Sonntag, 3. September
1
Er fragte sich, weshalb er nicht früher darauf gekommen war.
Er hatte in der Nacht von Samstag auf Sonntag zum ersten Mal seit jenem alles verändernden Donnerstag tief geschlafen – nicht, weil er sich plötzlich ruhiger oder zuversichtlicher gefühlt hätte, aber die Erschöpfung war so groß geworden, dass ihn selbst Angst und Unruhe nicht länger wachzuhalten vermochten. Vielleicht lag es auch daran, dass er im Lauf des Abends ein paar Schnäpse zu viel getrunken hatte, jedenfalls war er plötzlich weg gewesen, und als er erwachte, war es schon hell draußen, und ein dünner Regen sprühte gegen die Fensterscheibe seines Schlafzimmers.
Er setzte sich auf und dachte: Skye. Was, wenn sie nach Skye gefahren ist?
Virginia liebte die Insel, und sie liebte das kleine Haus dort mit dem großen, wilden Garten. Wenn sie verwirrt oder verstört war – und irgendetwas musste ja los sein mit ihr, sonst hätte sie diese seltsame Flucht nicht angetreten –, konnte man sich durchaus vorstellen, dass sie sich an einen Ort zurückziehen würde, der ihr schon immer viel bedeutet hatte.
Frederic stand auf, zog seinen Morgenmantel an. Er spürte einen stechenden Schmerz in seinem Kopf, was darauf hindeutete, dass er tatsächlich dem Schnaps zu sehr zugesprochen hatte.
Den Samstag hatte er zwischen Wut, Verzweiflung und schließlich in einer Art Resignation verbracht. Am Vormittag war er auf seinem Posten am Telefon der Walkers gewesen, aber schließlich hatte er sich derartig geschämt, dass er das Verwalterhaus verlassen hatte und mit Kim in den Tierpark gefahren war. Das Kind spürte, dass etwas nicht stimmte, obwohl sämtliche Erwachsenen ständig versicherten, es sei alles in Ordnung. Aber die Tiere heiterten es auf. Es war wolkig und kühl, aber noch nicht regnerisch gewesen, und Frederic hatte es geschafft, sich für eine Weile auf die Begeisterung seiner Tochter konzentrieren zu können. Am Nachmittag war er mit ihr zu McDonald's gegangen, sie hatten Big Mäcs gegessen und Schokoladenmilchshakes getrunken.
»Möchtest du mit mir nach Hause kommen?«, hatte Frederic gefragt, und obwohl Kim so gern bei den Walkers war, hatte sie erfreut genickt. Das hatte sein Herz erwärmt. Wenigstens sein Kind war noch ganz bei ihm.
Zurück in Ferndale, hatte er dennoch als Erstes bei den Walkers gefragt, ob Virginia angerufen hatte. Beide, Jack und Grace, hatten ihn bekümmert angeblickt. Graces Erkältung war offensichtlich schlimmer geworden, sie hatte gerötete Augen und trug einen Schal um den Hals.
»Nein, Sir«, sagte sie, »und wir waren wirklich die ganze Zeit über daheim. Es hat niemand angerufen.«
Grace war traurig, dass Kim zu ihrem Vater übersiedelte, aber da sie heftige Halsschmerzen hatte, hielt sie es für vernünftig. Daheim hatten Livia und Kim Papierbögen auf dem Küchentisch ausgebreitet und Wasserfarben bereitgestellt und zusammen zu malen begonnen. Frederic, der sich ausgepumpt und leer fühlte, registrierte dankbar Livias stillschweigendes Angebot, ihn für ein paar Stunden zu entlasten. Er war in die Bibliothek gegangen, zwischen den Fenstern herumgelaufen, hatte hinaus in die Bäume gestarrt. Die dunklen Zweige berührten die Scheiben.
Warum lassen wir die nicht endlich fällen?, dachte er. Was findet Virginia nur daran, sich hier lebendig zu begraben?
Ihm fiel darauf keine Antwort ein. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass er die Frau, mit der er seit neun Jahren verheiratet war, vielleicht nur sehr wenig kannte.
Dann hatte er mit dem ersten Schnaps begonnen, dem etliche weitere folgten, und schließlich war er todmüde ins Bett gekippt, nachdem er mitbekommen hatte, dass Livia Kim gerade eine Gutenachtgeschichte vorlas und er offenbar für diesen Tag nicht mehr gebraucht wurde.
Es war jetzt kurz nach acht Uhr. Er würde sofort in Dunvegan anrufen. Da Virginia nicht an ihr Handy ging, stand natürlich zu erwarten, dass sie auch auf das Telefon dort nicht reagieren würde, aber vielleicht rechnete sie nicht mit ihm und nahm automatisch den Hörer ab.
Es war alles still, Livia und Kim schliefen offenbar noch. Er ging ins Wohnzimmer, schloss die Tür hinter sich. Er wollte ungestört sein.
Während er das Telefon läuten ließ, starrte er in den Regen hinaus. Es hätte November sein können. Ihm war kalt.
Er war völlig perplex, als sich nach dem vierten Läuten eine Stimme meldete. »Ja? Hallo?« Es war Virginia.
Er brauchte einen Moment, sich zu fassen.
»Virginia?«, fragte er dann. Seine Stimme war nur ein Krächzen. Er räusperte sich.
»Virginia?«, wiederholte er.
»Ja?«
»Ich bin es. Frederic.«
»Ich weiß«, sagte sie.
Er räusperte sich noch einmal. »Erstaunlich, dass du ans Telefon gegangen bist.«
»Ich kann ja nicht ewig weglaufen.«
»Du bist also auf Skye?« Diese Frage war nicht besonders intelligent, aber Virginia tat so, als sei sie zumindest berechtigt. »Ja, ich bin auf Skye. Du weißt ja …«
»Was?«
»Du weißt ja, wie sehr ich die Insel liebe.«
»Ist das Wetter schön?«, erkundigte er sich höflich, desinteressiert und nur, um sich für das eigentliche Gespräch zu sammeln.
»Stürmisch. Aber trocken.«
»Hier bei uns regnet es seit heute früh.« Sie ging nicht weiter auf den albernen Austausch von Wetterinformationen ein.
»Wie geht es Kim?«
»Gut. Sie schläft hier bei mir. Grace ist ziemlich erkältet …« Er hörte, dass sie seufzte.
Er musste die nächste Frage stellen, obwohl ihm heiß wurde beim Gedanken an die Antwort. »Ist … ist Nathan Moor bei dir?«
»Ja.« Keine weitere Erklärung. Einfach nur ja. Als sei es das Normalste von der Welt, dass sie mit einem anderen Mann durchbrannte und ihre Familie im Ungewissen ließ.
War sie mit ihm durchgebrannt? Was implizierte der Begriff durchbrennen?
»Warum, Virginia? Warum? Ich verstehe es nicht!«
»Was meinst du? Warum Nathan Moor? Warum Skye? Warum jetzt?«
»Alles. Ich vermute, das hängt alles zusammen.«
Von der anderen Seite folgte ein so langes Schweigen, dass er schon meinte, Virginia habe aufgelegt. Als er gerade nachfragen wollte, sagte sie: »Du hast Recht, es hängt alles zusammen. Ich wollte nicht nach London kommen.«
Fast hätte er gestöhnt. »Aber warum? Eine Dinnerparty! Eine lächerliche, einfache, normale Dinnerparty! Guter Gott, Virginia!«
»Es ging eben nicht.«
»Aber das hättest du mir sagen müssen. Ich habe Stunde um Stunde am Bahnhof gewartet. Ich habe mir die Finger wund gewählt, um dich auf dem Handy zu erreichen. Ich habe mir entsetzliche Sorgen gemacht. Ich habe die Walkers verrückt gemacht, die sich das auch nicht erklären konnten. Wir waren alle krank vor Sorge! Virginia, das passt doch nicht zu dir! Ich habe dich noch nie so … so skrupellos und egoistisch erlebt!«
Sie erwiderte nichts. Wenigstens versuchte sie sich nicht zu rechtfertigen.
Es wurde nicht leichter, nach Nathan Moors Rolle in dem Drama zu fragen, aber es blieb Frederic nichts anderes übrig. »War es seine Idee? Hat Nathan Moor dich überredet …«
»Nein. Mich musste niemand überreden. Ich wollte weg. Er hat mir nur dabei geholfen.«
»Geholfen? Weißt du, wie das klingt? Das klingt, als habe dir jemand zur Flucht verhelfen müssen! Als seist du eingesperrt gewesen bei mir, gegen deinen Willen festgehalten, eingemauert, eingekerkert …«
»Unsinn«, unterbrach sie, »so war das nicht. Und du weißt, dass ich das auch nicht gemeint habe.«
»Aber was meinst du dann? Was war los? War es wirklich nur diese Party in London?«
»Ich glaube, ich kann dir das gar nicht alles erklären.«
»Ach nein? Und du meinst nicht, dass ich nach all dem wenigstens das Recht auf eine Erklärung habe?«
»Natürlich hast du das.« Plötzlich klang sie müde. »Nur passt das vielleicht nicht zu einem Telefongespräch.«
»Du bist davongelaufen, anstatt mit mir zu reden. Es war nicht meine Idee, dass wir nur noch per Telefon kommunizieren.«
»Ich versuche nicht, meine Verantwortung für all das abzuschieben, Frederic.«
»Für all das? Für was?«
Sie erwiderte nichts. Aggressiv fragte er: »Was ist zwischen dir und Nathan Moor?« Wieder schwieg sie.
Er merkte, dass eine kalte Angst, gemischt mit ebenso viel Wut in ihm hochkroch. Er fand, dass die Wut sogar ein wenig stärker war.
»Was ist zwischen dir und Nathan Moor?«, wiederholte er. »Verdammt, Virginia, sei bitte ehrlich! Das ist das Mindeste, was du mir schuldest!«
»Ich liebe ihn«, sagte sie.
Ihm blieb fast die Luft weg.
