Samstag, 26. August

 

Am Wochenende kehrte der Sommer noch einmal nach East Anglia zurück. Zwar konnten die Morgen und Abende den nahenden Herbst nicht verleugnen, aber tagsüber wurde es so heiß, dass die Menschen ans Meer und in die Schwimmbäder strömten. Der Himmel war von einem überirdischen Blau. Die Blumen in den Gärten leuchteten in allen Farben. Es war wie ein letztes, wunderbares Abschiedsgeschenk. Für die folgende Woche kündigten die Meteorologen Regen und Kälte an.

Virginia fuhr Kim am späten Samstagnachmittag zu einer Schulfreundin, die ihren Geburtstag mit einer Übernachtungsparty feierte. Sie hatte fast die ganze Klasse eingeladen, mit der Auflage, einen Schlafsack mitzubringen. Erst am Sonntag sollte alles mittags mit einem großen Pizzaessen enden.

Die Mütter, die gerade ihre Kinder ablieferten, sprachen über das Verbrechen an der kleinen Sarah Alby, das die ganze Gegend erschüttert hatte. Eine der Frauen kannte jemanden, der Sarahs Mutter kannte, »flüchtig«, wie sie betonte.

»Ziemlich asoziale Menschen«, berichtete sie, »der Vater ein arbeitsloser Herumtreiber, der sich überhaupt nicht um sein Kind gekümmert hat. Die Mutter sehr jung und vergnügungssüchtig und ebenfalls nicht an der Kleinen interessiert. Und dann soll es noch eine Großmutter geben, die wohl den Vogel abschießt. Völlig verkommen.«

»Entsetzlich«, sagte eine andere Frau, »und ich habe ja auch gehört, dass die Mutter ihr Kind ziemlich lange am Strand allein gelassen hat. Sie versuchte, an irgendeiner Imbissbude Männerbekanntschaften zu schließen. Wenn ich mir das vorstelle … ein vierjähriges Kind!«

Alle waren sich einig in ihrer Entrüstung. Virginia, die sich wie immer in solchen Situationen sehr zurückhielt, konnte es zwar ebenfalls nicht nachvollziehen, dass man sein Kind unbeaufsichtigt am Strand ließ, aber irgendwie stieß sie die Selbstgerechtigkeit der anderen ab. Sie alle waren Angehörige der besseren Gesellschaftsschicht, ordentlich verheiratet oder zumindest ordentlich geschieden, in jedem Fall vom Vater ihrer Kinder unterstützt und unterhalten. Ihre Schwangerschaften waren ihnen nicht zugestoßen wie eine schreckliche Krankheit, sondern waren gewollt gewesen. Vielleicht hatte Sarah Albys junge Mutter mit Problemen, Ängsten und zerstörten Hoffnungen zu kämpfen gehabt, die sich diese Frauen nicht einmal im Traum vorstellen konnten.

»Ach, Mrs. Quentin«, sagte nun eine von ihnen, als würde sie sich eben erst Virginias Anwesenheit bewusst, »ich habe ein Interview mit Ihrem Mann in der Times gelesen. Er strebt einen Sitz im Unterhaus an?«

Alle wandten sich Virginia zu. Sie hasste es, angestarrt zu werden.

»Ja«, sagte sie nur.

»Das wird ja dann auch für Sie eine anstrengende Zeit«, meinte eine andere, »so etwas involviert ja doch immer die ganze Familie.«

Virginia kam sich vor wie ein in die Enge getriebenes Tier.

»Ich lasse das auf mich zukommen«, entgegnete sie.

»Ich bin froh, dass mein Mann keinerlei Ambitionen in dieser Richtung hegt«, sagte eine der Mütter, »mir ist mein ruhiges Familienleben heilig.«

»Ihr Mann ist auch nicht Besitzer einer Privatbank. Und hat keinen Landsitz!«

»Das hat doch damit nichts zu tun!«

»Aber, meine Liebe, natürlich hat es das! Je höher das politische Amt, das jemand anstrebt, desto wichtiger sind Geld und gute Beziehungen.«

»Sind Geld und gute Beziehungen nicht immer wichtig? Ich finde, dass …«

Virginia hatte das Gefühl, das allgemeine Stimmengewirr schlage über ihr zusammen und ersticke sie. Sie fand es plötzlich schwierig, Luft zu holen. Wie so häufig empfand sie die Menschen um sich herum als zu dicht an sie herangerückt.

