Siebenunddreißig
»Fröhliche Weihnachten, Liebes!«, rief Frank und öffnete einer fröstelnden Holly die Tür.
»Fröhliche Weihnachten, Dad«, lächelte sie, trat ins Haus und umarmte ihren Vater fest. Tief aufatmend sog sie den Duft von Tannennadeln, Wein und Weihnachtsessen ein. Auf einmal fühlte sie sich schrecklich einsam. Weihnachten erinnerte sie nicht nur an Gerry – Weihnachten war Gerry. Eine ganz besondere Zeit der Gemeinsamkeit, eine Zeit, in der sie sich von dem Arbeitsstress erholten, sich entspannten, mit Freunden und Familie trafen oder einfach ihre traute Zweisamkeit genossen. Jetzt vermisste sie Gerry so sehr, dass ihr flau im Magen war.
Am Morgen hatte sie ihn zum ersten Mal seit dem Begräbnis auf dem Friedhof besucht, um ihm fröhliche Weihnachten zu wünschen. Der Morgen war anstrengend gewesen. Kein Päckchen unter dem Baum, kein Frühstück im Bett, kein Trubel – nichts.
Gerry hatte sich einäschern lassen, und sie musste sich, um mit ihm zu reden, an die Mauer stellen, in die sein Name eingraviert war. Und es fühlte sich auch an, als redete sie mit einer Wand. Trotzdem hatte sie ihm ausführlich vom vergangenen Jahr berichtet, dass Sharon und John einen kleinen Jungen erwarteten und dass sie ihn Gerry nennen wollten. Sie erzählte ihm, dass sie Patin des kleinen Gerry und Denises erste Brautjungfer sein würde. Sie beschrieb Tom, weil Gerry ihn ja nicht kannte, und sie sprach über ihren neuen Job. Nur Daniel erwähnte sie nicht. Es war ein sonderbares Gefühl, so mit sich selbst zu plaudern. Eigentlich wollte sie sich ganz hineinvertiefen, dass Gerry bei ihr war und ihr zuhörte, aber die trostlose graue Mauer drängte sich immer wieder in ihr Bewusstsein.
Sie war nicht allein. Auf dem Friedhof wimmelte es von Besuchern: Familien begleiteten alte Mütter oder Väter zu ihren verstorbenen Ehepartnern, junge Frauen und junge Männer wanderten wie Holly alleine umher … Sie beobachtete eine junge Mutter, die vor den Augen ihrer beiden erschrockenen und völlig ratlosen Kinder auf einem Grabstein zusammenbrach. Das Kleinere der beiden war vielleicht drei Jahre alt. Eilig wischte die Frau sich dann die Tränen wieder ab, und Holly war dankbar, dass sie es sich leisten konnte, egoistisch zu sein und sich ausschließlich um sich selbst zu kümmern. Die Frage, woher diese Frau die Kraft nahm, mit zwei kleinen Kindern Tag für Tag weiterzumachen, ging ihr immer wieder durch den Kopf.
»Fröhliche Weihnachten, mein Schatz!«, rief auch Elizabeth, die gerade aus der Küche kam und die Arme ausbreitete, um ihre Tochter zu umarmen. Prompt fing Holly an zu weinen. Auf einmal fühlte sie sich wie das kleine Kind auf dem Friedhof. Sie brauchte ihre Mami. Elizabeths Gesicht war von der Hitze in der Küche gerötet, und ihre Wärme wärmte auch Hollys Herz.
»Tut mir Leid«, flüsterte sie. »Das wollte ich nicht.«
»Ist ja gut«, beruhigte Elizabeth sie und drückte sie noch fester an sich. Sie brauchte nichts mehr zu sagen, ihre bloße Anwesenheit genügte.
Die Woche vorher hatte Holly ihre Mutter besucht, als sie völlig panisch wegen Daniel gewesen war. Elizabeth, die normalerweise keine große Bäckerin war, hatte gerade den Weihnachtskuchen fürs Fest vorbereitet, mit teigverschmiertem Gesicht, die Ärmel bis zu den Ellbogen aufgerollt und Mehl in den Haaren. Die Arbeitsplatten in der Küche waren mit verirrten Rosinen dekoriert, überall waren Mehl, Teig, Backformen und Alufolie verstreut. Die Küche war wie immer um diese Zeit bunt und üppig geschmückt, und ein wunderbarer festlicher Duft lag in der Luft.
