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JOGHURT UND DIE EAST VILLAGE GARDENING ASSOCIATION

Am nächsten Tag wurde mein Gepäck geliefert, aber das war nur ein schwacher Trost. Als ich aufwachte, war ich gereizt und starrte eine Weile bloß an die Decke, dann schaltete ich den Fernseher ein, bis ich mich aus Langeweile doch wieder der Zimmerdecke zuwandte.

Ich vermisste Butterfly, aber das war nur eine Fehlinterpretation, so wie wenn man annimmt, man wäre müde, obwohl man in Wirklichkeit Durst hat. Nichts ergab mehr einen Sinn. Tomomi Ishikawa war nicht nur tot, nein, sie hatte auch noch ihr eigenes Andenken beschmutzt, sodass ich sie nicht einmal anständig vermissen konnte.

Ich überlegte, ob ich Beatrice anrufen sollte, aber sie hatte mich gebeten, es nicht zu tun, also schrieb ich ihr stattdessen eine SMS, die ich aber sofort wieder löschte. Dann sah ich Cat über die Feuerleiter balancieren, bevor er mit umsichtiger Präzision durch das offene Fenster ins Hotelzimmer sprang. Sorgsam suchte er sich einen Platz auf dem Bett und ließ sich dort nieder.

»Hier herrscht gerade ein ziemliches Chaos«, erklärte ich ihm und schlief kurz darauf wieder ein, tief und völlig überflüssigerweise. Als ich das nächste Mal aufwachte, war er fort.

Es war vier Uhr nachmittags. Ich ging duschen, rasierte mich und zog mir frische Sachen an, was ein ziemlich gutes Gefühl war. Die ganze Zeit über musste ich jedoch den Gedanken an Butterfly und ihre Toten verdrängen. Ich verließ das Hotel und aß in einer Pizzeria, bevor ich mir eine Bar suchte und mich an einen der Tische im Außenbereich setzte, wo ich in mein Notizbuch schrieb und ein Bier nach dem anderen trank. Irgendwann wiesen mich meine Beine darauf hin, dass ich aufstehen und mich bewegen sollte. Also wanderte ich durch die Straßen, bis ich in der Avenue A auf ein japanisches Restaurant stieß. Ich aß Sushi nach Herzenslust und trank eine kleine Karaffe Sake. Auf dem Weg zurück zum Hotel kehrte ich noch kurz in einer kleinen Kellerbar ein, schrieb ein bisschen mehr in mein Notizbuch und trank zwei weitere Gläser Bier. Das war mein Tag.

Am nächsten Morgen wachte ich mit einem ziemlich dicken Schädel auf und trank so viel Wasser, wie mein Magen nur fassen konnte. Kaum war ich wieder eingeschlafen, erhielt ich eine SMS von Beatrice. Bist du schon auf?, schrieb sie.

Ich fragte mich, ob sie sich in der Nummer geirrt hatte, und überlegte kurz, die Nachricht zu ignorieren, dann aber antwortete ich doch: Mehr o weniger. Wie geht’s?

Schon besser. U dir?

Bisschen durch.

Durch? Heute Nachmi treffen? Kann zum Hotel kommen. Vllt Kaffee in deinem Frühstücksladen?

Durch wie kaputt/fertig/erschöpft. Frühstücksladen klingt gut. Wann?

Aha … 2 Uhr.

OK. Bis später.

Dann schlief ich wieder ein.

Auf dem Weg zu meinem Treffen mit Beatrice ging ich noch schnell meine E-Mails checken. Streetny wurde langsam nachlässig und hielt sich nicht mal mehr mit einer Einleitung auf.

An: Ben Constable
Von: charlesstreetny15@hotmail.com
Betreff: Von Tomomi Ishikawa
Gesendet: 23. 08. 2007 12 : 49 (GMT-6)

Ben Constable,

du musst langsam ein schreckliches Bild von mir haben. Manchmal frage ich mich, ob es fair von mir ist, dich mit all den düsteren Geheimnissen aus meiner Vergangenheit zu belasten. Ich weiß wirklich nicht, womit du das verdient hast. Ich bin kurz davor, einfach aufzugeben und dich in Frieden zu lassen, aber dann würde so vieles unvollendet bleiben. Ich habe das Gefühl, nun muss ich es auch zu Ende bringen und dir alles erzählen. Aber nicht heute.