»Ich muss gehen«, sagte sie hastig, »ich habe noch Gäste heute Abend und eine Menge vorzubereiten.«

Sie verabschiedete sich von Kim, die aber schon so intensiv mit den anderen Kindern beschäftigt war, dass sie ihrer Mutter nur noch flüchtig zuwinkte. Während Virginia den Garten verließ, hatte sie das sichere Gefühl, dass alle hinter ihr herblickten und dass man, kaum dass sie außer Hörweite war, über sie zu tuscheln begann. Ihr Aufbruch war fast panisch gewesen, das hatten die anderen spüren können. Sie hatte nicht wie eine Frau gewirkt, die es eilig hat, sondern wie eine, die eine Panikattacke nahen sieht.

Mist, dachte sie draußen, als sie ihr Auto erreicht hatte und sich für eine Sekunde gegen das heiße Blechdach lehnte, warum kann ich es nur so schlecht verbergen?

Während sie losfuhr, überlegte sie, was genau sie eigentlich mit es meinte. Was konnte sie nur so schlecht verbergen?

Es trat jedenfalls nur in der Gesellschaft anderer Menschen auf, speziell in Situationen, in denen sie plötzlich Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit war und in denen Fragen, die man ihr stellte, Kommentare, die man zu ihr oder ihrer Situation abgab, auf einmal eine gewisse Eindringlichkeit und Intensität annahmen. Dann gelang es ihr nicht, von sich aus einen inneren Abstand herzustellen. Dann wurde ihre Atmung hektisch, und ihr Hals schien sich zu verengen. Dann konnte sie nur noch an Flucht denken, an nichts anderes.

Fantastisch, dachte sie, als Begleiterin für die politische Karriere eines Mannes eigne ich mich wirklich hervorragend. Panikattacken sind genau das, was man dabei am besten brauchen kann.

Als sie in das Tor zu Ferndale House einbog, konnte sie leichter atmen. Es war wieder ihre eigene Welt, in die sie zurückkehrte, das abgeschiedene Haus, der weitläufige Park, weit und breit kein Mensch als das Verwalterehepaar, das aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung eine ausreichende Distanz hielt. Wenn sie hier war, zusammen mit Kim, spürte sie so wenig von irgendeiner Panik, dass sie das Problem völlig vergessen konnte. Dann war sie jung und lebendig, eine Frau, die schon am frühen Morgen wach und fit war und durch den Wald joggte, die ihr Kind versorgte und ihr Haus in Ordnung hielt und muntere, fröhliche Gespräche mit ihrem häufig abwesenden Mann über das Telefon führte. Dann war alles in Ordnung.

Sie durfte nur nicht darüber nachdenken, ob es das Leben war, das eine sechsunddreißigjährige Frau führen sollte.

Und das wollte sie nun auch ganz sicher nicht: über ihr Leben nachdenken.

Sie hielt vor dem Haus, stieg aus und genoss nach dem kalten Luftstrom der Klimaanlage die weiche Wärme des Spätsommerabends. Sie würde es sich gemütlich machen, noch ein wenig die samtige Luft genießen. Es war kurz nach sechs, nicht zu früh für einen Drink. Sie beschloss, sich irgendetwas zu mixen, etwas Farbenfrohes, Süßes mit viel Eis, und sich dann auf die Terrasse hinter der Küche zu setzen, eine Zeitung zu lesen und den Tag ausklingen zu lassen. So abgöttisch sie Kim liebte, es war mitunter auch ganz schön ohne ihr ständiges Geplappere und ohne die vielen Fragen, die sie immerzu stellte. Es war ein Abend, der ihr ganz allein gehörte. Es mochte Menschen geben, die ihn als einsam empfunden hätten, aber dazu gehörte sie nicht.

Sie empfand einfach nur Frieden.

 

Als sie in der Küche stand und etwas Blue Curacao mit Zitronensaft in einem Glas mischte, schaltete sie gewohnheitsmäßig den kleinen Fernseher an, der auf der Anrichte stand. Es lief eine Sendung über Eltern, die ein Kind verloren hatten, und Virginia wollte schon weiterschalten, um sich nicht ein so trauriges Thema anhören zu müssen, da vernahm sie den Namen Sarah Alby und hielt inne. Es war der Name, der seit Tagen durch die Presse geisterte, der Name des ermordeten vierjährigen Kindes.

