7
Um das befremdliche Ziehen in ihrem
Unterleib nicht noch zu verstärken, setzte Ann sich behutsam auf.
Und rutschte von Jasha weg, dabei ließ sie ihn nicht aus den
Augen.
Er kniete am Boden und beobachtete sie mit
wissendem Blick.
Er sah zu viel, hörte zu viel. Dass sein
Geruchssinn außergewöhnlich gut entwickelt war, wusste sie
ebenfalls.
Wie sollte sie ihre Geheimnisse vor ihm
bewahren?
Ähnlich wie ihr rauschhaftes Begehren war das
Unwetter inzwischen abgeklungen. Ann blinzelte in den leichten
Nieselregen und betrachtete verträumt den Sonnenuntergang. Ob sie
das womöglich alles bloß geträumt hatte?, tröpfelte es mit einem
Hauch von Melancholie in ihr Bewusstsein.
Jasha - ein Wolf? Ihr Boss - ein heißblütiger
Verführer?
Nein, es war kein Traum. Sie saß hier irgendwo tief
in der Wildnis, während die Sonne glutrot am Horizont versank, und
hatte ihre Unschuld verloren.
Und ängstigte sich vor dem Mann, der ihre
Jungfräulichkeit genommen hatte.
Nicht weil er ihr wehgetan hatte, sondern weil ihr
der Schmerz bewies, dass dies alles keine Einbildung gewesen war.
Er war vor ihren Augen zu einem Wolf mutiert. In welchem
Universum lebte sie? Wo war so etwas möglich? Ann schüttelte ratlos
den Kopf.
Er öffnete die Lippen, als wollte er etwas sagen,
und schloss sie unverrichteter Dinge wieder.
Sie wich seinem Blick aus. Versuchte, ihr Kleid
sittsam um ihren Körper zu schlingen. Stellte fest, dass es
ruiniert war - der schwarzseidene Rock war durchgescheuert und
voller Lehm, der weiße BH zerrissen.
»Bleib hier.« Er erhob sich geschmeidig.
»Wohin gehst du?«
»Ich bin gleich zurück«, erwiderte er.
Sie stellte fest, dass er ihre Frage nicht
beantwortete. Nicht einmal den Versuch unternahm.
»Versprich mir, dass du hierbleibst«, beharrte
er.
Von wegen. Wenn er ihre Fragen nicht beantwortete,
brauchte sie ihm auch nichts zu versprechen. »Was sollte ich schon
großartig machen, hmm? Wegrennen oder was? Du hast mir bereits
bewiesen, dass das zwecklos ist.«
»Versprich es«, wiederholte er. Aha, er traute ihr
nicht. Ja, er wusste zu viel.
»Meinst du, ich würde mein Versprechen halten?«
Grinsend beugte er sich zu ihr hinunter, senkte seinen Blick in
ihren. »Wie viele Jahre bist du schon als meine Assistentin tätig,
Ann?«
»Drei.«
»Geh mal davon aus, dass ich dich verdammt gut
kenne.«
Ihr Widerstand erlahmte. »Okay, versprochen.«
»Du brauchst gar nicht so zu schmollen.« Er hauchte
ihr einen Kuss auf die missmutig geöffneten Lippen, ehe er
geräuschlos im Wald verschwand.
Am liebsten wäre sie aufgesprungen und Hals über
Kopf geflüchtet. Aber das wagte sie nicht. Das letzte Mal hatte er
sie gejagt, überwältigt und verführt. Das nächste Mal würde er sie
womöglich … töten.
Unfassbar, so etwas auch nur zu denken. Sie
schüttelte wie benommen den Kopf. Allerdings konnte man als Frau
nie vorsichtig genug sein, vor allem, wenn man sich mit einem Wolf
einließ.
Wie zum Beweis spürte sie unversehens ihre
brennenden Fußsohlen. Während der Flucht durch den Wald hatte sie
sich bestimmt sämtliche Zehennägel ruiniert, seufzte Ann. Ihre
Beine schmerzten; sie erinnerte sich dunkel, dass sie sich an einem
vorstehenden Ast den Oberschenkel aufgeschrammt hatte. Ihre Hand …
sie starrte auf ihre helle, blutbefleckte Haut. An der bemalten
Kachel hatte sie sich die Handfläche aufgeritzt.
Sie war mit dem Bildchen auf Jasha losgegangen.
Dabei war es ihr aus der Hand geglitten.
Spontan besann Ann sich wieder auf die dunklen,
ernsten Augen der Madonna, auf den goldenen Heiligenschein, die
purpurrote Robe.
Wo war das Bildchen bloß abgeblieben?
