ELF
Zwei Monate später
Obwohl man sich eigentlich im Krieg miteinander befand, war es überraschend einfach, über den Kanal nach Paris zu kommen. Und die Reise in die Hauptstadt Napoleons war ganz besonders leicht, wenn einem die Mittel des Earl von Corvindale zur Verfügung standen, um sicherzustellen, dass mancher Offizielle im rechten Augenblick einfach in die andere Richtung schaute oder das sprichwörtliche Auge ganz zudrückte. Und für einen Gentleman wie Chas Woodmore, dessen Zigeunervorfahren ihm ein fast französisches Aussehen vererbt hatten, war es noch einfacher, unerkannt dorthin zu gelangen.
Aus der Stadt herauszukommen würde deutlich schwieriger werden.
Aber für Chas gab es vorerst nur eine einzige Etappe seines Planes, um die er sich Sorgen machte, und die war, wie er in das Haus von Cezar Moldavi hinein gelangen konnte.
Mittag war schon vorbei, der Nachmittag war eigentlich schon recht fortgeschritten, als er eine rue im Marais entlanglief. Obwohl das hier das Viertel war, in dem wohlhabende Leute wohnten, war die Straße voller Leben – voller Diener auf dem Weg zum oder auf dem Rückweg vom Markt; voller Lieferanten; Anwohner polterten in ihren Kutschen vorbei auf dem Weg zum Einkaufen oder zu anderen gesellschaftlichen Verpflichtungen. Niemand würde von einem weiteren Boten Notiz nehmen, mit einem kleinen, in Papier eingewickelten Päckchen, zumal er auch noch recht unauffällig gekleidet war, mit seiner schlichten Kleidung und dem festen Schuhwerk. Auf dem Kopf trug er eine einfache Mütze, die dann viel von seinem dichten, dunklen Haar und auch sein Gesicht bedeckte. Er sah dadurch wesentlich jünger aus.
Nichtsdestotrotz wusste Chas, seine Chancen, dass ihm die Flucht aus der Stadt gelang, wären deutlich besser, sollte sein Plan aufgehen, Moldavi und dessen Schwester (egal was ihm Cale nun über sie erzählt hatte) umzubringen. In dem Fall müsste er nur mit den Soldaten fertig werden, die derzeit an jeder Straßenecke der Stadt zu stehen schienen.
Er konnte ein reumütiges Lächeln nicht unterdrücken, als er sich Corvindales Gesichtsausdruck ausmalte, wenn er sich tatsächlich um Maia, Angelica und Sonia kümmern musste, sollte Chas hierbei sterben. Maia, die älteste seiner drei Schwestern und um zehn Jahre jünger als er, würde da sicherlich auch noch ein Wörtchen mitreden wollen. Chas konnte sie schon vor sich stehen sehen, ihre Hände in die Hüften gestemmt, wobei sie mit dem Fuß ungeduldig auf dem Boden scharrte. Sie war es gewohnt, alles selbst zu entscheiden und den Haushalt zu führen, ungeachtet der etwas zweifelhaften Beiträge ihrer Anstandsdame Mrs. Fernfeather dazu.
Aber es gab niemand, der besser gewappnet und ausgestattet war, noch gab es jemand, der vertrauenswürdiger war als Corvindale, um seine Schwestern zu beschützen, wenn ihm etwas zustieß, und daher hatte Chas zum allerersten Mal, seit er derlei Reisen schon unternahm, für Maia die Anweisung hinterlassen, sich mit dem Earl in Verbindung zu setzen, sollte er nach zwei Wochen nicht zurück sein oder ihr keine Nachricht zukommen lassen.
So lange, vermutete Chas, würde es dauern, um sich Zutritt zum Haushalt Moldavis zu verschaffen – wenn alles glatt lief, und es ihm gelang, nahe genug an sein Opfer heranzukommen und dann schleunigst die Stadt zu verlassen. Er würde nur eine Chance bekommen, den Pflock in Moldavi hinein zu rammen, und, so Gott will, im Sinne der armen Kinder, würde ihm das auch gelingen.