Als Elizabeth ihre Tochter sah, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie setzten sich an den Küchentisch. Hier lagen Berge von roten und grünen Weihnachtsservietten mit Santa Claus und seinen Rentieren drauf. Es gab Schachteln mit Knallbonbons, Schokoladenkekse, Bier und Wein, das volle Programm … Hollys Eltern hatten sich gut für den Weihnachtsbesuch der restlichen Familie Kennedy vorbereitet.
»Was hast du denn auf dem Herzen, Liebes?«, fragte Hollys Mutter und schob Holly den Teller mit den Schokoladenkeksen hin.
Hollys Magen knurrte zwar, aber ihr war nicht nach Essen zumute. Sie holte tief Luft und erzählte ihrer Mutter, was zwischen ihr und Daniel vorgefallen war. Geduldig hörte ihre Mutter zu.
»Und wie fühlst du dich ihm gegenüber?«, fragte sie schließlich und blickte ihrer Tochter prüfend ins Gesicht.
Ratlos zuckte Holly die Achseln. »Ich mag ihn, Mum, ich mag ihn wirklich, aber … « Wieder zuckte sie die Achseln und brach ab.
»Fühlst du dich noch nicht bereit für eine Beziehung?«, fragte ihre Mutter sanft.
Holly rieb sich heftig die Stirn. »Ich weiß es nicht, Mum, ich habe das Gefühl, dass ich überhaupt nichts mehr weiß.« Eine Weile schwieg sie nachdenklich. »Daniel ist ein wunderbarer Freund. Er ist immer für mich da, er bringt mich zum Lachen, ich fühle mich wohl in seiner Gegenwart … « Jetzt nahm sie sich doch einen Keks und knabberte daran herum. »Aber ich weiß nicht, ob ich jemals wieder für eine Beziehung bereit sein werde, Mum.« Wieder hielt sie inne. »Ich weiß nicht, ob ich je wieder so lieben kann, ich kann es mir nicht vorstellen, aber ich würde es gern glauben.« Sie lächelte ihre Mutter traurig an.
»Nun, du wirst es nie wissen, solange du es nicht versuchst«, meinte Elizabeth ermutigend. »Es ist wichtig, nichts zu überstürzen, Holly, aber ich möchte vor allem, dass du glücklich bist. Das hast du verdient. Ob du mit Daniel glücklich bist oder mit dem Mann auf dem Mond oder mit sonst irgendwem – ich wünsche dir, dass du glücklich wirst.«
»Danke, Mum.« Holly lächelte schwach und legte den Kopf auf die Schulter ihrer Mutter. »Ich weiß nur einfach nicht, was ich dafür tun muss.«
So tröstlich das Gespräch mit ihrer Mutter an jenem Tag auch war, brachte es Holly einer Entscheidung dennoch nicht näher. Zuerst einmal musste sie Weihnachten ohne Gerry überstehen.
Der Rest der Familie schloss sich ihnen im Wohnzimmer an, und einer nach dem anderen begrüßte Holly mit herzlichen Umarmungen und Küssen. Dann scharten sich alle um den Weihnachtsbaum, tauschten Geschenke aus, und Holly ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie hatte nicht mehr die Energie, sie zu verbergen oder sich deswegen zu schämen. Aber die Tränen waren eine seltsame Mischung aus Glück und Trauer. Ein merkwürdiges Gefühl, gleichzeitig allein zu sein und doch geliebt zu werden.
Schließlich setzten sie sich zum Essen an den großen Tisch. Holly lief das Wasser im Mund zusammen.
»Ich hab heute eine Mail von Ciara bekommen«, verkündete Declan.
Alle gaben angemessen interessierte Laute von sich.
»Sie hat auch ein Bild mitgeschickt«, fuhr er fort und reichte den Ausdruck herum. Holly lächelte: Ciara mit Mathew beim Weihnachtsbarbecue am Strand. Ihre Haare waren blond, ihre Haut braun gebrannt, und sie und ihr Freund machten einen sehr glücklichen Eindruck. Eine Weile starrte sie nachdenklich auf das Bild und war stolz, dass ihre Schwester nun doch ihren Platz gefunden zu haben schien. Hoffentlich würde ihr das auch gelingen. Sie reichte das Bild an Jack weiter, der ebenfalls lächelte und es lange studierte.
