Dienstag, 22. August

 

Liz Albys Leben war seit dem Verschwinden ihrer Tochter zum Spießrutenlauf geworden. Jeder in der Nachbarschaft wusste Bescheid, nachdem Sarahs Foto in der Zeitung gewesen war und die Polizei in einem langen Pressebericht um die Mithilfe der Bevölkerung gebeten hatte. Man hatte die Umstände des Verschwindens der Kleinen einigermaßen taktvoll mit einer kurzen Abwesenheit der Mutter beschrieben, aber Liz spürte genau, mit wieviel Verachtung über sie getuschelt wurde. Eine kurze Abwesenheit der Mutter an einem überfüllten Strand war gegenüber einem vierjährigen Kind nicht verzeihbar. Zumal man in Liz' näherer Umgebung nur zu gut wusste, dass sie ohnehin nicht die fürsorgliche, liebevolle Mutter war, die man dem kleinen Mädchen gewünscht hätte. Die Kleine verbrachte fast den ganzen Tag im Kindergarten, während Liz ihrer Tätigkeit als Verkäuferin in einer Drogerie nachging, aber selbst wenn sie dann am späten Nachmittag mit der Kleinen an der Hand nach Hause zurückkehrte, wirkte sie mürrisch und überdrüssig, so als seien schon bloße zwanzig Minuten mit Sarah eine Zumutung für sie. Oft hatte Liz Bemerkungen aufgeschnappt in der Art: »Wie ungeduldig sie mit dem armen Ding umgeht!« oder »Sie gehört wirklich zu den Frauen, die keine Kinder haben sollten!« Das hatte sie nicht wirklich gekümmert, sie war viel zu sehr mit den Gedanken um ihre missliche Situation beschäftigt gewesen, als dass es sie noch interessiert hätte, was andere davon hielten. Zudem war sie an hochgezogene Augenbrauen und höhnisches Wispern gewöhnt. Schon vor Sarahs Geburt war sie eine häufige Zielscheibe für Tratsch gewesen, wegen der kurzen Röcke, die sie trug, und wegen der auffälligen Art, sich zu schminken.

Jetzt aber, seit dem schrecklichen Tag am Strand, konnte sie plötzlich die Blicke, die ihr folgten, wie glühende Pfeile im Rücken spüren, und die Feindseligkeit der Menschen traf sie mit unerwartet heftigem Schmerz. Mehr als früher senkte man jetzt die Stimme, wenn sie in die Nähe kam, und dennoch schienen die wenigen Satzfetzen, die sie auffing, überlaut in ihren Ohren zu dröhnen.

Das musste irgendwann so kommen … Übernahm nie Verantwortung für die arme Kleine … Schlechteste Mutter, die man sich denken kann … Wäre wirklich besser gewesen, das Kind wäre gar nicht zur Welt gekommen …

Wie gemein sie doch sind, dachte Liz dann, wie bösartig und gemein! Auch ihnen hätte das passieren können!

Eine innere Stimme sagte ihr jedoch, dass dies eben nicht jedem passierte. Auch anderer Leute Kinder verschwanden, wurden auf dem Schulweg gekidnappt oder gerieten beim Spielen an irgendwelche gestörten Typen, die um die Spielplätze herumlungerten. Aber zumeist waren das schreckliche Zufälle, furchtbare Schicksalsschläge, aus denen man den Eltern keine Vorwürfe machen konnte, es sei denn, man setzte voraus, dass Kinder rund um die Uhr bewacht werden müssten und nie einen unbeaufsichtigten Schritt tun dürften, was andererseits ein Hineinwachsen in die Selbstständigkeit verhindert hätte. Ein vierjähriges Mädchen jedoch … ein Strand am Meer … eine Mutter, die vierzig Minuten lang nicht bei dem Kind war …

Vierzig Minuten.

