Mittwochvormittag

31,7° Celsius. Verónica schaute auf die digitale Temperaturanzeige in der Ankunftshalle und traute ihren Augen nicht. Konnte es sein, dass die Temperatur in Berlin ebenso hoch war wie in Granada? Als sie durch die Drehtür nach draußen trat, spürte sie es am eigenen Leib. Bleierne Hitze schlug ihr entgegen, der Atem stockte für den Bruchteil einer Sekunde, bis sich die Lungen an die schwere heiße Luft gewöhnt hatten. Sie schaute sich kurz um, unauffällig und großflächig, jeden Ein- und Ausgang im Visier. Noch nie war sie angekommen, ohne von Inge abgeholt zu werden, zum ersten Mal würde sie mit dem Bus in die Stadt fahren. Bei ihrem letzten Besuch hatte sie ganz nebenbei gefragt, ob es eigentlich einen Flughafenbus gäbe, und Inge hatte ihr ebenso beiläufig die Bushaltestelle am Ernst-Reuter-Platz gezeigt.

„TXL. Steht für Tegel. Von hier steigst du in die U2, Richtung zu mir. Umsteigen in die grüne Linie am Wittenbergplatz und aussteigen am Schlesischen Tor. Falls du mich mal überraschen willst.“

Diesmal wollte sie Inge nicht überraschen. Sie wollte ankommen und zwar allein. Der Stadt, die für die nächsten sechs Monate ihr Zuhause sein sollte, langsam und ohne Begleitung begegnen. Diesmal war sie nicht zu Besuch hier, und dieses Gefühl wollte sie sich einen Tag lang erlaufen. Sich treiben lassen, Kaffee trinken, in Buchläden stöbern, eine Monatsfahrkarte kaufen – Dinge tun, die schon bald alltäglich wären und die sie deshalb besonders wertschätzen wollte. Mit der Aufnahme in das europäische Austauschprogramm war für Verónica Sánz ein Traum in Erfüllung gegangen. Dafür hatte die Subinspectora zwei Jahre lang an Lehrgängen teilgenommen, ein Fernstudium absolviert, Verwaltungsdeutsch gelernt und eine brillante Abschlussarbeit über den innereuropäischen Drogenhandel geschrieben. Das von der EU finanzierte Arbeitsstipendium in Berlin hatte sie aufgrund ihrer langjährigen Berufstätigkeit im Cuerpo Nacional de Policía und nicht zuletzt wegen Inge Nowaks Empfehlungsschreiben erhalten, das außerdem von Kriminaldirektor Helmut Frickel persönlich unterzeichnet worden war. Ob sie nach den sechs Monaten eine Anstellung im deutschen Polizeidienst bekäme oder tatsächlich Chancen hatte, sich auf eine der Planstellen von Europol zu bewerben, stand in den Sternen. Sicher war nur: Kein Weg würde sie zurück in das Büro von Comisario Javier Melilla in Granada führen. Eher zöge sie es in Erwägung, den Polizeiberuf an den Nagel zu hängen und ihren Lebensunterhalt anderweitig zu verdienen. Immerhin war sie zweisprachig, mit oder ohne Dienstwaffe.

Nachdem ausgezeichneter Absolvierung der Polizeischule hatte bereits Don Gustavo, oberster Polizeichef von Málaga, mit offenen Armen auf Verónica Sánz gewartet. Hätte sich die junge Polizeibeamtin auf ihren älteren Chef in der Weise eingelassen, wie er es gerne gehabt hätte, wäre sie wohl niemals in Granada im Vorzimmer von Melilla gelandet. Mehr aus Verzweiflung denn aus freiem Willen hatte sie ihrer glänzend begonnen Karriere den Rücken gekehrt und sich nach Granada versetzen lassen. Erschöpft, allein und auf ganzer Linie frustriert, fügte sie sich dort mit der Zeit ihrem Schicksal: Der Teil, den sie in dem kleinen Büro zur Verbrechensbekämpfung leistete, bestand vornehmlich darin, Kaffee zu kochen, die Berichte der anderen zu schreiben und sämtliche Telefondienste zu übernehmen. Innendienst rund um die Uhr, während ihre Kollegen zwischen Tatort und Besprechung in den Bars rund um die Plaza Major, auf die eine oder andere Tapita oder einen schnellen Cortado Halt machten. Vielleicht hätte sie sich langfristig damit abgefunden, denn solange sie nicht aufmuckte, schob sie das, was ihre deutsche Mutter „eine ruhige Kugel“ genannt hatte. Dann aber war Inge Nowak in ihr Leben getreten, und die deutsche Kommissarin hatte sie nicht nur privat herausgefordert. Ungewollt war Verónica zur Ermittlerin im Mordfall Maike Ebling und aus ihrem geplanten Urlaub in Marokko eine Verbrecherjagd in Deutschland geworden.