Wie sich herausstellte, war Liz Alby, Sarahs Mutter, Gast in der Sendung. Virginia sah eine sehr junge Frau, fast ein junges Mädchen noch, sehr attraktiv, sehr verstört. Zugleich vermittelte sie den Anschein, als begreife sie noch gar nicht genau, was eigentlich geschehen war. Zweifellos war sie nicht in dem Zustand, in dem sie vor eine Fernsehkamera hätte gezerrt werden sollen, aber offenbar hatte es in ihrer näheren Umgebung niemanden gegeben, der sich verpflichtet gefühlt hätte, ihren Auftritt zu verhindern. Der Moderator fragte sie in einer ausgesprochen indiskreten Weise aus, wobei er nur scheinbar Rücksicht auf ihren Schockzustand nahm, in Wahrheit jedoch gerade ihre daraus resultierende Hilflosigkeit nutzte, intimste Gefühle und Gedanken zu erfragen. Liz Alby gab bereitwillig Auskunft, nicht im Geringsten erkennend, wie gnadenlos sie vorgeführt wurde.

»Ist es nicht so, dass man nun jede Auseinandersetzung bereut, die man je mit seinem Kind hatte?«, fragte der Moderator. »Und wir alle haben Streit mit unseren Kindern hin und wieder, nicht? Drängen sich Ihnen nicht Bilder auf – Ihre kleine Sarah, wie sie weint, weil Mama böse ist und schimpft? Oder keine Zeit für sie hat?«

Es war deutlich zu sehen, dass diese Fragen Liz Alby wie Messerstiche trafen.

»Das kann er doch nicht machen!«, rief Virginia vor ihrem Fernseher.

»Ich muss immer an das Karussell denken«, sagte Liz leise.

Der Moderator sah sie mitfühlend und zugleich aufmunternd an. »Erzählen Sie uns davon, Liz«, bat er.

»An dem Tag, an dem … an dem Sarah verschwand«, begann Liz stockend, »wir waren ja in Hunstanton. Am Strand.«

»Wir alle wissen das«, sagte der Moderator sanft, »und jeder der Zuschauer wird sich denken können, wie viele Male Sie es schon bereut haben, dort hingefahren zu sein.«

»Es gibt dort ein Karussell«, fuhr Liz fort, »und meine … meine Tochter bettelte, damit fahren zu dürfen. Sie … weinte, als ich nein sagte.«

»Sie sagten nein, weil Sie meinten, keine Zeit zu haben? Oder weil es zu teuer war? Oder warum?«

»Das geht dich einen Scheißdreck an!«, sagte Virginia wütend.

»Ich … ich weiß auch nicht genau«, sagte Liz, »es war … alles zusammen. Ich habe nicht viel Geld, aber ich hatte auch keine Lust, dort zu stehen und zu warten. Ich … wusste, dass sie kein Ende finden würde und dass wir so oder so am Schluss Streit hätten. Es war einfach …« Sie hob hilflos die Arme.

»Und das tut Ihnen nun leid?«

»Ich … kann nur daran denken. Immerzu. An das Karussell. Ich weiß, dass das nicht das Wichtigste ist, aber ständig muss ich denken, warum ich ihr nicht ein paar Runden spendiert habe. Warum ich ihr nicht noch … eine letzte Freude gemacht habe.« Liz senkte den Kopf und fing an zu weinen. Die Kamera fuhr gnadenlos dicht an ihr gequältes Gesicht heran.

»Das ist zum Kotzen«, schimpfte Virginia und schaltete den Fernseher ab.

In die plötzliche Stille hinein vernahm sie ein nachdrückliches Klopfen an der Haustür.

Sie hoffte, dass es Grace oder Jack wären, obwohl die sonst eher gleich an die Küchentür kamen. Bloß kein Besuch! Es war ihr Abend. Kurz überlegte sie, ob sie so tun sollte, als sei niemand daheim, aber dann würde sie die ganze Zeit über Angst haben, auf der Terrasse überrascht zu werden. Seufzend stellte sie ihr Glas ab.

 

Es war Nathan Moor, der vor ihr stand, und sie war so überrascht, dass sie im ersten Moment kein Wort hervorbrachte. Auch Nathan war zusammengezuckt, als sich die Tür öffnete.

