Fünfzehn
Aufstehen, essen, arbeiten, schlafen. Nach den Nachtschichten zwei Tage frei. Einkaufen, spazierengehen, lesen. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ostern ’72, Grenzübergang Sonnenallee: Die DDR zeigte sich zum ersten Mal für Westberliner ohne Passierschein offen, und ich wollte sehen, wo Charlotte wohnt. Drei Stunden später war ich wieder auf der sicheren Seite. Ich hatte es nicht weit geschafft, war nur ein wenig mit der Straßenbahn herumgefahren, auf der Suche nach etwas, das ich nicht wirklich benötigte. Mir schienen die Häuser im Osten dunkler und der Flieder weißer, die Menschen so fremd wie meine Nachbarn. Ich kehrte nach Hause zurück und stellte fest, dass ich der Welt abhanden gekommen war, ganz gleich in welche Himmelsrichtung ich mich drehte. Die Zeitungshändlerin grüßte mich, der Hauswart freute sich, wenn ich die Treppe zu meiner Zweizimmerwohnung im dritten Stock eines Neuköllner Hinterhauses putzte, der Bäcker kannte meinen Geschmack und verkaufte mir immer das dunkelste Graubrot von allen. Und doch trieb ich ankerlos.
Nie habe ich aufgehört zu träumen.
Ich wäre lieber nicht allein gestorben. Einen Garten hätte ich gerne gehabt, Kräuter hätte ich anbauen wollen und einen Baum pflanzen. Um mich herum hätte ich mir Gesichter gewünscht, die niemals aufgehört hätten zu lächeln. Ich hätte keine Worte gebraucht, kein Schulterklopfen und keine Umarmung. Nur manchmal einen Augenblick der Absolution für mein Überleben. Das sich vollzog, als ob mich eine unsichtbare Mauer davon trennte. Ich nahm die Verhaftung von Andreas Baader und die Entführung israelischer Athleten in München ebenso teilnahmslos auf wie Jahre zuvor die Mondlandung und noch früher das Gesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Ich hätte rechtzeitig einen Antrag stellen können. Vielleicht Recht bekommen und Geld. Ich hätte kegeln können mit meinen Arbeitskollegen. Mir ein kleines Auto kaufen oder schwimmen im Wannsee. Versuchen, ein Teil zu werden des Blühens und Vergehens, das mich umgab. Doch mehr als eine unbeteiligte Beobachterin bin ich nie gewesen, und es hätte mich nicht überrascht, hätte ich eines Tages durch Wände gehen können, so unsichtbar wie ich mich fühlte. Manchmal, nachdem ich meine Blumen auf der Fensterbank gegossen hatte, ging ich noch einmal zu den Töpfen und überprüfte, ob die Erde wirklich feucht geworden war, so sehr fühlte ich mich wie ein schlafwandelnder Geist. Mein Körper verfiel in dem Maße, wie ich mich nicht um ihn kümmerte, ich alterte schnell und eines Tages, ich war noch keine fünfzig, begannen mir die Haare auszufallen, büschelweise.
Ich rupfte, bis die Kopfhaut blutete und endlich, endlich erkannte ich mich im Spiegel wieder.