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ANKUNFT IN NEW YORK
Die drei Stunden Wartezeit in der Schlange zur Passkontrolle am JFK-Flughafen waren langweilig und zugleich ziemlich unterhaltsam. Ich steckte einen Visumsantrag des Departments of Homeland Security (mitsamt den genialen Fragen darauf) in die Tasche – als Erinnerung oder für den Fall, dass ich mal ein witziges Geschenk für jemanden brauchte, denn wie es aussah, lagen die dort zum Mitnehmen aus.
Alles in Amerika wirkte wie im Fernsehen. Die meisten Menschen wurden von Schauspielern gespielt, die mir vage bekannt vorkamen, und der Typ, der die Durchsagen über das Lautsprechersystem machte, musste ein mehrfach mit Platin ausgezeichneter Rapper sein.
»Would passengers SMITH and JOHNson on flight BA three eigh-dee from London HeathROW please go to the Briddish Airways DESK for INFORMATION abou cho LUGGage.«
Bedauerlicherweise nannte er meinen Namen nicht, denn es gab keine Informationen zu meinem Gepäck, das offenbar eigene Vorstellungen hinsichtlich seines Reiseziels entwickelt hatte, ohne eine Kontaktadresse oder den kleinsten Hinweis auf seinen Verbleib zu hinterlassen.
Zuzüglich zu den zwei Stunden Verspätung, mit denen mein Flieger gelandet war, war ich jetzt gute fünf Stunden später dran, als ich geplant hatte. Langsam wurde ich ein bisschen nervös bei dem Gedanken daran, dass ich mitten in der Nacht in Manhattan eintreffen würde, ohne eine Ahnung, wo ich eigentlich hinsollte. Ich überlegte, ob ich im Internet nach einem Hotel suchen sollte, doch allein der Flughafen mit all seinen geschlossenen Läden verbreitete eine so spätnächtliche Stimmung, dass ich mich lieber an die mäßig hilfsbereiten Leute am Informationsschalter wandte.
»Wo genau wollen Sie denn hin?«
»Manhattan.«
»Okay, aber wo denn in Manhattan?«
»Hm, keine Ahnung.«
Ich war noch nie in New York gewesen; zwar hatte ich eine gewisse Vorstellung davon, was mir gefallen würde und was nicht, aber im Grunde war ich mir noch nicht mal sicher, ob es diese Orte wirklich gab (zum Beispiel hätte ich gern mal in der Sesamstraße vorbeigeschaut). Irgendjemand hatte mal die Vermutung geäußert, dass ich das East Village mögen würde, aber das hieß natürlich noch lange nicht, dass ich da gerne um drei Uhr nachts aufkreuzen wollte. Und den Infostand-Leuten gegenüber wollte ich das lieber auch nicht erwähnen, für den Fall, dass ich mich verhört hatte und das East Village in Wirklichkeit eine postapokalyptische, von Zombie-Kannibalen bewohnte Brachfläche war und sie mich für den letzten Trottel halten und auslachen würden.
»Na ja, Manhattan ist ziemlich groß, und wie Sie da hinkommen, hängt davon ab, wo genau Sie hinwollen.«
»Wie komme ich denn zum East Village?«
»Okay, da fahren Sie erst mal mit dem AirTrain bis Howard Beach, dann nehmen Sie die Linie A zur Jay Street und anschließend die F bis, tja, zur 2nd Avenue zum Beispiel? Wohin wollen Sie denn im East Village?«
»Ich weiß nicht. Haben Sie vielleicht einen Plan?«
»Ich hätte einen Busplan von Brooklyn.«
»Ist da auch die U-Bahn mit drauf?«
»Glaub ich nicht.«
»Ist Manhattan drauf?«
»Eher nicht.«
»Okay. Danke.«
Ich nahm den AirTrain und starrte auf ein Schild, das mich über eine Reihe von Dingen informierte, die auf dem Gelände des JFK-Flughafens nicht gestattet waren – zum Beispiel einschlafen. Als ich aufwachte, fuhr die Bahn rückwärts. Wir hatten Howard Beach erreicht und waren auf dem Weg in die entgegengesetzte Richtung. Ich beschloss, meinen Augen noch ein bisschen Ruhe zu gönnen, nahm mir aber fest vor, sie hin und wieder aufzumachen, um die Haltestellen im Blick zu behalten.
