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Linie

IM UNTERGRUND

Mir spukten unablässig Bilder einer Klinge, die Jays Handgelenk aufschlitzte, durch den Kopf und ich sah dunkles, pulsierendes Blut aus seinem Arm quellen, bevor es im Badewasser hellrot wurde.

Wenn man jemandem beim Sterben hilft, weil er oder sie darum bittet, fällt das dann unter Mord? Vor Gericht vielleicht schon, aber aus moralischer Sicht kann es doch nicht falsch sein. Oder? Warum hatte sie denn auch dabei sein müssen? Warum hatte sie das für ihn getan? Allerdings war Butterfly eine versierte Geschichtenerzählerin, das musste nicht heißen, dass alles wirklich so passiert war. Ihre Anekdoten waren immer mehr wie Spiele gewesen – extrem und übertrieben.

Dieser Fährte musste ich also folgen. Ich setzte mich wieder an ihren Computer und fand schließlich den Mut weiterzusuchen. Ich sah mir die Namen in dem Meine Toten-Ordner genauer an: Tracy, Jay, Komori, Guy Bastide, Daddy, Fremder, Ben Constable. (Ben Constable!) Mit offenem Mund starrte ich auf den Bildschirm. Der Fremde war der Mann vom 11. September, Jay der Neffe ihres Kindermädchens. Das Komori hieß. Daddy war vermutlich ihr Vater. Guy Bastide könnte jener Dr. Bastide sein, der in dem Notizbuch über Jay erwähnt wurde. Wer Tracy sein sollte, wusste ich nicht. Ben Constable war ich. Was hatte das zu bedeuten? Die anderen sind tot, dachte ich im Stillen. Ich kramte nach etwas zum Schreiben. Ich wollte nicht vergessen, was Tomomi Ishikawa einmal zu mir gesagt hatte.

»Verdammt, ich wünschte, du wärst tot, Ben Constable.« Sie weinte. Ihre Stimmung war komplett umgeschlagen. Wahrscheinlich hatte sich schon seit einer ganzen Weile etwas in ihr aufgestaut, aber davon hatte ich nichts bemerkt und so bekam ich erst die Explosion mit. »Was denkst du dir eigentlich dabei, in meinem Leben herumzuschnüffeln?«

Ich hatte überhaupt nicht geschnüffelt, wir hatten uns nur unterhalten und etwas getrunken. Sie hatte mir ein paar Sachen erzählt, ich weiß nicht mehr genau, worum es ging. Ich überlegte, ob ich sie in den Arm nehmen sollte, aber irgendwie war mir nicht danach. Ich habe kein Problem damit, jemanden zu trösten, wenn es ihm schlecht geht, aber ich lasse mich bestimmt nicht zum Sündenbock machen. »Ich verstehe überhaupt nicht, was du meinst«, sagte ich.

»Ich meine, dass ich dich am liebsten gar nicht kennen würde. Hass wäre noch zu gut für dich.«

»Tut mir leid, aber ich habe keine Ahnung, was ich dir getan habe, und auch keine Lust, mit dir zusammen zu sein, wenn du so bist«, erwiderte ich.

»Dann geh doch. Verpiss dich einfach. Oder ich sorge dafür, dass du verschwindest. Wenn es sein muss, bringe ich dich um, verdammte Scheiße.«

Dazu fiel mir nichts mehr ein. Meine Beine kribbelten, als wollten sie mich daran erinnern, dass es Zeit war zu gehen.

Eine Sache, die ich an Tomomi Ishikawa immer gemocht hatte, war, dass sie nicht die Kontrolle verlor, wenn sie betrunken war. Sie wurde nicht anstrengend oder aggressiv oder verwandelte sich in ein heulendes Wrack. Darum konnte ich bis in alle Ewigkeit mit ihr plaudern und trinken. Hatte ich zumindest gedacht.

»Du kapierst überhaupt nichts, Ben Arschloch Constable. Du denkst, du weißt alles, aber du hast keine Ahnung.«

»Ich glaube, du solltest nach Hause gehen«, sagte ich zu ihr.

»Du hältst mich für ein Ungeheuer, oder?«

»Gerade halte ich dich hauptsächlich für jemanden, der betrunken ist und miese Laune hat, und darauf habe ich keine Lust.«

»Ich habe das Gesicht einer Wilden, ohne jede natürliche Färbung, und meine Lippen sind geschwollen und dunkel.«

»Hör auf. Ich bringe dich jetzt nach Hause.« Ich streckte die Hand aus, in einem letzten Versuch, sie nicht allein auf der Straße zurückzulassen, aber besonders viel Mitleid hatte ich eigentlich nicht mit ihr.

