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KOMORI

Als wir gingen, summte der Türöffner und ein Mann kam uns auf der Treppe entgegen.

Beatrice schwebte die Straße entlang und kicherte ununterbrochen über das, was gerade passiert war. »Mann, waren wir lustig!«

Durch meinen Kopf rasten zu viele Gedanken, als dass ich sie in irgendeine Art von Ordnung hätte bringen können.

Wir überquerten die 5th Avenue und gingen in ein Café auf der linken Straßenseite von St. Mark’s Place. Ich kannte diesen Laden. Hier hatte ich am Morgen gefrühstückt.

Wir setzten uns an einen Tisch im vorderen Teil und sagten eine Weile lang nichts, so als fände eine Art wortlose Kommunikation zwischen uns statt, die ich nicht recht verstand. Es war schön. Eine Kellnerin kam an unseren Tisch (möglicherweise dieselbe, die mich schon heute früh bedient hatte) und lächelte, als erkannte sie mich, was ihr einen verwirrten Blick von Beatrice einbrachte.

»Wir sollten weitertrinken, nachdem wir schon mal angefangen haben«, schlug sie vor. »Sonst werden wir nur müde.«

Ich grinste. »Bon plan.«

»Wein?«

»Rot.«

»Ich bringe gleich die Karte«, sagte die Kellnerin und kam kurz darauf mit der Speisekarte wieder.

»Oh Mann«, meinte ich. »Ich muss was essen.«

Wir bestellten eine Flasche Wein und ein Entrée für mich (nachdem Beatrice mich glücklicherweise darüber informiert hatte, dass dies in Amerika ein Hauptgericht war, sonst hätte ich es nämlich für eine Vorspeise gehalten und gleich zwei geordert). Beatrice entschied sich für ein paar Oliven »so zum Wegnaschen«.

Als der Wein vor uns stand und die Kellnerin wieder gegangen war, sagte sie: »Ben«, und ich sah sie an. »So wirst du doch bestimmt genannt, oder?«

»Ja, Ben, Benjamin, ist mir egal.«

»Ich weiß etwas über deine Freundin Tomomi Ishikawa.«

»Was denn?«

»Ich sehe jeden Tag ihren Namen.«

»Wo?«

»Zu Hause in meiner Wohnung.«

»Was? Wieso? Wo denn?«

»Auf einem Briefumschlag, der an meine Adresse geschickt wurde. Es waren eigentlich noch mehr, aber der Rest war bloß Werbung, darum habe ich sie weggeworfen. Aber dieser eine sah aus, als könnte er wichtig sein, darum habe ich ihn behalten. Er lehnt in meiner Küche an der Pfeffermühle. Sie hat früher mal in meiner Wohnung gewohnt.«

»Scheiße!«

»Das ist noch nicht alles.«

»Was?«

Sie holte tief Luft, bevor sie weiterredete. »Sie ist meine Vermieterin.«

»Verdammt!«

»Das Apartment, in dem ich wohne, gehört ihr.«

»Sie besitzt ein Apartment?«

»Vielleicht nicht nur eins. Ich weiß es nicht.«

»Also kennst du sie?«

»Nein«, erwiderte Beatrice entschlossen. »Die Wohnung wird von jemand anderem verwaltet, sie gehört ihr nur.«

»Das ist ja total schräg.«

»Ja, oder?«

»Total schräg. Das kann kein Zufall sein. Scheiße.«

Sie blickte mich mit großen Augen an und verzog ratlos den Mund.

»Wo ist die Wohnung?«

»In New York.«

»Äh ja, schon klar. Aber wo?«

»Williamsburg.« Sie kratzte sich an der Nase.

»Da war ich noch nie.«

»Ist ganz nett da.«

Ich dachte eine Weile über die Nettigkeit von Williamsburg nach. Mein Gehirn war überfordert.

»Sollen wir eine rauchen gehen?«, fragte ich.

Als wir draußen waren, holte sie ein Feuerzeug aus der Tasche und zündete erst mir eine Zigarette an, dann sich selbst.

