22

Linie

UNVOLLENDETES UND EIN ABSCHIED

Ich hatte gewusst, dass sich Streetny irgendwie zu alldem äußern würde, doch als ich am nächsten Morgen meine E-Mails checkte, klang er förmlicher als in seinen vergangenen Nachrichten.

An: Benjamin Constable
Von: charlesstreetny15@hotmail.com
Betreff: Beeindruckt
Gesendet: 27. 08. 2007 07 : 21 (GMT-6)

Sehr geehrter Mr Constable,

wie es scheint, sind Sie den Anweisungen, die Miss Ishikawa für Sie hinterlassen hat, voraus. Den Hinweis, der Sie zu dem Schatz unter dem Katsura-Baum am McCarthy-Square führen sollte, hatten Sie noch gar nicht bekommen. Es ist davon auszugehen, dass Miss Ishikawa äußerst beeindruckt von Ihren Schatzsucher-Qualitäten wäre.

Meinen herzlichsten Glückwunsch zu Ihrer Zielstrebigkeit und guten Intuition.

Gehen Sie als Nächstes zum Chelsea Hotel, dort werden Sie etwas vorfinden.

Hier ein Tipp für die genaue Position: kleine Bäume, hoch oben.

So klein wie Brokkoli.

Viel Glück.

Mr C. Streetny.

»Er weiß von unserem Gespräch in dem japanischen Restaurant.«

»Ja.« Beatrice sah aus, als würde sie jeden Moment vor Wut platzen, versuchte sich aber zu beherrschen.

»Und er hat mit Mr C. Streetny unterschrieben, dabei ist das eine Straße. Ich bin der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der blöd genug ist zu glauben, dass es ein Name sein könnte. Er kennt mich. Er weiß, was ich mache und wann ich es mache, und jetzt weiß er anscheinend auch schon, was ich denke. Er weiß Sachen über mich, die nur du wissen kannst.«

Beatrice holte ein paarmal tief Luft. »Sie muss jemanden auf dich angesetzt haben, der dich belauscht.«

»Sie?«

»Butterfly.«

Ich blickte mich um. Richtig gründlich, eine Minute oder noch länger, aber ich sah niemanden.

»Butterfly ist tot. Irgendjemand schickt mir Sachen von ihr und diese Person bist du oder hat zumindest irgendwie mit dir zu tun.«

Sie biss sich auf die Lippe. »Ich bin das nicht, ich schwöre es. Nichts von alldem hier ist so, wie es scheint.«

»Wie ist es denn dann? Ich finde, so langsam solltest du mir mal einiges erklären.«

»Das kann ich nicht, Ben.« Sie beugte sich zu mir vor und sah mir fest in die Augen. In ihren standen Tränen, aber sie riss sich zusammen. »Es kommt nicht von mir. Ich habe nichts damit zu tun. Aber du kannst das Rätsel selbst lösen. Du musst nur die Augen aufmachen.«

»Welches Rätsel denn?«

Sie schloss den Mund und blickte mich an, als wollte sie mir bedeuten, dass sie nichts mehr sagen würde. Vielleicht sprach sie ja die Wahrheit und die Sachen kamen wirklich nicht von ihr, aber auf irgendeine Weise hatte das alles mit ihr zu tun und es war offensichtlich, dass sie wusste, was hier vor sich ging. Mein Blick war vorwurfsvoll. Sie wirkte zerknirscht. Darüber würden wir später noch reden. Einen Moment lang konzentrierte ich mich auf das Atmen und wartete darauf, dass ihre aufsteigenden Tränen verschwanden.

»Wo ist das Chelsea Hotel?«, fragte ich versöhnlich.

»In Chelsea.« Sie schniefte und wischte sich mit einer Serviette über die Augen.

