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Ann schlenderte durch ihr Apartment, ihr
bezauberndes
Apartment, das sie liebevoll und mit ausgesuchtem
Geschmack eingerichtet hatte. Ihre Schritte hallten auf den nackten
Böden, durch die leeren Räume. Ihr fiel spontan ein, wie begeistert
sie damals über ihre erste eigene Wohnung gewesen war - Kresley
maunzte hinter der verschlossenen Badezimmertür.
Sie lief hastig zum Bad, öffnete die Tür und
erlöste ihn aus seinem Gefängnis. Woraufhin er mit buschig
aufgerichtetem Schwanz um sie strich. Er suchte nach seinem
Futternapf, seinem Kuschelplatz auf dem Sofa, seinen Spielsachen,
und als er nichts davon fand, lief er fauchend durch das
Wohnzimmer.
»Ich weiß, Schätzchen, ich weiß.« Die Wohnung war
leer, die Luft stickig abgestanden. Sie ging zu den
Glasschiebetüren und schob sie auf, trat auf den Balkon hinaus und
blickte über die gepflegte Grünanlage hinweg.
Ihr Zuhause. Das hier war ihr Heim, mit einem
Swimmingpool und altem schattenspendendem Baumbestand. Sämtliche
Apartments hatten Klimaanlage. Sie war die letzten
beiden Wochen jede Nacht weg gewesen - und Kresley nahm ihr das
schwer übel.
Sie wandte sich von der traumhaften Aussicht ab,
kehrte ins Innere zurück, warf einen Blick in ihr kahles
Schlafzimmer, das nackte Bad, die leere Küche.
Wieder im Wohnraum, setzte sie sich auf den Boden,
lehnte sich mit dem Rücken vor die Wand des Gaskamins und schloss
die Augen. Sie kämpfte mit den Tränen.
Sie hatte Jasha eine Abschiedsszene hingelegt von
einer Dramatik, um die sie jede Operndiva beneidet hätte.
Und was hatte sie davon? Sie hatte keine Möbel
mehr, keine Tasse, keinen Teller, nicht mal eine Zahnbürste - und
demnach keine andere Wahl, als zu ihm zurückzukehren. Zwar war sie
wütend und verletzt, aber sie wusste auch, dass sie in großer
Gefahr schwebte. Sie konnte es drehen und wenden, wie sie wollte:
Das Böse ließ nie lange auf sich warten.
Und Jasha wusste das auch. Wenn sie nicht
freiwillig zu ihm zurückkehrte, würde er sie holen kommen und
bewachen. Wenn es sein musste, mit Zähnen und Klauen.
Inzwischen erkannte sie Schwester Mary Magdalenes
Strategie. Sie hatte dafür gesorgt, dass ihr Schützling behütet im
Konvent aufwuchs. Die Nonne hatte sie rigoros vor Familien
abgeschottet, die den Wunsch nach einer Adoption äußerten. Aus
Angst, sie könnte für Kultriten missbraucht oder gar Satan geopfert
werden. Zumal die Schwester Oberin um die Gefahren wusste - dass
Anns Geburtsmal den Fürsten der Finsternis und seine Anhänger
anlocken könnte.
Stattdessen hatte es ihr die Ikone und eine Familie
liebenswerter Dämonen eingebracht, die sich warmherzig um Ann
kümmerten. Und Jasha. Das Mal hatte Jasha angezogen. Ganz gleich,
was sie machte oder sagte, er war da. In ihren Träumen, in ihrem
Herzen, in ihrem Körper...
Kaum dass sie an die erotischen Momente mit ihm
dachte, sehnte sie sich nach Jasha. Sie begehrte ihn. Bei der
Erinnerung wurde sie feucht. Sie presste die Schenkel zusammen,
versuchte den Höhepunkt der Leidenschaft für einen flüchtigen
Moment wiederaufleben zu lassen.
Und was hatte sie davon?
Sie saß allein in ihrer leeren Wohnung, verstoßen,
ungeliebt und fühlte sich sterbenselend.
Kresley stakste leise maunzend zu ihr und
beschnupperte sie. Wenn er wieder so tut, als könnte er mich
nicht leiden, brech ich in Tränen aus, sann sie frustriert. Er
kletterte jedoch auf ihren Schoß und rollte sich zusammen,
anheimelnd warm und schwer. Sie kraulte seinen Nacken; er reckte
den Hals und schnurrte so laut wie ein Spielzeugmotorrad.
»Du dummer Kater«, muffelte sie und vergrub ihr
Gesicht in seinem weichen Fell. »Demnach hast du mir verziehen,
hm?«
Er leckte ihr Gesicht mit seiner sandpapierrauen
Zunge, und sie lachte.
Ein lautes Klopfen an der Tür ließ sie
zusammenfahren.
Welcher Idiot hatte den Nerv, sie bei ihrem kleinen
Moralischen zu stören? Jasha?