»Wenn du mich kennen würdest, würdest du mich für ein Ungeheuer halten.« Sie hakte sich bei mir ein und wischte ihre Tränen an meiner Schulter ab.

Ich seufzte. »Ich weiß ja nicht, was mit dir los ist, aber im Moment wirkst du wirklich wie ein ziemliches Ungeheuer.«

»Genau wie Bertha Antoinette Mason. Weißt du, wer das ist?«

»Nein.«

»Bertha Rochester? Jane Eyre? Charlotte Brontë?«

»Sturmhöhe?«, fragte ich matt.

»Idiot«, stieß sie hervor und in mir kochte Ärger hoch.

»Mir sagt das alles nichts. Du kommst mir ständig mit irgendwelchen Autoren und Leute wie du denken immer, dass ich die kennen müsste, aber ich kenne sie nun mal nicht und sie interessieren mich auch nicht.«

»Das ist ja, als würde ich mich hier mit dem letzten Dorftrottel unterhalten.«

»Wie wär’s, wenn du mal ein bisschen netter zu mir bist?«, schnappte ich und sie starrte schweigend zu Boden.

»Ignorier mich einfach«, murmelte sie, doch ihre Stimme klang immer noch eher wie ein Grollen.

»Das ist gar nicht so leicht, wenn du mir ständig Beleidigungen um die Ohren haust.«

»Alles, was ich dir erzähle, sind Lügen«, informierte sie mich. »Nichts davon ist die Wahrheit. Ich rede hier von Geschichten. Kannst du mir folgen?«

»Kein bisschen.«

Wie aus heiterem Himmel verkündete sie: »Ich glaube, ich werde mir das Leben nehmen müssen.«

»Ja, das wollte ich auch schon vorschlagen«, entgegnete ich und meine Stimme klang zu verbittert für einen Witz, doch sie lachte trotzdem. Wie zum Teufel soll man denn auf so etwas reagieren?

»Ich liebe dich.« Plötzlich war sie wieder ganz klein und weinte.

Ich zwang mich dazu, irgendetwas zu empfinden, und spannte den Arm an, sodass ihre Hand an der Stelle, wo sie in meiner Armbeuge lag, ein bisschen gedrückt wurde. »Du kannst dir doch später immer noch das Leben nehmen. Warte noch ein bisschen damit, okay? Die meiste Zeit über bist du ja nett und dann mag ich dich auch. Es gibt noch so viel, worüber wir reden müssen. Wir könnten noch ewig so weitermachen. Du solltest dich noch nicht umbringen.«

»Mir geht’s nicht gut, Ben Constable, und ich glaube, ich bin ein bisschen betrunken.«

»Habe ich gemerkt. Aber falls es dich tröstet, ich bin auch betrunken.«

»Morgen früh denken wir nicht mehr daran, okay?«

»Wenn du willst.«

»Ich will, dass wir es vergessen.«

Und das hätte ich auch fast.

Ich druckte alles aus, was ich seit Tomomi Ishikawas Tod auf ihrem Laptop gefunden hatte, und breitete die Seiten zusammen mit den Notizbüchern vor mir auf dem Boden aus, um mir einen Überblick zu verschaffen. Es musste noch andere Hinweise geben, denen ich bisher nicht gefolgt war. Sicher gab es noch mehr zu finden. Ich würde den Mein Paris-Ordner methodischer durchgehen und alles lesen, um herauszufinden, wo ich als Nächstes suchen sollte. Und da war ja auch noch diese Pflanze in der Metro. Das war mehr als ein subtiler Hinweis gewesen: Butterfly hatte mich explizit aufgefordert, ein Foto davon zu machen. Ich hätte mich längst darum kümmern sollen.

Ich fuhr mit dem Bus zum Parc des Buttes-Chaumont und sah geduldig aus dem Fenster, während wir im Stadtverkehr alle paar Meter anhielten und wieder anfuhren und dann auch nur im Schritttempo vorankamen. Am Südende des Parks stieg ich aus und fühlte mich, statt mich auf den Weg zur Metrostation zu machen, von den Bäumen und künstlichen Hügeln jenseits des Tors magisch angezogen, so als wollte ich mich vor einer besonders schwierigen oder furchteinflößenden Aufgabe drücken (obwohl sie keins von beidem war). Irgendjemand hatte mir mal erzählt, dass der Park früher ein Steinbruch gewesen war und eine ziemlich finstere Vergangenheit hatte. Ich weiß nicht mehr, ob er einmal Schauplatz eines Massakers oder einer Massenhinrichtung gewesen war oder so etwas in der Art. Heute jedenfalls war er der am aufwendigsten gestaltete Landschaftspark von ganz Paris und in den Augen mancher auch der schönste.