»Ist das irgendwie bekannt oder so?«

»Du hast noch nie vom Chelsea Hotel gehört?«

»Nein, tut mir leid.«

»Das überrascht mich.«

»Wieso?«

»Weil es sehr bekannt ist. Ein Hotel für Künstler und Musiker. Ich glaube, es wurde in den späten Sechzigern eröffnet und hat sich seitdem kaum verändert. Da sind schon eine ganze Menge berühmter Leute abgestiegen.«

»Wie wer, zum Beispiel?«

»Ach, keine Ahnung. Bob Dylan. Janis Joplin. Wahrscheinlich auch Hendrix. Sid Vicious ist da gestorben.«

»Kannst du mir zeigen, wo es ist?«

Beatrice seufzte. »Okay.«

»Das klingt, als wolltest du eigentlich gar nicht.«

»Wahrscheinlich ist es einfacher, wenn ich mitgehe.«

Ich widersprach nicht.

Beatrice war nicht mehr bloß irgendeine Zufallsbekanntschaft, das hatte sie soeben zugegeben, doch wer sie stattdessen war, wusste ich nicht. Mein Blick auf das Ganze war im Begriff, sich grundlegend zu ändern, und bei dem Gedanken wurde mir ziemlich mulmig. Aber ich ließ mir nichts anmerken, denn Beatrice schien es noch schlechter zu gehen als mir. Schweigend brachte sie mich zum Chelsea Hotel. Sie musste sich kein einziges Mal orientieren, auf Straßennamen oder Hausnummern achten. Sie kannte diesen Ort gut. Das hätte ich mir ja denken können.

Die Wände der Lobby hingen voller farbenfroher Gemälde. Ein gigantischer Pferdekopf starrte mich penetrant von der Seite an und über mir an der Decke hing eine Figur auf einer Schaukel.

»Die meisten sind Geschenke von irgendwelchen Künstlern, die ihre Hotelrechnungen nicht bezahlen konnten«, informierte Beatrice mich nebenbei.

Wir gingen an der Rezeption vorbei, hinter der ein Mann stand, der lächelte und Hallo sagte, dann bogen wir um eine Ecke und warteten auf den Aufzug.

»Wo wollen wir denn hin?«, fragte ich.

»Psst«, machte Beatrice. Erst als wir im Aufzug standen und sich die Türen hinter uns schlossen, sagte sie: »Aufs Dach.«

Im zehnten Stock stiegen wir aus und liefen ein paar Stufen hinauf bis zu einer Tür, an der ein Schild hing, das klar und deutlich besagte, dass der Durchgang verboten und die Tür mit einer Alarmanlage gesichert sei.

»Eigentlich ist das nicht erlaubt«, sagte Beatrice und öffnete die Tür.

»Was ist mit der Alarmanlage?«

»Es gibt keine Alarmanlage.«

»Woher weißt du das?«

»Ich kenne jemanden, der manchmal hier übernachtet.« Ihre Stimme klang leise und verhalten.

»Kanntest du den Typen an der Rezeption?«

»Vom Sehen.«

»Wieso bist du so sauer?«, fragte ich.

»Weil ich das Gefühl habe, dass mich jemand manipuliert.«

»Ach«, erwiderte ich. »Und wer?«

»Die Person, die dich hier hochgeschickt hat.«

»Butterfly?«

»Du hast doch gesagt, sie sei tot.« In ihrem Spott lag eine Spur von Bitterkeit.

»Ist sie auch.«

»Wie hättest du denn ohne mich den Weg aufs Dach finden sollen?«

»Ich bin ja wohl nicht komplett unselbstständig.«

»Ohne mich hättest du nicht mal von dem Hotel gewusst.«

Das Dach wurde durch Schornsteine, Rohre, Lüftungsschächte und ein Wasserreservoir in mehrere Abschnitte unterteilt. Einige davon waren in kleine Gärten verwandelt worden, während andere kahl geblieben waren. Der Ausblick zeigte ein völlig anderes New York. Ich konnte auf die Dächer niedrigerer Gebäude hinabschauen und befand mich auf derselben Höhe wie die Reservoire, die in jeder Richtung die Gebäudedächer zierten. Ich sah braune Hochhausblocks, wie die in der Nähe der Manhattan Bridge, und grauweiße Wolkenkratzer (darunter auch das Empire State Building) vor mir in den Himmel emporragen. New York wirkte von hier oben plötzlich viel größer und dreidimensionaler. Höher, schmutziger, älter, neuer.

