schon unter ihren Händen, genauso warm und stark wie in ihrer Erinnerung.

Er zog ihr gerade die Nadeln aus dem Haar, zerrte wahllos und ließ sie mit kleinen, klackernden Geräuschen auf den Boden fallen. „So wunderschön“, murmelte er und fuhr ihr mit seinen Händen in das Haar, hob das Gewicht ihrer Locken hoch, dort, weg von ihrem Nacken, entwirrte das Geflecht aus gedrehten, geflochtenen Zöpfen, breitete es aus, lang und voll und breit, so dass es ihr den ganzen Rücken schimmernd bedeckte. Sie konnte es durch die dünne Spitze fühlen, schwer und warm, und dann hob er die ganze Masse davon zu einer Seite hin weg, entblößte ihren Hals.

„Narcise?“, fragte er, seine Stimme rauh an ihrem Ohr, seine andere Hand hielt ihren Arm fest umschlossen.

„Ja–“ Kaum hatte sie die eine Silbe gehaucht, als er ihr seine Zähne dort hineinschlug, an diesem weichen, empfindlichen Übergang zwischen Hals und Schulter. Sie stieß einen kleinen Schrei aus Schmerz und Lust aus, und er verharrte dort einen Moment reglos, eine Hand um ihre Schulter, die andere hielt ihren Kopf sanft umfasst, hielt sie sicher und fest, wo sie andernfalls schwach zusammengesackt wäre.

Als der Druck in ihr sich entlud, ihm geradezu in den Mund hineinbarst, zusammen mit diesem Stachel aus Schmerz und der erregenden Berührung seiner Lippen, bei all dem wurde Narcise schwindlig und hilflos, auf eine wunderbar lustvolle Weise. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, begierig, zum Zerreißen angespannt, aber ehrlich, wahrhaftig.

Es war so lange her ... so lange her, dass man diese Lust nicht mit Gewalt, gegen ihren Willen von ihr eingefordert hatte. So lange her, dass es schöne, reine Lust gewesen war und nicht fürchterlich und finster.

Aber ihre Knie gaben nach, und sie griff nach den Überresten seines Hemdes, hielt sich fest, während er sich in tiefen Zügen an ihr sättigte. Eine seiner Hände wanderte hinunter, um ihren Hintern fest an sich zu ziehen, ihren Oberkörper abrupt gegen seinen gierigen, wütenden Schwanz hinter seinen engen Hosen zu zerren. Sie lehnte sich dort unten zurück, drückte sich an diese köstliche Ausbuchtung, rieb ihr eigenes, angeschwollenes Selbst gegen ihn, in einem Rhythmus, nach dem sie beide sich verzehrten. Ihrer beider Atem fand den gleichen Takt, vermischte sich, hart und rauh und hitzig, strömte ihr über die Haut, dort, wo er an ihrer Schulter fest schluckte, seine Zunge sie noch zwischen seinen Zähnen hindurch liebkoste.

Es gab ein Klirren und einen Ruck, und sie begriff, dass sie gegen einen Tisch oder derlei gestoßen waren, und als Nächstes war da schon etwas anderes hinter ihren Beinen. Die Lehne von einem Sofa.

„Lass es uns diesmal horizontal angehen“, murmelte er, nachdem er seine Zähne aus ihr gezogen hatte und ihr jetzt schon heiße, feuchte Lippen über ihre Wunde gleiten ließ, zärtlich, sanft, um diese zu schließen. Sie erschauerte, bei diesem Gefühl von ihm auf ihrer angespannten, empfindlichen Haut, schloss die Augen, als ihr Körper zu zerschmelzen schien, sie innerlich heiß pulsierte. Ihre Brüste schoben sich gegen das Gefängnis aus Spitze, das steife Tuch zugleich erregend und aufreizend, als es gegen ihre harten Brustwarzen rieb. Aber die Lust, die ihr von Bauch zu Scham rollte, ihr durch die Glieder vibrierte, war köstlich und unerträglich, und Narcise merkte, wie sie seufzte, stöhnte, in Trance – und mehr wollte, viel mehr.

