Fünfunddreißig

Gerry stupste leicht Hollys Nase und lächelte, als sie sie im Schlaf kraus zog. Er schaute ihr gern beim Schlafen zu. Dann sah sie aus wie eine Prinzessin, wunderschön und friedlich.

Er kitzelte sie noch einmal, und diesmal öffneten sich ganz langsam ihre Augen. »Guten Morgen, du kleines Murmeltier.«

Sie lächelte ihn an. »Guten Morgen, mein Hübscher.« Sie kuschelte sich an ihn und legte den Kopf auf seine Brust. »Wie fühlst du dich heute?«

»Als könnte ich beim London-Marathon mitlaufen«, scherzte er.

»Na, das nenne ich aber mal eine schnelle Genesung«, grinste sie, hob den Kopf und küsste ihn auf den Mund. »Was möchtest du zum Frühstück?«

»Dich«, sagte er und biss sie in die Nase.

Holly kicherte. »Ich stehe heute leider nicht auf der Speisekarte. Wie wäre es mit Speck und Spiegelei?«

»Nein, lieber nicht«, entgegnete er stirnrunzelnd. »Das ist mir zu schwer.« Ihm tat das Herz weh, als er Hollys betrübtes Gesicht sah, und er bemühte sich, munterer zu klingen. »Aber ich hätte gern eine große, eine geradezu unverschämt riesige Portion Vanilleeis.«

»Eis?«, lachte sie. »Zum Frühstück?«

»Ja«, grinste er. »Das wollte ich schon als Kind immer, aber meine liebe Mutter hat es mir nie erlaubt. Jetzt ist mir das egal«, sagte er mit einem tapferen Lächeln.

»Dann sollst du dein Eis haben«, sagte Holly und hüpfte aus dem Bett. »Stört es dich, wenn ich das hier anziehe?«, fragte sie, während sie in seinen Bademantel schlüpfte.

»Süße, du kannst alles anziehen, was du möchtest«, lächelte Gerry, während er ihr zusah, wie sie in dem Bademantel, der ihr viel zu groß war, im Zimmer auf und ab defilierte.

»Hmmm, der riecht nach dir«, verkündete sie schnüffelnd. »Weißt du was, ich werde ihn nie wieder ausziehen. Okay, bin gleich wieder da.« Er hörte sie die Treppe hinunterrennen und in der Küche herumwerkeln.

In letzter Zeit war ihm aufgefallen, dass sie sich immer schrecklich beeilte, wenn sie ihn alleine ließ – als hätte sie Angst, zu lange wegzubleiben, und er wusste genau, was das bedeutete. Eine schlechte Prognose. Sie hatten gebetet, dass die Bestrahlung die Überreste des Tumors beseitigen würde. Aber die Therapie war fehlgeschlagen, und jetzt konnte er nur noch den lieben langen Tag im Bett herumliegen, weil er sich zu schwach fühlte zum Aufstehen. Es erschien ihm so sinnlos, denn er wartete ja nicht einmal mehr darauf, gesund zu werden. Bei dem Gedanken bekam er Herzklopfen. Er hatte Angst – Angst vor dem, was ihm noch bevorstand, Angst um Holly. Sie war stark, sie war sein Fels in der Brandung, ein Leben ohne sie war für ihn unvorstellbar. Doch darüber brauchte er sich ja auch keine Gedanken zu machen – sie war es, die ohne ihn würde leben müssen. Er war wütend, traurig, eifersüchtig und voller Furcht. Er wollte bei ihr bleiben, ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen und jedes Versprechen erfüllen, das sie einander je gegeben hatten. Darum kämpfte er. Aber er wusste, dass er verlieren würde.

Zweimal hatte er sich operieren lassen, doch der Tumor war zurückgekommen und wuchs rapide. Am liebsten hätte Gerry den Krebs, der sein Leben zerstörte, gepackt und sich einfach aus dem Kopf gerissen. In den letzten Monaten waren er und Holly einander noch näher gekommen, und er wusste, dass das für sie eigentlich nicht gut war, aber er konnte nicht anders. Er genoss die Plaudereien früh am Morgen, und manchmal alberten sie herum wie Teenager. Jedenfalls an guten Tagen.

