22
Ann bekam mit, dass Jasha mit ihr sprach
und sie zu Besonnenheit anhielt.
Sie hörte das Heulen des verletzten Wolfs.
Die Wölfin auf Anns Brust kümmerte sich nicht um
die beiden Männchen. Das hier war eine Sache zwischen ihr und Ann,
dieser hinterhältigen Hexe.
»Tut mir echt leid, dass ich ihn angefasst hab«,
wisperte Ann. »Er ist verletzt, und ich wollte bloß helfen.«
Der Wolf stupste sein Weibchen mit der Schnauze an
und winselte.
Der Blick der Wölfin glitt über seine Wunden und
wurde weicher. Sie schaute wieder zu Ann und knurrte. Dann sprang
sie von ihr herunter und leckte das Männchen zärtlich.
»Bleib am Boden und verhalte dich ruhig«, raunte
Jasha.
Das musste er Ann nicht zweimal sagen.
Der Wolf ließ sich von seiner Wölfin die Wunden
lecken; dann trotteten sie gemeinsam zurück in den Wald.
Jasha sah ihnen nach. »Das war Leader mit seinem
Weibchen. Sie ist wütend, weil Leader angeschossen wurde, weil er
den langen Weg bis hierher zurücklegen musste - und jetzt auch noch
die Sache mit dem Raubvogel. Deshalb griff sie an.«
Ann setzte sich vorsichtig auf. Sie war voller
Lehm, zu Tode erschrocken - und genau wie das Alphaweibchen wollte
sie schleunigst Gewissheit, dass ihrem Männchen nichts fehlte.
»Bist du verletzt?«, erkundigte sie sich.
Jasha zeigte ihr seine Oberarme. Lange blutige
Kratzer gruben sich tief ins Fleisch. »Das heilt wieder.« Er
reichte ihr seine Hand. »Und du?«
»Nein.« Sie fühlte sich sterbenselend, ihre Nerven
lagen blank, und noch vor einer Woche hätte sie sich bitterlich
beklagt. Inzwischen war sie jedoch durch eine harte Schule
gegangen.
»Gut. Wir müssen uns nämlich beeilen.« Jashas Blick
schweifte kritisch über den Himmel. »Das ist nicht der Varinski,
der mit dem Jäger zusammen war. Da hab ich mich wohl schwer geirrt.
Folglich haben sie noch einen anderen auf uns angesetzt. Verdammt,
ich kann mir solche Fehler nicht leisten.«
Er machte sich Vorwürfe. Etwas anderes hätte sie
bei ihm auch nicht erwartet. So war Jasha eben, die
Verantwortlichkeit in Person.
Ann fasste seine Hände. »Komm, ich wasch deine
Wunden aus.« Im Grunde genommen unterschied sie sich kaum von der
Wölfin. Genau wie sie wollte Ann ihr Männchen trösten und
verwöhnen.
»Wir haben keine Zeit mehr.«
»Jasha, bitte.«
Er grinste, ein Grinsen, das seine Augen nicht
erreichte. »Es heilt auch so.« Er kniete neben der Leiche des
Varinski. »Also, das kapier ich nicht. Er hat sich nicht völlig in
einen Menschen zurückverwandelt. Ob das was zu bedeuten hat?«
»Keine Ahnung.« Es kümmerte sie auch nicht.
»Vielleicht hat sich was geändert mit dem Pakt oder so.«
Jasha bedachte sie mit einem schneidenden Blick.
»Vielleicht.
« Er fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht, als wollte er seine
Züge auf Anomalien prüfen. »Ich versteck die Leiche. Du packst
alles zusammen. Wir brechen in einer Viertelstunde auf.«
»Los, komm rein.« Jasha schwamm in der Mitte des
Sees, seine langen Arme teilten geräuschlos die
Wasseroberfläche.
Ann stand bibbernd an dem felsigen Rand, die Arme
schützend um ihren nackten Busen geschlungen. »Es ist so
dunkel.«
»Kein Wunder, es ist schließlich Nacht.«
»Danke, das weiß ich auch.«
»Los, komm rein«, wiederholte er. »Das Wasser ist
nicht kalt.«
»Lügner!«
Sie waren den ganzen Nachmittag geklettert und
befanden sich mittlerweile hoch in den Bergen. Sie hatte die Sterne
noch nie zum Anfassen nah gesehen, an einem samtig schwarzen
Himmel. Der See lag still und unergründlich tief in einem Bett aus
nackten Felsen. Er wurde von einem kleinen Wasserfall gespeist, der
als munter gurgelnder Bach weiterfloss. Ann schwankte. Was war
schlimmer, nackt vor ihm zu posieren - okay, es war dunkel, aber er
besaß den untrüglichen Wolfsblick - oder das eisige Wasser?
