Sechs
Ich wusste. Mein Vater verkehrte in entsprechenden Kreisen.
„Morgen gibt es einen Großtransport. Wird auch Zeit, dass wir hier endlich judenfrei werden.“ Ich hatte damals nichts wissen wollen, aber er liebte es, darüber zu reden. „Nach Polen, ins Ghetto. Da sollen sie verrecken.“
Vielleicht hatte ich gedacht, in der Stadt wären selbst die Nazis zivilisierter, doch in Berlin war nichts besser als bei mir zu Hause. Nur unübersichtlicher.
Ich wusste, dass Hannes mich fragen würde, was niemand je fragte. Es gab noch zu viele, die nicht erinnert werden wollten.
„Warum hast du nichts dagegen getan?“
Angst.
„Wovor?“
„Gefängnis. Sie nannten es Schutzhaft und sie drohte jedem, der sich den Kontakt zu den Juden nicht verbieten ließ. Also senkte ich den Blick, wenn Besternte meine Augen suchten. Ich ging kaum mehr zu Fuß, hielt mich von den Gehwegen fern und nahm Busse, in die sie ja nicht mehr einsteigen durften. Meine Scham, so fürchtete ich, meine Schwäche und meine Feigheit standen mir auf der Stirn geschrieben. Helene war anders. Sie und ihre Freunde versteckten Juden oder verhalfen ihnen zur Flucht.
Ob wir geahnt hatten, dass unsere Verhaftung nur eine Frage der Zeit war?
Wir lebten gegen die Wirklichkeit, gegen die Norm und bar jeder Vernunft. Während jüdische Nachbarn von heute auf Morgen verschwanden und das Wort Theresienstadt geflüstert zwischen uns die Runde machte, gingen wir tanzen. Schlichen uns über den Hintereingang in illegal geführte Ballsäle und taten für einen Abend so, als würde es die Welt draußen nicht geben. Die uns endlich mit deutschen Männern verheiratet sehen wollte, damit wir dem Führer Kinder schenken. Wir versteckten unsere Liebe, doch unser Anderssein ließ sich auch durch lange Haare und schickliche Röcke nicht verbergen. Vielleicht hätte uns mehr Maskierung gerettet. Freundinnen von uns heirateten homosexuelle Freunde, um nicht aufzufallen, oder übernachteten nicht zusammen. Ich hielt das für übertrieben, und tief in meinem Herzen schäme ich mich noch heute für den Grund: Ich fühlte mich deutsch, ich war arisch, und ich war naiv genug zu glauben, dass mich meine Herkunft schützen würde. Meinem Vater war ich entkommen, der Front war ich entkommen, doch der deutschen Moral entkam ich nicht. Es war die Frau des Hauswarts, der Helene verdächtig war und die uns verriet, die dafür sorgte, dass wir in flagranti erwischt wurden.
„Ich sah Helene das letzte Mal, wie sie sich unter den tumben Augen der Gestapo anzog.“
Man kann sich das nicht vorstellen. Der Mensch, den man liebt, dem Teufel ausgeliefert, die nackte Angst auf der Haut. Und sie, die Anmutige, tat das einzig Richtige. Etwas, worüber wir zuvor nie gesprochen hatten, worum ich sie unendlich oft beneidet habe. Ihre Schuhe standen unter dem geöffneten Fenster. Sie bückte sich, warf mir einen letzten Blick zu, schnellte in die Höhe und stürzte sich aus dem vierten Stock in die Tiefe.
„Wie konntest du weiterleben?“
Ganz einfach, mein Junge: Sie ließen mich nicht sterben.