»Was?«
»Ich liebe ihn. Es tut mir leid, Frederic.«
»Du haust mit ihm nach Dunvegan ab, in unser Haus, und dann sagst du mir am Telefon so einfach, dass du ihn liebst?«
»Du hast gefragt. Und du hast Recht, du verdienst Ehrlichkeit. «
Ihm war schwindelig, und er hatte das Gefühl, als bewege er sich durch einen bösen Traum. »Seit wann? Seit wann läuft das zwischen euch? Seitdem er hier in Ferndale aufgekreuzt ist?«
Sie klang gequält. »Begriffen habe ich es erst hier auf Skye. Aber ich glaube …«
»Ja? Was?«
»Ich glaube«, sagte sie leise, »verliebt in ihn habe ich mich in der ersten Sekunde. Auch hier auf Skye. Damals gleich nach dem Schiffsunglück.«
Frederic meinte, alle Zimmerwände auf sich zukommen zu sehen. »Deshalb also. Deshalb deine plötzlich so überaus wohltätige Ader. Die ganze Zeit fragte ich mich, weshalb du gar nicht aufhören kannst, diesen wildfremden Menschen ständig deine hilfreichen Hände entgegenzustrecken. Aber nun wird manches klar. Es waren, weiß Gott, nicht nur deine hilfreichen Hände, nicht wahr? Nathan Moor dürfte eine ganze Menge mehr von dir bekommen haben.«
»Du bist verletzt, und ich kann verstehen, dass …«
»Ach ja? Du kannst verstehen, dass ich verletzt bin? Wie ginge es denn dir in der umgekehrten Situation? Wenn ich einfach verschwunden wäre und dir bald darauf lapidar mitteilen würde, dass ich mich in jemand anderen verliebt habe?«
»Es wäre entsetzlich. Aber … ich kann nichts dafür, Frederic. Es ist passiert.«
Die Wirkung des Schocks ließ nach. Die Wände standen wieder gerade, Frederic bekam wieder Luft.
»Du weißt, dass du auf einen Betrüger und Hochstapler hereingefallen bist?«, fragte er kalt.
»Frederic, es ist klar, dass du …«
»Hat er dir inzwischen gestanden, dass er überhaupt kein Schriftsteller ist, der berühmte Bestsellerautor? Oder prahlt er noch immer mit seinen großartigen Erfolgen?«
»Ich weiß nicht, was du meinst.«
»Vielleicht solltest du dich mal mit Livia unterhalten. Denn falls du es vergessen hast: Dein neuer Liebhaber ist auch noch verheiratet. Aber das stört dich vermutlich nicht weiter. Schließlich bist du auch verheiratet, und das war für dich gar kein Hinderungsgrund, in sein Bett zu springen.«
Sie schwieg.
Klar, dachte er aggressiv, was soll sie darauf auch sagen?
»Tatsache ist, nicht ein einziges Buch wurde je von ihm veröffentlicht. Es gibt keinen Verleger, der sein wirres Geschreibsel zu drucken bereit ist. Nathan Moor hat sich während der letzten zwölf Jahre ausschließlich bei seinem Schwiegervater durchgeschnorrt und nach dessen Tod auch noch Livia um alles gebracht, was eigentlich ihr gehörte. Das ist die feine Art dieses Schmarotzers! Aber wen interessiert das, wenn er im Bett gut ist! Stimmt's?«
»Was soll ich dazu sagen?«, fragte sie hilflos.
»Willst du das von mir wissen?«, schrie er.
Dann knallte er den Hörer auf die Gabel.
Er starrte das Telefon an, als könne ihm der unschuldige schwarze Apparat irgendeine Erklärung für die Ungeheuerlichkeiten geben, die er gehört hatte, aber natürlich blieb er stumm. Wie das ganze Zimmer, das ganze Haus. Niemand sagte: Das war ein Traum, Frederic. Ein böser, schlimmer Traum. Oder ein Scherz. Ein verdammt schlechter Scherz, klar, aber doch nur ein Scherz. Das alles ist nicht wirklich passiert.
Er ließ sich auf das Sofa fallen, stützte den Kopf in die Hände. Es war wirklich passiert, und vielleicht hatte er begonnen, die Wahrheit zu ahnen, als er noch auf dem Bahnhof in London stand und Virginia nicht erschien. Ja, er wusste es genau, er hatte so etwas geahnt. Seit er erfahren hatte, dass Nathan Moor in Ferndale House abgestiegen war, ohne dass ihm Virginia sofort davon erzählte, war jene dumpfe, abgründige Ahnung in ihm erwacht, nur hatte er ihr nicht erlaubt, Besitz von ihm zu ergreifen. Manche Dinge waren so unerträglich, dass es einem selbst dann gelang, sie nicht zu sehen, wenn sie in schreiend roter Farbe vor einem an der Wand standen. Er hatte immer geglaubt, er sei schlecht im Verdrängen. Diese Ansicht schien er revidieren zu müssen: Er war ein exzellenter Verdränger.
Er hob den Kopf, starrte zum Fenster hinaus in die dunkle Wand von Bäumen. Die Bäume, an denen Virginia festgehalten hatte, die wie ein Sinnbild für ihr seltsam verschlossenes, melancholisches Wesen waren. Eben gerade am Telefon hatte sie anders geklungen. Keine Spur mehr von der Traurigkeit, die sie zu jeder Minute umgeben hatte, seit er sie auf jener Zugfahrt durch die frühe winterliche Dunkelheit angesprochen hatte. Er hatte damals erfahren, dass ihr langjähriger Lebensgefährte sie verlassen hatte und unauffindbar untergetaucht war, weil er sich die Schuld am tragischen Tod eines kleinen Jungen aus der Nachbarschaft gab. Er hatte es als verständlich und natürlich empfunden, dass sie wegen dieser Geschichte viel grübelte und häufig in sich gekehrt und traurig war. Irgendwann hatte er sich so an ihren Kummer gewöhnt, dass er gar nicht mehr darüber nachgedacht hatte, ob es eigentlich normal war, dass dieser über Jahre anhielt. Der Kummer war einfach ein Teil von Virginia gewesen, etwas, das zu ihr gehörte, wie ihre Arme und Beine, ihre blonden Haare und ihre dunkelblauen Augen. Virginia war eben oft unglücklich. Mied andere Menschen. Lebte in einem Haus, das so sehr von Bäumen zugewuchert wurde, dass man selbst an sonnigen Sommertagen das Licht in den Räumen einschalten musste. Er hatte sich über all das niemals wirklich gewundert.
Hätte er sich wundern müssen? Hätte er mit ihr sprechen müssen? Konnte er sich Gleichgültigkeit vorwerfen, Blindheit? Er hatte ihre andauernde, einmal stärker, dann weniger stark ausgeprägte Depression durchaus bemerkt. Wäre er verpflichtet gewesen, nachzuforschen, ihr Hilfe anzubieten? Natürlich hatte er sie oft gefragt, ob es ihr gut gehe. Ihre Antwort, alles in Ordnung, hatte ihn zufrieden gestellt, obwohl er, wie ihm jetzt klar wurde, immer gespürt hatte, dass auf irgendeine Weise eben nicht alles in Ordnung gewesen war. Aber es war bequemer gewesen, sich mit dieser Auskunft zufrieden zu geben, als Nachforschungen anzustellen. Ihr alles in Ordnung in den Ohren, war er wieder und wieder für lange Tage nach London abgereist, um seine politische Karriere voranzutreiben. Musste er sich das vorwerfen?
Es ist, verdammt, kein Grund, mit einem anderen Mann ins Bett zu steigen, dachte er. Wir sind verheiratet, wir haben ein Kind zusammen. Wenn sie unglücklich mit mir war, hätte sie mir das sagen müssen. Wir hätten reden können. Eine Eheberatung aufsuchen. Was weiß ich. Wir hätten kämpfen können. Aber man darf doch nicht einfach abhauen!
Und überhaupt schien es ihm völlig absurd, dass ausgerechnet der Hochstapler Nathan Moor, der Pleitegeier und Habenichts, der Aufschneider vom Dienst, innerhalb weniger Tage den Weg zu Virginias Seele gefunden haben sollte. Zu jenem Ort, an dem ihre Traurigkeit geboren wurde. Zu jenem Ort, den er, Frederic, nie entdeckt hatte. Hatte Nathan Moor etwas berührt, das niemand zuvor zu berühren vermocht hatte?
Unsinn, entschied er, verdammter Unsinn.
Aber was war es dann?
Mit müden Bewegungen stand er auf. Kim würde bald wach werden. Und Livia auch. Sollte er ihr sagen, was geschehen war? Aber er verspürte nicht die geringste Lust, mit diesem Trauerkloß zusammenzusitzen und plötzlich in einem gemeinsamen Schicksal vereint zu sein. Zwei Gehörnte, die darauf warteten, dass ihre treulosen Ehepartner irgendwann zurückkehrten. Falls sie überhaupt vorhatten, dies jemals zu tun.
Ich fahre nach London zurück, beschloss er, ich setze mich nicht hierher und stehe zu ihrem Empfang bereit, wenn sie auf einmal genug bekommt von ihrem neuen Lover. Oder wenn sie sich erinnert, dass sie ein Kind hat, für das sie verantwortlich ist.
Dann kann sie auf mich warten.
2
Es war auf den Tag genau eine Woche her, seit Rachel verschwunden war.
Heute war Sonntag, der 3. September. Am Sonntag, den 27. August hatte sie sich auf den Weg zur Kirche gemacht, und dann war sie nicht mehr aufgetaucht, und Robert hatte bei der Polizei ihre Leiche identifizieren müssen.
Vor einer Woche. Es war, als liege eine Welt, ein Leben, eine Unendlichkeit dazwischen.
In all der Qual der vergangenen Tage erschien Claire Cunningham dieser Sonntagmorgen als besonders quälend. Der Ablauf der Stunden, wie er sich genau sieben Tage zuvor gestaltet hatte, stand ihr ständig vor Augen.
Um diese Zeit bin ich aufgestanden. Jetzt war ich in der Küche und bereitete das Frühstück vor. Ungefähr jetzt tauchte Rachel in der Küche auf. In ihrem hellblauen Schlafanzug mit dem Pferdekopf vorn auf der Brust. Ich habe geschimpft, weil sie barfuß war und die Steinfliesen in der Küche immer so kalt sind. Habe ich richtig geschimpft? Nein. Ich war ein bisschen ungehalten, weil ich ihr tausendmal gesagt hatte, sie soll morgens ihre Hausschuhe anziehen. Weil sie so leicht eine Halsentzündung bekommt. Weil sie so leicht eine Halsentzündung bekam. Wir hatten keinen Streit. Ich sagte nur, verflixt, Rachel, musst du schon wieder ohne Schuhe herumlaufen? Wie oft soll ich dir sagen, dass der Boden zu kalt ist? Sie brummte irgendetwas. Ging wieder hoch in ihr Zimmer, kehrte in Hausschuhen zurück. Wir stritten nicht, nein. Ich schimpfte nicht. Es war nicht so, dass ich an ihrem letzten Tag mit ihr geschimpft hätte.
Sie hatte zuvor gar nicht an diese Episode gedacht. An die Hausschuh-Episode. Sie war ihr erst nach der gestrigen Begegnung mit Liz Alby eingefallen. Weil Liz nicht hatte aufhören können, sich wegen des Karussells anzuklagen. Offenbar hatte sie ihrer kleinen Tochter nicht nur den Wunsch nach einer Runde auf dem Karussell abgeschlagen, sie war auch sehr unfreundlich und gereizt wegen Sarahs Gequengel gewesen.