Sie tastete behutsam den Boden ab und entdeckte es
in einer Felsritze, unter Blättern versteckt. Sie schob das
raschelnde Laub beiseite, wischte behutsam den Staub ab und hielt
das Bild in das zunehmende Dämmerlicht.
Es war eine historische Darstellung der Jungfrau
Maria. Auf dem winzigen Gemälde war die Madonna von ihrer Familie
umgeben, etwas, das Ann aus dem Herzen sprach. Eine Familie zu
haben war ihr glühender Wunsch. Als sie es umdrehte, entdeckte sie
die winzigen Rauchspuren an den Rändern des lasierten Holzes.
Woher stammten die? Wie alt mochte das Bild
sein?
Wie war es an diese Stelle gekommen? Und wieso
hatte ausgerechnet sie es gefunden?
»Ann«, ertönte Jashas Stimme hinter einem der
Felsen, eine Warnung, dass er im Anmarsch war.
Ann versteckte das Bildchen hastig wieder unter dem
Laub. Als sie den Kopf hob, sah sie, wie er über die Felsen auf die
kleine Lichtung zuhielt.
Er hatte sich angezogen, trug Jeans, ein T-Shirt
und Laufschuhe.
Dieser Schuft. Ärger kochte in ihr hoch.
Eigentlich hätte sie nach dem, was zwischen ihnen
geschehen war, darauf getippt, dass sie nichts und niemand mehr
schockieren könnte.
Falsch getippt. Sie stöhnte insgeheim auf, weil sie
sich auf ihren grotesken Aufzug besann - Lehm in den Haaren und im
Gesicht, überall Kratzer und Schrammen. Dies zum Thema erste
sexuelle Erfahrung! Falls man es überhaupt so nennen konnte. Der
Begriff schien ihr trivial für ein derart kosmisches Erlebnis.
Grundgütiger, immerhin war ihr gesamtes Weltbild in Schieflage
geraten.
»Woher hast du die Sachen?«, wollte sie
wissen.
»Für den Notfall hab ich immer ein paar Klamotten
im Wald versteckt.« Er hielt ihr ein langärmeliges Männeroberhemd
mit geknöpftem Kragen hin.
»Notfall? Bezeichnest du es als Notfall, wenn du
Frauen durch den Wald hetzt und dann über sie herfällst?« Blöde
Frage. Er war schließlich ein Wolf.
Das Problem war bloß, dass er Jasha zum
Verwechseln ähnlich sah. »Um mal was klarzustellen: Ich hab erst
einmal eine Frau durch den Wald gehetzt und bin … äh … vielleicht
ein bisschen stürmisch über sie hergefallen.« Er legte ihr das Hemd
um die Schultern. »Okay, mag sein, dass ich mich falsch verhalten
habe, aber ich …«
»Aber du?«, hakte sie nach, als er mitten im Satz
stockte.
Jasha, der eben ihre Arme in das Hemd schob,
betrachtete Ann. Ihre Brüste, ihren flachen Bauch, den Ansatz ihrer
Schenkel. »Sei nicht so neugierig. Irgendwann erzähl ich es
dir.«
Sie riss ihm den Stoff aus der Hand und knöpfte das
Hemd hastig selbst zu. Seine sinnlich entrückte Miene sprach Bände.
Besser, sie schob seinem neu erwachten Begehren sofort einen Riegel
vor, statt ihn mit ihrer Nacktheit zu provozieren.
Er hatte selbst eingeräumt, dass er quasi über sie
hergefallen war. Wenn sie auch nur einen Funken Selbstachtung im
Leib hätte, müsste sie schleunigst zur Polizei gehen und ihn wegen
Nötigung anzeigen.
Sie war jedoch eher erleichtert, dass sie ihre
Unschuld los war. Deshalb war sie schließlich hergekommen. Sie
wollte doch bloß, dass er so war, wie sie ihn kannte - ihr
Idealmann, ihr Traumtyp. Und ein Mensch wie sie.
Sie musterte ihn verstohlen.
Er hockte auf den Fersen; seine Hände lässig auf
die Knie gestützt, betrachtete er sie belustigt. »Wär besser
gewesen, wenn ich dir das Hemd zugemacht hätte.«
»Wieso?«
»Weil du dich verknöpft hast.«
Vor Entrüstung verschlug es ihr die Sprache.
»Du siehst schon viel besser aus.«
»Ich … ich …«, stammelte sie.
»Tut es noch weh?«
»Es geht. Jedenfalls hab ich nicht mehr diese
panische Angst.«
War sie noch ganz dicht? Dass sie etwas
akzeptierte, was unmöglich war? Völlig irreal?
