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Jashas Worte hingen bedeutungsschwer in der
dunstigen Stille.
Ann schluckte, denn seine Augen glühten gelb wie
die eines Wolfs, der Blut geleckt hat. Er meinte es ernst, und sie
besann sich spontan wieder ihrer Panik und des körperlichen
Schmerzes, ausgelöst von seinen obsessiven Passionen. Früher hatte
sie sich ausgemalt, dass der Sex mit ihm das ultimative
Verwöhnerlebnis wäre. Allenfalls mit ein paar kleineren Konflikten
gewürzt - à la Meg-Ryan-Romanze. Sie hatte nie realisiert, dass
dieser umwerfende Womanizer und Traumtyp eine dunkle Seite haben
könnte. Aber wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten, seufzte
sie insgeheim.
»Ann, ich will ganz offen zu dir sein. Du bist
meinetwegen in eine schlimme Geschichte hineingeraten. Jetzt kommst
du da schwer wieder raus«, sagte er mit leiser, belegter Stimme,
aus der Betroffenheit - und eine gewisse Befriedigung
sprachen.
»Das war nicht meine Absicht«, erwiderte sie weich,
ihre Stimme leise stockend.
»Dein Platz ist hier. Dich hat der Himmel
geschickt. Mit dir an meiner Seite kann ich diese Katastrophe
durchstehen. Oder würdest du mich verlassen, wenn es hart auf hart
kommt?«
»Nein!«
»Ich tippe mal darauf, dass du deswegen auserwählt
wurdest. Weil du ein mutiges Mädchen bist. Und natürlich deshalb.«
Er küsste sie.
Sie trommelte mit den Fäusten auf seine Schultern,
bemüht, sich seiner Umarmung zu entziehen. Nein, nein, nein. Er
irrte gewaltig, sie war kein bisschen mutig.
Er umschlang zärtlich ihren Nacken und hielt sie
fest. Streichelte ihre nackten Brüste. Seine Lippen fanden die
ihren.
Diesmal ließ Ann sich nicht lange bitten. Sie
sehnte sich nach ihm - schon die ganze Zeit. Sie saugte seine Zunge
zwischen ihre Lippen, schob ihre tief in seinen Mund, gab sich den
süßen Wonnen hin, die er ihr bescherte.
Sobald er den Kopf hob, zerrte sie an seinem
Hosenbund. »Zieh sie aus.«
»Das kann ich nicht.«
»Weil sie nass ist? Komm, ich helf dir.« Sie
nestelte an seinem Reißverschluss.
Er schnappte nach ihrer Hand, die eben die
verräterische Ausbuchtung in seinem Schritt berührte, riss sie
grinsend weg und zog eine Grimasse. »Nein, denn wenn ich meine Hose
ausziehe, kann ich für nichts mehr garantieren.«
»Na und?« Sie riss ihre Hand los.
»Dann verlier ich die Kontrolle über mich, dring in
dich ein und tu dir weh. Ich war vorhin viel zu brutal. Du bist
noch Jungfrau.«
»Jetzt nicht mehr.«
»Weiß ich doch.« In seine Augen trat wieder jenes
rötliche Flackern.
Na und, sann Ann unbekümmert. Was war daran so
dramatisch, wenn er sich wieder in einen Wolf verwandelte? Nichts.
»Ich will aber noch nicht schlafen!«, maulte sie. Nicht bevor er
sie gewärmt, gestreichelt und vernascht hätte.
»Wer spricht denn von Schlafen?« Er schob seine
flache Hand auf ihre Brust und drückte Ann sanft, aber bestimmt in
den Pool zurück. »Nachdem wir jetzt im Warmen sind und die
Alarmanlage eingeschaltet ist, kann ich mir alle Zeit der Welt
lassen und dich verführen. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen,
dass jemand einbricht, mir heimtückisch den Rücken aufschlitzt und
dich entführt.«
Der Jäger. Er spielte bestimmt auf den unheimlichen
Jäger an. »Vorhin im Wald hattest du damit anscheinend kein
Problem.«
»Im Wald hatte das Wolfsrudel ein Auge auf meinen
Rücken.« Er glitt mitten in die Wanne, stellte den Whirlpool an und
lehnte sich entspannt zurück, streckte seine langen Beine neben
ihren aus.
»Das Wolfsrudel? Das Wolfsrudel gehorcht dir?« Sie
hätte nicht zu sagen vermocht, was sie mehr schockierte: die
Geschichte mit den Wölfen oder sein jungenhaft verschmitztes
Grinsen.