Der heutige Schatz soll dich in den Genuss der einfachen Freuden New Yorks bringen. Ich wollte ihn eigentlich an einem meiner liebsten grünen Orte vergraben, aber dann kam mir der Gedanke, du könntest möglicherweise eine Pause vertragen, darum gibt es heute mal keine Hinweise und du brauchst auch kein Grabwerkzeug. In New York gibt es Hunderte winziger Gärten, die die Bürger auf ungenutzten Flächen geschaffen haben, vielleicht sogar noch mehr als in Paris. Einer dieser Orte, die eine bedeutende Rolle in meiner Vergangenheit gespielt haben – Orte, an denen ich hin und wieder mal Unkraut gejätet oder ein Buch gelesen habe –, ist der Gemeinschaftsgarten an der Ecke 6th Street und Avenue B. Ich selbst war dort nie Mitglied, weil ich dafür in der falschen Gegend gewohnt habe, hatte aber das Glück, mit einer netten alten Dame namens Iris befreundet zu sein, die die Vorsitzende der East Village Gardening Association ist und mich des Öfteren mit der Pflege ihres Beets betraute, wenn sie einmal nicht in der Stadt war oder auch einfach so. Neben dem üppigen Baum- und Pflanzenbestand dieses Gartens ist außerdem noch ein Kunstwerk in Form eines etwa achtzehn Meter hohen Holzturms erwähnenswert, der mit verlorenem Spielzeug geschmückt ist. Wenn du dort an einem Nachmittag vorbeischaust, wirst du mit größter Wahrscheinlichkeit Iris begegnen, denn dann ist sie meistens da. Du solltest vielleicht wissen, dass sie einen Luftröhrenschnitt hat und trotz des Trainings mit einem dieser Vibrationsgeräte nicht sprechen kann, also stell ihr nicht allzu viele Fragen. Sag ihr, dass dein Name Ben Constable ist und dass du ein Freund von Tomomi Ishikawa bist, dann wird sie dir etwas geben.

Auf einmal bin ich furchtbar müde und tue mir selbst leid. Ich habe Angst, dass du mich hassen wirst. Mein Spiegelbild ist garstig, mein Gesicht ohne jede natürliche Färbung – das Gesicht einer Wilden. Ich liebe dich, wirklich, Ben Constable. Tut mir leid, dass ich dir solchen Kummer bereite.

Butterfly

Ich überprüfte die IP-Adresse. Die Mail war etwa drei Stunden zuvor von New York aus versendet worden. Ich druckte sie aus und steckte sie ein.

Als ich in dem Café ankam, war ich zwanzig Minuten zu spät und hatte ein schlechtes Gewissen, doch Beatrice, die mit einer großen Sonnenbrille auf der Nase auf der Terrasse saß, lächelte mir gut gelaunt entgegen.

»Hey, was liegt an?«, begrüßte sie mich.

»Sehr gut, danke. Und selbst?«, entgegnete ich. »Entschuldige, dass ich so spät bin.«

»Kein Problem. Hey, tut mir leid wegen vorgestern.« Sie schlürfte etwas von ihrem farblosen Getränk durch einen Strohhalm. »Da ging es mir nicht so gut.«

»Schon in Ordnung.«

»Dafür dir heute nicht«, bemerkte sie.

»Ich bin wahrscheinlich gerade nicht sonderlich unterhaltsam.«

»Ach na ja, man kann nicht jeden Tag unterhaltsam sein. Trink erst mal was.«

»Ich überlege, ob ich vielleicht einfach zurück nach Paris fliegen soll.«

»Hast du mit der Butterfly-Geschichte abgeschlossen?«

»Ich weiß nicht.«

»Willst du lieber allein sein? Ich habe immer genug zu tun. Wäre kein Problem.«

»Nein, schon gut. Ich würde nur gern noch eine Sache erledigen. Ist ganz hier in der Nähe, glaube ich.« Ich reichte ihr die ausgedruckte E-Mail von Streetny und sie überflog sie innerhalb weniger Sekunden.

