Zwei
Hannes pickte nur. Von Hunger verstand er nichts. Und doch fragte er zwischen den Kuchenkrümeln danach.
„Die Leute sagen, du warst im KZ.“ Er sah mich an und seine Augen flatterten.
Zwei Buchstaben, die niemand mehr kleinschreibt, wenn sie alleingelassen hintereinander stehen. Unzertrennlich, wie zwei, die der Zufall in einen Zug gesetzt hat, der an den Pforten der Hölle endete. Man nimmt eine an die Hand, weil sie da und nicht dort steht, weil es Schläge gibt für das aus der Reihe tanzen auf dem Weg zur Baracke. Noch in eigenen Schuhen, noch mit Namen, noch voller Hoffnung, drinnen könnte es menschlicher sein als draußen.
Das wollte ich Hannes nicht erzählen.
„Was fällt dir ein?“, presste ich hervor, zwischen den Zähnen keinen Spielraum, um zu lügen.
Er schob die Reste auf dem Teller hin und her.
„Wir haben das in der Schule durchgenommen. Filme gesehen. Über die Gaskammern und die Berge voller Zahngold und Brillen.“
Wie er dasaß, mit den kurzen Armen an den Schultern, an denen nervös die Finger kreisten, in seinem Kopf ein Kampf auf engstem Raum.
„Wenn ich damals schon auf der Welt gewesen wäre – mich hätten sie auch abgeholt.“ Einatmen, ausatmen. „Oder?“
Die Antwort sah er jeden Tag im Spiegel.
Nach all den Jahren reden, statt die fahrigen Gedanken zu verscheuchen wie unliebsame Fliegen. Meine Stimme stolperte durch die stumme Erinnerung.
„Wenn man gewusst hätte, wozu sie fähig waren, hätte man vielleicht fortlaufen können. Aber das Herz hält sich an einem Gefühl fest, das Zuhause heißt. Auch wenn die Erde, auf der es steht, längst bebt. Im Krieg muss man glauben, man käme davon, weißt du? Ich hatte keine Angst und was noch viel schlimmer war – ich hatte keine Ahnung. Mit zweiundzwanzig ist man federleicht, man denkt sich nicht vogelfrei. Das tun nur die Fänger. Stiefel bis zum Knie und darüber quollen die strammen Hosen, dass du dachtest, ihr Fleisch ist aus Eisen. Sie kamen im Morgengrauen, zu dritt, und sie ließen mir keine Zeit, das Glück zurückzulassen.Ich nahm alles mit: den Geschmack salziger Haut, den Duft nach warmem Haar, die Schmetterlinge im Bauch. Nach ein paar Stunden hatte ich alles herausgewürgt und sie ließen es mich wieder und wieder schlucken.“
Die Suppe auslöffeln, die du dir eingebrockt hast.
Hannes hörte zu, ich dachte: Bewege ich überhaupt die Lippen?
Es dämmerte, und die Schachfiguren schliefen unberührt auf dem Spielfeld ein.
„Den Turm“, hatte er mir verraten, „mag ich am liebsten. Er tut so schwerfällig, dabei kann er im entscheidenden Moment das ganze Spiel kippen.“
Im entscheidenden Moment. Wenn man ihn nur voraussehen könnte. Man wäre dort und nicht hier, nähme einen anderen Weg, verließe das eigene Leben durch den Hinterausgang. Schwindelte sich durch anderer Leute Wahrheiten und verriete seine Eingeweide. Aber so ist das nicht, denn im alles entscheidenden Moment entscheidet man nichts mehr selbst. Man sieht stumm zu, wie einem angst und bange wird und begreift nicht, dass es erst der Anfang vom Ende ist.
„Und dann?“
„Dann habe ich zwei Jahre, einen Monat und dreiundzwanzig Tage so getan, als würde ich schlecht träumen, und ans Aufwachen geglaubt.“
„Wo denn?“
In der Hölle. Unter der Aufsicht des Teufels. Im Schatten des Todes.
„In Ravensbrück“, antwortete ich.
Und das Wort aus meinem Mund klang wie verrückt.