»Ich hab Leader das Leben gerettet. Dafür ist er
mir dankbar. Komm her, Ann.«
»Warum?«
»Ich hab dir nachgestellt. Bin im Wald über dich
hergefallen. Willst du keine Revanche?«
Aus seinem Mund klang dieses dämliche Wort richtig
animierend. »An welche Revanche denkst du?«
»Setz dich auf mich, dann zeig ich es dir.«
Als Jasha Ann behutsam auf das Bett legte, fühlte
sie sich schläfrig und glücklich, weil sie wieder und wieder
gekommen war.
Und er hätte mit seinem kleinen Freund Nägel in die
Wand schlagen können.
Okay, er hatte es nicht besser verdient, aber davon
wurde der Schmerz kein bisschen angenehmer. Seine nasse Jeans rieb
wie Sandpapier über seine Genitalien, und er wollte bloß noch eins:
Ann bis zur Besinnungslosigkeit vögeln. Als echter Varinski hätte
er diesbezüglich keine Hemmungen gehabt. Er hätte seiner
animalischen Natur bloß nachzugeben brauchen. Andererseits hatte er
miterlebt, was geschehen war, nachdem Adrik vor den dunklen Mächten
kapituliert hatte. Jasha schüttelte
den Kopf. Nein, seine Eltern würden es niemals verwinden können,
einen weiteren Sohn zu verlieren. Ihre Situation war auch so schon
dramatisch genug.
Jasha überlegte, ob er kalt duschen sollte. Um
einen kühlen Kopf zu bekommen und seinem kleinen Freund einen
Dämpfer zu verpassen. Nachher könnte er sich entspannt zu ihr ins
Bett legen und neben ihr einschlafen. Er betrachtete Ann. Sie hatte
die Lider geschlossen, ihre langen, braunen Haare fächerten sich
über das Kissen.
Er hatte Angst vor den dunklen Mächten, und deshalb
sträubte er sich für gewöhnlich gegen die Verwandlungen, obwohl er
die Natur liebte und für sein Leben gern durch den Wald stromerte
und jagte.
Dieses eine Mal hatte er dem Impuls jedoch
nachgegeben, weil er sich als Wolf die Entrüstung und Wut über den
Fluch abreagieren konnte, der inzwischen ihrer aller Leben
bestimmte. Durch seine Impulsivität hatte er eine Kette von
Ereignissen ausgelöst, die grundlegenden Einfluss auf sein
Schicksal nehmen sollten. Er konnte sich des Eindrucks nicht
erwehren, dass ihm vorherbestimmt war, sein künftiges Leben mit
einer einzigen Frau zu verbringen. Damit hätte er niemals
gerechnet.
Ann hatte vor vier Jahren als Sachbearbeiterin bei
Wilder Winery angefangen. Ihm war gleich aufgefallen, dass sie eine
tüchtige, umsichtige Mitarbeiterin war. Folglich hatte er ihr nach
einer entsprechenden Einarbeitungsphase den Job als seine
persönliche Assistentin angeboten.
Er hatte sie nie als Frau gesehen; Frauen konnte er
an jedem Finger zehn haben.
Aber eine persönliche Assistentin, die sämtliche
Geschäftsgeheimnisse kannte, weil sie sein absolutes Vertrauen
genoss? Danach konnte man lange suchen, denn jemand wie Ann war ein
seltener Glücksgriff. Ein lupenreiner Rohdiamant, wie man ihn
selten fand.
Ann war sein Schicksal. Der Allmächtige hatte sie
ihm geschickt, eine Jungfrau. Sie war noch unberührt gewesen, und
sie hatte die Ikone gefunden.
Er hatte keine Alternative. Entweder verhielt er
sich wie ein Gentleman, oder ihm war wahrhaftig nicht mehr zu
helfen.
»Jasha?«, flüsterte sie schläfrig.
»Ja?« Er beugte sich über sie.
Sie war bezaubernd, keine Frage. Er hatte einen
Blick für schöne Frauen. Sie hatte ein offenes Gesicht mit fein
geschnittenen Zügen, ihre großen blauen Augen wurden von langen
dunklen Wimpern umrahmt. Und wenn sie lächelte … gütiger Gott, dann
ging für ihn eine Sonne auf.
Ann war die sanftmütigste, liebenswerteste Frau,
die er je kennen gelernt hatte - und jetzt gehörte sie zu ihm. Er
würde sie nie mehr hergeben.