»Ich muss einen kleinen Baum finden.«

»Dann solltest du dich am besten mal umsehen.«

»Ich will aber nicht in die Gärten. Das ist bestimmt nicht erlaubt.«

»Es ist noch nicht mal erlaubt, dass wir hier oben sind. Halte einfach Ausschau nach einem kleinen Baum. So schwer ist der nicht zu entdecken.«

»Du weißt also, wo er ist!«, rief ich vorwurfsvoll.

»Ich glaube schon.«

»Dann zeig ihn mir.«

»Nein. Du musst ihn selbst finden.«

»Ich will aber nicht.«

»Hmm. Es steckt ja ein richtiger kleiner Rebell in dir.« Ihre Stimme triefte jetzt vor Hohn.

»Zeig ihn mir.«

»Nein.«

»Dann lass uns wieder gehen.«

Plötzlich starrte sie mich an. »Was, im Ernst?«

»Jepp.«

»Und ich dachte, ich hätte schlechte Laune. Warum willst du nicht danach suchen?«

»Weil du weißt, wo er ist. Und ich habe keine Lust mehr auf diesen Quatsch. Es hat sich einfach zu viel direkt vor meiner Nase angesammelt, das ich nicht hinterfragt habe, Sachen, die ich hingenommen habe, damit das Spiel weitergehen konnte oder um dich nicht aufzuregen. Aber jetzt will ich nicht mehr; irgendjemand spielt mit mir. Ich bin vom Spielkameraden zum Spielzeug geworden. Du hast gerade gesagt, dass du das Gefühl hast, manipuliert zu werden, aber die Fragen, die ich mir verkniffen habe, richten sich alle an dich. Da ist so vieles, was ich nicht weiß, aber du schon, und du verrätst es mir nicht. Irgendetwas stimmt hier nicht. Du steckst hinter dem Spielchen, du bist diejenige, die manipuliert, auch wenn ich nicht weiß, warum.«

»Ich kann das nicht erklären. Ich wollte dich nicht an der Nase herumführen, ehrlich. Ich werde genauso manipuliert.« Ihre Stimme war leise und angespannt. »Zuerst hat es einfach Spaß gemacht, dir zu helfen. Es war lustig. Du bist lustig. Aber jetzt bin ich gegen meinen Willen in diese Geschichte mit hineingezogen worden. Und das gefällt mir nicht. Es bringt mich in eine unangenehme Situation, weil ich dich anlügen und Sachen vor dir verheimlichen muss, nur damit dein Abenteuer weiter nach Plan verläuft.«

»Wessen Plan?«

»Der deiner Freundin – Butterfly.«

»Butterfly ist tot.«

»Ja, davon lässt du dich wohl nicht abbringen, obwohl mittlerweile eine ganze Menge Argumente dagegen sprechen. Dabei bist du doch derjenige, der angeblich so toll darin ist, Hinweise zu deuten.«

»Wann hast du mich belogen? Und welche Sachen hast du mir verheimlicht?«

Beatrice kam zu mir und gab mir einen Kuss auf die Wange. Nur einen. »Na komm. Ich zeige dir den kleinen Baum.«

»Warum denn jetzt dieser Kuss?«

»Weil es mir leidtut.«

Beatrice führte mich um einen Schornstein herum und ein paar Holzstufen hinunter in einen kleinen Garten und einen Moment lang war ich beinahe geblendet vom Grün der Kletterpflanzen dort. Sie deutete auf einen winzigen Bonsai-Baum in einem Topf, der von zwei Backsteinen getragen auf dem Boden stand.