»Das ist alles viel zu merkwürdig, um wahr zu sein«, konstatierte ich. »Warum hast du mir nicht erzählt, dass du mal in Paris gelebt hast?«

»Wir haben uns ja gerade erst kennengelernt.«

»Aber ich habe dir doch erzählt, dass ich in Frankreich lebe, und da sagst du nicht: Oh, das ist aber interessant, da habe ich auch mal gewohnt! – oder so was?«

»Ich habe es einfach für nicht so wichtig gehalten. Für irrelevant. Und wenn’s recht ist, entscheide ich immer noch selbst, was ich fremden Leuten über mich erzähle und was nicht.«

»Okay, du musst den Leuten ja auch nichts erzählen, was du nicht erzählen willst; ich wundere mich nur, das ist alles. Und dann hast du es auf einmal erwähnt, als wäre es total nebensächlich.«

»Ist es ja auch, wenn auch ziemlich interessant, das muss ich zugeben, aber ich kenne eine ganze Menge Leute, die schon in Paris gelebt haben. Da flippe ich eben nicht mehr jedes Mal aus.«

»Ja, aber du hast in Paris gewohnt und Tomomi Ishikawa ist deine Vermieterin und dann triffst du rein zufällig mich vor der New York Public Library und gehst mit mir auf Schatzsuche zu irgendeiner Frau nach Hause und jetzt bringst du mich in dasselbe Café, in dem ich heute Morgen gefrühstückt habe.«

»Ehrlich?« Endlich war sie mal beeindruckt.

»Ich weiß nicht, aber mir erscheint das wie eine ganze Menge Zufälle für einen einzigen Tag.«

»Stimmt, das sind wirklich viele Zufälle. Aber Zufälle sind was ganz Normales. Merkwürdig wäre es, wenn es keine Zufälle gäbe. Das würde bedeuten, dass es irgendeine höhere Macht gibt, die gleichartige Dinge voneinander getrennt hält. Und das wäre dann wirklich schräg.«

Darüber musste ich eine Sekunde nachdenken. »Okay, du hast recht. Aber ich weiß einfach nicht, was ich von alldem halten soll. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich annehmen soll, dass da irgendetwas im Gange ist.«

»Jetzt mal ganz locker bleiben, Kumpel«, sagte sie wie ein cooler Cop aus dem Fernsehen. »Darauf ist kein Mädchen sonderlich scharf. Du bist ja echt nett, und lustig auch, aber wieso musst du so ein Theater darum machen, dass wir ein paar Sachen gemeinsam haben? Andere Leute freuen sich über so was und lassen es dann gut sein.«

»Aber das Ganze hat damit angefangen, dass du mich gefragt hast, ob ich Feuer habe.«

»Na und?« Ihr Blick folgte meinem zu dem Feuerzeug, das sie immer noch in der Hand hielt. »Ich habe gerade in meiner Tasche danach gekramt, als ich gesehen habe, dass du rauchst. Es war leichter, dich zu fragen. Und dann hattest du so einen putzigen Akzent und hast mir die Sache mit der Schatzsuche und deiner toten Freundin erzählt. Das war eine ziemlich verlockende Kombination für eine stinknormale Mittagspause.«

»Okay.«

»Und dann wolltest du mit mir einen Kaffee trinken gehen und da habe ich mich gefragt, ob die ganze Geschichte wohl nur eine ziemlich aufwendige Masche ist. Aber das alles wirkte zu skurril, um erfunden zu sein, und du siehst einfach zu unschuldig aus.«

»Das mit der Unschuld ist nur Fassade.« Mein Verstand war noch immer nicht ganz beschwichtigt, aber ich musste aufhören, mir so viele Gedanken zu machen.

»Nach diesem Wein muss ich aber auch los«, erklärte Beatrice. »Ich habe immer noch ziemlich viel zu tun und ich will nicht schon mitten am Nachmittag sturzbetrunken sein.«

»Okay.«

»Außerdem möchtest du doch bestimmt das Notizbuch lesen, das wir gefunden haben.«

Wir gingen zurück ins Café, aßen unser Essen und tranken den Wein. Beatrice war ein kleines bisschen beschwipst und redete ziemlich viel. Sie hatte dieselben Bücher gelesen wie ich, ihr Wissen über Popmusik war geradezu enzyklopädisch und sie kannte alle guten Pariser Cafés und Bars von La Butte aux Cailles bis Montmartre. Ich mochte sie.