Die rues waren in Paris genauso schmutzig und verstopft wie in London, Rom und St. Petersburg. Er selbst zog das Leben auf dem Land diesen großen, lauten Städten vor, vielleicht auch deshalb, weil er geradezu dazu gezwungen war, sich ständig in ihnen aufzuhalten, und dann auch stets in den heruntergekommensten, dunkelsten und widerwärtigsten Vierteln – auf der Suche nach Drakule. Gerade wich er einem dampfenden Haufen Hundescheiße mitten auf dem Bürgersteig aus, wobei der Bürgersteig eigentlich eher eine Ecke der Straße zu nennen war, da stellte er sich für einen kurzen Augenblick den kleinen Landsitz in Wales vor, den er sich gerade gekauft hatte, mit seinem hübschen, bescheidenen Herrenhaus, dort, inmitten einer Landschaft aus sanften Hügeln.
Es war sehr wahrscheinlich, dass er niemals die Gelegenheit haben würde, dort zur Ruhe zu kommen. Er hatte den Landsitz insgeheim gekauft, in der Hoffnung, er würde ihm eine private Zuflucht bieten, sollte er seine Schwestern dereinst mal außer Gefahr bringen müssen. Denn genau wie er darauf versessen war, die Welt von Vampyren zu befreien, so gab es Vampyre, die darauf versessen waren, die Welt von ihm zu befreien ... und die nicht davor zurückschrecken würden, Maia, Angelica und Sonia dafür zu missbrauchen.
Gott sei Dank war wenigstens Sonia sicher untergebracht, in St. Bridie’s. Das letzte Mal, als er sie bei einem Besuch dort oben gesehen hatte, hatten sie sich fürchterlich gestritten. Ihn überkam kurz ein heftiges Schuldgefühl, als es ihm in den Sinn kam, dass er sie vielleicht nie wiedersehen würde, oder auch Maia und Angelica nicht. So Gott will, werde ich all das später bei ihnen wieder gutmachen.
Dann fiel ihm auf, dass er nicht mehr auf die Hausnummern geachtet hatte und fast an Moldavis Haus vorbeigegangen wäre.
Hier war es.
Er ging an der weißen, mit Säulen verzierten Fassade eines schmalen, aber dennoch imposanten dreistöckigen Gebäudes vorbei, wobei seine Gedanken jetzt weniger um seine Schwestern kreisten, sondern sich verstärkt auf die Umgebung konzentrierten. Eine Kammerzofe rannte an ihm vorbei, drei große Pakete auf dem Arm, die ihr fast die Sicht versperrten, und stieß fast mit zwei Lakaien zusammen, die in der Mitte des Bürgersteigs standen. Zwei Kutschen fuhren aneinander vorbei, das Pferdegeschirr klirrte, Hufe klapperten. Jemand rief etwas aus einem geöffneten Fenster auf der anderen Straßenseite, und es kam zu einer ärgerlichen Erwiderung von einem anderen Fenster am Nachbargebäude. Obwohl es genau so wie alle Häuser drum herum aussah, schien Moldavis Haus als einziges unbewohnt zu sein.
Von Giordan Cale hatte Chas in Erfahrung gebracht, dass das Haus selbst lediglich die Fassade von Moldavis Residenz darstellte, und der größte Teil der Wohnräume sich unter der Erde befand, sehr gut möblierte, aber fensterlose Zimmer.
Die Diener – überwiegend Vampyre, aber auch ein paar Sterbliche – lebten in den oberirdischen Stockwerken, wo den ganzen Tag über schwere Vorhänge vor den Fenstern hingen. Das war auch der Teil, wo Händler eintraten und ihre Waren ablieferten, und Chas würde sich durch diesen oberirdischen Teil Zugang zu dem Haus verschaffen. Er musste nur einen günstigen Zeitpunkt erwischen ... oder selbst für einen sorgen.