Da senkte er sie bereits zum Boden, bettete sie auf einen dicken Teppich. Der Widerschein eines Feuers ergoss sich als goldener Teich auf die rote Wolle. „Das Sofa ... zu schmal“, nuschelte er, während er schon an den Schnürriemen zog, die sie in das hautenge Kleid einschnürten, er öffnete es an ihrem Oberkörper, der Länge nach, zog mit sanften Händen daran, ihre Haut war frei von der groben Spitze, lag nackt in der Hitze vom Feuer, und dann–

Oh.

Er biss sie. Dort. In die weiche Seite ihres Bauches, genau über ihrer Hüfte, und Narcise zuckte zusammen, als Lust ihr in das Geschlecht fuhr, in Form eines heißen, weichen Schwellens, und sich dann in einer Spirale der Lust entlud. Ihr Atem war jetzt restlos außer Kontrolle, und ihre Welt war nur noch dunkel und rot, hämmerte und schwoll an, ihr Zentrum pochte und pulsierte, als Wärme und Erlösung durch sie hindurchjagten.

„Das gefällt dir also?“, sagte er, seine Stimme war tief und voll Verzückung.

Denn er – Giordan – war jetzt über ihr, eine Hand fand unter der Spitze ihren Weg, um die höchste Stelle ihrer Brust zu bedecken, seine Handfläche glitt rhythmisch über ihre gierige Brustwarze, und die andere glitt ihr unter den Rock, hinter das schwarze Dreieck zwischen ihren Beinen.

Seine Lippen bewegten sich an der weichen, zarten Haut an ihrer Flanke entlang, nippten und saugten zärtlich an den frischen Wunden dort. Ihre Bauchdecke zitterte und erschauerte, als seine Finger ihren angeschwollenen Mittelpunkt fanden, feucht und voll, sie schloss die Augen und atmete, tief, lang, genussvoll. Lust und Begierde tobten wieder, kaum hatte er sie berührt, und sie stellte sich seine langen, eleganten Finger vor, wie ihr Körper von ihnen dort erkundet wurde, und dann von ihnen zu einem neuen Höhepunkt gestreichelt wurde.

„Ja“, wisperte sie, bog sich, hob sich in seine Hand hinein, aber er wich ihr aus, neckte sie mit Fingern an ihrem Oberschenkel, innen entlang und dann weg, um sie dann anzuschauen. Sie war sich seines Gewichts nur zu bewusst, auf ihr, fest und stark und wundervoll, ein kraftvolles Bein zwischen ihren, das andere lag außen an ihrer Hüfte.

„Küss mich“, sagte er, seine Hände waren mittlerweile wieder an ihren Schultern angelangt. „Narcise.“ Seine Augen bohrten sich in ihre, drangen durch den Nebel der Lust zu ihr durch, und sie erkannte in ihnen, wie er sie brauchte, seine begehrliche Bitte, eine Verletzlichkeit darin – ihrer eigenen so ähnlich.

Wärme umspülte sie, von einer Gewissheit her, von Begehren. Überall in ihr.

Sie nahm sein erhitztes Gesicht in ihre Hände, spielte mit ihren Fingern um seinen Kiefer, fühlte dort das leise Zittern, tief unter ihren Fingerspitzen, einen Hauch von Bartstoppeln ganz unten an seinem Kinn. Ihre Daumen krochen hoch, an seinem Gesicht entlang, ihre Fingerspitzen in die dichten Locken hinein, dort an seinem Nacken.

Sein Blick wich nicht von ihr, schwer und dunkel auf ihr, drang bis in ihre Seele zu ihr hinein. Tief in ihre zerstörte, zerquälte, verfluchte Seele hinein. Ihr Herz tat auf einmal einen Sprung, schauerte und öffnete sich.

Er hatte ihr so viel gegeben, zurückgegeben: sich selbst, ihre Freiheit, ihren Körper.