Fünf Minuten und eine zweite Flasche Wein später waren drei Stunden vergangen und Beatrice sah auf die Uhr und stöhnte: »Ach, verdammt, ich muss los. Kannst du die Kellnerin nach der Rechnung fragen, während ich mal kurz telefoniere?« Dann stand sie auf und ging nach draußen.

Als sie zurückkam, hatte ich schon bezahlt.

»Du hast alles allein bezahlt?«

»Ja.«

»Dann gebe ich dir was dazu.«

»Nein, das geht auf mich, wenn du nichts dagegen hast.«

»Okay. Danke. Dann bin ich aber nächstes Mal dran.«

»Gut.«

»So, jetzt muss ich aber wirklich los. Ruf mich mal an und halt mich auf dem Laufenden, wie du mit deiner Schatzsuche vorankommst, und dann trinken wir unseren Kaffee.«

»Eigentlich trinke ich gar keinen Kaffee.«

»Wie bitte?«, fragte sie in gespieltem Entsetzen. »Also hattest du tatsächlich nie die Absicht, mit mir Kaffee trinken zu gehen?«

»Nein, tut mir leid.«

Sie beugte sich zu mir rüber und küsste mich auf die Wangen, als wären wir in Frankreich, dann sagte sie: »Wir sehen uns.«

»Bis dann.«

Ich überlegte, ob ich bleiben sollte, um Butterflys Notizbuch zu lesen, aber nach meiner morgendlichen Wanderung taten mir die Beine weh und von dem Wein war mir ganz schwummrig im Kopf. Ich wollte allein sein, also ging ich zurück ins Hotel.

Keiko Sasaki (1941 – 1999)

Eines Tages, vor langer Zeit in New York, stieg eine Frau namens Keiko Sasaki (die ich als Komori kannte) in ein Taxi und fuhr in eine Privatklinik in New Jersey, um dort zu sterben.

Schon seit ich ein kleines Kind war, bereitete Komori mich auf ihren Tod vor. Sie las mir ihr Testament vor – eine eher unkomplizierte Angelegenheit, denn sie hinterließ so ziemlich alles mir. Sie sagte, ich könnte die Sachen verkaufen, wegwerfen oder damit machen, was immer ich wollte, trug mir jedoch auf, verschiedenen Leuten ein paar besondere Dinge zukommen zu lassen und einige andere als Andenken zu behalten. Sie bewohnte ein großes Apartment im West Village. In diesem Apartment bin ich aufgewachsen und hier – in diesem außergewöhnlichsten aller Gärten – sitze ich auch jetzt und schreibe, umgeben von Komoris zahllosen Topfpflanzen, die jedes Fensterbrett, jede Oberfläche bevölkern, im Badezimmer wie in der Küche, und selbst die Schränke (in denen sie die Blumenzwiebeln vortrieb). Neben all den Pflanzen und Sträuchern steht hier sogar ein kleiner japanischer Baum (eine Blutweide, auch Katsurabaum genannt und eigentlich zu groß für die Wohnung), den Komori am Tag meiner Geburt eingetopft hat. Er war ein Geschenk meines Vaters gewesen. Sie hat mir beigebracht, für all diese Pflanzen zu sorgen – jede von ihnen ihren Bedürfnissen entsprechend zu wässern, zu stutzen und zu düngen. In mancherlei Hinsicht war es eine ganz normale Beziehung zwischen einer erwachsenen Frau und einem kleinen Mädchen. In anderer wiederum nicht.

Ihr letzter Wille war nicht das Einzige, was in Bezug auf ihren Tod genauestens durchdacht war. Ein weiterer Punkt, der akribisch geplant werden wollte, war ihr Ableben selbst. Ihr Körper war von Krebs zerfressen. Sie hatte Monate und Jahre der Remission erlebt, gefolgt von immer neuen Tumoren in immer anderen Organen. Wenn sie durch ihre Chemotherapie zu geschwächt war, gab sie mich in die Obhut meiner überglücklichen Mutter, doch sobald mein Kindermädchen wieder auf zwei Beinen stehen konnte, holte es mich zu sich zurück. Aber der Tod sollte Komori nicht bezwingen. Wenn ihre Zeit irgendwann gekommen sein sollte, wollte sie in Würde sterben und (selbst wenn ihr eigenes Urteilsvermögen dazu nicht mehr ausreichte) ich sollte alles in die Wege leiten. Mein ganzes Leben war ich darauf vorbereitet worden, den Menschen, den ich auf der Welt am meisten liebte, zu töten.