Die verbesserten Rauchpakete, die sein Freund Miro für ihn zusammengestellt hatte, befanden sich in seiner Manteltasche, aber diese wurden am besten in geschlossenen Räumen eingesetzt. Und da dies sein erster Besuch in der Gegend war, hatte er auch lediglich vor, sich einen Überblick über das Terrain zu verschaffen und sonst gar nichts zu unternehmen.
Er ging weiter bis zum Ende des Häuserblocks. Die Häuser, welche die Durchgangsstraße säumten ähnelten einander alle sehr, was Größe und Aussehen betraf, mit ihren klassischen Säulen und Treppenabsätzen. Nahe aneinander gebaut gehörten diese Häuser zum Baustil einer architektonischen Rückbesinnung, die während der Revolution noch durch Paris gefegt war. Zusammen mit der Ablehnung von allem Königlichen hatte man den Wunsch nach weniger Opulenz und ostentativem Reichtum verspürt, welche die herrschende Klasse zuvor allen aufgezwungen hatte.
Der neue Stil begrüßte daher die Schlichtheit der Griechen und Römer und symbolisierte damit auch zugleich den Aufstieg des Bürgertums, die damit der Stadt ihren Stempel aufprägte.
Der Duft von Frühlingsrosen und Lilien flog auf der Brise mit, als er an sehr gepflegten Gärten vorbei um den nächsten Häuserblock lief. Es gab da eine schmale Gasse zwischen den beiden Häusern, die an das von Moldavi grenzten, und er ging hinein – immer noch mit seinem Paket in Händen.
Die Gasse war vollkommen leer, und er lief zielstrebig zum Hintereingang von Moldavis Haus. Wenn irgendjemand ihn sah, dann wollte er eben nur ein Päckchen für Monsieur Tournedo abliefern – und könnte ihm nicht jemand den Weg zu dem Haus zeigen, das wohl jenem Herren gehörte, s’il vous plaît? Wenn niemand ihn fragte, dann konnte er einfach ungestört den hinteren Teil des Hauses auskundschaften.
Die beste Zeit, um in einen Vampyrhaushalt einzubrechen war während der Stunden, in denen die Sonne schien, denn dann würde ein Großteil der Haushaltsangehörigen schlafen. Er musste nur die richtige Zeit finden.
Und wie das Glück es so wollte, bot sich eine Gelegenheit. Im Rückblick musste Chas sich sagen: er hätte es nicht besser planen können.
Auf einmal hörte man einen lauten Krach und Krawall, der von der Straße vor Moldavis Haus kam. Das panische Wiehern eines Pferdes, gefolgt von einem Schrei und dann viel Geschrei. Mehr Wiehern und dann auch noch ein grausiger spitzer Laut schrecklicher Schmerzen von einem der Tiere. Was auch immer geschehen war, das verhieß nichts Gutes – sehr wahrscheinlich würde man das Pferd töten müssen. Aber es war auch eine todsichere Ablenkung für alle, die sich gerade in der Nähe befanden.
Und so war es: Als Chas um die Ecke lugte, zu dem Durcheinander dort auf der Straße, sah er einen Menschenauflauf. Genau wie Hinrichtungen, so zogen auch Unfälle Schaulustige und Neugierige magisch an. Und das hieß dann recht häufig, schlichtweg jeder aus der Nachbarschaft kam herbeigelaufen.
„Es war eine Katze! Sie rannte vor mich, und ich konnte nicht mehr anhalten!“, schrie einer der Kutscher.
„Aber du hättest die Augen aufhalten müssen!“, tobte ein anderer. „Sieh her, was du angerichtet hast!“
Aus den Häusern strömten Leute herbei, die mit ermutigenden Worten und Befehlen um sich warfen, oder in Schock und Entsetzen aufschrien. Hunde bellten und winselten, und Warnglocken begannen zu läuten. Es löste sich sogar ein Schuss, was Chas kurz so neugierig machte, dass er fast hingegangen wäre, um das zu untersuchen.