»Wenn ich wenigstens wüsste, sie ist in ihren letzten Stunden glücklich gewesen«, hatte Liz gesagt, als sie in dem kleinen Cafe am Marktplatz einander gegenüber saßen. Liz hatte einen Kaffee getrunken, Claire hatte sich nur einen Tee bestellt. Essen mochten sie beide nichts. Claire hatte seit Rachels Verschwinden ohnehin fast nichts mehr zu sich genommen. Ihr Magen fühlte sich an, als sei er fest verschlossen. »Wissen Sie, Claire, wenn ich sie vor mir sehen könnte, wie sie auf dem Karussell sitzt und laut schreit vor Glück, und ihre Haare fliegen im Wind. Es wäre leichter.« Dann war sie in Tränen ausgebrochen. Claire hätte ebenfalls gern geweint, aber sie konnte nicht. Sie saß nur wie erstarrt da, rührte mit mechanischen Bewegungen in ihrer Teetasse. Sie wusste, dass Ströme von Tränen darauf warteten, endlich aus ihr herausbrechen zu können, aber seit sie die Gewissheit hatte, dass Rachel nicht mehr wiederkommen würde, war es ihr nicht gelungen, zu weinen. Es war genau wie mit ihrem Magen: Die Tränen waren eingeschlossen, eingesperrt hinter irgendeiner Tür, die sich um keinen Millimeter bewegte. Claire wusste nicht, ob sie sich wünschen sollte, dass die Tür aufging. Es gab Momente, da sie sich vorstellen konnte, dass die Tränen sie erleichtern würden. Aber in weit stärkerem Maß hegte sie Angst vor dem, was sie jenseits der Starre erwartete. Sie litt, wie sie noch nie in ihrem Leben gelitten hatte, und doch wusste sie, dass sie mit dem ganzen Ausmaß ihres Schmerzes noch gar nicht in Berührung gekommen war. Er lauerte dort, wohin eine gnädige Macht sie noch nicht gelangen ließ.
Sie war nicht sicher, ob ihr die Begegnung mit Liz Alby irgendetwas gebracht hatte. Eigentlich hatte sie Liz auf den ersten Blick nicht besonders gemocht. Zu billig, zu gewöhnlich in ihrer ganzen Aufmachung, wenn auch vom Leid gezeichnet und daher sicher feinfühliger, als sie es zuvor gewesen war. Liz' Art zu sprechen und sich zu bewegen verrieten ihre einfache Herkunft. Zudem wurde es Claire, trotz Liz' Tränen und ihres ganz offensichtlich echten Kummers, rasch klar, dass die junge Frau keine enge, wohl nicht einmal im Ansatz liebevolle Beziehung zu ihrem Kind gehabt hatte. Die arme kleine Sarah war ein ungewolltes Kind gewesen, im falschen Moment in das Leben einer Frau geraten, die ihren Platz selbst noch nicht gefunden hatte und die das kleine, schreiende Geschöpf nur als Last und grausame Blockade für all ihre Ziele und Träume sah. Während sie ihren Selbstanklagen zuhörte, war Claire mehr als einmal der aggressive Gedanke gekommen, dass es Liz ganz recht geschah, was passiert war, denn offenbar hatte sie ohnehin ständig darüber nachgedacht, wie sie sich ihre kleine Tochter möglichst oft vom Leib halten könnte.
Aber warum ich? Es ist so ungerecht! Ich habe Rachel so sehr geliebt. Sie war mein erstgeborenes Kind, ein Wunder, die Erfüllung eines Traums. Sie war ein Geschenk des Himmels.
Es gab nicht einen einzigen Moment, da Robert und ich nicht dankbar dafür waren, mit ihr leben zu dürfen.
Aber dann wieder war sie über sich selbst erschrocken, denn es war nicht in Ordnung, so zu denken, und dieses schreckliche Schicksal hätte Liz Alby so wenig zustoßen dürfen wie irgendjemandem sonst. Vor allem hätte es der kleinen Sarah nicht passieren dürfen. Keinem Kind durfte etwas so Grausames geschehen.
Mit schleppenden Schritten bewegte sie sich von der Küche hinüber ins Esszimmer. Ein behaglicher Raum mit einem großen hölzernen Tisch, an dem Rachel oft gesessen und gemalt hatte. Das Esszimmer mit dem gemauerten Kamin, den geblümten Vorhängen und dem Blick in den immer etwas verwilderten, daher sehr verwunschen wirkenden Garten war viel mehr das Familienzimmer gewesen als das Wohnzimmer, das zur Straße hinausging. Hier hatten sie alle vier so viel Zeit verbracht. Zusammen Spiele gespielt, oder die Kinder hatten in seltener Einmütigkeit am Tisch Papierkleider für ihre Anziehpuppen gebastelt, während Robert und Claire in den Lehnstühlen am Kamin saßen und lasen. Ein Glas Wein tranken und sich leise unterhielten.
So würde es nie wieder sein. Auch wenn sie versuchen mussten, für die kleine Sue wieder ein Stück der ihr vertrauten, alten Welt herzustellen, wenn sie alles daran setzen mussten, ihr trotz allem eine schöne Kindheit zu schenken. Niemals würden sie aufhören können, die klaffende Wunde zu sehen, die Rachels Tod in die Familie gerissen hatte.
Am letzten Sonntag war hier für das Frühstück gedeckt gewesen. Cornflakes mit Milch und Obst für die beiden Mädchen, dazu Toastbrot und verschiedene Sorten Marmelade. Rachel hatte Kakao getrunken und danach wie immer einen dicken, dunkelbraunen Bart auf der Oberlippe gehabt. Trotz der Kontroverse wegen der Hausschuhe war sie fröhlich gewesen. Sie hatte sich auf den Gottesdienst gefreut.
Heute war der Tisch leer. Weder Claire noch Robert verspürten Hunger. Sue war noch immer in Downham Market. Sie mussten sie jetzt bald zurückholen. Sie hatte noch keine Ahnung, was geschehen war, wurde aber sicher langsam unruhig. Rachel war immer eifersüchtig auf Sue gewesen. Das gibt sich, hatte Claire dann gedacht, das ist ganz normal. Hatte das Vorhandensein der jüngeren Schwester Rachel mehr gequält, als ihre Eltern begriffen hatten? Was hieß schon normal in diesem Zusammenhang? Hätten sie verständnisvoller auf ihre Wutausbrüche der Kleinen gegenüber eingehen sollen? Sie ernster nehmen? Sie nicht herunterspielen und verharmlosen sollen?
Hätte, hätte, hätte … Für immer würde es nun dieses grausame hätte geben. Ohne die geringste Chance, noch irgendetwas an den Dingen zu ändern, wie sie nun einmal geschehen waren.
Als es leise an der Haustür klopfte, wandte sich Claire von dem Zimmer, zwischen dessen Wänden so unendlich viele Erinnerungen hingen, ab und trat in den Flur hinaus. Robert war oben im Arbeitszimmer, er hatte das Klopfen wohl nicht gehört. Claire öffnete die Tür ohne Angst. Zwar wollte sie unter keinen Umständen mit Journalisten sprechen, aber sie hätte sich nicht gefürchtet, einen Pressevertreter ohne Umschweife zum Teufel zu schicken. Es gab im Augenblick ohnehin praktisch überhaupt nichts, was ihr Angst eingeflößt hätte. Vielleicht war das zwangsläufig der Fall, wenn einem das Schlimmste bereits zugestoßen war.
Es war der Pfarrer ihrer Gemeinde, der sie besuchen kam, Ken Jordan. Er blickte sie etwas unsicher an. Schließlich gehörte sie nicht zu den Kirchgängern.
»Wenn ich ungelegen komme, dann sagen Sie es bitte«, bat er. »Ich möchte Ihnen keinesfalls lästig fallen. Aber ich dachte … da es heute genau eine Woche her ist, seit …«
»Müssten Sie nicht in der Kirche sein?«, fragte Claire.
Er lächelte. »Ich habe noch etwas Zeit.«
Sie bat ihn ins Wohnzimmer. Auf dem Bücherregal stand ein gerahmtes Foto von Rachel. Es war im vergangenen März auf einer Wanderung mit ihrer Schulklasse aufgenommen worden. Rachel trug einen roten Anorak, hatte windzerzauste Haare und strahlte über das ganze Gesicht.
»So ein hübsches, liebenswertes Mädchen«, sagte Ken.
Sie nickte. »Ja.«
»Und das ist Ihre andere Tochter?« Direkt neben Rachels Foto stand eines von Sue. Eine vergnügte Sue im letzten Jahr am Strand von Wells-next-the-Sea. Im blauen Badeanzug und mit einem weißen kleinen Stoffhut auf dem Kopf.
»Das ist Sue.« Sag jetzt nicht, dass ich dankbar sein kann, sie wenigstens noch zu haben!
Er sagte es nicht. Hier war nichts gegenzurechnen, und das wusste er.
»Bitte nehmen Sie doch Platz«, sagte Claire.
Er setzte sich auf das Sofa. Er sah eigentlich gar nicht wie ein Pfarrer aus, fand sie. Jeans, anthrazitgrauer Rolli, farblich passendes Jackett. Er war noch ziemlich jung.
»Rachel ist sehr gern sonntags in den Kindergottesdienst gegangen«, sagte sie, »sie mochte Donald Asher so gern. Am meisten liebte sie es, wenn er Gitarre spielte und die Kinder dazu sangen.«
Er lächelte. »Ja, Don kommt bei den Kindern gut an. Er hat eine intuitive Art im Umgang mit ihnen.«
»Ich habe gestern die Mutter von … von dem anderen Mädchen getroffen«, sagte Claire. Sie wusste selbst nicht, weshalb sie ihm das erzählte. Vielleicht, weil er eine vertrauenerweckende Ausstrahlung hatte. Vielleicht war es aber auch nur ihr Versuch, Konversation zu machen. Sie war dieser Typ. Sie funktionierte auch dann noch, wenn ihr sterbenselend zumute war. »Liz Alby. Die Mutter von Sarah Alby.«
»Ja. Ich weiß. Ein ebenso entsetzlicher Fall.«
»Sie macht sich schlimme Vorwürfe. Sie hat Sarah kurz vor … vor deren Verschwinden nicht erlaubt, Karussell zu fahren, obwohl die es sich so sehr gewünscht hat. Sie haben wohl gestritten deswegen. Das geht ihr jetzt sehr nach. Ich kann das verstehen. Den ganzen Morgen schon …« Sie biss sich auf die Lippen.