»Heute soll es schneien«, berichtete Holly, während sie sich eine zweite Portion auf den Teller häufte. Sie hatte schon den obersten Knopf ihrer Hose aufgemacht, aber heute war schließlich Weihnachten, das Fest der Liebe … und der Völlerei.
»Nein, es schneit bestimmt nicht«, widersprach Richard, der gerade einen Knochen abknabberte. »Es ist doch viel zu kalt dafür.«
Holly runzelte die Stirn. »Richard, wie kann es denn zu kalt zum Schneien sein?«
Er leckte sich gründlich die Finger ab, rieb sie an seiner Serviette trocken, stopfte sein Hemd in die Hose, und Holly hätte fast gelacht, als ihr plötzlich sein Pulli auffiel: Er war aus schwarzer Wolle, mit einem großen Weihnachtsbaum auf der Brust. »Es muss milder werden, sonst schneit es nicht«, erklärte er.
Holly kicherte. »Richard, in der Antarktis hat es ungefähr minus tausend Grad, und da schneit es auch. Das ist wohl kaum mild.«
Abbey kicherte ebenfalls.
»So funktioniert das aber«, erwiderte Richard nüchtern.
»Wie du meinst«, gab Holly nach.
»Er hat Recht«, fügte Jack nach einer Weile hinzu, und alle hörten auf zu kauen, um ihn anzustarren. Diesen Satz hatten sie hier wahrscheinlich noch nie gehört. Jack erklärte weiter, wie Schnee entstand, und Richard half ihm bei den wissenschaftlichen Einzelheiten. Dann lächelten sich die beiden Brüder bestätigend zu und freuten sich, dass sie so schlau waren. Abbey sah Holly mit hochgezogenen Brauen an und sie tauschten viel sagende Blicke.
»Magst du ein bisschen Gemüse zu deiner Sauce, Dad?«, fragte Declan ernsthaft, während er seinem Vater die Schüssel mit dem Broccoli reichte.
Alle blickten auf Franks Teller und lachten. Wie üblich breitete sich dort ein Saucenstausee aus.
»Sehr witzig«, erwiderte Frank und nahm seinem Sohn die Schüssel ab. »Aber wir leben sowieso zu nah am Meer, um viel davon abzukriegen.«
»Um was abzukriegen? Sauce?«, neckte ihn Holly, und alle lachten.
»Nein, Schnee, du Dummerle«, entgegnete er und zwickte sie in die Nase wie früher, als sie noch klein war.
»Also, ich wette eine Million, dass es heute schneit«, rief Declan und sah seine Geschwister der Reihe nach auffordernd an.
»Dann fang am besten gleich an zu sparen, Declan, denn wenn deine schlauen Brüder meinen, dass es nicht schneit, dann schneit es auch nicht!«, scherzte Holly.
»Na, dann her mit dem Geld, Jungs!«, rief Declan, rieb sich gierig die Hände und nickte dabei demonstrativ zum Fenster hinüber.
»O mein Gott!«, kreischte Holly und sprang von ihrem Stuhl auf. »Es schneit!«
»So viel zu unserer Theorie«, lachte Jack, und er und Richard prusteten laut, während sie zusahen, wie die weißen Flocken vom Himmel heruntersegelten.
Alle verließen den Esstisch, warfen ihre Mäntel über und rannten wie aufgeregte Kinder nach draußen. Holly sah hinüber zu den anderen Gärten und entdeckte überall Familien, die gebannt in den Himmel hinaufstarrten.
Elizabeth legte ihrer Tochter den Arm um die Schultern und drückte sie fest. »Sieht aus, als bekommt Denise weiße Weihnachten für ihre weiße Hochzeit«, lächelte sie.
Hollys Herz klopfte schneller, als sie an Denises Hochzeit dachte. In wenigen Tagen musste sie Daniel gegenübertreten. Als hätte ihre Mutter ihre Gedanken gelesen, fragte sie so leise, dass kein anderer sie hören konnte: »Hast du denn schon überlegt, was du Daniel sagen wirst?«
Holly schaute hinauf in die Schneeflocken, die aus dem sternklaren Himmel herabschwebten und im Mondlicht schimmerten. In diesem magischen Augenblick traf sie ihre Entscheidung. »Ja«, antwortete sie und atmete tief durch.