Aber nein ... er hatte wesentlich wichtigere Dinge, um die er sich kümmern musste, die ihm wesentlich mehr Befriedigung verschafften als Gafferei. Verdammter, verfluchter Kindersauger. Er freute sich schon auf den Anblick dieses Mannes, wie er sich in Todesangst zusammenkauerte, und wusste, dass nur ein Pflock zwischen ihm und der ewigen Verdammnis stand.
Seine Lippen verzerrten sich zu einem wüsten Grinsen, das niemand sehen konnte, und er bewegte sich vorsichtig wieder rückwärts, zum hinteren Teil des Hauses. Wenn irgendjemand im Haushalt von Moldavi wach war, konnte man sicher sein, dass sie gerade vorne hinausschauten oder auf dem Treppenaufgang zum Haus standen. Chas bot sich hier die perfekte Gelegenheit, und er musste rasch handeln.
Da die Bäume hier Schatten spendeten und so auch für Schatten sorgten und damit zugleich auch sicherstellten, dass die Sonne durch ein Fenster ins Haus schien, vermied er die Fenster in der Nähe der großen Eiche, die auf der Nordseite des Gebäudes wuchs. Es war besser, durch ein Fenster einzusteigen, das nicht zum Zimmer eines Drakule gehörte. Und je höher das Zimmer, desto unwahrscheinlicher wäre es, dass es bewohnt war, wenn der Herr des Hauses unter der Erde wohnte. Er nahm ein Fenster im dritten Stock in Augenschein und betrachtete den stabilen Ziegelvorsprung an seinem Spitzgiebel.
Genau da, schoss ein blonder Streifen Fell um die Ecke des Hauses. Es war eine Katze mit hellem Fell und schien auch die zu sein, die den ganzen Schlamassel vor dem Haus verursacht hatte. Als sie sich erst einmal unter einer Eibe in Sicherheit gebracht hatte, kam sie zum Stehen und blickte an ihm hoch, mit starren, graublauen Augen.
„Merci“, murmelte Chas leise zu dem Tier, als er sein Paket, seinen Mantel und die Mütze hinter den Strauch schob und ein Seil aus seiner Innentasche herauszog. „Du hast mir eine ausgezeichnete Gelegenheit verschafft.“ Er schwang das Seil nach oben auf einen der Fenstergiebel und zog scharf daran, so dass der Haken am Seilende sich an der Kante der Giebelspitze verhakte.
Die Katze miaute und schien zu seiner Belustigung auch nickend zuzustimmen und in Anerkennung der eigenen Tat stolz dreinzuschauen, bevor sie sich unter den Busch duckte und dann verschwand. Das Seil sicher verhakt, prüfte Chas es noch einmal und begann dann hochzusteigen.
Er war schnell und pfeilgeschwind, seine Bewegungen beherrscht und geschmeidig, und wenige Augenblicke später zog er sich schon über den Vorsprung und blickte vorsichtig ins Innere.
Völlig leer, bis auf einen Teppich und einen einzigen Stuhl. Er lächelte, aber verspürte auch kurz einen Stich der Enttäuschung, dass hier niemand war, der versuchte ihn aufzuhalten. Sein letzter richtiger Kampf lag schon eine Weile zurück.
Er rollte das Seil wieder auf, und hängte es dann an dem kleinen Dach dort so auf, dass man es nicht sehen konnte, er aber auf seinem Weg zurück gut dran käme.
Und überaus dankbar für das anhaltende Chaos unten auf der Straße kletterte er dann in das Zimmer und lief geräuschlos zur Tür. Bevor er sie öffnete, wartete er darauf, dass dieses vertraute Gefühl ihn überkam ... diese Art von Jucken in der Magengrube, das ihm verriet, dass ein Vampyr sich in der Nähe befand. Je näher ein Vampir ihm kam, desto heftiger wurde und desto tiefer ging das Gefühl, das er in seinen Eingeweiden spürte.