Trotz meiner Jugend war mir klar, dass das nicht normal war, und so hütete ich ein (tödliches) Geheimnis. Selbst heute noch komme ich mir wie eine Verräterin vor, weil ich dies alles zu Papier bringe, aber ich hege weiterhin die Hoffnung, dass es mir Frieden schenken wird.

Als ich sechs Jahre alt war, machte sie zum ersten Mal Andeutungen, wenn auch angemessen vage, indem sie mir behutsam vermittelte, dass eine starke Persönlichkeit auch im Hinblick auf ihren Tod strikten Idealen folgen sollte. Erst als ich neun oder zehn war, erwähnte sie, dass das Ganze meine Mitarbeit erfordern würde; dass ich ihr, wenn ihre Zeit gekommen war, helfen sollte, in Würde zu sterben, und ich willigte ein. Komori hatte sich in den Kopf gesetzt, dem Schicksal oder Gott oder wer auch immer auf diesem Gebiet etwas zu sagen haben mochte, die Entscheidung über ihren Tod zu entreißen. Ihre Würde bestand darin, in jeder Situation die Kontrolle zu behalten, und war mir so wichtig wie das Leben selbst. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Darum dürfen diese Worte auf keinen Fall diese schützenden Buchdeckel verlassen, und doch bin ich mir sicher, dass dies nicht das Ende ihrer Reise ist, dass die Illusion der Beichte nicht ohne die Hoffnung auf eine Zuhörerschaft bestehen kann.

In schwachen Momenten suchte Komori bei mir Zuspruch. »Versprich mir, dass du es tun wirst, Butterfly«, »Versprich mir, dass du da bist, wenn ich dich brauche«, »Versprich mir, dass du keine Angst haben wirst, dass du es dir nicht anders überlegst.« Und ich versprach es.

Fünf Jahre vor ihrem Tod begannen wir, die Einzelheiten zu besprechen. Sie spürte, wie das Leben unaufhaltsam aus ihr heraussickerte, und wusste, dass es diesmal endgültig war. Es war an der Zeit, Vorbereitungen zu treffen. »Unser Plan muss fertig werden, solange ich noch zurechnungsfähig bin«, sagte sie immer wieder. »Lass uns noch mal alles durchgehen.« Komoris Tod sollte fehlerfrei und mit ruhiger Präzision herbeigeführt werden. Der Augenblick durfte nicht durch plötzlich aufkommende Nervosität oder Konzentrationsverlust getrübt werden, nicht zuletzt, weil ich nicht ins Gefängnis wandern wollte. Und so bereitete ich mich minutiös vor, wie eine Soldatin oder Terroristin, exerzierte in Gedanken jeden einzelnen Schritt durch, stählte mein Bewusstsein gegen jedes Gefühl von Angst oder Widerwillen, das die bevorstehende Aufgabe in mir auslöste. Ich prägte meinen Muskeln jede Bewegung ein, auf dass ich, selbst wenn mir jemand den Kopf abhackte, dieses letzte Versprechen mustergültig würde einlösen können, und ich war kein Neuling auf dem Gebiet des Tötens – das wäre geradezu unverantwortlich gewesen.

Das Gummiband der Zeit zog sich unausweichlich zusammen, zerrte mich näher und näher an den Augenblick heran, und ich verbannte alles andere aus meinem Geist, konzentrierte mich wie noch nie zuvor. Mein tägliches Leben wurde zu einer Fassade, zu nichts als hohlen Handlungen, ich lief wie auf Autopilot, während ich meditierte und mich wappnete; den Adrenalinspiegel niedrig halten, kühl und rational denken. Denn Staub bist du und zu Staub wirst du werden, versprochen ist versprochen und ich werde tun, was mir aufgetragen wurde.