Nein. Er würde gar nicht erst anklopfen, sondern
ohne Vorwarnung hereinplatzen. Oder er würde auf ihrem Handy
anrufen, wild herumblöken, ihr mordsgute Ratschläge geben, als
hätte sie b-l-ö-d auf der Stirn stehen und wäre total
lebensuntüchtig. Dabei wollte sie doch bloß ein bisschen ungestört
sein und ihre Wunden lecken …
Der Idiot klopfte erneut, und dieses Mal war es
echt aufdringlich.
Mit Kresley auf dem Arm ging sie zur Tür und
blinzelte durch den Spion.
Sie sah einen hünenhaften Typen im Overall mit dem
Logo
des Umzugsunternehmens auf der Brusttasche. Er hielt ein
Klemmbrett und kritzelte darauf herum.
Na logo. Der Papierkram. Zu allem Überfluss wollte
Jasha wohl auch noch, dass sie den unfreiwilligen Umzug aus eigener
Tasche bezahlte. Dieser Mistkerl.
Sie öffnete die Tür.
Der Umzugsmensch würdigte sie kaum eines Blickes,
sondern ratterte stereotyp herunter: »Hi, Mrs. Smith, ich bin Max
Lederer. Ich brauch Ihre Unterschrift auf diesen Papieren. Zur
Bestätigung, dass wir nichts beschädigt haben.«
»Ich … ich hab noch nicht überall nachgesehen.«
Hoffentlich merkte er nicht, dass sie geweint hatte.
»Soll ich warten?« Er spähte zu Kresley, der mit
einem Mal stocksteif in ihren Armen lag.
»Ja, das wäre nett.« Sie schob Kresley in eine
Armbeuge und griff mit der anderen Hand nach dem Klemmbrett. Auf
den Formularen stand CANTU MOVERS, gefolgt von einer Auflistung der
Räume.
Max zog einen Stift hinter dem Ohr hervor und
tippte auf den Durchschlag. »Inspizieren Sie sämtliche Zimmer, und
wenn alles okay ist, unterschreiben Sie bitte hier. Sollte
irgendein Problem auftauchen, notieren Sie sich kurz ein paar
Stichworte. Dann gehen wir das nachher zusammen durch.« Max war
hochgewachsen, blond, sonnengebräunt und er sprach mit leichtem
Akzent. Ann tippte darauf, dass er bei Frauen mächtig gut ankam. Er
roch zwar säuerlich verschwitzt, aber bei dem Job war das kein
Wunder. Vermutlich musste er den ganzen Tag Möbel schleppen, und
das bei den hochsommerlichen Julitemperaturen, die derzeit in Napa
Valley herrschten. Und er war barfuß. Wie abgefahren.
Er musste ihren Blick aufgefangen haben, denn er
erklärte trocken: »Ich hatte heute Morgen neue Stiefel zur Arbeit
angezogen, und jetzt tun mir die Füße weh.«
»Und ich kann Ihnen noch nicht mal ein Stück
Heftpflaster anbieten.« Weil Jasha, dieser Schuft, heimlich und
ohne ihr Wissen den Umzug organisiert hatte. Sie hätte sich auch
nicht für Geld und gute Worte dazu breitschlagen lassen, denn ihr
schwante, dass er sie so schnell ohnehin nicht wieder zurückließ.
Auch nicht, wenn die Gefahr gebannt wäre. »Okay, Max, ich mach
schnell. Wenn Sie hier kurz warten wollen.« Sie wollte im
Schlafzimmer anfangen und von dort aus ihre Runde drehen.
Kaum war Max über die Schwelle getreten, begann
Kresley zu knurren. Es war ein ähnlich kehliges, furchteinflößendes
Knurren wie seinerzeit bei Jasha.
»Das ist aber’ne verdammt große Katze.« Auf Max’
Gesicht zeigten sich Abscheu und Ekel.
»Haben Sie ihn etwa im Bad eingeschlossen? Kein
Wunder, dass er Sie anfaucht.« Sie drückte den Kater an ihren
Busen. Nach seiner Reaktion zu urteilen, schien Kresley fest
entschlossen, sich auf Max zu stürzen. Und bei ihrer Glückssträhne
hätte sie dann vermutlich ruck, zuck eine Klage am Hals.
»Ich bring ihn so lange weg.« Während sie mit dem
Kater ins Bad lief, klingelte ihr Handy.
Hinter ihrem Rücken schnappte unvermittelt die
Eingangstür zu, und Max drehte den Schlüssel um.
Ann erstarrte. Jetzt wusste sie, weshalb Kresley
dermaßen knurrte und fauchte.
Sie zog das Böse an. Und geriet immer an die
falschen Menschen.
Und dieses Mal war sie an ihn geraten.
Sie hatte ihn sogar selbst hereingelassen.