Irgendwann hatte ich keinen Vorwand mehr, länger dort herumzustehen. Ich ging die Treppe in die Metrostation hinunter und fuhr mit dem Aufzug bis auf den Bahnsteig.

Ich holte meine Kamera aus der Tasche und machte ein paar Probeaufnahmen, um zu sehen, ob das Licht ausreichte. Jetzt im Sommer war es hier unten gespenstisch still und die Station wurde nur von vereinzelten Touristen am Leben gehalten, die zu faul waren, von Jaurès aus zu laufen. Als die Bahn kam, waren ziemlich viele Sitzplätze frei, trotzdem blieb ich an der Tür stehen. Ich beobachtete die Lichter, die am Fenster vorbeihuschten, und hielt Ausschau nach einem Schimmer von Grün. Ich versuchte, nicht zu blinzeln, damit ich den Moment nicht verpasste. Vielleicht war da ja auch gar nichts; gut möglich, dass das Ganze mal wieder bloß Tomomi Ishikawas lebhafter Fantasie entsprungen war. Der Tunnel auf dieser Strecke ist ziemlich breit und kam mir an diesem Tag dunkler vor, als ich es von den anderen Linien in Erinnerung zu haben meinte. Mir gefiel, wie sich die Beschaffenheit der Wand ständig änderte. Am liebsten wäre ich den Weg zu Fuß gelaufen und hätte jede winzige Öffnung, jede dunkle Nische erkundet. Die Bahn gab ein Knarzen von sich, als die Schienen eine Rechtskurve beschrieben, und durchs Fenster sah ich, wie sich die anderen Waggons hinter uns herschlängelten. Aus dem Augenwinkel, nur ein kleines Stück von mir entfernt, erhaschte ich einen Blick auf etwas Grünes, dann war es wieder weg.

In der Metro auf der Linie 7bis zwischen Buttes-Chaumont und Bolivar wächst eine Pflanze; ich habe sie gesehen, sie sitzt direkt unter einer waagerechten Leuchtstoffröhre, ein Schimmer von Grün in der Dunkelheit. Wir erreichten Bolivar und ich rannte auf den Gegenbahnsteig, um die gleiche Strecke zurückzufahren.

Das Foto, das ich machte, war verschwommen. Zu stark verschwommen. Auf dem Display der Kamera suchte ich das Bild nach irgendeiner Spur von Grün ab, doch außer einem hellen waagerechten Streifen vor einem dunkelbräunlichen Hintergrund war nichts zu erkennen. Beim dritten Mal stieg ich an der Station Buttes-Chaumont ganz vorne ein, damit der Zug noch nicht seine volle Geschwindigkeit erreicht hatte, wenn wir an der Pflanze vorbeifuhren, was meine Chancen, ein gutes Foto zu bekommen, verbessern würde.

Jetzt, da ich wusste, an welcher Stelle ich suchen musste, sah ich die Pflanze jedes Mal, wenn wir daran vorbeifuhren. Doch selbst nachdem ich viermal hin- und zurückgefahren war, hatte ich noch immer kein zufriedenstellendes Bild. Die nächste Bahn, in die ich einstieg, verließ die Station und war kaum ganz um die Kurve, als sie abrupt stehen blieb. Der Fahrer entschuldigte sich für die Verzögerung und versicherte uns, dass es in ein paar Minuten weitergehen würde. Die Pflanze befand sich genau vor dem Fenster, an dem ich stand. Ich machte drei Fotos und war nach einem Blick auf das Display der Kamera einigermaßen zuversichtlich, dass ein scharfes Bild dabei war. Eine Frau, die sich mit mir im Waggon befand, lächelte mich an und musterte mich kurz von Kopf bis Fuß, dann sah sie wieder weg. In Paris sehen die Menschen einander an.