Er sah sie freundlich und verständnisvoll an. »Ja?«
»Den ganzen Morgen schon überlege ich, wie meine … letzten Stunden mit Rachel waren. Ob es irgendeinen Missklang gab. Ich war ungehalten, weil sie barfuß in die Küche kam. Wir haben dort einen Steinfußboden, und Rachel bekam so rasch Halsentzündung. Ich meine, ich habe nicht richtig mit ihr geschimpft, aber ich war verärgert, weil ich sie so oft schon gebeten hatte … Ich weiß nicht mehr ganz genau … ich meine, ich weiß noch, was ich sagte, aber ich erinnere mich nicht mehr genau an meinen Tonfall, ob ich sie anfuhr, oder ob ich nur ein bisschen genervt war …« Sie konnte nicht weitersprechen. Es war egal, ob sie sie angefahren, angemeckert oder sich nur ein wenig gereizt gezeigt hatte. Es war in jedem Fall überflüssig gewesen. Nur weil sie keine Schuhe anhatte! Es war so unwichtig. So schrecklich unwichtig.
Über den Couchtisch hinweg fasste Ken Jordan kurz nach ihrer Hand, drückte sie in einer beruhigenden, tröstenden Geste. »Machen Sie sich deswegen nicht verrückt, Claire. Jede Mutter verbietet ihren Kindern Dinge, die diese gern tun mögen. Jede Mutter schimpft, ist verärgert, weil die Kleinen nicht folgen. Und weil das häufig zu ihrem Nachteil ist. Es ändert doch nichts an der Liebe, die man empfindet. Sie waren voller Fürsorge gegenüber Rachel am vergangenen Sonntag. Es war Ihnen eben nicht gleichgültig, ob sie eine Halsentzündung bekommt oder nicht. Und selbst wenn Rachel vielleicht die Augen verdreht hat, als Sie mit diesen lästigen Hausschuhen anfingen, so hat sie doch Ihre Liebe und Sorge genau empfunden. Darauf können Sie sich verlassen.«
Seine Worte taten ihr gut, aber der Schmerz war zu heftig, zu frisch, als dass ein echter Trost möglich gewesen wäre. Im Moment konnte sie sich sowieso nicht vorstellen, dass es jemals einen Trost für sie geben konnte.
»Ich halte mich immer daran fest, dass sie sich so sehr auf den Kindergottesdienst freute an jenem Morgen«, sagte sie, »sie war ganz erwartungsvoll, wissen Sie. Wegen dieses Londoner Pfarrers, der irgendwelche Dias zeigen wollte. Sie konnte es gar nicht erwarten.«
Sie seufzte, sah Rachel vor sich in ihrer Aufgeregtheit und Fröhlichkeit. Sie war ungeheuer begeisterungsfähig gewesen, und Claire hatte diesen Zug besonders an ihr geliebt.
»Welcher Pfarrer?«, fragte Ken.
Sie sah auf, bemerkte, dass er die Stirn runzelte.
»Es sollte doch irgendein Pfarrer aus London kommen«, erklärte sie, »und Dias zeigen. Über … über Indien, glaube ich. Rachel war sehr gespannt darauf.«
»Das ist seltsam«, meinte Ken, »von einem solchen Projekt ist mir absolut nichts bekannt. Weder war ein anderer Pfarrer eingeplant noch ein Diavortrag. Für gewöhnlich spricht Don solche Dinge mit mir ab.«
»Aber Rachel hat ganz bestimmt davon geredet. Das weiß ich genau. Praktisch im Weggehen noch hat sie mir davon erzählt. Ich hatte noch gefragt, weshalb sie so fröhlich aussah … Rachel hat sich für alles interessiert, wissen Sie. Es gab nichts, was ihr gleichgültig gewesen wäre.«
Nun begann sie doch leise zu weinen. Es war jedoch nicht der erlösende Tränenstrom, es waren nur ein paar kleine, zaghafte Tränen. Rachel. Ach, meine Rachel. Könnte ich dich doch einmal noch in den Armen halten. Dein Lachen hören und in deine strahlenden Augen blicken. Die zarten Sommersprossen auf deiner Nase bewundern. Könnte ich noch einmal deine heißen Wangen an meinen fühlen. Könnte ich nur einen Tag wenigstens mit dir noch bekommen!
»Claire, es ist jetzt vielleicht nicht der richtige Moment, aber Sie sollten dieser Sache nachgehen«, sagte Ken. Er blickte sehr nachdenklich drein. »Ich bin fast überzeugt, dass nichts in dieser Art geplant war. Weder am letzten Sonntag noch irgendwann in der Zukunft. Donald Asher hat kein Wort über einen Diavortrag verloren. Mir fällt auch nichts ein, was Rachel falsch verstanden haben könnte. Mag sein, dass das alles einen ganz harmlosen Hintergrund hat, aber man sollte es nicht auf sich beruhen lassen.«
Sie hob den Kopf. Die Tränen waren schon wieder versiegt. Die Zeit des Weinens war noch fern.
»Das ist doch jetzt nicht mehr wichtig«, sagte sie.
Ken neigte sich vor. »Doch, Claire, das ist es. Denn diese Geschichte könnte in einem Zusammenhang mit Rachels Tod stehen. Ich werde selbst Nachforschungen anstellen. Als Erstes werde ich mit Don sprechen. Und wir müssen die Polizei informieren. Claire, Sie wollen doch auch, dass der Kerl gefasst wird, der Rachel und Ihnen so unvorstellbar Schreckliches angetan hat?«
Sie nickte. Sie war noch nicht so weit, dies wirklich zu wollen. In dem Meer des Schmerzes, durch das sie schwamm, war dieser Strohhalm noch nicht aufgetaucht. Der Strohhalm, für eine Gerechtigkeit nach Rachels Tod zu kämpfen.
Ken spürte das. Er sah sie sanft an. »Wie kann ich Ihnen helfen, Claire? Möchten Sie, dass wir zusammen beten?«
»Nein«, sagte sie.
Sie würde nie wieder in ihrem Leben beten.
3
Er hatte es Kim freigestellt, ob sie unter Livias Aufsicht in ihrem Elternhaus bleiben oder wieder zu Jack und Grace übersiedeln wollte, und Kim hatte sich für die ihr vertrauten Walkers entschieden. Er hatte sie am Mittag dort abgeliefert und angesichts von Graces heftiger Erkältung ein ziemlich schlechtes Gewissen verspürt, aber in ihrer netten Art hatte sie ihm dies sofort auszureden versucht.
»Wirklich, Sir, Kim ist wie unser Enkelkind, und ein Enkelkind kann zu seiner Großmutter, auch wenn die ein bisschen Schnupfen hat. Machen Sie sich nur keine Sorgen.«
»Ich muss leider nach London zurück …«
»Natürlich.«
»Morgen beginnt die Schule wieder …«
»Wir werden sie hinfahren und abholen. Das ist kein Problem. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf. Passen Sie vor allem auf sich selbst auf, Sir. Ich muss sagen, Sie gefallen mir gar nicht. Sie sind ja weiß wie eine Wand.«
Er hatte sich im Spiegel gesehen. Es stimmte, er sah zum Gotterbarmen aus. Ihn quälten heftige Kopfschmerzen. Seine Lippen waren grau, sein Mund zu einem Strich zusammengepresst.
»Nun ja. Die gegenwärtige Situation ist nicht … ganz einfach.«
Sie hatte ihn mitfühlend gemustert. Oh, wie er dieses Mitgefühl hasste! Das Schlimme war, er würde noch jede Menge davon abbekommen. Wenn erst herauskam, was tatsächlich der Grund für Virginias Flucht gewesen war. »Ihre Frau … hat sich immer noch nicht wieder gemeldet?«
»Nein«, behauptete er. Er hatte keine Lust, Grace Walker irgendetwas zu erklären, weder die Wahrheit noch irgendeine abgeschwächte Variante davon.
Mit seinem Leihwagen trat er den Rückweg nach London an. Er war in einem schrecklichen nervlichen Zustand, er wusste, es wäre besser gewesen, nicht mit dem Auto zu fahren. Aber still im Zug zu sitzen, zur Untätigkeit verdammt, erschien ihm völlig undenkbar. Beim Fahren war er wenigstens noch aktiv. Und da Sonntag war, herrschte wenig Verkehr, er kam gut durch.
Um vier war er in seiner Wohnung, wo er sich sofort einen großen Whisky einschenkte und in einem Zug austrank. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Bedürfnis, sich richtig zulaufen zu lassen. Sich zu besaufen, bis er nichts mehr spürte. Bis er nicht mehr wusste, wer er war. Oder Virginia. Bis er sich möglichst gar nicht mehr erinnerte, dass es überhaupt eine Frau in seinem Leben gab.
Der Alkohol verscheuchte die allerquälendsten Bilder in seinem Gehirn, die Bilder, die Virginia in leidenschaftlicher Umarmung mit Nathan Moor zeigten, aber er vermochte nicht das Vergessen zu bringen, das sich Frederic ersehnte. Plötzlich fühlte er sich von dem kindischen Wunsch beseelt, Unfrieden und Beunruhigung in den satten Liebesrausch zu bringen, der sich da oben in seinem Haus auf Skye abspielte. Er ging ans Telefon und gab ein Telegramm auf: Bin wieder in London + terminliche Gründe + Kim bei Grace, die krank ist + morgen Schulanfang + dein Kind braucht dich + Frederic
Er verachtete sich ein wenig, fand aber, dass er keineswegs die Unwahrheit sagte und dass es durchaus angebracht war, Virginia an ihre Mutterpflichten zu erinnern. Es war ohnehin mehr als befremdlich, dass sie sogar ihr Kind vergessen hatte. Was hatte Nathan Moor mit ihr gemacht? Was gab er ihr? Was sah sie in ihm?
Es war zum Wahnsinnigwerden. Er wusste, dass der Kerl nicht in Ordnung war, er wusste es einfach, und er war überzeugt, dass diese Einschätzung nicht mit seiner Eifersucht zusammenhing. Abgesehen davon, hatte er genügend Hinweise von Livia erhalten. Bestsellerautor! Es wäre zum Lachen, wenn man nicht heulen müsste.
Livia.
Er fand die Vorstellung, dass sie nun ganz allein in Ferndale wohnte, nicht besonders beruhigend, obwohl sie nicht im Mindesten der Typ war, der mit dem Silber durchbrennen würde. Er hätte sie nicht so einfach wegschicken können, zudem fand er, dass er nicht verpflichtet war, Nathans Gattin aus dem Weg zu räumen. Sollte sie ihn doch erwarten und ihm die Hölle heiß machen, wenn er von seinem kleinen Liebesabenteuer mit Virginia zurückkehrte. Leider nur war Livia ein so schrecklich verschüchtertes Mäuschen, allzu heftige Attacken würde ihr Mann nicht auszustehen haben.