»So klein wie Brokkoli«, sagte sie und in dem Moment wurde mir bewusst, dass ich sie gern zurückküssen würde. Auf den Mund. Aber ich tat es nicht.

Ich hockte mich hin und betrachtete das Bäumchen. Es war sehr hübsch. Ich hoffte nur, dass ich es nicht entwurzeln musste, um zu finden, wonach ich suchte. Doch als ich den Topf anhob, klemmte zwischen den beiden Backsteinen darunter ein Blechbehälter. Es war eine altmodische Bonbondose. Mit einiger Mühe bekam ich den Deckel auf und fand neben etwas, das aussah wie zwei selbst gemachte, in durchsichtige Plastikfolie gewickelte Bonbons, einen linierten, zu einem kleinen Viereck zusammengefalteten DIN-A4-Zettel, auf den ein großer 3-D-Buchstabe gemalt war: B.

Die Nachricht lautete:

Es gibt nur noch eine Sache für dich zu tun, Ben Constable, einen letzten Schatz zu entdecken, und der ist sehr wertvoll. Du findest ihn unter einem Baum, der junge Schmetterlinge nährt, bevor sie ausgewachsen sind, an einem grünen Ort, wo ich mit so manchem Buch gesessen und mir beim Pflanzen und Unkrautjäten die Hände schmutzig gemacht habe. Das Fleckchen in der Nähe der Jefferson Market Library war von meiner Wohnung aus die nächste Grünfläche und kam einem eigenen Garten so nah wie nichts anderes, das ich je besessen habe. Die Bonbons sind nach einem Rezept entstanden, das mein Kindermädchen mich gelehrt hat: Bittermandel-Toffees. Ich habe sie selbst gemacht. Hoffentlich schmecken sie dir. Natürlich gäbe es noch so, so, so viel mehr zu sagen, zu finden, zu tun. Es war schön, mich mit dir zusammen in den Straßen von Gotham Town zu verlieren. Nichts kommt dem Vergnügen gleich, jemandem die Orte der eigenen Vergangenheit zu zeigen. Ich wünschte, ich könnte die Straßen sehen, in denen du aufgewachsen bist. Aber die Zeit wird knapp und wir haben uns von Randbemerkung zu Randbemerkung gehangelt, während der Eröffnungssatz noch immer unvollendet ist …

Butterfly.
X X L X X E X X B X X W X X O X X H X X L X X

Ich drehte den Zettel um und suchte nach mehr, einem PS oder einer letzten Randbemerkung. Doch ich fand nichts. Plötzlich wäre ich am liebsten in Tränen ausgebrochen. Das alles schien auf einmal viel zu schnell zu Ende zu gehen. Als ich fertig war, gab ich die Nachricht an Beatrice weiter. Sie las sie durch, faltete den Zettel zusammen, gab ihn mir zurück und ich steckte ihn wieder in die Dose.

»So ein Miststück«, meinte Beatrice und ich lachte lauter als beabsichtigt.

»Meinst du das ernst?«

»Keine Ahnung. Ich wollte es nur mal sagen.«

»Willst du ein selbst gemachtes Bonbon?« Ich hielt ihr die Dose hin.

»Nein. So was esse ich garantiert nicht. Schon gar nicht, wenn deine Freundin Butterfly sie gemacht hat.«

»Glaubst du, sie würde versuchen, mich umzubringen?«

»Ich weiß überhaupt nichts mehr. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass du das Zeug da definitiv nicht essen solltest.«

Nachdenklich klopfte ich mit dem Finger auf den Deckel der Dose. Dann steckte ich sie in meine Tasche. »Sollen wir gehen?«, schlug ich vor.