Als sie zog, ihn herab zu sich lenkte, senkte er sein Gesicht zu ihrem. An ihrem Mund angelangt, murmelte er ihren Namen, dann trafen sich ihre Lippen sanft, verschmolzen ohne Hast ineinander.

Giordan sank auf sie, in sie, umfasste sie mit seinen Armen, eng an sich, als er sein Gewicht verlagerte, um tiefer zu ihr, weiter in sie hinein zu gelangen, in sie eintauchte mit seinen weichen Lippen und der feuchten Zunge, wo immer noch Duft und Geschmack ihres Blutes haftete. Tränen brannten ihr in den Augenwinkeln, so stark schwollen Erleichterung und Empfindung in ihr an, bahnten sich unaufhaltsam, lechzend, einen Weg aus ihr, in diese ungewohnte Vertrautheit hinein.

Der Kuss wandelte sich, von süßem Bekenntnis der Zärtlichkeit zu etwas Wildem und Hungrigem. Ihre Zungen krachten, schlugen gegeneinander, tauchten tief und hemmungslos, ihre Lippen verfingen sich an langen Zähnen und kratzten an zarter Haut. Kleine Wellen von Blut vermischten sich mit dem Kuss, vermengten sich mit ihrem Atem, schmeckten süß und voll, während ihre Körper aneinander entlang glitten, sich tiefer ineinanderschoben. Seine Hand glitt nach unten zwischen sie beide, zog an den Knöpfen seiner Hose, sein Handrücken eine neckische Pein, wie sie an ihrem angeschwollenen Zentrum rieb.

Narcise half ihm, blind suchend und schnell findend, und hörte die Knöpfe, wie sie wild in alle Richtungen jenseits des Teppichs auf Holz trafen. Jetzt schnell und heftig, wurde ihr Rock hochgeworfen, aus dem Weg, seine Hosen und Unterhosen weggezerrt, bis seine Hitze an ihrem Schenkel lag.

„Giordan“, flehte sie, breitete sich weit nach oben und offen gegen ihn, lüstern, und sie hörte seine tiefe Erleichterung, als er im Rausch die heiße, feuchte Stelle zwischen ihren Beinen fand.

Sie keuchten beide auf, als er mit einem einzigen, scharfen Stoß in sie eindrang, und dann war keine Zeit mehr für spielerisches Geplänkel. Ihm schien die Geduld dafür ausgegangen zu sein, denn kaum war er tief in sie hineingeglitten, als er sich auch schon wieder bewegte, härter und schneller, sich vorbeugte, um an ihrem Mund zu nippen, rasch noch ein wenig von ihr aufzulecken, als ihre Hüften sich bewegten, um ihm in seinem Rhythmus entgegenzukommen.

Der Teppich kratzte an ihrem Rücken, und Narcise spürte, wie ihre Haare unter ihr eingeklemmt waren, aber diese störenden Dinge gingen unter, in der heißen, wahnsinnigen Lust, die wie eine Explosion über sie kam, sich entlud, an die sie sich klammerte, sie packte, kurz bevor auch er dort anlangte. Er gab einen leisen Laut von sich, halberstickt und tief, und stieß ein letztes Mal tief und heftig in sie hinein, vergrub dann das Gesicht in ihrem Haar und brach in ihrem Armen zusammen.

Narcise schloss die Augen, ihr Körper noch ein lustvolles Schaudern, ein sachtes Beben breitete sich von ihrem Zentrum bis hinein in jede Fingerspitze und Zehe aus, und sie erinnerte sich daran, wie es war, sich glücklich zu fühlen, erfüllt nach dem hier ... und nicht dunkel und zerstört und benutzt.

Seine Lippen spielten an ihrem Hals, sagten etwas, zu leise, um es zu verstehen, aber die zärtliche Berührung sandte erneut köstliche, kleine Schauer an ihrer Schulter entlang, und sie streichelte seinen ganzen Rücken mit ihren Händen.