In den endlosen Gesprächen mit der Polizei hatte Liz immer versucht, sich um diese vierzig Minuten herumzumogeln, aber es ließ sich nicht leugnen, dass der Weg von ihrem Liegeplatz bis zur Imbissbude recht weit war – weiter, als Liz ihn damals zunächst eingeschätzt hatte. Zudem erinnerte sich der Verkäufer, dass die junge Frau, die ihm wegen ihrer Attraktivität aufgefallen war, ziemlich lange auf ihre Baguettes hatte warten müssen, da sich gerade eine größere Sportlergruppe mit Proviant versorgt hatte.

»Die junge Frau war sehr guter Laune«, erinnerte sich der Budeninhaber, »flirtete ganz schön heftig mit den jungen Männern. Ich meine, im Nachhinein wundert mich das schon. Wenn man bedenkt, dass sie ihr Kind allein zurückgelassen hatte … Also, da wäre man doch normalerweise etwas nervöser, oder?«

Irgendwie hatte sich jedenfalls das Bild der leichtfertigen, pflichtvergessenen Mutter schließlich auch bei den Polizisten verfestigt.

»Haben Sie Ihre Tochter denn oft allein gelassen?«, hatte einer der ermittelnden Beamten mit unüberhörbarer Verurteilung in der Stimme gefragt.

Liz hatte mit den Tränen gekämpft. Es war so ungerecht! Natürlich, Sarah war ihr alles andere als willkommen gewesen, und sicher war sie oft ruppig und ungeduldig mit der Kleinen umgegangen. Aber sie hatte sich um sie gekümmert. Sie hatte sie nie vorher unbeaufsichtigt irgendwo abgestellt, und gerade das wurde jetzt von allen offenbar angezweifelt.

Einmal! Ein einziges Mal! Und ausgerechnet da musste sie spurlos verschwinden!

Die Küstenwache hatte die Umgebung abgesucht und nichts gefunden. Es hatte Befragungen unter den Urlaubern am Strand gegeben, aber niemand hatte ein kleines Kind allein am Wasser gesehen. Überhaupt war Sarah offenbar niemandem aufgefallen. Spürhunde durchkämmten tagelang das Gebiet um den Strand, ohne auf eine Spur zu stoßen. Als hätte der Erdboden Sarah verschluckt, einfach so, ohne großes Aufsehen. Als wäre plötzlich das eingetreten, was sich Liz immer insgeheim – und manchmal auch deutlich ausgesprochen – gewünscht hatte: Es gab Sarah nicht mehr.

»Das musste ja irgendwann so kommen«, war Betsy Albys Kommentar zu der Situation gewesen. »Dass du zu blöd bist, ein Kind aufzuziehen, war mir gleich klar. Und jetzt? Jetzt ist der Katzenjammer groß, wie?«

Liz war nicht dumm, sie begriff durchaus, dass auch sie einen Platz unter den Verdächtigen bei der Polizei einnahm. Niemand sagte das direkt, aber aus der Art mancher Fragen wurde es ihr deutlich. Die wußten längst, wie sie mit ihrem Schicksal, ungewollt Mutter geworden zu sein, gehadert hatte. Und natürlich geriet auch Mike Rapling, der Kindsvater, ins Visier der Polizei.

»Es gibt Väter, die entführen ihre Kinder, weil sie darunter leiden, zu wenig Umgang mit ihnen zu haben«, hatte eine Beamtin gesagt, mit der Liz am zweiten Tag nach Sarahs Verschwinden gesprochen hatte. Da jedoch hatte Liz zum ersten Mal seit dem Unglück – in Gedanken nannte sie es einfach das Unglück, weil das besser klang als mein Versagen – gelacht, wenn es auch kein freudiges Lachen gewesen war.

»Also, das können Sie bei Mike vergessen! Der hat Sarah vielleicht viermal in ihrem Leben gesehen, und das auch nur, weil ich ihm mit ihr die Bude eingerannt habe. Der hätte sie jedes Wochenende haben können, ich habe ihn angefleht darum. Der hatte aber absolut keinen Bock auf sein Kind. Dem hätte ich Geld anbieten können, und er hätte sich nicht um Sarah gekümmert!«

Mike wurde dennoch überprüft, hatte jedoch für die fraglichen Stunden ein unbestreitbares Alibi: Er hatte auf einer Polizeiwache gesessen, weil er mit einem enorm hohen Promillewert im Blut aus dem Straßenverkehr gezogen worden war. Das Gespräch mit ihm bestätigte zudem das Bild, das Liz von ihm gezeichnet hatte. Mike Rapling hatte seine Energien ausschließlich darauf gerichtet zu vermeiden, die kleine Sarah »aufs Auge gedrückt« zu bekommen, wie er es nannte. Eine Entführung des Kindes wäre ihm nicht in den Sinn gekommen.