»Oh«, sagte er schließlich, »ich dachte schon, es sei niemand da. Ich habe schon eine ganze Weile geklopft.«

»Ich habe es nicht gehört«, sagte Virginia, als sie endlich wieder sprechen konnte. »Der Fernseher lief.«

»Ich störe wohl gerade …«

»Nein. Nein, ich wollte … ich habe sowieso gerade abgeschaltet.«

»Ich hätte anrufen sollen, aber …« Er ließ den Satz unvollendet, so dass Virginia nicht erfuhr, was ihn an dem Anruf gehindert hatte.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie, »aber ich bin ziemlich überrascht. Ich dachte, Sie seien noch auf Skye.«

»Das ist eine längere Geschichte«, erwiderte Nathan, und Virginia begriff endlich, dass sie ihn eigentlich hereinbitten sollte.

»Kommen Sie. Wir setzen uns auf die Terrasse. Ich habe mir gerade etwas zum Trinken gemacht. Möchten Sie auch?«

»Nur ein Wasser bitte«, sagte er und folgte ihr.

Als sie auf der Terrasse saßen, Virginia mit ihrem giftgrün schimmernden Curacao und Nathan mit seinem Wasserglas, fragte sie: »Wo ist eigentlich Ihre Frau?«

»Im Krankenhaus«, sagte Nathan, »und das ist auch der Grund, weshalb wir Skye verlassen haben. In den Arzt dort hatte ich in diesem Fall nicht allzu viel Vertrauen.«

»Was hat sie?«

»Das ist schwer zu sagen. Vermutlich einen Schock wegen des Unglücks. Oder eine schwere Depression, ich weiß es nicht. Sie hörte plötzlich auf zu sprechen. Sie aß und trank nicht mehr. Sie … sie schien in eine eigene Welt abzugleiten, in der ich sie nicht mehr erreichen konnte. Am Mittwoch wurde mir klar, dass sie verhungern und verdursten würde, wenn ich nichts unternahm. Deshalb haben wir am Donnerstag in aller Frühe Dunvegan verlassen.«

»Wahrscheinlich hätten wir alle daran denken sollen«, sagte Virginia. »Nach allem, was geschehen ist, hätte sie sofort in psychotherapeutische Behandlung gehört.«

Er nickte. »Ich mache mir Vorwürfe. Ich habe nicht begriffen, was in ihr vorging.«

»Schon als ich sie bei Mrs. O'Brian besuchte, kam sie mir wie eine Schlafwandlerin vor«, sagte Virginia. »Ich fand das nicht ungewöhnlich nach … dieser schrecklichen Geschichte. Man hätte es ernster nehmen sollen. Und jetzt ist sie hier in King's Lynn im Krankenhaus?«

Ihre innere Stimme fragte, weshalb er nicht mit seiner Frau nach Deutschland zurückgekehrt war, aber mit dieser Stimme mochte sie jetzt nicht diskutieren. Sie dachte, wie gut es doch war, dass Frederic diesen Moment nicht miterlebte.

»Seit Freitag früh, ja. Sie wird dort erst einmal etwas aufgepäppelt. Vor allem der Flüssigkeitsverlust hat sie sehr geschwächt. Sie ernähren sie künstlich, weil sie nach wie vor alles verweigert.«

»Wie entsetzlich. Ich werde sie gleich morgen besuchen.«

»Sie reagiert auf nichts und niemanden. Aber ich fände es trotzdem schön, wenn Sie hingingen. Wer weiß, vielleicht gibt ihr das einen Schub nach vorn. Sie mag Sie sehr, Virginia. Sie hat immer mit größter Sympathie von Ihnen gesprochen.«

Sie musste die Frage stellen: »Wie … haben Sie uns gefunden? Und weshalb …«

Er erriet, was sie hatte fragen wollen. »Weshalb wir hierher gekommen sind? Virginia, ich hoffe, Sie fangen nicht an, sich von uns verfolgt zu fühlen. Die schlichte Wahrheit ist, dass für eine Reise nach Deutschland das Geld nicht gereicht hätte. Sie waren ja so nett, uns etwas zu leihen …«

Frederic hatte die Stirn gerunzelt, jedoch nichts mehr dazu gesagt.