Zu Hause lud ich die Bilder auf Tomomi Ishikawas Computer. Ich löschte alle, die auch nur im Entferntesten verwackelt waren, und hatte am Ende genau eins übrig. Es gefiel mir. Das war ein schöner Schatz. Butterfly hatte recht. Mir gefiel der Gedanke, dass in der Metro tatsächlich eine Pflanze wuchs. Sie hatte kleine grüne, runde Blätter an bleichen, herabhängenden Zweigen. Es war keine schöne Pflanze, bloß irgendein Kraut, aber sie wuchs unterirdisch, mit nichts als einer schmalen Leuchtstoffröhre als Lichtquelle. Kann eine Pflanze mit so wenig Licht tatsächlich überleben? Anscheinend ja. Aber warum gibt es dann nicht mehr Pflanzen in der Metro? Es war die einzige, die ich dort je gesehen hatte, und ich war beeindruckt. Ich liebte diese Pflanze. Ich stellte das Foto als Desktophintergrund auf dem Laptop ein.

Erst zwei Tage später fiel mir etwas auf, das ich eigentlich sofort hätte bemerken müssen.

Die Pflanze aus der Metro leuchtete mir von Butterflys Laptopbildschirm entgegen, doch plötzlich sah ich hinter ihr, an der braunen Wand, Formen und Muster, die sich von dem Dunkel abhoben: Backsteinreihen, horizontale Streifen aus Rot und Weiß, wie man sie in jedem Metrotunnel sieht – und Wörter. Es hätte ein Graffiti sein können, aber dafür war die Schrift zu schlicht, die bleichen Buchstaben zu klein.

Ich öffnete das Bild in Photoshop, erhöhte den Belichtungswert und vergrößerte es. Jetzt erkannte ich unsaubere, hastig mit Kreide hingeschmierte Buchstaben in einer Mädchenschrift, in Butterflys Schrift. Hier lang, Ben Constable, stand dort und darunter wies ein Pfeil nach rechts.

Mein Herz machte einen Satz. Kein Zweifel. Tomomi Ishikawa hatte an der Wand des Tunnels eine Nachricht für mich hinterlassen. Wie zum Teufel war sie denn in einen Metrotunnel gelangt? Sie hatte schon immer gern die haarsträubendsten Eskapaden geplant, die nicht unbedingt legal und/oder geradezu gefährlich waren, aber sie hatte eben einfach eine große Klappe gehabt. Butterfly machte diese Sachen nicht. Es waren nur Ideen. Aber ich kenne ihre Schrift. Diese Nachricht hatte sie geschrieben. Und außerdem, wer sollte es denn auch sonst gewesen sein?

Wenn ich das Ganze richtig verstand, sollte ich also in den Tunnel gehen und dem Pfeil folgen, der mich zu einem weiteren verborgenen Schatz führen würde. Aber ich konnte ja wohl schlecht einfach da hineinspazieren. Dazu war ich zu feige, das gab ich gern zu. Es war eine nette Idee, aber so etwas machte ich im wahren Leben nicht. Ich fragte mich, was wohl diesmal der Schatz sein würde. Ein weiterer Mord?

Erst ein paar Stunden später, während ich zusah, wie der Himmel die Wolken nach Osten schob, fiel mir eine Lösung ein. Na ja, eigentlich war es eher eine Halb-Lösung. Ich würde einfach ganz oft mit der Metro hin- und herfahren und jeden Zentimeter zwischen Buttes-Chaumont und Bolivar fotografieren. Tausende von Fotos würde ich machen und sie anschließend zusammenfügen, sodass ich die gesamte Tunnelwand sehen konnte. Und dann würde ich jeden Backstein genau unter die Lupe nehmen, bis ich fand, wonach ich suchen sollte. Und wenn es ein Bild war oder irgendetwas anderes zum Anschauen, musste ich wenigstens nicht zu Fuß in den Tunnel und dabei meine Freiheit und mein Leben aufs Spiel setzen. Natürlich konnte es auch ein Umschlag oder so etwas sein, aber darum würde ich mich kümmern, wenn – falls – es so weit war.

Den Rest des Tages brachte ich damit zu, mit der Linie 7bis hin- und herzufahren und Fotos zu schießen, während die anderen Fahrgäste Gleichgültigkeit vortäuschten oder mich in einigen Fällen mit unverhohlener Neugier anstarrten. Ich zählte das Klicken des Auslösers, maß die Abstände zwischen Lampen und anderen Orientierungspunkten und zeichnete eine Skizze in mein Notizbuch. Es war wichtig, dass ich den gesamten Tunnel fotografierte. Wie ein Zombie arbeitete ich durch bis nachts um halb zwölf und ging schließlich mit 517 Fotos nach Hause. Ich löschte alles, was verschwommen oder doppelt war, bis ich noch ungefähr 200 Bilder übrig hatte, die die Tunnelwand so ziemlich in voller Länge abdeckten. Dann begann ich, an Tomomi Ishikawas Computer eine Collage zu erstellen. Eine lange Kette aus einander überlappenden Fotos.