»Gut«, erwiderte Elizabeth und küsste sie auf die Wange. »Und denk immer daran, Gott steht dir bei und gibt dir Kraft.«
Holly lächelte. »In nächster Zeit brauche ich ihn wahrscheinlich öfter.«
»Sharon, bitte lass die Tasche stehen, sie ist viel zu schwer!«, rief John seiner Frau zu, und Sharon setzte das Gepäck ärgerlich ab.
»John, ich bin kein Invalide. Ich bin nur schwanger!«, schrie sie zurück.
»Ich weiß, aber der Arzt hat gesagt, du sollst nichts Schweres mehr heben!«, beharrte er, kam um das Auto herum und schnappte sich die Tasche.
»Der Blödmann von Arzt ist doch selbst noch nie schwanger gewesen«, schimpfte Sharon, während sie John nachsah, der sich bereits aus dem Staub gemacht hatte.
Mit einem Knall schloss Holly den Kofferraum. Sie hatte genug von Johns und Sharons Zankerei, die sie sich die ganze Fahrt nach Wicklow hatte anhören müssen. Jetzt wollte sie nur ins Hotel und sich in Ruhe ein bisschen entspannen. Allmählich machte sie sich allerdings ein bisschen Sorgen um Sharon, denn ihre Stimme war in den letzten zwei Stunden drei Oktaven höher geworden, und sie sah aus, als könnte sie jederzeit explodieren. Ihrem Bauch nach zu urteilen schien das eine durchaus realistische Möglichkeit, aber Holly wollte lieber nicht in der Nähe sein, wenn es passierte.
Holly schnappte sich ihre Tasche und blickte zum Hotel hinauf. Es sah aus wie ein Schloss. Hier sollte heute Abend – an Silvester – Denises und Toms Hochzeit stattfinden, und die beiden hätten sich kaum einen schöneren Ort aussuchen können. Die alten Mauern des Gebäudes waren mit dunkelgrünem Efeu bewachsen, ein riesiger Brunnen schmückte den Hof. Überall um das Hotel herum erstreckte sich ein üppiger, wunderschön gepflegter Garten. Da der Schnee ziemlich schnell wieder geschmolzen war, musste Denise nun leider auf eine weiße Weihnachtshochzeit verzichten. Dennoch war der kurze Wintereinbruch zauberhaft gewesen, und Hollys Stimmung hatte sich nach dem Abend im Kreis ihrer Familie deutlich gebessert, zumindest kurzfristig. Doch jetzt wollte sie nur schnell in ihr Zimmer. Sie hatte gewisse Zweifel, ob ihr das Brautjungfernkleid nach der weihnachtlichen Völlerei überhaupt noch passte, aber davon erzählte sie Denise lieber nichts, denn sie hätte womöglich auf der Stelle einen Herzanfall bekommen. Vielleicht ließ sich im Notfall eine kleine Änderung vornehmen … Sie hätte auch Sharon lieber nicht von ihren Befürchtungen erzählen sollen, denn die hatte vollkommen hysterisch reagiert und herumgeschrien, dass sie sich nicht mal mehr in die Sachen reinquetschen konnte, die ihr gestern noch gepasst hatten, und Holly solle sich nicht so anstellen.
So schleifte sie ihre Tasche über das Kopfsteinpflaster, aber plötzlich bekam sie einen heftigen Stoß in den Rücken. Jemand war über ihr Gepäck gestolpert.
»Tut mir Leid«, hörte sie eine singende Stimme, und sie sah sich schnell um, wer ihr da beinahe das Genick gebrochen hätte. Hüftschwingend stolzierte eine große Blondine auf das Hotel zu, und irgendwie kam Holly der Gang bekannt vor. Sie wusste, dass sie ihn irgendwoher kannte, aber …
Es war Laura!
Also hatten Tom und Denise sie doch eingeladen! Ob Daniel Bescheid wusste? Holly beschloss, ihn zu warnen, und dann einen günstigen Augenblick abzuwarten, um mit ihm über ihre Beziehung zu sprechen. Falls er überhaupt noch mit ihr sprechen wollte, denn immerhin hatte sie sich einen Monat nicht bei ihm gemeldet. Sie eilte zur Rezeption.
Dort herrschte das absolute Chaos.
Die Rezeption war überfüllt, und in den Korridoren wimmelte es von Leuten, die ärgerlich neben ihrem Gepäck standen und warteten. Über dem ganzen Lärm war deutlich Denises Stimme zu hören.