Als ich das nächste Mal aufwachte, sah ich als Erstes ein Schild, auf dem Howard Beach stand. Ich starrte darauf und versuchte, mich zu erinnern, warum mir der Name so bekannt vorkam. Ein lang gezogener Piepton erklang, als sich die Türen schlossen und die Bahn abermals in die falsche Richtung losfuhr. Ich stieg an der nächsten Station aus, die auf einen riesigen Parkplatz führte, und beschloss, zu Fuß zur U-Bahn zu gehen; dafür brauchte ich bloß den erhöht liegenden Gleisen des futuristisch anmutenden AirTrains zu folgen. Nach einigen Hundert Metern über den Parkplatz erreichte ich schließlich die U-Bahn-Station.
Nun wartete ich schon seit zehn Minuten und war inzwischen dreimal auf dem Bahnsteig auf und ab getigert, als ein ebenso überfreundlicher wie übergewichtiger Obdachloser anfing, die wenigen Leute, die Gepäck dabeihatten, anzuquatschen. Um ihm zu entgehen, verdrückte ich mich in den nicht überdachten Teil des Bahnsteigs und beschloss, dass dies der passende Moment für meine erste Zigarette seit dem Check-in vor ungefähr achtzehn Stunden am Flughafen Charles-de-Gaulle war. Ich erspähte einen Polizisten, der auf den Obdachlosen zuschlenderte, und ein paar Wortfetzen drangen zu mir herüber. In herablassendem Tonfall informierte er den Mann, dass er keine Lust habe, ihm jede Nacht aufs Neue zu sagen, er solle gefälligst aufhören, die Leute zu belästigen. Dann drehte er sich um und lief weiter den Bahnsteig entlang in meine Richtung. Als ich das Gefühl hatte, dass er nah genug war, nickte ich ihm zu und wünschte ihm einen guten Abend und er erwiderte: »Hey, das Ding da dürfen Sie hier nicht rauchen.«
Ich hob die Hand und blickte verwirrt darauf. »Ist nur eine Zigarette.«
»Ich weiß, was das ist, und Sie dürfen sie hier nicht rauchen.«
»Oh, tut mir leid«, lenkte ich ein. »Ich dachte, hier draußen wäre das okay.«
»Im öffentlichen Nahverkehr ist Rauchen überall verboten.«
»Oh, okay.« In Frankreich hatte ich noch nie erlebt, dass einem das Rauchen im Freien verboten wurde. Plötzlich hatte ich das Gefühl, unendlich weit von zu Hause entfernt zu sein, an einem Ort, dessen Regeln ich nicht kannte. Ich stellte mir vor, wie ich die Zigarette auf dem Boden austreten und der Polizist mich anfahren würde, sie gefälligst aufzuheben, oder mich festnahm oder direkt in den nächsten Flieger nach Hause setzte. »Wo darf ich sie denn dann ausmachen?«, fragte ich.
»Treten Sie sie einfach hier auf dem Boden aus«, erwiderte er.
Ich hätte ja erwartet, dass er auf einer angemesseneren Art, sie zu entsorgen, bestanden hätte. Als ich sie unter meiner Schuhsohle zerquetschte, fielen mir eine ganze Menge weiterer Zigarettenstummel auf dem Boden auf, woraus ich schloss, dass ich wohl einfach Pech gehabt hatte.
»Hey, sind Sie aus England?«, fragte er mich.
»Ja, genau.«
»Dachte ich mir schon bei Ihrem Akzent. Gerade aus London angekommen?«
»Ja«, log ich, weil ich mir einbildete, dass es die Sache nicht unbedingt vereinfachen würde, wenn ich ihm erklärte, dass ich in Paris lebte und seit Jahren nicht in London gewesen war.
»Reisepass dabei?«
»Ja, Moment.«
Während ich in meiner Tasche nach meinem Pass kramte, sagte er: »Will mich nur vergewissern, denn wenn Sie gerade erst aus London angekommen sind, kennen Sie die Gesetze hier vielleicht noch nicht, und dann schreibe ich Ihnen keinen Strafzettel, weil Sie da drüben wahrscheinlich andere Gesetze haben.«
»Ich bin gerade aus dem Flugzeug gestiegen«, versicherte ich ihm und konnte nur hoffen, dass nichts in meinem Pass verriet, dass ich nicht von London aus hergeflogen war, sondern von Paris, was mich als Lügner entlarven würde.