»Es ist himmlisch erfrischend!«, rief er.
Sie steckte die Zehe hinein und zog sie wieder
heraus. Igitt, ist das gruselig kalt.
»Wolltest du nicht unbedingt mal baden?«, half er
ihrem Gedächtnis auf die Sprünge. »Ich bin extra wegen dir
hergekommen.«
»Du wusstest die ganze Zeit, dass wir hier landen
würden.« Bei ihrer Ankunft hatte er aus einer tiefen,
witterungsgeschützten Felsspalte Essen, Handtücher, einen weiteren
Schlafsack und ein kleines Zelt hervorgezaubert. Es war
offensichtlich, dass er die Stelle gut kannte.
»Spring rein!«, rief er.
Sie presste die Lider aufeinander und sprang.
Kalt war gar kein Ausdruck. Eiskalt! Gletscherkalt.
Sie strampelte an die Oberfläche und konnte nicht mal mehr
schreien. Die Kälte presste ihr den Atem ab.
Er umarmte sie lachend. »Schwimm. Los, komm, wir
schwimmen um die Wette.«
»Ich will raus«, japste sie.
»Dafür musst du schwimmen.«
»Du hast mich gelinkt!«
Seine Hände glitten über ihren Körper. »Na klar,
ich wollte dich nackt sehen.«
Sie löste sich von ihm und schwamm. Sie schwamm von
einem Ende des Bergsees zum anderen und wieder zurück - zwei
Mal.
Den ganzen Nachmittag über waren sie nur
geklettert. Es war der blanke Horror gewesen: Ann in ihren viel zu
großen Stiefeln, mit einem Begleiter, der von der Obsession
getrieben wurde, sie beschützen zu müssen. Sie hatte keine Zeit
gehabt, über den Toten oder das Wolfsrudel oder die Ikone
nachzudenken. Sie hatten sich nicht mal eine kurze Verschnaufpause
gegönnt.
Und kaum dass sie hier am See aufatmen konnte,
wurde sie auch schon in das eisige Wasser gestürzt - und die Kälte
schnürte ihr die Luft ab.
Als sie mit ihrer dritten Runde durch den See
begann, hielt Jasha sie fest. »Das reicht.« Er zog sie an den Rand
und stellte sie auf einen Felsen. Nahm ein mitgebrachtes Stück
Seife und begann, sie zu waschen. »Du schwimmst ziemlich schnell …
für ein Mädchen.«
Von wegen Mädchen. Wenn ihr wieder warm war - falls
ihr jemals wieder warm werden würde -, würde sie ihm mächtig die
Meinung geigen. »Ich bin auf der Highschool geschwommen. Und hab
die kalifornischen Meisterschaften gewonnen.« Sie hätte nie
gedacht, dass sie sich jemals von einem Mann würde waschen lassen.
Er schamponierte mit zärtlichen Händen ihr Haar, wusch ihre Brüste,
hob ihre Arme, um ihre Achseln einzuschäumen - und sie fühlte
nichts. Konnte sie auch nicht. Ihre Nerven waren vermutlich
total abgestumpft - eingefroren. Ihre Zähne klapperten
unkontrolliert aufeinander.
»Dann müsste dir Wasser eigentlich nicht viel
ausmachen.« Er drehte sie, um ihr den Rücken zu waschen.
»Warmes Wasser!« In diesem Augenblick sehnte
sie sich nach einem beheizten Pool.
»Ich bin schon mal im Golf von Kalifornien
geschwommen. Der ist verdammt kalt.« Er hob ihre Füße an und
schrubbte ihr die Fußsohlen, dann drehte er Ann wieder zu sich um
und knöpfte sich ihre Schienbeine vor.
»Ich meinte Schwimmbäder.« Als seine Hand mit der
aufgeschäumten Seife zwischen ihren Schenkeln zu dem Dreieck ihrer
Scham hinaufglitt, fühlte Ann plötzlich doch etwas. In der Tat
vermochten gewisse Körperregionen andere problemlos
aufzuheizen.
»Hör auf mit der Zappelei. Ich wasch dich doch
bloß.« Seine Stimme nahm dabei wieder jenen zartschmelzenden Ton
an, der ihr Herz höher schlagen ließ.