»Willst du denn nicht wenigstens kurz die Aussicht von diesem historischen Gebäude genießen? Als Künstler ist das hier doch sozusagen Teil deines kulturellen Erbes.«

»Nein danke.«

»Okay.«

Wir gingen gerade zurück durch die nicht alarmgesicherte Tür, als Beatrice sagte: »Wir sollten die Treppe nehmen, damit du wenigstens einen Eindruck von diesem Gebäude bekommst.«

»Okay«, willigte ich ein.

Das Treppenhaus war ganz in Weiß gehalten, bis auf so etwas wie ein Pop-Art-Mobile, das vom Oberlicht aus in die Leere zwischen den Treppenabsätzen baumelte, und ein paar vereinzelte Gemälde an der Wand – alles in allem erinnerte es sogar noch mehr an eine Kunstgalerie als die Lobby. Schweigend stapften wir die Stufen hinunter.

Beatrice verabschiedete sich von dem Mann an der Rezeption. Ich hob nicht einmal den Blick, darum wusste ich nicht, was er für ein Gesicht machte, als er bemerkte, dass wir fünf Minuten nachdem wir hinaufgegangen waren, schon wieder herunterkamen.

»Und wohin jetzt?«, wollte Beatrice wissen.

»Zurück ins West Village.«

»Ach, wie schade. Dabei hast du so viel von New York noch gar nicht gesehen. Seit du hier bist, treibst du dich eigentlich immer nur in denselben Ecken herum.«

»Na ja, immerhin bin ich vom Battery Park bis zum Central Park gekommen und von der West 33rd Street bis nach Brooklyn. Und das innerhalb nur einer Woche.«

»Kommt mir schon viel länger vor«, erwiderte sie. »Hast du dir eigentlich überhaupt mal einen Stadtplan gekauft?«

»Nein.«

Sie schwieg unter dem Gewicht der unausgesprochenen Dinge, während wir die 6th Avenue hinunterliefen und ich unter dem Gewicht der ungestellten Fragen schwieg.

Ich ging voran durch das Tor in den kleinen Garten nahe der Jefferson Market Library. Cat lag im Gras und Beatrice und ich setzten uns neben ihm auf eine Bank und sahen uns um.

»Siehst du hier irgendwo Schmetterlinge?«

»Nein, aber junge Schmetterlinge ernähren sich ja auch nicht von denselben Dingen wie erwachsene.«

»Nein?«

»Na komm, denk doch mal nach. Was sind denn junge Schmetterlinge?«

»Raupen!«

»Und was fressen Raupen?«

»Salat?«

»Sind das nicht Schnecken?«

»Ach ja.«

»Ich weiß nur, dass Raupen gerne auf Sal-Weiden leben, wie die da drüben.« Sie deutete auf eine kleine Weide.

»Du weißt wirklich alles, oder?«

»Ja. Ich fürchte schon.«

»Tja, nenn mich ruhig einen Feigling, aber ich habe nicht vor, hier am helllichten Tag alles umzugraben. Ich warte lieber, bis es dunkel ist.«

»Klingt doch nach einem guten Plan«, erwiderte sie.

»Kannst du mir eins verraten?«

»Was denn?«

»Wie bezahlst du eigentlich deine Miete?«

»Mit Mühe. Ich hatte ein bisschen was angespart, aber das ist schon alles weg. Ich brauche so schnell wie möglich einen Job.«

»Nein, ich meine, wie genau machst du das? Wie funktioniert es? Was machst du, damit dein Geld bei deiner Vermieterin ankommt?«

»Ich stelle einen Scheck aus«, entgegnete sie knapp.

»Und wo schickst du den hin?«

»An eine Adresse in Chelsea.«

»In der Nähe des Hotels?«

»Ja«, antwortete sie.

»Und wen schreibst du als Empfänger auf den Scheck?«

»Butterfly.«

»Tomomi Ishikawa?«

»Genau.«

»Und wessen Namen schreibst du auf den Briefumschlag?«

»Den ihrer Mutter.«

»Kennst du ihre Mutter?«, fragte ich.