»Ist schon in Ordnung. Wenn wir uns das nächste Mal
lieben,
werde ich dir nicht mehr wehtun. Versprochen.« Seine
goldgesprenkelten Augen nahmen einen warmen Glanz an. »Ich werde
dich zu einer sehr glücklichen Frau machen.«
»Das ist es nicht. Ich meine …« Er wusste sehr
genau, was sie meinte. Er hatte bloß keine Lust, das Thema zu
vertiefen.
Sie schaute sich im Wald um. Wassertropfen perlten
von den nassen Zweigen, Tiere huschten durch das raschelnde
Unterholz. Sie erinnerte sich an das Heulen der Wolfsmeute und
begriff, dass seine Argumente für sich sprachen.
Er schlug ihr behutsam den Hemdkragen um. »Ich bin
immer nackt, wenn ich mich verwandle, deshalb diese
Vorsichtsmaßnahme. Stell dir bloß mal vor, in so einem Moment
taucht zufällig der FedEx-Bote auf und will eine Unterschrift von
mir! Der hält mich doch für komplett durchgeknallt, wenn ich nackt
durch die Gegend spaziere.«
Jasha redete so beiläufig darüber, als wäre es ein
ganz alltägliches Phänomen. Und er senkte seinen Blick beschwörend
in ihren, dass sie ihn so akzeptierte, wie er war, und nicht weiter
nachbohrte.
Sie streifte die viel zu langen Ärmel zurück, die
ihr über die Hände baumelten, und begann, die Manschetten
hochzukrempeln. Hielt den Blick auf den Stoff gerichtet, um ihn
nicht anschauen zu müssen.
»Keine Frage, wir sind hier in Washington. Da gibt
es jede Menge Nudisten. Der FedEx-Typ würde mir wahrscheinlich bloß
einen Vortrag über die Gefahren eines Sonnenbrands halten.« Jasha
griff nach dem Ärmel, rollte ihn wieder herunter und faltete die
Manschette ordentlich neu.
»Lass das. Das kann ich schon noch selbst«, fauchte
sie ihn an. Mist, um sich von ihm abzulenken, wollte sie sich
irgendwie beschäftigen.
Er schob ihre Hände beiseite. »Ich tippe darauf, du
hattest nie jemanden, der dir bei irgendwas geholfen hat.«
»Wie kommst du jetzt darauf?«, fragte sie
abweisend.
»Als du klein warst, hat dir da jemand beim
Anziehen geholfen?«
»Nein. Wieso?« Sie stutzte.
»Weil du bei allem, was du machst, erschreckend
zupackend und tüchtig bist. Weißt du, ich frage mich öfters … warst
du jemals Kind?«
Sie schwankte zwischen Betroffenheit - weil sie
seine Äu ßerung als Kritik auffasste - und Verblüffung, weil sie
nicht im Traum gedacht hätte, dass er im Büro überhaupt Notiz von
ihr nahm. »Meine Tüchtigkeit ist der Grund, weshalb ich deine
persönliche Assistentin bin.«
»Einer der Gründe.« Er hatte die Manschetten
ordentlich hochgerollt und zupfte den Hemdkragen zurecht. »Also, um
auf meine Frage zurückzukommen: Durftest du je Kind sein?«
»Oh, ich hab echt gedacht, die Frage wäre rein
rhetorisch gemeint.«
»Falsch gedacht. Ich find’s bloß merkwürdig, dass
du sie nicht beantworten magst. Wer hat dir eigentlich beigebracht,
so zurückhaltend zu sein, Ann Smith?«
Bereute er, was er getan hatte? Versuchte er,
locker mit ihr zu plaudern, ihr Komplimente zu machen, bevor er ihr
klipp und klar erklärte, dass die ganze Episode eine große Dummheit
gewesen war? »Die Nonnen.«
»Du warst in einer katholischen Schule?«
»Ja.« Das stimmte - zumindest teilweise.
»Hm.« Skepsis zeigte sich in seinem Blick.
Sie schauderte, weil sie diesen Blick zur Genüge
kannte. So musterte er Mitarbeiter oder Unternehmensgegner, von
denen er genau wusste, dass sie ihm Informationen
vorenthielten. Bisher war sie jedes Mal schwer beeindruckt gewesen,
weil ihr Chef ein fantastischer Menschenkenner war.
Nun … bisher.
Inzwischen schwante ihr, dass er geradezu
übersinnliche Fähigkeiten besitzen musste.