»Von wegen. Du … du … das langt jetzt aber
wirklich.«
»Ich will, dass du schön sauber bist.«
Er wollte, dass sie schön erregt war.
Bevor sie sich losreißen konnte, ließ er die Seife
fallen, hob Ann in seine Arme und watete mit ihr durch den See, bis
er hüfttief im Wasser stand.
»Neeiiin«, meuterte sie.
»Du musst dir den Schaum abspülen.« Prompt ließ er
sie ins Wasser fallen.
Sie schwamm erneut, kraulte von einem Ende des Sees
zum anderen - und dann schnappte er sie, indem er wie ein Hai durch
die Fluten schoss.
Er verursachte kein Geräusch. Sie rechnete nicht
mit ihm. Ihr gepresster Aufschrei hätte Entsetzen oder Erregung
bedeuten können, als er sie zu sich umdrehte und Ann in seine rot
glühenden Augen sah. Als er sie aus dem Wasser hob und mit seinen
Lippen ihre harte Knospe umschloss, war es, als hätte jemand eine
Kerze auf ihrem kühlen Fleisch entzündet. Sie war durchgefroren,
bis auf diese eine Stelle, und als er dort saugte, wurde ihr mit
einem Mal glutheiß.
O Gott. Ann entbrannte vor Lust.
Sie schlang ihre Beine um ihn, suchte seine
Glut.
Denn er war heiß. Seine Haut dampfte in der kühlen
Nachtluft. Er entfachte ein schwelendes Feuer der Leidenschaft
zwischen ihren Schenkeln, das ihren Schoß entflammte. Während er
ihre Brustspitze koste, trug er sie aus dem See und bettete sie
sanft auf einen Stapel Badelaken.
Hatte er das alles von langer Hand geplant?
Er wickelte ihr ein Handtuch um den Kopf, mit einem
anderen frottierte er Ann. Um ihre Blutzirkulation anzuregen,
rubbelte er sie energisch ab. Ihre Haut prickelte, ihr Verstand
rotierte, und sie spürte es plötzlich ganz deutlich: Sie hatte
Angst.
Und er wusste es auch, denn er sagte: »Nein«, und
bewegte seinen Mund auf ihre andere Brust.
Inzwischen war ihr nicht mehr kalt, denn er wärmte
sie mit seinem Feuer. Sie wand sich unter ihm, versuchte ihn
abzuwehren, aber er biss sich zärtlich fest und ließ nicht los, bis
sie kapitulierte. Dann saugte er, sog ihre Spitze tief in seinen
Mund, stimulierte sie mit seiner Zunge, beglückte Ann
mit einer glutheißen Woge der Lust. Er schob seine Hand zwischen
ihre Schenkel, und als er ihre feuchte Grotte fand, raunte er: »Ich
wusste es«, und drang mit seinem Finger tief in sie. Erst einen
Finger, dann zwei.
Er lachte. »Ich hab mir gedacht, dass dich das
erregt.«
»Verdammter Schuft!« Wie konnte er es wagen, sie
auszulachen? Sie bemühte sich krampfhaft, ihn wegzuschieben.
Vergeblich.
Er küsste sie.
Und dieser Kuss war unvergleichlich anders als die
Küsse in seinem Haus, hinter schützenden Mauern und mit einem Dach
über dem Kopf. Dieser Kuss ließ sie ahnen, dass ein geheimer Teil
von ihm ein Wolf war. Dieser Kuss schmeckte nach Wildheit, Gefahr,
nach heißer Lust und kühler Entschlossenheit. Er nahm sich alles,
was sie ihm gewährte, und noch viel mehr. Er provozierte sie mit
Lippen und Zunge, und als sie sich sträubte, knabberte er leicht an
ihrer Unterlippe, bis sie ihm zu Willen war.
Er hatte eine Botschaft für sie.
Sie war noch Jungfrau gewesen.
Er hatte gewartet, bis sich ihr Schmerz verloren
hatte.
Er hatte lange genug gewartet.
Er riss sie an sich, hob sie hoch, spreizte ihre
Schenkel.
Sie versuchte ihn abzuwehren, aber das war müßig;
er hielt sie gnadenlos fest. Er hatte es satt, auf ihre Erlaubnis
zu warten. Er würde sich einfach nehmen, wonach ihn gelüstete. Er
setzte sich mit ihr, schob sich in sie.
Er hatte sie schon vorher besessen, aber dieses Mal
war es anders.