Es gab auch schlechte.

Doch daran wollte er jetzt nicht denken. Sein Therapeut schärfte ihm beständig ein, er solle für eine positive Atmosphäre sorgen – »sozial, emotional, spirituell und auch, was die Ernährung betrifft.«

Genau das versuchte er mit seinem neuen Projekt zu erreichen. Es beschäftigte ihn und gab ihm das Gefühl, dass er noch etwas anderes tun konnte als den ganzen Tag im Bett herumliegen. Außerdem erfüllte er damit ein Versprechen, das er ihr vor Jahren gegeben hatte. Wenigstens eines.

Er hörte Holly wieder die Treppe heraufrennen und lächelte; sein Plan funktionierte anscheinend.

»Schatz, es ist kein Eis mehr da«, verkündete sie betrübt. »Hast du vielleicht auch auf was anderes Lust?«

»Nein.« Er schüttelte entschieden den Kopf. »Ich hätte wirklich so gerne ein Eis. Bitte.«

»Aber dann muss ich welches kaufen gehen«, klagte sie.

»Keine Sorge, Süße, die paar Minuten komme ich alleine zurecht«, versicherte er.

Sie sah ihn unsicher an. »Ich möchte wirklich lieber bei dir bleiben, sonst ist niemand hier.«

»Sei nicht albern«, lächelte er, nahm sein Handy vom Nachttisch und legte es sich auf die Brust. »Wenn es ein Problem gibt – was nicht der Fall sein wird –, dann rufe ich dich an.«

»Okay«, gab Holly nach und biss sich auf die Unterlippe. »In fünf Minuten bin ich wieder da. Bist du sicher, dass du das schaffst?«

»Absolut«, lächelte er.

»Na schön.« Langsam schlüpfte sie aus dem Bademantel und zog sich einen Jogginganzug über, aber er sah ihr an, dass sie nicht glücklich war, ihn allein zu lassen.

»Holly, mir passiert schon nichts«, sagte er fest.

»Na gut.« Sie gab ihm einen langen Kuss, dann hörte er sie die Treppe hinunterrennen, zum Auto laufen und losbrausen.

Sobald Gerry sicher sein konnte, dass sie weg war, schlug er die Decke zurück und stieg vorsichtig aus dem Bett. Eine Weile blieb er auf der Kante sitzen, bis ihm nicht mehr so schwindlig war, dann ging er langsam zum Schrank. Dort holte er aus dem obersten Fach eine alte Schuhschachtel, die alle möglichen Sachen und unter anderem auch neun bereits fertige Umschläge enthielt. Er nahm den zehnten Umschlag heraus und schrieb ordentlich »Dezember« darauf. Heute war der 1.Dezember. Er wagte einen Blick in die Zukunft und stellte sich Holly als erfolgreiche Karaoke-Sängerin vor, als entspannte Urlauberin auf Lanzarote, ohne blaue Flecke dank der Nachttischlampe und hoffentlich glücklich mit einem neuen Job, der ihr gefiel.

Er malte sich aus, wie sie heute in einem Jahr auf dem Bett saß, an der gleichen Stelle wie er jetzt, und den letzten Eintrag auf der Liste las. Lange und angestrengt dachte er darüber nach, was er schreiben sollte. Tränen füllten seine Augen, als er einen Punkt hinter den Satz setzte; er küsste das Blatt, steckte es in den Umschlag und legte ihn dann zu den anderen in den Schuhkarton. Er würde die Briefe an Hollys Eltern nach Portmarnock schicken; da waren sie in guten Händen, bis Holly bereit war, sie zu öffnen. Schließlich wischte er sich die Tränen aus den Augen und ging zurück zum Bett. Das Handy lag auf der Matratze und klingelte.

»Hallo?«, sagte er und versuchte, seine Stimme wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er lächelte, als er die süße Stimme am anderen Ende hörte. »Ich liebe dich auch, Holly … «

P.S. Ich liebe Dich
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