»Ja«, sagte sie und in dem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Cat blickte mich an und ich dachte einen Moment nach.

»Kannst du mich zu ihr bringen?«

»Ich gebe dir ihre Nummer. Dann kannst du sie anrufen.«

»Ich finde, du solltest mitkommen.«

»Nein. Ich glaube nicht, dass ich das sollte.«

»Warum nicht?«

»Ich glaube, wir sollten lieber alles so belassen, wie es ist«, entgegnete Beatrice.

»Ich muss ihr ein paar Fragen stellen. Vielleicht erzählt sie mir ja ein bisschen was. Und selbst wenn nicht, dann kann ich daraus einiges schließen.«

»Ich will nicht dabei sein.«

»Bitte komm mit.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte ich. »Es wäre eben einfacher. Ich bin schüchtern.«

»Auf mich wirkst du kein bisschen schüchtern.«

»Manchmal bin ich es und manchmal eben nicht. Du hast mir einiges vorenthalten, das hast du selbst zugegeben. Und ich möchte gerne dein Gesicht sehen, wenn du mit etwas konfrontiert wirst, das wahr ist. Ich bin dir dankbar für all deine Hilfe, aber ich finde, du bist es mir schuldig, mit zu Butterflys Mutter zu kommen.«

»Ich bin es dir schuldig? Ich glaube, da bringst du etwas durcheinander. Ich bin dir überhaupt nichts schuldig. Und um ganz ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, was ich überhaupt noch hier mache.«

Sie hatte recht. Sie hätte einfach aufstehen und gehen können und ich hätte nie wieder etwas von ihr gehört. Und sie wirkte, als sei sie dazu imstande.

»Tut mir leid«, sagte ich. »Ich finde trotzdem, du solltest mitkommen, aber zwingen kann ich dich nicht. Diese Entscheidung musst du selbst treffen.«

Eine Sekunde lang blieb ihre Miene hart, so als überlegte sie, ob sie mir ins Gesicht spucken oder doch lieber aufstehen und mitkommen sollte.

»Ich bringe dich morgen zu ihr. Und jetzt komm mit.«

»Komm mit wohin?«

»Komm einfach mit, ich lade dich auf einen Drink ein.«

»Wieso?«

»Zum Abschied.«

»Ich verstehe gar nichts mehr.«

»Weil ich nicht glaube, dass du nach morgen noch etwas mit mir zu tun haben willst.« Sie starrte mich an, ihr Gesicht ausdruckslos, und ich starrte zurück.

»Ich zeige dir etwas, das du noch nicht kennst. Hier in der Nähe gibt es ein Viertel, das Meatpacking District genannt wird. Ziemlich gruselig und industriell und es riecht nach rohem Fleisch. Außerdem ist es gerade ziemlich in.«

»Dann passe ich da ja hervorragend hin«, sagte ich.

Beatrice stieß eine Art Lachen aus, doch sie lächelte nicht. »Wir setzen uns irgendwo hin und trinken ein Bier und reden über was anderes. Du kannst mir von England erzählen und wie es so war, als Kolonialherr aufzuwachsen, und ich erzähle dir von meinen Urlauben in Pennsylvania, als ich noch ein Kind war, oder wir vergleichen unsere Frankreicherlebnisse oder so, und dann lachen wir, blödeln ein bisschen rum und verabschieden uns, ich gehe nach Hause und du kannst dich auf die Jagd nach deinem letzten Schatz machen.«

Ich starrte sie an. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Irgendwie musste ich sie gekränkt haben. Ich hätte nie darüber nachdenken sollen, sie zu küssen. Wahrscheinlich war sie eine Hellseherin oder so was.

Wir standen auf und Cat blickte uns nach, als wir gingen. Er schien sich wohlzufühlen.

Bis später, Cat.