Grace gegenüber hatte er sie als eine Urlaubsbekanntschaft bezeichnet, die sich einige Zeit in England aufhalten würde. Grace war zu höflich, näher nachzufragen, aber sicherlich gingen ihr die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Von Kim wusste sie bestimmt längst, dass auch Nathan in Ferndale logiert hatte. Durch das urplötzliche Verschwinden Virginias mochte sie am Ende sogar Schlüsse ziehen, die durchaus in die Nähe der Wahrheit kamen. Vielleicht besprach sie sich mit Jack, der seinen Chef womöglich bereits insgeheim als den Gehörnten titulierte.
Gegen halb sechs Uhr hielt es Frederic in seiner Wohnung nicht mehr aus. Draußen herrschte regnerisches Wetter. Er zog seine Barbourjacke an und verließ das Haus, lief durch die Straßen und gelangte schließlich zum Hyde Park. Trotz des unangenehmen Nieselregens in der Luft hielten sich hier erstaunlich viele Menschen auf. Jugendliche Skateboardfahrer, Familien mit Kindern, ältere Menschen, die pflichtschuldig die ihnen ärztlich verordnete Runde drehten. Und Liebespaare. In der Hauptsache sah er Liebespaare. Hand in Hand oder eng umschlungen schlenderten sie über die Wege, blieben stehen, küssten einander, vergaßen sichtlich die Welt um sich herum. Mit geschärftem Blick erkannte er, dass viele von ihnen wie verzaubert wirkten, eingesponnen zu zweit in einen Kokon, der sie der Welt und all ihrem banalen Treiben entfernte. Er überlegte, aber es fielen ihm keine Situationen ein, die ihn und Virginia in dieser Abgekehrtheit, in dieser völligen Fixierung aufeinander gezeigt hätten. Nicht einmal in ihrer allerersten Zeit. Und wenn er ganz ehrlich war, dann wusste er, dass er, was Virginia betraf, durchaus jene Verzauberung gespürt hatte, die er nun auf den Gesichtern der jungen Menschen ringsum wahrnahm. Aber er war allein gewesen damit. Er hatte sie geliebt, begehrt, bewundert. Er hatte sie angebetet. Er war verrückt nach ihr gewesen. Und in diesem Strudel starker, ihn mitreißender Gefühle hatte er überhaupt nicht bemerkt, wie schwach die Resonanz auf der anderen Seite ausfiel. Es kamen Lippenbekenntnisse zurück – obwohl sie keineswegs allzu häufig ein Ich liebe dich hervorgebracht hatte –, und sie hatte ziemlich rasch eingewilligt, seine Frau zu werden. Aber während er geglaubt hatte, sterben zu müssen, wenn sie ihn nicht heiratete, war sie gleichmütig gewesen, am Tag der Trauung so in sich gekehrt wie sonst auch.
Er starrte ein junges blondes Mädchen an, das an den Lippen eines langhaarigen Mannes hing und fasziniert den Worten zu lauschen schien, die er sprach. Natürlich stimmte es nicht, wenn er es sich richtig überlegte, dass er nichts bemerkt hatte. Ja, genau genommen war er sogar manchmal unglücklich gewesen über die Kühle, die von ihr ausging. Aber er hatte ihre Art verantwortlich gemacht, ihre Neigung zur Schwermut, die Melancholie, die tief in ihr wurzelte. Keine Sekunde lang hatte er in Erwägung gezogen, es könnte ein Mangel an Gefühlen für ihn sein, was diese Distanz erzeugte. Wahrscheinlich hatte er es auch nicht in Erwägung ziehen wollen. Dafür war seine Liebe zu groß gewesen, hatte ihn zu sehr mitgerissen. Er, der er sich immer als einen sachlichen Vernunftmenschen beschrieben hätte, war so gefesselt gewesen von einer Frau, dass er sich die Wahrheit verschönte und zurechtrückte, bis sie genau passte, und er hatte von diesem Vorgang in sich nicht einmal etwas bemerkt. Er war das Paradebeispiel für perfekte Verdrängung. Und das Ende vom Lied war, dass er an einem regnerischen Septembertag im Hyde Park stand, frustriert und müde den Liebespaaren zusah und dabei wusste, dass sich seine Frau, die Frau, die er mehr liebte als alles andere auf der Welt, in seinem Ferienhaus auf den Hebriden von einem hergelaufenen, zwielichtigen Typen beglücken ließ und womöglich gar nicht zu ihm zurückkehren würde. Denn wieso sollte er annehmen, dass sie das tat? Die ganzen Stunden über hatte er sich ausgemalt, wie sie reuevoll vor ihm stehen würde, nachdem Moor sie wie eine heiße Kartoffel hatte fallen lassen, wie sie reden und diskutieren würden, wie er Erklärungen fordern und sie auch bekommen würde - und wie sie sich am Ende wiederfinden würden. Und wenn sie nicht kam?
Und wenn ich sie nicht zurücknehmen kann?, fragte er sich.
Er tat ein paar Schritte zu einer Bank, die nass glänzte im Regen, ließ sich schwerfällig darauf fallen. Er sehnte sich eine Flasche Wodka herbei. Schöner, hochprozentiger Alkohol. Er wollte wie ein Penner auf einer Bank sitzen und das scharfe Zeug seine Kehle hinunterrinnen lassen. Um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass er Virginia vielleicht für immer verloren hatte.
Oder dass seine eigenen Gefühle die ihnen aufgebürdete Last nicht würden tragen können.
Das konnte ebenfalls passieren, und es war vielleicht die schlimmste aller vorstellbaren Möglichkeiten.
4
Es war fünf Uhr am Nachmittag, als Ken Jordan an der Haustür der Familie Lewis klingelte. Er kannte Margaret und Steve Lewis, Julias Eltern, recht gut; sie waren aktive Mitglieder der Gemeinde und verzichteten kaum einen Sonntag auf den Kirchenbesuch. Er wusste, dass Julia eng mit Rachel Cunningham befreundet gewesen war. So verwunderte es ihn nicht, dass Margaret Lewis verweinte Augen hatte, als sie ihm öffnete. Sie hatte schon am Vormittag während seiner Predigt, in der er ausführlich über Rachel und ihr schreckliches Schicksal gesprochen hatte, immer wieder leise vor sich hin geschluchzt.
»Ich hoffe, ich komme nicht völlig ungelegen«, sagte Ken, »aber es ist sehr wichtig.«
Sie ließ ihn eintreten. »Nein, im Gegenteil, ich bin froh, Sie zu sehen, Herr Pfarrer. Ich muss heute den ganzen Tag weinen. Vielleicht, weil es genau vor einer Woche war, als …« Sie biss sich auf die Lippen. Ihre Stimme versagte.
»Wir alle können es nicht fassen«, sagte Ken.
»Wer tut so etwas? Wer tut etwas so Furchtbares?«
»Derjenige muss krank sein«, sagte Ken. »Ein schwer kranker Mensch.«
Er folgte ihr ins Wohnzimmer. An dem kleinen, runden Tisch im Erker saß Steve Lewis vor einer Tasse Tee. Er erhob sich. »Herr Pfarrer! Wie schön, dass Sie uns besuchen. Setzen Sie sich bitte.«
Ken nahm Platz, und Margaret brachte eine weitere Tasse und schenkte ihm Tee ein.
»Vor allen Dingen möchte ich mit Julia sprechen«, sagte Ken, »aber zuvor eine Frage an Sie: Hat Julia vor dem Kindergottesdienst in der letzten Woche etwas von einem geplanten Diavortrag erwähnt? Den ein Pfarrer aus London halten sollte?«
Margaret und Steve sahen, ihn verwirrt an. »Nein. Sie hat nichts dergleichen erwähnt.«
»Ich möchte mich nicht in die Arbeit der Polizei einmischen«, sagte Ken, »oder auf dilettantische Art Detektiv spielen. Aber ich wurde stutzig. Ich war heute früh bei Rachels Mutter.« Kurz berichtete er, was Claire erzählt hatte. »Heute am frühen Nachmittag erreichte ich endlich Donald Asher. Es hätte ja sein können, dass er irgendetwas geplant, mir aber nichts erzählt hatte, obwohl das sehr ungewöhnlich gewesen wäre. Tatsächlich war aber auch Don nichts von einem Diavortrag bekannt. Er hat keine Ahnung, was Rachel gemeint haben könnte. Und nun denke ich …«
»Ja?«, fragte Steve mit gespannter Aufmerksamkeit.
»Vielleicht ist das ganz dumm. Aber es könnte doch sein, dass es da einen Zusammenhang gibt. Zwischen Rachels Verschwinden und ihrer Ermordung und diesem eigenartigen … Gerede von einem ominösen Pfarrer aus London, den weder Asher noch ich kennen.«
»In der Tat ist das seltsam«, stimmte Steve zu.
»Ich hole Julia«, sagte Margaret.
Julia kam aus ihrem Zimmer herunter. Sie sah blass aus und nicht mehr so fröhlich wie noch eine Woche zuvor. Ihre beste Freundin war tot und würde nie mehr wiederkommen. Ken Jordan hatte den Eindruck, dass Julia fast noch unter Schock stand.
»Der Pfarrer möchte dich sprechen, Julia«, sagte Margaret.
Sie starrte ihn aus großen Kinderaugen an. Er fragte sich plötzlich, was diese Geschichte aus ihr und ihrem Leben machen würde.
Er lächelte sie an. »Nur eine kurze Frage, Julia. Dann kannst du gleich wieder nach oben zum Spielen gehen.«
»Ich spiele nicht«, korrigierte ihn Julia.
»Nein?«
»Nein. Ich denke an Rachel.«
»Du hast Rachel sehr lieb gehabt, nicht?«
Julia nickte heftig. »Sie war meine beste Freundin.«
»Die beiden waren ja fast wie Schwestern«, meinte Margaret.
»Wie Schwestern …«, sagte Ken. »Dann habt ihr einander alles anvertraut, stimmt's? Ich wette, du wusstest alles über Rachel. Vielleicht sogar mehr als Rachels Mum und ihr Dad?«
»Ja«, sagte Julia.
»Dann hat Rachel dir bestimmt auch von dem Diavortrag erzählt? Den ein Pfarrer aus London bei euch im Kindergottesdienst halten wollte?«
Julias Augen weiteten sich. Ein Flackern huschte durch ihren Blick.
Volltreffer, dachte Ken.
