Leichen – 1945

Der »Anfall« von Leichen war in der letzten Zeit des Lagers besonders stark. Vor allem brachten die vielen Transporte aus jenen Lagern, die wegen akuter Kriegsgefahr geräumt werden mussten, viele, viele Leichen mit. Den Hauptanteil hatte das Lager Auschwitz. Es verging kein Tag, an dem nicht Transporte aus diesem Lager in Buchenwald ankamen, und jeder dieser Transporte brachte seine 300 bis 500 Toten. Es ist eine »grausige« Angelegenheit, von Leichen zu erzählen, doch gehört es mit dazu, um das Bild des Lagers zu vervollständigen. Ein eingetroffener Transport brachte immer viel Arbeit für uns. Die Leichen lagen auf dem Bahnhof Buchenwald und mussten auf einem Lastauto nach dem Krematorium ins Lager gebracht werden. Wir haben manchmal bis in die Nacht hinein Leichen aufgeladen und abgeladen. Das musste schnell gehen, denn die SS und auch wir wollten »Feierabend« machen. Da ging es nur mit »Ho-ruck«. Je zwei Mann eine Leiche. Einer an den Füßen, einer an den Armen. Angepackt, zum Schwung ausgeholt, und »… Horuck …« flog sie aufs Auto, Arme und Beine von sich streckend. Sie waren ja alle so leicht. Die meisten wogen kaum noch einen Zentner. Oben wurden sie wieder von zwei Mann in Empfang genommen und geschichtet: Vordermann – Seitenrichtung. Das Abladen auf dem Hof des Krematoriums ging schneller vor sich. Zwei Mann genügten, um die Leichen herabzuwerfen. Die übrigen zerrten sie, wie sie sie gerade zu packen kriegten, an den Armen oder an den Beinen zum großen Haufen. Daneben stand die SS und trieb zur Eile an: »Tempo, Tempo! Wir müssen fertig werden!« Und die Leichen flogen. Wahllos aus dem Haufen hervorgezerrt, flogen sie vom Wagen herunter. Mit dem Kopf zuerst, mit den Beinen zuerst. Dumpf prellten die Körper auf dem Steinboden auf. Die Knochen knackten. In den groteskesten Stellungen landeten sie. Sie fielen – mit dem Gesicht hart aufschlagend – auf den Bauch oder auf den Rücken, dass der Schädel knackte. Manche blieben regelrecht sitzen und sahen Betrunkenen ähnlich, die man aus der Kneipe expediert hatte. Manche überkugelten sich und blieben mit ausgegrätschten Gliedern auf dem Kopfe stehen. »Tempo, Tempo, wir müssen fertig werden!« Ruckzuck, Nächste! Ruckzuck, Nächste! Mancher schlug im Schwung des Falles seinem toten Kameraden noch die schlenkernde Hand ins Gesicht, dass es klatschte. Ruckzuck, der Nächste! Mancher fiel auf seinen Vordermann und kugelte sich mit ihm vom Haufen herab, der sich vor dem Auto auftürmte, und blieb, in einer letzten Umarmung mit ihm vereint, liegen. Manche vollführten die komischsten Verrenkungen, die zum Lachen reizten. Ja, manche Tote lachten selbst mit. Mit aufgerissenen Augen und lachverzerrtem Mund flogen sie vom Auto herunter. Ein letztes Vergnügen, ehe sie zu Asche zerfielen. Ruckzuck, der Nächste. Bis spät in die Nacht fuhr das Auto hin und her. Bis spät in die Nacht flogen die Leichen. Und die Haufen wuchsen immer höher …

Zwei Tage lang währte gewöhnlich das Entkleiden der Toten, denn ein Häftling geht nackt über den Rost des Krematoriums. Häftlingskleider sind Spinnstoffe und lassen sich in realen Zahlen ausdrücken. Eine Leiche dagegen hat nur eine Nummer mit Registraturwert. Viele hatten nicht einmal mehr diese. Und niemand wusste, wer der Tote war. Ein Pole, ein Russe, ein Franzose, ein Deutscher? Irgendwo trauerte eine Frau, eine Mutter um den Verschollenen oder hoffte, am innigsten vielleicht gerade in dem Augenblick, wo wir ihm die armseligen Lumpen vom erstarrten Körper zogen, auf seine Rückkehr. Aber auch viele der Toten hatten noch etwas zu vergeben.

Zwischen den Haufen nackter Leichen stieg ein Häftling herum mit einer Zange in der Hand und brach ihnen im Auftrage der SS-Lagerleitung die Goldzähne aus. So gaben die Toten, nackt und ausgeplündert, ihren letzten materiellen Wert, nachdem sie den menschlichen zu Lebzeiten schon längst verloren hatten. Manche Leichen, wenn wir sie vom Haufen zerrten, röchelten noch, und der Neuling glaubte, es sei gar noch Leben in ihnen. Aber es waren nur die Verwesungsgase, die sich durch die Luftröhre einen Weg gesucht hatten mit einem Röcheln. Mit einem allerletzten Röcheln …

Nennt ihr uns roh, weil wir diese Dinge tun konnten? Wir mussten sie ja tun. Es war doch unsere »Arbeit«. Wir sind nicht roh geworden. O nein. Nur ein klein wenig kühler im Herzen und ein wenig dicker in der Haut. Man hat den Respekt vor dem Tod und vor dem Sterben verloren. Was man kennt, fürchtet man nicht mehr. Im täglichen Umgang mit Leichen werden diese zu Objekten, zu Dingen. Sie haben nur noch die äußere Form des Menschen, sind uns aber keine mehr. Nicht einmal … tote Menschen sind sie uns noch. Sondern nur noch … Leichen. Wir haben oft sinnend vor ihnen gestanden, wenn wir uns verschnauften bei der »Arbeit«, und haben nach dem »Sinn« des Daseins gefragt. Liegt er im Leben oder im Tod? Denn auch der Tod ist »Dasein«.

Spintisierereien, die schnell weggewischt wurden: »Pack zu, Kumpel, bis zum Mittag müssen wir noch 20 Tote nackend machen, ruckzuck, der Nächste.« Sinn des Daseins? – Wir sind nun zehn Jahre eingesperrt, und sie haben uns noch nicht untergekriegt, weder körperlich noch geistig. Ruckzuck, der Nächste. Was hat der Kerl sich eingepuppt: zwei Jacken und vier Hemden und ist doch erfroren.

Sinn des Daseins? –

Wir leben noch, Kamerad, und wenn wir wieder einmal hinauskommen …

Ruckzuck, der Nächste.

Wenn wir einmal wieder hinauskommen, Kamerad, dann werden wir dafür sorgen, dass kein verruchtes System politischer Verbrecher der Menschheit Hekatomben von Toten abfordert, sie noch um ihr Letztes beraubt, um Goldzähne und ihr stilles Recht als … Leichen.

Sinn des Daseins? – Ruckzuck, Kamerad, der Nächste …