Vor gar nicht allzu langer Zeit, wäre Chas durch das Haus eines Drakule geschlichen und hätte einfach jeden Vampyr gepfählt, der ihm über den Weg lief – oft, wenn sie noch in den Betten lagen und das Tagesslicht verschliefen. Selbst nachdem er den Earl getroffen und gelernt hatte, dass zumindest einer der Diener Satans nicht so ganz dem bösen Wesen entsprach, wie sie in den Geschichten seiner Großmutter geschildert wurden, machte er bei seiner Arbeit solche feinen Unterschiede nicht.
Aber in den letzten paar Jahren, seit er auch Corvindales Freunde kennengelernt und begriffen hatte, trotz der Tatsache, dass sie alle ihre Seelen an den Teufel gekettet hatten, trotzdem gab es unterschiedliche Abstufungen der Sittenlosigkeit und der Gewalt unter ihnen – da war er dann etwas weniger unnachgiebig in seinen Entscheidungen geworden. Nach Chas’ Einschätzung der Dinge konnte jeder Vampyr zu einer Bedrohung für die Menschen werden, aber es gab eine Kluft zwischen denen, die das tatsächlich waren, und den anderen, die einfach versuchten, ein Leben gemäß dem Spruch Leben und leben lassen zu führen.
Er hörte nichts Verdächtiges und ging auf leisen Sohlen zur Tür hinaus in den Korridor. Ein kleines Zwacken in seinem Magen verriet ihm, irgendwo hier war ein Drakule, aber es war so leise, dass Chas wusste, er war nicht in unmittelbarer Nähe.
Als er sich einen Weg durch das Haus bahnte und dabei im Geiste den groben Lageplan überprüfte, den Cale für ihn angefertigt hatte, wurde ihm klar, dass die oberen Stockwerke des Hauses leer und unbewohnt waren. Das erleichterte ihm die Arbeit, denn so wäre es weniger wahrscheinlich, dass er jemandem über den Weg lief, während er sich auf den Weg nach unten zu Moldavis Privatgemächern machte.
Nichtsdestotrotz nahm er das Dienstbotentreppenhaus hinten im Haus, und stellte fest, aus dieser Küche hier kamen keine verlockenden Düfte. Drakule Haushalte brauchten nicht wirklich oft zu kochen.
Das Zwacken in seinen Eingeweiden war allmählich stärker geworden, und er ließ einen Holzpflock aus einer seiner Innentaschen gleiten. Aber als er still an der Haupteingangshalle des Hauses vorbeiging, das möbliert war, um irgendwelche zufälligen Besucher zu beeindrucken, sah er, dass ein größeres Grüppchen von Menschen sich immer noch vor dem Haus aufhielt, und erspähte dort auch kurz die glänzend schwarz lackierte Seite eines umgestürzten Landauers.
Mit Sicherheit befanden sich alle Mitglieder dieses Hauses hier, die wach waren, dort vorne auf der Straße.
Als er sich auf den Treppenabgang zubewegte, der ihn nach den Informationen von Cale in die unterirdischen Gemächer führen würde, konnte Chas nicht umhin sich zu fragen: Kann das alles hier wirklich so einfach sein? So eine glückliche Fügung des Schicksals?
Sonia würde sagen ja, wenn er Gottes Werk vollbrachte, dann würde die Hand des Allmächtigen alles so eintreffen lassen, dass es geschehen würde. Aber Chas konnte nicht so ganz glauben, dass solche offensichtlichen Wunder eintraten, ähnlich wie man Schachfiguren auf einem Spielbrett anordnete.
Sein liebster Sinnspruch aus der Bibel war Gott hilft denen, die sich selbst helfen, und das war es auch, was er hier tat.
Er war eben unten am Eingang zur unteren Ebene angelangt, als sein Magen sich mit einem scharfen, warnenden Ziehen meldete, und jenes seltsame Jucken geradezu unangenehm wurde. In dem Moment öffnete sich schon eine Tür vor ihm.