»Sie hat dir davon erzählt?«, hakte er nach.
Julia schwieg. Sie starrte auf ihre Fußspitzen.
»Julia, wenn du etwas weißt, musst du es sagen«, mahnte Steve, »das ist sehr wichtig.«
»Donald Asher weiß nichts von solch einem Vortrag«, fuhr Ken fort, »und das bedeutet, dass Rachel es von irgendjemand anderem gehört haben muss. Jemand hat ihr davon erzählt. Weißt du, wer das war?«
Julia schüttelte heftig den Kopf.
»Aber du weißt, dass ihr jemand davon erzählt hat?«
Julia nickte. Immer noch sah sie keinen der Erwachsenen an.
»Bitte, Julia, sag uns, was los ist«, bat Margaret, »vielleicht hilft es, den Menschen zu finden, der Rachel … der Rachel etwas so Schlimmes angetan hat.«
Mit kaum hörbarer Piepsstimme sagte Julia: »Ich habe Rachel versprochen …«
»Was?«, fragte Ken behutsam. »Was hast du Rachel versprochen? Mit niemandem über den Pfarrer aus London zu sprechen?«
Wieder ein Nicken.
»Aber weißt du, ich bin sicher, dass Rachel nun nichts mehr dagegen hat, wenn du dein Versprechen brichst. Vielleicht ist jemand sehr böse zu ihr gewesen. Hat sie gequält. Jemand, dem sie vertraut hat. Sie würde wollen, dass dieser Mensch bestraft wird.«
»Julia, du musst sagen, was du weißt«, sagte Steve, »du bist ein großes Mädchen, und du verstehst, dass das wichtig ist. Nicht wahr?«
Julia nickte erneut. Es hatte nicht den Anschein, als verstehe sie die Bedeutung, die die Erwachsenen ihrer Aussage zuschrieben, aber sie begriff das besorgte Drängen, und es hatte beruhigend geklungen zu hören, dass Rachel nichts dagegen hätte, wenn sie ihr Schweigegelübde brach.
»Der … der Mann hat Rachel gesagt, dass er uns Bilder zeigt. Diabilder. Über die Kinder in Indien.«
Alle hielten den Atem an.
»Welcher Mann?«, fragte Ken.
Endlich hob Julia den Blick. »Der Mann vor der Kirche.«
»Hast du ihn auch gesehen?«, fragte Margaret. Sie hatte hektische rote Flecken im Gesicht bekommen. »Oder mit ihm geredet?«
»Nein.«
»Rachel hat ihn allein getroffen?«
»Ja. An einem Sonntag bevor … bevor … das passiert ist. Vor ein paar Wochen schon. Als sie zum Kindergottesdienst wollte. Er war in der Straße vor der Kirche.«
»Und hat sie angesprochen?«
»Ja. Er hat sie gefragt, wo sie hingeht und ob sie ihm vielleicht helfen könnte …«
»Und dann?«
Julia schluckte. »Dann hat er gesagt, dass er ein Pfarrer aus London ist und ganz tolle Bilder bei uns im Kindergottesdienst zeigen will. Über Kinder in Indien. Aber es soll eine Überraschung sein, und er muss sich darauf verlassen, dass Rachel keinem etwas erzählt. Nicht mal ihrer Mum und ihrem Dad, weil die es dann wieder jemand anderem erzählen, und plötzlich wissen es alle.«
»Hm«, machte Ken, »und Rachel wollte natürlich alles richtig machen und kein Spielverderber sein?«
Julia senkte den Kopf. »Sie hat es dann trotzdem mir erzählt. Als sie von ihrer Ferienreise zurückkam.«
»Oh – aber du warst ja auch ihre beste Freundin! Der besten Freundin erzählt man immer alles, das hätte auch der fremde Mann wissen müssen. Das ist ganz etwas anderes als mit den Eltern.«
»Ja?«, fragte Julia hoffnungsvoll. Offensichtlich wollte sie auf keinen Fall etwas Schlechtes über die tote Rachel sagen.
»Da kannst du ganz beruhigt sein. Wann hat sie dir von all dem erzählt?«
»Erst … erst am Samstag. An dem Samstag bevor … sie verschwunden ist. Sie war gerade aus den Ferien zurückgekommen und hat mich gleich besucht.«
»Wollte sie den fremden Mann noch mal treffen?«
»Ja. Er hat gesagt, er braucht eine Assistentin. Und das soll sie sein. Und sie soll ihn vor dem Kindergottesdienst im Chapman's Close treffen. Er zeigt ihr dann, was sie genau machen muss, und nimmt sie im Auto mit zum Kindergottesdienst.«
Margaret schloss für Sekunden die Augen. Steve atmete tief.
»Chapman's Close«, sagte Ken. Eine Straße, an deren Anfang sich ein paar Wohnhäuser befanden. Weiter hinten gab es dann nur noch Wiesen rechts und links, und am Ende ging sie in einen Feldweg über. Wenn ein Mann dort ein kleines Mädchen in sein Auto steigen ließ, konnte er ziemlich sicher sein, dass ihn niemand dabei beobachtete. Und er konnte zuvor in einer der angrenzenden Nebenstraßen warten und sich vergewissern, dass sein Opfer wirklich allein kam. Andernfalls hatte er genügend Möglichkeiten, sich unauffällig aus dem Staub zu machen. Ein einfacher Plan, der keine allzu großen Risiken barg.
»Ich war sauer auf sie«, sagte Julia. In ihren Augen blitzten Tränen. »Wir haben uns gestritten.«
Ken ahnte, weshalb. »Du hättest auch gern so eine Aufgabe gehabt, nicht? Assistentin von einem wichtigen Mann sein.«
»Ja. Ich war … richtig böse auf sie!« Jetzt rollten die Tränen über Julias Wangen. »Ich fand es so ungerecht. Immer Rachel! Immer passierten ihr so tolle Sachen. Ich dachte, ich platze, wenn sie da vorn steht und dem Mann mit den Dias helfen darf. Und ich muss mit den anderen Kindern hinten sitzen. Ich wollte gar nicht mehr zum Kindergottesdienst gehen.«
»Dann kamen dir deine Halsschmerzen ganz gelegen, oder?«
Sie weinte heftig. »Es war gar nicht so schlimm. Es war nur ein … kleines bisschen Halsweh. Ich habe zu Mum gesagt, dass ich ganz schöne Schmerzen habe, aber das hat gar nicht gestimmt. Ich wollte nicht dorthin, auf keinen Fall. Ich war so neidisch. Dabei …«
»Ja?«
Julia wischte sich mit dem Ärmel ihres Pullovers über das nasse Gesicht. »Dabei war Rachel so lieb. Sie hat schließlich gesagt, dass ich mitkommen darf. Zum Chapman's Close. Sie wollte den Mann fragen, ob er mich nicht auch brauchen kann. Aber ich war schon so sauer. Ich habe gesagt, ich will nicht.«
»O mein Gott«, rief Margaret leise.
Alle schwiegen. Alle drei Erwachsenen dachten das Gleiche: Was, wenn Julia Rachel begleitet hätte? Hätte sie deren grausames Schicksal geteilt? Oder, was wahrscheinlicher erschien, hätte der Fremde das Weite gesucht, wenn ein zweites kleines Mädchen auftauchte? Könnte Rachel noch fröhlich unter ihnen weilen, hätte es nicht den Streit zwischen ihr und Julia gegeben?
Aber ohne den vorangegangenen Streit hätte Rachel wahrscheinlich gar nicht vorgeschlagen, ihre Freundin mitzunehmen, dachte Ken Jordan und rieb sich die Augen, die vor Erschöpfung brannten. Die letzte Viertelstunde hatte ihn völlig ausgelaugt.
»Wir werden das der Polizei melden müssen«, sagte er zu Steve und Margaret, »und vermutlich werden die auch noch einmal mit Julia sprechen wollen. Es tut mir leid, aber …«
»Das ist völlig in Ordnung«, stimmte Steve rasch zu, »wir möchten doch auch, dass der Typ gefasst wird, und vielleicht trägt Julias Aussage etwas dazu bei.«
»Warum hast du uns bloß nichts erzählt?«, wandte sich Margaret an ihre Tochter. Sie weinte. »Warum habt ihr beiden Mädchen nichts davon gesagt? Ich habe dir immer wieder erklärt, dass du dich von Fremden nicht ansprechen lassen darfst. Und Rachel hat das von ihrer Mutter bestimmt auch tausendmal gehört. Warum …«
»Nicht jetzt, Margaret«, unterbrach Steve leise, »das nützt jetzt nichts. Wir müssen später in Ruhe darüber reden.«
Ken wandte sich noch einmal an Julia. Er hatte wenig Hoffnung, dass sie ihm diese Frage beantworten konnte, aber er wollte sie trotzdem stellen.
»Hat Rachel dir erzählt, wie der Mann aussah?«
Julia nickte. »Ganz toll, hat sie gesagt. Wie einer aus dem Film.«
Ken, Steve und Margaret sahen einander an. Das konnte stimmen oder auch nicht. Vermutlich hatte Rachel die ganze Geschichte etwas aufgebauscht und aus ihrem Mörder einen Mister Universum gemacht. Aber auch wenn es sich tatsächlich um einen Adonis handelte – was nützte es?
Nichts, dachte Ken Jordan. Die Polizei weiß dann nur, dass Rachel von einem Mann ermordet wurde, der gut aussieht.
Trotzdem würde er, Sonntag hin oder her, sofort von daheim bei der Polizei anrufen. Vielleicht konnten die aus dem dürftigen Material mehr machen, als er vermutete.
5
Der Himmel über Skye war von einem stählernen, kalten, unverschleierten Blau. Der Sturm hatte im Lauf des Tages die letzten Wolken verblasen. Die Luft war klar wie ein Diamant. Das Meer spiegelte den Himmel, trug dicke weiße Schaumkronen auf seinen aufgewühlten Wellen. Die Sonne neigte sich dem westlichen Horizont zu. Nicht mehr lange, und dieser würde in pastellige Farben getaucht sein, die langsam emporsteigen und nach und nach die ganze Insel umhüllen würden, ehe die Nacht kam.
Die zweite Nacht. Die zweite Nacht mit Nathan.
Virginia war allein zu einem Spaziergang aufgebrochen. Sie wollte ein paar Stunden für sich sein, und Nathan hatte dieses Bedürfnis bei ihr gespürt, ohne dass sie es hätte in Worte fassen müssen. Er hatte erklärt, etwas Holz zu hacken, damit sie genügend Nachschub für den Kamin hatten. Sie hatte ihm einen dankbaren Blick zugeworfen, und er hatte gelächelt.