Wie gerne würde ich noch einmal diese Klarheit, diese Entschlossenheit verspüren. Wie gerne würde ich mich noch einmal einer Sache mit einer solchen Hingabe widmen. Doch in mir wächst die Befürchtung, dass ich allein für diese Tat geboren wurde, und jetzt, da sie vollbracht ist, hat mein Leben keinen Sinn mehr.

Eines Tages, vor langer Zeit in New York, sagte mein Kindermädchen Komori ihrem Heim und ihrem geliebten Manhattan Lebwohl und begab sich in eine Klinik in New Jersey, wo Doktor Bastide, der sie schon so lange medizinisch betreute, Chefarzt war. Sie erzählte allen, sie würde sich dort einer Intensivbehandlung unterziehen, in Wirklichkeit aber gedachte sie dort zu sterben. Das war der Plan.

»Wir könnten eine Mastektomie vornehmen, aber es ist nicht der Krebs in ihrer Brust, der sie töten wird«, vertraute Dr. Bastide mir in einem stillen Moment an. »Wahrscheinlich jedoch die Operation.«

Ich verbrachte meine Tage an ihrem Bett und begleitete sie in ihrem Leid. Sie machte sich nicht mehr die Mühe, eine Perücke zu tragen, und ihre Haut war grau. Ich las ihr vor. Einmal kam mein Vater zu Besuch, und während die beiden miteinander redeten, nahm Dr. Bastide mich mit in sein Büro und erklärte, ihre Organe versagten eins nach dem anderen ihren Dienst und es werde Zeit, Abschied zu nehmen. Mir blieben noch zwei, vielleicht drei Tage. Als mein Vater wieder ging, nickte er mir zu. Das war unsere einzige Interaktion. Ich kehrte in ihr Zimmer zurück und Komori erzählte mir, es gehe ihr besser.

Am Tag darauf sagte sie, sie sei möglicherweise bald kräftig genug für die Mastektomie. Sie fragte nach ihren Pflanzen. Beim Schichtwechsel kam eine Krankenschwester herein, tauschte den Infusionsbeutel aus und schüttelte die Kissen auf. Dann erschien Dr. Bastide, der sich eine Viertelstunde lang an ihr Bett setzte, ihr Fragen stellte und sie unterdessen mit dem Stethoskop abhorchte.

»Das hier wird Ihnen die Nacht etwas angenehmer machen«, sagte er zu ihr und gab ihr eine Spritze. »Ich gehe jetzt nach Hause, aber ich bin ganz in der Nähe. Rufen Sie mich auf meinem Handy an, wenn irgendetwas ist, Butterfly.«

Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, blickten wir einander schweigend an und ich streichelte ihre Hand. Ihre Haut war wie Satin. Ihre Augen rollten in ihren Höhlen zurück. Sie war in kurzer Zeit um Jahre gealtert.

»Komm, ich helfe dir, dich aufzusetzen.«

»Wozu?«, fragte sie.

»Es wird Zeit für deine Medizin«, erwiderte ich und holte eine Reihe von kleinen Päckchen aus meiner Tasche.

»Ich kann nicht gut schlucken. Sie geben mir die Medikamente doch über den Tropf.« Ihre Stimme klang so hilflos wie die eines Kindes.

»Das hier sind ergänzende Präparate. Du musst versuchen, sie zu schlucken.«

»Ich werd’s versuchen, mein Liebling«, gab sie schließlich nach und ich kämpfte gegen den Kloß an, der sich in meiner Kehle bildete. So war das nicht geplant gewesen. Sie sollte mich nicht Liebling nennen.

Ich suchte nach dem richtigen Knopf, um das Kopfteil ihres Bettes hochzufahren, und hielt ihn gedrückt, bis sie aufrecht saß. Dann schlang ich den Arm um sie, um sie zu stützen. Sie wog nichts mehr.

»Bist du bereit, Komori?«

»Ja.«

Ich drückte eine Kapsel aus der Verpackung, legte sie ihr auf die Zunge und hielt ihr ein Glas Wasser an den Mund. Sie schluckte gehorsam und schwieg, obwohl es ihr Schmerzen bereitete. Ich gab ihr zwei von jeder Sorte, dann noch mal zwei und noch mal zwei. Vor jedem Schluck hielt sie kurz inne, um Kraft zum Schlucken zu sammeln. Manchmal hob sich ihr dürrer Arm, um gemeinsam mit mir das Wasserglas zu kippen.