Als ich zurückkehrte, hing vor dem Gartentor ein Vorhängeschloss. Vom Bier beflügelt, ging ich auf die Rückseite der Bibliothek in der 10th Street, kletterte nach einem flüchtigen Blick in beide Richtungen über den Zaun und marschierte direkt zu der Weide. Cat kam und hockte sich neben mich. Ich verfluchte mich dafür, dass ich außer dem Edelstahl-Kuli immer noch nichts zum Graben dabeihatte. Versuchsweise bohrte ich ihn ein paarmal in die Erde, in der Hoffnung, zu finden, was ich suchte, ohne ein ganzes Bergwerk anlegen zu müssen. Wie tief würde sie hier wohl etwas vergraben?

Vorsichtig begann ich, um die Wurzeln herumzugraben, um den Baum nicht zu verletzen oder auf irgendeine Weise zu stören. Ich fühlte mich wie bei einer archäologischen Ausgrabung. Ein paar Minuten später jedoch grub ich bereits mit beiden Händen, schob Erdklumpen beiseite und stach den Kugelschreiber tiefer in den Grund. Und dort, von Wurzeln umwuchert, stieß ich auf einen Plastikbehälter, eine kleine Tupperdose oder so. Ich zog sie heraus, schob die Erde zurück ins Loch und klopfte sie fest. Ich glaube nicht, dass der Baum gelitten hat.

Cat und ich suchten uns ein dunkles Eckchen und setzten uns hin. Ich fand die Bonbons aus dem Chelsea Hotel in meiner Tasche und schnupperte an einem davon. »Ich mag keine Mandeln, Cat. Willst du vielleicht eins?« Cat beachtete mich gar nicht, also steckte ich die Bonbons wieder weg und öffnete die kleine Schatzkiste. Ganz obenauf, wie zum Schutz des restlichen Inhalts, lag ein mit einer Kinderhandschrift bedeckter Papierfisch.

Zeitkappsel

(Nich vor dem Jar 2000 öfnen.)

15. Merz 1980

Ich heiße Tomomi Ishikawa, aber alle Läute nenen mich Butterfly. Ich wone in einer grosen Statt die Nu Jork heist und eine der grösten Stätte auf diesm Planneten ist der Erde heist. Ich bin in der Grundschuhle und speter will ich mal aufs Coletsch. Meine Hobbis sind lesen, reiten und tannzn. Wenn ich gros bin will ich Lererin werden. Mein Liblingshaus ist die Scheffasn Maket Laibri, wail die so einen ungewönlichn Stiel für das Westwiletsch hat das am Hadsn Riwer in den Fereinchten Staten von Ammerika ligt. Das Wörld Treid Zenter ist das hochste Gebeude in Nu Jork. Unser President heist Jimmi Kater.

Unter dem Brief lagen drei Schwarz-Weiß-Fotos, die ein kleines Mädchen mit langen schwarzen Haaren in demselben Garten zeigten, in dem ich gerade saß. Auf einem der Bilder war sie allein zu sehen und blickte in die Kamera, auf dem nächsten saß sie mit einer Frau zusammen auf einer Bank und auf dem dritten kniete sie mit konzentriertem Gesicht über einem Blumenbeet, in der Hand eine Gartenschaufel. Als Nächstes fand ich eine unbeschriebene Postkarte mit dem Bild des Eiffelturms, eine Murmel, ein Haargummi, ein uralt aussehendes U-Bahn-Ticket und (ein kleines bisschen gruselig) den Kopf einer Barbiepuppe, der jemand fast alle Haare abgeschnitten hatte. Ich lachte laut auf und Cat sah sich beunruhigt um.

Ich packte die Sachen zurück in die Plastikdose, legte mich ins Gras und schloss die Augen. Ich träumte, dass Butterfly über mir stand, aber vielleicht war es auch Beatrice. Sie beugte sich zu mir herunter, gab mir einen Kuss auf die Stirn und kraulte Cat hinter den Ohren, der behaglich schnurrte (das war der Moment, in dem ich mir sicher war, dass ich träumte).