11
Jashas Worte hingen bedeutungsschwer in der dunstigen Stille.
Ann schluckte, denn seine Augen glühten gelb wie die eines Wolfs, der Blut geleckt hat. Er meinte es ernst, und sie besann sich spontan wieder ihrer Panik und des körperlichen Schmerzes, ausgelöst von seinen obsessiven Passionen. Früher hatte sie sich ausgemalt, dass der Sex mit ihm das ultimative Verwöhnerlebnis wäre. Allenfalls mit ein paar kleineren Konflikten gewürzt - à la Meg-Ryan-Romanze. Sie hatte nie realisiert, dass dieser umwerfende Womanizer und Traumtyp eine dunkle Seite haben könnte. Aber wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten, seufzte sie insgeheim.
»Ann, ich will ganz offen zu dir sein. Du bist meinetwegen in eine schlimme Geschichte hineingeraten. Jetzt kommst du da schwer wieder raus«, sagte er mit leiser, belegter Stimme, aus der Betroffenheit - und eine gewisse Befriedigung sprachen.
»Das war nicht meine Absicht«, erwiderte sie weich, ihre Stimme leise stockend.
»Dein Platz ist hier. Dich hat der Himmel geschickt. Mit dir an meiner Seite kann ich diese Katastrophe durchstehen. Oder würdest du mich verlassen, wenn es hart auf hart kommt?«
»Nein!«
»Ich tippe mal darauf, dass du deswegen auserwählt wurdest. Weil du ein mutiges Mädchen bist. Und natürlich deshalb.« Er küsste sie.
Sie trommelte mit den Fäusten auf seine Schultern, bemüht, sich seiner Umarmung zu entziehen. Nein, nein, nein. Er irrte gewaltig, sie war kein bisschen mutig.
Er umschlang zärtlich ihren Nacken und hielt sie fest. Streichelte ihre nackten Brüste. Seine Lippen fanden die ihren.
Diesmal ließ Ann sich nicht lange bitten. Sie sehnte sich nach ihm - schon die ganze Zeit. Sie saugte seine Zunge zwischen ihre Lippen, schob ihre tief in seinen Mund, gab sich den süßen Wonnen hin, die er ihr bescherte.
Sobald er den Kopf hob, zerrte sie an seinem Hosenbund. »Zieh sie aus.«
»Das kann ich nicht.«
»Weil sie nass ist? Komm, ich helf dir.« Sie nestelte an seinem Reißverschluss.
Er schnappte nach ihrer Hand, die eben die verräterische Ausbuchtung in seinem Schritt berührte, riss sie grinsend weg und zog eine Grimasse. »Nein, denn wenn ich meine Hose ausziehe, kann ich für nichts mehr garantieren.«
»Na und?« Sie riss ihre Hand los.
»Dann verlier ich die Kontrolle über mich, dring in dich ein und tu dir weh. Ich war vorhin viel zu brutal. Du bist noch Jungfrau.«
»Jetzt nicht mehr.«
»Weiß ich doch.« In seine Augen trat wieder jenes rötliche Flackern.
Na und, sann Ann unbekümmert. Was war daran so dramatisch, wenn er sich wieder in einen Wolf verwandelte? Nichts. »Ich will aber noch nicht schlafen!«, maulte sie. Nicht bevor er sie gewärmt, gestreichelt und vernascht hätte.
»Wer spricht denn von Schlafen?« Er schob seine flache Hand auf ihre Brust und drückte Ann sanft, aber bestimmt in den Pool zurück. »Nachdem wir jetzt im Warmen sind und die Alarmanlage eingeschaltet ist, kann ich mir alle Zeit der Welt lassen und dich verführen. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, dass jemand einbricht, mir heimtückisch den Rücken aufschlitzt und dich entführt.«
Der Jäger. Er spielte bestimmt auf den unheimlichen Jäger an. »Vorhin im Wald hattest du damit anscheinend kein Problem.«
»Im Wald hatte das Wolfsrudel ein Auge auf meinen Rücken.« Er glitt mitten in die Wanne, stellte den Whirlpool an und lehnte sich entspannt zurück, streckte seine langen Beine neben ihren aus.
»Das Wolfsrudel? Das Wolfsrudel gehorcht dir?« Sie hätte nicht zu sagen vermocht, was sie mehr schockierte: die Geschichte mit den Wölfen oder sein jungenhaft verschmitztes Grinsen.