Gegen fünf Uhr morgens schlief ich komplett bekleidet ein, dann wachte ich wieder auf und machte weiter. Um drei Uhr nachmittags hatte ich dann ein einziges großes Bild von der Strecke zwischen Buttes-Chaumont und Bolivar, das ich von rechts nach links durchscrollen konnte.

Plötzlich merkte ich, dass ich riesigen Hunger und Durst hatte und außerdem dringend zur Toilette musste. Es war fast, als hätte ich meinen Körper für zwei Tage abgeschaltet, um mich ganz dieser einen Sache widmen zu können. Normalerweise kann ich mich gerade mal lange genug konzentrieren, um meinen eigenen Namen zu schreiben. Während der letzten paar Monate hatte ich nicht mehr als sechs Seiten zu Papier gebracht. Ich war erstaunt, wie sehr ich mich für diese mühselige Arbeit aufgeopfert hatte. Schnell machte ich mir etwas zu essen und ging dann duschen.

Ich räumte die Küche auf und setzte mich zurück an den Computer, um mir das Bild genauer anzusehen. Das neue Foto von der Pflanze war sogar noch besser als das, was ich schon hatte, und die Schrift an der Wand war gestochen scharf zu erkennen. Ich folgte dem Pfeil, doch ich musste gar nicht weit scrollen. Etwa dreißig Meter von der Pflanze entfernt stieß ich auf eine türartige Öffnung; dahinter führten ein paar Stufen nach unten und irgendetwas war dort an die Wand gemalt. Ich zoomte heran und erkannte, dass es ein Pfeil war, der in einem Fünfundvierziggradwinkel nach unten deutete. Darunter stand in ungelenken Druckbuchstaben: Hier runter, BC.

Scheiße. Sie wollte also, dass ich in den Tunnel ging und dann weiter in irgendeine verborgene, unterirdische Welt. Ich konnte nicht in den Tunnel. Das würde mit Sicherheit Ärger geben. Kein besonders guter Grund, nicht hin und wieder mal ein kleines Abenteuer einzugehen, ich weiß, aber so war es nun mal. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, so etwas zu tun. Es war unmöglich. Und außerdem völliger Unsinn, ein so großes Risiko einzugehen, nur um irgendetwas zu finden, das mir eine Tote hinterlassen hatte.

Ich stand da und starrte Richtung Süden in den Tunnel am Ende der Metrostation Buttes-Chaumont. Direkt vor mir hing ein gelbes Schild, das mir den Durchgang untersagte und außerdem den Weg die kleine Treppe hinunter versperrte. Auf dem Bahnsteig standen ein paar Leute und warteten, zu viele, als dass ich es unbemerkt die Stufen hinunter geschafft hätte. Wie stellten all die Graffiti-Sprayer das bloß an? Es musste Hunderte von Leuten geben, die diese Tunnel andauernd benutzten. Warum dann nicht ich? Ich beschloss, dass ich wohl besser bis nachts wartete, wenn keine Metro mehr fuhr. Dann wäre niemand mehr hier und außerdem bestand nicht die Gefahr, dass ich von einer U-Bahn überrollt oder von einem Stromschlag gegrillt wurde (vorausgesetzt, sie schalteten den Strom nachts aus). Neben den Gleisen war gerade genug Platz für eine Person. Nicht wie in London, dachte ich. Wenn man dort in einem U-Bahn-Tunnel neben den Schienen herlaufen würde und ein Zug käme, würde man komplett zerquetscht werden. Hier dagegen hätte man immer noch ein gutes Stück Luft, solange man sich nah an der Wand hielt.

Eine Bahn kam auf mich zugerast und fuhr in die Station ein. Ich beobachtete, wie eine Handvoll Leute aus- und einstiegen, und noch während die letzten in den Aufzug stiegen, der sie nach oben bringen sollte, kam schon der nächste Schwung. Nie im Leben würde ich es so auf die Gleise schaffen. Oder war ich einfach nur ein Feigling? Als wollte er bestätigen, dass ich das Problem damit haargenau erkannt hatte, tauchte plötzlich Cat auf. Hallo, Cat, dachte ich. Er starrte in den Tunnel. Und dann, ohne sich auch nur noch einmal nach mir umzusehen, marschierte er unter dem gelben Schild hindurch, das ihn vor Lebensgefahr warnte, und lief die Stufen hinunter in die Dunkelheit. »Scheiße, was machst du denn da, Cat?«, zischte ich, aber wahrscheinlich verstand er noch nicht einmal meine Frage.