Sie war über eine Stunde am Meer entlanggelaufen, über die lang gestreckte Hochfläche von Dunvegan Head, ohne einem Menschen zu begegnen, sie hatte sich völlig frei allen ihren Gedanken überlassen können. Irgendwann hatte sie angefangen, diese Gedanken zu ordnen.
Ich liebe Nathan.
Diese Liebe hat irgendetwas in mir verändert. Ich habe das Gefühl, nach langen fahren wieder zu leben.
Ich habe ihm Dinge von mir erzählt, die niemand sonst weiß, auch nicht und schon gar nicht Frederic.
Ich werde ihm von meiner Schuld erzählen.
Ich möchte nicht wieder zurück, in mein altes Leben.
Ich will dieses Gefühl von Freiheit, von Glück, von Lebendigkeit nie wieder hergeben.
Ich werde alles umstürzen. Ich werde Frederic verlassen. Ferndale. Vielleicht sogar England.
Alles, alles hat sich verändert.
Der Stand der Sonne sagte ihr, dass es besser wäre, an den Heimweg zu denken, wenn sie, nicht von der Dunkelheit überrascht werden wollte. Sie freute sich auf den Abend. Auf das kleine, gemütliche Wohnzimmer. Das prasselnde Kaminfeuer. Den Wein. Nathans Zärtlichkeit. Sie sehnte sich schon wieder danach, mit ihm zu schlafen. Sie konnte nicht genug davon bekommen.
Frederic hatte schrecklich geklungen am Telefon. Zu Tode verletzt. Schockiert. Verzweifelt. Trotzdem stand für sie fest, dass sie den eingeschlagenen Weg weitergehen würde. Sie hatte gar keine Wahl. Sie atmete anders als zuvor. Sie träumte anders. Sie hätte das Leben umarmen, es an sich pressen mögen.
Der Wind wehte ihr ins Gesicht, als sie umkehrte. Zwar hatte der Sturm deutlich nachgelassen, aber dennoch musste sie sich sehr anstrengen, um vorwärts zu kommen. Die Luft war kalt, sie schlug den Kragen ihrer Jacke hoch.
Skye würde sie auch verlieren. Egal. Sie und Nathan würden sich ein neues Skye suchen. Solange sie zusammen waren, war alles in Ordnung.
Warum nur hatte sie sich so tot gefühlt an Frederics Seite? Weil sie ihn nicht geliebt hatte? Weil sie sich von seiner Zuneigung, seiner aufrichtigen Liebe, manchmal wie erschlagen gefühlt hatte? Weil sie oft wie erstickt gewesen war von ihrem Schuldgefühl ihm gegenüber? Vielleicht hatte sie immer gewusst, dass sie ihm eines Tages davonlaufen würde. Vielleicht hatte sie immer gewusst, dass er nicht der Mann war, mit dem sie ihr Leben verbringen konnte. Vielleicht hatte sie wie tot sein müssen, um diese Gedanken nicht an die Oberfläche gelangen zu lassen. Vielleicht hatte sie sich hinter den hohen Bäumen von Ferndale House einfach nur vor der Wahrheit versteckt.
Und nie, nicht in ihren kühnsten Gedanken, hatte sie die Möglichkeit erwogen, ihm alles über sich, über ihr Leben, über ihre Schuld zu erzählen. Er wusste, dass sie einige Jahre mit ihrem Cousin zusammen in einer eheähnlichen Beziehung gelebt hatte, er wusste von dem tragischen Tod des kleinen Tommi und von Michaels Verschwinden bei Nacht und Nebel, von seinem Untertauchen in die totale Versenkung. Andeutungsweise hatte sie ihm sogar einmal von ihren Gefühlen danach berichtet – von ihren quälenden Schuldgefühlen, weil sie Erleichterung verspürt hatte, als Michael nicht mehr da war, und weil sie nie nach ihm gesucht, ihn ganz und gar seinem ungewissen Schicksal überlassen hatte. Aber mehr wusste er nicht. Er kannte nicht ihre wilden Londoner Jahre, ihre vielen Affären, ihre Drogengeschichten. Er wusste nichts über Andrew. Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, dies alles ihm gegenüber zu erwähnen. Vielleicht hatte es einfach an seiner Art gelegen. Er war so konservativ, so angepasst an Recht und Ordnung, hielt sich immer an die Regeln, nach denen man Dinge tun durfte oder nicht. Was er von der Vergangenheit seiner Frau wusste, war sorgfältig gesiebt und gefiltert. Ein blasses Bild, schemenhaft fast, voller Lücken, die mit Nebel gefüllt waren. Und offenbar hatte ihn das nie gestört. Er kannte die Frau nicht, mit der er verheiratet war, mit der er ein Kind hatte, mit der er sein Leben bis zum Ende hatte leben wollen. Er kannte sie nicht, weil er sich mit den wenigen Brocken zufrieden gab, die sie ihm hinwarf.
Und sie würde ihm auch nicht erzählen, was da noch gewesen war. Zwischen ihr und Michael. Nicht einmal Nathan hatte sie bislang davon berichtet. Aber sie wusste, dass sie es tun würde. Nathan würde alles über sie erfahren.
Weil Nathan nicht feige ist, dachte sie, nicht zu feige, auch die hässlichen Farben im Bild einer Frau zu ertragen.
Der Himmel hatte die herrlichen Pastellfarben angenommen, die Virginia so liebte. Sie blieb stehen, schaute über das Wasser. Am Horizont stiegen Streifen in blassem Rosa, zartem Lila, sanftem Rot auf, verschmolzen mit dem Blau des Himmels, nahmen ihm die Leuchtkraft. Die Sonne war zu einem glühend orangefarbenen Ball geworden, der seine Strahlen bei sich behielt und bald langsam ins Meer sinken würde. Die Luft wurde kälter, die Schreie der Möwen lauter.
Sie würde Kim den Vater nehmen. Sie würde die sichere Welt, in der ihr Kind bislang aufgewachsen war, einstürzen lassen. Zweifellos lud sie eine große Schuld auf sich, hatte sie bereits auf sich geladen, als sie ausbrach, nach Skye fuhr, fast zwei Tage lang durch ganz England raste, um sich so weit von ihrem Leben zu entfernen, wie es nur möglich war. Als sie sich in Nathans Arme stürzte. Sie betrog nicht nur Frederic, sie betrog auch Kim. Vielleicht würde sie irgendwann jemand deswegen zur Rechenschaft ziehen. Vielleicht musste sie für ihre Schuld bezahlen. Sie konnte dennoch den Weg nicht verlassen, den sie eingeschlagen hatte.
Schon von weitem sah sie den Rauch aus dem Schornstein des Cottage steigen, sah den Lichtschein hinter den Fenstern, der sie warm und freundlich in der immer schneller einfallenden Dämmerung willkommen hieß. Sie beschleunigte ihre Schritte. Sie wollte zu ihm.
Er kniete im Wohnzimmer neben dem Kamin, schichtete die Holzscheite, die er gehackt hatte, an der Wand entlang auf. Er schien sehr auf seine Arbeit konzentriert zu sein.
»Nathan!«, sagte Virginia.
Er blickte hoch.
»Virginia!« Er stand auf, trat auf sie zu. Er lächelte. »Du siehst hübsch aus. Ich mag es, wenn du so rote Wangen hast und deine Haare zerzaust sind.«
Etwas verlegen über das Kompliment fuhr sie sich mit der Hand über ihre wirren Haare. »Es ist ziemlich kalt draußen. Und recht stürmisch.«
»Hm.« Er trat noch dichter an sie heran, beugte sich hinab, vergrub seine Nase an ihrem Hals. »Du riechst wunderbar. Nach Meer. Nach Wind. Nach allem, was ich liebe.«
Sie schaute ihn an. Sie wusste, dass ihre Augen idiotischerweise verklärt leuchteten, aber sie konnte es nicht ändern. Er lächelte schon wieder. In seinem Lächeln konnte sie erkennen, dass er um seine Wirkung auf sie genau wusste.
»Irgendwie«, sagte er, »habe ich nicht so große Lust, heute Abend schon wieder eine Konserve aufzumachen und in das immer gleiche Kaminfeuer zu blicken. Wie wäre es, wenn wir in ein Pub gingen? Ich habe riesigen Appetit auf Bohnen, Lammkoteletts und ein dunkles Bier!«
Sie erschrak. »Ich glaube, ich habe hier auch eine Dose Bohnen«, sagte sie hastig und machte schon einen Schritt in Richtung Küche. Nathan hielt sie am Arm fest.
»Darum geht es doch gar nicht. Ich möchte mit dir ausgehen.«
»Das ist kaum die richtige Jahreszeit zum Ausgehen auf Skye. Außerhalb der Saison haben die meisten Pubs hier geschlossen.«
»Also wirklich, Virginia! Als ob die Menschen auf Skye auch nur einen Tag ohne ihre Pubs, ihren Whisky und ihre Musik auskämen! Es haben genügend Kneipen geöffnet. In Portree kenne ich ein paar. Wie wäre es mit dem Portree House? Da gibt es übrigens auch fantastischen Fisch!«
Sie seufzte. Er war doch sonst so feinfühlig. »Ich finde das einfach keine gute Idee«, meinte sie unglücklich.
Er lächelte nun nicht mehr. »Aha«, sagte er, »ich werde versteckt, nicht wahr? Mit mir kann man an einsamen Stränden entlangspazieren, daheim am Kamin sitzen oder hinter fest verschlossenen Türen stundenlang vögeln, aber nach draußen soll möglichst nichts dringen. Man würde uns sehen, wenn wir irgendwo essen gehen. Du bist bekannt auf der Insel. Es würde Gerede und Getuschel geben. Stimmt's?«
Langsam streifte sie ihre Jacke ab, hängte sie über eine Stuhllehne. Ihr Gesicht glühte. »Nathan, es geht doch nicht darum, dass ich dich auf Dauer verstecken will. Oder unsere Beziehung. Im Gegenteil. Aber müssen wir das Frederic antun? Zu diesem Zeitpunkt? Hier auf der Insel? Es ist sein Haus. Er wird immer wieder herkommen. Die Leute wissen, dass ich noch im August hier mit ihm die Ferien verbracht habe. Es ist gerade Anfang September, und schon bin ich mit einem anderen Mann hier. Müssen wir ihn so bloßstellen?«
Er zuckte die Schultern. »Du bist sehr besorgt um ihn.«
»Er hat mir doch nichts getan. Es gibt absolut nichts, was ich ihm vorwerfen könnte. Ich tue ihm schon so sehr weh. Muss ich es noch schlimmer machen, indem ich ihn auf Jahre dem Getuschel der Menschen auf Skye aussetze?«
Er war verärgert, aber sie hatte den Eindruck, dass es ihm nicht wirklich darum ging, unbedingt in einem Restaurant zu essen. Das Ganze war eher eine Machtprobe. Er verlor sie, und das machte ihn wütend.