»Komm, ich schau mir mal deine Füße an.« Er
inspizierte sie nacheinander und schnalzte milde bestürzt mit der
Zunge. »Auweia, das sieht schlimm aus. Wir müssen schleunigst
umkehren und deine Schrammen desinfizieren. Tut es sehr weh?«
»Ich merk nicht viel. Meine Füße sind
eiskalt.«
Er massierte ihre Zehen. »Das sind ja
Eiszapfen.«
»Ich hab meistens kalte Füße.«
»Komm, ich trag dich.« Er schlang einen Arm um ihre
Schultern, schob einen unter ihre Knie. Drückte sie an sich und
stand auf. »Du kannst sie nachher im Bett an meinem Rücken
wärmen.«
»Was soll ich an deinem Rücken wärmen?«, fragte sie
baff. Sie umklammerte seine Schultern. Er war warm. Himmlisch
warm.
»Deine eisigen Füße.« Von der Vorstellung
beflügelt, grinste er sie an.
Er wollte wieder mit ihr schlafen.
»Also willst du mich nicht verschlingen?«, platzte
sie heraus.
Er setzte sich in Bewegung. »Doch. Mit Haut und
Haaren.«
Sie versuchte, den Kopf zurückzubiegen. Inniger
Körperkontakt war ihr genauso fremd wie seine erotischen
Wortspiele. Außerdem stand Jasha zu dem, was er sagte. Immer. Als
seine persönliche Assistentin wusste sie davon ein Lied zu
singen.
Ob die Aussicht so prickelnd war, von einem Wolf
vernascht zu werden? Der noch dazu traumhaft gut mit der Zunge
war?
»Du kannst mich nicht den ganzen Weg zurücktragen.
Das schaffst du nie.« Bei ihrer Größe war das bestimmt kein
Pappenstiel.
Er stapfte ungerührt weiter. »Ist doch bloß ein
knapper Kilometer.«
»Das stimmt nicht!«, versetzte sie gereizt. »Ich
bin viel weiter gefahren!«
»Weil die Uferstraße in weiten Kurven verläuft.
Mein Haus ist nur einen Steinwurf von hier entfernt.«
Ann blieb stumm. Und überlegte krampfhaft, wo die
Realität aufhörte und der Wahnsinn begann. Ob sie noch richtig
tickte? Oder war sie in irgendwelchen Illusionen gefangen, weil ihr
der Sex mit ihm zu Kopf gestiegen war? Als der Wald lichter wurde,
öffnete sich die Wiese vor ihnen. Kaum hatte sie den vom Blitz
gefällten Baum registriert, machte es schlagartig Klick in
ihrem Oberstübchen.
Sie hatte das Wichtigste vergessen. »Nein, warte.
Ich muss nochmal zurück und die Madonna holen!«
Er blieb stehen. »Was für eine Madonna?«
»Ich hab ein Bild von der Heiligen Jungfrau
gefunden.«
Er erstarrte.
»Als ich auf dich losging, ist es mir aus der Hand
gefallen. Ich hab es wiedergefunden, als du vorhin weg warst und …«
Sie merkte, dass er wie versteinert dastand. »Jasha?«
»Wo hast du die Madonna gefunden?« Er fixierte sie
milde gefasst.
»Als der Blitz in den Stamm einschlug, lag sie in
der aufgewühlten Erde.« An einem Tag voller Wunder war das
vielleicht das größte.
»Lag sie?« Seine Stimme klang sonderbar
gepresst, fast niedergeschlagen. »Und wo ist sie jetzt?«
»Da, wo wir vorhin waren.«
Er trug Ann zurück. Ließ sie sanft zu Boden.
Ann wühlte im Laub, entdeckte die Emaillemalerei
und zeigte sie ihm.
»Mein Gott.« Jasha kniete sich neben sie, sein
Blick entrückt und verwundert. »Ich glaub’s einfach nicht …« Er sah
von Ann zu dem Heiligenbildchen. »Du hast die Ikone
gefunden.«
»Du kennst es?« Unmöglich!
Wie hatte er das Bildchen bezeichnet? Als Ikone. Na
logo, realisierte Ann spontan. Darauf ließen die stilisierte
Maltechnik, die leuchtenden Farben und die feierlich-ernste Haltung
der Madonna schließen. Das war die russische Malerschule - außerdem
wusste sie, dass Jashas Familie aus Russland stammte. »Gehört sie
dir?«
Er lachte freudlos. »In gewisser Weise schon.« Er
nahm ihr die Ikone behutsam aus der Hand, seine Handfläche glitt
über das Antlitz der Madonna. Und zu Anns großem Entsetzen rötete
sich seine Haut spontan, als hätte Jasha sich verbrannt. Es
knisterte verräterisch, und Ann hätte schwören können, dass sie
einen fein gekräuselten Rauchkringel wahrnahm.