»Das ist ein nettes Plätzchen. Aber ich finde, du solltest dir mal eine Pause von diesem Wahnsinn gönnen. Wenn du deine Sache da erledigt hast, könnten wir ja vielleicht ein bisschen in den Central Park gehen. Da ist es schön und sehr new-yorkerisch und es hat nichts mit Butterfly zu tun. Außerdem sollte jeder Besucher mal da gewesen sein.«

»Klingt gut.« Ich lächelte. »Soll ich mir was zu trinken bestellen oder wollen wir direkt los?«

»Bestell dir ruhig was«, erwiderte sie und musterte mich dann von Kopf bis Fuß. »Hey – dein Gepäck ist angekommen.«

»Jepp.« Ich grinste.

»Du wirkst gleich viel frischer.«

»Danke schön, du bist aber auch nicht übel.«

Auf dem Weg zu dem Garten an der Ecke 6th Street und Avenue B durchquerten wir den Tompkins Square Park.

»Hast du den Schatz an meiner Schule gefunden?«, fragte Beatrice, als hätte sie dafür erst Mut sammeln müssen.

»Ja, war ziemlich einfach.«

»Ging es wieder um einen Mord?«

»Ja.« So unverblümt hatte ich es nicht formulieren wollen.

»Hatte es irgendetwas mit mir zu tun?«

»Du kamst nicht vor. Es ging um ihren alten Englischlehrer.«

»Okay. Wann war das denn?« Sie klang ruhig, aber auch eine Spur besorgt.

»Ich glaube, es war 1997.«

»Okay.«

»Butterfly hat ein Mädchen erwähnt«, fuhr ich fort, »ein bisschen jünger als sie selbst – Jane. Kennst du eine Jane? Sie soll eher unscheinbar gewesen sein und eine Affäre mit dem Lehrer gehabt haben – vor dem Mord natürlich.«

»Natürlich.« Beatrice schwieg so lange, dass ich mich nach einer Weile zu ihr umdrehte und sie ansah. Sie lächelte mich hinter ihrer großen Sonnenbrille an. »Vielleicht sollte ich es mal lesen«, sagte sie dann.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich ihr das Notizbuch einfach geben wollte, aber schließlich hatte ich es mitgebracht. Also musste ich etwas in der Art vorgehabt haben, sonst wäre es wohl kaum in meiner Tasche gewesen.

»Einer der Lehrer an meiner Schule wurde, kurz nachdem ich abgegangen war, als vermisst gemeldet. Ich will nicht drängeln oder so, aber ich habe dir ja schon letztes Mal gesagt, dass das alles ein bisschen mehr mit meinem eigenen Leben zu tun hat, als mir lieb ist. Ich würde es wirklich gern lesen, bitte. Ich möchte mich einfach vergewissern, dass ich in der Geschichte höchstens als Statistin vorkomme und nicht die Hauptrolle spiele.«

»Okay.« Ich holte das Buch aus der Tasche und reichte es ihr.

»Du hast es dabei?«

»Ja.«

Beatrice steckte das Buch ein und mit ihm verschwand jeder Anflug von Unsicherheit aus ihrer wiederhergestellten guten Laune.

Wir fanden den Eingang des Gartens, der sich als üppig grüne, schattige Oase voller Bäume und Blumen herausstellte, etwas ausgereifter als die Gemeinschaftsgärten, die ich in Paris gesehen hatte. Überragt wurde all das Grün von einem leicht düster wirkenden, etwa achtzehn Meter hohen Holzturm, an dem vergessene Puppen und anderes Spielzeug hingen.

»Soll der wohl Kinder abschrecken?«, fragte ich Beatrice mit gesenkter Stimme.

»Entschuldigen Sie?« Beatrice ging nicht auf meine Frage ein, sondern wandte sich an eine Frau, die vor einem der winzigen Beete hockte und die Erde zwischen den Pflanzen auflockerte. »Wir sind auf der Suche nach Iris. Können Sie uns sagen, ob sie hier ist?«

Ich war schockiert. Das hier war meine Schatzsuche. Ich wollte nicht, dass Beatrice das Ruder übernahm.

»Iris Gunther?«, fragte die Frau. »Ja, die ist da drüben.« Wir folgten ihrem Zeigefinger, um zu sehen, ob die alte Dame, auf die sie deutete, unsere Iris sein könnte. »Iris!«, rief die Frau. »Hier sind zwei junge Leute, die dich sprechen wollen.«

Iris war groß und schön, sie trug ihr weißes Haar zu einem Knoten geschlungen und war komplett weiß gekleidet. Ihre Bluse war hochgeschlossen (vermutlich, um das Loch an der Stelle zu verbergen, wo sich einst ihr Kehlkopf befunden hatte) und um ihre Schultern lag ein Schal, der vorne von einer Brosche in Form eines Schmetterlings zusammengehalten wurde.