»Liz hätte mir die Kleine mit dem größten Vergnügen für immer überlassen«, hatte er erklärt, »aber ich bin doch nicht blöd, Mann! Ich hab Sarah nicht mal für eine Stunde übernommen, solche Angst hatte ich, dass Liz sie dann nicht mehr abholt!«

Mit jedem Gespräch, das Liz mit den Polizeibeamten führte, konnte sie spüren, wie die Abneigung der Ermittler gegen sie stieg. Das Bild, das von der kleinen Sarah entstand, war nur allzu deutlich und grausam: Es war das eines Kindes, das von niemandem gewollt wurde, das von der ersten Minute seines Lebens an von jedem Menschen in seiner Umgebung abgelehnt worden war. Von seiner Mutter, seinem Vater, seiner Großmutter. Ein Kind, das jedem im Weg gewesen war, für dessen Wohlergehen sich niemand wirklich verantwortlich fühlte.

Die haben ja alle keine Ahnung, dachte Liz.

Es waren zwei Wochen seit Sarahs Verschwinden vergangen, und Liz hatte in der Zeit fünf Kilo an Gewicht verloren und kaum eine Nacht geschlafen. Sie quälte sich mit Selbstvorwürfen und fragte sich, wo ihr Kind sich aufhalten mochte und ob es vielleicht voller Angst und Verzweiflung nach ihr suchte. Wie oft hatte sie Sarah zum Teufel gewünscht, und nun war sie wirklich verschwunden! War das die Strafe für ihre bösen Gedanken, für die vielen Male, da sie Sarah ungerechtfertigt angeschrien und beschimpft hatte?

Wenn sie wiederkommt, schwor sie sich, werde ich alles anders machen. Ich werde nett zu ihr sein. Ich werde ihr hübsche Kleider kaufen. Ich werde mit ihr nach Hunstanton fahren, und sie darf ganz viele Runden auf dem Karussell drehen. Ich werde sie nie mehr unbeaufsichtigt lassen!

Am vierten Tag nach Sarahs Verschwinden hatte sie Mike angerufen, weil sie glaubte, verrückt zu werden, wenn sie nicht endlich von irgendeinem Menschen etwas Tröstliches zu der ganzen Situation hörte. Von ihrer Mutter war dergleichen nicht zu erwarten: Die zeterte nur herum und erklärte, das alles habe ja kein gutes Ende nehmen können, wobei unklar blieb, was sie mit das alles meinte.

Zu Liz' Erstaunen war Mike sofort am Apparat gewesen. »Ja ?«

»Ich bin es, Liz. Ich wollte nur … es geht mir gar nicht gut, weißt du.«

»Was Neues von Sarah?«, fragte Mike und gähnte unverhohlen. Es war halb zwölf am Vormittag, dennoch kam er offenbar gerade erst aus dem Bett.

»Nein. Nichts. Es gibt keine Spur. Und ich … Mike, ich kann überhaupt nicht mehr schlafen und nicht mehr essen. Mir geht's echt beschissen. Meinst du nicht, wir könnten uns mal sehen?«

»Was soll das bringen?«, fragte Mike.