Chas reagierte, noch bevor der Vampyr die Möglichkeit hatte, ihn auch nur zu sehen: Er sprang auf den ahnungslosen Mann zu, packte ihn am Arm und hatte ihn schon gegen die Wand gedrückt, seinen Unterarm gegen dessen Kehle gepresst, bevor der arme Kerl auch nur zwinkern konnte. Alles komplett geräuschlos.
Der Vampyr glotzte zu ihm hoch, die Augen weit aufgerissen und entsetzt. Dann verengten sie sich etwas, als er seine Fassung wiederzuerlangen schien.
„Wo ist Moldavi?“, fragte Chas ihn mit leiser Stimme, die Spitze seines Holzpflocks befand sich ganz genau unter der Weste des Dieners, drückte sanft gegen sein Schlüsselbein, als Chas’ kraftvoller Arm an der Kehle des Vampyrs etwas nachgab.
Er spürte, wie der Lakai Atem holte, und kurz bevor dieser einen Alarmschrei ausstoßen konnte, rammte er ihm den Pflock durch das Hemd, am Schlüsselbein vorbei und direkt ins Herz.
Sein Opfer zuckte, den schockierten Ausdruck wieder im Gesicht, und Chas spürte, wie er sich schüttelte ... dann erlosch auf einmal alles Leben. Er fluchte leise vor sich hin – denn nun hatte er den Geruch von frischem Blut im Haus, ganz zu schweigen von dem Problem eines toten Körpers, dessen er sich entledigen musste – er wischte den Pflock ab und steckte ihn wieder in die Innentasche. Dann schulterte er die Leiche und glitt rasch wieder dorthin zurück, woher er gekommen war, dem Dienstboteneingang.
Er öffnete die Hintertür und warf den Leichnam in den Spalt zwischen dem Haus und dem dichten Gestrüpp von Eibe und Buchsbaum, die dort dicht an der Mauer wuchsen, und hoffte, man würde den Toten nicht gleich entdecken.
Wieder im Haus bewegte er sich rasch und lautlos wieder zu der Stelle, wo der Vampyr ihm begegnet war, und wartete schon auf das erneute Jucken, das ihm verriet, weitere Vampyre waren in der Nähe.
Bevor er die Treppen weiter hinabstieg, hielt er an, wartete, lauschte ... und fühlte. Da war ein Geräusch, irgendwo weit weg, Stimmengemurmel ... und es krittelte wieder in seinen Eingeweiden. Aber es war noch ein gutes Stück weg, und er stieg also hinab in die Tiefen von Moldavis Höhle.
Es lag etwas Endgültiges in diesen Schritten. Vielleicht, weil sich unter die Erde zu begeben an das Ritual begraben zu werden gemahnte; vielleicht, weil es nur einen Weg nach draußen gab, nämlich diesen – oder dann durch die mit Schädeln vollgestopften Katakomben. In jedem Fall fühlte Chas, wie seine Nerven zum Zerreißen gespannt waren. Sämtliche Sinne waren geschärft, wie noch nie zuvor, als er lauschte, ob sich Schritte näherten, und auf die Zeichen seines Körpers achtete, und dessen angeborene Signale. In der einen Hand hielt er den Pflock, und die Finger der anderen hatte er an dem Griff seiner Pistole, in seiner Tasche.
Abgesehen davon, dass es kühler war, und alles nur von Öllampen und nicht von natürlichem Licht beleuchtet wurde, unterschied sich der unterirdische Korridor in nichts von denen oberhalb der Erde. Er war gestrichen und möbliert, Türen gingen von ihm ab, genau wie in jedem anderen Eingangsflur eines gut eingerichteten Wohnhauses. Aber hier bewegte er sich viel vorsichtiger voran, und lauschte an jeder Tür kurz, um zu hören, was er dahinter hörte und fühlte.