Ich hob die Hand, um Beatrice am Sprechen zu hindern, doch sie starrte Iris ohnehin nur staunend an.

»Mein Name ist Benjamin Constable«, ich streckte ihr die Hand entgegen, »und das hier ist meine Freundin Beatrice.« Iris hakte ihre Rosenschere in ihre Rocktasche und zog bedächtig ihre Gartenhandschuhe aus. Sie lächelte und schüttelte erst mir die Hand und dann Beatrice. »Ich bin ein Freund von Tomomi Ishikawa. Sie sagte, Sie hätten etwas für mich.«

Wieder lächelte sie und nickte, dann zog sie aus der anderen Rocktasche einen Notizblock, schlug ihn auf und hielt ihn hoch. Ich kann leider nicht sprechen; ich habe keine Stimme, stand dort geschrieben in der elegant geschwungenen Handschrift einer anderen Generation.

»Ich weiß.« Ich lächelte. »Butterfly hat es mir gesagt.«

Sie blickte mich verständnislos an und ich fügte hinzu: »Tomomi Ishikawa.« Ihr Lächeln kehrte zurück und sie nickte.

Mit Blicken und einer Handbewegung bedeutete sie uns, ihr zu folgen. Sie hatte etwas Kindliches an sich, so als hätte der Umstand, dass sie in ihrer Ausdrucksweise auf Gesten beschränkt war, sie vollkommen unschuldig gemacht. Sie führte uns zu einem kleinen, rechteckigen Stück Teppich, das während der Arbeit als Polster für ihre Knie diente. Dieser Gartenabschnitt quoll geradezu über vor Pflanzen, die aus Töpfen oder direkt aus der gepflegten Erde emporwuchsen. Unter anderem sah ich auch eine Buddleja mit lilafarbenen Blütenzapfen. Neben dem Teppich lagen allerhand Gartenwerkzeuge um eine alte Ledertasche verstreut: eine Küchenschere, eine Schaufel und eine kleine Harke. Iris nahm einen Umschlag aus der Tasche und reichte ihn mir.

»Danke«, sagte ich strahlend.

Es war kein Papier darin, kein Notizbuch, sondern etwas Dreidimensionaleres, gut Verpacktes.

Ein paar zähe Sekunden lang breitete sich Schweigen zwischen uns aus. Ich sah Beatrice an, überrascht, dass sie gar nichts mehr gesagt hatte. Ihr Blick war fest auf die alte Dame gerichtet, bevor sie ihn kurz von ihr löste und meinen auffing. Zum Schluss schüttelten sich abermals alle die Hände und ich musste Beatrice regelrecht aus dem Garten schleifen. Bevor wir durch das Tor traten, drehte ich mich noch einmal um und winkte.

»Oh Mann, ich glaube, ich bin verliebt«, schwärmte sie.

Ich riss den Umschlag auf und wir spähten hinein. Dann hielt ich ihn Beatrice hin, um sie herausholen zu lassen, was auch immer sich darin befand, doch sie zog übertrieben erschrocken die Hand weg, also machte ich es selbst. Ein mit Gummibändern zusammengehaltenes Bündel aus Luftpolsterfolie kam zum Vorschein. Darin befanden sich zwei Metalllöffel, drei Eindollarscheine und ein kleiner quadratischer Zettel, wie ein Post-it, nur ohne Klebefläche.

Darauf stand eine Nachricht:

Hier eine Anleitung, die zu einem außergewöhnlichen Joghurterlebnis führt (wenn du ein Mädchen einlädst, kannst du bestimmt Eindruck bei ihr schinden): Sucht den Feinkostladen auf der Elizabeth Street zwischen Bleecker und Houston und kauft dort Blaubeerjoghurt, dann geht in den Albert’s Garden auf der East 2nd Street, esst den Blaubeerjoghurt mit den beiliegenden Löffeln, setzt euch auf eine Bank und genießt die Einfachheit dieses unscheinbaren Schatzes.

B. X O X O X

Ich reichte Beatrice den gelben Zettel, die ihn kurz überflog und dann umdrehte, um zu sehen, ob noch etwas auf der Rückseite stand.