Die gewunden, wurzelähnlichen Erhebungen seines Teufelszeichens stießen ihr auf der einen Seite gegen die Fingerkuppen, und sie konnte das leise Pulsieren in ihnen spüren. Sie fragte sich, ob er etwas getan hatte, um Luzifers Zorn auf sich zu ziehen, oder ob sein Mal immer so voll pulsierte.

Ihres hob und senkte sich je nach ihrer Gemütsverfassung – und der des Dämonen, der es ihr dort hingezeichnet hatte. Und jetzt, genau in diesem Augenblick, wo sie von Lust gesättigt dalag, war kaum ein leises Zwicken hinten an ihrer Schulter zu vermerken.

Giordan – er war nicht mehr Cale für sie – richtete sich auf und löste sich von ihr, seine Hände glatt und zärtlich, als er sie über ihren Hals und ihre Schultern wandern ließ. „Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich dir jetzt sage, dass du die schönste Frau bist, die ich je gesehen habe“, sagte er. „Aber dass du auch die stärkste bist. Hier.“ Er legte ihr eine Hand auf das Herz. In seinen Augen brannte ein stetes und tiefes Feuer, als er auf sie herabsah, seine Lippen – diese vollkommenen Lippen, von denen ihr jedes Detail dank ihrer Zeichnungen so vertraut war – waren voll und schimmerten leicht feucht.

Sie rührte sich, und er gab ihr noch mehr Raum, half ihr, sich aufzusetzen.

„Narcise“, setzte er an, nahm sie mit seinen Augen ganz wahr, Entschlossenheit im Gesicht.

Sie wusste, was er sagen wollte, und sie unterbrach ihn, indem sie ihm einen Finger an die Lippen legte. „Bitte mich nicht, hier zu bleiben. Ich kann nicht–“

„Das war nicht meine Absicht“, sagte er und entzog sich ihren Fingern. Ein etwas verärgerter Ton verfärbte ihm die Stimme. „Ich wollte sagen, ich halte es für wichtig, dass dein Bruder hiervon nichts erfährt.“

„Warum – und wie? Er hat mir befohlen, dich zu verführen, und er wird dich überall an mir riechen“, fing sie an, verwirrt und auch erleichtert, dass er nicht versuchen würde, sie zum Bleiben zu überreden.

Giordan nickte nachdenklich. „Ich weiß. Aber warum nur? Um zu sehen, ob es ihm gelingt? Um zu sehen, ob zwischen uns mehr ist?“ Er runzelte die Stirn, und überrascht stellte Narcise fest, wie eine Welle Zärtlichkeit über sie hinwegrollte, als sie die Falten an seiner Stirn sah. Sie wollte sie berühren. Sie wollte ihn wieder berühren, überall, um genau zu sein ... neben ihm in einem weichen, üppigen Bett zu liegen, nackt und gelöst, und ihm zuzuhören. Er musste die Hitze in ihren Augen bemerkt haben, denn er verstummte, seine Augen wurden zu lüsternen Schlitzen, und er beugte sich vor, sie zu küssen.

Noch ein süßes Streifen ihrer Lippen aneinander, aber dann schnellte ihre Zunge sachte hervor, da war noch Blutessenz an ihm, und der Kuss wurde intensiver, tiefer und ausgiebiges Erkunden. Sie legte einen Arm um ihn, glitt damit an seinem Oberarm entlang, als ein Kribbeln unwiderstehlich in ihr hochzusteigen begann.

Als er sich löste, tat er dies offensichtlich nur widerwillig. Seine braunblauen Augen, mit dem schwarzen Ring drum herum, brannten jetzt wieder rot, heiß. Aber dann blinzelte er, und sie wurden wieder ernst. „Ich misstraue allem an ihm, oder allem, was er tut“, fuhr Giordan fort. „Aber mir scheint, er will uns irgendwie zusammenbringen. Und wenn er das will, dann hat er dafür einen triftigen Grund. Ich denke, es ist besser, du gehst allein zurück in den Salon, und ich komme gleich nach. Er wird wissen, du hast getan, wie er dir aufgetragen hat, aber er braucht nicht zu wissen, dass wir ... nun, dass es so war.“

Seine Stimme sank hier tiefer und schickte ihr damit ein erneutes Beben in die Magengrube.