Die Stimmen waren jetzt deutlicher zu hören, und Chas wurde noch vorsichtiger, als er ein Stück entlangging, das ein großes U zu beschreiben schien. Als er an einer großen Tür anlangte, hinter der die Stimmen hervorzukommen schienen, hielt er erneut inne, um zu lauschen, gab Acht die Tür nicht zu berühren, damit sie nicht in den Türangeln ruckelte, während er unablässig den Flur beobachtete.
„Und Corvindale“, sprach eine Männerstimme auf der anderen Seite der Tür.
Ein kleines Prickeln lief ihm den Rücken hinab, und Chas drückte sich weiter an die Tür. Die gesamte Unterhaltung konnte er leider nicht verstehen, aber Fetzen davon kamen bei ihm an.
„In London?“, sagte eine andere Stimme, mit einem leichten Zischen darin. Das musste Moldavi sein. „Aber natürlich. Vielleicht möchtest du dann auch gehen, meine Liebe?“
„Aber sehr gerne. Ich wäre geradezu entzückt, Dimitri wiederzusehen“, ertönte eine rauchige, weibliche Stimme. Sie musste recht nahe bei der Tür sitzen, denn ihre Worte konnte er deutlich hören. „...seit Wien, weißt du doch.“ Sie lachte bösartig.
Das musste die Schwester sein. Chas beugte sich weiter zur Tür hin, seine Eingeweide voller juckender Gefühle, dass Vampyre in der Nähe waren.
Obwohl Giordan Cale ihm zu verstehen gegeben hatte, die Schwester sei für seine Mission eher als Verbündete denn als Bedrohung von zu verstehen, hatte Chas sich ein endgültiges Urteil noch vorbehalten. Es mochte zutreffen, dass ihr Bruder sie benutzte und missbrauchte, aber das hieß nicht, sie war nicht heimtückisch auf ihre eigene Art. Jeder, der Moldavi so nahe stand oder kam, war sicherlich aus ebenso verdorbenem Holz geschnitzt, und von den Geschichten, die er sonst noch kannte, lag er mit seiner Einschätzung nicht ganz falsch. Eine schöne Frau mit Reißzähnen war eine beeindruckende Gegnerin, besonders für einen Mann.
Eine vierte Stimme mischte sich nun in das Gespräch ein, noch ein Mann, der ihn seinen Plan, einfach in das Zimmer zu stürmen, erst einmal auf Eis legen ließ. Mit vier Drakule gegen einen Sterblichen – selbst wenn es sich bei dem Sterblichen um ihn selbst handelte – standen seine Aussichten schlecht. Chas hatte gerade etwas von Gewürzschiffen vernommen, als sich hinter ihm die Luft bewegte. Er wirbelte herum, um gerade noch eine vierkantige, silberne Klinge genau auf seiner Brust landen zu sehen.
„Du siehst eigentlich nicht wie ein Fechtlehrer aus“, sagte die Frau mit der Klinge in der Hand. Und diese Klinge hatte auch keine Schutzvorrichtung an der Spitze, und Chas konnte nur zu deutlich spüren, wie die Spitze in seine Haut schnitt.
„Und wie sieht ein Fechtlehrer denn genau aus?“, fragte er mit leiser Stimme.
„Nun, zuallererst“, sprach sie in einer leisen Stimme, die tief und dunkel war und die sich gleich einer verführerischen Samtkordel um ihn zu legen und ihn zu fesseln drohte, „würde er wahrscheinlich ein Schwert bei sich führen, und nicht einen Holzpflock.“ Sie war atemberaubend schön, mit strahlend blauvioletten Augen und nachtschwarzem Haar. So schön, dass er spürte wie sein Körper reagierte, alle Sinne gespannt.
Die Dinge wurden jetzt richtig interessant.