»… und ich konnte damit gerade noch die Bahnfahrt bis hierher bezahlen. Es war eine schreckliche Reise mit dieser schwachen, vollkommen willenlosen Frau … Ein netter Tourist hat uns mit dem Auto bis Fort William mitgenommen, aber von da an waren wir auf uns allein gestellt. Wir mussten in Glasgow umsteigen und dabei auch noch von einem Bahnhof zum anderen gelangen, dann ging es weiter nach Stevenage, einem Ort, von dem ich im Leben vorher noch nichts gehört hatte. Dort haben wir die halbe Nacht auf den Anschluss nach King's Lynn gewartet. Freitag früh kamen wir hier an. Ich habe die letzte Nacht in einer wirklich schaurigen Unterkunft nahe dem Krankenhaus geschlafen, aber damit waren meine finanziellen Reserven endgültig aufgebraucht. Ich habe nichts mehr. Absolut nichts mehr.«

»Wie … ?«

»Richtig. In einer der Schubladen dort in Ihrem Ferienhaus lag ein an Sie gerichtetes Schreiben, auf dem diese Adresse hier stand. Sie haben den Umschlag wohl irgendwann einmal mitgenommen. Und da dachte ich …«

Sie merkte, dass sie leises Kopfweh bekam. Was vor allem mit Frederic zusammenhing.

Wie sie schon auf Skye bemerkt hatte, verfügte Nathan über eine feine Intuition.

»Ihr Mann wird nicht begeistert sein, mich hier anzutreffen, nicht wahr?«, fragte er.

»Er ist in London. Aber er kommt nächste Woche zurück.«

»Er mag uns nicht«, sagte Nathan, »er misstraut uns. Und das kann ich ihm auch nicht verdenken. Er muss glauben, wir sind eine richtige Landplage. Jetzt kreuzen wir auch hier noch auf … Virginia, das Schlimme ist, ich habe keine Wahl. Sonst wäre ich nie auf die Idee gekommen, Sie zu belästigen. Aber ich … wir stehen vor dem Nichts. Buchstäblich. Ich habe keinen einzigen Cent mehr in meiner Tasche. Dieses Wasser hier«, er deutete auf das Glas, das vor ihm stand, »ist das Erste, was ich heute zu mir nehme. Die Nacht werde ich vermutlich auf einer Parkbank zubringen müssen. Keine Ahnung, was werden soll. Und Sie sind der einzige Mensch, den ich in diesem Land kenne.«

Ihr fiel etwas ein, das Frederic gesagt hatte, als sie auf der Rückfahrt von Skye waren und es noch einmal zu einer Diskussion wegen der beiden Deutschen gekommen war.

»Die könnten sich jederzeit an die deutsche Botschaft in London wenden«, hatte er erwidert, als Virginia ihm die verzweifelte Lage der beiden vorhielt. »Die helfen in solchen Fällen. Die organisieren auch die Rückreise und alles, was sonst zu tun ist. Es gibt überhaupt keinen Grund, weshalb die sich an uns festbeißen müssen!«

Jetzt wäre der Moment gewesen, genau dies Nathan Moor nahe zu legen. Ihn an die zuständige Stelle zu verweisen, ihm noch ein paar Pfund als Überbrückung in die Hand zu drücken und ihm dann freundlich klar zu machen, dass sich die Familie Quentin nicht länger verantwortlich fühlte.

Sie wusste später nie zu sagen, warum sie das nicht getan hatte. Manchmal überlegte sie, ob es an ihrem inneren Alleinsein gelegen hatte. Und an der Art, wie Nathan sie anschaute. Sein Blick zeigte keine Neugier. Sondern ein warmes, intensives Interesse.

»Also, so warm sind die Nächte nicht mehr, dass Sie sie auf einer Parkbank zubringen sollten«, sagte sie stattdessen in einem munteren Ton, der ihre Beklommenheit verbergen sollte. »Ich darf Ihnen unser Gästezimmer anbieten? Und jetzt werde ich ein Abendessen machen, damit Sie nicht auch noch halb verhungert im Krankenhaus landen wie Ihre Frau.«

»Ich helfe Ihnen«, sagte er und erhob sich.

Als sie, von ihm gefolgt, in die Küche trat, hatte sie noch immer das mulmige Gefühl, dass sie dabei war, sich in ein Problem zu verstricken, dessen Eigendynamik sie vielleicht irgendwann nicht mehr würde aufhalten können.

Seltsamerweise aber trauerte sie nicht mehr im Geringsten ihrem einsamen Samstagabend hinterher.