„Blut geleckt?“, hatte Inge sie nach der Aufklärung des Mordes, zu dem Verónica keinen geringen Teil beigetragen hatte, gefragt.

Ja, sie war auf den Geschmack gekommen, oder besser gesagt: Sie hatte sich erinnert, was sie einmal hatte werden wollen. Danach war alles ganz schnell gegangen, und nun war sie hier, fast am Ziel ihrer Träume.

Natürlich hatte die Tatsache, dass Inge in Berlin lebte, eine Rolle gespielt. Nach zweieinhalb Jahren Fernbeziehung wollte Verónica wissen, ob ihre Liebe für ein Stück gemeinsames Leben reichte.

„Und wenn ich dir auf die Nerven gehe?“

„Kann und will ich mir nicht vorstellen“, hatte Inge ohne Zögern geantwortet, „Aber sollte der Fall eintreten, ziehst du einfach zu Marit.“

Verónica glaubte nicht, dass sie dergleichen jemals täte. Sollte sie auch nur den Hauch des Gefühls verspüren, zu einem Störfaktor für Inge zu werden, würde sie ganz schnell verschwinden. Und ganz sicher nicht nach nebenan zu ihrer Tochter ziehen. Doch für beide Frauen war die Ausweichmöglichkeit in Marits Gästezimmer ein Notausgang, der sich einfacher denken ließ als Kapitulation.

In Gedanken versunken hätte Verónica beinahe die Haltestelle am Ernst-Reuter-Platz verpasst. Hals über Kopf stürzte sie mit ihren zwei Rollkoffern und der großen Umhängetasche in Richtung Ausstieg, froh, dass ein fettleibiger Tourist Mühe hatte, sich durch die geöffnete Tür zu zwängen. Sie stolperte mehr in die Stadt hinein, als dass sie in ihr ankam. Unvermittelt stand sie mit ihrem Gepäck in Berlin-Charlottenburg, und der Film hielt an. Gerade als sie nach einem Taxi Ausschau halten wollte, hielt ein Wagen neben ihr, der ihr mehr als bekannt vorkam, und eine vertraute Stimme fragte sie mit einem eigenartigen Unterton in der Stimme:

„Bist du eine Fata Morgana oder gibt es etwas, das ich wissen sollte?“

Schon in diesem Augenblick ahnte Verónica, dass es keine gute Idee gewesen war, Inge nicht in ihre Anreisepläne eingeweiht zu haben. Wenige Minuten später sollte sie in ihrer Befürchtung bestätigt werden. Die Kommissarin hatte ihren alten Golf in die nächste freie Parklücke manövriert, war ausgestiegen, lehnte an der Kühlerhaube und wartete.

„Bevor du etwas sagst, überleg es dir gut. Ich hasse es, belogen zu werden.“

„Ich belüge dich nie.“ Verónica schob ihre Sonnenbrille über die Stirn ins Haar. „Dürfte ich dich zur Begrüßung küssen?“

Inge ging einen winzigen Schritt auf sie zu und ließ sich eher widerwillig umarmen.

„Freust du dich nicht, mich zu sehen?“

„Einen Tag früher als geplant, zufällig im Vorbeifahren? Ehrlich gesagt: nein.“

Verónica holte tief Luft und atmete geräuschvoll aus.

„Vielleicht kommt es dir kindisch vor, aber ich wollte alleine ankommen.“

„Und das musst du mir verheimlichen?“

Verónica grinste. „Sonst hätte es keinen Spaß gemacht.“

„Oh, und nun habe ich dir den Spaß verdorben? Das tut mir leid. Ich kann einfach wieder fahren und wir tun so, als ob wir uns nicht begegnet wären.“ Inge wählte das falsche Register und sie wusste es genau.

„Müssen wir jetzt streiten?“

„Ich streite nicht.“

Je länger sie vor Inges Auto standen, umso ärgerlicher wurde Verónica.