»Ganz schön viele«, flüsterte sie.

»Na komm, bald hast du es geschafft. Jetzt nimm den Rest.«

Fünf Minuten lang machten wir so weiter und mit jeder Tablette, die ich ihr in den Mund schob, fiel ihr das Schlucken schwerer.

»Ich glaube, die Inkalilien-Knollen können bald in die großen Kübel gepflanzt werden«, sagte sie.

Ich zählte die verbleibenden Pillen.

»Butterfly?«

»Ja, Komori?«

»Sie brauchen immer viel Wasser.«

Die Menge an Tabletten, die sie mittlerweile geschluckt hatte, hätte ein Pferd umbringen können, aber ich wollte kein Risiko eingehen. Nach zwei weiteren begann das Wasser aus ihrem Mund zu rinnen. Sie ließ sich gegen mich sinken. Ich streichelte ihr über den Kopf und kühlte ihr die Stirn.

»Schhh«, machte ich.

Sie stand da, reglos, in einem bunt gemusterten Kimono, und blickte in die Ferne. Kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Vor ihr erstreckte sich ein grüner Hang und von rechts und links näherten sich lautlose Gestalten und verteilten sich auf drei Terrassen. Sie erkannte ihre leiblichen Eltern und Geschwister, ihre Adoptivmutter, ihre Tanten und Onkel. In der Mitte der am höchsten gelegenen Terrasse stand ihr Vater. Er verbeugte sich förmlich, respektvoll, doch seine Augen verströmten Liebe und Freude. »Willkommen zu Hause, Keiko.« Die Gestalten verwandelten sich in bunt blühende Bäume, und als sich eine sanfte Brise erhob, lösten sich die Blütenblätter von den Zweigen und erfüllten die Luft mit Millionen winziger Flöckchen, die langsam auf die Terrassen herabrieselten, auf ihren Kopf, in ihre ausgestreckten Hände.

Ich öffnete ihren Mund und fand dort drei Tabletten. Um sicherzugehen, dass nicht noch mehr hängen geblieben waren, steckte ich ihr zwei Finger in den Hals. Dann saß ich einfach nur da, die Arme um ihren skelettartigen Körper geschlungen. Meine Handlungen waren rein mechanisch. Ich hatte lediglich die Handgriffe ausgeführt, die ihr einen würdevollen Tod bescheren sollten, einen nach dem anderen. Versprochen ist versprochen und ich hatte getan, was mir aufgetragen worden war. Gefühle hatten hier keinen Platz. Für Gefühle war später Zeit oder gar nicht. Egal.

Ich senkte das Kopfteil des Betts in eine für sie bequeme Position, wischte ihr den Speichel vom Mund und strich ihre Kleider und die Bettdecke glatt. Dann packte ich sorgfältig die Tablettenschachteln zurück in meine Tasche. Es war nichts darunter, was man nicht rezeptfrei in der Apotheke bekam, obwohl ich meine Einkäufe vorsichtshalber auf drei verschiedene Geschäfte aufgeteilt hatte, denn die tödliche Mischung wäre wohl keinem aufmerksamen Fachmann verborgen geblieben. Dann rief ich Dr. Bastide an. »Können Sie bitte kommen?«, bat ich.

Sobald er da war, ging ich. Draußen, wo mich niemand sah, legte ich mich mit dem Gesicht nach unten auf den kalten Asphalt. Hin und wieder erschütterten heftige Krämpfe meinen Brustkorb, aber mein Verstand blieb klar.

Ich schaffte es nicht bis nach Hause. Die Dunkelheit in mir war zu stark, Sirup in meinen Adern, schwarze Flüssigkeit hinter meinen Lidern. Ich ging in eine Bar und trank vier Gläser Gin in zwanzig Minuten, dann ging ich in eine andere und trank noch zwei. Auf leeren Magen betäubten sie mich so weit, dass ich es zurück nach Manhattan und in die Geborgenheit von Komoris Wohnung schaffte, wo ich mich der Dunkelheit stellen konnte. Und sie kam. Sie kam.