»Ich weiß nicht, aber … oh, Mike, bitte, hast du nicht ein bisschen Zeit? Bitte?«

Er hatte sich schließlich überreden lassen, mit ihr nach Hunstanton hinauszufahren und dort spazieren zu gehen, wobei er gleich darauf hinwies, dass er wegen seiner Alkoholeskapaden am Tag von Sarahs Verschwinden nicht mehr über seinen Führerschein verfügte und sie daher nicht mit dem Auto fahren konnten. Also nahmen sie den Bus, dieselbe Linie, mit der Liz wenige Tage zuvor in Begleitung ihrer kleinen Tochter ans Meer gefahren war. Sie hatte Mike lange nicht gesehen, und es berührte sie eigenartig, die große Ähnlichkeit zwischen ihm und Sarah zu erkennen. Früher hatte sie gar nicht so darauf geachtet, aber nun wurde ihr bewusst, dass Sarah ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war. Zwar hatte sie die dunklen Haare und Augen ihrer Mutter, aber Nase, Mund, Lächeln – all das fand sich bei Mike wieder. Seine Verwahrlosung schritt jedoch deutlich voran. Er war nicht mehr der hübsche Junge, in den sie sich verliebt und mit dem sie in einem leichtsinnigen Moment ein Kind gezeugt hatte. Seine Haare waren zu lang und sehr ungepflegt, er hatte sich offenbar seit Tagen nicht rasiert, und die Verdickungen unter seinen Augen wiesen darauf hin, dass der Alkohol ihm längst zum ständigen Lebensbegleiter geworden war.

 

Er hätte nie für Sarah und mich sorgen können, hatte sie gedacht.

Es war ein kühler, windiger Tag gewesen, und es hielten sich nur wenige Menschen am Strand auf. Liz musste mit den Tränen kämpfen, als sie aus dem Bus stiegen und vor ihnen das Karussell auftauchte – Sarahs letzter, heißer Wunsch.

»Hätte ich ihr nur ein paar Runden spendiert! Dann hätte ich jetzt wenigstens das Gefühl, dass sie noch etwas Schönes erlebt hat, bevor sie …«

»Bevor sie was?«, fragte Mike.

»Bevor sie davongelaufen ist«, antwortete Liz leise. Es war das Einzige, was sie denken und aussprechen konnte: dass Sarah davongelaufen war. Davongelaufen hieß, dass es sich um einen unbedachten Kinderstreich handelte. Sarah war losgetrabt, vielleicht auf der Suche nach ihrer Mum, vielleicht hatte sie auch zu dem Karussell gewollt. Dann hatte sie die Richtung verloren, den Rückweg nicht gefunden, sich gründlich verirrt. Das war schlimm, das war furchtbar, aber irgendwann würde irgendjemandem das umherirrende Kind auffallen, dann würde man die Polizei verständigen, und dann würde Sarah nach Hause gebracht werden, und das Drama wäre vorüber. Davongelaufen hieß: Sie war nicht ertrunken. Sie war nicht entführt worden.

Davongelaufen hieß Hoffnung.

»Also, drei oder vier Runden auf dem Karussell würden jetzt auch nichts ändern«, meinte Mike pragmatisch. Er fischte eine Zigarette aus seiner Jackentasche, schaffte es aber erst nach vielen missglückten Versuchen, sie anzuzünden. Der Wind war zu stark.

Er fluchte. »Scheißidee, ans Meer zu fahren! Es ist immer so blödsinnig kalt in England! Ich überlege, ob ich mich nach Spanien abseile.«

»Und wovon willst du da leben?«

»Irgendeinen Job findet man immer. In Spanien braucht man nicht viele Klamotten, da ist es immer warm. Und zur Not kann man auch mal draußen schlafen. Du, mir ist echt kalt. Entweder wir fahren gleich zurück, oder wir laufen ein Stück.«

Liz wollte laufen. Sie dachte an die vielen verhängnisvollen Fügungen des Lebens. Hätte sie während Sarahs Ferien keinen Urlaub bekommen … Wäre es nicht ein so heißer Tag gewesen … Wäre Sarah nicht eingeschlafen …

Hätte, wäre, wäre.