Er sah sich das Visum an, das in meinen Pass geheftet war. »Okay, heute haben Sie noch mal Glück, dass Sie gerade erst angekommen sind, darum schreibe ich Ihnen diesmal keinen Strafzettel.«
»Danke.«
»Aber nächstes Mal muss ich Ihnen einen Strafzettel schreiben.«
»Ja, das sehe ich ein, aber jetzt, da ich weiß, dass es verboten ist, werde ich nicht noch einmal in der U-Bahn rauchen.«
»Das Rauchen ist überall im öffentlichen Nahverkehr verboten.«
»Ja, ich werde nie wieder rauchen, wenn ich mich innerhalb oder in der Nähe eines öffentlichen Verkehrsmittels befinde.«
»Ich mache hier nur meinen Job, damit die Leute sich an die Regeln halten. Wenn sich jeder an die Regeln hält, gibt es auch keinen Ärger und ich bin ein glücklicher Polizist. Sie sind gerade erst angekommen, darum sage ich Ihnen das jetzt, aber Sie sollten wissen, dass Sie beim nächsten Mal nicht so viel Glück haben könnten.«
»Nein, natürlich. Danke.«
»Achten Sie also in Zukunft drauf.«
»Auf jeden Fall. Danke.«
»In Ordnung, also, handeln Sie sich keinen Ärger ein.«
»Nein, kein Problem.«
»Okay, dann noch einen schönen Tag.«
»Ja, danke. Ihnen auch.«
Es war nicht einfach, aber irgendwie gelang es mir schließlich doch noch, das letzte Wort zu haben. Warum musste ich eigentlich unbedingt das letzte Wort haben? Cat hätte mir einen missbilligenden Blick zugeworfen.
Als ich die 2nd Avenue erreichte, war es schon hell. Ich verließ die U-Bahn-Station und war in New York – und sofort ziemlich enttäuscht, dass es kein bisschen so aussah, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte einen Wald aus schwindelerregend hohen Gebäuden erwartet oder zumindest ein paar vereinzelte, wenn sie schon nicht alle schwindelerregend hoch sein konnten, oder einen Stadtteil mit Wolkenkratzern irgendwo in der Ferne. Doch die Gebäude ringsum waren nicht höher als die, die man auch in Paris fand. Dazu kam, dass in der Stadt, die niemals schläft, offenbar Nachtruhe herrschte. Hatte New York sich verändert oder war Frank Sinatra ein Lügner?
Ich hatte keine Ahnung, in welche Richtung ich eigentlich lief, aber ich machte mir keine allzu großen Sorgen, denn ich wusste, dass die Straßen hier nummeriert waren und ein übersichtliches Gitternetz ergaben, das jeder Idiot verstand. Ich schätzte, dass ich mich eher irgendwo im Osten von Manhattan befand, und warf einen Blick auf die Straßennamen. Ich stand an der Kreuzung zwischen der East Houston Street (was, wie ich später herausfinden sollte, Hau-sten ausgesprochen wird, aus einem Grund, den mir niemand erklären konnte) und der Allen Street, wodurch sich all meine Hoffnungen, mich in New York allein anhand von Nummern zurechtzufinden, direkt zerschlugen. Doch da ich sowieso keine Ahnung hatte, wo ich hinmusste, war dieser Rückschlag nicht allzu groß.
Auf der anderen Seite der riesigen Kreuzung wurde die Allen Street zur 1st Avenue. Die Seitenstraßen hier waren, bei eins angefangen, tatsächlich durchnummeriert, und ich lief ein Stück, entschlossen, in das erste erschwingliche Hotel einzuchecken, an dem ich vorbeikam. Eine Stunde später war ich in der 42nd Street angelangt. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich beim Laufen mein Gehirn ausgeschaltet hatte – wie mechanisch hatte ich die Blocks gezählt und dabei ganz vergessen, nach Hotels Ausschau zu halten. Ich war so müde, dass ich anfing, mir selbst leidzutun. Rechts von mir sah ich Wasser, also wandte ich mich nach links und schon bald verwandelte sich New York in die hoch aufragende Metropole aus meiner Vorstellung.