Narcise beugte sich vor, um sich seine Lippen ein letztes Mal zu holen, glitt verführerisch an seinem Mund entlang, ihre Hand flach auf seiner Brust. „Wie du meinst“, sagte sie und ging.

*

Giordan ließ sich mit der Rückkehr in den Salon reichlich Zeit, zum einen, um Narcise die Möglichkeit zu geben, wieder im Salon zu erscheinen, und zum anderen, weil er sich neben der Beschaffung neuer Kleider auch noch um andere Dinge kümmern musste.

Narcise mochte glauben, dass sie heute Abend wieder zu ihrem Bruder nach Hause zurückkehrte, aber das würde nicht geschehen. Er selbst würde sich Moldavis annehmen und sich dann um Belial und seine Geisel in der Kutsche kümmern. Voss und Eddersley würden ihm helfen, und danach würden sie alle zu Moldavis Residenz gehen.

Dann wären alle Kindergeiseln frei, und Narcise mit ihnen.

Giordan ließ einen Holzpflock in die Innentasche seines Rocks gleiten. Eine andere Waffe, als jene, die er damals auf den Straßen verwendet hatte – damals war es eine schmale, aber grausame Klinge gewesen, die zwischen Rippen schnitt, als wäre Fleisch Butter. Aber beide Waffen dienten letztendlich demselben Zweck.

Er wurde noch von einem seiner Lakaien mit einer Frage aufgehalten, und dann von Suzette, die gerade im Flur von einem von Giordans männlichen Tropfen aufs angenehmste beglückt wurde, als er ihr über den Weg lief, und die ihn fragte, ob er bald wieder eine Feier plante. „Ich hatte mir Hoffnungen auf einen Ball über den Dächern von Paris gemacht”, schlug sie lächelnd vor. „Bei Vollmond, idealerweise.“

Giordan lächelte. „Schon sehr bald, ma chérie. Vielleicht noch diese Woche.“ Er könnte Narcise all seinen Freunden vorstellen, und dachte sich auch, dass sie auch die frische Nachtluft genießen würde.

Er entschuldigte sich, so rasch er konnte, und kehrte endlich wieder in den Salon zurück.

Als Erstes fiel ihm die Abwesenheit von Narcise auf. Er runzelte die Stirn: sie hatte reichlich Zeit gehabt, zurückzukehren. Als er dann das Zimmer absuchte und feststellte, dass auch Moldavi fehlte, sackte ihm der Magen weg, und eine Wutanfall ließ ihn wie angewurzelt stehen bleiben.

„Wo sind sie?“, fragte er Eddersley, der ihn anschaute, als wäre er verrückt geworden.

„Die Moldavis? Sie sind gegangen. Schätzungsweise vor nicht einmal einer Viertelstunde.“

Giordan rannte aus dem Salon, und wusste bereits, es war sinnlos, dass sie schon abgefahren waren ... aber wider besseres Wissen hoffte er, er behielte hier nicht Recht.

Aber er hatte richtig vermutet. Draußen, unter dem Sternenzelt mit einem Sichelmond, fand er einen seiner Stallknechte und fragte diesen, wo die Kutsche der Moldavis sei.

Als der Knecht erklärte, die wäre vor einer kurzen Weile abgefahren, und dass, oui, Mademoiselle mit ihrem Bruder mitgefahren sei, und, non, sie sei nicht gezwungen worden, sondern aus freien Stücken mitgegangen, machte Giordan abrupt auf dem Absatz kehrt. Sein Herz hämmerte wild, und er wusste, seine Augen brannten rot und golden, lichterloh vor Wut.

Er hatte das schreckliche, unabänderliche Gefühl, er würde Narcise nie wieder sehen.