»Wie kommt sie darauf, dass du ein Mädchen bei dir haben könntest?«

»Keine Ahnung.«

»Kennst du viele Mädchen?«

»Ein paar«, meinte ich.

»Lass uns nicht da hingehen«, sagte Beatrice.

»Wieso nicht?«, fragte ich.

»Wir wollten doch in den Central Park. Ich kenne einen Laden in Midtown, da gibt es auch ziemlich leckeren Joghurt.«

»Aber vielleicht ist der Joghurt ja gar nicht der Schatz. Vielleicht hat irgendwer in dem Feinkostladen noch etwas anderes für mich.«

»Ja, Gift wahrscheinlich. Lass uns nicht da hingehen, Ben. Komm schon. Du bist doch ein großer Junge. Du musst nicht alles machen, was deine tote Butterfly von dir verlangt.«

Ich erwiderte nichts.

»Du meintest doch, du bräuchtest mal eine Pause von ihr. Das hat sie ja sogar selbst gesagt. Ich will eigentlich gar nichts mehr mit deiner Schatzsuche zu tun haben. Komm. Lass uns was anderes machen.«

Ich lächelte.

Also stiegen wir an der Station auf der 2nd Avenue, an der ich vier Tage zuvor in Manhattan angekommen war, in die Linie F. Auf Höhe der 42nd Street griff Beatrice mich beim Arm.

»Los, lass uns aussteigen«, sagte sie und ich folgte ihr. »Es ist so ein schöner Tag und es gibt so viel zu sehen. Wir sollten lieber laufen. Für heute bin ich deine Stadtführerin.«

Und so schlenderten wir plaudernd die 5th Avenue hinauf, während Beatrice mich immer wieder auf irgendetwas hinwies. »Guck mal, da ist eine französische Buchhandlung«; »Das da ist das Rockefeller Center«; »Ein Stück da runter steht das Seagram Building – da drin gibt es ein Restaurant, das diese großen Gemälde von Mark Rothko in Auftrag gegeben hat, die heute bei euch in London im Tate Museum hängen.«

Als wir den Central Park erreichten, liefen wir ein Stück am Zoo entlang und spähten über den Zaun. Dann erklommen wir einen kleinen steinigen Hügel mit einem Pavillon, setzten uns hin und rauchten. Im Süden wirkte die Skyline wie das Gemälde einer riesigen Stadt, das durch die Bäume schimmerte, Richtung Norden schien sich der Park im Dunst der Ewigkeit zu verlieren.

»Hast du vor, irgendwann ein Buch über Butterfly zu schreiben?«, fragte Beatrice.

»Nein, das würde dann nämlich nur von Mord und Selbstmord und anderen schrecklichen Sachen handeln. Über so was will ich nicht schreiben. Obwohl mir das alles manchmal schon ziemlich wie ein Roman vorkommt. Wer weiß, vielleicht schreibe ich ihn ja doch eines Tages.« Ich holte mein Notizbuch aus der Tasche und blätterte für Beatrice die Seiten durch. »Ich habe schon angefangen, mir Notizen zu machen.«

Sie lehnte sich zu mir und warf einen Blick hinein. »Wow, du hast ja eine irre Handschrift.«

»Danke.«

»Aber wenn du wirklich über Butterfly schreiben willst, musst du die Schatzsuche wohl zu Ende bringen.«

»Ich weiß.« Ich nickte.

»Die Sache ist nur, wenn du wirklich glaubst, dass sie diese Morde begangen hat, solltest du vielleicht zur Polizei gehen.«

»Das weiß ich auch.«

»Und dann ist da noch etwas anderes, was bisher keiner von uns ausgesprochen hat, aber ich vermute zumindest, dass du darüber nachgedacht hast, auch wenn du dir nicht ganz sicher bist, und ich denke dasselbe wie du.«

Mein Herz begann schneller zu schlagen und mir wurde mulmig zumute, aber ich ließ mir nichts anmerken. »Was?«

»Du überlegst, ob Butterfly vielleicht gar nicht tot ist.«

»Warum wird eigentlich immer alles ein kleines bisschen komplizierter, wenn ich mit dir rede?«

»Es stimmt doch, oder?«, hakte sie nach. »Das muss dir doch in den Sinn gekommen sein.«

»Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann noch nicht mal daran denken.«