„Wieso bist du jetzt sauer? Ich habe dir überhaupt nichts getan. Musst du alles auf dich beziehen? Ich hatte Lust auf einen Tag allein in Berlin, bevor ich zu dir komme. Das ist alles und mein gutes Recht.“

„Du meinst, es geht mich gar nichts an?“

„Wenn du es so drastisch formulieren willst: Ja, eigentlich geht es dich nichts an.“

Inge Nowak biss die Zähne aufeinander und holte ihren Autoschlüssel wieder aus der Hosentasche.

„Na, wenn das so ist, dann betrachte ich unsere Unterhaltung als beendet.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich zur Fahrertür, schloss auf und setzte sich hinters Steuer. Entgegen ihrer Erwartung unternahm Verónica nichts dagegen, sondern blieb einfach nur neben ihren Koffern stehen. Die Frau, die sie liebte, auf die sie sich so sehr gefreut hatte, die Frau, mit der sie morgen ein neues Leben beginnen wollte, ließ sie einfach gehen! Inge Nowak spürte ein ungutes Ziehen im Unterbauch und atmete tief durch. Dann eben nicht. Nach einem kurzen Blick in den Rückspiegel setzte sie zurück, bog in eine Seitenstraße ein und gab Gas.

Verónica rührte sich nicht vom Fleck. Wartete eine geschlagene halbe Stunde. Doch Inge kam nicht wieder.

„Auch schon da?“ Berger saß auf den steinernen Treppen vor der Kirche und hielt sich die flache Hand vor die Stirn, damit ihn die Sonne weniger blendete.

Die Kommissarin warf ihm einen ihrer seltenen Lass-mich-besser-einfach-in-Ruhe-Blicke zu und ging an ihm vorbei zum Kirchenportal. Die große Holztür stand weit offen und führte durch zwei ebenfalls geöffnete Glastüren hinein in das Kircheninnere. Dort war eine Frau mittleren Alters gerade dabei, zwei Männer, die durch den Hintereingang Obst- und Gemüsekisten hereintrugen, zwischen den Bankreihen hindurchzulotsen Als sie Nowak und Berger erblickte, zeigte sie zu den bereits aufgebauten Tischen am Vordereingang und kam eilig auf sie zu.

„Sie sind sicher von der Polizei?“ Sie wischte sich die Hände an einer Schürze ab und streckte zuerst der Kommissarin ihre Rechte entgegen.

„Inge Nowak, ja. Ich ermittle im Mordfall Erika Mangold. Das ist mein Kollege Hauptkommissar Wolfram Berger.“

Die Gemeindehelferin nickte freundlich und erklärte ihnen etwas zu den Arbeiten, die gerade verrichtet wurden, doch Inge hörte nur halb zu. Sie war mit ihren Gedanken bereits wieder bei Verónica, die nicht nur aus unerfindlichen Gründen ohne ihr Wissen schon in Berlin war, sondern auch keine Anstalten gemacht hatte, sie zu begleiten. Ganz offensichtlich hatte sie gar keine Lust, mit ihr zusammen zu sein. Wahrscheinlich zog sie nur aus schlechtem Gewissen zu ihr und wollte im Grunde viel lieber ungebunden bleiben. Inge hatte es immer gewusst: Das Ganze würde über kurz oder lang nach hinten losgehen.

„Meine Kollegin ist sicher damit einverstanden.“ Berger räusperte sich.

„Ja, natürlich“, beeilte sich Inge zu sagen und schüttelte leicht den Kopf, um die Gedanken an Verónica zu vertreiben. Die Frau, die sich als Agnes Walter vorgestellt hatte, verschwand wieder nach hinten und Berger fragte: „Schläfst du noch?“

„Schön wär’s.“

„Was dann?“

„Ich hab ein Gespenst gesehen.“

„Wann und wo?“

„Eben am Ernst-Reuter-Platz.“

„Und ist das gut oder schlecht?“

Sie erzählte ihm kurz von ihrer Begegnung mit Verónica, und als Berger anhob zu sagen: „Könnte es nicht sein …“, unterbrach sie ihn harsch: „Es ist mir völlig egal, was du dazu denkst und was es gewesen sein könnte. Für mich ist die Sache klar. Punkt.“ Sie wühlte in ihrer Handtasche nach einem Fettstift für die Lippen. „Warum ist die Gemeindehelferin jetzt wieder abgerauscht?“

„Sie muss noch eine Ladung Lebensmittel entgegennehmen. Übrigens alles Spenden für das Mittagsmahl. Eine Art Buffet für arme Leute. Die können sich hier bedienen.“

In diesem Augenblick kam Agnes Walter auch schon wieder zurück. Die hellgrauen Haare zu einer kurzen Pagenfrisur geschnitten und mit einem strengen Zug um den Mund machte sie einen resoluten Eindruck.