Dieses Mal war sie nicht ängstlich, sondern
ärgerlich.
Dieses Mal war er nicht sanft, sondern
fordernd.
Sie konnte ihn nur schemenhaft erkennen: harte
dunkle Konturen vor einem sternenübersäten Himmel.
Ihr Körper erkannte ihn jedoch wieder. Seine Größe,
seine Länge, die pulsierende Glut - er war Wolf und Alphatier. Sein
Becken zuckte, während er sich tiefer und tiefer in sie drängte. Er
berührte den Punkt ihrer Lust, jenes geheimnisvolle Reich ihrer
Libido, und sie stöhnte hingebungsvoll.
Und der Schuft wusste nichts Besseres zu tun, als
abermals zu lachen!
Ann versuchte kurz, sich mit ihm anzulegen, wand
und wälzte sich unter ihm, aber das heizte die Stimmung umso mehr
auf - denn er stöhnte und stieß sie fester, härter, forderte stumm
all die Leidenschaft, die sie beharrlich kontrollierte.
Sie konnte sich jedoch nicht verstellen. Sie
stöhnte erneut, keuchte, schrie. Über ihr schwebten die Sterne am
Himmel. Erde und Wind standen still und warteten.
Als sie ihren Höhepunkt erreichte, wünschte sie, er
möge nie aufhören.
Er kam mit ihr, füllte sie mit einem letzten
scharfen Stoß aus. Ein Hauch von Enttäuschung, vermischt mit
lustvoller Befriedigung schwang in seiner Stimme, als er rief:
»Ann. Himmel, Ann.«
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, Tränen des
Glücks, die seine Silhouette verwischten.
Er glitt behutsam mit ihr auf den Boden, bedeckte
sie mit seinem Leib. Küsste ihren Mund, ihre Wangen, ihre Lider. Er
bog ihren Hals zurück und küsste das winzige Grübchen unterhalb
ihrer Gurgel.
Jasha schien derart aufgepeitscht, als gingen seine
Empfindungen über pure Lust und Zuneigung hinaus.
Er war immer noch in ihr, hart und pulsierend, und
er stieß sie abermals, woraufhin sie wohlig seufzend
erschauerte.
»Ja, Ann.« Seine Stimme war dunkel und samtig wie
der Nachthimmel. »So ist es gut, Ann.«
Das war nackter, hemmungsloser Sex, schoss es ihr
durch den Kopf.
Verrückt, Ann.Völlig verrückt.
»Dir wird kalt«, flüsterte sie.
»Wir haben nicht viel Zeit«, antwortete er.
Ann fand seine Antwort zwar nicht unbedingt
logisch, aber was war momentan schon logisch? Er hatte ihr die
Sinne geraubt und sie stattdessen mit Liebe erfüllt.
Behutsam löste er sich von ihrem Körper.
Ann seufzte, als er aus ihr herausglitt, und japste
entsetzt auf, als er ihr mit einem feuchten Handtuch über Brust und
Bauch wischte, bevor er zärtlich ihre Intimzone säuberte.
Sie erschauerte unter seiner sanften Berührung und
unterdrückte ein Keuchen, als er zu ihrem Schenkelansatz glitt und
sie mit seiner Zunge verwöhnte. Ihre Klitoris vorsichtig mit den
Lippen umschloss. Daran saugte, woraufhin Ann wieder und wieder
kam, bis sie bebend vor Erschöpfung kapitulierte.
Er schob sich auf sie und flüsterte ihr ins Ohr:
»Ich dachte, ich könnte warten. Ich dachte, das kalte Wasser würde
mich auf andere Gedanken bringen. Aber es gibt anscheinend nichts,
was mich bremsen und von dir fernhalten kann. Du gehörst zu mir,
Ann.Vergiss das nie, was auch passiert.« Er erhob sich. Musterte
sie für einen langen Moment, bevor er sich abwandte.
Sie hörte, wie er wieder ins Wasser sprang. Und
erschauerte ob seiner Worte, die ihr noch im Ohr klangen. Obwohl
ihr längst nicht mehr kalt war, zog sie sich hastig an.
Als er aus dem Wasser watete, stand sie mit
Handtüchern für ihn bereit. Während er sich abtrocknete, drehte sie
sich verlegen um. Irgendwann hob sie mit zaghafter Stimme an:
»Jasha, was hast du vor?«
»Ich werde dich an einen sicheren Ort bringen«,
sagte er, »und Jagd auf den Varinski machen.«