Er trottete ein paar Meter weit und schnüffelte wie ein professioneller Spürhund auf dem Boden herum.

Cat, tu doch nicht so, als hättest du irgendeinen Plan. Den hast du nämlich nicht.

Er machte noch ein paar Schritte und wartete erneut, bevor er schließlich seelenruhig in Richtung der Pflanze davonlief, die sich ein ganzes Stück weiter in der Dunkelheit befand.

Cat, komm zurück! Lass mich nicht allein hier.

Nach einer Minute kam eine weitere Bahn. Ich blickte betont gleichgültig an die Decke, bis sie weiterfuhr. Dann starrte ich wieder in den Tunnel und beobachtete, wie sich die Rücklichter der Bahn entfernten.

Hoffentlich geht es Cat gut (blödes Vieh).

Ein paar Leute kamen aus dem Lift und ich versuchte abermals, unschuldig auszusehen.

Als der nächste Zug einfuhr, trat ich vom Bahnsteigrand zurück und ließ mich an der Wand hinuntergleiten, bis ich in der Hocke saß und auf den Boden starrte. Leute gingen an mir vorbei und zwei weitere Bahnen fuhren ein.

Was ist, wenn Cat nicht zurückkommt? Muss man sich um imaginäre Katzen Sorgen machen oder kann man sich darauf verlassen, dass sie schon von allein nach Hause zurückfinden? Ich glaube, ich kenne die Antwort auf diese Frage.

Da steckte er plötzlich den Kopf um die Ecke und sah mich an. »Was denn?« Er sah mich einfach an und wartete, dann warf er einen Blick zurück in den Tunnel und drehte sich wieder zu mir um. »Ich gehe da nicht rein, Cat. Dann werde ich nur erwischt oder es gibt einen schrecklichen Unfall oder was weiß ich.« Er starrte mich noch eine Weile an, dann setzte er sich hin und leckte sich eine seiner Pfoten. »Vergiss es, Cat. Ich kann das nicht.«

Eine Frau in dunkelgrüner Uniform stieg aus dem Lift und kam direkt auf mich zu. »Monsieur?« Sie erkundigte sich, ob mit mir alles in Ordnung sei, und ich war schon kurz davor, einfach zu antworten, mir sei ein bisschen schwindelig geworden, aber es gehe schon wieder. Andererseits wollte ich nicht, dass sie sich weiter um mich kümmerte oder sich verpflichtet fühlte, mir zu helfen, also erklärte ich, dass ich auf jemanden wartete. Sie schenkte mir einen gelangweilten Blick und forderte mich auf, das dann doch bitte auf einem der dafür vorgesehenen Sitze zu tun. Als ich aufstand, war sie schon wieder auf dem Weg zum Aufzug. Wahrscheinlich hatte ich auf irgendeiner Überwachungskamera verdächtig gewirkt und sie war vorbeigekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Im selben Moment, als sie sich noch einmal zu mir umdrehte, um sich zu vergewissern, dass ich zu den Sitzen ging, drehte ich mich noch einmal zu ihr um, um mich zu vergewissern, dass sie mich nicht mehr beobachtete, was ziemlich peinlich war. Schnell ließ ich mich auf einen der weißen Formschalensitze fallen und Cat kam gemütlich zu mir gezockelt.

»Ich kann das nicht, Cat. Ich habe schon Ärger bekommen, nur weil ich auf dem Boden gehockt habe, dabei hockt doch wohl jeder mal in einer Metrostation auf dem Boden, verdammt. Manche Bettler sitzen den ganzen Tag hier rum, aber kaum mache ich das, kommt sofort jemand in Uniform angerannt und verbietet es mir. Überleg nur, was passieren würde, wenn ich einfach auf die Gleise marschieren würde. Ich tue mich nun mal ein bisschen schwer im Umgang mit Autoritätspersonen, Cat, und ich gerate leicht in Schwierigkeiten. Außerdem bin ich ein Feigling. Ich kann das nicht.«

Cat stand auf und stolzierte davon und ich wartete eine Minute ab, um sicherzugehen, dass ich ihn nicht einholen würde, dann nahm ich den Aufzug nach oben und trat in die Nacht hinaus.