Die Grand Central Station muss der schönste Bahnhof der Welt sein. Wie sollte je etwas diese orangefarbene Marmorpracht überbieten können? Ich wollte mich hinsetzen. Doch bei aller architektonischen Schönheit – Sitzgelegenheiten hatte der Bahnhof nicht zu bieten (zumindest nicht auf den ersten Blick). Nachdem ich etwa zehn Minuten durch die Halle geschlendert war, gelangte ich in den weitläufigen Imbissbereich im Untergeschoss, wo es große, bequeme Sessel gab. Ich setzte mich in einen davon und schloss die Augen.
Etwas später suchte ich mir ein Internetcafé und landete auf der Website eines Hotels im East Village, das nett und gerade noch bezahlbar wirkte. Ich rief dort an und reservierte ein Zimmer. Man teilte mir mit, ich könne um 14 Uhr einchecken. Dann loggte ich mich in meinen E-Mail-Account ein und schrieb eine Nachricht an Butterfly:
Bin am anderen Ende der Welt und so müde wie nie zuvor in meinem ganzen Leben. Keine Ahnung, was ich eigentlich hier soll. Wo soll ich hingehen, Tomomi Ishikawa? Ich weiß nicht mehr weiter.
Ich hatte noch fünf Stunden totzuschlagen und das Gefühl, verrückt zu werden, wenn ich mich nicht auf der Stelle in ein gemütliches Bett verkriechen konnte. Ich lief eine Weile nach Süden und dann nach Osten, um schon mal die ungefähre Richtung einzuschlagen, in der ich mein Hotel vermutete. Etwa hundertzwanzig Meilen später schlurfte ich durch eine hübsche Straße namens Avenue A, die ebenfalls nie auf meinem imaginären Stadtplan von Manhattan aufgetaucht war.
Irgendwann erreichte ich einen großen, baumbestandenen Platz und setzte mich auf eine Bank. Ich starrte ins Nichts, spürte den Morgen auf der Haut und wünschte, ich hätte mein Gepäck bei mir. Dann rutschte ich in eine etwas bequemere Position und bettete den Kopf auf meinen über die Rücklehne gelegten Arm, nur um mich nicht viel später ausgestreckt auf der Bank wiederzufinden. Während meine Knie in Richtung meiner Brust wanderten, wurde mein Arm zu einem Kopfkissen und die langsam wärmer werdende Luft zu einer Decke. Ich blickte zu den Bäumen und den Wolken auf, denen ich in Gedanken befahl, schneller weiterzuziehen, damit ich endlich ins Bett konnte. Es tat mir leid um die verschwendete Zeit, aber mein Körper war einfach am Ende.
Nach ein oder zwei Stunden – wer wusste das schon? – stand ich auf, setzte mich an einen Tisch vor einer Bar und bestellte eine heiße Schokolade. Auf einem Schild an einer Ecke las ich Tompkins Square. Diesen Platz kannte ich. Butterfly hatte darüber geschrieben. Vielleicht war die Bank, von der ich erst kurz zuvor aufgestanden war, dieselbe, auf der sie am Abend des 11. Septembers 2001 gesessen und auf den Fremden gewartet hatte.
Um zehn vor zwei stand ich an der Rezeption meines Hotels. Ein älterer Mann händigte mir einen Schlüssel aus und wies mir den Weg zu meinem Zimmer.
»Normalerweise arbeite ich tagsüber gar nicht hier«, verriet er mir. »Ich mache immer die Nachtschicht.«
Ich versuchte, interessiert zu wirken, aber ich hatte keine Energie zum Reden mehr übrig, was ihm wohl auch auffiel. Ich entschuldigte mich, erklärte ihm, dass ich unter furchtbarem Jetlag litt, und machte mich auf den Weg zu meinem Zimmer. Es war das womöglich schönste billige Hotelzimmer, das ich je bewohnt hatte, aber ich war zu müde, um mich darüber zu freuen. Ich ging kurz duschen und fiel ins Bett.