»Ich hab Leader das Leben gerettet. Dafür ist er mir dankbar. Komm her, Ann.«
»Warum?«
»Ich hab dir nachgestellt. Bin im Wald über dich hergefallen. Willst du keine Revanche?«
Aus seinem Mund klang dieses dämliche Wort richtig animierend. »An welche Revanche denkst du?«
»Setz dich auf mich, dann zeig ich es dir.«
 
Als Jasha Ann behutsam auf das Bett legte, fühlte sie sich schläfrig und glücklich, weil sie wieder und wieder gekommen war.
Und er hätte mit seinem kleinen Freund Nägel in die Wand schlagen können.
Okay, er hatte es nicht besser verdient, aber davon wurde der Schmerz kein bisschen angenehmer. Seine nasse Jeans rieb wie Sandpapier über seine Genitalien, und er wollte bloß noch eins: Ann bis zur Besinnungslosigkeit vögeln. Als echter Varinski hätte er diesbezüglich keine Hemmungen gehabt. Er hätte seiner animalischen Natur bloß nachzugeben brauchen. Andererseits hatte er miterlebt, was geschehen war, nachdem Adrik vor den dunklen Mächten kapituliert hatte. Jasha schüttelte den Kopf. Nein, seine Eltern würden es niemals verwinden können, einen weiteren Sohn zu verlieren. Ihre Situation war auch so schon dramatisch genug.
Jasha überlegte, ob er kalt duschen sollte. Um einen kühlen Kopf zu bekommen und seinem kleinen Freund einen Dämpfer zu verpassen. Nachher könnte er sich entspannt zu ihr ins Bett legen und neben ihr einschlafen. Er betrachtete Ann. Sie hatte die Lider geschlossen, ihre langen, braunen Haare fächerten sich über das Kissen.
Er hatte Angst vor den dunklen Mächten, und deshalb sträubte er sich für gewöhnlich gegen die Verwandlungen, obwohl er die Natur liebte und für sein Leben gern durch den Wald stromerte und jagte.
Dieses eine Mal hatte er dem Impuls jedoch nachgegeben, weil er sich als Wolf die Entrüstung und Wut über den Fluch abreagieren konnte, der inzwischen ihrer aller Leben bestimmte. Durch seine Impulsivität hatte er eine Kette von Ereignissen ausgelöst, die grundlegenden Einfluss auf sein Schicksal nehmen sollten. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihm vorherbestimmt war, sein künftiges Leben mit einer einzigen Frau zu verbringen. Damit hätte er niemals gerechnet.
Ann hatte vor vier Jahren als Sachbearbeiterin bei Wilder Winery angefangen. Ihm war gleich aufgefallen, dass sie eine tüchtige, umsichtige Mitarbeiterin war. Folglich hatte er ihr nach einer entsprechenden Einarbeitungsphase den Job als seine persönliche Assistentin angeboten.
Er hatte sie nie als Frau gesehen; Frauen konnte er an jedem Finger zehn haben.
Aber eine persönliche Assistentin, die sämtliche Geschäftsgeheimnisse kannte, weil sie sein absolutes Vertrauen genoss? Danach konnte man lange suchen, denn jemand wie Ann war ein seltener Glücksgriff. Ein lupenreiner Rohdiamant, wie man ihn selten fand.
Ann war sein Schicksal. Der Allmächtige hatte sie ihm geschickt, eine Jungfrau. Sie war noch unberührt gewesen, und sie hatte die Ikone gefunden.
Er hatte keine Alternative. Entweder verhielt er sich wie ein Gentleman, oder ihm war wahrhaftig nicht mehr zu helfen.
»Jasha?«, flüsterte sie schläfrig.
»Ja?« Er beugte sich über sie.
Sie war bezaubernd, keine Frage. Er hatte einen Blick für schöne Frauen. Sie hatte ein offenes Gesicht mit fein geschnittenen Zügen, ihre großen blauen Augen wurden von langen dunklen Wimpern umrahmt. Und wenn sie lächelte … gütiger Gott, dann ging für ihn eine Sonne auf.
Ann war die sanftmütigste, liebenswerteste Frau, die er je kennen gelernt hatte - und jetzt gehörte sie zu ihm. Er würde sie nie mehr hergeben.
Nachtschwarze Küsse - Scent of Darkness
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