„Wie gut kannten Sie Frau Mangold?“, wollte Inge Nowak wissen, als sie sich auf einer der Bänke niedergelassen hatten. Berger hatte sich unterdessen Richtung Tatort und Essenstische verabschiedet.

„Kennen ist zu viel gesagt.“ Agnes Walter strich unsicher ihre Schürze glatt. „Ich mache das hier ehrenamtlich. Na ja, und immer, wenn etwas anfällt, also heute zum Beispiel, helfe ich mit. Ich wohne gleich hier um die Ecke.“

„Ach?“ Die Kommissarin horchte auf. „Wo denn genau?“

„Schräg gegenüber vom Vordereingang, ganz oben, der gelbe Balkon mit den vielen Blumen.“

„Und wo waren Sie vorgestern zwischen 18 Uhr und 19 Uhr?“

„Zu Hause.“

„Auf dem Balkon?“

„Nein, das ist vor acht Uhr abends viel zu heiß, da scheint den ganzen Tag die Sonne drauf.“

„Das heißt, Sie haben gegen Abend niemanden in die Kirche gehen sehen?“

„Aber Frau Kommissarin, das hätte ich doch schon gesagt!“

Inge Nowak seufzte.

„Wann haben Sie Frau Mangold denn das letzte Mal getroffen?“

„Am Sonntagvormittag. Ich habe ihr geholfen, nach dem Gottesdienst aufzuräumen. Der Kirchenchor hatte gesungen, und einige sind danach noch auf einen Kaffee geblieben. Wissen Sie, Pfarrer Güllner, der eigentlich der Gemeinde vorsteht, versucht aus der Kirche eine Art Begegnungszentrum zu machen. Deshalb bieten wir dienstags Gottesdienst und Frühstück für Arbeitslose, mittwochs die Lebensmittelausgabe und sonntags Kaffee und Kuchen an. Darum muss sich natürlich jemand kümmern, und ich helfe gern dabei.“

So, wie Agnes Walter das sagte, klang es fast wie eine Entschuldigung für ihr Ehrenamt. Und in der Tat hätte Inge Nowak es lieber gesehen, wenn sich der Staat statt der Kirche in modernen Suppenküchen engagiert hätte. Wahrscheinlich tat er das sogar, aber es reichte nicht aus, jetzt, wo Nullwachstum angekündigt war und Deutschland mit 4,4 Millionen Erwerbslosen gerade einen neuen Rekordstand der Arbeitslosigkeit erreichte. Allein in Berlin waren derzeit 300.000 Menschen ohne Beschäftigung, Tendenz steigend.

„Am Sonntag war auch wieder dieser Mann da.“

„Welcher Mann?“

„Vor ein paar Wochen ist ein Mann zum Gottesdienst hier aufgetaucht. Er saß in der letzten Reihe, und am Ende hat er auf die Frau Pfarrerin gewartet. Sie war nicht besonders erfreut, ihn zu sehen.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ich glaube, sie ist ziemlich erschrocken, als sie ihn bemerkt hat.“

„Hatten die beiden Streit?“

Darauf wollte Agnes Walter sich nicht festlegen.

„Haben Sie denn gehört, was sie miteinander gesprochen haben?“

Agnes Walter schüttelte den Kopf. „Auf jeden Fall kein Deutsch.“ Und zur Erklärung fügte sie hinzu: „Frau Mangold hat mir danach erklärt, dass es ein lateinamerikanischer Studienkollege war, den sie seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat.“

Inge Nowak machte sich ein paar Notizen.

„Wie oft haben Sie ihn denn noch mit der Pfarrerin gesehen?“

„Noch zweimal.“ Sie hielt inne. „Nein, das stimmt nicht. Gesehen habe ich ihn eigentlich nur noch einmal am letzten Sonntag. Aber da hat mir eine ältere Dame aus dem Seniorenheim erzählt, dass er eine Woche zuvor auch in der Singstunde aufgetaucht sei.“

Valero und die Singstunde. Sie musste unbedingt mit Erkner sprechen. Vielleicht wusste er schon mehr nach seinem Besuch bei den Senioren. Andererseits hätte er sie angerufen, gäbe es bahnbrechende Neuigkeiten.