»Wenn wir eine richtige Familie gewesen wären«, sagte sie, »von Anfang an … dann wäre Sarah noch da!«

»He, Moment mal!«, sagte Mike. Er zog heftig an seiner Zigarette. »Du meinst allen Ernstes, es hätte etwas geändert, wenn wir geheiratet und den ganzen spießbürgerlichen Scheiß von Vater, Mutter, Kind gelebt hätten?«

»Ja.«

»Das ist doch ein riesengroßer Blödsinn! Das sind deine typischen unrealistischen Träumereien! Du hättest ganz genauso mit Sarah am Strand liegen können, ich wäre nicht dabei gewesen, weil ich gearbeitet hätte …«

Was nun wirklich ein unrealistischer Gedanke ist, dachte Liz.

»… und du hättest sie allein gelassen, und … Scheiße! Riesengroße Scheiße zum Schluss, so oder so!«

Liz blieb stehen. »Hier war es. Schau mal, da ist sogar noch ihre Burg.«

»Wie willst du denn wissen, dass das ihre Burg ist?«

»Ich habe sie schließlich mit ihr gebaut. Und diese Höhle in der Wand, die hat Sarah gegraben. Da hatte sie ihre Sandalen reingelegt. Sie meinte, das wäre ein Geheimfach.« Ihre Stimme zitterte, die Tränen würgten sie. »In der letzten Zeit, weißt du … da hatte sie es immer mit Geheimfächern.«

Mike starrte auf die Sandburg, die der Wind mehr und mehr abtrug. Einen Tag noch, und sie würde kaum mehr zu sehen sein. Er warf seine Zigarette in den Sand. »Verdammt«, sagte er leise.

Dann sprachen sie beide nicht mehr, sondern betrachteten stumm den Ort, von dem ihr Kind verschwunden war, und später einmal wurde es Liz bewusst, dass diese Momente an einem windigen Augusttag in Hunstanton neben jener Nacht ihrer sexuellen Verschmelzung die einzigen Augenblicke wirklicher Nähe zwischen ihr und Mike darstellten. Und immer ging es dabei um Sarah. Beim ersten Mal hatten sie sie gezeugt. Beim zweiten Mal nahmen sie Abschied von ihr.

Heute, zwei Wochen nach Sarahs Verschwinden, fuhr Liz noch einmal allein nach Hunstanton hinaus. Sie lief den ganzen Strand ab in der Hoffnung, wenigstens noch Überreste von der Burg zu finden, die Sarah gebaut hatte. Sie wusste gar nicht, weshalb ihr das plötzlich so wichtig erschien. Die Burg war das letzte Lebenszeichen von Sarah gewesen. Sie war etwas, woran man sich festhalten konnte.

Aber der Wind hatte den kleinen Sandhügel abgetragen. Liz hätte nicht einmal mehr zu sagen gewusst, an welcher Stelle sie und Sarah gelegen hatten. Sie stand da, starrte über den Strand, schauderte im Wind und betrachtete fast teilnahmslos das Meer, das an diesem Tag so grau und düster war wie der Himmel darüber.

Als sie nach Hause kam, sah sie bereits von weitem, dass ein Polizeiauto gleich vor der Haustür ihres Wohnblocks parkte. Sie rannte die letzten Meter, von Hoffnung ergriffen. Vielleicht hatten sie sie gebracht. Vielleicht saß sie schon oben in der Wohnung und schob sich gerade ein paar Schokoladenkekse in den Mund oder knuddelte ihre Barbiepuppe.

Sie jagte die Treppen hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Sie registrierte, dass Türen spaltbreit geöffnet wurden, dass man hinter ihr herschaute. Das Polizeiauto hatten die anderen Hausbewohner auch bemerkt. Man brannte auf Neuigkeiten.

Sie brauchte zwei Anläufe, ehe sie den Schlüssel ins Türschloss gesteckt hatte, so sehr zitterten ihre Finger. Sie hörte die Stimme ihrer Mutter – vor der Geräuschkulisse des Fernsehapparats natürlich: »Ich glaube, da kommt sie jetzt.«

Es waren zwei Polizeibeamte, die aus dem Wohnzimmer zu ihr in den winzigen Flur traten; es kam fast zu einem Gedränge, und ihr wurde auf einmal ganz eng um den Hals. Irgendetwas schnürte ihr die Kehle zu, vielleicht lag es daran, dass es sich bei den beiden Beamten um äußerst hoch gewachsene Männer handelte, die sich wie Berge vor ihr auftürmten. Doch das war es nicht allein: Ihre Mienen gefielen ihr nicht. Dieser Ausdruck … sie hätte es nicht zu erklären vermocht, aber er machte ihr Angst. Ja, das war es, weshalb sie auf einmal meinte, nicht mehr atmen zu können: Sie hatte plötzlich schreckliche Angst.