Besänftigend strich sie über seinen Arm. »He«, sagte sie leise, »lass uns nicht streiten, okay? Lass uns ein Glas Wein trinken und dann …«
Er schüttelte ihre Hand ab. »Auf dem Tisch liegt ein Telegramm für dich«, sagte er mürrisch.
»Ein Telegramm? Von wem?«
»Keine Ahnung. Glaubst du, ich lese Post, die für dich bestimmt ist?«
Sie nahm den braunen Umschlag vom Tisch. Das Kuvert war nicht zugeklebt, die Lasche nur eingesteckt.
»Ach, du lieber Gott«, sagte sie leise, nachdem sie gelesen hatte.
Nathan sah sie fragend an. »Und? Von wem ist es?«
»Von Frederic. Aus London.« Sie las vor: »Bin wieder in London + terminliche Gründe + Kim bei Grace, die krank ist + morgen Schulanfang + dein Kind braucht dich + Frederic.«
»Sehr wirkungsvoll«, sagte Nathan, »er benutzt das Kind, um dich aus meinen Armen zu reißen. Ich frage mich nur, was er sich davon verspricht? Auf diese Weise würde ich eine Frau nicht zurückgewinnen wollen.«
»Ich glaube, das denkt er sich so auch nicht. Er musste tatsächlich nach London, Grace ist wahrscheinlich wirklich krank, und es ist auch nicht zu leugnen, dass morgen die Schule beginnt.« Virginia biss sich auf die Lippen. »Ich fürchte, Nathan, ich muss zurück.«
»Er hat dich ganz gut im Griff, muss ich sagen.«
»Kim ist erst sieben. Und wenn Grace tatsächlich krank ist …«
»Dann ist immer noch ihr Mann da.«
»Aber der ist vielleicht überfordert. Er muss sich um seine Frau kümmern und …«
»… und Kim morgens zur Schule bringen und irgendwann am Nachmittag wieder abholen. Lieber Gott, das ist doch zu schaffen! Grace liegt bestimmt nicht im Sterben. Vielleicht hat sie einen Schnupfen, aber den wird sie sicher überleben.«
»Nathan, ich habe ein Kind. Ich kann nicht einfach …«
»Dass du ein Kind hast, wusstest du auch am Donnerstag, als du dich zu dieser Flucht entschlossen hast.«
Plötzlich ebenfalls wütend fuhr sie ihn an: »Was soll ich denn tun? Du hast es leichter. Du hast viel weniger zurückgelassen!«
»Oh – eine kranke Ehefrau immerhin auch.«
»Die ist dir doch so egal wie … wie …« Sie suchte nach einem Vergleich.
Nathan lächelte, aber es war kein warmes Lächeln wie zuvor. Es war zynisch und kühl. »Wie was?«
»Wie der berühmte Sack Reis, der in China umfällt! Erzähl mir doch nicht, dass du dich in Gewissensbissen windest, seit du das erste Mal mit mir geschlafen hast!«
»Keineswegs. Aber so einfach, wie du es darstellst, ist es auch wieder nicht. Ich mache mir durchaus Gedanken um Livia, aber ich finde nicht, dass das ein Thema ist, mit dem ich dich behelligen sollte. Ich habe meine Lebensumstände und meine Vergangenheit, du ebenso. Jeder von uns muss selbst herausfinden, wie er damit umgeht.«
»Ich will dich nicht mit Frederic behelligen, aber …«
»Genau das tust du. Wegen Frederic dürfen wir diese Hütte hier praktisch nicht verlassen. Wenn Frederic ein Telegramm schickt, möchtest du im nächsten Moment abreisen. Frederic hier, Frederic da. Der arme Frederic, dem du so wehtust! Der arme Frederic, auf den wir Rücksicht nehmen müssen! Du wirst kaum behaupten können, dass ich dich auf ähnliche Weise bisher mit Livia und ihren zweifellos ebenfalls verletzten Gefühlen behelligt habe!«
Sie merkte, dass sie Kopfweh bekam. Das Gespräch entglitt ihr, auch deshalb, weil Nathan es so wollte. Sie hatte über Frederic gesprochen, aber nur weil Nathan sie wegen des Pubbesuchs unter Druck gesetzt hatte. Aber sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, darauf hinzuweisen, weil er es widerlegen würde. Er war wütend, und er wollte nicht fair sein.
»Es geht doch in erster Linie um Kim«, sagte sie müde.
»Irrtum«, widersprach Nathan, »es ist nur so, dass Kim von nun an gnadenlos instrumentalisiert werden wird. Dieses Telegramm«, er wies auf den Umschlag in Virginias Händen, »ist eine Kriegserklärung. Frederic wird mit harten Bandagen kämpfen, das macht er dir hier deutlich.«
Sie strich sich mit beiden Händen über das Gesicht. Es entsetzte sie zu merken, wie sehr sie sich bereits davor fürchtete, ihn zu verlieren.
»Ich muss trotzdem zurück«, sagte sie.
»Du musst dich entscheiden.«
»Zwischen meinem Kind und dir?«
»Zwischen deinem Mann und mir. Wenn du jetzt zurückfährst, beugst du dich seinen Regieanweisungen. Dann bist du alles andere als eine in der Ablösung begriffene Frau.«
»Ich bin auch Mutter. Das ist eine Verpflichtung, aus der ich mich weder lösen kann noch will.«
»Ohne dieses Telegramm hättest du aber kaum jetzt daran gedacht.«
»Ich hätte nicht gewusst, dass Grace offenbar ernsthaft krank ist. Und dass Frederic schon wieder nach London gefahren ist. Natürlich ist mir klar, dass er damit ganz bewusst Druck auf mich ausübt, aber ich kann mich nicht auf einen Machtkampf mit ihm einlassen, der letztlich auf Kosten eines siebenjährigen Mädchens geführt wird. Nathan, das musst du doch verstehen!«
Er erwiderte nichts, und plötzlich fühlte sich Virginia wie in einem Schraubstock gefangen: Frederic machte Druck, aber Nathan tat das auf mindestens ebenso rücksichtslose Weise, und er schien sich wenig Gedanken zu machen, wie sie dabei empfand. Er zeigte ein Gesicht, das sie an ihm nicht mochte. Sie flüchtete sich in den Gegenangriff.
»Tu doch nicht so, als ob bei dir alles in Ordnung wäre! Du urteilst über mich und mein Verhalten, als seist du selbst völlig unangreifbar. Du hast mir schließlich keineswegs die ganze Wahrheit über dich gesagt!«
Für einen Moment wirkte er aufrichtig verblüfft. »Nein?«
»Nein. Was ist zum Beispiel mit den vielen Bestsellern, die du schon geschrieben hast? Und mit denen du in Deutschland zu einem bekannten und beliebten Autor geworden bist?«
Er trat einen Schritt zurück. Seine Augen wurden schmal. »Oh – man hat ein paar Erkundigungen eingezogen?«
»Ich bin nicht der Mensch, der anderen hinterherspioniert. Livia hat es Frederic erzählt.«
»Aha. Und der hatte natürlich nichts Besseres zu tun, als diese Neuigkeit sofort an die treulose Gattin weiterzugeben!«
»Hättest du das anders gemacht an seiner Stelle?«
»Ich vermute, Livia hat nicht alles gesagt.«
»Keine Ahnung. Bist du nun ein erfolgreicher Schriftsteller oder nicht?«
»Wo sind die Untiefen in deinem Leben?«
»Und wo in deinem?«
Sie starrten einander an. Endlich sagte Nathan mit weicherer Stimme: »Wir sollten einander alles erzählen. Eine andere Chance haben wir nicht.«
Dankbar registrierte Virginia, dass die unerträgliche Spannung der letzten Minuten verschwunden war. Sie konnte wieder die Zärtlichkeit spüren, die Nathan für sie hegte, und sie fand ihre eigenen Gefühle für ihn wieder. Aber der Tag hatte sein Leuchten verloren. Sie hatten zum ersten Mal gestritten, sie hatte sich zum ersten Mal in seiner Gegenwart nicht mehr wohl gefühlt. Er hatte keinerlei Verständnis für ihre Situation gezeigt, und er hatte Livias Behauptung, was seine beruflichen Umstände anging, nicht abgestritten. Was höchstwahrscheinlich bedeutete, dass alles stimmte. Und auf einmal fragte sie sich auch, weshalb er gerade an diesem Abend, gerade im Moment ihres Nachhausekommens, auf einen Restaurantbesuch gedrängt und sie damit gestresst und unglücklich gemacht hatte. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass irgendetwas seine Laune schon vorher getrübt hatte, und im Grunde konnte es nur das Telegramm von Frederic gewesen sein. Das hieß aber, er hatte es, entgegen seiner Beteuerung, doch sogleich gelesen. Da der Umschlag nicht zugeklebt gewesen war, hatte er dies ohne Schwierigkeiten tun können. Er hatte sich geärgert und dann alles unternommen, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Sie in eine Lage zu manövrieren, in der sie am Ende mit dem Rücken zur Wand stand und gezwungen war, über Frederics Gefühle zu reden und ihn in Schutz zu nehmen. Was Nathan wiederum die Gelegenheit gegeben hatte, sie der Loyalität gegenüber ihrem Ehemann wegen anzugreifen. Als Erkenntnis blieb, dass seine unwahren Behauptungen über seinen Beruf zusammen mit der Möglichkeit, dass er das Telegramm gelesen hatte, nicht dazu angetan waren, das Vertrauen zwischen ihm und Virginia zu festigen. Sie musste daran denken, wie er sich ihre Adresse in Norfolk aus den Schubladen gesucht hatte, und ihr fiel auch der Morgen ein, an dem er mit ihrem alten Foto in der Hand aufgekreuzt war.
Er ist einfach anders als ich, dachte sie, offenbar empfindet er in diesen Dingen anders. Das heißt nicht, dass er ein unehrlicher, betrügerischer Mensch ist.
Er lächelte. Es war das alte Lächeln, das sie stets mit dem Gefühl von Wärme erfüllte.
»Wir fahren morgen nach King's Lynn zurück«, sagte er, »wenn du das möchtest.«
Sie holte tief Luft. »Ich werde dir alles über mich erzählen. Alles.«
Er nickte. »Und ich werde dir alles über mich erzählen »Muss ich Angst haben?«
Er schüttelte entschieden den Kopf. »Nein. Und ich?«
»Ja«, sagte sie und brach in Tränen aus.