„Können Sie sich vorstellen, dass die Pfarrerin Feinde hatte?“

„Nein.“ Die Antwort kam aus fester Überzeugung. „Sie war eine so nette Person. Immer zugewandt, hilfsbereit, freundlich. Wieso sollte sie Feinde gehabt haben?“

Die Kommissarin sprach nicht aus, was sie dachte. Dass jeder Mensch Feinde hatte und es meist selbst nicht wusste. Weil jeder mindestens einmal in seinem Leben einen anderen für irgendein Leid verantwortlich machte.

Inge Nowak klappte ihr Heftchen zu und erhob sich, als sie vom Altar Berger auf sich zukommen sah. „Wissen Sie, ob sie mit irgendjemandem Probleme hatte?“

„Nur mit ihrem Sohn.“

„Mit Benjamin?“, fragte Inge Nowak überrascht.

Es war nicht zu übersehen, dass es der Gemeindehelferin unangenehm war, über die Familienangelegenheiten der Toten zu sprechen. Agnes Walter war loyal und sie wollte nicht einfach ausplaudern, was ihr anvertraut worden war.

„Ich kann darüber eigentlich gar nichts sagen.“

„Und uneigentlich?“ Die Kommissarin ließ nicht locker.

Die Frau, die inzwischen auch aufgestanden war und ihr nun gegenüberstand, zuckte ein wenig hilflos mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass er seit ein paar Wochen nicht mehr mit ihr geredet hat. Darüber haben wir uns am Sonntag unterhalten. Die Frau Pfarrer war regelrecht verzweifelt. Ich habe auch einen Jungen in dem Alter, und sie hat mich gefragt, ob mir das auch schon einmal passiert ist.“

„Was?“

„Dass mein Sohn so wütend auf mich war, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte.“

Verónica wusste nicht, ob sie sich mehr über Inge oder mehr über sich selbst ärgerte: Sie konnte sich einfach nicht freuen, wenn sie anderen damit Schwierigkeiten bereitete. Schon als Kind hatte ihr das Stück Schokolade nicht geschmeckt, das sie ihrer Schwester im Kampf abgerungen hatte, jeder Sieg war immer auch eine Niederlage im Harmoniegemenge mit den Verlierern. Inge war enttäuscht von ihr und deshalb konnte Verónica ihren freien Tag nicht genießen. Aus der heimlichen Freude war ein verheimlichter Ego-Trip geworden, das Schuldgefühl, die Freundin gekränkt zu haben, größer als die Lust auf Abenteuer.

Statt sich in dem Hotel, das sie schon von Spanien aus für eine Nacht gebucht hatte, zu duschen, sich umzuziehen und die Stadt unsicher zu machen, warf sie einfach nur ihre Sachen aufs Bett, wusch sich die Hände, tauschte die Turnschuhe gegen Sandalen und fuhr mit dem Taxi auf direktem Weg zu Marit.

„He, was machst du denn schon hier?“, fiel ihr Inges Tochter um den Hals, als sie deren kleine Goldschmiedewerkstatt am Stuttgarter Platz betrat.

Kaum saßen sie an dem runden Holztisch, an dem Marit entweder mit Kunden über ihre Trauringe sprach, plauderte oder Mittag aß, brach Verónica in Tränen aus.

„Eigentlich bin ich richtig wütend. Sie hat mir die ganze Freude verdorben. Null Verständnis. Immer hat sie bloß Angst, dass ich sie verlasse, sie nicht mehr will. Sie macht mich ganz verrückt mit ihrer Eifersucht, von der sie behauptet, dass sie nicht existiert!“ Es sprudelte nur so aus Verónica heraus, und beide wussten, dass Marit die völlig falsche Adresse dafür war.