»Wieso nicht? Du bekommst regelmäßig E-Mails von ihr. Sie weiß, wo du bist und was du machst. Sie weiß sogar, wer mit dir zusammen ist. Für eine Tote ist das ein ziemlich ungewöhnliches Verhalten.«

»Aber seinen Tod täuscht man doch nicht einfach so vor, um seine Freunde zu unterhalten. Wenn ich anfange, das alles infrage zu stellen, werde ich verrückt. Sie ist tot. Sie muss es einfach sein. Alles andere würde bedeuten, dass da irgendeine verrückte Verschwörung im Gange ist, und dann bekomme ich auf einmal das ungute Gefühl, dass ich an klinischer Paranoia leide. Ich habe Angst, dass ich durchdrehe. Okay, es gibt Dinge, die ich an dieser ganzen Sache nicht verstehe, aber das ist in Ordnung so. Ich muss nicht immer alles verstehen.«

»Wie sieht es eigentlich im Moment so mit deinem Liebesleben aus?«

Ich sah sie an, unsicher, ob sie das Thema wechseln wollte oder ob ihre Frage in irgendeinem komplizierten Zusammenhang mit unserer aktuellen Unterhaltung stand. »Ich interessiere mich immer nur für Frauen, die entweder nicht zu haben sind oder sich nicht für mich interessieren«, witzelte ich.

»Hey, ich hoffe, du bist nicht sauer, wenn ich dich noch etwas frage …«

»Schieß los.«

»Meinst du, es könnte vielleicht sein, dass du ein kleines bisschen in Butterfly verliebt bist?«

Ich seufzte. »Das ist eine berechtigte Frage. Aber: nein.«

»Klingt ziemlich überzeugt.«

»Ich bin so sicher, weil ich mir die Frage selbst schon gestellt habe. In meinem Kopf ist die Antwort ziemlich eindeutig. Außerdem ist sie tot und war eine Serienkillerin.«

»Ich weiß, dass diese Schatzsuche traurig für dich sein muss, wahrscheinlich sogar richtig belastend, aber irgendwie hat das Ganze doch auch etwas ziemlich Romantisches an sich. Es ist eine nette Idee. Sie hat so viel Zeit damit verbracht, an dich zu denken und solch ein Abenteuer für dich vorzubereiten. Das zeugt von ziemlicher Zuneigung – und du überlegst sogar, ein Buch über sie zu schreiben. Auch das ist ein Zeichen von Zuneigung.«

»Ich liebe sie ja auch, aber nicht so, dass ich sie küssen wollte.«

»Was, hast du dich etwa nie körperlich zu ihr hingezogen gefühlt?«

»Na ja, sie ist auf keinen Fall unattraktiv oder so, aber mit Butterfly und mir war das einfach immer ganz anders. So was kommt vor. Manchmal findet man einen Menschen eben einfach faszinierend, ohne gleich mit ihm ins Bett springen zu wollen.«

»Hm.« Beatrice schien nicht ganz überzeugt.

»Und was ist mit dir?«, fragte ich.

»Wie, was ist mit mir?«

»Wie sieht es mit deinem Liebesleben aus?«

»Ich bin nicht zu haben.«

»Natürlich nicht.« Ich nickte.

»Hey, wenn das hier ein Film wäre, wer würde dich dann spielen?«

»Will Smith«, antwortete ich, ohne lange nachzudenken, so als hätte ich diese Entscheidung schon vor ewigen Zeiten getroffen.

»Der ist dir doch kein bisschen ähnlich.«

»Dann wäre das eben eine Herausforderung für ihn. Ich finde, er könnte durchaus mal wieder eine vertragen.«

»Ich meine, Gary Oldman würde besser passen. Oder John Malkovich.«

»Nein, du denkst viel zu oberflächlich. Außerdem sind die beide zu alt. Und wenn, dann wäre es auch ein ganz anderer Film.«

Beatrice lachte.

»Filme sind nie so wie die Bücher«, erklärte ich. »Darum darf die Wahl der Schauspieler ruhig ein bisschen überraschender ausfallen.«

»Soll ich dir zeigen, wo es tollen Joghurt gibt?«, fragte Beatrice. »Oder willst du lieber ein Eis?«

»Eis«, entschied ich, um meine geistige Unabhängigkeit zu demonstrieren.

»Na dann los«, sagte sie. »Tally-ho!«