„Ah, ja“, sagte er und wich ein wenig von der Spitze ihrer Klinge ab, fühlte die Tür an seinem Rücken, wobei er immer noch darauf Acht gab, dass sie nicht irgendwie quietschte oder sonstige Geräusche machte. Verdammt. Er hatte sich geirrt; das hier musste die Schwester sein. „Vielleicht war das ein Versehen.“
„Vielleicht.“ Sie setzte ihm mit der Spitze ihres Degens nach, und diese betörenden Augen verengten sich ein wenig. „Dann bleibt uns wohl nur eine Möglichkeit, es herauszufinden, nicht wahr? Wir werden miteinander fechten müssen, und Sie werden unter Beweis stellen müssen, wie gut Sie im Umgang mit einer Klinge sind. Hier entlang.“ Sie benutzte die Spitze ihrer Waffe, um ihn von der Türe wegzubugsieren.
„Aber sehr gerne“, erwiderte er ruhig, während sein Kopf fieberhaft arbeitete.
Von den anderen wegzukommen, würde ihm hoffentlich die Gelegenheit geben, sie ohne viel Lärm zu entwaffnen, wodurch Moldavi und seine Begleiter nur frühzeitig aus der Kammer herbeigestürzt kämen.
„Ich nehme an, Sie haben schon einen bestimmten Ort im Sinn?“, fügte er hinzu. Und nicht auf der anderen Seite dieser Tür.
„Gehen Sie, Monsieur“, sagte sie. Noch blutete er nicht, aber sie ließ gefährlich wenig Raum, um das zu vermeiden. Diesen Duft wollte er ganz sicher nicht hier im Gang haben, und so befolgte er ihren Befehl.
Chas lief schnell. Wenn das hier die Schwester war, so war sie gewisslich nicht das unterdrückte Geschöpf mit den ausdruckslosen Augen, das Corvindale ihm geschildert hatte – eine Beobachtung, die ihn hier noch misstrauischer werden ließ. Es mochte sein, dass damals vor über hundert Jahren in Wien die Dinge so gewesen waren, aber jetzt verhielten sie sich anders. Seine Finger packten den Pflock fester.
„Hier“, sagte sie mit dieser tiefen Stimme, als sie an einer Tür am Ende des U-förmigen Korridors anlangten. „Öffnen Sie die Tür und gehen Sie hinein. Langsam.“
Da er das scharfe Instrument jetzt genau in seinem Nacken hatte, tat Chas wie geheißen und ging in das Zimmer hinein. Er schaute sich kurz um, um sicher zu gehen. Sie waren wirklich allein, erst dann reagierte er.
Er hielt sich an der offenen Tür fest und benutze sie als Hebel, um sich darum herum und hinter der Tür in Sicherheit zu springen, weg von ihrem Schwert. Sie stieß einen zornigen Laut aus, als ihre Klinge gegen die Tür stieß, aber er duckte sich schon darunter hinweg und sprang hinter dem Schutzschild der Tür hervor, richtete sich jäh auf und stieß sie brutal gegen die Wand gegenüber.
Eine überraschtes Aufkeuchen platzte aus ihr heraus, als sie gegen die Wand schlug, für einen Augenblick ohne Luft zum Reden, und sie entblößte ihre Zähne, als sie das Schwert ungeschlacht niedersausen ließ. Erneut duckte er sich, und als ihr Arm unten war, krachte er mit seinem ganzen Körper gegen ihren Fechtarm, presste diesen roh gegen die Wand, so dass die Klinge in den Boden schnitt und nicht in seinen Arm.
Mit seinem Fuß ließ er die Tür zufallen, als er seinen Unterarm gegen ihren Hals schob und sie dort festgekeilt hielt.
Ihre Augen sprühten vor Wut, ihre Brüste hoben und senkten sich heftig zwischen ihnen beiden, und sie starrte Chas wütend an. Ein kleiner Schauer der Erregung lief ihm über die Haut, und er schob das Gefühl entschlossen beiseite. Sie war eine Vampyrin und lebte nur für die Verführung.
Ihr Atem wurde langsamer. „Es besteht kein Zweifel. Sie müssen also Chas Woodmore sein.“