„Sie hat eben schlechte Erfahrungen gemacht.“

„Dafür kann ich aber nichts.“

„Stimmt.“

„Ich liebe sie, bin gern mit ihr zusammen und finde es schön, viel zu teilen. Aber doch nicht immer alles! Warum kann ich keine Geheimnisse haben? Warum muss ich immer alles erklären?“ Verónica nahm dankbar den Espresso entgegen, den Marit ihr hinstellte. „Und warum muss sie immer alles gegen sich auslegen? Sie denkt, alles hat mit ihr zu tun. Heute genauso. Sie kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass ich etwas nur meinetwegen und für mich mache und sie dabei gar keine Rolle spielt: Ich kann doch wohl selbst entscheiden, wie ich hier ankomme, oder?“

Marit nickte. „Natürlich kannst du das. Und du solltest dir das von ihr auch nicht nehmen lassen. Im Gegenteil. Es ist auch für sie eine Chance.“ Marit verschränkte die Hände im Nacken und lehnte sich ein wenig zurück. „Sie muss endlich lernen, dass es noch etwas anderes im Leben gibt als Arbeit und Beziehung. Entweder sie kümmert sich um Tote oder sie kümmert sich um Lebende. Aber sie kümmert sich nie um sich selbst.“ Inges Tochter lächelte. „Jedenfalls nicht außerhalb ihrer vier Wände.“

„Für mich ist es jetzt gelaufen.“

„Was ist gelaufen?“

„Ich habe keine Lust, mich zu rechtfertigen und zu erklären, warum ich schon hier bin. Ich bin Mitte dreißig und kein kleines Kind mehr. Und ich weiß auch nicht mehr, ob Inge und ich dasselbe wollen.“

„Das Gleiche.“

„Was?“

„Du meinst, ob ihr das Gleiche wollt. Dasselbe kann man nicht wollen, dasselbe wäre identisch, das ist unmöglich. Aber auch das Gleiche zu wollen, ist äußerst selten. Ich persönlich finde das auch nicht notwendig. Und langweilig. Ihr seid eben verschieden. Deshalb mögt ihr euch doch.“ Sie trank ihren Espresso in einem Zug aus. „Meine Mutter will einerseits eine symbiotische Zweierbeziehung und andererseits Single sein. Und du?“

Verónica schaute sie perplex an. „Das denkst du?“

„Davon bin ich überzeugt. Und ich kenne sie ein bisschen länger als du.“

In diesem Augenblick läutete die Ladenglocke und ein Mann und eine Frau betraten das Geschäft. Marit entschuldigte sich, stand auf und Verónica hörte, wie sich die beiden nach den Trauringen erkundigten, die man in Marits Goldschmiede unter fachkundiger Anleitung selbst herstellen konnte.

Marits Frage stand noch immer im Raum. Und du?

Sie wollte leben. Mit Inge, aber auch allein. Sie genoss die gemeinsam verbrachten Wochenenden, aber sie war auch froh, wenn sie ihre Wohnung wieder für sich hatte. Sie liebte es, mit Inge einzukaufen, aber ebenso gern tat sie es ohne sie. Urlaub mit Inge am Meer war traumhaft, aber Ferien mit ihrer besten Freundin machten ihr genau soviel Spaß. Doch es fühlte sich nicht an wie ein Einerseits und Andererseits. Vielmehr wollte Verónica beides. Und auf nichts davon verzichten. Aber Inge spielte nicht mit. Sie wollte auch an dem Leben teilhaben, das sie mit anderen oder auch nur mit sich selbst verband. Oder glaubte Verónica das nur?

Die Sonne fiel auf den dunklen, unebenen Holzboden, und die Dielen zeigten tiefe Spuren unendlich vieler Schritte. Kursänderung, dachte Verónica. Sofort die Richtung korrigieren, neues altes Ziel verfolgen: frei sein.

Sie nahm das Handy aus ihrer Tasche und stellte es aus. Dann verließ sie Marits Laden mit einem kurzen Gruß. Die Hitze empfing sie wie die warme Umarmung eines alten Freundes. Mit dem sie nun als Allererstes einen Eiskaffee trinken würde.

Töten Ist Ein Kinderspiel
titlepage.xhtml
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_000.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_001.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_002.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_003.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_004.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_005.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_006.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_007.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_008.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_009.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_010.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_011.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_012.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_013.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_014.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_015.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_016.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_017.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_018.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_019.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_020.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_021.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_022.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_023.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_024.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_025.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_026.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_027.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_028.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_029.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_030.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_031.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_032.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_033.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_034.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_035.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_036.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_037.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_038.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_039.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_040.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_041.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_042.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_043.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_044.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_045.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_046.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_047.html
Toten_Ist_Ein_Kinderspiel_split_048.html