»Hören Sie, es interessiert mich nicht, dass Sie einen Fehler gemacht haben! Bringen Sie ihn einfach in Ordnung. Ich habe schon vor Monaten fünfzig Zimmer für meine Hochzeitsgäste reserviert. Kapiert? Für meine Hochzeit! Ich werde jetzt nicht zehn meiner Gäste in irgendeine schäbige Pension nebenan schicken. Finden Sie gefälligst eine akzeptable Lösung!«
Der sehr erschrocken wirkende Empfangschef schluckte schwer und nickte wild, während er versuchte, Denise die Situation begreiflich zu machen.
Aber Denise fuchtelte ihm nur wieder mit der Hand vor dem Gesicht herum. »Ich will nichts hören! Besorgen Sie einfach zehn Zimmer für meine Gäste!«
Holly entdeckte Tom, der einen ziemlich hilflosen Eindruck machte.
»Tom!«, rief sie, während sie sich einen Weg durch die Menge bahnte.
»Hallo Holly«, begrüßte er sie.
»Welches Zimmer hat Daniel?«, fragte sie hastig.
»Daniel?« Anscheinend war er ziemlich verwirrt.
»Ja! Daniel, dein Trauzeuge«, erklärte Holly ungeduldig.
»Das weiß ich nicht, Holly«, erwiderte er und wandte sich ab, um einen vorbeieilenden Hotelangestellten abzufangen.
Holly vertrat ihm den Weg. »Tom, ich muss das wirklich wissen!«, rief sie in heller Panik.
»Hör mal, Holly, mit den Zimmern weiß ich nicht Bescheid, frag Denise«, murmelte er und rannte dem Hotelangestellten hinterher.
Holly sah Denise an und schluckte. Ihre Freundin schien nicht ganz bei sich, und in dieser Verfassung wollte Holly sie lieber nicht ansprechen. Also stellte sie sich hinter die anderen Gästen in die Schlange, und zwanzig Minuten später war sie – dank einiger nicht ganz koscherer Manöver – nach vorn gelangt.
»Hallo, ich hätte gern gewusst, ob Sie mir die Zimmernummer von Daniel Connelly sagen können, bitte«, stammelte sie.
Aber der Empfangschef schüttelte den Kopf. »Tut mir Leid, aber wir dürfen die Zimmernummern unserer Gäste nicht weitergeben.«
Holly verdrehte verzweifelt die Augen. »Hören Sie, ich bin eine gute Freundin von ihm«, erklärte sie und setzte ihr freundlichstes Lächeln auf.
Der Mann erwiderte das Lächeln höflich, schüttelte aber erneut den Kopf. »Tut mir Leid, aber in unserem Hotel gilt die Regel … «
»Hören Sie!«, fiel ihm Holly ins Wort, so laut, dass selbst Denise der Mund offen stehen blieb. »Es ist wirklich wichtig!«
Der Mann schluckte und schüttelte nur noch stumm den Kopf. Offenbar war er inzwischen so eingeschüchtert, dass ihm nichts mehr zu sagen einfiel. Endlich wiederholte er »Tut mir Leid, aber … «
»Aaaah!«, unterbrach ihn Holly erneut mit einem frustrierten Aufschrei.
»Holly«, mischte sich Denise ein und legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. »Was ist los?«
»Ich muss wissen, in welchem Zimmer Daniel wohnt«, schrie Holly, und Denise sah sie erschrocken an.
»Zimmer 342«, stotterte sie.
»Danke!«, brüllte Holly wütend, obwohl sie gar nicht mehr richtig wusste, warum sie eigentlich wütend war, und stürmte in Richtung Aufzug davon.
Im dritten Stock stieg sie aus, schleifte ihr Gepäck den Korridor hinunter und hielt Ausschau nach der Nummer 342. Als sie Daniels Zimmer endlich gefunden hatte, klopfte sie laut, aber als sie hörte, wie sich Schritte der Tür näherten, wurde ihr bewusst, dass sie nicht einmal überlegt hatte, was sie sagen wollte. Sie holte tief Luft. Die Tür ging auf.
Und Holly stockte der Atem.
Es war Laura.
»Wer ist das denn?«, hörte sie Daniels Stimme und sah ihn kurz darauf in Lebensgröße aus dem Bad kommen, ein Handtuch um den Körper geschlungen.
»Das glaub ich nicht!«, kreischte Laura.