»Miss Alby«, sagte einer der Männer und räusperte sich dann.

Sie sah sich um. »Wo ist sie? Wo ist Sarah?«

Der andere Beamte ergriff nun das Wort. »Miss Alby, wir wollten Sie bitten, uns zu begleiten …«

Sie starrte ihn an. Zwischen den beiden Männern hindurch konnte sie durch einen Spalt in das Wohnzimmer mit dem dröhnenden Fernseher hineinsehen. Ihre Mutter saß in dem Sessel, in dem sie immer saß, die unvermeidlichen Kartoffelchips neben sich. Allerdings blickte Betsy Alby diesmal nicht auf den Bildschirm, was ungewöhnlich war, denn normalerweise ließ sie sich keine Sekunde der jeweiligen Sendungen entgehen. Sie sah zu ihrer Tochter hin. Auch in ihrem Gesicht war etwas, das Liz Angst einflößte.

»Begleiten?«, fragte sie schwerfällig. »Wohin begleiten?«

Sie hatte die Wohnungstür noch nicht hinter sich zugezogen. Einer der Männer griff an ihr vorbei und schloss die Tür.

»Miss Alby, ich möchte Sie ausdrücklich darauf hinweisen, dass es sich nicht um Ihre Tochter handeln muss«, sagte er. »Aber heute Vormittag wurde die Leiche eines Kindes entdeckt. Der Beschreibung nach könnte es Sarah sein, aber natürlich wissen wir das nicht genau. Es sind zwei Wochen vergangen, und das Aussehen der Toten hat sehr gelitten, daher wollen wir es Ihnen ersparen, sie zu identifizieren. Aber wir würden Ihnen gern die Kleidungsstücke zeigen.«

Zu dem Gefühl, ersticken zu müssen, gesellte sich nun auch noch heftiger Schwindel. Die Leiche eines Kindes … es konnte nicht Sarah sein. Auf keinen Fall.

»Wie …« Ihre Stimme klang, als komme sie von weit her. »Wie … ich meine, wie ist denn dieses Kind gestorben? Ist es … ertrunken?«

An einem Strand voller Menschen kann kein Kind ertrinken. Schon deshalb kann es keinesfalls Sarah sein!

»Wir wissen noch nichts Genaues. Es scheint sich jedoch um ein Gewaltverbrechen zu handeln.« Die Blicke beider Männer waren jetzt voller Besorgnis. »Miss Alby, möchten Sie ein Glas Wasser?«

Sie wusste, dass sie weiß wie Papier geworden sein musste, sie konnte es fühlen. »Nein«, krächzte sie.

»Möchten Sie vielleicht, dass der Vater Ihrer Tochter Sie begleitet? Wir könnten bei ihm vorbeifahren.«

»Mein … Sarahs Vater schläft um diese Zeit noch. Ich … nein, er muss nicht dabei sein.«

Den Vorschlag, Betsy Alby könnte mitkommen, machten die Beamten gar nicht erst. Auch wer sie nicht näher kannte, begriff instinktiv, dass sie sich für nichts in der Welt aus ihrem Fernsehsessel erheben würde.

»Glauben Sie, dass Sie es schaffen?«

Sie nickte. Es war sowieso nicht Sarah. Es ging nur darum, sich in dieser Frage Gewissheit zu verschaffen.

Die armen Eltern von dem Kind, dachte sie und hatte noch immer den Eindruck, dass der Boden unter ihren Füßen schwankte, wie schrecklich für sie! Ein Gewaltverbrechen!

»Wir können gehen«, sagte sie.